Lösung zu Übung 8 a.

Die Aufgabe lautete:

Gründe für den Rückgang des arabisch-nomadischen Einflusses in der islamischen Welt aus der Sicht eines zeitgenössischen Gelehrten.

Auszüge aus: Ibn Chaldun [1332 - 1406], Buch der Beispiele. Die Einführung (al muqadimma), dt. Übersetzung aus dem Arabischen, Auswahl, Vorbemerkungen und Anmerkungen von Matthias Pätzold, Leipzig 1992, Passagen: Kap.III, 28. Abschnitt (S. 152 f.), Kap. V, 21. - 23 Abschnitt (S. 225 - 227), Kap. VI, 13. Abschnitt (S. 248 - 252), Kap. VI, 35. Abschnitt (S. 265 - 269). Kap. VI, 39. Abschnitt (S. 272 f.).


Zu a)

Die islamisch-arabische Tradition ist vom Autor Ibn Khaldun (1332 - 1406), einem enzyklopädisch gebildeten Religionsgelehrten an der al-Ashar-Hochschule in Kairo, in seinem umfassend angelegten geschichtstheoretischen Werk 'Buch der Beispiele' als nomadisch-einfach, strikt religionsorientiert und herrschaftsbewußt,und folglich als desinteressiert an und unausgebildet in Wissenschaften und Gewerbetätigleiten charakterisiert. Auf diese ursprüngliche geistig-kulturelle Eigenart und die entwicklungsbedingte Selbstbeschränkung der arabischstäämigen herrschaftstragenden Bevölkerung der dem Islam in den frühen Jahrhunderten unterworfenen Gebieten führt es Ibn Chaldun zurück, daß der Einfluß der spezifisch ursprünglich-arabischen Formen der islamischen Kultur sich nur für zwei bis drei Jahrhunderte im Expansionsgebiet des Islam dominant halten können.

Zu b)

Es sind insbesondere die wissenschaftlich-rationalen Traditionen der altorientalischen Ägypter und Mesopotamier, sowie die der Perser, Griechen und Römer angesprochen. Diese Traditionen werden als eng verbunden mit einer städtischen Hochkultur aufgefaßt. Ibn Khaldun hebt hervor, daß nicht die arabisch-nomadische Kultur sie, sondern umgekehrt daß sie die arabische Lebensweise (Urbanisierung, regionale Assimilation an vorherige Hochkuturtraditionen) , das ursprüngliche arabisch-islamisch-religiöse Denken (z. B. in der Kalifats-Konzeption) und sogar die arabische Sprache (Aufnahme von Lehnwörtern, Veränderung der grammatischen Formen und des lautlichen Bestandes in verschiedenen Bereichen ihrer Ausbreitung nach Osten und Westen - Spanien, berberisches Nordafrika, Ägypten, Irak/Iran) umformen. Ibn Chaldun ist sich zwar bewußt, daß ein wichtiger Teil dieses kulturellen Erbes des Altertums - nämlich die 'rationalen Wissenschaften' unter strikter Kontrolle einer rechtgläubigen Religionsphilosophie stehen, macht aber immer wieder - als Religionsgelehrter in vorsichtiger Weise - seine Sympathie und sein Interesse für dieses Erbe deutlich. Die charakteristische Vorsicht dieser Sympathie- und Interessenbekundung geht insbesondere aus den zahlreichen hintersinnig placierten Koran-Zitaten hervor, die einer allzu strikten religiösen Rechtgläubigkeit entgegengestellt werden.

Literatur:

Ibn Khaldun [1332 - 1406], Buch der Beispiele. Die Einführung (al muqadimma), dt. Übersetzung aus dem Arabischen, Auswahl, Vorbemerkungen und Anmerkungen von Matthias Pätzold, Leipzig 1992, S. 5 - 28: Vorbemerkungen.

Hamilton A. R. Gibb, Jakob M. Landau, Arabische Literaturgeschichte, Zürich., Stuttgart 1968 2, S. 167 ff.

Tilman Nagel, Die islamische Welt bis 1500, München 1998, S. 80 ff. (Die islamische Welt in der politischen Zersplitterung).


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)