Alltägliches und wissenschaftliches Geschichtsbewußtsein. Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 18 - 23 (Auszug aus dem Beitrag 'Geschichte und Existenz').


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Der Mensch und seine Vergangenheit.

Der einzelne Mensch ist in seinem Verhältnis zur Vergangenheit, zur Geschichte, nicht frei, sondern geprägt durch seine Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten Gesellschaft, einer Religion, einer Weltanschauung. Für beträchtliche Gruppen der Bevölkerung, deren Beziehung zur Geschichte im Grunde heilsgeschichtlich bestimmt ist, gilt nach wie vor Andreas Gryphius' Betrachtung der Zeit aus der Epoche des Dreißigjährigen Krieges:

»Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen; Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.« 13

Der Anhänger des historischen Materialismus sieht sich dagegen mitten in einer geschichtlichen Entwicklung stehen, die von einer klassenlosen Gesellschaft des Anfangs zu einer wiederum klassenlosen am Ende führt. Religion wie Weltanschauung setzen damit ein Bezugssystem., das jeweils Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreift und dem einzelnen Geborgenheit und Sicherheit verleihen kann.

Allein, um solche Einstellungen zur Vergangenheit soll es hier nicht gehen: Der Ansatz ist bescheidener und zugleich elementarer. Wir fragen nach der Beziehung des einzelnen zu seiner persönlichen Vergangenheit. Dabei ist evident, daß diese Frage in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen eine völlig verschiedene Bedeutung und Dimension besitzt. Für das Kind stellt sich die Frage kaum, so viele Geburtstage es feiern mag. Das Kind und der junge Mensch sind ganz auf Gegenwart und Zukunft fixiert. Nur an einzelnen Punkten, nach dem Abitur, dem Studium, nach dem Tod von Eltern, Geschwistern, Freunden und Partnern schärft sich punktuell das Bewußtsein einer Zäsur, des Endes einer gemeinsam erlebten Vergangenheit. Doch in der Regel werden solche Stimmungen rasch abgeschüttelt: Es dominiert die Offenheit gegenüber der Zukunft.

Die Veränderung bahnt sich nur sehr allmählich an. Sie kommt mit den runden Geburtstagen und den Arbeitsjubiläen, mit dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst oder Beruf. Je geringer die Spannungen zwischen jeweiliger Gegenwart und den Zukunftserwartungen werden, desto intensiver wird die Beschäftigung des Menschen mit seiner eigenen Vergangenheit. In den kleinen Städten häufen sich nun die Jahrgangstreffen, die Zusammenkünfte von »Ehemaligen«. Nicht selten steht am Ende, trotz aller modernen Bemühungen um die Senioren und trotz aller Beziehungen zur Gegenwart immer wieder ein Leben in der Vergangenheit. Diese scheint vor allem den alten Menschen geradezu magisch anzuziehen. Alte Kontakte werden erneuert, die Stätten der Kindheit und der Jugend aufgesucht, immer häufiger alte Fotoalben studiert, für eine Rückkehr in die alte Heimat werden nicht selten die größten Opfer gebracht.

Die Vergegenwärtigung dieser Entwicklungsstufen zeigt, daß es wohl unmöglich ist, die Beziehung des Menschen zu seiner Vergangenheit überhaupt in einer komplexen Weise und in abstracto zu erfassen. Vier verschiedene Verhaltensweisen in den Beziehungen des Menschen zu seiner Vergangenheit seien hier dennoch kurz skizziert: das Bewahren, die Stilisierung, das Vergessen und das Verdrängen der Vergangenheit.

Das Bewahren der Vergangenheit. Der Göttinger Mediävist Hermann Heimpel hat Gegenwart einmal als die Vergangenheit bezeichnet, »die in dem prüfenden Sieb der Geschichte übriggeblieben ist« 14 Diese Definition trifft zwar teilweise zu, sie läßt aber nicht deutlich werden, daß das Bewahren von Vergangenheit nicht gleichsam nur automatisch erfolgt, sondern Aktivität, den Willen zur Bewahrung voraussetzt. Dieser Wille kann im Leben des einzelnen den verschiedensten Motivationen entspringen: dem Stolz auf persönliche Leistungen, der bewußten Pflege von Erinnerungen an Menschen, Institutionen, an einen früheren Lebens- und Wirkungskreis. Die ungewöhnliche Leistung oder Handlung, das nicht alltägliche, besondere Geschehen, in dessen Mittelpunkt ich damals stand oder an dem ich wenigstens mitbeteiligt war, die faszinierenden Menschen, Städte und Landschaften oder Institutionen, mit denen uns besondere Erinnerungen verbinden, all das wollen wir bewahren, und wir rufen es uns und anderen oft bis zum Überdruß immer wieder in Erinnerung, finden darin Befriedigung, Selbstbestätigung, Erhebung und Trost.

Anderes bewahrt unser Unterbewußtsein oft gegen unseren Willen: Die Katastrophen, die wir erlebt, und die Ängste, die wir durchlitten haben, den brennenden Bus, das sinkende Schiff, die Gefangenschaft, die Flucht. Obwohl wir gerade nicht daran erinnert werden wollen, steigen diese Erlebnisse immer wieder in uns auf, bedrängen uns noch in unseren Träumen, sind ein ständiger Faktor der Unsicherheit und der Irritation.

Die Stilisierung der Vergangenheit. Vom aktiven Willen zur Bewahrung des Vergangenen ist es nur ein kleiner, oft sogar unbewußter Schritt zur Stilisierung des Vergangenen. Denn im Grunde setze ich meine Sicht des vergangenen Geschehens, meine Erinnerung an Menschen, Institutionen und Orte absolut, laufe ich stets Gefahr, zu verklären, zu überschätzen, falsch zu akzentuieren. Stilisierung der Vergangenheit gibt es in allen Nuancen, in den verschiedensten Maßstäben und mit den verschiedensten Konsequenzen.

Zu unterscheiden sind harmlose, fahrlässige und absichtliche Stilisierungen. Auf die ersten brauchen wir nicht einzugehen. Die letzteren, die absichtlichen Stilisierungen, versuchen in der Regel, Fehlverhalten zu beschönigen, Handeln aufzuwerten, bedenkliche Aktionen zu verharmlosen oder ihnen eine Rechtfertigung wie einen neuen Sinn zu unterstellen. Die ganze Memoirenliteratur strotzt von solchen nachträglichen Retuschen menschlichen Versagens oder der Überhöhung politischen Handelns. Der Tatenbericht des Augustus gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie die Res gestae divi Saporis. 15 In beiden Texten erreicht die Stilisierung von Vergangenheit eine geradezu weltgeschichtliche Dimension.

Das Vergessen der Vergangenheit. Im Unterschied zum bewußten Bewahren der Vergangenheit dominiert hier zunächst eine passive Grundhaltung, die Hoffnung und die nicht unbegründete Erwartung, Vergangenes erledige sich gleichsam durch Nichtbefassung von selbst. Tatsächlich ist die Fähigkeit des Menschen, zu vergessen, groß. Es dient dem Selbstschutz unserer Persönlichkeit, wenn wir angesichts der Überflutung mit Informationen in der Gegenwart das Unwesentliche, die Einzelheiten, die Namen vergessen. Gelegentlich wird es zwar peinlich, wenn wir uns an einen Sachverhalt, einen Menschen, dem wir begegnet sind, nicht mehr erinnern können. Aber wir finden Verständnis dafür, wir müssen uns auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren, wir können nicht nur in der Vergangenheit leben.

In der Regel erfolgt das Vergessen, wie gesagt, unbewußt. Wir haben uns damit abgefunden. Doch gibt es daneben ein ganz gewolltes Vergessen: das Verdrängen der Vergangenheit. Dabei soll es nicht um die spektakulären Vorwürfe des Verdrängens von Kriegsschuld und Kriegsverbrechen, Völkermord und Atombomben gehen, sondern um das alltägliche Verdrängen. Es gibt wohl im Leben jedes Menschen Stationen, Handlungs- und Verhaltensweisen, meist sind es Fälle des Versagens, der Unzulänglichkeit, der Schwäche, auch der Unwahrheit, die er möglichst rasch und möglichst vollständig, für immer, vergessen und verdrängen möchte. Dabei war er gelegentlich subjektiv nicht einmal im Unrecht: Bei dem Verkehrsunfall fuhr er nicht übermäßig schnell. Das Kind lief ihm in den Wagen und doch kommt er davon nicht los. Dutzende, ja Hunderte von ähnlichen Fällen ließen sich anführen, in denen meist vergebens versucht wird, Vergangenes zu verdrängen, sich Belastungen und Qualen aus der Vergangenheit zu entziehen und sich auch hier zu befreien.

Geschichte als Wissenschaft.

Naturgemäß drängt sich die Frage auf, was diese aphoristischen Ausführungen über Bewahren, Stilisieren, Vergessen und Verdrängen von Vergangenheit mit Geschichte zu tun haben. Und doch stehen wir damit schon mitten im Aufgabenfeld von Geschichte als Wissenschaft. Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung sind im europäischen Kulturkreis von ihren griechischen Anfängen an stets mit dem Anspruch aufgetreten, die Geschichte ihrer jeweiligen historischen Formation zu bewahren, sie vor Mißdeutungen und Verzerrungen ebenso zu schützen wie vor dem Vergessen und Verdrängen. Noch Tacitus sah es zum Beispiel als die vornehmste Aufgabe seiner »Annalen« an, dafür zu sorgen, daß männliche Bewährung nicht verschwiegen wird und daß Schlechtigkeit in Wort und Tat sich vor der Nachwelt und der Schande fürchte (ne virtutes sileantur utque pravis dictis factisque ex posteritate et infamia metus sit. -ann. III, 65).

Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung haben dabei in ihrer kritischen Auswertung der Geschichtsquellen immer mehr zu leisten versucht als die bloße Wiedergewinnung des Vergangenen, die Feststellung dessen, wie es einmal war. Theodor Mommsen hat das einst so beschrieben: »Erst wenn das gewaltige Leben selber still geworden ist, beginnt die Geschichte - recht eigentlich ein Todtengericht, sehr allmählich die Beweisstücke sammelnd, häufig durch Actenmangel oder Actenwust getrübt, durch Advocatenlist gefälscht, in unendlichem Instanzenzug ewig abschließend und niemals geschlossen - in der That eine dauernde Offenbarung, die in dem allmählichen Durchdringen einer jeden einzelnen Epoche jedesmal die ganze Entwicklung des Menschengeistes im Kleinen wiederholt.« 16

Zum Aufgabenfeld der historischen Disziplin gehören somit nicht nur das Erfassen, Sichten, Publizieren und die kritische Auswertung der Geschichtsquellen, die heute nicht nur Akten, Verträge, Gesetze, politische Texte umfassen, alles, was durch Schrift, Bild oder Tonträger greifbar ist, auch nicht nur Inschriften, Papyri, Münzen, um bei der Alten Geschichte zu bleiben, sondern ebenso die Kunstwerke, Bauten, den archäologischen Niederschlag einer Zivilisation, den Jacob Burckhardt in einen neuen Rang erhoben hat, und schließlich als jüngster Versuch der Quellenerweiterung: die Resultate der systematischen Befragung von Zeitgenossen in der Oral history. 17 Geschichtsschreibung hat stets nicht nur wissenschaftliche Ziele im engeren Sinne, auch nicht nur künstlerische verfolgt. Der erste deutsche Historiker, der den Nobelpreis für Literatur erhielt, wiederum Mommsen, stellte gerade die »sittlich-politische Tendenz« 18 seiner berühmten Römischen Geschichte höher als deren wissenschaftlichen Wert.

Geschichte ist so nicht nur nach Huizingas bekanntem Wort »die geistige Form, in der sich eine Kultur Rechenschaft über ihre Vergangenheit gibt«, sie ist gleichzeitig nach der Definition des britischen Historikers Carr »ein fortwährender Prozeß der Wechselwirkung zwischen dem Historiker und seinen Fakten, ein unendlicher Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit«. 19 Die Historiker postulieren keine totale Rückwärtsorientierung, keine Fixierung auf das ewige Gestern. Aber sie machen darauf aufmerksam, daß menschliche Existenz wie gesellschaftliche Interessen ein ausgewogenes Verhältnis zu allen zeitlichen Einheiten fordern: das Sich-Stellen in der Gegenwart wie die Respektierung von Vergangenheit, selbst dort, wo eine Gegenwart diese Vergangenheit zunächst völlig negiert.

Geschichte hat einen langen Atem. Verdrängte und preisgegebene Geschichte können sich erneut Geltung verschaffen, oft um einen hohen Preis und sei es um den der Krankengeschichte des einzelnen wie der Gesellschaft. Gefestigt in sich ruhend und zugleich vital aber sind gesellschaftliche Organismen wie der einzelne Mensch nur dort, wo sie die Balance finden zwischen Zukunftsorientierung und -verantwortung, Gegenwartsgestaltung und Geschichtsbewußtsein. Für jede Person wie für jede soziale, ethnische oder religiöse Gruppe gilt, daß nur die Berücksichtigung der Geschichte Identität vermittelt.

Daß die Geschichtswissenschaft wie jede andere wissenschaftliche Disziplin immer neue fachspezifische Erkenntnisse erzielt hat und jeden Tag weitere erzielt, ist dabei als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Wiedergewinnung der Chronologie der Pharaonen, die Erhellung der Sozial- und Wirtschaftsstruktur der minoischen und mykenischen Zivilisationen, die Verifizierung oder Falsifizierung der Datierungen bestimmter Ereignisse die Profilierung der politisch relevanten Führungsschichten, Geldumlauf und Währungsentwicklung in den einzelnen Regionen, der Wandel des Augustusbildes in der Neuzeit - das sind nur einige althistorische Beispiele solcher Forschungsresultate, die die Geschichtswissenschaft in ihrem Alltag erbringt.

Doch daneben besitzt diese Disziplin für den Menschen eine existentielle Dimension: Geschichte bringt erstens eine Erweiterung des menschlichen Erfahrungsraumes; sie erschließt die Erkenntnisse und die Erfahrungen früherer Generationen. Geschichte bietet zweitens Einsicht in die Möglichkeiten, Bindungen und Grenzen des Menschen; sie kann zu einem historisch-rationalen und damit konkreten Verständnis der Bedingungen menschlicher Existenz führen. Geschichte schärft drittens das Bewußtsein für die Zusammenhänge der Situation des einzelnen hier und heute. Sie führt zu einem historischen Verständnis der Gegenwart. Um mit Jacob Burckhardt zu schließen: »Damit erhält auch der Satz >Historia vitae magistra< einen höhern und zugleich bescheidnern Sinn. Wir wollen durch Erfahrung nicht so wohl klug (für ein andermal), als vielmehr weise (für immer) werden.« 20

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Anmerkungen Nr 13- 20

13. F. HEDERER (Hrsg.), Deutsche Dichtung des Barock, München 1965, S. 87.

14. H. HEIMPEL, Der Mensch in seiner Gegenwart, Göttingen 1954, S. 11.

15. Zum Tatenbericht des Augustus siehe P. A. BRUNT - J. M. MOORE, Res Gestae Divi Augusti, Oxford 1967; A. HEUSS, »Zeitgeschichte als Ideologie« in: E. LEFEVRE (Hrsg.), Monurnentum Chiloniense, Amsterdam 1975, S. 55-95.

Zu den >Res gestae divi Saporis<: E. HONIGMANN - A. MARICQ, Recherches sur les Res Gestae Divi Saporis, Brüssel 1953; E. KETTENHOFEN, Die römisch-persischen Kriege des 3. Jahrhunderts n. Chr. nach der Inschrift Sapuhrs I. ... Wiesbaden 1982 (Beihefte zum TAVO, B 55).

16. Preußische Jahrbücher 1, 1858, S. 225.

17. J. VANSINA, Oral Tradition, London 1965. Doch siehe dazu M. I. FINLEY, »Myth, Memory and History« in: ders., The Use and Abuse of History, London 1975, bes. S. 26 ff.

18. Brief an C. HALM, 6. 6. 1855.

19. E. H. CARR, Was ist Geschichte?, Stuttgart 1963, 5. 30. Zu weiteren Definitionen: FR. WAGNER, Geschichtswissenschaft, Freiburg 1951.

20. »Weltgeschichtliche Betrachtungen«. Zitiert nach J. BURCKHARDT, Über das Studium der Geschichte, (hrsg. von P. Ganz) München 1982, 5. 230.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .