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Lösung zu Übung 8 b.

Die Aufgabe lautete:

a) Prüfen Sie die folgende etymologische Wortliste [vor allem] unter der Fragestellung, wie sich in ihr ein großer (um nicht zu sagen: überwältigender) Einfluß des iranischen Altertums auf die innerhalb und außerhalb des Iran nachfolgenden islamischen Kulturregionen des Nahen Ostens ausdrückt.

b) Gehen Sie anhand des Firdausi-Textes der Frage nach, wie sich ein iranisch-islamisches Kultur- und Traditionsbewußtsein bei einem den vornehmen Ständen zuzurechnenden iranischen Gebildeten des 10./11. Jhts. ausdrückt, und

c) Fragen sie sich ferner, warum Motive des 'Shah-nama' - wie die Enthauptung des Afrasiab durch Kai Chosrau - am persischen Safawiden-Hof des frühen 17. Jhts. besonderen Anklang finden.

Persisches Erbe im Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Türkischen und in verschiedenen heutigen europäischen Sprachen.

Auswahl und Kurzbeschreibung etymologischer Beziehungen persischstämmiger Lehnworte in verschiedenen Sprachen und ihren Ausgangsworten, entnommen aus: Jamshid Ibrahim, Kulturgeschichtliche Wortforschung. Persisches Lehngut in europäischen Sprachen, Wiesbaden 1991; S 44 - 250.


Zu a)

Verbreitung im islamisch geprägten Nahen Osten ausserhalb des Iran und des dem persischen Sassanidenreich ursprünglich zugehörigen Irak finden iranisch-stämmige Worte vor allem (d. h. nicht nur) folgender semantischer Themenkomplexe:

der Herrschaftssphäre und des Hoflebens,
der Religion (Geistwesen, Kult, Frömmigkeit),
der Musik (Gattungen, Instrumente)
des Bauwesens,
der häuslichen Innenausstattung,
des Gartenbaus und der Nutzpflanzen,
der Drogen, Gewürze und chemischen Stoffe,
der Stoff-, Teppich- und Lederverarbeitung
und der Bekleidung.
Der Lebensbezug dieser Worte sind aus der Perspektive nomadischer Lebensstils als 'altehrwürdig', 'höher', 'urban', 'verfeinert' wahrgenommene politische und religiöse Tradionen, gewerbliche Erzeugnisse, Kunstfertigkeiten und Wissensbereiche, wie sie in etwa in den Ausführungen Ibn Chaldouns über die Kulturdifferenzen zwischen nomadischen und islamischen Arabern und den ihrer Herrschaft unterworfenen alten Kulturvölkern thematisiert werden. Sie sind in großer Zahl sowohl in das Arabische als auch in das Türkische übernommen worden.

Zu b)

Der unter einem der Abbasidenherrschaft gegenüber unabhängigen Herrscher der iranischen Samaniden-Dynastie lebende Dichter des persischsprachigen Epos'Shah-name' ('Geschichte der Könige'), Abu-l-Kasim Mansur (932 - 1020) entstammt dem bodenständigen Adel seiner Heimat, muß aber dennoch wegen seiner politischen, religiösen und dichterischen Auffassungen den Decknamen 'Firdausi' ('Der Paradiesische') wählen. An den Auszügen aus seinem Epos fällt vor allem auf, daß er ein betontes Interesse an der sassanidischen, d. h. generell an der älteren, vor- und nichtislamischen Geschichte des Iran hat, und zwar aus Gründen der Bestimmung eines hochkulturell und ethnisch selbstbewußten Standorts.

Dieses Interesse kommt einmal in der Frage nach einem in der älteren Vergangenheit liegenden Idealazustand der Menschheit zum Ausdruck.

Es zeigt sich ferner in der Anteilnahme an dem Schicksal des persisch-universalen Reichs und in der Bewunderung der politischen und religiösen Größe seiner 'edlen' Könige.

Auch die Hervorhebung eines grundlegenden, als tragisch empfundenen kulturellen und fast religiösen Konflikts zwischen Iraniern und 'Turanern' - als 'nördlichen' Nomaden - ist für dieses Selbtsverständnis charakteristisch. Eine Frontstellung zum Isalm oder zu den Arabern ist - außer vielleicht in der Wahl der persischen Sprache für das Epos - nicht zu erkennen. Die religiöse Auffassung des Dichters erscheint zwar durch die in der iranischen Religionsgeschichte traditionsreiche Perspektive auf einen kosmischen, unausweichlich die Welt bestimmenden Gut-Böse-Konflikt bestimmt. Doch äußert er sich nicht anti-islamisch. Er dürfte vielmehr in die Richtung des Schiitentums tendieren.

Zu c)

Die Zeit (um 1605), der die abgebildete Illustration des 'Shah-name' von Firduasi entstammt, liegt Jahrhunderte nach der Entstehung des Epos, nämlich nach der knapp zweihundertjährigen (1037 - 1256) Herrschaft der türkisch-stämmigen Ghaznaviden und der knapp zweihundertundfünfzigjährigen (1256 - 1506), nur kurzfristig durch eine einheimische Dynastie (Muzafarid, um 1400) unterbrochenen Herrschaft der mongolischen Ilkhane bzw. Tumuriden im Iran. Die im Jahre 1506 zur Herrschaft gelangte Safawidendynastie betont in besonderer Weise einmal ihre national-iranische Herkunft und Sendung, indem sie an altiranische, vorsilamische Herrschaftstradtionen anknüpft, zum anderen aber auch ihren besonderen Weg innerhalb des Islam, nämlich den schiitischen, der erst unter dieser Dynastie im Iran seine besondere iranische Ausprägung erreicht. Während die zuvor jahrhundertelang im Iran herrschenden fremdstämmigen Dynastien - teilweise in starkem Gegensatz zu einheimischen schiitischen Strömungen stehend - aus Grründen ihrer Herkunft ebenso wie ihres sunnitischen Bekenntnisses wegen wohl keine wirkliche Verankerung im Iran finden, ist die Safawiden-Dynastie gerade auf die systematische Beseitigung dieser Herrschaftshindernisse bedacht. Es erklärt sich daraus aber auch ihr dauernder Konflikt sowohl mit dem osmanisch-türkischen Nachbarreich und mit anderen türkischen Herrschaften an seiner Nordgrenze. Auf diese ist offenbar die Illustration, welche die Enthauptung des Turaner-Herrschers Afrasiab durch den Iraner-Schahinschah Chosrau zeigt, hintersinnig bezogen.

Literatur:

The Epic of the Kings. Shah-Nama the national epic of Persia by Ferdowsi. Tranlated by Reuben Levys. Persian Heritage Series, Unesco Collection of Representative Works, Chicago, London, Toronto 1967.

Ibn Chaldoun [1332 - 1406], Buch der Beispiele. Die Einführung (al muqadimma), dt. Übersetzung aus dem Arabischen, Auswahl, Vorbemerkungen und Anmerkungen von Matthias Pätzold, Leipzig 1992.

A. Bausani, Die Perser. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, ins Deutsch übersetzt von B. von Palombini, Stuttgart 1965.

Claude Cahen, Der Islam (I). Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreichs, Fischer-Weltgeschichte Bd. 14, Frankfurt M. 1968.

G. E. von Grunebaum, Der Islam (II). Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, Fischer-Weltgeschichte Bd. 15, Frankfurt M. 1971.

Heinz Halm, Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, Müchen 1994.

Heribert Busse, Chalif und Großkönig. Die Buyiden im Iraq (945 - 1055), Beiruter Texte und Studien, hg. vom Orient-Institut der Deutschen Mogenländischen Gesellschaft, Bd. 6, Beirut 1969.

Jamshid Ibrahim, Kulturgeschichtliche Wortforschung. Persisches Lehngut in europäischen Sprachen, Wiesbaden 1991 [alphabetische, von persischen Worten ausgehende Forschungsübersicht, welche jeweils vielgliedrige Entlehnungsprozesse darstellt, die von eytmologischen Quellen des Altertums - nicht nur Persiens - über eine mittelalterliche persische Sprache und oft über das Arabische und Türkische bis hin zu europäischen Sprachen reichen].


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)