Türkische Völkerschaften im Übergang zum Islam.

Aus dem Reisebericht des Ahmad Ibn Fadlan. Gekürzte und etwas modifizierte Wiedergabe einiger Textstellen aus der deutschen kommentierten Übersetzung des arabischen Textes in: A. Zeki Validi Togan, Ibn Fadlans Reisebericht, Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes, Bd. XXIV, 3, Leipzig 1939, ND Nendeln/Liechtenstein 1966; die Auszüge sind den S. 1 - 46 entnommen.


Dies ist das Buch des Ahmad ibn Fadlan, ibn al-Abbas, ibn Rasid, ibn Hammad, eines Klienten des Muhammad ibn Sulayman, des Gesandtsen [des Kalifen] al-Muqtadir an den König der Saqaliba [Wolgabulgaren, damaliges Zentrum 'Bulgar', am Zusammenfluß von Wolga und Kama, nahe Kasan]. Er erzählt darin, was er im Lande der Türken, der Chazaren, der Rus, der Saqaliba, der Baschkiren und anderer Völker gesehen hat, von der Mannigfaltigkeit der Regionen, von den Geschichten ihrer Könige und ihrem Verhalten in vielen Lebensangelegenheiten. ...

Der König von Saqaliba wandte sich brieflich an den Fürsten der Gläubigen, al-Muqtadir, mit der Bitte, ihm jemanden zu schicken, der ihn in der Religion unterrichte, vom Gesetz des Islam in Kenntnis setze, für ihn eine Moschee erbaue und eine Kanzel [minbar] errichte, um in seinem ganzen Lande und in allen Gegenden seines Reiches die Bekehrungsmission in seinem [des Herrschers] Namen durchzuführen. Ferner bat er den Kalifen, eine Festung zu bauen, mit der er sich gegen ihm feindliche gesonnene Könige verteidigen könne. Vermittler in dieser Angelegenheit war der [hochgestellte Angehörige des Bagdader Hofes] Nadir al-Hurami. Alles was der König [von Saqaliba] erbeten hatte, wurde ihm [vom Kalifen] gewährt. Ich wurde berufen, die Botschaft [des Kalifen dem König von Saqaliba] vorzulesen, das Geschenk des Kalifen an den König zu überreichen und die Gesetzesgelehrten und die Lehrer zu inspizieren. Für die Ausgaben zur Errichtung der erwähnten Bauten und für die Bezahlung der Gesetzesgelehrten und der Lehrer wurden Einkünfte aus einem in Choresmien gelegenen Gute des [beim Kalifen in Ungnade gefallenen Wesirs] Ibn al-Furat bestimmt ... Botschafter des Sultans [d. h. des Kalifen] war Sausan al-Rasi, der Klient des [o. e.] Nadir al-Hurami. Seine Begleiter waren Takin al-Turki, Bars al-Saqlabu und, wie schon erwähnt, ich. Die Geschenke [für den König von Saqaliba], für seine Frau, seine Kinder, seine Brüder und seine Heerführer, gleichzeitig auch Arzneien, um welche er in einem Schreiben an Nadir gebeten hatte, wurden dem [anwesenden und mit der der Gesandtschaft des Kalifen zurückreisenden] Gesandten des Königs von Saqaliba übergeben.

Wir brachen am Donnerstag, dem elften Safar des Jahres dreihundertundneun [2. April 921] von der Stadt des Friedens [Bagdad] auf. ...

Wir erreichten Buchara und begaben uns zum Kanzler des Statthalters von Chorasan, al-Gaihani. ... [Nach einigen Tagen] erhielten wir eine Audienz [bei dem Statthalter]. Wir begrüßten ihn entsprechend seiner Würde als Emir, und er befahl uns, uns zu setzen. Unser Gespräch begann er mit folgenden Worten: "Wie habt ihr meinen Herrn, den Fürsten der Gläubigen [al-Muqtadir] - möge Gott ihm selbst, seiner Garde und seinen Klienten ein langes Leben schenken - verlassen?" Wir erwiderten: "Im Wohlergehen." Dann sagte er: "Gott möge ihm Glück dazu spenden." Dann wurde ihm der Brief des Kalifen vorgelesen ... betreffend die Einziehung und Übergabe des Gutes [des o. e. bisherigen, vom Kalifen enteigneten Besitzers] ... und darüber, daß er uns hinüberlasse mit einem Briefe an den ihm unterstellten Gouverneur in Chwaresm, damit dieser ... uns mit einer Eskorte an das 'Türkentor' [den Grenzübergang zum Türkenland] geleite ... Dann sagte er [der Statthalter]: "Gehorsam und Unterordnung dem, was mein Herr, der Fürst der Gläubigen befiehlt; Gott möge sein Leben verlängern."...

[Nach einer Schiffsreise den Oxus hinab] trafen wir endlich in Chwaresm ein und begaben uns zum Gouverneur [des Statthalters von Chorasan], Muhammad ibn Iraq, dem [gleichzeitigen] Chwaresm-Schah. Er empfing uns in Ehren, nahm uns in seinen nächsten Kreis auf und wies uns ein Aufenthaltshaus zu. Am dritten Tage ließ er uns zu sich kommen und erörterte mit uns [die Frage] der Einreise in das Land der Türken. Er sagte: "Ich werde euch den Eintritt nicht erlauben; es ist mir nicht gestattet, zuzulasssen, daß ihr euer Leben der Gefahr auszusetzen wagt; denn ich weiß, ... [daß der Kalif in diesem Falle einer Fehlinformation durch einen unzuverlässigen Höfling erlegen ist]. Der ... Statthalter von Chorasan wäre [in übrigen] kompetenter, in diesem Lande [der Saqaliba] eine Bekehrungsmission namens des Fürsten der Gläubigen zu führen, wenn es nur möglich wäre. Außerdem gibt es zwischen euch und dem Lande, das ihr nennt, tausend Stämme der Ungläubigen. ... Wir sagtren ihm [immer wieder]: 'Dies ist der Brief des Fürsten der Gläubigen. Welchen Grund gibt es, sich in derselben Frage nochmals an ihn zu wenden?" Schließlich erlaubte er uns die Weiterreise.

[In Gurganiya /Urgentsch, wo sich die Gesandtschaft des Winters wegen einige Monate aufhalten mußte] beschafften wir [Mitte Februar 922] die für die Reise notwendigen Sachen, kauften türkische Kamele, ließen angesichts der Flüsse, über die wir im Lande der Türken setzen mußten, Fellboote aus Kamelhäuten machen und versorgten uns mit Brot, Hirse und Namaksud [gewürztem Pökelfleisch] für drei Monate. Unsere Bekannten unter den Stadtbewohnern schlugen vor, uns [auch] hinreichend mit [warmen] Kleidern zu versorgen. Sie stellten uns die Sache als furchtbar vor. ... Am [3. März 922] brachen wir von Gurganiya auf und kamen noch amselben Tage zur Herberge Zamgan [dem ‘Türkentor']...

[Nach weiteren 15 Tagen] erreichten wir einen Stamm der Türken, der Ogusen [al-guziya] heißt. Sie sind Nomaden und haben Häuser aus Wolle [Zelte]. Sie pflegen, zeitweilig an einem Ort zu verweilen und dann weiterzuziehen. Man sieht die Zelte verstreut hier und da, nach den Sitten und Wanderbräuchen der Nomaden. Obwohl sie ein mühevolles Leben führen, wenden sie doch - wie verirrte Esel - durch keinerlei Religion an Gott noch wenden sie sich an die Vernunft. Sie beten überhaupt nichts an. Vielmehr nennen sie ihre Häuptlinge Herren [d. h. 'Götter']. ... Ich habe [zwar] auch gehört, wie sie [die islamische Glaubensformel] "es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist Allahs Prophet" aussprechen. Sie tun dies aber nur, unm sich durch dies Worte den Muslimen, die zu ihnen kommen, anzunähern, nicht aus Glauben daran. Wenn einer von ihnen sich einem Unrecht ausgesetzt sieht oder ihm etwas geschieht, was er nicht billigt, so erhebt er den Kopf gen Himmel und sagt “bis tenri“, d. h. im Türkischen "bei dem einen Gott". ... Sie waschen sich weder nach dem Stuhlgang ... noch baden sie wegen Befleckung ... noch bei anderen Gelegenheiten. Sie haben mit dem Wasser überhaupt nichts zu tun, besonders im Winter. Ihre Frauen verschleiern sich weder vor ihren Männern noch vor anderen. Ebenso verdeckt die Frau keinen ihrer Körperteile vor irgendjemandem ... Ehebruch ist [dennoch] bei ihnen unbekannt. Wenn sie entdecken, daß jemand ein Ehebrecher ist, so spalten sie ihn in zwei Hälften, ... indem sie die Zweige von zwei Bäumen zusammenbringen, den Ehebrecher an die Zweige binden und dann beide Bäume loslassen. ...

Einer von ihnen sagte, als er meine Rezitation aus dem Koran gehört und die schön gefunden hatte, zu dem Dolmetscher: "Sag ihm [Ibn Fadlan]: hör nicht auf." Eines Tages sagte dieser Mann zum Dolmetscher: "Frage diesen Araber, ob unser Gott - er ist mächtig und erhaben - eine Frau hat". Ich fand diese Frage unangebracht und sagte die Formeln "subhan allah" ["Gott sei gelobt"] und "astagfir allah" ["ich bitte Gott um Verzeihung"]. Und er [der Oguse] pries Gott und bat ihn um Verzeihung, wie ich es getan hatte. So ist die Sitte der Türken: wenn ein Türke einen Muslim die Formel des Tasbih ["Gott sei gelobt"] und des Tahlil ["es gibt nur einen Gott"] aussprechen hört, spricht er sie ihm nach.

Ihre Heiratsbräuche sind folgendermaßen: der eine von ihnen wirbt bei dem anderen um eine Frau aus seiner Familie, sei es Tochter, sei es Schwester oder sonst jemand, über den er bestimmen kann.... [Kommt es zur Einigung], so bringt er [der Bewerber dem für die Frau zuständigen Familienoberhaupt] einen Brautpreis. Oft besteht der Brautpreis [aus kostbaren Kleidern aus Choresmien oder] Kamelen, Pferden und anderen Werten, und niemand kommt zu einer Frau, bevor er den Brautpreis bezahlt hat, dann allerdings ohne weiteres ...

Niemand von den Mohammedanern kann ihr Land betreten, bevor er dort einen Gastfreund gewonnen hat. Bei diesem steigt er ab, diesem bringt er aus den islamischen Ländern Kleidung mit und für seine Frauein Kopftuch, ferner etwas Pfeffer, Hirse, Rosinen und Nüsse. Wenn der Muslim zu seinem Freund kommt, schlägt dieser für ihn ein Zelt auf und bringt ihm nach seinem Vermögen Schafe, damit der Muslim selbst schlachten kann [, wann er will]. Denn die Türken schlachten nicht, sondern man schlägt dort das Schaf auf den Kopf, bis es tot ist. ... Von Gästen nimmt ein Türke nur so viele Dirhams, wie er nach [vereinbarten Leistungen] zu beanspruchen hat, keine Körnchen mehr ... Die Angelegeheit der Homosexualität gilt bei ihnen [den Türken] als außerordentlich große [Sünde] ...

Der erste Häuptling [mulik] der Türken, dem wir begegneten, ... hatte sich zum Islam bekehrt. Es wurde ihm aber [von seinen Volksgenossen] gesagt: "Wenn du den Islam annimmst, kannst du nicht unser Häuptling sein." So gab er seinen Islam auf. ...

Wenn ein [vornehmer] Mann bei ihnen stirbt, so graben sie eine große Grube in der Gestalt eines Hauses, und sie gehen zu ihm hin, bekleiden ihn mit seinem Qurtag, mit seinem Gürtel und seinem Bogen ... , geben in seine Hand einen Trinkbecher aus Holz mit berauschendem Getränk [nabid] und stellen vor ihn ein hölzernes Gefäß [mit demselben Inhalt]. Dann bringen sie sein ganzes [Münz-] Geld [mal] herbei, legen es in dem Hause nieder und setzen schließlich ihn [den Toten] dort hinein. Dann überdecken sie das Haus und machen darüber eine Art Kuppel aus Lehm. Danach ... schlachten sie [unter Umständen] am Grabe hundert bis zweihundert Pferde [des Toten] ... und sagen dazu: " dies sind seine Pferde, auf denen er zum Paradies reitet."

Alle Türken reißen ihren Bart aus außer dem Schnurrbart. ...

Der König der Ogusen-Türken heißt 'yabgo'; das ist der [türkische] Name für jeden Herrscher. Seinen Stellvertreter nennt man 'kudarkin'.

[Die Gesandtschaft wird von den Mililtärbefehlshabern der Türkenvolks verdächtigt, in geheimem Auftrag zu den chasarischen Nachbarn und Feinden der Ogusen geschickt worden zu sein. Gegen ein Lösegeld wird ihnen die Weiterreise schließlich dennoch gestattet].

Dann gelangten wir zu den Petschenegen. Sie hatten sich zu dieser Zeit bei einem dem Meere ähnlichen, stehenden Gewässer [wohl dem See 'calqar köl'] niedergelassen. Sie sind braun, stark und rasieren ihren Bart. Im Gegensatz zu den Ogusen sind sie arm; denn unter den Ogusen habe ich Leute gesehen, die zehntausend Pferde und hunderttausend Schafe besitzen. ...

Dann hielten wir uns im Lande eines Türkenvolks auf, das Basgird [Baschkiren] genannt wird. Wir fürchteten sie außerordentlich, weil sie als die schlimmsten und verwegensten der Türken gelten, und auch am kühnsten darin, Morde zu begehen. Wenn ein Mann auf einen Feind trifft, so schlägt er ihm den Kopf ab, nimmt ihn mit und läßt den Rest liegen. Sie rasieren ihren Bart und essen die Läuse. Sucht einer nach ihnen in den Spalten seines Qurtaq-Gewandes, so zwickt er sie mit seinen Zähnen tot. ... Einer von ihnen leckte [bei einer solchen Gelegenheit einmal seine Lippen und] sagte zu mir: " das ist gut."

Einige von ihnen glauben, daß sie zwölf Götter haben, einen Gott für den Winter, einen für den Sommer, einen für den Regen, einen für den Wird, einen für den Baum, einen für den Menschen, einen für die Pferde, einen für das Wasser, einen für die Nacht, einen für den Tag, einen für den Tod [, einen für das Leben] und einen für die Erde. Der Gott, der sich im Himmel efindet, ist der größte unter ihnen, aber er kommt mit den anderen zur Vereinbarung zusammen, und so sind alle zufrieden mit dem, was die Genossen machen. [Der wirkliche Gott) Allah ist aber hoch erhaben über das, was die [baschkirischen] Frevler sagen. Wir haben eine Gruppe von ihnen gesehen, die die Schlange anbetet, und eine Gruppe, die Kraniche anbetet. Sie erklärten mir, daß sie einmal mit einem von ihren Feinden Krieg führten [und in Bedrängnis bei einer Schlacht durch das Schreien der Kraniche gerettet worden seien]. Sie verehrten die Kraniche deswegen und sagten: "Diese sind unsere Götter, weil sie unsere Feinde besiegt haben". ...

Unsere Ankunft [beim König von Saqaliba] fiel auf den Sonntag, den zwölften Muharram des Jahres dreiundertundzehn [12. Mai 922]. Die Entfernung von Gurganiya bis zu seinem Lande war siebzig Tage. ...

[Nach einigen Tagen versammelten sich beim König die Vornehmen und das Volk seines Landes], um die Verlesung des Briefes anzuhören. ... Wir entfalteten die beiden 'mitrad'-Standarten [Hoheitssymbole des Kailifen, eine für den 'Westen', eine für den 'Osten' des Kalifenreichs], die bei uns waren, kleideten den König in [das am abbassidischen Hofe Bagdads übliche] Schwarz und setzen ihm einen Turban auf. Dann zog ich den Brief des Sultans [d. h. hier auch: des Kalifen] heraus und sagte ihm: "es ist nicht erlaubt, daß wir während der Verlesung des Briefes [des Kalifen] sitzen bleiben." Da stand er auf, obwohl er ein korpulenter und sehr dicker Mann war, und es standen auch jene der Vornehmen seiner Landsleute auf, die zugegen waren. Ich begann und las die Anrede des Schreibens. Als ich an die folgende Stelle des Brieftextes kam: "ich begrüße dich und preise für dich Allah, außer welchem es keinen Gott gibt", sagte ich zu ihm: "erwidere dem Fürsten der Gläubigen den Gruß". Da erwiderte er und erwiderten alle insgesamt, während der Dolmetscher uns unverzüglich alle Worte übersetzte. Als wir das Schreiben bis zu Ende verlesen hatten, da sprachen alle die Tabir-Formel, und zwar so kräftig, daß die Erde erzitterte. Dann las ich den Brief des Wesirs vor, wobei er wieder stehen blieb. Vor der Verlesung des Briefes von Nadir al-Hurami sagte ich ihm, er solle sich setzen, und so setzte er sich. Nach Verlesung des Briefes streuten seine Leute über ihn viele Dirhems aus, und ich meinerseits übergab die Geschenke - Parfüms, Kleider und Perlen - für ihn und seine Gemahlin. Ununterbrochen legte ich sie ihm Stück für Stück vor, bis wir damit fertig waren. Dann legte ich seiner Gemahlin das Ehrenkleid [chilat] in Gegenwart der Leute an, während sie neben ihm saß. Dies ist ihre Sitte und ihr Brauch. Als ich ihr das Ehrenkleid angelegt hatte, streuten die Damen Dirhems über sie aus. Dann kehrten wir [in unsere Zelte] zurück.

Nach einer Weile schickte er [der Bulgarenkönig] uns einen Boten. Wir traten nun in sein Zelt ein. Die Fürsten [muluk] befanden sich an seiner rechten Seite. Uns befahl er, zu seiner Linken Platz zu nehmen [, während seine Kinder vor ihm saßen]. Er saß allein auf einem mit romäischem Brokat bedeckten Thron. Nun rief er nach dem Tisch [dem Mahl] und er wurde gebracht; es war nur gebratenes Fleisch darauf. Der König ergriff das Messer, schnitt einen Bissen ab und aß ihn, dann den zweiten und den dritten. Darauf nahm er ein Stück und gab es dem Gesandten [des Kalifen] Sausan. Als er [Sausan] es in den Mund nahm, kam ein kleiner Tisch [mit dem weiteren Essen], und er wurde vor ihn [den Gesandten] hingestellt. Es ist so Sitte bei ihnen: keiner streckt seine Hand aus, bevor der König den Bissen in den Mund reicht; während des Bissens kommt der Tisch [und für den Gast beginnt das Mahl; in dieser Weise wurden nun der Reihe ich, die Fürsten entsprechend ihrem Rang und danach die Königssöhne bewirtet]. Nach beendigter Mahlzeit trug jeder von ihnen, das was auf seinem Tisch übriggeblieben war, zu seiner Wohnung. Als wir gegessen hatten, verlangte er [der König] das gegorene Getränk, das sie 'sügü' nennen; es war von demselben Tag und derselben Nacht. Er trank einen Becher [und auch wir tranken], Dann stellte er sich aufrecht hin und sprach: "dieses ist meine Freude an meinem Herrn, dem Fürsten der Gläubigen [d. h.: es lebe mein Herr, der Kalif]; möge Gott sein Dasein verlängern." Da erhoben sich die vier Fürsten und seine Söhne, weil er stand, und so standen auch wir auf, und alle blieben so, bis die Zeremonie dreimal wiederholt war. Dann kehrten wir [in unsere Zelte] zurück.

Vor unserer Ankunft hat man die Chutba [das Freitagsgebet] auf seiner Kanzel so gelesen: "Gott, schenke dem König, dem Yaltawar, dem König von Bulgar, Wohlergehen." Ich sagte ihm hierzu: "Gott ist allein der König [malik], und es wird niemand außer ihm, dem Mächtigen und Erhabenen, auf der Kanzel mit diesem Titel [als König] benannt. Und dieser, dein Herr, der Fürst der Gläubigen, hat sich für seine Person damit begnügt, daß man auf seinen Kanzeln im Osten und Westen nur sagt: 'Mein Gott, schenke deinem Knecht und deinem Stellvertreter [chalifa], dem Gafar, dem Imam al-Muqtadir bi-'llah, dem Fürsten der Gläubigen, Wohlergehen'. So ist es gewesen vor ihm bei seinen Vätern, den Kalifen. Und auch der Prophet, gebe Gott ihm Segen und Heil, sagte: 'Nicht sollt ihr mich übermäßig preisen, wie die Christen Jesus, den Sohn der Maryam, übermäßig gepriesen haben, weil ich [nur ein] Knecht Gottes und sein Gesandter bin.'" Nun sagte er zu mir: "Wie wäre es denn für mich erlaubt, die Chutba zu halten?". Ich erwiderte ihm: "In deinem Namen und im Namen deines Vaters" . Darauf er: "Wahrlich, mein Vater war ein Ungläubiger, und ich will nicht seinen Namen zusammen mit dem meinigen auf der Kanzel erwähnen lassen. Ich mag also nicht meinen Namen aussprechen lassen, wenn derjenige, der mir diesen Namen gegeben hat, ein Ungläubiger war. Aber was ist der Name meines Herren, des Fürsten der Gläubigen?" Ich sagte: "Ga'far." Er sagte: "Würde es wohl erlaubt werden, daß ich mit seinem Namen benannt werde?" Ich erwiderte: "Jawohl." Er sprach: "Also ändere ich meinen Namen in 'Ga'far' und den Namen meines Vaters in 'Abd-Allah' um." Und er wandte sich deswegen an den Chatib [Prediger]. So wurde es gemacht, und die Chutba wurde fortan für ihn so gelesen: "Mein Gott! Schenke deinem Knecht Ga'far ibn Abd-Allah, dem Fürsten von Bulgar, dem Klienten des Fürsten der Gläubigen, Wohlergehen."


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000