Vorwort zum WWW-Skript

'Gizewski, Die Fortwirkung der Antike im byzantinisch-christlich und im islamisch geprägten Bereich'

zur gleichnamigen Lehrveranstaltung des WS 1999/2000 und SS 2000.

Die Fortwirkung der Antike in ununterbrochenen Überlieferungen oder in kulturellen Neuanknüpfungen ist für alle Regionen des westlicheren Europa, das sogenannte 'Abendland', von grundsätzlicher, bis heute kulturprägender Bedeutung. Den historisch Gebildeteren, etwa in Deutschland, ist das im allgemeinen mindestens ein wenig bewußt. Kaum bekannt ist ihnen dagegen im allgemeinen, daß Ähnliches auch für benachbarte kulturelle Räume gilt. Damit sind einmal die überwiegend von der christlich-byzantinischen Kultur geprägten Regionen des Balkan und Russlands, zum andern die auf etwas anderen Altertumstradtionen basierenden, vornehmlich islamisch geprägten Bereiche des Nahen Ostens und Nordafrikas, etwa arabischer, türkischer oder iranischer Sprache, gemeint. Auch dort gab und gibt es dem Vernehmen nach auch unter Gebildeteren im allgemeinen wenig Kenntnis über die mit den kulturellen Nacharn gemeinsamen,wenn auch durch jeweilsbesondere Traditionen vermittelten Verwurzelung im Altertum. Das hat einige - wegen ihrer Verbindung miteinander - besonders wirksame Gründe, nämlich sprachliche, allgemeinkulturelle und religiöse, ja sogar in gewissem Umfang wissenschaftliche - letztere vor allem in der unbestreitbar nötigen fachlichen Spezialisierung und drer jeweiligen, historisch gewachsenenen Tradition der Geschichts-, Sprach- und Kulturwissenschaften, wo auch immer sie betrieben werden..

Für Studenten der Geschichtswissenschaft und alle anderen, die aus unterschiedlichen Motiven ein Interesse daran haben können, derartig wirksame kulturelle und sprachliche Grenzen auf eine sinnvolle, wenn es geht, nicht die eigene Kraft überfordernde Weise zu überschreiten, bietet sich ein Weg an, der zunächst sehr aufwendig erscheint, letztlich aber eine gewisse Rationalität des Verstehens ermöglicht, nämlich: den vorhandenen, aber tieferliegenden gemeinsamen oder zumindest oft sehr ähnlichen historischen Wurzeln der durch unterschiedliche Entwicklungsrichtungen gegangenen Kulturräume nachzugehen. Dieser Weg verspricht auch ein historisch fundierteres Verständnis mancher zeitgeschichtlicher oder gegenwärtiger Kulturunterschiede, Konflikte und Prozesse zwischen verschiedenen Regionen der Welt.

Das Erkenntnisinteresse darf sich dabei aber nicht nur auf spezielle Kenntnisse über bestimmte, örtlich und zeitlich speziell abgegrenzte Verhälnisse in einer kulturellen 'Nachbarschaft' richten, sondern es muß in gewissem Umfang eine generelle und vergleichende Orientierung über die 'Wirkungsgeschichte' des jeweils kulturbestimmenden Altertums in den genannten Kulturzonen anstreben. Denn erst eine solche generelle Orientierung ermöglicht eine gewisse Zusammenschau von kultur- und traditionsgeschichtlichen Erklärungsansätzen, die ansonsten für historisches Argumentieren entweder außer Betracht oder auf der Ebene von eher implizit bleibenden typologischen Vermutungen bleiben. Es hat daher größeren Sinn, sich gleichzeitig und vergleichend mit den Altertumstraditionen im byzantinisch- christlich ind im islamisch geprägten Bereich zu befassen als mit nur einem dieser Bereiche. Andernfalls kann es auch zu kulturraumspezifischen Fixierungen und Überschätzungen von Konflikverhältnissen kommen, wie sie einer Alltagsform kulturellen Selbstbewußtseins und der Wahrnehmung fremder Kulturen eigen zu sein pflegen

Ziel weitgesteckter geschichtswissenschaftlich-wirkungsgeschichtlicher Bemühungen um die Altertumswurzeln der Gegenwartskulturen im westlichen Eurasien ist es, das wissenschaftliche Denken und Reden von solchen typisierenden - sicherlich nicht völlig sinnlosen, aber doch oft unklaren - Hilfskonstruktionen zu entlasten wie sie der Annahme - zum Beispiel - 'balkanischer Verhältnisse', eines russischen oder generell slawischen 'Volkscharakters', eines 'orientalischen Despotismus', eines iranischen oder sonstigen islamischen 'Fundamentalismus', eines 'westlichen' 'Kulturimperialismus' oder eines 'religionslosen Modernismus' zugrundeliegen. Hier überall kann man aus der Traditions- und Rezepzionsgeschichte des Altertums heraus genauere Beschreibungen und Begriffsbildungen auch für die Gegenwart ableiten.

Es gibt allerdings bedauerlicherweise wohl niemanden, der als Einzelperson aufgrund seiner fachlich-wissenschaftlichen Kompetenz dem erwähnten generellen Orientierungsbedarf eines auf die Wissenschaft hoffenden Publikums angemessen gerecht werden könnte. Wer hat allein schon die für ein so umfassendes Vorhaben zum Quellenverständnis wenigstens rudimentär nötigen Sprachkenntnisse alter, älterer und heutiger Sprachen - d. h. außer dem sozusagen selbstverständlichen Griechischen und Lateinischen nebeneinander mindestens des Bulgarischen, des Russischen, des Arabischen, des Iranischen und des Türkischen, jeweils in seinen verschiedenen Epochen? Wer hat - diese unabdingbare sprachliche Wissensbasis einmal dennoch außer Acht gelassen - die erforderlichen, wenigstens ansatzweise differenzierten kultur-, religions- und allgemeingeschichtlichen Kenntnisse?

Eine Konsequenz daraus könnte sein, ein solches zumindest für den Lehrbetrieb sinnvollles, ja sachlich nötiges Vorhaben nur kollektiv, unter Beteiligung vieler fachlich einschlägig qualifizierter Wissenschaftsspezialisten, zu organisieren: die bloße Vorstellung fast eine Unmöglichkeit in der normalen Lehre und in der Forschung selten. Eine andere Konsequenz wäre, es einfach zu unterlassen. Das müße allerdings in der weiteren Folge dazu führen, daß Themen, an deren wissenschaftsnaher Erörterung ein allgemeines, spürbares und auch sachlich gut begründbares Interesse eines wissenschaftsnahen Publikums besteht, jedenfalls im Rahmen wissenschaftlicher Lehre generell nicht erörtert werden könnten: eine letztlich unsinnige Konsequenz, weil sie ja praktisch bedeutete, die Meinungsbildung auf derart wichtigen Themengebieten wie dem dieses Skripts prinzipiell außerwissenschaftlichen Bearbeitern zu überlassen.

Eine dritte wissenschaftsgemäße Möglichkeit ist, daß der vortragende Wissenschaftler bei den vorliegenden Begrenzungen seiner Zuständigkeit grundsätzlich nur in einer eher organisatorischen als hermeneutischen Vermittlerposition zwischen den ihm - jedenfalls besser als anderen - zugänglichen, wenn auch von ihm nicht beherrschten Fachwissenschaften einerseits und einem allgemeinem Orientierungs- und Informationsbedürfnis auftritt. Die eingeschränkte fachliche Kompetenz seines Vortrags muß dabei überall deutlich werden, wo sie sinnvollerweise hervorzuheben ist: bei einem ihm nicht gegebenem unmittelbaren sprachlichen Textquellenverständnis, bei fehlender Vertrautheit mit speziellen Themengebieten, bei unsicheren Schlußfolgerungen aufgrund fehlenden Wissens usw. Unter solchen Bedingungen handelt es sich dann aber m. E. um eine sinnvolle, vertretbare Form der vielbeschworenen, wenn auch praktisch schwer zu verwirklichenden 'Interdisziplinarität' wissenschaftlichen Handelns.

Die fachliche Legitimation des Dozenten und Autors dieses Skripts, etwas zum Thema auszuführen, ergab und ergibt sich allein aus seiner wissenschaftlichen Kompetenz für das Fachgebiet 'Alte Geschichte'. Diese Disziplin schließt in gewissem Umfang auch die nachantike Wirkungsgeschichte des 'Altertums' ein, und das prinzipiell auch in den genannten Kulturräumen, denen die Lehrveranstaltung gewidmet war. Natürlich bedeutet aber eine eingeräumte Kompetenz noch nicht, daß man sie tatsächlich auch sachgerecht wahrzunehmen vermag. Dieses Dilemma würde sich aber bei einem solchen Thema in jeweils etwas anderer Konstellation auch - und vielleicht noch mehr - etwa für arabistische, russistische oder turkistische Wissenschaftsspezialisten oder für Mittelalter- und Neuhistoriker stellen, die ein solches Projekt auf sich nähmen.

In seiner zweisemestrigen Lehrveranstaltung widmete sich der Autor dieses seinen Lehrvortrag zusmmenfassenden Skripts also einem notwendigerweise sehr weit gefaßten und und in die Kompetenz vieler anderer, ihm nicht näher vertrauter wissenschaftlicher Disziplinen gehörenden Themenkomplex. Die Arbeit der Materialrechereche, -auswahl und internet-fähigen Gestaltung war erheblich und ist gewiß dennoch weiterhin verbesserbar.

Im WS 1999/2000 wurde im wesentlichen die Wirkungsgeschichte des Altertums im byzantinisch-slawischen Mittelalter (Kap. 1 - 5 des Skripts), im SS 2000 die Wirkungsgeschichte des Altertums im islamischen Bereich (Kap. 6 - 9 des Skripts) erörtert. Soweit möglich, wurden auch neuzeitliche Prozesse der Antiken-Rezeption oder Re-Aktualisierung von Altertumstraditionen angesprochen; die Ausführungen dazu sind in Kap. 11 und 12 des Skripts zusammengefaßt. Sachlich primär und auch aus Zeitgründen ging es allerdings um die früheren Phasen der nachantiken Geschichte im nahöstlichen und nordafrikanischen sowie im balkanischen und osteuropäischen Bereich - ungefähr bis zum 15. Jahrhundert. Es gab auch noch andere nötige oder sinnvolle Begrenzungen; so wurde etwa die öfters anderwärts behandelte nachantike Geschichte des Judentums oder die nur regional bedeutsame der Parsen oder anderer an sich in den thematischen Zusammenhang dieses Skripts gehörender altertumsfundierter spezieller Kulturtraditionen nicht erörtert.

Tragendes Element aller Kapitel sind die Übungen, deren - stets übersetzte, also leider nicht originäre - Quellentexte, jeweils als Anknüpfung und Illustration für Überblicke und Systematisierungen zu den vielfältigen Aspekten der wirkungsgeschichtlichen Teilthemen, dienen.

Von einigen ausführlicheren Darlegungen des Autors abgesehen, wurden im übrigen zumeist lediglich thesen- oder stichwortartig einige Gedanken zu thematischen Aspekten der einzelnen Kapitel formuliert und durch einige anschauliche Quellen und Bildbeispiele illustriert. Mit weitergehenden Ausführungen wäre der Orientierungscharakter dieses Skripts verlassen und auch die Arbeitskraft des Autors überschritten worden.

Auf die Lektüre der für jedes Kapitel angegebenen Literatur und Quellen und auf die Benutzung der benannten Medien ist daher nachdrücklich zu verweisen. Diese - nochmals im 'Allgemeinen Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis' zusammengefaßten - Angaben sind auf das für Orientierungsszwecke Wichtigste reduziert.

Das WWW-Skript wurde während der Lehrveranstaltung erarbeitet und ständig, auch im inneren Aufbau, fortentwickelt. Es wird nach Bedarf weiterbearbeitet werden. In der jetzigen, vom Autor für sinnvoll begrenzt erachteten Form enthält es alle Übungstexte und Lehrmaterialien, die während zweier Semester vorgetragen wurden, und darüber hinaus weiteren Stoff in übersichtlich gegliederter Darstellung, wenn auch manchmal nur sehr knapper Kommentierung. Für eventuelle Verbesserungsvorschläge inhaltlicher oder didaktischer Art ist der Autor stets dankbar.

Christian Gizewski, im Sept. 2000


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)