Kap. 6: Althistorisch bedeutsame Geschichtsideologien und ihre wissenschaftliche Kritik.

INHALT.

1. Zum Spektrum zeitgeschichtlicher Geschichtsideologien über das Altertum und zu den kritischen Funktionen einer 'Historik' ihnen gegenüber.

2. Zur Veranschaulichung der bewegenden Kraft von Geschichtsideologien.

ÜBUNG.

3. Die argumentative Unterstützung politischer Bewegungen und Systeme durch ideologische Rückgriffe auf die Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

4. Die argumentative Begründung gesellschaftlicher Entwürfe und Bildungsideale in ideologischer Auseinandersetzung mit der Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

5. Der agitatorische, rhetorisch-pragmatische Rückgriff auf die Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

6. Materialien des Kapitels.

1. Zum Spektrum zeitgeschichtlicher Geschichtsideologien über das Altertum und zu den kritischen Funktionen einer 'Historik' ihnen gegenüber.

1. Ein wesentliches Motiv für die Enstehung und ständige Fortentwicklung einer geschichswissenschaftlichen 'Historik' ist die wissenschaftlich-argumentative Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Geschichtsideologien und die wissenschaftlich-souveräne Selbstbehauptung des Historikers bei seiner beruflichen Arbeit gegen sie, insbesondere gegen eine 'dreiste Absichtlichkeit der Publizistik' und einen 'raschfertigen Dilettantismus der Philosophie' (Droysen). Dem liegt die wissenschaftspraktische Maxime 'der prinzipiellen souveränen Selbstbestimmung historischer Arbeit unter stets vorrangiger Beachtung der Regeln wahrheitsorientierter Erkenntns und unparteiischer Darstellung' zugrunde. Diese ergibt sich aus der generellen, wissenschaftsgeschichtlich vielfältig begründbaren Einsicht in die Verformbarkeit und Fehleranfälligkeit etablierter - ebenso traditioneller wie jeweils gegenwärtig dominierender - Formen geschichtsbezogener Erkenntnis und öffentlichkeitsbezogener Meinungsäußerung. Demgegenüber kommt der Wissenschaft als Institution und zugleich jedem einzelnen Historiker bei dem Vollzug der geschichtswissenschaftlichen Arbeit prinzipiell die Aufgabe einer stetigen, wahrheitsbezogenen Korrtektur zu, soweit diese möglich ist. Es geht dabei um eine besondere und vorrangige Verpflichtung sowohl der Wissenschaft als Institution als auch des individuellen Historikers gegenüber der ihnen zugänglichen Öffentichkeit zu wissenschaftlich-korrekter und -unparteiischer Arbeit, einschließlich der Notwendigkeit der Selbstkorrektur eigener Fehler einerseits und des öffentlichen Eintretens für das als richtig Erkannte andererseits, ohne Rücksicht auf wissenschaftswidrig wirkende Traditionen, Autoritäten und Machtverhältnisse. Zwar sind auch institutionell-wissenschaftlich organisierte Erkenntnisprozesse von Selbsttäuschungen, objektiven Urteilsfehlern und Einseitigkeiten der Bewertung der an ihnen Beteikigten nicht frei, und dies gilt auch für die von einem Wissenschaftler individuell souverän bestimmte Geschichtserkenntnis und -darstellung. Dennoch sind mit beidem - dem wissenschaftlich institutionalisierten Verfahren und der wisssenschaftlich souveränen Selbstbestimmung des Einzelarbeiters - Korrektivmöglichkeiten gegeben, die fehlerhaften und folgenreichen historischen Urteilsfehlern in sonst häufig kaum korrigierbaren, öffentlichen Meinungsbildungsprozessen gelegentlich praktikabel und erfolgreich entgegenstellt werden können. Die argumentativen Mittel einer 'Historik' können und sollen außerdem bei der in solchen Fällen manchmal nötigen 'intellektueller Selbstverteidigung' der Wissenschaft und des Wissenschaftlers gegen wissenschaftsfremde Einflüsse auf die historische Arbeit genutzt werden. Dies gilt auch für den Bereich der 'Alten Geschichte'.

2. Die Vielzahl und Vielgestaltigkeit altertumsbezogener Geschichtsideologien beruht im 'abendländischen' Bereich - ähnlich wie m. m. in anderen Weltregionen mit überwiegend anderen Kulturtraditionen - auf der großen wirkungsgeschichtlichen Bedeutung, die die Überlieferung geisteskultureller und zivilisatorischer Ideen, Standards und Normen aller Art (z. B.: politischer, religiöser, sprachlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher) aus den alten Hochkulturen, insbesondere aus der griechisch-römischen Antike, für spätere Epochen gehabt hat und heute weiterhin hat. Ihre teils kollektiv bewußte (Beispiel: christliche Tradition), größerenteils allerdings eher unbewußte Existenz in den in zeitgeschichtlichen Gesellschaften allgemeinverbreiteten Formen des Denkens und Handeln ist einerseits kausal zu erklären aus einer stets und gleichbleibend großen Bindung fast aller Formen zeitgenössischen Bewußtseins an die Tradition, zum anderen funktionell aus der auch in unserer Zeit teils offen, teils implizit anerkannten inhaltlichen Begründung gegenwärtigen Handelns durch einen Rückgriff auf 'alte' Traditionen, d. h. auch und besonders durch solche, die aus dem Altertum stammen. Dies glt trotz aller zeitgenössischer Betonung eines 'Modernitäts'-Prinzips für die Gestaltung von Lebensverhältnissen, auch deshalb, weil in den unerschiedlichen Formen 'modernen Denkens' immer auch eine 'neuartige' Rekombination aktuell bedeutsamer Traditionsbezüge stattfzufinden pflegt. Die in diesem weiten Sinne wirksame Bedeutung der Tradition sowohl für eine Begründung als auch für eine Kritik allgemeinverbreiteter Ideen, Standards und Normen zeitgenössischen Denkens, Sprechens und Handelns eröffnet damit eine Vielzahl sowohl historisch sachlich begründeter auch primär nur rhetorisch-pragmatischer Einflußmöglichkeiten 'öffentlichen' historischen Argumentierens, in Anknüpfung an gegebene historische Einstellungen des jeweils angesprochenen Publikums, aber ggf. weitgehend unabhängig von seinem historischen Bewußtsein und Wissen.

3.Ein an die Adresse irgendeines Publikums gerichtetes Argumentieren kann generell - also nicht nur in historischer Hinsicht - primär wahrheitsbezogen, ja vielleicht wissenschaftlich-methodisch, und insoweit prinzipiell widerspruchs- und ergebnisoffen sein. Es kann aber auch aus einer ideell oder faktisch nicht revisiblen Vorprägung, etwa durch Formen religiösen oder säkularen Glaubens oder durch politische Argumentations- und Sprachregelungen, oder aus irgendeiner für das Argumentieren maßgeblich werdenden, nicht primär wissenschaftlichen Interessenbindung hervorgehen: In diesem Falle kann man, wenn es sich nicht nur um ein einmaliges, sondern um ein übliches und weitverbreitetes Argumentationsverhalten geht, von einer 'Ideologie' sprechen. 'Ideologien' sind die vor allem im politischen, aber auch im wirtschaftlich-sozialen und im geisteskulturellen Bereich üblichen, überwiegend gezielt hergestellten ideellen Instrumente rhetorisch-pragmatischer Einflußnahme auf ein Publikum. Sie sind für das öffentliche Leben früherer Epcohen ebenso von fundametaler Bedeutung wie für unsere Zeit.

4. Soweit Ideologien sich auf die Geschichte, etwa auf die 'Alte Geschichte', beziehen (Geschichtsideologien), verfolgen sie mit ihren historischen Aussagen und grundsätzlichen Einstellungen (siehe Kap. 1) zumeist die Absicht einer Mobilsierung eines größeren speziellen Publikums oder einer undefinierten breiten 'Öffentlichkeit', und zwar

a) entweder über einen traditionsorientierten Hinweis auf das, was seit alters her gegolten und daher auch und gerade für eine ihrer selbst nicht sichere Gegenwart seinen Sinn behalten habe,

b) oder über einen Hinweis auf die Notwendigkeit eines Abbruchs 'falscher' Traditionen im Interesse der Begründung neuer 'richtiger' Einstellungen zur 'Geschichte'.

Derartige Geschichtsideologien, ob sie einen Traditionsbezug aufgreifen oder mit ihm brechen, pflegen von erheblicher gefühlsbewegender Kraft, aber, soweit davon überhaupt die Rede sein kann, wissenschaftlich betrachtet kritikbedürftig zu sein, und zwar wegen Mängeln in ihrer expliziten oder impliziten 'Quellenauswahl' und in ihren 'Untersuchungsmethoden' oder wegen des Fehlens 'kritischer Maßstäbe' und wegen der Problematik expliziter oder impliziter 'Begriffsbildungen'. Wegen ihrer zuzeiten erheblichen 'massenbewegendee Kraft' können sie auch die speziell wahrheits- und zugleich allgemeinwohlbezogene wissenschaftliche Verantwortung des Historikers im Hinblick auf eventuell abzuwehrende praktische, insbesondere politische Folgen herausfordern. Dies ist besonders nötig dort, wo in Geschichtsideologien ein Moment subjektiver erfahrungsbasierter Überzeugung und ideeller Redlichkeit, das ihnen zumindest teilweise innezuwohnen pflegt, praktisch ununterscheidbar wird von einer systematisch-absichtsvollen, überwiegend rhetorisch-pragmatischen (z. B. politisch-agitatorischen) Funktion ihrer öffentlichen Erscheinung.

5. Zeitgeschichtlich wirksam gewordene, antikenbezogene Geschichtsideologien dienten und dienen etwa

a) der Begründung von Bildungsidealen - und damit auch immer ihnen entsprechender Schulformen (zeitgeschichtliche Beispiele: 'humanistische' oder 'aufklärerische' Bildungskonzeptionen und Menschheitsutopien),

b) der Begründung wirtschaftlich-sozialer Ordnungsvorstellungen (heutige Beispiele: ideologische Konzepte von 'Vernunft und Harmonie' nationaler und internationaler wirtschaftlich-liberaler Ordnung; ideologische Konzepte von ' gesellschaftlichen Eliten') und

c) politischen Zwecken (zeitgeschichtliche Beispiele: Begründung republikanisch-demokratischer oder nationalstaatlicher Loyalitäten; Begründung faschistischer und nationalsozialistischer Ordnungskonzepte; Begründung sozialistischer, 'emanzipativer' oder kommunistischer Gesellschaftskonzepte; Begründung einer 'europäischen Einigung'; Begründung zeitgeschichtlicher 'Imperialismen' und 'global' ausgeübter Hegemonien).

Die nachfolgenden Bild-, Musik- und Textbeispiele des Kapitels 6 sollen an dieser Stelle eine wesentliche Aufgabe geschichtswissenschaftlicher 'Historik' verdeutlichen, nämlich die im Interesse wissenschaftlicher Erkenntnis der Geschichte, auch der Alten Geschichte, gelegentlich nötige Abwehr von Geschichtsideologien. Die 'Historik' in der Konzeption ihres Begründers J. G. Droysen ist in starkem Maße auch aus diesem Motiv entstanden, und trotz aller ihrer Veränderungen seither ist dies auch - und gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen, systematisch propagierten und massenwirksamen, 'weichen' (massenpsychologisch kalkulierten) oder 'harten' (herrschaftsgestützten) Geschichtsideologien - eine letztlich zentrale, mit dem - auch - praktisch-politischen Charakter der Geschichtswissenschaft zusammenhängende Aufgabe für sie geblieben. Das bedeutet nicht, daß der seiner wissenschaftlichen Verantwortung und seines souverän-freien wissenschaftlichen Urteils bewußte Historiker etwa gefühllos und 'überparteilich'-uninteressiert gegenüber den Motiven und Interessen der Politik und Gesellschaft sei, sondern vielmehr, daß er, soweit er als Wissenschaftler handelt, seinen speziellen Beitrag als Wissenschaftler zum geistigen Gemeinwohl darin sieht, sophismatischen Fehlschlüssen und rhetorischen, ja demagogischen Irreführungen, wie sie in der öffentlichen Argumentation üblich sind, insbesondere wenn sie im oben beschriebenen Sinne systematischen ideologischen Charakter annehnen , im Bereich historischer Erkenntnis nach seinen Möglichkeiten entgegenzuwirken.

Es kann sich bei den im folgenden präsentierten wenigen Beispielen nur um eine exemplarische Auswahl handeln. Sie soll vier thematische Aspekte verdeutlichen:

I. Die machtvoll bewegende, zuzeiten durch historisches Argumentieren kaum eingrenzbare, aber trotzdem - aus wissenschaftlichem Prinzip - ggf. historisch-kritisch auf Distanz zu haltende Überredungs- und Bewegungskraft von Geschichtsideologien, selbst soweit diese 'nur' das 'Altertum' oder angenommene 'allgemeine Strukturen einer Menschheitsgeschichte' betreffen. Als Beispiele sind gewählt : das Bild 'Der Schwur der Horatier' von Jacques-Louis David (1784) als Beispiel für den partiell geschichtsideologischen gedanklichen Rückgriff der Zeit der sich anbahnenden und entfaltenden französischen Revolution von 1789 auf eine angenommene 'unbedingte', d. h. gelegentlich auch einseitig-rücksichtslose, 'republikanische' und 'patriotische' Vorbild-Moral einer legendär überlieferten römischen Frühzeit, ferner das den 20er Jahren des 20. Jhts. entstammende Lied 'Linker Marsch', Text: Wladimir Majakowski (in deutscher Übersetzung) , Musik: Hans Eisler, Vortrag: Ernst Busch, als Beispiel für die nicht nur musikalisch eindrücklich formulierte massenbewegende Kraft problematischer Annahmen über das 'Wesen der Geschichte' und angenommene Möglichkeiten zu einer in 'diktatorischer' Form politisch-militärisch organisierten 'Geschichtsveränderung', sowie die Nationalhymne des gegenwärtigen Staates Israel, als Beispiel für die partiell geschichtsideologische Begründung aktuell wirksamer Vorstellungen von den Grenzen und dem Wesen eines heutigen Staates aus den historischen Gegebenheiten des 1. Jahrtausend v. Chr. Diesen Beispielen sind einige kommentierende Texte hinzugefügt.

II. Die angesichts der Bedeutung argumentativer Unterstützung politischer Bewegungen und Systeme durch ideologische Rückgriffe auf die Antike - vor allem im politischen Gefahrenfalle - nötige historische Kritik. Ausgewählt ist hier als Beispiel ein Ausschnitt aus dem Text des zur Zeit des NS-Regimes wirkenden Altistorikers Helmut Berve über die von ihm angenommenen politischen Aufgaben des Faches 'Alte Geschichte' unter den Bedingungen des Nationalsozialismus (Antike und nationalsozialistischer Staat, in: Vergangenheit und Gegenwart 24 (1934), S. 257 - 272). Berves gedanklich tiefreichende Identifikation mit dem zur Zeit der Textabfassung noch 'neuen' NS-System erscheint aus vergleichenden Perspektive als musterhaftes Beispiel für explizite und implizite Verflechtungen auch althistorischen Denkens mit ideologischen Denkweisen dominanter politischer Systeme in ihrem jeweils gegenwärtigen Umfelde. Berves Darlegung ist mit wissenschaftlicher Argumentation an ihren zentralen Punkten angreifbar. Dies läßt sich bei ihrer Analyse im einzelnen erweisen. Wenn sie trotzdem in sachlich zumindest problematischer Weise programmatisch-selbstgewiß auftritt, so liegt das daran, daß es sich hier in Wirklichkeit um eine geistige Loyalitätserklärung gegenüber außerwissenschaftlichen politischen Kräften und Normen in ihrem Einfluß auf die Wissenschaft selbst handelt. Prinzipielle - von Berve allerdings ausdrücklich negierte - Aufgabe der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft ist es dengegenüber, solche Einflüsse, woher sie auch kommen mögen, für die wissenschaftliche Tätigkeit auf Distanz zu halten und vorrangig dem Prinzip wissenschaftlich souveräner (d. h. hier: politisch nicht dienstbarer), sachlich unvoreingenommener, widerspruchsoffener und revisibler Erkenntnis als Leitnorm wissenschaftlichen Handelns zu folgen.

III. Verdeutlicht werden soll ferner die Bedeutung der in ideologischer Auseinandersetzung mit der Antike entwickelten gesellschaftlichen Entwürfe und Bildungsideale und die ihnen gegenüber wo nötig gebotene historisch-wissenschaftliche Kritik. Als Beispiel dient hier ein auszugsweise wiedergegebener Text von Ernest Bornemann (Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt M. 1979, S. 518 - 522). An ihm wird deutlich, daß ein geschichtsideologischer Rückgriff auf 'die Antike' nicht nur in Identifikationsabsicht, sondern auch in der Absicht einer simplifizierenden Distanzierung von unrichtig angenommenen 'Strukturen' dieser für die europäische Geschichte grundlegenden Geschichtsepochen erfolgen kann. Bornemann führt seine, wie eine Analyse zeigen kann, im einzelnen durchaus beachtliche, aber vielfach sehr einseitige gedankliche Auseinandersetzung mit der griechischen und römischen Antike letztlich zum Zwecke der Auseinandersetzung mit einem von ihm als 'patriarchalisch' geprägt eingestuften 'humanistischen' Bildungskanon auch noch seiner und unserer Zeit, in der Absicht, 'gegenwärtiges gesellschaftliches Bewußtsein zu verändern'. An all diesen Punkten kann und muß ggf. eine historische Kritik ansetzen. Ähnlich wie Berve ist auch Bornemann ist nur einer unter vielen für den erörterten Aspekt exemplarisch heranziehbaren Autoren.

IV. Der letzte Aspekt betrifft die gegenüber kalkuliert agitatorischen, d. h. historisch unhaltbaren, lediglich rhetorisch-pragmatisch eingesetzten Rückgriffen öffentlicher, zumeist politischer Argumentation auf angebliche Beispiele und Vorbilder aus der Antike gelegentlich gebotene geschichtswissenschaftliche Kritik. Ausgewählt ist hier ein auszugsweise wiedergegebener Text des zuzeiten des 2. Weltkriegs in den USA wirkenden Journalisten Louis Nizer (What to do with Germany, Chicago, New York 1944 2, S. 18 - 23), dessen bedenkenlos agitatorischer und demagogischer Rückgriff auf verzerrt dargebotene 'Erkenntnisse' auch aus der 'Alten Geschichte' über 'die Deutschen' - nicht erst bei eingehender Analyse - leicht zu widerlegen ist. Allerdings war Nizers Schrift trotzdem während einer längeren Zeit im Kriege mit Deutschland Pflichtlektüre US-amerikanischer Millitärangehöriger. Auch Nizer steht mit derartigen demagogischen Simplifizierungen und Verzerrungen 'alter Geschichte' in der 'Wissenschaftsgeschichte' nicht allein da und dient hier insoweit nur als Beispiel für etwas, das zu kritisiern wissenschaftlicher Verantwortung prinzipiell auch dann obliegt, wenn drängende kriegerische oder politische Umstände den massenmanipulativen Einsatz unhaltbarer Vorurteile und aus ihnen folgende öffentlich sanktionierte Verhaltensweisen zu rechtfertigen scheinen.

2. Zur Veranschaulichung der bewegenden Kraft von Geschichtsideologien.

1) Bild 'Der Schwur der Horatier' von Jacques-Louis David (1784.

Öl auf Leinwand, 330 x 427 cm, Standort: Musée du Louvre, Paris. Nach der bei Livius, Ab urbe condita 1, 24 ff. wiedergegebenen Horatier-Legende über den Vorrang der Vaterlandsliebe vor dem unmittelbaren menschlichen Gefühl. Abb. entnommen aus: Klaus Lankheit, Revolution und Restauration. Reihe 'Kunst der Welt - Die Kulturen des Abendlandes. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen. Serie 3, Zürich, Baden-Baden 1965, S. 104.

Klaus Lankheit, Kommentar zu Davids Bild "Der Schwur der Horatier".

Text entnommen aus: Klaus Lankheit, Revolution und Restauration. Reihe 'Kunst der Welt - Die Kulturen des Abendlandes. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen. Serie 3, Zürich, Baden-Baden 1965, S. 103 - 105.


2) Lied 'Linker Marsch'.

Text: Wladimir Majakowski, Musik: Hans Eisler, Vortrag: Ernst Busch. Zitat aus der CD 'Ernst Busch. Lieder der Arbeiterbewegung. Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg. Verlag "pläne" GmbH, Dortmund, Nr. 88642, ARIS 883987, ohne Zeitangabe [nach 1980].

Textausschnitt:

"Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten,
Gaul Geschichte, du hinkst.
Wollen den Schinder zuschanden reiten:
Links, links, links!"

Zur Verwurzelung marxistischen und anderen zeitgeschichtlichen Geschichts- und Gesellschaftsdenkens in der christlich-jüdischen Tradition. Aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.

Text entnommen aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.. Von Max Weber bis Hans Jonas, Frankfurt M. 1991, S. 24 - 28 und 606.


3) Die israelische Nationalhymne

Melodie,

Aus dem Internet - URL: http://stateofisrael.com/anthem/HaTikvah.mp3 - abgerufen.

Text:

Die Hoffnung (HaTikvah).
Solange noch im Herzen drinnen,
eine jüdische Seele wohnt.
Und nach Osten hin, vorwärts,
das Auge nach Zion blickt.
Solange ist unsere Hoffnung nicht verloren,
die Hoffnung, zweitausend Jahre alt,
zu sein ein freies Volk, in unserem Land,
im Lande Zion und in Jerushalajim!

Zum Traditionsbezug des Zionismus als einer nationalen Globalvision. Aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.

Text entnommen aus: Aus: Ernst Nolte, Gesschichtsdenken im 20. Jahrhundert.Von Max Weber bis Hans Jonas, Frankfurt M. 1991, S. 73 - 76 und 610 f.

Zeitgeschichtliches Bewußtsein, Politik und Geschichtsschreibung. Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 44 - 47 (Auszug aus dem Beitrag 'Die Antike im 19. Jahrhundert').

ÜBUNG.

AUFGABEN:

Lesen Sie die beiden nachfolgenden - exemplarisch für ein breites Spektrum antikenbezogener Geschichtsideologien unterschiedlicher Art und Provenienz - stehenden Texte genau durch und beantworten Sie folgende Fragen:

a) Von welchen Traditionen und Verfahrensweisen der Beschäftigung mit der Antike grenzen sich die Autoren jeweils ab? Jeweils welchen politischen Zielen und Bildungsidealen soll sie statt dessen dienen?

b) Wie sehen die Autoren das politische Geschehen ihrer Zeit, und was läßt sich Ihres Erachtens daraus möglicherweise über ihre Rolle in Politik und Wissenschaft ihrer Zeit erschließen?

c) Welche sachliche historische - d. h. hier: nicht politische - Kritik läßt sich ggf. im einzelnen Ihres Erachtens jeweils an den Ausführungen der Autoren üben?


3. Die argumentative Unterstützung politischer Bewegungen und Systeme durch ideologische Rückgriffe auf die Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

Der Beitrag der Antike 'in neu anbrechender' Zeit 'zum Kampf gegen dumpfe Verwirrung und materialistische Öde'. Aus: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat.

Text entnommen aus: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat, in: Vergangenheit und Gegenwart 24 (1934), S. 257 - 272. Zitiert nach W. Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 282 - 299 (291 - 299).

4. Die argumentative Begründung gesellschaftlicher Entwürfe und Bildungsideale in ideologischer Auseinandersetzung mit der Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

Die Antike als Gegenbild zu einem Gesellschaftsentwurf zur Lösung des 'Widerspruchs zwischen Mensch und Natur' . Aus: Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems.

Text entnommen aus: Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt M. 1979, S. 518 - 522.

5. Der agitatorische, rhetorisch-pragmatische Rückgriff auf die Antike. Analyse und Kritik eines Beispiels.

Der Rückgriff auf antike Quellen zur Begründung der Kriegspropaganda: Louis Nizer, What to do with Germany.

Text auszugsweise entnommen aus: Louis Nizer, What to do with Germany, Chicago, New York 1944 2, S. 18 - 23.

6. Materialien des Kapitels.

Exemplarische Texte:

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993 (Abdruck von: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat, in: Vergangenheit und Gegenwart 24 (1934), S. 257 - 272).

Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert. Von Max Weber bis Hans Jonas, Frankfurt M. 1991 (Zum Thema 'Verwurzelung marxistischen und anderen zeitgeschichtlichen Geschichts- und Gesellschaftsdenkens in der christlich-jüdischen Tradition', S. 24 - 28 und 606; zum Thema 'Traditionsbezug des Zionismus als einer nationalen Globalvision', S. 73 - 76 und 610 f).

Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991 (Zum Thema 'Zeitgeschichtliches Bewußtsein, Politik und Geschichtsschreibung'. Auszug aus dem Beitrag 'Die Antike im 19. Jahrhundert, 'S. 44 - 47).

Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt M. 1979, S. 518 - 522 (Zum Thema 'Die Antike als Gegenbild zu einem Gesellschaftsentwurf zur Lösung des 'Widerspruchs zwischen Mensch und Natur').

Louis Nizer, What to do with Germany, Chicago, New York 1944 2, S. 18 - 23.

Medien:

Linker Marsch. Text: Wladimir Majakowski, Musik: Hans Eisler, Vortrag: Ernst Busch. Zitat aus der CD 'Ernst Busch. Lieder der Arbeiterbewegung. Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg. Verlag "pläne" GmbH, Dortmund, Nr. 88642, ARIS 883987, ohne Zeitangabe [nach 1980].

Klaus Lankheit, Revolution und Restauration. Reihe 'Kunst der Welt - Die Kulturen des Abendlandes. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen. Serie 3, Zürich, Baden-Baden 1965, S. 104 (Bild 'Der Schwur der Horatier' von Jacques-Louis David, 1784.)

Die israelische Nationalhymne, abgerufen aus dem Internet - URL: http://stateofisrael.com/anthem/HaTikvah.mp3 .

Quellen:

Livius, Ab urbe condita 1, 24 ff. (Horatier-Legende).

LV Gizewski SS 2004.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .