Lösungshinweise zu den Übungen des Skripts.

ÜBUNG 1 A.

AUFGABEN:

Sehen Sie den nachfolgenden Text unter folgenden Fragestellungen durch:

a) Welche Bedenken hat der Autor gegen den üblichen Terminus 'Geschichte der Alten Welt'? Mit welchen Kategorien beschreibt er stattdessen diesen historischen Gegenstand?

b) Wie grenzt er die Geschichte der Antike von der Geschichte anderer alter Kulturen ab, und in welcher Beziehung steht ferner in seiner Sicht die Geschichte der Antike zu der späterer Epochen?

c) Welche Rahmenbedingungen althistorischen Geschehens hebt er besonders hervor, und welche Nachbarwissenschaft der Disziplin 'Alten Geschichte' hat dafür Bedeutung?

d) Welche Hauptepochen und -'schauplätze' sieht Mommsen in der Alten Geschichte? Wodurch unterscheidet sich für ihn die griechische von der römischen Geschichte? Warum fügt Monnsen dem 1. Band seiner 'Römischen Geschichte' eine 'Militärkarte Italiens' bei?

e) Welche von Mommsen in seinen Ausführungen verwendeten Begriffe erscheinen Ihnen aus irgendwelchen Gründen heute problematisch oder unüblich?


Theodor Mommsen, Grundgedanken zu einer Darstellung der Römischen Geschichte.

Entnommen aus: Theodor Mommsen, Römische Geschichte, 1. Band, Bis zur Schlacht von Pydna. 1. Abteilung. 5. Auflage. Mit einer Militärkarte von Italien, Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1868, Einleitung, S. 3 - 7.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung dient dem Zweck, an einem Text mit grundsätzlichen, der 'Alten Geschichte' gewidmeten Überlegungen eines Althistorikers des 19. Jhts, nämlich Theodor Mommsens, exemplarisch deutlich zu machen,

daß es zum Verständnis des Werks eines historischen Autors einer früheren Zeit besonders sinnvoll ist, dessen grundlegenden historiographischen Perspektiven, Begriffe und Methoden kennenzulernen

und daß derartige Perspektiven, Begriffe und Methoden, selbst wenn es um wissenschaftlich grundlegende geht und selbst wenn sie ein althistorisches Thema betreffen, in starkem Maße dem historischen Wandel ausgesetzt sind.

Zu a) Mommsen erkennt, daß es sich bei der Geschichte des Mittelmeerraums nur um einen Teil dessen handelt, was es an Altertumskulturgeschichte in verschiedenen Regionen der Welt gegeben hat. Er spricht statt von einer 'Geschichte der Alten Welt' lieber von einer 'Culturgeschichte der Anwohner des Mittelmeerraums' und gliedert diese dann nach 'Stämmen' oder auch 'Nationen': er spricht von einem 'koptischen oder ägyptischen Stamm', einer 'aramäischen oder syrischen Nation', den' Griechen' und den 'Italikern' , welchletztere beide er als 'Zwillingsvolk' bezeichnet. Da Mommsen in all diesen Fällen offenkundig weder in einem primär ethnischen noch in einem primär politischen Sinne die Geschichte von 'Völkern' meint, sondern die von 'Culturen' , geht es hier um verschiedenartige Altertumskulturen des Mittelmeerraums im weiteren Sinne. Mommsen spricht für jede auch von einem 'Civilisationssystem'. Mommsen ordnet sie allerdings bestimmten, geschichtlich in ihnen jeweils politisch-militärisch und kulturprägend hervorgetretenen 'Völkern' zu; Diese mittelmeernahen Altertumskulturen begreift Mommsen ferner einerseits als jeweilige charakteristische Formation kultureller Ordnung mit einem dem phsischen Leben ähnlichen Entwicklungsschicksal, andererseits aber auch als in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen miteinander stehend. Mommsen hebt dies etwa für 'Griechen' und 'Italiker' besonders hervor. Die Mittelmeerregion bringt aber generell die 'Altertumskulturen' in ihrem Bereich - im Laufe ihrer Geschichte zunehmend - in ein Verhältnis der gegenseitigen intensiven Beeinflussung, sodaß Mommsen für ihre Gesamtheit von einem 'Culturkreis' spricht.

Zu b) Den Kreis mittelmeerischer Altertumskulturen grenzt Mommsen nicht ausdrücklich von solchen ab, welche wir heute etwa in Indien, China oder Alt-Amerika anzunehmen gewohnt sind. Indem er - ohne weitere begriffliche und historische Erörterung - in den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Interesses am 'Altertum' die kulturelle Interaktion der Altertumskulturen des mediterranen Bereichs stellt, läßt Mommsen die Frage offen, ob und in welchem Umfang er die Existenz anderer Altertumskulturen auf der Welt als historisch wichtig ansieht. 'Alte' Geschichte ist für ihn - bei Abfassung seines Werks -, wie es scheint, wesentlich 'antike' Geschichte.

Von späteren Epochen mittelmeerischer und europäischer Geschichte grenzt Mommsen die mediterrane 'Altertumsgeschichte' mit Blick darauf ab, daß eine mediterrane Kultureinheit mit dem Ende der antiken - d. h. der römischen - Altertumsgeschichte in mehrere neuere und sich teilweise auch vom Mittelmeerraum wegbewegende Kulturkreisbildungen auseinanderfällt. Zu diesen zählt Mommsen den 'abendländichen' Kulturkreis, dessen Schwerpunkt er 'an den Gestaden des Atlantik', also im westlicheren Teil Europas sieht. Auch hier fällt aus heutiger Sicht auf, daß Mommsen wie selbstverständlich den 'okzidentalen' Aspekt der 'nachantiken Geschichte' ohne weitere begriffliche oder historische Erörterungen hervorhebt. Darin wird eine abendländisch-europäische Perspektive seiner allgemeingeschichtlichen Arbeit über die antike Geschichte erkennbar.

Zu c) Als geschichtsbestimmende und -bewegende Bedingungen einer 'Allgemeingeschichte', wie er sie über 'die Italiker' zu schreiben wünscht, hebt Mommsen geographische Verhältnisse, ethnische Gegebenheiten und militärische Macht- und Aktionsmöglichkeiten hervor. Dementsprechend spielt bei ihm etwa die 'Geographie' eine wichtige Rolle als Nachbardisziplin der Geschichtswissenschaft. Das ergibt sich nicht nur aus seinen in der Einleitung zum 1. Bande der 'Römischen Geschichte' geäußerten Grundgedanken, sondern auch etwa aus der diesem Bande beigelegte einzige Karte, einer 'Militärkarte Italiens'.

Zu d) Entsprechend seiner erkennbaren Auffassung von den bewegenden Bedingungen einer 'Allgemeingeschichte' ordnet Mommsen die Vielzahl der historischen Vorgänge im Mittelmeerraum des Altertums einem 'weltgeschichtlichen Schauspiel' mit vier vier 'Schauplätzen' und mehreren 'Akten' zu, wobei er die 'Schauplätze' nach den kulturprägenden Bedingungen geographischer Regionen und der dort maßgeblichen ethnischen Verteilungen abgrenzt und die 'Akte' vor allem mit den Prozessen militärischer Dominanzentwicklung auf einem bestimmten 'Schauplatz' gleichsetzt. Die griechische und die römische Geschichte sind danach allein schon durch die unterschiedlichen geographischen Verhältnisse Griechenlands und Italiens mit markant unterschiedlichen Entwicklungsdispositionen ausgestattet. So ist etwa nach Mommsen die 'griechische' Altertumsgeschichte 'ostorientiert' und 'vereinigungsvereindlich', die 'italische' 'westorientiert' und 'vereinigungsoffen'. Seine Konzeption von einem 'historischen Schauplatz' führt Mommsen dazu, nicht nur eine 'Geschichte Roms' zu schreiben, sondern die 'römische Geschichte' als eine solche der Völkerschaften des antiken 'Italien' unter zunehmender und schließlich dominierender militärischer Herrschaft Roms zu verstehen. Die Bedeutung Roms sieht er demnach in der Verwirklichung einer Disposition der Geschichte des antiken Italien, nämlich in seiner militärisch-politischen Einigung. An dieser Stelle, d. h. auch da, wo es eigentlich nur um 'Alte Geschichte' geht, wird, wenn man Mommsens politische Biographie berücksichtigt, ein von der damaligen Zeitgeschichte bestimmtes Erkenntnisinteresse erkennbar, in dem die Nationalstaatsentwicklung Deutschlands eine besondere Rolle spielt.

Zu e) Mommsen verwendeten einige Begriffe in deutlich anderer Bedeutung als es in heutiger Zeit wissenschaftlich üblich ist. So redet Mommsen von 'Stämmen', 'Nationen' oder 'Racen', um etwas zu bezeichnen, was wir heute eher 'Kultur' oder 'Gesellschaft' nennen würden. Allerdings ordnet er dem, was er meint, geographische und ethnische Rahmenbedingungen und eine organismusähnliche Grundstruktur und Entwicklung in einer Weise essentiell zu, die in heutiger Zeit eher historisch-skeptisch betrachtet zu werden pflegt.

ÜBUNG 1 B.

AUFGABEN:

Lesen Sie den nachfolgenden Text aufmerksam durch und beantworten Sie dann folgende Fragen:

a) Welcher Zeit würden Sie den Text nach der in ihm verwendeten Schriftsprache und Gedankenführung zuordnen? Versuchen Sie, den Autor namhaft zu machen. Was wissen Sie über diesen?

b) In welchem Horizont erscheint dem Autor die Geschichte der 'Alten Welt'? Welches Modell ihrer Entwicklung legt er zugrunde? In welchem Verhältnis steht - legen Sie nur den vorliegenden Textauszug zugrunde - bei dem Autor die Geschichte der Alten Welt zu der auf sie folgenden Geschichte?

c) Wie versucht der Autor, einzelne Altertumskulturen zu charakterisieren? Was erscheint Ihnen aufgrund Ihres gegenwärtigen Wissens daran einseitig oder sonst unrichtig? Welche Einwände hat der Autor selbst gegen sein Verfahren der Darstellung? Was sind wiederum dessen Vorzüge?


Die Übung dient dem Zweck, aus der Gedankenführung eines geschichtsphilosophischen Textes auf die Zeit- und Bildungsumstände zu schließen, aus denen seine Auffassungen über verschiedenen Epochen einer Alten Geschichte hervorgegangen sind, und so die Grenzen und Schwerpunkte zu verdeutlichen, die geschichtswissenschaftlichem Arbeiten durch zeit- und umfeldbedingte geschichtsphilosophische Grundannahmen gesetzt sind und vermittelt werden.

Zu a) Die deutsche Sprache des Autors ist bild- und lebhaft, sprachmächtig und getragen von einem Pathos innerer Anteilnahme an einem geistigen Entwicklungsgang der Welt. Dieser erscheint dem Autor als ein begeisternder Prozeß kultureller Entfaltung und Reifung der Menschheit - der 'ganzen Menschheit' - in ihren verschiedenen Kulturen, und zwar auch und insbesondere in einem 'Altertum', wenn auch nicht dort allein. Die Beschreibung dieser Entwicklung hat dabei auch etwas Religiöses und Hymnisches an sich. - Eine Kenntnis der 'Alten Welt' ist im wesentlichen als 'Bildungswissen' beim Leser vorausgesetzt. Sie speist sich beim Autor einerseits aus intensiver, christlich gepägter und humanistischer Vertrautheit mit dem Alten Testament der Bibel und der antiken, griechischen und lateinischen Literatur. Andererseits liegen beim Autor archäologisch basierte wissenschaftliche Kenntnisse der Geschichte des Alten Orient und des frühen mediterranen Raumes, wie sie sich ungefähr seit 1800 - d. h. seit der Ägypten-Expedition Napoleons - zunehmend entfalteten, erkennbar noch nicht vor; das zeigt sich zum Beispiel an seiner einseitigen Hervorhebung des Nomadencharakters der Lebensverhältnisse im mesopotamischen Raum der ''Erzväterzeit' (etwa um 2000 v. Chr.), obwohl dort bereits damals in Wirklichkeit ein Netz urbaner Zivilisationszentren existierte. - Auf dieser Wissensbasis entwirft der Autor das Bild des 'großen Ganges' einer im vorderorientalisch-mediterranen Bereich stattfindenden 'Weltgeschichte'. Es geht ihm dabei nicht eine thematisch eingegrenzte Geschichtsdarstellung im wissenschaftlich-methodischen Sinne, und ferner spielen andere Kulturkreise eines Altertums der Menschheit für den Autor noch keine Rolle. Der Text hat darin etwas dezidiert Geschichtsphilosophisches und inhaltlich Thesenhaftes. - Das alles deutet auf einen Autor aus der Zeit der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts hin. Es handelt sich um Johann Gottfried Herder (1744 - 1803). Der Text ist ein Auszug aus der zwischen 1771 - 1175 entstandenen Streitschrift 'Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit', in welcher sich Herder, damals Konsistoriarat und Pfarrer in Bückeburg, gegen eine Art 'enzyklopädisch-aufklärerischer', in Frankreich beheimateter rationalistischer Geschichtsphilosophie wendet. Diese schließt die die biblische und literarische Überlieferung aus dem Altertum überwiegend als irrtumsbehaftet oder fragmentarisch und als größtenteils untauglich für einen wahrhaft wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn über die Menschheit, ihre Gesellschaft und ihre Entwicklung aus einem Kosmos ernstzunehmender Wissenschaften aus und ordnet sie prinzipiell dem Bereich der Fabel, des Aberglaubens und der unüberprüfbaren Gerüchte (siehe Diderots Bemerkungen zum Erkenntniswert einer 'Altertumskunde', Kap. 1, unter P. 3) zu. Herder setzt dem eine aus der vorhandenen geisteskulturellen Überlieferung schöpfende und sie ernst nehmende, 'große Linien' der Entwicklung hypthetisch rekonstruierende, geschichtsphilosophische Globalperspektive entgegen.

Zu b) Wie schon angesprochen, spielen in dem Herderschen Konzept einer 'Philosophie zur Bildung der Menchheit', soweit sie das Altertum betrifft, Kulturkreise außerhalb des vorderorientalisch-mediterranen Bereichs - etwa Indiens oder Chinas - keine Rolle. In der 'antiken' Altertumsgeschichte bildet sich - in Herders Sicht - vielmehr, wenn auch in mehreren Entwicklungssstufen, ein kulturelles Hochniveau für die gesamte Menschheit heraus, auf dem späterhin, nach einem fast schicksalhaft und unverständlich erscheinenden 'Bruch' der Geschichte 'am Ende der Antike', eine menschheitsgeschichtlich wiederum als zentral wichtig angesehene neue Kulturentwicklung aufbauen kann: die einer europäischen, aus germanischen, antiken und christlichen Elementen komponierten, dynamisch fortschreitenden Hochkultur. Hier wird ein rational nicht ganz einleuchtendes, wenn auch aus der geistesgeschichtlichen - christlichen und humanistischen - Tradition vollauf verständliches Grundkonzept einer 'eurozentrischen Weltgeschichte' erkenbar.

Zu c) Herder begreift die Entwicklungsfolge der Altertumskulturen auf eine 'organizistische' Weise: die Menschheit ist ihm wie ein großer, lebewesenähnlicher Zusammenhang, der in mehreren Schritten und an verschiednenen Orten einen Reifungsprozeß durchläuft - vom 'Kindesalter' einer von ihm angenommenen 'frühen nomadisch-patriarchalischen' Kultur in Mesopotamien über ein Knabenalter (Ägypten, Phönizien) und ein Jünglingsalter (Griechenland) bis zu einem reiferen Mannesalter (Rom). Das Ende der 'antiken' Altertumsgeschichte und der Fortgang einer Menschheitsgeschichte in Europa passen allerdings in dieses Konzept nicht ganz hinein; denn entweder muß eine 'antike Kulturentwicklung der Menschheit' nach dem Herderschen Grundgedanken irgendwann 'altersdekadent' zerfallen, d. h. 'sterben', oder aber sie 'lebt fort', und zwar nicht, wie Herder annimmt, als etwas ganz Neues, sondern als etwas 'Fortgesetztes', wenn auch 'Neugeformtes'. Die hier liegende Aporie des Herderschen Denkens ist bedingt durch die 'Organismus-Analogie' und könnte nur dadurch aufgehoben werden, daß 'Kulturen' als völlig andersartige 'Systeme' aufgefaßt und folglich ihre historische 'Entwicklung', 'Diffusion' und 'Differenzierung' andersartig begriffen würden als die von 'Organismen'. Doch zeigt Herders Grundgedanke dennoch einen interessanten - und sogar gefühlsmäßige Anteilmahme erweckenden - Ansatz eines einerseits 'universalgeschichtlichen' und andererseits 'system- und entwicklungsgeschichtlichen' Geschichtsmodells, der über den eher eindimensionalen, weil rein wissens- (und nicht gegenstands-) bezogenen, Geschichts- und Altertumsbegriff enzyklopädisch-aufklärerischen Denkens hinausführt und generell auch einen vernünftigeren wissenschaftlichen Umgang mit dem Überlieferungsgut der Altertumsgeschichte ermöglicht.

ÜBUNG 2 A.

AUFGABEN:

Beantworten Sie im Hinblick auf den nachfolgenden Text von Johann Gustav Droysen folgende Fragen:

a) Was wissen Sie über die wissenschaftlichen Leistungen des Autors?

b) Was versteht Droysen unter 'Historik', und welche Motive gibt er als Motive für seine schriftliche Darstelllung an?

c) Wieso haben Droysens Überlegungen Bedeutung für die Einordnung der Geschichtsschreibung als Wissenschaft?


Droysens Motive und unterschiedliche Gliederungskonzepte für seine 'Historik'.

Übersicht entnommen aus::

Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, Inhaltsverzeichnis und S. 415 - 420 (Vorworte und Einführung zur letzten Druckfassung des 'Grundrisses der Historik' [1882]).


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll in die Entstehung der Droysensche Konzeption einer 'Historik' aus fachwissenschaftlichen und auch öffentlichkeitsbezogenen Motiven erklären und überblicksartig in ihre ebenso wissenschaftlich-sachlich begründete wie zeittypische Gliederung und Begrifflichkeit einführen.

Zu a) Johann Gustav Droysen (1808 - 1884) war nach Studien der Philosophie (u. a. bei G. W. F. Hegel) und Altphilologie (u. a. bei F. A. Boeckh), einer Dissertation und einer Habilitation an der Berliner Universität zunächst dort , später in Kiel, Jena und dann wieder Berlin als Professor für Geschichte, speziell für den Bereich der Alten Geschichte, tätig. Als Althistoriker widmete er sich zunächst vor allem der Geschichte der Zeit Alexanders von Makedonien und später in vielen Einzelstudien und einem diese zusammenfassenden Werk der ganzen Epoche des Hellenismus ('Geschichte des Hellenismus'). In diesem erkannte er - in einer neuen , von der Hegelschen Philosophie inspirierten 'universalgeschichtlichen' Betrachtungsweise - eine 'weltgeschichtlich' wesentliche Formationsepoche mit gewissen Analogien zu seiner eigenen Epoche. Droysen entwickelte nämlich als bestallter akademischer Vertreter des gesamten Faches Geschichte auch für die Mittelalter- und die Neuzeitgeschichte ein inhaltliches Interesse; publizitisch widmete er sich speziell der Preußischen und der damaligen, in Deutschland in starkem Maße von den Bemühungen um eine deutsche Einheit bestimmten Zeitgeschichte. Zwischen 'Makedonien' und 'Preußen' sah er gewisse Parallelen, was ihre Stellung als 'Einigungsmächte' betraf. Droysens historischen Interessenschwerpunkten entsprach eine engagierte politische Tätigkeit, die ihn u. a. als Abgeordneten in die Frankfurter Nationalversammlung (1848/1849) führte und zu einem scharfen Beobachter der zeitgenössischen, in der Einigungsfrage zunächst lange Zeit enttäuschenden Politik werden ließ. Bei Droysens jahrzehntelanger Tätigkeit als akademischer Lehrer der Geschichte in all ihren Bereichen wirkten sich seine philosophischen, althistorischen, zeitgeschichtlichen und politischen Neigungen und Fähigkeiten u. a. auch darin aus, daß er der Philosophie, Erkenntnistheorie und Methodik einer im strikten Sinne 'wissenschaftlich' unterbauten Vermittlung historischer Erkenntnisse besondere Bedeutung beimaß. Aus verschiedenen, vielfach veränderten Skripten für historische Einführungsvorlesungen, die die Erkenntnisgrundlagen historischen Arbeitens betrafen, ist auf diese Weise die erst im Jahre 1882 gedruckte 'Historik' hervorgegangen. Dieses Werk blieb für lange Zeit von maßgeblicher Bedeutung für die begriffliche und geschichtshtheoretische Schulung junger (vor allem deutscher) Historiker und hat auch heute - trotz mancher teilweise erheblich veränderter Perspektiven und Fragestellungen in Wissenschaftsheorie, Geschichtsphilosophie und -methodologie - für das theoretisch- und praltisch-wissenschaftliche Selbstverständnis von Historikern seinen Wert behalten.

Zu b) Droysen formuliert es als Inhalt einer 'Historik', den "praktischen und idealen Gestaltungen des Menschengeschlechts" in ihren 'politischen' und 'sprachlichen' Grundstrukturen nachzugehen und daraus wissenschaftliche Verfahren und Aufgaben historischen Arbeitens systematisch abzuleiten. Das bedeutet einerseits, daß eine 'Historik' geschichts-, gesellschafts- und sprachphilosophische oder -theoretische Grundbegriffe und Grundannahmen reflexiv klären muß, soweit sie in geschichtswissenschaftlichem Arbeiten eine Rolle spielen, andererseits aber auch, daß sie die Positionen spezifisch wissenschaftlichen Arbeitens gegenüber andersartigen, etwa politisch- oder sonst macht- und interessenbestimmten, ideologischen oder manipulativen Äußerungen zur Geschichte grundsätzlich praktisch bestimmen muß. Droysen hebt ferner hervor, daß eine 'Historik' einer wissenschaftlichen Selbstbegründung der Fachdisziplin Geschichte auch gegenüber solchen fundamentalen wissenschaftlich-skeptischen Einwänden zu dienen hat, die etwa geschichtliche Erkenntnis für prinzipiell 'nicht-objektiv' oder prinzipiell 'relativ' und die Überlieferung mit ihren Quellen für zumindest faktisch weitgehend irrtumsbelastet und unkalkulierbar unzuverlässig halten.

Zu c) Droysens unternimmt es, in seiner 'Historik 'systematisch zu begründen, daß und inwiefern 'Geschichtsschreibung' eine 'Wissenschaft' sein kann, indem er den besonderen ontischen Charakter der Gegenstände der Geschichtswissenschaft (d. h. ihre besondere Art des realen Seins, etwa als 'sittliche Mächte' o. ä.) begreift und ausführlich belegt und die Tätigkeit strikt wahrheitsbezogenen Erkennens und Darstellens historischer Gegenstände eingehend analysiert. In der 'Historik' wird daher zwar nicht im gewohnten Sinne 'Geschichte geschrieben', sondern vielmehr auf einer reflexiven Ebene umfassend über Realitätsbezug und methodische Operationen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung nachgedacht. Historische Erkenntnis wird aufgrund solcher Überlegungen als begründetetes Wissen, insbesondere auch von ihrem Wahrheitsanspruch, und damit als geistige Tätigkeit eigener realitätsbezogener Autorität und methodischer Dignität erweisbar, im Sinne einer aristotelischen Wissenschaftstradition, die nicht 'Handwerk' oder 'Dichtung', sondern nur ein vom erkannten 'Wesen' des Objekts her begründetes, primär wahrheitsorientiertes Wissen als Wissenschaft gelten läßt.

ÜBUNG 2 B.

AUFGABEN:

Lesen Sie den nachfolgenden Text von Wilhelm Dilthey sorgfältig durch und fassen sie seine Grundgedanken in Ihre Sprache.

a) Was wissen Sie über die wissenschaftlichen Leistungen des Autors?

b) Was versteht Dilthey unter 'Objektivationen des Lebens'? Welche Art von Realität haben sie im Unterschied zu 'Naturphänomenen'? Welche Möglichkeit des Erkennens und Beschreibens solcher 'Objektivationen des Lebens' sieht Dilthey? Wodurch unterscheidet sich ihre von anderen Formen der Erkenntnis?

c) Wieso haben Diltheys Überlegungen Bedeutung für die Einordnung der Geschichtsschreibung als Wissenschaft?


'Objektivationen des Lebens' als Seinsstruktur des Geschichtlichen und Gegenstand des geisteswissenschaftlichen Verstehens: Aus: Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften.

Entstanden um 1910. Text entnommen aus: Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Einleitung von Manfred Riedel, Frankfurt M. 1970, S. 177 - 180.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll anhand eines Textes eines prominenten deutschen Wissenschaftsphilosophen des 19./20. Jahrunderts in die schwierigen Erörterung einführen, was das Besondere an der 'historischen Realität' ist - nämlich die Realität menschlicher' Systembildungen' in einem weitgefaßten Sinne - und in welchem Sinne derartige 'Realität' historischer Gegenstände als 'Geist' und zugleich als 'objektiv' und 'wissenschaftszugänglich' begriffen werden kann.

Zu a) Wilhelm Dilthey (1813 - 1911), mit seiner Philosoph ursprünglich aus dem Bereich der Naturwissenschaften hervorgegangen, wandte sich im Laufe seiner philosophisch-wissenschaftlichen Leebensarbeit schließlich vor allem der Aufgabe zu, auch für die Geistes- und die in diesen als zentral angesehenen Geschichtswissenschaften eine erkenntnistheoretische und logische Begründung zu geben, die ihnen - trotz einer markanten Anderartigkeit gegenüber den Naturwissenschaften - einen gesicherten Platz im Kosmos wissenschaftlicher Erkenntnis zu verschaffen bestimmt war.

Zu b) Dilthey, der geistesgeschichtlich auch den im 19. Jh. entstandenen philosophischen Richtungen der 'Lebensphilosophie' und dem 'Historismus' zugerechnet wird, will mit dem Begriff 'Objektivationen des Lebens' deutlich machen, daß es sich bei diesen einerseits um, wie wir heute in der Terminologie der Systemtheorie formulieren können, 'selbstreguliert-systemische Strukturen' handelt, als welche alle 'Lebewesen', aber nicht nur diese, sondern auch alle ihre sinnhaften Ordnungen des Zusammenlebens und Kommunizierens angesehen werden können. Zum andern bringt Dilthey mit dem Terminus zum Ausdruck, daß es sich hier nicht nur um mehr oder weniger unfaßliche Gedankengebilde, sondern um Strukturen der Realität handelt, über die eine intersubjektive, wahrheitsorientierte Urteilsbildung stattfinden kann. Die für die Erkenntnis der 'Objektivationen des Lebens' als 'sinnhafter Selbstregulationsstrukturen' gegebene spezifische Form des Begreifens und Erklärens ist nach Dilthey 'das Verstehen', eine Vorgang einer systematischen 'Einfühlung' ebenso wie einer systembezogenen Funktionsanalyse. Nach heutiger wissenschaftstheoretischer Auffassung ist sie trotz dieser Spezifität nicht grundsätzlich, aber in der Gewichtung ihrer Operationen unterschiedlich gegenüber 'naturwissenschaftlichen' Formen des Begreifens und Erklärens. Ein grundsätzlichen Unterschied, der zu Diltheys Zeiten zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gemacht wurde, etwa im Hinblick auf eine sog. 'idiographisch-indivdualisierende' Erkenntnisweise hier und eine 'nomothetisch-verallgemeinernde' Erkenntnisweise dort, wird heute wissenschaftstheortisch nicht mehr akzeptiert; siehe dazu: Kap. 2 zu P. 6 (Hübner).

Zu c) Dilthey hat mit seiner Arbeit die in der 'Historik' Droysens liegenden Bemühungen um eine begrifflich-erkenntnistheoretische 'Verwissenschaftlichung' der Geschichte auf eine breitere, andere Geisteswissenschaften mitumfassende, und auch begrifflich stabilere argumentative Basis gestellt.

ÜBUNG 3 A.

AUFGABEN:

Im folgenden werden Ihnen ein Text und zwei Bilder vorgelegt. Beantworten Sie folgende Fragen:

a) Kommen der Text und die Bilder als Quellen für die Alte Geschichte in Betracht? Woran könnte man das erkennen? In welcher Zeit könnten sie entstanden sein?

b) Um wen geht es Ihrer Einschätzung nach? Handelt es sich um dieselbe Person oder nicht? Warum?

c) Welche spezifisch althistorischen Fragen können sich ggf. an das Ihnen vorliegende Material richten?

d) Welche anderen wissenschaftlichen oder nichtwissenschaftlichen Fragen lassen sich an das Material richten?



LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung hat den Zweck, illustrativ Klarheit darüber herzustellen, was genau an überlieferten Objekten sie zu 'althistorisch erheblichen Quellen' macht, nämlich das Bestehen althistorischer Fragestellungen, für deren Beantwortung sie belangvoll sein können, ihre authentische Herkunft aus der Antike und ihre kritisch überprüfbaren expliziten oder indirekten Aussagen über diese.

Zu a) Die im Text erwähnten Völkerschaften weisen auf die Antike als die Referenz-Zeit der Berichts hin. Der Abfassungszeitpunkt liegt zwarspäter, worauf die berichtende Distanz des Autors zu der beschriebenen Person hinweist. Doch scheint diese Frau bei der vom Autor angesprochenen Leserschaft noch legendär weiterzuleben. Auf dem Medaillon weisen die (in der vorliegenden Abbildung nur mit Mühe erkennbare) griechische Schrift sowie Frisur und Diadem-Binde der Frau auf ihre Zugehörigkeit zur Antike; desgleichen auch Frisur und Diadem der Porträtbüste. Zwingend sind diese Hinweise allerdings nicht.

Zu b) In allen drei Fällen handelt es sich um eine politisch prominente Frau und schon insoweit auch um eine allgemeinhistorisch interessante Person. Die beiden Abbildungen weisen eine gewisse Ähnlichkeit (Nase und nicht eigentlich schönes Gesicht einer nicht mehr ganz jungen Frau) auf. Die Diadem-Binde in beiden Fällen deutet auf eine hellenistische Königin hin. Der Text spricht ebenfalls von einer hellenistischen Herrscherin, nämlich einer Herrscherin makedonischen Ursprungs in Ägypten. Die Erwähnung einer Legende von der Schönheit dieser Herrscherin im Text läßt intuitiv an die 'schöne Königin Kleopatra' von Ägypten, die 'Geliebte' Caesars und später des Antonius, denken.

Es handelt sich tatsächlich in allen drei Fällen um Kleopatra VII. (69 - 30 v. Chr.), Tochter des Königs Ptolemaios XII., die nach dem Tode ihres Vaters im Jahre 51 v. Chr. aufgrund testamentarischer Einsetzug siebzehnjährig - gemeinsam mit ihrem 12-jährigen Bruder Ptolemaios XIII. - die Herrschaft über das Ptolemäerreich antrat. Nachdem ihr Bruder Ptolemaios XIII. im Kampf gegen Caesar i. J. 47 v. Chr. ums Leben gekommen war, trat ihr Bruder Ptolemaios XIV. als Mitregent an Kleoptaras Seite. Aus Einsicht in die Unmöglichkeit, Caesar militärisch erfolgreich entgegenzutreten, trat Kleopatra - politisch gesehen - auf dessen Seite, verband sich mit ihm in (nach ägyptischem, nicht nach römischem Recht) gültiger dynastischer Ehe und gebar einen gemeinsamen Sohn, Casarion, der nach dem Tode des Ptolemaios XIV. i. J. 44. - dreijährig und ebenfalls als Mitregent - an Kleopatras Seite trat.

Der Text-Bericht stammt von Plutarch (Caesar-Biographie), das Medaillon ist in der Zeit der Kleopatra entstanden; die Plastik dürfte wegen ihres nicht-beschönigenden Realismus ebenfalls ihrer Zeit zuzurechnen sein.

Zu c) Althistorisch-allgemeingeschichtlich stellt sich die Frage, warum und wo die Legende von der 'schönen Kleopatra' entstehen konnte, da es sich nach dem Bericht des Plutarch, der diese Legende in dem vorliegenden Text deutlich korrigiert, doch eher um eine diplomatisch-charmante und -einfühlsame, gebildete und sprachkundige Vertreterin ihres prolemäischen Herrscherhauses handelte.- Zur Erklärung könnte man einerseits an höfische Schmeichelei, zum andern aber auch an eine Art propagandistischer Verleumdung denken, mit welcher die Feinde Caesars und später des Antonius die sinnliche Attraktivität einer Frau hervorgehoben haben könnten, als deren 'Gefangene' Caesar oder Antonius keinen guten Eindruck in Rom machen konnten. Derartige Momente 'öffentllicher Meinungsbildung' pflegen häufig auch in die Geschichtsschreibung miteinzugehen und müssen quellenkritisch auch sort deshalb stets in Rechnung gestellt werden.

Zu d) Althistorisch-allgemeingeschichtlich ist angesichts der hier vorliegenden Quellen die weitere Frage von Interesse, welcher Art die Herrscherstellung einer Frau wie Kleopatra im hellenistischen Ägypten war. Hatte sie eigene Herrscherrechte oder leitete sie diese von ihrem mitregierenden Bruder ab? - Es ist an dem oben Mitgeteilten zu erkennen, daß Kleopatra immer einen männlichen Mitregenten an ihrer Seite hatte, obschon sie rein faktisch jeweils die 'einflußreichere Persönlichkeit' gewesen sein dürfte. Es wird ferner deutlich, daß es sowohl bei Kleopatra als auch bei ihren Mitregentin um - zu Beginn und - bis auf Kleopatra - auch am Ende ihrer Regentschaft - sehr junge Menschen handelte, welchen eine wirklich eigenständige Funktion beim Regieren des Ptolemäerreiches kaum zugekommen sein dürfte; ihre Regierung dürfte - trotz persönlicher Noten - im Kern eher einen traditionell-symbolischen - in Ägypten auch priesterlich-sakralen - Repräsentationscharakter gehabt haben. Vgl. dazu ggf.: Günther Hölbl, Geschichte des Ptomeäerreiches, Darmstadt 1994, S. 195 - 271.

Kulturgeschichtlich läßt sich bei Medaillon und Porträtbüste fragen, wieso die Diadem-Binde in der symbolischen Selbstdarstellung auch einer hellenistischen Königin eine so zentrale und für die Identifikation ausreichende Bedeutung hat. - Anders als in anderen dynastischen Traditionen der Antike, blieb die weiße Diadem-Binde, die der König Alexander als einziges Element des Herrscherornats von dem besiegten Achämenindenherrscher Dareios III Kodomannos übernahm, bis zum Ende der Ptolemäerherrschaft im wesentlichen das einzige Zeichen der Herrscherstellung. es wurde gelegentlich auch von hellenistischen Königinnen getragen und dabei manchmal - aber nur auf Münzen - mit einem - Göttlichkeit indizierenden - Strahlenkranz angereichert. Daß die hier wiedergegebenen Abbildungen Kleopatra VII. ohne Strahlenkranz und in bewußtem Realismus zeigen, deutet auf einen jeweils bewußt gesetzten Akzent der Bescheidenheit in der Selbstdarstellung hin.

ÜBUNG 3 B.

AUFGABE:

Welche wissenschaftlichen Arbeiten legt ein primär geschichtstheologisch bedeutsamer Text wie der nachfolgende speziell einem Althistoriker auf, der ihn selbst richtig verstehen und interessierten Lesern unserer Zeit historisch verständlich machen will? Entwerfen Sie dafür, ohne sich allzu weitgehend mit der Lösung der Fragen zu befassen, ein Arbeitsschema.



LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll verdeutlichen, daß auch ein Text, der im wesentlichen nur 'eschatologischen' Charakter zu haben und sich daher auf den ersten Blick auf historisch 'Irreales' zu beziehen scheint, Bedeutung für geistes- und politikgeschichtliche 'althistorische' Erkenntnisinteressen haben kann und welche spezifisch geschichtswissenschaftliche Bearbeitung dieses Textes folglich geboten - und auch möglich - ist.

Zunächst einmal muß sich auch der Althistoriker vergewissern, woher genau der Text stammt, d. h. über welche - wissenschaftlich edierten - Handschriften er überliefert und was über seine Entstehungszeit, seinen Autor oder seine Autoren, soweit solche bekannt sind, zu erfahren ist. Ferner ist, bei eingehender Untersuchung grundsätzlich auch die antik-ausgangssprachliche Textversion, die der deutschen Übersetzung zugrundeliegt, heranzuziehen.- Der Text stammt aus dem Neuen Testament, und zwar aus dem Markus-Evangelium (Kap. 13, 1 - 33). Ähnlich, wenn auch nicht ganz gleich, ist sein Inhalt im Matthäus- und im Lukas-Evangelium überliefert. Über die angesprochenen Fragen können wissenschaftliche Editionen des griechischen Urtextes und wissenschaftliche Kommentare für alle ähnlichen Textstellen, die sowohl theologische, als auch philologisch-textgeschichtliche als auch allgemein-religionsgeschichtliche Fragen behandeln, Auskunft geben. Eine rein systematisch-theologische Interpretation würde für ein historisches Textverständnis aaber nicht ausreichen.

Ein zweiter Arbeitsabschnitt betrifft die Deutung der im Text angesprochenen Frage, wann und wie ein gottbestimmtes Ende der gegenwärtigen Welt zu erwarten sei. Diese scheint zwar etwas par excellence Unhistorisches zu betreffen, weil es einmal um die Zukunft und zum anderen um das Wirken Gottes geht. - Im Gegenteil ist aber die angesprochene Frage von größter auch allgemeingeschichtlicher Bedeutung; denn es geht um fundamentale Motive und Einstellungen, die dem frühen, noch jüdischen Christentum seinen besonderen 'eschatologischen', d. h. auf ein nahes Weltende und Gottesgericht ausgerichteten, den damals relgiös tonangebenden jüdischen Traditionen und der herrschenden römischen Ordnung entgegengerichteten Charakter verliehen. Diese 'Eschatologie' wirkte sich auch in einer die 'Ordnungsmächte' der damaligen Gegenwart beunruhigenden Form - zwar religiös gewandeter, aber auch politisch virulenter - innerer Distanz und Ablehung ihrer Gewohnheiten und Symbole aus. Wenn Jesus etwa eine von Gott im Rahmen eines Weltneuschaffungsplans gewollte Zerstörung des Jerusalemer Tempels vorhersagt, so ist dies implizit auch eine Aussage über eine mit Notwendigkeit bevorstehende Zerstörung sowohl des Judentums als auch einer von den Römern geschützten Ordnung in Judäa. Von hier aus bekommt der spätere Prozeß gegen Jesus - nämlich wegen Verdachts der religiösen Vorbereitung und Rechtfertigung eines Umsturzes - eine gewisse politische Einsichtigkeit, die er - rein theologisch betrachtet - natürlich in keiner Weise hat. Es zeigt sich so, daß eine althistorische Deutung und Erklärung eines geistes- und religionsgeschichtlich wesentlichen antiken Phänomens, von dem die Bibel berichtet, einen ganz anderen Charakter haben kann als eine christlich-theologische.

ÜBUNG 3 C.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie den nachfolgenden Vortragstext des Althistorikers Alfred Heuß (1909 - 1995) unter folgenden Fragen:

a) Wie grenzt Heuß das Fachgebiet 'Alte Geschichte' ab und aus welchen Gründen?

b) Worin genau sieht Heuß schwer lösbare Probleme seines Fachgebiets?

c) Was meint Heuß mit seinen Andeutungen über Dinge, die auf einem Symposium zu seinen Ehren nicht gesagt werden können?

d) Was ließe sich Ihres Erachtens gegenüber Heuß' Ausführungen evtl. ergänzen oder anders sehen?


Zur Lückenhaftigkeit des Wissens in der Alten Geschichte: Alfred Heuß, Vom Unbehagen des Althistorikers.

Text entstanden um 1986, Entnommen aus: Alfred Heuß, Vom Unbehagen des Althistorikers, in: J. Bleicken (Hg.), Symposion für Alfred Heuss, Kallmünz 1986, S. 85 - 92. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 773 - 383.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll den besonderen Charakter der 'Alten Geschichte' als - unter systematischen Aspekten - vielfach nur sehr unvollkommen quellenbasierter Wissenschaft erläutern und damit auf ein nicht nur im Detail bestehendes, sondern heuristisch-grundsätzliches Problem dieses heutigen geschichtswissenschaftlichen Fachgebiets hinweisen.

Zu a)

Heuß entscheidet sich aus eher wissenschaftspragmatischen Gründen für eine Beschränkung des Fachgebiets 'Alte Geschichte' auf die 'griechische' und die 'römische' Geschichte, die zusammen in einem - von der 'Altphilologie geprägten - auch traditidionellen Sinne als 'Antike' verstanden zu werden pflegen. Er ist sich zwar klar darüber, daß aus theoretisch-historischen Gründen - nämlich im Hinblick auf den Aspekt der zusammenzuehenden frühen Hochkulturentwicklungen auf der Welt - die 'Alte Geschichte' viel weiter gefaßt werden könnte und vielleicht sogar müßte. Aber er meint, daß dies die Urteils- und Wissens-Kapazität des einzelnen, fachlich gewissenschaft arbeitenden Gelehrten griundsätzlich weit überschreiten würde; nur einzelnen Wissenschaftlern- wie Eduard Meyer - sei es bei exzeptionell weiten Fach- und Sprachvorkenntnissen und unter besonderen wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen - möglich gewesen, ansatzweise eine sehr weite Konzeption alter Hochkulturgeschichte zu vertreten und zu bearbeiten.

Zu b)

Heuß räumt ein, daß bei einer systematisch-heuristischen Betrachtungsweise die thematischen Gegenstände, mit denen sich eine Geschichte der griechisch-römischen Antike eigentlich befassen müßte - wie etwa die politische, die Wirtschafts-, die Sozial- oder die Kulturgeschichte - für bestimmte, auch für wichtige, Epochen und Regionen ihres Forschungsraums keine für tragfähige historische Aussagen hinreichende Quellen vorhanden sind. Als Beispiele erwähnt er etwa die Frühzeit der greichischen 'Polis-Geschichte', die ersten Jahrundert der römischen Stadtgeschichte, die Geschichte der ländlichen Räume in der Antike oder die Geschichte des römischen 'Soldatenkaisertums'. Andere Mängel sieht er in der Bildung einiger wichtiger strukturbeschreibender Begriffe wie zum Beispiel 'Hellenismus' oder 'Sklaverei'. Obschon teilweise quellenbasiert, sieht er sie dennoch als theoretsich spekulativ, weil zu wenig quellengestützt an. Interessanterweise nimmt er damit objektiv die schon von den französischen Enyklopädisten - vgl. Kap. 1, Diderot-Text - geäußerte Grundsatzkritik an den Wissensmängeln für ältere Geschichtsepochen auf. Allerdings zieht er aus diesen nicht die Konsequenz, das Fachgebiet als ganzes für spekulativ und damit wissenschaftlich sinnlos zu erklären, wie es Diderot tut.

Zu c)

Er meint damit andeutungsweise einerseits wohl schul- und hochschulpolitische Entscheidungen der 70er und 80er Jahre, die den Geschichtsunterricht und die universitäre Geschichtsausbildung und damit die gesellschaftliche Bedeutung humanistischer Bildung generell betrafen; zum anderen aber wohl auch s. E. unwissenschaftliche Formen von Geschichtsideologien, die im Universitätsbereich zu dieser Zeit Förderung und Verbreitung fanden. Heuß spricht seine Bedenken offenbar mi Bedacht an, auch wenn er andererseits eine Benennung der von ihm kritisierten Positionen und eine Auseinandersetzung mit ihnen vermeidet. Damit dürfte er generell andeuten gewollt haben, daß er eine gewisse Widerständigkeit gegen aktuelle Wissenschaftspolitik und aktuelle gesellschaftliche Ideologien, welche historische Urteilsbildung und Wahrheitsfindung erschweren, für eine Aufgabe auch von Althistiorikern hält, die ihre wissenschaftliche Aufgabe ernstnehmen.

Zu d)

Als wichtier Punkt wäre etwa zu kritiseren, daß Heuß mit seiner wissenschaftspragmatischen Engfassung des Fachgebiets 'Alte Geschichte' zwar eine verständliche Position einnimmt , was die Spezialisierung und den kompetenten Austausch in dem so definierten Fachgebiet selbst betrifft. Er berücksichtigt aber dabei wohl nicht die schon in seiner aktiven Professorenzeit erkennbare Problematik des ebenso theoretisch-fachlich wie in der öffentllichen Diskussion nicht hinreichend legitimierten Nebeinanderexistierens vieler sog. 'kleiner' in irgendeiner Weise altertumskulturbezogener human-, sprach- und geschichtswissenschaftlicher Fächer. Siehe dazu Kap. 4.

ÜBUNG 4 A.

AUFGABEN:

Im folgenden finden Sie einen Auszug aus der wissenschaftlichen Edition eines antiken Textes vor.

a) Worum geht es in dem Textauszug? Über welche Zeit sagt er etwas aus? Wann ist er entstanden? In welcher Schrift und Sprache ist er geschrieben? Warum nicht in einer anderen der damals üblichen?

b) Was ist an dem Ihnen vorliegenden Textauszug Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit? Aus welcher Zeit stammt die Bearbeitung und welchen Forschungsstand gibt sie folglich wieder?

c) Erklären Sie mit Ihren jetzigen Kombinationsmöglichkeiten die 'Siglen' der Text-Noten.

d) Wodurch unterscheidet sich eine philologische Bearbeitung dieses Textes von einer althistorischen, einer theologischen und einer vergleichend-religionswissenschaftlichen?



LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll die Unterschiedlichkeit fachgebietlich-wissenschaftlicher Fragestellungen an ein- und demselben Text verdeutlichen, der unter anderem als althistorisch interessante Quelle in Frage kommt. Er soll damit den Zweck fachgebietlicher Abgrenzungen auf dem Felde des Wissens über historische Texte und zugleich den Begriff 'Nachbarwissenschaft' illustrieren.

Zu a)

Aus der Werk- und der Kapitelbezeichnung am oberen Rand der Seiten geht hervor, daß es sich im wesentlichen um das 13. Kapitel aus dem Markus-Evangelium handelt, und zwar in der griechischen Ausgangssprache. Der Inhalt des Textauszugs liegt in deutscher Übersetzung der Übung 3 b (s. o.) zugrunde. Es geht, wie dort schon ausgeführt wurde, um 'eschatalogische' Jesus-Worte, die im Markus-, Matthäus- und Lukas.Evangelium ähnlich überliefert sind. Deshalb sind sie einer älteren Schicht christlich-gemeindlicher Tradition über Jesus zuzordnen, die sich schon unmittelbar im Zusammenhang mit seinem kurzen öffentlichen Wirken gebildet und nach seinem Tode i. J. 30 n. Chr. allmählich als Traditionsgut gefestigt haben dürfte. Sämtliche 'synoptischen' - also das gemeinsame Überlieferungsgut entahltenden - Evangelien werden ihrem Gesamtinhalt nach auf die Zeit vor 70 v. Chr., die Zeit des jüdisch-römischen Krieges und der an seinem Ende stehenden Zerstörung des Jerusalemer Tempels - angesetzt. Markus gilt als früheste überlieferte literarische Komposition der frühchristlichen Jesus-Tradition. Der Sprachduktus des Markus-Evangeliums wird philologisch als von aramäisch-sprachigen Vorlagen oder aramäischen Sprachgewohnheiten geprägt beurteilt. Wenn das Markus-Evangelium und die anderen Evangelien daher griechischsprachig konzipiert sind, so weist dies auf einen griechischsprachigen Adressatenkreis hin, der sowohl in den hellenistisch geprägten, griechischsprachigen Städten und Regionen des Nahen Ostens als auch in Festland- und Inselgriechenland selbst als auch in den griechischsprechenden Gemeinden des westlichen Mittelmeerraums, vor allem Italiens, zu suchen ist. Es gab aber vermutlich schon vor den griechischsprachigen auch aramäischsprachige und vermutlich nur etwas später neben den greichischsprachigen auch lateinischsprachige Evangelienversionen für Christen, die des Griechischen nicht ausreichend kundig waren. Allerdings dürfte die griechische Gemeinsprache ('Koine') der Evangelien die im frühen Christentum meistgesprochene Sprache gewesen sein, was sowohl auf eine Distanz des zunächst im östlichen Mittelmeerraum konzentrierten Christentums einerseits zum hebräisch- und aramäisch-jüdischen, andererseits als auch zum lateinisch-römischen Element hindeutet.

Zu b) und c)

Wissenschaftlicher Arbeit entspringt zunächst die Zusammenstellung einer 'Leseversion' des Evangelientextes aus der Fülle der zahlreichen und teilweise verschiedenartigen, philologisch-kritisch zu überprüfenden Handschriften, und zwar einer solchen, die mit Hinweisen auf wichtige in den Handschriften ebenfalls überlieferten Textvarianten ausgestattet ist.

Einer einmal theologisch-religionsgeschichtlichen, zum anderen allgemeingeschichtlich-althistroischen Interpreation - wie zu Übung 3 b schon ausgeführt - erschließt sich sodann das innere und das historische Textverständnis.

Die hier zu untersuchenden Textvorlagen lassen über die 'Siglen', d. h. 'siegel'-artige Kurzbezeichnungen, welche die verschiedene Lesarten verschiedener Handschriften einerseits und deren wissenschaftliche Bearbeiter andererseits repräsentieren, sowie über 'Noten', welche die philologischen Erkenntnisse verschiedenartiger wissenschaftlich-philologischer Bearbeiter über Handschriften in standardisierter Kurzform wiedergeben, den Stand der die philologische Bearbeitung erkennen. In den Querverweisen auf andere Bibelstellen am Rande des Textes findet einerseits die philologische, andererseits bibelexegetisch-theologische Bearbeitung ihren Niederschlag. Allgemeingeschichtliche und religionsgeschichtliche Hinweise kann man hier nicht finden, sondern eher in Kommentaren zum Neuen Testament. Die Zeit der wissenschaftlichen Bearbeitung könnte ungefähr erschlossen werden, wenn man im 'Conspectus siglorum', d. h. in der Übersicht über die die Handschriften und wissenschaftlichen Bearbeiter repräsentierenden Kurzbezeichnungen, nachsehen würde, auf welche der dort angegebenen wissenschaftlichen Vorarbeiten sich der Bearbeiter der vorliegenden wissenschaftlichen Textedition bezieht. - Die vorliegende wissenschaftliche Edition des griechischen Neuen Testaments stammt von Ebergard Nestle (11. verbesserte Auflage, Stuttgart 1921) und ist mit einer Übersetzung ins Deutsche verbunden, die hier nicht wiedergegeben wurde und ebenfalls mit wissenschaftlichen Kurzbegründungen versehen ist.

Zu d)

Dem Text gegenüber sind verschiedenartige, jeweils fachspezifische Erkenntnisziele und Fragestellungen möglich:

Althistorischem Erkenntnisinteresse entspräche etwa die Frage, was ein solcher Text über typische Einstellungen im frühen Christentum gegenüber der jüdischen und der römischen Obrigkeit aussagt und wieweit diese Einstellungen mit einem im Vorfeld des jüdisch-römischen Krieges d. J. 67 - 71 n. Chr. immer wieder hervortretenden 'Zelotismus', einer religiös motivierten jüdischen Widerstandsbewegung gegen die römische Besatzungsmacht in Judäa gesehen werden muß.

Theologisch wäre die Frage nach dem Inhalt der von Jesus Christus gegebenen (partiellen) Offenbarung über das bevorstehende Weltende und den darin trotz aller Schrecklichkeit des vorhergesehenen Geschehens enthaltenen Heilsplan Gottes, der für die Gerechten in dieser Welt, Auferstehung und ein neues Leben in einer neuzuschaffenden Welt vorsieht.

Vergleichend-religionswissenschaftlich wäre die Frage danach, ob die Aussagen Jesu über das bevorstehende Weltende charakteristisch sind für zumindest einen größeren Teil des Judentums der Zeit Jesu Christi, und warum die eschatologische Denkweise im Judentum späterer Zeiten an Bedeutung eingebüßt hat. Man könnte mit diesem Erkenntnisinteresse auch fragen, wo es im Bereich der verschiedenen Wektreligionen ähnlich eschatologische Denkweisen gegeben hat. Man würde dabei - sieht man vom Christentum mit seinen in allen Epochen bis heute beachtlichen eschatologischen Vorstellungselementen einmal ab - unter anderem etwa auf die altiranische Ahuramazda-Religion als frühere, auch das Judentum prägende Religion- oder auch auf den Islam - als von Judentum und Christentum gleichermaßen geprägte später entstandene Religion stoßen.

ÜBUNG 4 B.

AUFGABEN:

Der folgende Text stammt von dem in Österreich wirkenden Ethnologen und Soziologen Justin Stagl. Er beleuchtet aus 'europäischer' Perspektive die wissenschaftgeschichtliche Entwicklung der 'Cultural Anthropologie' in den USA. Beantworten Sie folgende Fragen:

a) Worin unterscheidet sich nach Stagls Darstellung die fachgebietliche Entwicklung der 'Cultural Anthropology' in den USA von der entsprechender wissenschaftlicher Fachgebiete im europäischen Bereich?

b) Wo bestehen Berührungspunkte und wo Differenzen zwischen einem Fachgebiet 'Alte Geschichte' und der amerikanischen 'Cultural Anthropology'?


Zur Entwicklung der Kulturanthropologie im amerikanischen Bereich: Justinus Stagl, Kommentierung des Handbuchs der Kulturanthropologie von Frank R. Vivelo.

Text entnommen aus: Frank Robert Vivelo, Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung. Mit einer Einleitung hg. von Justin Stagl. Übersetzt von Erika Stagl, (1978) Stuttgart 1988 , S. 13 - 21 (Einleitung).


Schematische Übersicht über die Teilgebiete der (angelsächischen) Anthropologie nach Vivelo.

Schema entnommen aus: Frank Robert Vivelo, Kulturanthropologie. eine grundlegende Einführung.. Mit einer Einkeitung hg. von Justin Stagl. Übersetzt von Erika Stagl, (1978) Stuttgart 1988, S. 43.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll klarmachen, daß die im europäischen bzw. im deutschen Bereich üblich gewordenen fachgebietlichen Differenzierungen und Abgrenzungen der dem 'Altertum' gewidmeten Geisteswissenschaften wissenschaftsgeschichtlich verständliche und begründbare, aber nicht sachlich zwingende Gründe haben. Am Beispiel des in den USA gegenüber europäischen Verhältnissen ganz andersartigen Konzeption eines zugleich natur- und kulturwissenschaftlich angegelegten, auch die verschiedenen Altertumskulturen des Welt einschließenden Fachgebiets Anthropologie läßt sich sich die spezifische, antikenbezogene, geistes- und allgemeingeschichtliche Abgegrenzung des in Deutschland üblichen Faches 'Alte Geschichte', die sogar noch zur 'Altphilologie' und zur 'Archäologie' fachliche Grenzen zieht, besonders gut demonstrieren, und damit zugleich auch die Notwendigkeit verdeutlichen, daß ein Fach wie 'Alte Geschichte' zumindest nur in ständigem Arbeitskontakt, mit verschiedenen Nachbarwissenschaften sinnvoll existieren kann, nicht also etwa in fachgebietlicher Isolation.

Zu a)

Die 'Cultural Anthropology' hat in der Wissenschaftsgeschichte der USA einen markant anderen Entwicklungsverlauf genommen als die ihr entsprechenden Fachgebiete in Deutschland. Die amerikanische Tradition faßt unter 'Anthropology' drei große Komplexe - 'Physical Anthropology', 'Archaeology' und 'Cultural Anthropology' - mit teils naturwissenschaftlichem, teils geisteswissenschaftlichem, teils gemischt natur- und geisteswissenschaftlichem Charakter als Teilgebiete zusammen (siehe: Schematische Übersicht, oben) und macht damit gegenüber der deutschen, stark von der 'Lebensphilosophie' und dem 'Historismus' des 19. Jhs. geprägten, langewährenden und zumindest theoretisch-prinzipiellen Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften deutlich, daß sie von einem einheitlichen, umfassenden Wissenschaftsbegriff ausgeht, wie er in der Aufklärungsphilosophie vertreten wurde. Heute findet zwar eine Wiederannäherung beider Positionen im Bereich der Wissenschaftstheorie statt (siehe Kap. 2 zu P. 6 [Hübner]), aber die ihnen entsprechenden fachgebietlichen Abgrenzungen und wissenschaftsorgansitorischen Konsequenzen bleiben einstweilen - und vermutlich noch lange Zeit - unterschiedlich. Neben der 'Alten Geschichte' als Teilfachgebiet der 'Allgemeingeschichte' und par excellence 'historischer' Wissenschaft gibt es in der mitteleuropäisch geprägten Wissenschaftslandschaft etwa in völliger fachgebietlicher Unabhägigkeit Fachgebiete wie Altphilolologie' (geisteswissenschaftlich nahestehend) und 'Archäologie (teils geisteswissenschaftlich, teils naturwissenschaftlich) sowie eine Vielzahl den verschiedenen Altertumshochkulturen auf der Welt gewidmeter Spezialwissenschaften mit teils sprachwissenschaftlichen, teils kultur- und volksgegeschichtlichen, teils kunst- oder technik oder- religionsgeschichtlichen oder sonstigen Schwerpunktsetzungen, die keinerlei gemeinsames theoretisches, geschweige denn ein wirklich zusammenführendes, gemeinsames wissenschaftsorganisatorisches Dach haben.

Zu b)

Auch die amerikanische Wissenschaftstradition kennt die Besonderheit historischer und philologischer Wissenschaftsgebiete für den Bereich der Antike (Ancient History, Classics). Doch scheint es so, daß diese sich prnzipiell stets auch als 'kulturanthroplogische' oder 'archäologische' Teilbereiche einer umfassenden anthropologischen Wissenschaft verstehen können und es deswegen leichter haben, mit wissenschaftlichen Nachbargebieten aller (sowohl geistes- als auch naturwissenschaftlicher) Art innerhalb eines umfassenden 'anthroplogischen' Wissenschaftskomplexes zu kooperieren, ihre Existenz theoretisch zu begründen und ggf. auch öffentlich - zum Beispiel für Finanzierungszwecke - zu legitimieren.

ÜBUNG 5 A.

AUFGABE:

a) Welcher Spezialkenntnisse bedarf es, um dem im folgenden abgebildeten Palimpsest aus dem Kloster Bobbio (Vat. lat. 5757, f. 122) althistorisch relevante Erkenntnisse zu entnehmen?

b) Welche sind das? Welche anderen historischen oder sonst wissenschaftlich interessanten Erkenntnisse gehen aus ihm hervor?


Palimpsest von Bobbio, Vat. lat. 5757, f. 122.

Abb. entnommen aus: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 371.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll verdeutlichen, daß die wissenschaftliche Betreuung der Handschriften-Überlieferung, die die materielle Quellenbasis für unsere literarisch begründeten Kenntnisse von der Allgemeingeschichte der Antike - und somit überhaupt eine wesentliche Basis ihrer Erkenntnisprozesse - darstellt, streng genommen gar nicht in den Arbeitsbereich der Fachdisziplin 'Alte Geschichte' gehört, nicht einmal nur in den der 'Altphilololgie', sondern in den der 'Hilfswissenschaft' 'Paläographie' ('Handschriftenkunde'). Diese ist ein stark spezialisierterWissenskomplex, in welchem sich besondere Kenntnisse der Handschriftenbestände vor allem aus der Spätantike und dem Mittelalter und ihrer Überlieferungs- und Schriftgeschichte verbinden mit naturwissenschaftlichen Verfahren der Materialanalyse und methodischer Perfektion im Bereich der Quellenkritik und -edition. Man kann die 'Paläographie' als gemeinsame Hilfswissenschaft der 'Altphilologie' der 'Alten Geschichte' ansehen.

Zu a)

Zum ersten bedarf es gewisser materialkundlich-, schriftkundlich- und ortskundlich-historischer Spezialkenntnisse, um die Handschrift in ihrer ersten Beschreibung und in ihrer nach deren Erasion erfolgten Überschreibung richtig zu datieren und ihrer Entstehungs- und Aufbewahrungegeschichte nach richtig einzuordnen. Dies ist Aufgabe einer paläographischen 'Vorarbeit' an der vorliegenden Handschrift.

Sodann geht es um die philologische Identifikation der eradierten und der darübersgechriebenen Textstelle im Rahmen bekannter Werkzusammenhänge und ihre Zuordnung zu Autoren sowie um die evtl. auch geistes- und kirchengeschichtlich interessante Frage nach den Motiven für die Überschreibung.

Zu b)

Es handelt sich um einen Pergament-Codex, der vermutlich in der Spätantike (4. - 6. Jh. n. Chr.) in der damals typischen Uncial-Schrift erstmals beschrieben und in karolingischer Zeit mit der damals erneut üblich gewordenen, erneuerten Uncial-Schrift antiken Typs, wenn auch sehr viel dichter, überschrieben wurde. Es mag sein, daß der Codex schon im Kloster Bobbio, seinem späteren Fundort (Entdeckung durch den Kardinal Angelo Mai um 1810), einem im Jahre 612 gegründeten, späteren Benediktinerkloster im nördlichen Appenin (50 km nordöstlich Genua), angefertigt wurde. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß die Handschrift andernorts angefertigt wurde und erst später in den Besitz des Klosters Bobbio gelangte.

Die ursprüngliche Textpassage stammt aus Ciceros Schrift 'De re publica' (1, 17, 26 f.) und steht im Zusammenhang mit der im ersten Buch dieses Werks stattfindenden Erörterung der besten Verfassungsformen , der die darübergeschriebene Textpassage aus einem Psalmenkommentar des Kirchenvaters Augustinus 'Ennarrationes in psalmos'. Ciceros staatsphilosophisches Werk 'De re publica', das zum größten Teil aufgrund des hier - mit nur einem Blatt - wiedergegebenen Palimpsest-Codex erhalten ist - und zwar fragmentarisch, nur etwa zu einem Drittel des anzunehmenden ursprüglichen Umfangs -, ist heute - in seiner geistes- und politikgeschichtlichen Bedeutung und in seinem Quellenwert für die Erhellung politisch-phisosophischen Denkens in Rom am Ende der republikanischen Geschichte - in seinem hohen Wert unumstritten. In der karolingischen Zeit des Mittelalters war Ciceros 'De re publica' entweder ausreichend häufig in Bibliotheken vertreten oder aber - was angesichts einer ähnlicher Verfahrensweise in anderen Fällen heute als wichtig anerkannte nicht-christlich-antiker Handschriftenüberlieferung wahrscheinlicher ist - das Werk galt in seiner irdischen und vergangenen Dingen zugewandten Denkweise als nachrangig gegenüber dem als unvergänglich geschätzten geistlichen Gut eines Psalmen-Kommentars des im Mittelalter hochverehrten Kirchenvaters Augustinus. Hier werden die Motive für eine Überschreibung des Codex zu suchen sein, wobei weiterhin wohl vorauszusetzen ist, daß kein ausreichendes oder geeignetes Schreibmaterial für eine Abschrift des augustinischen Kommentars zur Verfügung steht, um eine aus irgendeinem praktischen Grunde dringliche Abschrift von einer vorhandenen Vorlage votzunehmen. Dazu:

Im vorliegenden Fall ist die 'Paläographie' als Hilfswissenschaft sowohl einer philologischen Textanalyse als auch einer alt- und mittelalterhistorischen, geistes- und kirchengeschichtlichen Beurteilung zu erkennen. - Das naturwissenschaftlich-technisch entwickelte Thermolumineszenzverfahren, mit welchem die eradierte Textpassage wieder lesbar geworden ist, wird wiederum als zentral wichtiges Hilfsmittel der Paläographie erkennbar.

Die wissenschaftliche Edition und Kurzkommentierung des Palmpsestes von Bobbio (Vat. lat. 5737, f. 122) ist zu finden bei E. Chatealain, Paléographie des classiques latins, 2 Bde., Paris 1884 - 1900, pl. XXXIX; eine Vielzahl ähnlicher Fälle behandelt das Werk von E. A. Lowe, Codices Latini antiquiores. A palaeographical guide to latin manuscripts prior to the ninth cebtury, Bd. 1 ff., Oxford 1934 - 1959. Zur Geschichte der Handschrift: und generell zurÜberlieferungsgeschichte des Werks 'De re publica': Karl Büchner, Überlieferungsgeschichte der lateinischen Literatur des Altertums, in: H. Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 370 und 382 f.

ÜBUNG 5 B.

AUFGABE:

a) Welche Rückschlüsse auf die Variabilität äußerlich erkennbarer körperlicher Merkmale im Erscheinungsbild verschiedenartiger antiker Völker ermöglichen die nachfolgend wiedergegebenen, in Übersichtskarten zusammengefaßten heutigen Erhebungen über die geographische Variabilität der Pigmentierung und der Form des Kopfhaares innerhalb der menschlichen Bevölkerung der Welt?

b) Welche die üblicherweise gegebene Spezialisierung von Althistorikern überschreitenden Spezialkenntnisse sind dafür erforderlich?


Geographische Variabilität sichtbarer körperlicher Merkmale innerhalb der menschlichen Weltbevölkerung.

Abb. entnommen aus: Rainer Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980, S. 335.


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll verdeutlichen, an welchen Stellen sich historische Urteile sinnvollerweise naturwissenschaftlicher Kenntnis und den durch diese ermöglichten Schlußfolgerungen anvertrauen sollten.

Zu a)

Die Berücksichtigung anthropologischer Untersuchungen über die Variabilität körperlicher Merkmale innerhalb der menschlichen Weltbevölkerung kann etwa zwei - auch allgemeingeschichtlich relevante - Erkenntnisse vermitteln:

1) daß deren Verteilung in einigen typischen - früher 'Rasse genannten' - Kombinationen des physischen Erscheinungsbildes der menschlichen Gattung auf der Welt vorkommt, welche einerseits auf populationstrennende geographische Momente von längerer -hunderte oder tausende Jahre langer - Dauer zurückgeführt werden können und andererseits, soweit sie im Erscheinungsbild von Menschen markant hervortreten - Faktoren ethnischer, kultureller oder politischer Abgrenzung zu anders erscheinenden Menschen sein können,

2) daß die Grenzen zwischen der Verbreitung der einzelnen Typen sich zwar durch Bevölkerungsbewegungen ständig ein wenig ändern, nachhaltig jedoch zumeist nur in sehr langen, hunderte oder tausende von Jahren umfassenden Zeitraumen.

Für die 'Alte Geschichte' trägt das etwa zu einer Erklärung bestimmter ethnischer Stereotypen, wie zum Beispiel der bei der mediterranen Bevölkerung der Antike verbreiteten Vorstellung von dem furchterregenden äußerlichen Erscheinungsbild der Völker des Nordens (Gallier und Germanen) bei.

Anthropologischen Erkenntnisse dieser Art dürften auch die Annahme begründen, daß die heutige Verteilung äußerer körperlicher Merkmalstypen im mediterranen, nordafrikanischen, nahöstlichen und europäischen Bereich trotz vieler Bevölkerungsbewegungen im Laufe der spätantiken und nachantiken Geschichte mit der antiken immer noch ungefähr in ihren geographischen Schwerpunkten übereinstimmen.

Zu b)

Voraussetzung für anthropologische Erkenntnisse dieser Art sind einerseits morphologisch-medizinisch vergleichende Studien an heute lebenden ganzen Populationen verschiedenen Erscheinungstyps auf der Welt, andererseitsumfassende, systematische morphologisch-medizinische Studien an körperlichen Resten, welche archäologische Arbeiten in verschiedenen Weltregionen für deren historische Populationen zutagefördert haben und weiterhin entdecken. Beides ist dem Althistoriker mit seinem Begriffs- und Methodenwerkzeug typischerweise nicht möglich.

ÜBUNG 6.

AUFGABEN:

Lesen Sie die beiden nachfolgenden - exemplarisch für ein breites Spektrum antikenbezogener Geschichtsideologien unterschiedlicher Art und Provenienz - stehenden Texte genau durch und beantworten Sie folgende Fragen:

a) Von welchen Traditionen und Verfahrensweisen der Beschäftigung mit der Antike grenzen sich die Autoren jeweils ab? Jeweils welchen politischen Zielen und Bildungsidealen soll sie statt dessen dienen?

b) Wie sehen die Autoren das politische Geschehen ihrer Zeit, und was läßt sich Ihres Erachtens daraus möglicherweise über ihre Rolle in Politik und Wissenschaft ihrer Zeit erschließen?

c) Welche sachliche historische - d. h. hier: nicht politische - Kritik läßt sich ggf. im einzelnen Ihres Erachtens jeweils an den Ausführungen der Autoren üben?


LÖSUNGSHINWEISE:

Die Übung soll illustrieren, wie althistorisches Wissen auf ganz unterschiedliche Weise in zeitgeschichtliche politische und kulturbezogene Ideologien Eingang finden kann, um dort argumentative Hilfsfunktionen für politische und kulturelle Ziele und Ideen der Gegenwart zu übernehmen, und in welcher Weise die historischen Bezüger zur Altertumsgeschichte so in wesentlichen Punkten geschichstwissenschaftlich kritikwürdig werden, ja zu werden pflegen. Um dem Eindruck entgegenzutreten, diese Problematik beschränke sich auf bestimmte Idoeologien oder politisch-gesellschaftliche Strömungen, sind Beispielstexte aus konträren politisch-ideologischen Lagern gewählt worden.

Zu a)

Helmut Berve (1896 - 1979) äußert sich in seinem programmatischen, vortragsartig an ein humanistisch und historisch gebildetes Publikum gerichteten Text (Text 1) des Jahres 1934 zum Verhältnis zwischen althistorisch fundierter Bildung und den 'Erfordernissen der Zeit' - der Anfangsjahre des Nationalsozialismus in Deutschland. In ständiger Gegenüberstellung kritisiert er einerseits an einer bisherigen allgemeinen Geistesverfassung der zeitgenössischen Gesellschaft eine "Zerrissenheit" geistigen Daseins, eine "individualistsche Zersplitterung", geistige "Blässe", "Intellektualismus", eine verformende "Modernisierung", eine Unfähigkeit zu klarer und tauglicher historischer Erkenntnis und eine Unfähigkeit zu politischem Denken, Verantwortungsgefühl und tatkräftigem Einsatz ('Tat'), um andererseits von einer eben angebrochenen "neuen Zeit" einen tiefreichenden "geistigen Umbruch", eine "einheitliche Ausrichtung unseres gesamten Lebens", eine "Wiederherstellung der Wahrheit", ein Interesse für das "Absolute und ewig Gültige" zu erwarten. Das wissenschaftliche Selbstverständnis seines Fachgebiets, der 'Alten Geschichte', ordnet er in seiner bisherigen Form prinzipiell der kritisierten geistigen Allgemeinverfassung der Gesellschaft zu, um demgegenüber die Perspektive eines neuen wissenschaftlichen Umgangs mit den Gegenständen der 'Alten Geschichte' und ihrer "lebendigen" Vermittlung an ein "deutsches Volk" im Zuge der Erfüllung der Erfordernisse der neu angesbrochenen Zeit des Nationalsozialismus zu postulieren. Für wesentlich hält er in der lehrhaften Vermittlung der 'Alten Geschichte' eine Hervorhebung ihrer "politischen Geschichte", die Vermittlung des "Rassegedankens" und die Weckung der Bereitschaft zur "Zucht des Geistes" und zur "Einordnung in Form und Gesetz".

Ernest Bornemann (1915 - 1995) unterscheidet in seinem 1975 erstmalig erschienenen Buch 'DasPatriarchat. Ursprung und Ziel unseres Gesellschaftssystems' in der historischen, einschließlich der gegenwärtigen und der zukünftigenWelt zwei Typen von Gesellschaftsordnungen, einen "matriarchalen" und eine "patriarchalen". In einer breit angelegten Untersuchung der griechischen und der römischen Geschichte kommt er zu der Schlußfolgerung, griechische und römische Sozialordnung als 'patriarchalisch' einzuordnen; sie sei darin derjenigen einer von ihm angenommenen heutigen "bürgerlichen Klassengesellschaft" ähnlich. Demgegenüber nimmt er - in Anknüfung an die von Lewis Henri Morgan entworfene, von Friedrich Engels in ein sozialistisches Theorie-Konzept geschichtlicher Entwicklung eingebaute Vorstellung eine dem 'antiken Patriachat' vorhergehende 'Urgesellschaft' an; diese gehöre als"matrilineare Sippengesellschaft" zum 'matriarchalen' Typus gesellschaftlicher Ordnung. Mit Engels nimmt Bornemann ferner an, eine aus der gegenwärtigen "bürgerlichen" und zugleich "patriarchalen" "Klassengesellschaft" hervorgehende, wirklich sozialistische Gesellschaftsordnung werde ebenfalls einen 'matriarchalen' Charakter haben. In seiner hier - in Text 2 - wiedergegebenen Gegenüberstellung der typischen Merkmale 'matriarchaler' und 'patriarchaler' Gesellschaftsordnung am Beuspiel "matrilineiarer Sippengesellschaft" einerseits und des "griech-römischen Patriarchats" andererseits gibt Bornemann im einzelnen an, wodurch sich beide - grundsätzlich und fast polar - unterscheiden. "Blutsverwandtschaftlich" begründete Gemeinschaftsbildung, fehlende "territoriale Begrenzung", "Kollektivismus", "Zusammenarbeit", "Gemeinschaftseigentum an Produktionsmitteln", "Sozialwirtschaft", die Abwesenheit staatlicher Befehls- und Zwangsstrukturen, die Prinzipien der "Hingabe", der "Vergebung" und "Liebe" sowie einer "befriedungs"-orientierten Arbeit kennzeichneten eine 'urgesellschaftliche', typisch matriarchale Ordnung, während "staatliche-politische" Integration einer "Bürgerschaft", "territoriale Begrenzung", "Individualismus", "Konkurrenz", "Privateigentum an Produktionsmitteln", "Marktwirschaft", die Existenz staatlicher Entscheidungszentren, Befehlsverfahren, Autorität und Bürokratie, die Prinzipien der "Ausbeutung", "Bestrafung" und "Pflicht" sowie einer "Arbeit zum Geldverdienen" eine patriarchale Gesellschaftsordnung der griechisch-römischen Antike ausmachten; wegen der von Bornemann hervorgehobenen historischen Verbindungslinien zwischen antik-patriarchaler und gegenwärtiger "bürgerlicher Klassengesellschaft" sind die typischen Merkmale eines antiken Patriarchalismus auch diejeneigen eines gegenwärtigen.

Zu b)

Berve begrüßt die politische Entwicklung des Nationalsozialismus als Chance auch einer geistigen Erneuerung in seinem Arbeitsbereich, der Wissenschaft, ohne merkliche Einschränkung oder gar Kritik. Allein daraus kann man entnehmen, daß er sich - als prominenter Vertreter seines Faches - besonders zum Vertreter der Sichtweisen und Interessen des damaligen Regimes im Wissenschaftsreich, etwa in Prominenzpositionen und bei der Leitung wissenschaftspolitischer Projekte, eignete. Dies ist in der Tat später so gewesen. Vgl. dazu: W. Nippel Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1992, S. 282 f.

Bornemann nimmt der Gesellschaft seiner Zeit und seines Lebensraums gegenüber eine grundsätzlich kritische, ja oftmals eine konfessorisch-polemische Position ein. Das schafft üblicherweise politische Gegner, ja es verwickelt in politische Kontroversen selbst mit Gleichgesinnten. Da er Gegenstände der Geschichte in bewußter Distanz zu etablierten geisteswissenschfalichen Methoden 'theoretisch' stark vereinfacht und in politisch-argumentativer Absicht engagiert bewertet, kann man annehmen, daß er nicht nur im historischen Wissenschaftsbereich, sondern generell in der Wissenschaft umstritten ist. - Tatsächlich ist Bornemanns Lebensschicksal zumindest zeitweilig davon bestimmt gewesen.

Zu c)

Beiden Autoren ist eine polarisierende Vereinfachung bei der Beschreibung komplexer historisch-gesellschaftlicher Ordnungen und Entwicklungen vorzuhalten, die sich jedenfalls im Bereich ihres jeweils tiefreichenden, auch emotionalen Engagaments mit sachlich unbegründeten Bewertungen und unklaren Begriffsbildungen verbinden können. Dies kann als charakteristischer Zug engagiertzer Geschichtsideologien angesehen werden.


LV Gizewski SS 2004.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .