Kap. 1: Grundbegriffe und Grundeinstellungen geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis über 'antike Altertumsgeschichte'.

INHALT.

1.Begriffsklärungen und Übersichten zum Thema des Skripts.

Übung A.

2. Zu den Formen historischen Existenzbewußtseins der Gegenwart.

3. Zu heutigen Formen der Geschichtsphilosophie für das Altertum und ihren Traditionen.

Übung B.

4. Zu heutigen Formen geschichtswissenschaftlicher Beschäftigung mit der Alten Geschichte und ihren Traditionen

5. Materialien des Kapitels.

1. Begriffsklärungen und Übersichten zum Thema des Skripts.

Unter 'Historik' seien verstanden alle Bemühungen, grundlegende Fragen der Objektivität, Erkenntnisform, Begriffsbildung, Methodik und Organisation geschichtswissenschaftlicher Arbeit mit der Kompetenz des Historikers, also fachlich-souverän, wissenschaftlich-systematisch zu klären.

In solche Bemühungen können verschiedenartige grundsätzliche Einstellungen eingehen, die man in folgenden Gruppen zusammenfassen kann:

a) verschiedenaertige Formen 'historischen Existenzbewußtseins', d. h. des Wissens und Bewußtseins der Menschen von der sie selbst und die Menschenwelt, mit welcher sie sich eins wissen und fühlen, betreffenden Geschichte,

b) verschiedenartige modellhafte Vorstellungen, insbesondere geschichtsphilosophischer oder geschichtstheologischer Art, vom allgemeinen Wesen und Ablauf der menschlichen Geschichte und

c) verschiedenartige Maximen wissenschaftlichen Umgangs mit den interessierenden und zu bearbeitenden historischen Fragestellungen.

Die Entstehung solcher Einstellungen kann durch den objektiven Gegenstand historischen Interesses und die Notwendigkeiten sachgerechter Forschung und Darstellung selbst bedingt sein. Vor allem aber sind es historisch variable perspektivische Bedingungen des Lebensraums und der Persönlichkeit des historisch Interesssierten, insbesondere etwa seine Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Epoche, seine Geschichts- und Lebenserfahrung, seine Bildung und seine sittlichen, religiösen oder politischen Überzeugungen, ja sogar seine praktischen Absichten für die Nachforschung und Darstellung, die sie beeinflussen. Es ist dabei zu betonen, daß geschichtswissenschaftliche Arbeit stets sowohl einen realitäts- und objektbezogenen, als auch einen standortgebunden-perspektivischen als auch einen kommunikativ-praktischen Charakter hat. Geschichtswissenschaft ist zugleich eine objektive, standortgebundene und praktische Wissenschaft.

Dies gilt in vollem Umfang auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte 'früher Hochkulturen' ('Altertumskulturen') und damit auch für die 'Alte Geschichte' als die Geschichte eines 'antiken (d. h. votderorientalisch-mediterranen) Altertums', obwohl diese sehr weit von der Gegenwart entfernt und insoweit auch gegenwartsbezogenen Perspektiven, Überzeugungen, Darstellungsmotiven und Bewertungen 'enthoben' zu sein scheint. Doch ist dies wegen der starken wirkungsgeschichtlichen Verbindungen zwischen der Antike und allen Aspekten der europäischen Gegenwartskultur in Wirklichkeit nicht der Fall.

In diesem Kapitel wird erörtert, wie unterschiedlich sich bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den 'objektiv gegebenen', durch 'Quellen' und 'Reste' dokumentierten Gegenständen der 'Alten Geschichte' dennoch in starkem Maße Faktoren 'subjektiver' Wahrnehmung, Voreinstellung und Begriffsbildung, nämlich verschiedenartige Formen historischen Existenzbewußtseins, geschichtsphilosophischer Modellvorstellungen und arbeitsleitender Maximen wissenschaftlicher Arbeit auf die Erforschung und Darstellung 'Alter Geschichte' auswirken können. Zunächst soll dies verdeutlicht werden durch die folgende

ÜBUNG A.

AUFGABEN:

Sehen Sie den nachfolgenden Text unter folgenden Fragestellungen durch:

a) Welche Bedenken hat der Autor gegen den üblichen Terminus 'Geschichte der Alten Welt'? Mit welchen Kategorien beschreibt er stattdessen diesen historischen Gegenstand?

b) Wie grenzt er die Geschichte der Antike von der Geschichte anderer alter Kulturen ab, und in welcher Beziehung steht ferner in seiner Sicht die Geschichte der Antike zu der späterer Epochen?

c) Welche Rahmenbedingungen althistorischen Geschehens hebt er besonders hervor, und welche Nachbarwissenschaft der Disziplin 'Alten Geschichte' hat dafür Bedeutung?

d) Welche Hauptepochen und -'schauplätze' sieht Mommsen in der Alten Geschichte? Wodurch unterscheidet sich für ihn die griechische von der römischen Geschichte? Warum fügt Monnsen dem 1. Band seiner 'Römischen Geschichte' eine 'Militärkarte Italiens' bei?

e) Welche von Mommsen in seinen Ausführungen verwendeten Begriffe erscheinen Ihnen aus irgendwelchen Gründen heute problematisch oder unüblich?

Theodor Mommsen, Grundgedanken zu einer Darstellung der Römischen Geschichte.

Entnommen aus: Theodor Mommsen, Römische Geschichte, 1. Band, Bis zur Schlacht von Pydna. 1. Abteilung. 5. Auflage. Mit einer Militärkarte von Italien, Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1868, Einleitung, S. 3 - 7.


LÖSUNGSHINWEISE.

Begriffsklärungen.

Geprägt von dem Doppelcharakter historischen Erkennens als 'objektiv' bedingten und 'subjektiv' geformten sind bereits grundlegende Begriffsbildungen für historisches Arbeiten, welche das 'Wesen historischer Existenz', das 'Wesen der Geschichte' im Verhältnis zur 'Gegenwart' und 'Zukunft', die Aufgaben und Kompetenzen geschichtsbezogener 'Philosophie' und 'Wissenschaft' und, soweit es um die 'Altertumsgeschichte' geht , auch das Wesen der 'Altertumskulturen' - in Abgrenzung von der Kulturen späterer Epochen und anderer Art und der 'antiken' Altertumskulturen - in Abgrenzung von Altertumskulturen anderer Weltregionen - betreffen. Da wissenschaftliche Begriffsbildung stets auch ein Vorgang aktiven geistigen Gestaltens - gewissermaßen der 'Handwerkzeuge' des Erkennens - ist, sind , gerade bei Begriffsbildungen der erwähnten Art, unterschiedliche Lösungen und Gestaltungen möglich. Es bedarf daher einer Klarstellung, welche Positionen der Historiker begrifflich einnehmen will.

Eine solche Klarstellung wird im folgenden vorgenommen. Sie dient zwar nicht irgendeiner abschließenden Defintion oder gar dogmatischen Festgelegung, sondern - im Rahmen der wissenschaftlich denkbaren unterschiedlicher Positionen auf diesem Felde - nur der terminologischen Verdeutlichung der Auffassungen des Autors dieses Skripts. Andererseits ist sie aber für das geschichtswissenschaftliche Tun desjenigen, der ihr folgt, durchaus folgenreich. Das kann hier nicht im einzelnen ausgeführt werden. Einige Beispiele mögen es statt dessen aber verdeutlichen. Wenn im folgenden etwa 'Gegenwart' und 'Zukunft' zu einer 'Geschichte im weiteren Sinne' gehörig begriffen und definiert werden, so bedeutet dies eine ausdrückliche, wenn auch vorsichtige Ausweitung des traditionell üblichen Kompetenzbereichs der Geschichtswissenschaft auch auf gegenwarts- und zukunftsbezogene Beurteilungsaufgaben, jedenfalls soweit diese auf historisches Wissen abgestützt werden. Wenn ferner der 'öffentlichkeitsbezogene' Charakter geschichtswissenschaftlichen Tuns hervorgehoben wird, so wird damit auch eine prinzipielle wissenschaftliche Kompetenz und Verantwortung zum Eingriff in öffentliche Diskussionen behauptet, in welchen fehlerhafte und unvollständige geschichtliche Vorstellungen eine Rolle spielen. Wenn schließlich der Bereich einer 'antiken Altertumsgeschichte' - in Anlehnung an die Sichtweise Eduard Meyers - sehr weit gefaßt wird, nämlich unter Einbeziehung von fürher Hochkulturen, die heute üblicherweise eine separate wissenschaftlich-fachgebietliche Bearbeitung erfahren (Ägyptologie, Altorientalistik, Iranistik u. a.), so ist dies eine zwar konzeptionell schlüssige und gegenüber allzu großer Kleinteiligkeit von Fachgebietsbildungen überzeugende, aber wissenschaftspraktisch schwer realisierbare begriffliche Grundsatzentscheidung.

Existenz: Unter 'Existenz' seien verstanden

a) das Leben und die Wirksamkeit eines individuellen Menschen oder einer irgendwie abgegrenzten Menge von Menschen, bezogen auf die gesellschaftlichen Systeme des Handelns und Leidens in ihrer Zeit und auf deren Veränderung (Existenz der Menschen als Lebewesen in gesellschaftlichen Systemen),

b) das objektive (vom menschlichen Wollen und Wissen unabhängige) Sein gesellschaftlicher Systeme und ihre geschichtliche Veränderung (Existenz gesellschaftlicher Systeme).

Existenzbewußtsein: Unter 'Existenzbewußtsein' seien verstanden alle (substanzielleren) Formen individuellen oder kollektiven menschlichen Bewußtseins (Denkens und Sprechens) von der Existenz der Menschen und der gesellschaftlichen Systeme, einschließlich eines geschichtlich-gesellschaftlichen Selbstverständnisses einzelner Menschen oder abgegrenzter Menschenmengen.

Geschichte: Unter 'Geschichte' im engeren Sinne sei verstanden

a) die objektive Existenz vergangener gesellschaftlicher Systeme und in ihnen wirkender Menschen sowie ihre Veränderung und gegenseitige Beziehung, soweit sie für spätere Epochen Bedeutung haben (objektiver Geschichtsbegriff),

b) das Wissen von der objektiven Existenz vergangener gesellschaftlicher Systeme und in ihnen wirkender Menschen sowie von deren Veränderung und gegenseitiger Beziehung aus der Sicht späterer Epochen, für die sie Bedeutung haben (wissensbezogener Geschichtsbegriff).

Geschichte im weiteren Sinne schließt auch die Gegenwart und die Zukunft insoweit ein, als in ihnen die Vergangenheit maßstabsetzend und tendenzbestimmend fortwirkt und sie strukturell derselben Dynamik unterliegen wie die Vergangenheit (Historistischer Geschichtsbegriff). D. h.: Legitime Aufgabe des Historikers kann es sein, mit seinen Erkenntnisinteressen und Methoden auch die Gegenwart und die Zukunft wissenschaftlich zu bedenken.

Gegenwart: Unter 'Gegenwart' sei verstanden

a) die objektive Existenz bestehender gesellschaftlicher Systeme und in ihnen wirkender Menschen sowie ihre Veränderung und gegenseitige Beziehung, soweit sie für jetzt lebende Menschen irgendeine wchtigere normierende oder sonst lebensbestimmende Bedeutung haben,

b) das Bewußtsein von den Bedingungen des individuellen und kollektiven Lebens in bestehenden gesellschaftlichen Systemen, in deren Veränderungen und gegenseitigen Beziehungen.

'Gegenwart' ist als Teil eines weiter gefaßten, sogar die Zukunft einbegreifenden Geschichtsbegriffs zu verstehen.

Altertum im weiteren und im engeren Sinne (Antike): Unter 'Altertum' seien verstanden

a) diejenigen Epochen der Geschichte, in denen sich - unabhängig voneinander - in verschiedenen Weltregionen hochkulturelle Gesellschaftssysteme (Hochkulturen) bilden und entwickeln, solange die Unabhängigkeit der Entwicklung jeweils bestehen bleibt (Altertum i. w. S.)

b) diejenigen Epochen der Geschichte, in denen sich im vorderorientalisch-mediterranen Raum - ohne wesentlichen Kontakt zu der Entwicklung in anderen Weltregionen - hochkulturelle Gesellschaftssysteme (Hochkulturen) bilden und entwickeln (Altertum i. e. S., 'Antike'). Innerhalb dieser Epochen wird üblicherweise eine 'frühe' von einer 'klassischen' Antike (Geschichte der griechisch und der römisch bestimmten Hochkulturzone im vorderorientalisch-mediterranen Raum)) unterschieden.

Philosophie: Unter 'Philosophie' seien verstanden alle Formen grundsätzlichen, methodischen, systematischen und wahrheitsorientierten Nachdenkens über die Bedingungen, den Sinn und die Ziele der Existenz von Menschen und Gesellschaften.

Geschichtsphilosophie: Unter 'Geschichtsphilosophie' seien verstanden alle Formen grundsätzlichen, methodischen, systematischen und wahrheitsorientierten Nachdenkens über die Bedeutung, die die geschichtliche Vergangenheit für die Bedingungen, den Sinn und die Ziele der Existenz von Menschen und Gesellschaften hatte und hat.

Geschichtsschreibung: Unter 'Geschichtsschreibung' seien verstanden alle Formen der absichtlichen schriftlichen Mitteilungen eines Autors über Themen der 'Geschichte' im objektivbezogenen und im wissensbezogenen Sinne.

Wissenschaftliche Geschichtsschreibung: Unter 'wissenschaftlicher Geschichtsschreibung' seien verstanden alle Formen der Geschichtsschreibung, welche (im wesentlichen) das Ziel verfolgen und erreichen, eine geschichtliche Darstellung auf der Grundlage umfassend-heuristischer (d. h. weder parteiischer noch unmethodischer), quellenkritischer und in der Reflexion und Bestimmung der Erkenntnisgrundlagen uneingeschränkt wahrheitsbezogener Forschungs- und Darstellungsverfahren zu geben und wissenschaftlich-souverän gegenüber fehlerhaft und unvollständig ertscheinendenen historischen Erkenntnisformen anderer Provenienz öffentlich zu vertreten.

Kulturformationen, frühe Hochkulturen, Altertum, Antike.

Als 'Kulturformation' sei bezeichnet eine nach religiösen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen, technologischen, epistemischen und sprachlichen Standards, Traditionen und Institutionen abgrenzbare Organisation großer (volksartiger) menschlicher Populationen.

Unter 'Hochkultur' sei verstanden eine nach politischer Organisation, wirtschaftlich-sozialer Differenzierung, Geisteskultur und Technologie vergleichsweise (d. h. im Vergleich mit anderen gleichzeitigen, benachbarten Kulturformationen ihrer Weltregion) weit fortentwickelte Kulturformation.

Als 'frühe' Hochkulturen sollen bezeichnet werden alle vergleichsweise weit fortenwickelten Hochkulturen, welche sich lediglich in bestimmten Regionen der Erde ausbilden, entwickeln und verbreiten, ohne irgendeine wesentliche Vernetzung mit hochkulturell gepägten, weit entfernten Regionen der Erde zu erfahren.

Die Geschichte dieser 'frühen Hochlulturen' läßt sich als 'Altertum' oder 'Altertungsgeschichte' bezeichnen.

Unter 'antiker' Altertumsgeschichte sei - bei weitem Begriffsgebrauch - die gesamte frühe Hochkulturgeschichte des gesamten vorderorientalisch-mediterranen Raums - nicht nur die griechisch und die römisch geprägte Geschichte in dieser Weltregion - verstanden. Antike Altertumsgeschichte auch in diesem weiten Sinne ist nur eine unter mehreren 'Altertumsgeschichten' auf der Welt. Wie im entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang mit diesen, so sie auch im Zusammenhang mit einer jeweils synchronen Geschichte solcher benachbarter oder hochkulturell eingeschlossener Kulturformationen zu sehen, die nicht-hochkulturellen Charakter haben.

Übersichten.

Kulturformationen auf der Welt von 1000 v. Chr. bis 1000 n. Chr.

um 1000 v. Chr.

um 500 v. Chr.

um Christi Geburt

um 1000 n. Chr.

Karten entnommen aus:J. W. Lethwaite und Andrew Sherratt, Vergleichende Chronologien, in: Andrew Sheratt (Hg.), Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie (The Cambridge Encyclopedia of Archaeology). Aus dem Englischen übertragen von C. Bruder u. v. a., München 1980, S. 433 ff. (447 - 451).

2. Zu den Formen historischen Existenzbewußtseins der Gegenwart.

Soweit Menschen im mitteleuropäischen Raum unserer Zeit Interesse für die Geschichte aufbringen, pflegen sie dies nicht primär in wissenschaftlicher Absicht zu haben, und die Geschichte irgendeines Altertums spielt dabei außerdem in der Regel keine bemerkbare bewußte Rolle. Im Vordergrund geschichtlichen Bewußtseins stehen aus unterschiedlichen Gründen des individuellen oder kollektiven Lebensschicksals biographische, familien- und verwandtschaftsgeschichtliche, orts- und heimatgeschichtliche, öfters auch national- und zeitgeschichtliche Interessen. Hinzukommen kommen manchmal Interessen an der selbst miterlebten Geschichte des beruflichen Arbeitsfeldes oder des eigenen gesellschaftlichen Milieus und seiner Institutionen, ferner bestimmter religiöser, ethnischer, sprachlicher oder kultureller Traditionen, denen man zugehört oder die man auf Reisen oder anders kennengelernt hat. Diese Arten des Geschichtsbewußtseins sind typischerweise bruchstückhaft, öfters undeutlich und ohne Quellenbezug, einseitig in dem, was bekannt ist und wichtig erscheint, und in den meisten ihrer Elemente eher gegenwartsnah. Ein bewußtes Interesse etwa für das Mittelalter oder die Antike ist ebenso exzeptionell wie das für fremde Völker und Kulturen, auch wenn das Fremdartige als solches faszinierend oder unterhaltsam wirken und Interesse an mehr Information wecken kann; dafür gibt es im Bereich der in unserer Zeit oftmals publikumswirksam arrangierten musealen Ausstellungen und medial vermittelten Geschichtspräsentationen zahlreiche Belege.

Teilweise kann es sich dabei auch um Veranstaltungen historischer Bildung im engeren wissens- und erkenntnisorientierten Sinne handeln, welche irgendeine Verbesserung historischer Übersicht, irgendeine Systematisierung der historischen Fragestellungen, irgendeine gebotene Quellenkritik.und -fundierung oder irgendeine methodische Verbesserung historischen Erkenntnisgewinns zum Ziele hat. Derartige historische Bildungziele - als Teil umfassenderer Jugend- oder Erwachsenenbildungskonzepte - sind typischerweise der schulischen Ausbildung zugeordnet, allerdings nur soweit diese Geschichtskenntnis vermitteln will und kann. Im allgemeinen liegen dem heutigen Schulsystem stark berufs- und praxisbezogene Bildungskonzepte zugrunde, in denen historische Kenntnissen wegen der anderen, ebenfalls vermittelnden Stoffe eine sehr stark neuzeit-, zeit- oder gegenwartsgeschichtliche Akzentuierung zu erfahren pflegen.

Im Umkreis der Politik - in ihren stets verschiedenartigen, teilweise gegeneinander gerichteten Formen -pflegen, wie man heute zu sagen pflegt, 'geschichtskulturell' oder gar 'geschichtspolitisch' geformte Typen historischen Existenzbewußtseins zu entstehen: Typen kollektiven Geschichtsbewußtseins, die zugleich Teil eines thetorisch-systematisch verbreiteten und geformten 'politisch-öffentlichen Bewußtseins' sind und in sich wichtige Begründungen politischen Denkens und Tuns in Gegenwart und Zukunft enthalten. Es handelt sich dabei zwar nicht notwendigerweise um etwas wissenschaftsethisch oder intellektuell-normativ zu Verwerfendes, soweit jedenfalls Prinzipien wissenschaftlicher Heuristik, Dialektik und Systematik darin uneingeschränkt Gültigkeit haben und behalten können. Allerdings geht die Tendenz 'geschichtskultureller' oder 'geschichtspolitischer' Geschichtsuntersuchung und -darstellung - gerade, wenn sie sich dem politischen Kampf eng verbunden fühlt - oftmals doch auf eine Verdrängung oder fehlerhafte Gewichtung von Quellen, auf die Ausblendung wissenschaftlicher Kontroversen, auf die Vermittlung harmonisierter Geschichtsbilder, kurz: vor allem auf die pragmatische Herbeiführung von politischem Handeln und auf die Begründung politischer Loyalitäten, bzw. auf eine 'historische Demoralisierung' einer politischen Gegenseite und die Destruktion einer ideellen Loyalität ihr gegenüber hinaus. Dieses Thema wird in Kap. 6 dieses Skripts ('Althistorisch bedeutsame Geschichtsideologien und ihre Kritik'), soweit die 'Alte Geschichte' betroffen ist, eingehender erörtert werden.

In den typischen Formen eines 'lebenspraktisch entstehenden' ebenso wie eines 'schulisch vermittelten' und auch eines 'geschichtskulturellen' heutigen historischen Wissens und Existenzbewußtseins, das man teils fragmentarisch und horizontbegrenzt, teils 'modernistisch' nennen kann, ist die objektive und objektiv allgegenwärtige wirkungsgeschichtliche Bedeutung gerade der älteren Epochen der Menschheitsgeschichte für religiöse, politische, soziale, wirtschaftliche, rechtliche, ethnische, sprachliche und kulturelle Grundstrukturen der gesellschaftlichen Ordnung, man kann auch sagen: für ihre fundamentalen 'traditionsbestimmten' Grundmuster, kaum präsent. Allerdings gibt es gelegentlich davon auch bememerkenswerte Ausnahmen, die sich jedoch in der Regel als durch Bedürfnisse einer Gegenwart nach Traditionsfundierung, welcher Art auch immer, begründet herausstellen, wenn man sie genauer prüft.

Dem gegenüber die 'Alte Geschichte' für die historische Erklärung späterer Geschichte möglichst umfassend und gründlich zugänglich zu halten bzw. zu machen, ist Aufgabe der Geschichtswissenschaft, soweit sie sich mit der Geschichte der Kulturen des Altertums und der mittelalterlichen Epochen des Übergangs zu einer 'vernetzten Weltgeschichte' befaßt. Der Zugang auch des Wissenschaftlers zu den älteren Epochen der Menschheitsgeschichte ist dabei wegen seiner Einbindung in die Handlungssysteme und Denkweisen seiner Zeit und seines Lebensraums notwendig 'gegenwartsbestimmt'. Das kann - wie überall in der Geschichtsschreibung - zu perspektivischen Verzerrungen, unpassenden Begriffsbildungen, Unter- oder Überbewertungen, ja zu Verdrängung, Blindheit und Illusionen bei der historischen Urteilsbildung führen. Eine völlig wirksame Sicherung erkenntniskritischer oder methodischer Art gibt es nicht dagegen, wie die Wissenschaftsgeschichte auch der sorgfältigst betriebenen Geschichtswissenschaft aus der Sicht späterer Epochen immer wieder zeigt. Das gilt nicht nur für die wissenschaftliche Geschichtsschreibung über neuere Geschichtsepochen, sondern auch, ja in besonderem Maße auch für die über das Altertum; denn 'das Altertum' erscheint aus verschiedenen wirkungsgeschichtlichen Gründen auch heute noch - trotz aller Modernität neuer Geschichte - notfalls, wenn es nichts anderes gibt, an das man sich halten kann, als Autorität und Lehrmeister der 'modernen', gegenwärtigen Welt. So betrachtet, kann seine Kenntnis aber leicht auch einmal in die Irre führen.

Aus diesem Grunde gibt es für den Historiker die Notwendigkeit, eine begründete, kritische, ja skeptische Position zu sogenannten 'Grundpositionen' geschichtswissenschaftlichen Denkens auch für die Altertumsgeschichte zu gewinnen.

Alltägliches und wissenschaftliches Geschichtsbewußtsein. Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 18 - 23 (Auszug aus dem Beitrag 'Geschichte und Existenz').

3. Zu heutigen Formen der Geschichtsphilosophie für das Altertum und ihren Traditionen.

Übung B.

AUFGABEN:

Lesen Sie den nachfolgenden Text aufmerksam durch und beantworten Sie dann folgende Fragen:

a) Welcher Zeit würden Sie den Text nach der in ihm verwendeten Schriftsprache und Gedankenführung zuordnen? Versuchen Sie, den Autor namhaft zu machen. Was wissen Sie über diesen?

b) In welchem Horizont erscheint dem Autor die Geschichte der 'Alten Welt'? Welches Modell ihrer Entwicklung legt er zugrunde? In welchem Verhältnis steht - legen Sie nur den vorliegenden Textauszug zugrunde - bei dem Autor die Geschichte der Alten Welt zu der auf sie folgenden Geschichte?

c) Wie versucht der Autor, einzelne Altertumskulturen zu charakterisieren? Was erscheint Ihnen aufgrund Ihres gegenwärtigen Wissens daran einseitig oder sonst unrichtig? Welche Einwände hat der Autor selbst gegen sein Verfahren der Darstellung? Was sind wiederum dessen Vorzüge?

Zur Bedeutung der menschlichen Geschichte - und darin der Altertumskunde - im Rahmen des menschlichen Wissens. Stichworte aus Denis Diderot, Prospekt der Enzyklopädie.

Enstanden um 1750. Text entnommen aus: Denis Diderot, Enzyklopädie. Philosophische und politische Texte aus der 'Encyclopédie' sowie Prospekt und Ankündigung der letzten Bände. Mit einem Vorwort von Ralph-Rainer Wuthenow, München 1969, S. 54 - 57.

Das Altertum und die Lebensalter der Menschheit. Johann Gottfried Herder, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, 1. und 2. Abschnitt (Auszüge).

Entstanden um 1774. Text entnommen aus: Johann Gottfried Herder, Gesammelte Werke, 2. Bd., Leben, Volk, Geschichte, hg. und eingeleitet von Prof. Dr. Franz Schultz, Potsdam, Lepzig um 1942, S. 47 ff. (47, 50 - 52, 54 - 57, 59 f., 65 - 67, 69 - 71, 73, 74 - 77 , 92).

Zur Stufenfolge des Geistes in der Weltgeschichte. Aus: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte.

Entstanden zwischen 1822 - 1831. Text entnommen aus: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ausgewählte Texte. Zusammengestellt und eingeleitet von R. O. Gropp, Berlin 1964, Bd. II. S. 31 - 33.

Die Antike im Rahmen einer Völker- und einer Weltgeschichte. Leopold von Ranke, Vorrede zur 'Weltgeschichte'.

Entstanden um 1880. Text entnommen aus: Leopold von Ranke, Weltgeschichte. Erster Theil. Die älteste historische Völkergruppe und die Griechen, Leipzig 1881 2, S. III - VIII, zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.179 - 184.

Altertumsgeschichte im Zusammenhang vergleichender Kulturkreisgeschichte. Aus Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte.

Vorliegender Textauszug enstanden um 1934. Entnommen aus: Arnold J. Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte (A Study on History, 1934, 1939 und 1946 ff., 10 Bände). Ins Deutsche übersetzt von Jürgen von Kempski, 2 Bde., München 1973 2, Bd. 1, 1, S. 33 - 46.

Frühes Altertum, Achsenzeit und Entfaltung der Weltgeschichte. Aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.

Entstanden um 1949. Text entnommen aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 68 - 80.

Vorgeschichte, Geschichte und Nachgeschichte. Aus: Ernst Nolte, Historische Existenz.

Entstanden um 1998. Text entnommen aus: Ernst Nolte, Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?, München, Zürich 1998, S. 17 - 26.

5. Zu heutigen Formen geschichtswissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Altertum und ihren Traditionen.

Wie oben zu 1. schon dargelegt, sind bei der Charakterisierung der wissenschfatlichen Arbeit eines Historikers drei Bereiche vorgängiger grundsätzlicher Einstellungen zu berücksichtigen:

a) sein 'historisches Existenzbewußtsein', d. h. das ihm i. S. der oben gegebenen Begriffserläuterungen eigene 'individuelle und kollektive Existenzbewußtsein', soweit es sich auf 'Geschichte' und 'Gegenwart' (Geschichte im weiteren Sinne) bezieht,

b) seine geschichtsphilosophischen Modellvorstellungen i.S. der oben gegebenen Begriffserläuterung von 'Geschichtsphilosophie' von dem geschichtlichen Gegenstand, mit dem er sich als Historiker vefaßt - bei Althistorikern der Geschichte des Altertums im weiteren oder engeren Sinne - , und

c) seine erkenntnistheoretischen, kategorienbildenden und methodischen Grundannahmen über die Vorgänge historischer Erkenntnis und Darstellung.

In unterschiedlicher Form und Gewichtung verbinden sich diese Gruppen von Einstellungen in den Motiven und den tehmatischen Affinitäten, der Stoffauswahl und den Methoden verschiedener Historiker und pflegen dabei zu 'Typen' Wissenschaftlerprofilen zu führen.

Typenbildend pflegt etwa die Frage zu sein, welche Bedeutung der wissenschaftlich betriebenen historischen Erkenntnis im Rahmen der Deutung und praktischen Beeinflussung gegenwärtiger und zukünftiger Verhältnisse, etwa in Politik und Kultur, nach Auffassung des Wissenschaftlers oder derihn anleitenden Institution zukommen soll. Was die 'Alte Geschichte' betrifft, reicht das Typenspektrum dabei von 'reiner Administration und ständig differenzierenden Mehrung des Wissens über das Altertum' bis zur Geschichtsforschung und - darstellung im Dienste gegenwärtig wirksamer politischer Programme oder gesellschaftlicher Ideoilogien.

Typenbildend ist heute auch die Frage nach dem fachgebietlichen Umfang einer 'Altertumsgsgeschichte' und ihrer teildisziplinären Binnenstruktur. Hier geht das Spektrum von 'antiquarischer Geschichte der griechischen und römischen Antike' bis zu einer strukturell vergleichenden Altertumsgeschichte des verschiedenen Weltregionen.

Auch über der Akzeptanz geschichtswissenschaftlicher Grundbegriffe kommt es zu Typenbildungen. Zwischen der Annahme grundbegrifflicher Konstanten für die menschliche Geschichte, was zum Beispiel kulturanthropologische Gegebenheiten oder kulturgeschichtliche Evolutionsphasen betrifft, und einer aus wissenschaftsgeschichtlicher Erfahrung mit der 'Veränderlichkeit' geschichtsbezogener Grundbegriffe und Regelannahmen grundsätzlichen Begriffskritik und -skepsis sind heute verschiedene Typen des geschichtsbezogenen Kategoriengebrauchs denkbar.

Heutige Typen geschichtswissenschaftlicher Beschäftigung mit der Alten Geschichte: Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 26 - 31 (Auszug aus dem Beitrag 'Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte').

6. Materialien des Kapitels.

Exemplarische Texte:

Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 18 - 23 und 26 - 31.

Denis Diderot, Enzyklopädie. Philosophische und politische Texte aus der 'Encyclopédie' sowie Prospekt und Ankündigung der letzten Bände. Mit einem Vorwort von Ralph-Rainer Wuthenow, München 1969, S. 54 - 57.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ausgewählte Texte. Zusammengestellt und eingeleitet von R. O. Gropp, Berlin 1964, Bd. II. S. 31 - 33.

Johann Gottfried Herder, Gesammelte Werke, 2. Bd., Leben, Volk, Geschichte, hg. und eingeleitet von Prof. Dr. Franz Schultz, Potsdam, Lepzig um 1942, S. 47 ff. (47, 50 - 52, 54 - 57, 59 f., 65 - 67, 69 - 71, 73, 74 - 77 , 92).

Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 68 - 80.

Theodor Mommsen, Römische Geschichte, 1. Band, Bis zur Schlacht von Pydna. 1. Abteilung. 5. Auflage. Mit einer Militärkarte von Italien, Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1868, Einleitung, S. 3 - 7.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.179 - 184.

Ernst Nolte, Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?, München, Zürich 1998, S. 17 - 26.

Leopold von Ranke, Weltgeschichte. Erster Theil. Die älteste historische Völkergruppe und die Griechen, Leipzig 1881 2, S. III - VIII.

Arnold J. Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte (A Study on History, 1934, 1939 und 1946 ff., 10 Bände). Ins Deutsche übersetzt von Jürgen von Kempski, 2 Bde., München 1973 2, Bd. 1, 1, S. 33 - 46.

Medien:

Militärkarte von Italien. Aus: Theodor Mommsen, Römische Geschichte, 1. Band, Bis zur Schlacht von Pydna. 1. Abteilung. 5. Auflage. Mit einer Militärkarte von Italien, Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1868, Anhang.

J. W. Lethwaite und Andrew Sherratt, Vergleichende Chronologien, in: Andrew Sheratt (Hg.), Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie (The Cambridge Encyclopedia of Archaeology). Aus dem Englischen übertragen von C. Bruder u. v. a., München 1980, S. 433 ff. (Schaubilder S. 447 - 451).

LV Gizewski SS 2004.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .