Lösung zu Übung 9 b.

Die Aufgabe lautete:

Untersuchen Sie an dem Bericht der weiter unten folgend wiedergegeben Quelle aus dem Geschichtswerk des Kritobulos von Imbros und anhand des dort ebenfalls folgenden Organisationsschemas der osmanischen zentralen Reichs- und Hofverwaltung im 16. Jht. folgende Fragen:


Zu a)

Die Bedeutung Konstantinopels liegt für Kritoboulos von Imbros in den dieser Stadt innewohnenden Traditionen der antiken Polis, des römischen Reiches und des Christentums. Konstantinopel erscheint letztlich als Ingebriff weltlich möglicher Kultur, Frömmigkeit, Herrlichkeit und Tugend. Zugleich hebt Kritoboulos den Willen Gottes hervor, der dieser Stadt und ihren menschheitsgeschtlich wichtigen Traditionen eine Ende durch die Eroberung eines nicht-christlichen Herrschers vorherbestimmt habe. Mit dieser Einordnung wird deutlich, daß für Kritoboulos das byzantinische Reich nur noch eine geistige, wenn auch eine in jeder Hinsicht erinnerungsürdige, Größe der Vergangenheit ist. Das stimmt mit seiner im Text kurz angesprochenen Anpassung an die neuen Machtverhältnisse innerlich völlig überein.

Zu b)

Mehmet II.( 1451 - 1481), im Jahre 1453 noch ein sehr junger Mann, entschließt sich ohne größeren Widerstand vonseiten der erfahrenen Militärs und Politiker an seinem Hofe unmittelbar nach dem Herrschaftsantritt zur Beseitigung des byzantinischen Restbereichs in seinem Herrschaftsgebiet. Dasosmanische Reich umfaßt unmittelbat vor dem Fall Konstantinopels bereits - sowohl in Kleinasien als auch auf dem Balkan - überwiegend griechisch sprechende Untertanen und vormals byzantinisch regierte Territorien. Die Einnahme Konstantinopels ist insoweit - d. h. als militräisches Unterwerfungs- und politisches Integrationsproblem - an sich nichts Neues und allzu Problematisches für einen osmanischen Türkenherrscher. Mehmet sieht sich - wie seine Sultansvorgänger - ja bereits zuvor als Nachfolger der byzantinischen Kaiser und Neugestalter der bisherigen Religions- und Herrschaftsordnung im vormals byzantinischen Bereich. Entsprechend 'rational-herrschaftstechnisch' erscheint sein Vorgehen, das einmal in der rücksichtslosen Zerstörung bisheriger Herrschafts-, sozialen Überordungs- und christlich-religiösen Dominanzverhältnisse, zum anderen aber auch in der Erhaltung, Restrukturierung und großräumigen Neuplanung der neugewonnenen Gebiet besteht. Ersteres kommt in der Plünderung Konstantinopels, in der Enteignung der Prominentenschicht, in der demonstrativen Hinrichtung einiger bisher führender Persönlichkeiten und in der der - allerdings faktisch nur vorübergehenden, den Beistzstandswechsel forcierenden -Versklavung der Bevölkerung zum Ausdruck. Letzteres wird ebenfalls an einer Anzahl von Maßnahmen deutlich, die der Sultan fast unmittelbar nach der Eroberung Konstantinopels einleitet (Wiederaufbau und Neubediedlung der Stadt und ihres Umlandes, Erhebung zur Regierunsmetropole des osmanischen Reiches durch Anlage eines zentralen Palstes, Arrangements mit den anpassungswilligen Honoratioren aus der byzantinischen Gesellschaft (zu denen vor allem auch die im Textausschnitt nur angedeutete Respektierung des griechisch-orthodoxen Patriarchats gehört).

Zu c)

In dem abgebildeten Schema des des osmanisch-türkischen Regierungs- und Verwaltungssystems im 16. Jht. lassen sich einige chrakteristische Formen finden, die eine Ableitung aus byzantinischer - oder älterer römisch-imperialer - Tradition zumindest nahelegen. Dazu gehört die Zweiteilung des 'Hofes' in einen 'persönlichen Bereich' des Herrschers (Harem) und in eine 'Reichszentralverwaltung' (Divane) mit einer zugehörigen differenzierten hierarchiuschen Struktur der Hofämter. Im 'persönlichen Bereich' des Sultans gibt es - wie im spätantiken und byzantinischen 'Cubiculum' des Kaisers - als wichtige Elemente eine persönliche Finanzkasse des Herrschers, eine Leibgarde und ein Bedienstetensystem, in dem die Eunuchen eine hervorragende Rolle spielen. In der 'zentralen Staatsverwaltung' am Hofe erinnern Aufbau und Aufgaben der Finanzverwaltungen (Domänenverwaltung, Staatslandverpachtung, Katatstrierung des steuerpflichtigen Landes, zentrale Administration eines Gehälter- und Pfründensystem für Militärs und Zivilbeamte) ebenso wie für die Provinzialverwaltung (mit dem Prinzip einer Militärverwaltung auf den oberen Entscheidungsebenen) an das spätantike bzw. byzantinische Muster der Hoforganisation. - Aus dem byzantinischen Bereich stammen auch etymologisch einige Bezeichnungen (partiell), wie 'kapudan pascha' (> von lat. 'capitanus'; 'Oberbefehlshaber der Flotte'; 'pascha' kommt aus dem pers. 'padischah' = 'Herrscher') oder 'kanun name' (>von griech. 'kanon'= 'Gesetz', 'Norm'; 'name' 'Buch') stammt aus dem Persischen).

Persischen Ursprungs sind etwa die Bezeichnung und Funktion der Verwaltungsabteilungen als 'Divane, eines 'Wezirs'oder der 'Defterdare' (Großschatzmeister, Verwaltungsvorsteher für die Staatseinkünfte).

Arabisch-islamischer Herkunft, weil eng mit der Bedeutung der 'scharia' in der islamischen Rechtsordnung verbunden, sind Funktion und Behörde eines 'Scheich ül-Islam', in der denen die traditionellen Aufgaben eines obersten Richters (qadi) und obersten Rechtsgutachters (mufti) in religionsrechtlichen Angelegenheiten zusammengefaßt sind.

Türkisch-stämmig sind ist etwa die Bezeichnung und (teilweise der Sache nach) die Einrichtung der 'Janitscharen' ('yenitscheri' = 'neue Truppe'), eines 'nisanci' ('Oberster Beamter für Beglaubigung', d. h. für die Ausfertigung von Anordnungen und Gesetzen des Sultans' oder eines 'beg' ('Fürsten') bzw. 'begelerbeg' ('Großfürsten') mit militärischen und zivilen Entscheidungsbefugnissen für einen Militärgroßbezirk ('sandschak') bzw. eine Großprovinz ('wilajet') des Reiches. Allerdings kann man hier auch einen gewissen byzantinischen Einfluß finden.

Literatur:

Mehmet II. erobert Konstantinopel. Die ersten Regierungsjahre des Sultans Mehmet Fatih, des Erobereres von Konstantinopel 1453. Das Geschichtswerk des Kritobulos von Imbros, Reihe 'Byzantinische Geschichtsschreiber', Bd. XVII, hg. von J. Koder, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Dieter Roderich Reinsch, Graz, Wien, Köln 1986, S. 9 - 30 (Einführung in das Werk des Kritoboulos von Imbos und Lietarturangaben; S. 310 f. und 321 f. (Anmerkungen zu den ausgewählten Textstellen).

Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 1994 3, S. 49 ff. (Die Entwicklung zur osmanische Großmacht), S. 84 ff. (Ordnung des osmanischen Staates und seiner Gesellschaft im 15. und 16. Jht.).

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000