Lösung zu Übung 9 a.

Die Aufgabe lautete:

Untersuchen Sie an dem im folgenden wiedergebenen übersetzten Quellentext folgende Fragen:

Türkische Völkerschaften im Übergang zum Islam.

Aus dem Reisebericht des Ahmad Ibn Fadlan. Gekürzte und etwas modifizierte Wiedergabe einiger Textstellen aus der deutschen kommentierten Übersetzung des arabischen Textes in: A. Zeki Validi Togan, Ibn Fadlans Reisebericht, Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes, Bdd. XXIV, 3, Leipzig 1939, ND Nendeln/Liechtenstein 1966; die Auszüge sind den S. 1 - 46 entnommen.


Zu a)

Im Hintergrund des vom Bulgarenherrscher um das Jahre 920 n. Chr. geäußerten Wunsches nach Beistand des - sunnitischen, noch nicht unter bujidisch.schiitischem Einfluß stehenden - Abbasidenherrschers (Al Muktadir, 908 - 932) bei der islamischen Missionierung der Wolga-Bulgaren dürfte auch die politisch-militärische Notwendigkeit stehen, sich der Hilfe des Abbasidenreiches gegen die die Wolga-Bulgaren stark bedrängenden Kiewer Rus zu versichern. Auf russische Dauerkonfikte mit dem Wolga-Bulgarenreich weisen zwei spätere russische Angriffe (i. d. J. 965 und 985) hin, die durch die Handelskonkurrenz auf der Wolga bedingt sind. So erklärt sich, daß der Bulgarenkönig zu dieser Zeit nicht nur um eine islamische Missionierung, sondern auch um Mithilfe des Kalifen bei der Anlage einer Grenzfestung bittet. Auch dem damals noch bestehenden, später (um 966) durch die Kiewer Rus zerstörten, offiziell jüdisch-gläbig gewordenen Chazarenreich gegenüber dürfte der Bulgarenherrscher sich auf diese Weise absichern wollen. Es wird allerdings durch den Reisebericht augenfällig, daß die räumliche Entfernung zwischen dem nördlichen Außenposten des Abbasidenreiches (Urgendsch) und Bulgar an der Wolge, dem Herrschaftssitz des Bulgarenherrschers, mit 70 Tagesmärschen so lang ist, daß seitens des Kalifen allenfalls Unterstützung durch Geld oder indirekten Druck auf Nachbarvölker der Bulgaren erwartet werden kann.

Zu b)

Bei allen im Reisebericht des Ibn Fadlan erwähnten Völkerschaften - sie werden von dem Autor offenbar alle als 'Türken' eingestuft -, nämlich Ogusen, Petschenegen, Baschkiren und Bulgaren, tritt das nomadische Elemente der Lebensverhältnisse stark vervor. Manche Aussagen (z. B. 'Kurgan'-Grabbräuchen, Sittenstrenge, drakonische Strafen bei den Ogusen, polytheistische [>'12 Götter'-Kult] oder animistische [>Kranich-Verehrung] Religionsvorstellungen, grausame Härte der Kampfesweise bei den Baschkiren) entsprechen ungefähr den in den chinesischen Berichten über die T'u-küe (siehe Kap. 7, unter 2 a - Quellentexte) gemachten Angaben. Andere Aussagen - z. B. über den sparsamen Gebrauch des Wassers, über sehr große Schaf- und Pferdeherden, über Kamele und Pferde üblichen Brautpreis für das Familienoberhaupt der Herkunftsfamilie der Braut oder über den Sachbesitzcharakter des Münzgeldes bei den Ogusen, über die zentrale Bedeutung des Fleisches bei einem offiziellen Festmahl des Bulgarenfürsten, weisen deutlich auf die in strakem Maße noch nomadisch bestimmte, noch nicht seßhaft und hochkulturell assimiliert gewordene Lebensweise und einen 'vorislamischen' Zustand hin.

Erkennbar sind jedoch auch die Auswirkungen des Handels mit den kulturell fortentwickelten Gebieten des islamischen bzw. des byzantinischen Bereichs einmal bei dem grenznahen Volk der Ogusen, zum anderen bei den Wolgabulgaren, die ja über den Flußweg Wolga oder über den Landweg- allerdings jeweils durch das Gebiet der Chazaren oder anderer Völker - in intensiverem Handelskontakt sowohl mit dem Schwarzmeerbereich als auch mit dem Iran und Transoxanien stehen. Bei diesen beiden Völkern - nach Ibn Fadlans Bericht dagegen nicht oder nicht so deutich bei den Petschenegen und bei den Baschkiren - gibt es erkennbare Spuren dieses Handels: Geldbesitz, Gebrauch wertvoller Importstoffe, sei es aus dem islamisch-iranischen ('Kopftücher' als Gastgeschenke für Frauen), sei es aus dem 'rhomäischen' Bereich (purpurner 'Brokat' als Überzug eines Thronsessels), Verwendung von Gewürzen und anderen kleinen 'Luxusgütern' des Handels, Interesse an korrekten Tauschbeziehungen und vorteilhaften Gastfreundschaftsverhältnissen. Es gibt ferner Spuren einer vorpolitischen Islamisierung, die sich jedoch noch nirgends durchgesetzt hat, sondern swohl bei den Ogusen als auch bei den Bulgaren noch als brauchtumswirdrig gilt. Welche äußeren hochkulturellen Einflüsse im übrigen bestehen, etwa bei Kleidung ('qurtag', Gürtel), Waffen (Bogen) und Haartracht (Ausrasieren, Auszupfen des Bartes), ist nicht sicher auszumachen; es kommen dabei aber sowohl fernöstliche als auch ein innerasiatische als auch vorislamisch-iranische Prägungen in Betracht, sofern es sich nicht um gegenwartsgepägte Moden handelt.

Zu c)

Die Islamisierung ist vor den Geschehnissen, über die Ibn Fadlan berichtet, sowohl bei den Ogusen als auch bei den Bulgaren offenbar nur gering ausgeprägt. Das zeigt sich u. a. auch den verschiedenen Wahrnehmungen Ibn Fadlans, was eine gewisse 'Oberflächlichkeit' der religlösen Überzeugungen und ihren anpassungsbereiten Opportumismus im Umgang mit Mohammedanern betrifft. Die Missionierung im Bulgarenreich wird sie von dessen Fürsten aus mutmaßlich ausschlaggebenden politischen Gründen betrieben. Dieser Fürst ist, wie erwähnt, dabei bereit, dem Kalifen eine konsequente Glaubensgefolgschaft im Austausch gegen finanzielle und militärische Unterstützung zu versprechen. Daraus resultiert ein auffallend unsicheres Verhalten während der Zeremonien zum Empfang des Gesandtschaft vom Abasidenhof und bei der offiziellen Praktizierung der zur einführung vorgesehenen islamischen Gebräuche. Es ist erkennbar, daß der Fürst seinen guten Willen in Religionsfragen uneingeschränkt deutlich machen will. Das veranlaßt ihn u. a. zu überzogenen zeremoniellen Respektsgesten gegenüber dem Kalifen und seinem Hofe (Tragen der am Kalifenhofe üblichen schwarzen Kleidung und eines bei den Bulgaren offenbar unüblichen Turbans, Hinnahme der Hoheitszzeichen des Kalifen als bestimmender Symbole während der Empfangszeremonie, stehende inempfangnahme der Worte des <Kalifen und anderer Würdenträger des Abbasidenhofes), ja sogar zur Veränderung seines Herrschernamens und des Namens seines schon verstorbenen 'ungläubigen' Vaters und zur Aufhebung seine Person betreffender religionsbezogner Anordnungen betreffend die 'Chutba' (das 'Freitagsgebet').

Dieser Typus politisch motivierter Missionierung - ob von Byzanz, Rom oder Baghdad betragen - muß auch bei islamischen oder christlichen Missionierungsprozessen in anderen zuvor 'heidnisch-barbarischen' Völkern und Ländern als Regel in Rechnung gestellt werden. Daß er zunächst etwas Oberflächliches hat und politisch leicht revidierbar erscheint, darf zwar nicht vergessen machen, daß er dennoch Basis für konsequente religiöse und kulturelle Umorientierungen zu sein pflegt. Andererseits zeigt sich daran aber auch, daß vor der Mission liegende religiöse und kulturelle Bräuche unterhalb der politischen Ebene noch lange nachzuwirken und untergründig kulturbestimmend zu bleiben pflegen.

Literatur:

Aus dem Reisebericht des Ahmad Ibn Fadlan. Gekürzte und etwas modifizierte Wiedergabe einiger Textstellen aus der deutschen kommentierten Übersetzung des arabischen Textes in: A. Zeki Validi Togan, Ibn Fadlans Reisebericht, Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes, Bd. XXIV, 3, Leipzig 1939, ND Nendeln/Liechtenstein 1966.

Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 1994 3, S.9 ff. (Die Anfänge der Türken).


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)