Heutige Typen geschichtswissenschaftlicher Beschäftigung mit der Alten Geschichte: Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 26 - 31 (Auszug aus dem Beitrag 'Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte').


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Im folgenden möchte ich die Wechselbeziehungen zwischen Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte anhand von drei Ansätzen aus dem Bereich der Alten Geschichte näher erläutern. Dabei stehen zunächst die verschiedenen Grundeinstellungen bei der Erforschung der Römischen Geschichte im Mittelpunkt, danach die prinzipielle Dialektik zwischen Historiker und Gesellschaft, und zuletzt geht es um die Ziele, die Entwicklung, die Möglichkeiten und die Grenzen der Wissenschaftsgeschichte selbst.

I. Vereinfacht gesagt, lassen sich in der Althistorie der Gegenwart allgemein und in der Römischen Geschichte im besonderen drei verschiedene wissenschaftliche Grundpositionen unterscheiden. Ihre Prioritäten und ihre Perspektiven seien als positivistische, modernistische und dialektisch-kritische Richtung bezeichnet und kurz näher beschrieben:

Die positivistische Richtung geht vom Eigenwert aller historischen Quellen als dem direkten Niederschlag einer einmaligen Vergangenheit aus, einer Vergangenheit, die es wiederzugewinnen, zu entschlüsseln und zu vermitteln gilt. Die positivistische Forschung findet ihre Erfüllung primär in der Sammlung und Sichtung der historischen Quellen im weitesten Umfang, im Ringen um den authentischen Text, in der akribischen Edition und oft geradezu ingeniösen Ergänzung von Inschriften, in der allseitigen Bearbeitung und Auswertung der Münzfunde - um nur wenige Beispiele zu nennen. Sie erlebt ihre Sternstunden in unbestreitbaren Leistungen, wie in der epigraphischen Wiedergewinnung des zentralen Schlüsselbegriffs des augusteischen Prinzipats, der auctoritas, durch Anton von Premerstein oder in der Sicherung der neuen Chronologie eines Limeskastells durch die systematische Auswertung seiner Fundmünzenreihe.

So begrenzt, isoliert und scheinbar nur von antiquarischem Interesse die einzelnen Arbeitsschritte und Erkenntnisse dieser Forschungsrichtung zuweilen anmuten, in ihren Sammlungen und Dokumentationen bietet sie die Befriedigung echten wissenschaftlichen Fortschritts. Einflüsse der jeweiligen Gegenwart sind bei Studien dieser Art meistens begrenzt und bescheiden: Am Corpus Inscriptionum Latinarum der Berliner Akademie wurde unter der preußischen Monarchie ebenso gearbeitet wie im Kaiserreich, zur Zeit der Weimarer Republik, der nationalsozialistischen Diktatur wie der Deutschen Demokratischen Republik. Nur dann, wenn die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen solcher Bemühungen für das jeweilige politische System gestellt und verneint, die Finanzierung beschnitten wurde, sind auch hier die Abhängigkeiten der Forscher von äußeren Diktaten sichtbar geworden. Noch die modernen Förderungsmechanismen setzen solchen wissenschaftlichen Arbeiten oft ihre Grenzen.

Wer die Prioritäten der positivistischen Forschungsrichtung anerkannte und ihre Linie konsequent auszog, der mußte mit Notwendigkeit auch zu einer Methode der Geschichtsschreibung und zu einem Geschichtsverständnis gelangen, wie sie in klassischer Form vor eineinhalb Jahrhunderten von Johann Jakob Bachofen formuliert wurden.4 Im Hinblick auf die Römische Geschichte kam nach Bachofen alles darauf an, mit den Augen der Römer zu sehen. So wurde er denn auch zu einem leidenschaftlichen Kritiker der modernistischen »Römischen Geschichte« Theodor Mommsens. Was Mommsen nach Bachofen bot, war »Handels- und Capitalistengewäsch«. Das »Bubenstück« Mommsens war für ihn geradezu ein Dokument der »Genialität des Bösen in unserer Zeit«. 5

So unentbehrlich die positivistische Quellenarbeit, die selbstverständlich auch die Quellenkritik mit einbezieht, für die historischen Disziplinen ist, so schwierig erweist sich in praxi eine konsequent positivistische Geschichtsschreibung, die allenfalls im Handbuchstil denkbar wäre. Bachofen selbst ist jedenfalls mit seinem Vorhaben einer so angelegten »Römischen Geschichte« völlig gescheitert.

Auf einen besonderen Aspekt dieser positivistischen Grundhaltung möchte ich abschließend hinweisen: Das Arbeitsfeld zog stets nicht etwa nur verbissene antiquarische Enthusiasten an, sondern gerade in Zeiten der Ideologisierung der Wissenschaften auch viele unabhängige Gelehrte, die mit Studien solcher Art ihre Integrität wahren konnten. Es ist kein Zufall, daß sich unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern der großen epigraphischen Unternehmungen der Preußischen Akademie unter dem Nationalsozialismus eine ganze Reihe von Nonkonformisten und Gegnern des nationalsozialistischen Systems fanden, und es ist wiederum kein Zufall, daß sich in Mittel- und Osteuropa nach 1945 gerade auf diesem Felde eine bemerkenswerte Aktivität entfaltete. Hundert Jahre zuvor hatte der bedeutendste Epigraphiker seiner Zeit, Theodor Mommsen, der eben nicht nur modernistischer Historiograph, sondern zugleich einer der erfolgreichsten »positivistischen« Forscher war, konstatiert: »Die Wissenschaft ist nichts als das gewaltige Verlangen nach Wahrheit und Recht, und in schlimmen Tagen deren Freistatt. « 6

Setzt die positivistische Richtung gleichsam die Vergangenheit absolut, so die modernistische Richtung die Gegenwart. Geschichte, auch die Römische Geschichte, wird hier in erster Linie den Überzeugungen, Weltanschauungen, Zielen, Forderungen und Interessen der jeweiligen Gegenwart unterworfen, auf sie bezogen, von ihnen aus bewertet. Die modernistische Richtung umfaßt dabei ein weites Spektrum, die historische Affirmation gesellschaftlicher und politischer Strukturen wie deren Kritik und Destruktion, die Bestätigung von Theorien und Ideologien, aber auch die meist lediglich oberflächlichen Verfahren der Intellektualisierung und der gezielten Verfremdung der Geschichte. Am bedenklichsten wird freilich stets ihre dogmatische Überformung bleiben. Der alte Grundsatzstreit zwischen Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichte 7 gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie Hayden Whites Rhetorisierung der Historie zur »Metahistory« 8 oder Christian Meiers rasch wechselnde Prioritäten. 9

Die modernistische Richtung kann inzwischen auf eine lange Reihe von erfolgreichen, aber auch von gescheiterten Deformationsversuchen der Römischen Geschichte zurückblicken. Die historischen exempla Roms wurden jahrhundertelang unter politischen, pädagogischen und moralischen Aspekten mobilisiert. Mommsens Stilisierung der Geschichte der Römischen Republik zum Prototyp der Geschichte einer nationalen Einigung hat das Geschichtsbild von Generationen geprägt. Dagegen mißlangen die Versuche einzelner deutscher Althistoriker zur Zeit des Nationalsozialismus, die römisch-karthagische Auseinandersetzung mit den Kategorien der Rassenlehre zu erfassen. Dasselbe Schicksal erlitten diejenigen orthodox-marxistischen Althistoriker, die in der Geschichte der Römischen Republik lediglich eine Abfolge von Klassenkämpfen zwischen Sklavenhaltern und Sklaven sehen wollten - obwohl man es schon bei Marx selbst anders lesen konnte.

Das intellektuelle Glasperlenspiel mit immer neuer Begrifflichkeit und der Einsatz immer neuer, kurzfristig modischer Perspektiven und Methoden muten demgegenüber geradezu unschuldig an. Wer indessen unter dem Diktat der Rechtfertigung und des Erfolgszwangs meint, die historische Distanz durch effektvolle moderne Begrifflichkeit oder durch blendende Abstraktionen überwinden zu können, endet, wie die Erfahrung zeigt, meist in der Sackgasse der Verfremdung und der Deformation historischer Realität. Auf allen Gebieten wird das Nur-Modische am schnellsten obsolet.

Selbstverständlich ist das Phänomen generell vor allem in den revolutionären Epochen und in den Zeiten der »Wenden« zu beobachten. So schrieb zum Beispiel Gottfried Benn am 19. Juli 1946 aus Berlin an Oelze: »Der interessanteste Eindruck für mich ist der: die hündische Feigheit, mit der >die Geistigen< die politischen Begriffe acceptieren, die Aufstellung jeder Wertscala den Politikern überlassen, also Leuten 4. Standes und Ranges, offenbar besitzen sie selbst in sich gar keine Maßstäbe, Richtlinien, Gesetze. Alles beugt sich ohne Scham und ohne Gedanken den öffentlich geforderten Hauptworten. «

Die dialektisch-kritische Position der Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung begegnet uns schon in der Antike, bei Thukydides, Polybios und Tacitus zum Beispiel, drei Autoren, die ein besonders geschärftes Bewußtsein für den Wandel der Normen und der Perspektiven in der Geschichte besaßen. Sie geht von der Erfahrung aus, daß historisches Urteil und historische Wertungen ihrerseits in weitestem Umfang existentiell und gesellschaftlich bedingt sind, daß veränderte politische Konstellationen und Interessenlagen nicht nur zu veränderten Werten und Normen, sondern auch zur Veränderung historischer Perspektiven und Prioritäten führen.

Fundamental für diese dialektisch-kritische Auffassung ist somit das Bewußtsein eines sich stets verändernden Spannungsverhältnisses zwischen Geschichte und jeweiliger Gegenwart. Gegenwartsimpulse haben zum Beispiel in der Römischen Geschichte nacheinander zur Idealisierung des römischen Bauerntums, zu Forschungsschwerpunkten in den Bereichen von Verfassung und Recht, zur vorrangigen Beschäftigung mit Römertugenden und Führungsschichten, zur Analyse der Macht- und Reichsstrukturen, zur differenzierten Erforschung der römischen Gesellschaft, nicht zuletzt der Unterschichten, der Sklaven und der Frauen geführt. Bei all dem setzt die dialektisch-kritische Forschungsrichtung freilich im Unterschied zur modernistischen die Impulse der Gegenwart nicht absolut. Sie versucht vielmehr, beiden Polen gerecht zu werden.

Der relativ rasche Wechsel von Forschungsperspektiven und -prioritäten, der gerade für das 20. Jahrhundert kennzeichnend ist, schlug sich auch in den Werken der Geschichtsschreibung nieder, mit zeitlicher Verzögerung selbst im Schulbuch. Angesichts dieses, stets offenen Prozesses scheint die Relativierung der Geschichte als Wissenschaft unumgänglich, ein taedium historiae deshalb begreiflich. Selbstverständlich will die dialektisch-kritische Forschungsrichtung dem nicht Vorschub leisten, sondern lediglich einer Grunderfahrung und bleibenden Bedingung der Disziplin zu ihrem Recht verhelfen. In ihrer sehr realistischen Konsequenz berücksichtigt sie zugleich die Bilanz der bisherigen Entwicklung der Historie, die Tatsache nämlich, daß diese im Gegensatz zur prägnanten thukydideischen Formulierung in ihren Erkenntnissen und vor allem in ihren Wertungen nur sehr selten ein ktema eis aei (einen Besitz für immer/ Thuk. 1,22,4) anbieten kann. Für eine so verstandene historische Perspektive ist naturgemäß der Zusammenhang mit der Wissenschaftsgeschichte besonders eng.

II. Die Dialektik zwischen dem Historiker und der Gesellschaft seiner Zeit.

Was immer die Motivation eines Historikers zu geschichtlicher Forschung und Darstellung war und ist, Neugier, die Suche nach Verständnis, der Wille zur Überlieferung, die Vermittlung geschichtlicher Lehren, die Flucht aus der Gegenwart, politische Pädagogik, primär künstlerische oder rein wissenschaftliche Ziele - in der Regel blieb seine Existenz sowohl materiell als auch geistig abhängig. Nicht nur in der Antike konnten sich lediglich Angehörige bestimmter Schichten der Historie als Muße oder als Beruf zuwenden. Im Fall der Römischen Republik konnten deshalb zwar Geschichten der römischen Adelsgeschlechter, aber keine Geschichte der römischen plebs oder gar der römischen Sklaven geschrieben werden.

Doch nicht weniger bedeutsam sind die intellektuellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der Arbeit des Historikers. Dazu gehören nicht nur eine elementare rationale Entwicklungsstufe, die Emanzipation von mythischen und religiösen Bindungen, die Freiheit und die Möglichkeit, persönliche geschichtliche Perspektiven zu wählen und Wertungen mitzuteilen, sondern darüber hinaus eine ganze Reihe bewußter oder unbewußter Zusammenhänge. Gleichgültig, ob lediglich übernommen oder ob nur als Herausforderung eigener Gestaltung und eigener Entscheidungen benützt, zählen zu ihnen die Elemente der Sprache wie der Normen, Kategorien, Traditionsbestände, selbst Fragestellungen, Aufgaben und Themen der jeweiligen Gegenwart.

So vielfältig dieses Geflecht von Voraussetzungen, Einflüssen und Abhängigkeiten ist, in seinem Mittelpunkt bleibt stets die Individualität des Historikers selbst, bleiben die Probleme seines Charakters. In seiner Schrift dc oratore hat Cicero einmal in knapper Form die scheinbar selbstverständlichen, in Wirklichkeit aber oft nur um einen hohen Preis zu realisierenden, wie Cicero meinte, grundlegenden Gesetze der Historie formuliert: »Wer weiß nicht, daß es das erste Gesetz der Historie ist, daß sie nichts Falsches zu sagen wagt? Danach, daß sie nichts Wahres nicht zu sagen wagt? - Nam quis nescit primam esse historiae legem, ne quid falsi dicere audeat? Deinde ne quid veri non audeat?« (2,15 [2, 62; d. Hg.])

Dabei haben den Historiker noch in der jüngsten Vergangenheit bittere Erfahrungen gelehrt, daß die Beachtung von Ciceros zweitem Gesetz keinesfalls leichter geworden ist. Vorläufig hat noch jede Gesellschaft ihre Tabus zu verteidigen gesucht, vorläufig wirkt das Ensemble der modernen Medien nicht nur aufklärerisch, vorläufig können die Inhaber der Schlüsselstellungen moderner Wissenschaftsorganisation wie eh und je die Entfaltung und Verwirklichung konkurrierender wissenschaftlicher Konzeptionen behindern.

Können sich historische Forschung und historische Darstellung dagegen wirklich frei entfalten, so wirken sie in einer umfassenden Weise auf die jeweilige Gesellschaft ein. Sie zeigen die in Geschichte wie in Gegenwart wirkenden Kräfte, sie gestalten das Geschichtsbild der Gesellschaft. Indem sie deren Realität an den Normen und Leistungen der Vergangenheit messen, können sie die Gesellschaft ebenso kritisieren, eine Triebkraft zu deren Veränderung freisetzen oder zur Abwendung von deren Normen führen.

III. ...

Anmerkungen Nr. 5 - 9.

5 An H. Meyne-Ochsner, 13. 12. 1862. Werke X. Hrsg. von FR. HUSNER, Basel 1967, S. 261.

6 5. 11. 1856 an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswald. Zitiert nach L. WICKERT, Theodor Mommsen, III., Frankfurt 1969, 5. 369.

7 Vergleiche die Beiträge in R. KOSELLECK, W. J. MOMMSEN und J. RÜSEN (Hrsg.), Objektivität und Parteilichkeit, München 1977.

8 H. WHITE, Metahistory, Baltimore 1973; ders., Tropics of Discourse, Baltimore 1978 - Dazu: A. MOMIGLIANO, The Rhetoric of History and the History of Rhetoric: <On Hayden White's Tropes< in: ders., Settimo Contributo alla storia degli studi cbassici e del mondo antico, Roma 1984, S. 49-9.

9 Strukturgeschichte: Res publica amissa. Eine Studie zur Verfassung und Geschichte der späten Römischen Republik, Wiesbaden 1966; Begriffsgeschichte: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt 1980; Anthropologie: Introduction a l'Anthropologie Politique de l'Antiquité Classique, Paris 1984; Mentalitätengeschichte: U. RAULFF (Hrsg.), Mentalitätengeschichte, Berlin 1987, S. 163 - 182; »Welt der Geschichte«: Die Welt der Geschichte und die Provinz des Historikers, Berlin 1989.


LV Gizewski SS 2004.

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