Kap. 3: Gegenstand, Abgrenzung und Methoden einer 'Allgemeingeschichte des antiken Altertums' als wissenschaftlicher Disziplin.

INHALT.

1. Übersicht: Konstitutionsmomente der heutigen geschichtswissenschaftlichen Disziplin 'Allgemeingeschichte des Altertums'.

2. Zur historischen Herausbildung der Disziplin.

a) Grundlagen heutiger 'althistorischer Wissenschaft' in der Historiographie der Antike.

b) Zur humanistischen Neuentdeckung literarischer und anderer Quellen für das Altertum ('ad fontes').

c) Zur Entwicklung wissenschaftlicher Kritik an den Geschichtsquellen des Altertums.

d) Zur Trennung einer 'Allgemeingeschichte des Altertums' von einer 'Altphilologie' und einer musealen 'Altertumskunde' im Rahmen der Entwicklung geschichtsphilosophisch begründeter Perspektiven einer 'Weltgeschichte'. Ihre Verbindung mit der Allgemeingeschichte späterer Geschichtsepochen bis zur Gegenwart.

e) Zur Ausbildung wissenschaftstheoretischer Begründungen für eine Geschichtswissenschaft.

f) Zur Ausweitung des Altertumsbegriffs auf alte Hochkulturen außerhalb des Mittelmeerraums.

g) Zur Ausdifferenzierung besonderer Teilgebiete einer Allgemeingeschichte des Altertums.

h) Zur Notwendigkeit konkurrierender 'Nachbarwissenschaften' und ausdifferenzierter 'Hilfswissenschaften' füt die 'Allgemeingeschichte des Altertums'.

3. Zum heutigen wissenschaftlichen Profil einer historischen Wissenschaft 'Alte Geschichte'.

a) Zur Quellenstruktur und Heuristik im Bereich der Alten Geschichte.

ÜBUNG A.

b) Zur wissenschaftlichen Begrifflichkeit einer Geschichte des Altertums.

c) Die methodischen Prinzipien der Autopsie, Hermeneutik, Kritik, Dialektik und Systematik unter den besonderen Bedingungen der Alten Geschichte.

ÜBUNG B.

d) Zu den besonderen wissenschaftlichen Aufgaben, Abrenzungen und Problemen eines Fachgebiets 'Alte Geschichte' in der Gegenwart.

ÜBUNG C.

3. Materialien des Kapitels.

1. Übersicht: Konstitutionsmomente der heutigen geschichtswissenschaftlichen Disziplin 'Allgemeingeschichte des Altertums'.

1. Die wissenschaftlichen Prinzipien einer Wissenschaft von der Geschichte des israelitisch-jüdischen, des sonst vorderorientalischen., des griechischen und des römischen Altertums sind in der Historiographie der Antike in starkem Maße vorgeprägt

2. 'Alte Geschichte' ('Allgemeingeschichte des Altertums') ist in der europäischen Wissenschaftsgeschichte zunächst - in Mittelalter und Renaissance - weitgehend das aufgrund der literarischen Überlieferung aus der Antike übermittelte Wissen von der Geschichte des Alten Orients, der Griechen und der Römer. Sie ist damit zunächst vor allem eine philologisch bearbeitete Wissenschaft.

3. Seit der Renaissance beginnt die philologische Quellenkritik sich mit einer historischen Sachkritik am literarischen Überlieferungsbestand geschichtlichen Wissens aus der Antike auszuweiten. Diese Sachkritk verfolgt teilweise auch gegenwartsbezogen-applikative Aufgabenstellungen, etwa solche politischer Art.

4. Während dasWissen von der 'Antike' sowohl im Rahmen der der antiken Geisteskultur nahestehenden Philologie antiker Literaturen ('Altphilologie') als auch im Rahmen der von einer 'geschichtlichen' Menschwerdung Christi in römischer Zeit ausgehenden christlichen Theologie - bis heute - einen 'ideellen' Maßstab für die Bewertung und Gestaltung gegenwärtiger Geisteskultur, Bildung und Sittlichkeit ('Humanismus', 'Christentum') abzugeben pflegt, ist die Gesamtheit der den historischen 'Realien', Abläufen und Strukturen antiker Staaten, Völker und Zivilisationen gewidmeten 'allgemeingeschichtlichen' Studien eher ideen-pragmatisch, überlieferungs- und ideologiekritisch eingestellt. Dies ist ein wichtiger Grund für die stark unterschiedlichen wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungswege dieser Wissensgebiete.

5. Die Fülle und Vielfalt des aus allgemeingeschichtlichen Erkenntnisinteressen erschlossenen und bearbeiteten Quellenmaterials kann aber auch aus wissenschaftsorganisatorischen Gründen seit dem 19. Jhts. im Rahmen der 'Altphilologie' nicht mehr angemessen organisiert werden. Er kommt daher zu der Begründung eines besonderen Fachgebiets 'Alte Geschichte' und ferner zur 'Ausgründung' altertumsbezogener 'Hilfswissenschaften': der Chronologie, der Epigraphik, der Numismatik u. a. Die Herausbildung eines Fachgebiets 'Alte Geschichte' ist ferner motiviert durch die im 19. Jht. immer stärker werdenden Tendenzen einer Geschichtsschreibung der Neuzeit zur Herstellung eines 'universalgeschichtlichen' wissenschaftlichen Rahmens für die Bearbeitung der verschiedenen Geschtsräume und -epochen der Menschheit.

6. Neben der 'Alten Geschichte' entstehen seit dem 19. Jht. außerdem - teilweise stark 'altertumsbezogene' - 'Nachbarwissenschaften', die ihrem Selbstverständnis, ihrer Aufgabenstellung und ihren Methoden nach weder im wissenschaftlichen Rahmen einer antikenbezogenen 'Alten Geschichte' noch in dem der ebenfalls antikenbezogenen 'Altphilologie' Platz zu finden vermögen: Ägyptologie, Altorientalistik, Sinologie, Altamerikanistik, Indologie, Archäologie, Linguistik, Ethnologie u. a. (siehe Kap. 4).

7. Die teilweise philosophischen und wissenschaftstheoretischen, teilweise politisch-gesellschaftlichen - d. h. sowohl theoretisch als auch praktisch motivierten - Fragen an Geschichte und Geschichtswissenschaft führen seit J. G. Droysen zur Herausbildung und Ausdifferenzierung einer 'Historik', d. h. zu einer wissenschaftlichen Selbstbegründung der Geschichtswissenschaften als Geisteswissenschaften. Zu den Aufgaben einer Historik der 'Alten Geschichte' gehört auch die wissenschaftlich begründete, fachlich souveräne und ggf. immer wieder neuzugestaltende Selbstbestimmung der Grenzen und Zwecke des Faches und seines Verhältnisses zu seinen Hilfs- und Nachbarwissenschaften.

2. Zur historischen Herausbildung der Disziplin.

a) Grundlagen heutiger 'althistorischer Wissenschaft' in der Historiographie der Antike.

Merkmale griechischer Geschichtsschreibung, Aus: Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung.

Text entnommen aus:: Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart, Berlin, Köln 1990, S. 199 - 205 und S. 235 f.

b) Zur humanistischen Neuentdeckung literarischer und anderer Quellen für das Altertum ('ad fontes').

Die Antike als Leitbild humanistischer Bildung und Wissenschaft, Aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance.

Text entnommen aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance, in: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, (1961) München 1975, S. 511 ff. (517 - 522).

c) Zur Entwicklung wissenschaftlicher Kritik an den Geschichtsquellen des Altertums.

Die Entwicklung philologischer Text- zur historischen Quellenkritik im Humanismus am Beispiel Lorenzo Vallas. Aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance.

Text entnommen aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance, in: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, (1961) München 1975, S. 511 ff. (554f.)

d) Zur Trennung einer 'Allgemeingeschichte des Altertums' von einer 'Altphilologie' und einer musealen 'Altertumskunde' im Rahmen der Entwicklung geschichtsphilosophisch begründeter Perspektiven einer 'Weltgeschichte'. Ihre Verbindung mit der Allgemeingeschichte späterer Geschichtsepochen bis zur Gegenwart.

'Altphilologie' und 'Alte Geschichte' vor der Zellteilung einer umfassenden 'Altertumswissenschaft' humanistischer Tradition. Aus: Friedrich August Wolf, Darstellung der Alterthumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Werth.

Entstanden um 1807. Text entnommen aus: Friedrich August Wolf, Darstellung der Alterthumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Werth, in: Museum der Alterthumswissenschaften,, hg. von Friedrich August Wolf und Philipp Buttmann 1 (1807); ND in: Friedrich August Wolf, Darstellung der Alterthumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Werth, Berlin, Weinheim 1986, S. 3 ff. (144); zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 76 ff. (102 f.).

e) Zur Ausbildung wissenschaftstheoretischer Begründungen für die Geschichtswissenschaft, auch der Alten Geschichte.

'Dreiste Absichtlichkeit der Publizistik und raschfertiger Dilettantismus der Philosophie' als Begründung für die Notwendigkeit einer 'Wissenschaftslehre der Geschichte'. Aus: J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus (II).

Text entstanden um 1843. Entnommen aus: J. G. Droysen, Vorwort zur Geschichte des Hellenismus II (1843). In: Kleine Schriften zur Alten Geschichte. Bd. I, Lepzig 1893, S. 298 - 314. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 128 ff. (138 f.).

f) Zur Ausweitung des Altertumsbegriffs auf alte Hochkulturen außerhalb des Mittelmeerraums.

g) Zur historischen Entwicklung und sachlichen Notwendigkeit besonderer Teilgebiete einer Altertumsgeschichte.

Professionalisierung, Spezialisierung und interdisziplinäre Kooperation besonderer Fachgebiete einer Altertumsgeschichte i. w. S. Aus: Jan Assmann, Ägyptologie im Kontext der Geisteswissenschaften.

Text entnommen aus: Jan Assmann, Ägyptologie im Kontext der Geisteswissenschaften, in: Wolfgang Prinz und Peter Weingart u. a. (Hg.), Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten, Frankfurt M. 1990, S. 335 ff. (338 - 340 und 346 - 349).

2. Zum heutigen wissenschaftlichen Profil einer historischen Wissenschaft 'Alte Geschichte'.

a) Zur Quellenstruktur und Heuristik im Bereich der 'Alten Geschichte'.

ÜBUNG A.

AUFGABEN:

Im folgenden werden Ihnen ein Text und zwei Bilder vorgelegt. Beantworten Sie folgende Fragen:

a) Kommen der Text und die Bilder als Quellen für die Alte Geschichte in Betracht? Woran könnte man das erkennen? In welcher Zeit könnten sie entstanden sein?

b) Um wen geht es Ihrer Einschätzung nach? Handelt es sich um dieselbe Person oder nicht? Warum?

c) Welche spezifisch althistorischen Fragen können sich ggf. an das Ihnen vorliegende Material richten?

d) Welche anderen wissenschaftlichen oder nichtwissenschaftlichen Fragen lassen sich an das Material richten?



b) Zur wissenschaftlichen Begrifflichkeit einer Geschichte des Altertums.

Das Altertum in einem Schema der Weltgeschichte, Aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.

Entstanden 1949. Text entnommen aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 98 - 101.

c) Die methodischen Prinzipien der Autopsie, Hermeneutik, Kritik, Dialektik und Systematik unter den besonderen Bedingungen der Alten Geschichte.

ÜBUNG B.

AUFGABE:

Welche wissenschaftlichen Arbeiten legt ein primär geschichtstheologisch bedeutsamer Text wie der nachfolgende speziell einem Althistoriker auf, der ihn selbst richtig verstehen und interessierten Lesern unserer Zeit historisch verständlich machen will? Entwerfen Sie dafür, ohne sich allzu weitgehend mit der Lösung der Fragen zu befassen, ein Arbeitsschema.



d) Zu den besonderen wissenschaftlichen Aufgaben, Abrenzungen und Problemen eines Fachgebiets 'Alte Geschichte' in der Gegenwart.

ÜBUNG C.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den nachfolgenden Vortragstext des Althistorikers Alfred Heuß (1909 -1995) unter folgenden Fragen:

a) Wie grenzt Heuß das Fachgebiet 'Alte Geschichte' ab und aus welchen Gründen?

b) Worin genau sieht Heuß schwer lösbare Probleme seines Fachgebiets?

c) Was meint Heuß mit seinen Andeutungen über Dinge, die auf einem Symposium zu seinen Ehren nicht gesagt werden können?

d) Was ließe sich Ihres Erachtens gegenüber Heuß' Ausführungen evtl. ergänzen oder anders sehen?


Zur Lückenhaftigkeit des Wissens in der Alten Geschichte: Alfred Heuß, Vom Unbehagen des Althistorikers.

Text entstanden um 1986, Entnommen aus: Alfred Heuß, Vom Unbehagen des Althistorikers, in: J. Bleicken (Hg.), Symposion für Alfred Heuß, Kallmünz 1986, S. 85 - 92. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 773 - 383.

Der Krieg als gesellschaftsstrukturell wesentliches Moment antiker Geschichte. Aus: Moses I. Finley, Krieg und Herrschaft.

Text entstanden um 1984, und zuerst veröffentlicht in: HZ 259, 1984, S. 286 - 308. Entnommen aus: Moses I. Finley, Quellen und Modelle in der Alten Geschichte. Übersetzung ins Deutsche von Wilfried Nippel und Andreas Wittenburg, Frankfurt M. 1987, S. 84 - 106 (91 - 106 und 151 - 154).

3. Materialien des Kapitels.

Exemplarische Texte:

Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart, Berlin, Köln 1990, S. 199 - 205 und S. 235 f.

Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance, in: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, (1961) München 1975, S. 511 ff.

Friedrich August Wolf, Darstellung der Alterthumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Werth, in: Museum der Alterthumswissenschaften,, hg. von Friedrich August Wolf und Philipp Buttmann 1 (1807); ND in: Friedrich August Wolf, Darstellung der Alterthumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Werth, Berlin, Weinheim 1986, S. 3 ff. (144); zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 76 ff.).

J. G. Droysen, Vorwort zur Geschichte des Hellenismus II (1843). In: Kleine Schriften zur Alten Geschichte. Bd. I, Lepzig 1893, S. 298 - 314. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 128 ff. .

Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Teilband I, 1, Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 197 - 200.

Jan Assmann, Ägyptologie im Kontext der Geisteswissenschaften, in: Wolfgang Prinz und Peter Weingart u. a. (Hg.), Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten, Frankfurt M. 1990, S. 335 ff.

Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 98 - 101.

Alfred Heuss, Vom Unbehagen des Althistorikers, in: J. Bleicken (Hg.), Symposion für Alfred Heuss, Kallmünz 1986, S. 85 - 92. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 773 - 383.

Moses I. Finley, Quellen und Modelle in der Alten Geschichte. Übersetzung ins Deutsche von Wilfried Nippel und Andreas Wittenburg, Frankfurt M. 1987, S. 84 - 106 (91 - 106 und 151 - 154).

Quellen:

Ein religiöser Text aus dem 1. Jh. n. Chr.

Zwei antike Abbildungen einer hellenistischen Königin des 1. Jhs. v. Chr.

Plutarch-Text über dieselbe Königin.

LV Gizewski SS 2004.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .