Kap. 2: Erkenntnistheorie, wissenschaftliche Kategorienbildung und Methodologie der Geschichtswissenschaften im allgemeinen.

INHALT.

1. Übersicht: Der wissenschaftliche Charakter der Geschichts- als Geisteswissenschaften.

2. Zur Entwicklung einer 'Historik' im Zusammenhang mit den Fragen einer geschichtsbezogenen 'Erkenntnistheorie'.

Übung A.

3. Zu den besonderen 'ontischen' Strukturen historischer Phänomene.

Übung B.

4. Zur Möglichkeit und Genauigkeit von Begriffen bei der Erfassung historischer Phänomene.

5. Zur Systematik historischer Grundbegriffe.

6. Übersicht über Themen und Perspektiven einer heutigen 'Wissenschaftstheorie der Geschichtswissenschaften'.

7. Materialien des Kapitels.

1. Übersicht: Der wissenschaftliche Charakter der Geschichts- als Geisteswissenschaften.

1. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte muß grundsätzliche Fragen klären, die

a) den Charakter ihres spezifischen Gegenstands 'Geschichte' als Teil des Wirklichen, d. h. die 'ontischen Strukturen' ihres Gegenstands,

b) die Möglichkeiten methodisch-objektiverender und wahrheitsentsprechender Erkenntnis und Mitteilung über diesen Gegenstand,

c) die Eigenart historischer Aussagen und Begriffe, d. h. 'allgemeiner' und 'konkret-einzelfallbezogener' Sätze und dauernder ('geschichtsanthropologischer) ebenso wie dynamischer und differenzierungsgeneigter ('historistischer') Begriffsbildungen, und ihre Systematik

betreffen.

2. Die Gegenstände der geschichtlichen Welt sind als 'Objektivationen des menschlichen Geistes' (W. Dilthey) Teil der realen Welt, d. h. sie sind nicht reine Gedankengebilde ohne Realitätsbezug. Die objektive Existenz vergangener gesellschaftlicher Systeme und in ihnen wirkender Menschen sowie ihre Veränderung und gegenseitige Beziehung, soweit sie für spätere Epochen Bedeutung haben ('objektiver Geschichtsbegriff'; siehe Kap. 1) kommt damit prinzipiell als Gegenstand wahrheitsorientierter Erkenntnis in Betracht. Die Beschäftigung mit diesem ist weder wesensgemäß 'Kunst' noch 'beliebig' in ihren Aussagen.

3. Weder die 'Vergangenheit' der Gegenstände der Geschichte noch ihr weitgehend dynamisch-evolutiver und differenzierungsgeneigter - eben 'geschichtlicher' - Charakter noch die perpektivisch-selektive Weise ihrer Wahrnehmung schließen prinzipiell aus, daß sinnvolle und wahre Aussagen über Geschichtliches gemacht werden können. Die Methoden der Geschichtswissenschaft müssen jedoch ihrem Gegenstand, den 'Geistesobjektivationen', angemessen sein; sie sind 'geisteswissenschaftlicher' Art.

4. Sie lassen sich einteilen in die Methoden

a) zur Auffindung von 'Quellen', d. h. von menschlich erzeugten Äußerungen und Resten der Vergangenheit, die prinzipiell Deutungen und Schlußfolgerungen historisch interessanter Art zulassen (Heuristik),

b) zur kritischen, systematischen und widerspruchsoffenen Überprüfung der Aussagetauglichkeit von 'Quellen' (Kritik, Dialektik, Systematik), zur Deutung der Quellen und zur rekonstruktiven Erschließung von Aussagen über die sie erzeugenden historischen Akteure und bedingenden Systemzusammenhänge (Hermeneutik).

5. Geschichtswissenschaftliche Begriffe sind nicht rein 'idiographischer' Art (Rickert); d. h. sie sind nicht auf die Erfassung konkret-individueller Fallkonstellationen, Abläufe, Handlungen und Tatsachen beschränkt, sondern erfassen im Gegenteil oftmals, vor allem in grundsätzlicheren historischen Fragestellungen, Regelstrukturen allgemeinerer und dauerhafterer Art (z. B. 'die Polis Athen', 'die römische Republik', 'den römisch-karthagischen Konflikt', 'das römische Recht', 'die lateinische Sprache', 'das Christentum', 'die Völkerwanderung'), aus denen sich historische Abläufe, Geschehnisse, Handlungen und Tatsachen erklären lassen. Diese für geschichtswissenschaftliche Erkenntnis wesentlichen allgemeineren und dauerhafteren Regelstrukturen haben zwar nicht den Charakter von 'Naturgesetzen', wohl aber den relativ konstanter, den menschlichen Individuen vorgegebener 'Systemzusammenhänge', welche des menschliche Leben zu ihrer Zeit und in ihrem Einflußbereich nachhaltig bestimmen.

6. Historische Phänomene zu erfassen, bedarf es zwar einerseits des 'Verstehens' als gedanklicher Operation des menschlichen Geistes zur einfühlenden, erklärenden und übersetzenden Erschließung 'fremder' Sinnesäußerungen. Andererseits gibt es in der Geschichte aber viel 'Unverständliches', Sinnloses und den Erwartungen und Absichten historischer Akteure Widersprechendes, das dennoch einer gewissen, wenn auch 'nicht-verstehenden' Erklärung zugänglich ist. Es wäre daher einseitig, wissenschaftlich-historische Begriffs- und Aussagebildungen nur als 'forschend-verstehende' (Droysen) zu definieren.

7. Im Mittelpunkt geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis stehen die größeren Systemzusammenhänge der 'Völker', 'Staaten und 'Kulturen' und deren Interaktion. Diese ist imVerlaufe der geschichtlichen Entwicklung der verschiedenen Teile der Menschheit bis zur heutigen Gegenwart hin immer intensiver geworden und kann als 'Weltgeschichte' bezeichnet werden. Es gibt keine prinzipiell durchgreifenden Einwände gegen die Annahme 'großer' Systemzusammenhänge historischen Geschehens ('Holismus'-Kritik K. Poppers), wenn der vielfach hypothetische Charakter der einzelnen Aussagen über sie anerkannt wird und auf sie bezogene Forschungsfragestellungen methodisch klar zu stellen und realitätsbezogen zu beantworten sind.

2. Zur Entwicklung einer 'Historik' im Zusammenhang mit den Fragen einer geschichtsbezogenen 'Erkenntnistheorie'.

Übung A.

AUFGABEN:

Beantworten Sie im Hinblick auf den nachfolgenden Text von Johann Gustav Droysen folgende Fragen:

a) Was wissen Sie über die wissenschaftlichen Leistungen des Autors?

b) Was versteht Droysen unter 'Historik', und welche Motive gibt er als Motive für seine schriftliche Darstelllung an?

c) Wieso haben Droysens Überlegungen Bedeutung für die Einordnung der Geschichtsschreibung als Wissenschaft?


Droysens Motive und unterschiedliche Gliederungskonzepte für seine 'Historik'.

Übersicht entnommen aus::

Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, Inhaltsverzeichnis und S. 415 - 420 (Vorworte und Einführung zur letzten Druckfassung des 'Grundrisses der Historik' [1882]).

3. Zu den besonderen 'ontischen' Strukturen historischer Phänomene.

Übung B.

AUFGABEN:

Lesen Sie den nachfolgenden Text von Wilhelm Dilthey sorgfältig durch und fassen sie seine Grundgedanken in Ihre Sprache.

a) Was wissen Sie über die wissenschaftlichen Leistungen des Autors?

b) Was versteht Dilthey unter 'Objektivationen des Lebens'? Welche Art von Realität haben sie im Unterschied zu 'Naturphänomenen'? Welche Möglichkeit des Erkennens und Beschreibens solcher 'Objektivationen des Lebens' sieht Dilthey? Wodurch unterscheidet sie sich ihre von anderen Formen der Erkenntnis?

c) Wieso haben Diltheys Überlegungen Bedeutung für die Einordnung der Geschichtsschreibung als Wissenschaft?


'Objektivationen des Lebens' als Seinsstruktur des Geschichtlichen und Gegenstand des geisteswissenschaftlichen Verstehens: Aus: Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften.

Entstanden um 1910. Text entnommen aus: Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einleitung von Manfred Riedel, Frankfurt M. 1970, S. 177 - 180.

4. Zur Möglichkeit und Genauigkeit von Begriffen bei der Erfassung historischer Phänomene.

Zur Unmöglichkeit, die 'Geschichte oder die Gesellschaft als ganze' zu fassen: Aus Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus.

Enstanden um 1944. Text entnommen aus: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus [engl.: The Poverty of Historicism], 4. Auflage. Unveränderter Nachdruck des 3.,verbesserten Auflage. Ins Deutsche übersetzt von Leonhard Walentik, Tübingen 1974 4, S. 64 f.

Dogmatisch-schematische und skeptisch-differenzierende historische Begiffsbildung: Friedrich Engels, Briefe über materialistische Geschichtsinterpretation, Engels an P. Ernst, London, 5. Juni 1890.

Text entnommen aus: Karl Marx - Friedrich Engels. Studienausfgabe in vier Bänden, hg. von Iring Fetscher, Frankfurt M. 1978, Bd. 1: Philosophie, S. 223 - 225.

Drei Einwände gegen die Möglichkeit historischer Erkenntnis. Aus: Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte.

Text entnommen aus: Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte . Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Behrens, (1965) Frankfurt M. 1974, S. 36 - 52.

5. Zur Systematik historischer Grundbegriffe.

Ansätze einer 'Systematik historischer Kategorien'. Aus: Johann Gustav Droysen, Historik.

Text entstanden um 1857. Entnommen aus: Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 290 - 298.


Text entnommen aus: Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Teilband I,1, Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 197 - 200.

6. Übersicht über Themen und Perspektiven einer heutigen 'Wissenschaftstheorie der Geschichtswissenschaften'.

Zu aktuellen Fragen einer Wissenschaftstheorie für historisches Arbeiten. Aus: Kurt Hübner, Grundlagen einer Theorie der Geschichtswissenschaften.

Entnommen aus: Kurt Hübner, Grundlagen einer Theorie der Geschichtswissenschaften, in: Roland Simon-Schaefer, Walter Ch. Zimmerli (Hg.), Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften. Konzeptionen, Vorschläge, Entwürfe, Hamburg 1975, S. 101 - - 133; Textauszug S. 101 - 116.

7. Materialien des Kapitels.

Exemplarische Texte:

Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, Inhaltsverzeichnis, S. 190 - 198 und 415 - 420 (Vorworte und Einführung zur letzten Druckfassung des 'Grundrisses der Historik' [1882]).

Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einleitung von Manfred Riedel, Frankfurt M. 1970, S. 177 - 180.

Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Teilband I, 1, Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 197 - 200.

Karl Marx - Friedrich Engels. Studienausfgabe in vier Bänden, hg. von Iring Fetscher, Frankfurt M. 1978, Bd. 1: Philosophie, S. 223 - 225.

Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus [engl.: The Poverty of Historicism], 4. Auflage. Unveränderter Nachdruck des 3.,verbesserten Auflage. Ins Deutsche übersetzt von Leonhard Walentik, Tübingen 1974 4, S. 64 f.

Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte . Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Behrens, (1965) Frankfurt M. 1974, S. 36 - 52.

Kurt Hübner, Grundlagen einer Theorie der Geschichtswissenschaften, in: Roland Simon-Schaefer, Walter Ch. Zimmerli (Hg.), Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften. Konzeptionen, Vorschläge, Entwürfe, Hamburg 1975, S. 101 - - 133; Textauszug S. 101 - 116.

LV Gizewski SS 2004.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .