Kap. 4: Die Begründung innerer Herrschaftsverhältnisse und ihre Kritik.

(IM AUFBAU)

I. Zur Kritik am 'göttlichen Auftrag' des zufälligen Herrschers.

II. Zur Kritik an unverletzlicher Heiligkeit (sacratio), Gottesgnadentum, Allzuständigkeit, Allwissendheit, Menschen- und Volksliebe, Dauer-Sieg und -Erfolg des 'domiuus'-Kaisers als öffentlich unbezweifelbar gehaltenen Eigenschaften autoritären Herrschaftsbesitzes.

III. Der Behauptung, alleinverantwortlich friedenstiftend einen Bürgerkrieg beendet zu haben, als politische Schein-Legitimation eines 'potitus omnium rerum'.

A. Augustus, Res gestae 34.

(Lateinischer Text:) 34. In consulatu sexto et septimo, postquam bella civilia exstinxeram, per consensum universorum potitus rerum omnium, rem publicam ex mea potestate in senatus populique Romani arbitrium transtuli. Quo pro merito meo senatus consulto Augustus appellatus sum et laureis postes aedium mearum vestiti publice coronaque civica super ianuam meam fixa est et clupeus aureus in curia Iulia positus, quem mihi senatum populumque Romanum dare virtutis clementiaeque iustitiae et pietatis caussa testatum est per eius clupei inscriptionem. Post id tempus auctoritate omnibus praestiti, potestatis autem nihilo amplius habui quam ceteri qui mihi quoque in magistratu conlegae fuerunt.

(Deutsche Übersetzung): 34. In meinem sechsten und siebten Konsulat habe ich, nachdem ich die Flammen der Bürgerkriege gelöscht hatte und mit der einmütigen Zustimmung der gesamten Bevölkerung in den Besitz der staatlichen Allgewalt gelangt war, das Gemeinwesen aus meiner Machtbefugnis wieder der Ermessensfreiheit des Senats und des römischen Volkes überantwortet. Für dieses mein Verdienst wurde mir auf Beschluß des Senats der Name Augustus gegeben. Die Türpfosten meines Hauses wurden auf staatlichen Beschluß mit Lorbeer geschmückt, und ein Bürgerkranz wurde über meinem Tor angebracht. Ein goldener Schild wurde in der Curia Julia aufgestellt, den mir der Senat und das römische Volk geweiht haben wegen meiner Tapferkeit und Milde, meiner Gerechtigkeit und Hingabe, wie es die Aufschrift auf diesem Schild bezeugt. Seit dieser Zeit überragte ich alle übrigen an Autorität, an Amtsgewalt aber besaß ich nicht mehr als die anderen, die auch ich im Amt zu Kollegen hatte.

B. Die ideelle Angreifbarkeit der Schein-Legitimation eines 'potitus omnium rerum'.

Tacitus Annalen 1,7,1f.)

At Romae ruere in servitium consules, patres, eques. quanto quis inlustrior, tanto magis falsi ac festinantes, vultuque composito, ne laeti excessu principis neu tristiores primordio, lacrimas gaudium, questus adulationem miscebant.

Aber in Rom stürzten sich alle in die Knechtschaft: Konsuln, Senatoren Ritter. Je höher der Mann, desto heuchlerischer und drängender. Ja nicht froh beim Hinscheiden des Kaisers! Ja nicht allzu traurig beim Neuanfang! Mit einstudierter Miene wussten sie Tränen und Ausdruck der Freude, Klage und schmeichelnde Huldigung zu mischen.

C. Thesen:

1. Die Herrschaftsmacht eines 'Augustus' beruht auf der Abwesenheit stabiler Formen der republikanischen politischen Ordnung. Gegen das Machtstreben einzelner Machtgruppen und ihrer bevollmächtigten militärischen Führer vermag sich keine militärisch resistente Gleichgewichtsordnung der staatstragenden politische Kräfte zu behaupten.

2. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Bürgerkriegs für die Entstehung grundsätzlich autoritärer ziviler Regime.

3. Die als widerständige politische Kräfte zumindest denkbaren Bevölkerungen großer Städte wie Rom haben keine effektive Bürgerverfassung. Deren Zustimmung zur autoritären Herrschaft wird auf dem Wege einer formal unbestimmten Akklamation ('consenssus universorum') fingiert.

4. Auch die weitere objektiv gegebene Alternative, die Militärverfassung zu ändern und die höheren militärischen Kommandeure voneinander separiert einer strikten zivilstaatlichen Kontrolle zu unterstellen, ist in Rom wegen seineraristokratischen Traditionen nicht denkbar.

IV. Zu den teils politisch-ideologischen, teils dramatisch-persönlichen Gründen antiker Prominenz.

Persönliche Prominenz geht in der Antike nicht nur aus 'gehobener' sozialer Stellung und außergewöhnlichem Reichtum, militärischer und erblich-dynastischer Herrschaft hervor, sondern auch aus wissenschafrlichen und künstlerischen Verduensten und philosophischer Unkonventionalität und Gesellschats- oder Religionkritik Ideologische Rechtferigung von Reichtum und Macht steht dabei neben deren grundsätzlicher Kritik und Nicht-Wertschätzung. In beidem reichen die Antiketraditionen bis in die heutige Zeit hinein. Formal tritt in den bildlichen Personendarstellungen eine Tendenz zur Vermeidung expressiver Übertreibungen und zu natural wirkender Nachbildung hervor. Ideologische Motive werden damit planvoll verdeckt (Beispiel: 'Augustus' als Priester oder Siegerkranz-Träger). Auch außerhalb der ideologischen Abbildung finden Typisierungen statt. Dabei geht es darum, das 'Allgemein-Bedeutungsvolle' hinter dem Besonderen hervortreten zu lassen (Bespiel: Philosophenbart).

Übung.

1. Welche der dargestellten prominenten antiken Persönlichkeiten sind Ihnen bekannt oder erkennbar?

2. Worauf beruht ihre antike Prominenz und spätere Bekanntheit, die teilweise bis heute andauert?

3. Wie sind die Herrscherpersönlichkeiten und ihre Familien dargestellt?

4. Welcher dramatischer Mitteln bedient sich die Inszenierung anderer Arten der Prominenz?

V. Zum Ideen-Bestand zeitgeschichtlicher Staats- und Parteisymbole.

>>> Führer-Rede auf einem NS-Parteitag (Nürnberg 1934).

Übung.

1. Was sagt der 'Führer'?Wie sind Redeinhalt, Redeweise, Körperhaöung. Mimik, Gestik; Kleidung und Frisur des Redners? Was hebt der Film an ihnen hevor?

2. Wie sind das Punlikum und seine 'Einheit in Vielfalt' dargestellt und warum?

3. Was besagt due dargebotene Musik?

4. Welches Aussehen und welche Bedeutung haben die Uniformen, Standarten, der gehobene Arm und die Heil-Rufe?

5. Welche indirekten Bezüge auf antike Milizärtraditionen könnte es geben?


Nachbildung einer Standarte mit Vexillum der Legio XIV Gemina, Römermuseum Petronell (Niederösterreich).

>>> AGiW/Auditorium/DtWesen/Nationale Symbole/NatSymb.html. dort: Nationalhymnen und -symbole europäischer und europäischstämmiger Länder und Völker.

Übung.

1. Welche antiken Bild- und Formlemente tauchen in den Symbolen auf und warum?

2. Welche Bild- undd Formelemente erhalten in sppäteren Epochen eune neuartige Bedeutung?

3. Was bringen in der Antike und in späteren Epochen unterschiedlich die Eiche, die Farbe Rot, der Adler, der Schlüssel, der Kranz und der Stern zum Audruck?

4. Wie unterscheiden sich im Inhalt die Symbole der Sowjetunion und der DDR?

Symbole autoritärer Staatsgewalt.

Symbole totalitärer und rassistischer Ideologie und Staatsgewalt (Hakenkreuz und Swastika).

Symbole revolutionärer Staatsgewalt (Staatswappen der Sowjetunion).

Symbole erzwungener Vereinigung (DDR-Flagge)

Symbole verborgener Herrschaftsausübung (NSA).


Bearbeitungsstand: 27. April 2016.

Autor des WWW-Skripts: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@.tu-berlin.de

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