Zur Bedeutung der menschlichen Geschichte und darin der Altertumskunde im Rahmen des menschlichen Wissens. Stichworte aus Denis Diderot, Enzyklopädie.

Text entnommen aus: Denis Diderot, Enzyklopädie. Philosophische und politische Texte aus der 'Encyclopédie' sowie Prospekt und Ankündigung der letzten Bände. Mit einem Vpwort von Ralph-Rainer Wuthenow, München 1969, S. 54 - 57.


Ausführliche Erklärung des Systems der menschlichen Kenntnisse.

Die physischen Dinge wirken auf die Sinne. Die Eindrücke dieser Dinge rufen im Verstand die Wahrnehmung derselben hervor. Der Verstand befaßt sich mit seinen Wahrnehmungen nur auf dreierlei Weise, gemäß seinen drei Hauptfähigkeiten: Gedächtnis, Vernunft, Einbildung. Entweder zeichnet der Verstand seine Wahrnehmungen einfach durch das Gedächtnis auf, oder er untersucht, vergleicht und verarbeitet sie durch die Vernunft, oder er ahmt sie zu seinem Vergnügen durch die Einbildungskraft nach und entstellt sie dabei. Daraus ergibt sich eine allgemeine, anscheinend recht gut begründete Einteilung des menschlichen Wissens in Geschichte, die sich auf das Gedächtnis bezieht, in Philosophie, die von der Vernunft ausgeht, und in Poesie, die aus der Einbildung entsteht.

Gedächtnis und auf seiner Grundlage: Geschichte.

Die Geschichte handelt von den Tatsachen, und die Tatsachen betreffen Gott, den Menschen oder die Natur. Die Tatsachen, die Gott betreffen, gehören zur heiligen Geschichte, die Tatsachen, die den Menschen betreffen, gehören zur bürgerlichen Geschichte, und die Tatsachen, die die Natur betreffen, beziehen sich auf die Naturgeschichte.

Geschichte.

I. Heilige Geschichte. - II. Bürgerliche Geschichte. III. Naturgeschichte.

I. Die heilige Geschichte gliedert sich in biblische und Kirchengeschichte; die Geschichte der Prophezeiungen, in der die Erzählung dem Ereignis vorausgeht, ist ein Zweig der biblischen Geschichte.

II. Die bürgerliche Geschichte, dieser Zweig der Universalgeschichte, cuius fidei exempla maiorum, vicissitudines rerum, fundamenta prudentiae civilis, hominum denique nomen et fama commissa sunt [durch die uns nämlich Beispiele für den Glauben der Vorfahren, die wechselseitigen Veränderungen derDinge, die Grundlagen der bürgerlichen Wissenschaft und vor allem Namen und Ruf der Menschen überliefert werden], gliedert sich - je nach den Gegenständen - in eigentliche bürgerliche Geschichte und Literaturgeschichte.

Die Wissenschaften sind das Werk der Reflexion und der natürlichen Einsicht der Menschen. Der Kanzler Bacon hat also recht, wenn er in seinem bewunderungswürdigen Werk 'De dignitate et augmentis scientiarum' [Von der Würde und dem Fortgang der Wissenschaften] sagt, die Weltgeschichte ohne die Geschichte der Gelehrten gleiche dem Standbild des Polyphem dem man ein Auge ausgerissen habe.

Die eigentliche bürgerliche Geschichte läßt sich in Erinnerungen, Altertumskunde und vollständige Geschichte gliedern. Wenn die Geschichte wahrhaftig das Gemälde der vergangenen Zeiten ist, dann ist die Altertumskunde eine Sammlung von Zeichnungen, die fast immer beschädigt sind, und die vollständige Geschichte ein Bild, dessen Studien die Erinnerungen darstellen.

III. Die Gliederung der Naturgeschichte ist gegeben durch die Verschiedenheit der Tatsachen der Natur und die Verschiedenheit der Tatsachen der Natur durch die Verschiedenheit der Zustände der Natur. Entweder ist die Natur einheitlich und folgt daher einem regelmäßigen Lauf, wie man ihn allgemein an den Himmelskörpern, den Tieren, den Pßanen usw. beobachtet, oder sie erscheint verzerrt und in ihrem normalen Lauf gestört, wie bei den Mf!bildungen, oder sie ist verschiedenen Zwecken unterworfen und angepaßt, wie in den Künsten. Die Natur macht alles entweder in ihrem normalen und re gelmaßigen Lauf oder in ihren Abweichungen oder in ihrer Anwendung. Einheitlichkeit der Natur erster Teil der Naturgeschichte. Irrtümer oder Abweichungen der Natur - zweiter Teil der Naturgeschichte. Zwecke der Natur dritter Teil der Naturgeschichte.

Über die Vorteile der Geschichte der einheitlichen Natur brauchen wir uns nicht zu verbreiten. Wenn man uns aber fragt, wozu die Geschichte der mißgestalten Natur dienen kann, so antworten wir: um von den Wundern ihrer Abweichungen zu den wunderbaren Schöpfungen der Kunst zu gelangen; um die Natur noch mehr von ihrem Wege abzubringen oder sie auf ihn zurückzuführen; und vor allem, um die Vermessenheit der allgemeinen Grundsätze zu korrigieren - ut axiomatum corrigatur iniquitas.

Was die Geschichte der verschiedenen Zwecken angepaßten Natur betrifft, so könnte man aus ihr einen Zweig der bürgerlichen Geschichte machen; denn im allgemeinen ist die Kunst eine durch die Bedürfnisse oder den Luxus des Menschen bedingte Anwendung der menschlichen Arbeit (industrie) auf die Erzeugnisse der Natur. Wie dem auch sei, diese Anwendung erfolgt nur auf zweierlei Weise: entweder dadurch, daß man die natürlichen Körper einander nähert, oder dadurch, daß man sie voneinander entfernt. Der Mensch vermag alles oder nichts, je nachdem, ob es möglich ist, die natürlichen Körper einander zu nähern oder sie voneinander zu entfernen.

Die Geschichte der einheitlichen Natur gliedert sich - ihren Hauptgegenständen entsprechend - in Himmelskunde oder Kunde von den Gestirnen, ihren Bewegungen, ihren sichtbaren Erscheinungen usw. - ohne Erklärung ihrer Ursachen durch Systeme, Hypothesen usw.; es handelt sich dabei nur um bloße Phänomene. Ferner in Kunde von den Lufterscheinungen, wie Wind, Regen, Unwetter, Donner, Nordlicht usw.; in Erd- und Meereskunde oder Kunde von den Gebirgen, Strömen, Fliissen, Strömungen, Gezeiten, Wüsten, Wäldern, Inseln, Formen der Kontinente, usw.; in Mineralkunde, Pflanzenkunde und Tierkunde. Daraus ergibt sich eine Geschichte der Elemente, der sichtbaren Natur, der wahrnehmbaren Wirkungen, der Bewegungen des Feuers, der Luft, der Erde und des Wassers.

Die Geschichte der mißgestalten Natur muß dieselbe Einteilung befolgen. In den Himmelsräumen, in den Luftregionen, auf der Oberfläche der Erde, in ihrem Inneren, auf dem Meeresgrund usw. stets und überall kann die Natur Wunder vollbringen.

Die Geschichte der angewandten Natur ist so ausgedehnt wie die verschiedenen Zwecke, denen die Menschen die Erzeugnisse der Natur in den Künsten, den Handwerken und den Manufakturen unterwerfen. Es gibt keine Wirkung der menschlichen Arbeit (industrie,), die man nicht auf irgendein Naturerzeugnis zurückführen kann. Auf die Bearbeitung und Verwendung von Gold und Silber sind die Künste des Münzenmachers, des Goldschlägers, des Goldziehers, des Polierers usw. zurückzuführen; auf die Bearbeitung und Verwendung der Edelsteine die Künste des Steinschneiders, des Diamantenschleifers, des Juweliers, des Ziselierers usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung des Eisens die Künste des Grobschmieds, des Schlossers, des Kleinschmieds, des Waffenschmieds, des Bflchsenmachers, des Messerschmieds usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung des Glases die Künste des Glasbläsers, des Glasschleifers, des Spiegelglasmachers, des Fensterglasmachers usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung der Tierhäute die Künste des Sämischgerbers, des Lohgerbers, des Sattlers usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung von Wolle und Seide, das Haspeln und Zwirnen die Künste der Tuchmacher, der Bandmacher, der Bortenmacher, der Knopfmacher, der Zubereiter von Sammet, Satin, Damast, Brokat, Glanzseide usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung der Erden die Künste des Töpfers, des Steingutmachers, des Porzellanmachers usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung der Steine die Künste des Baumeisters, des Bildhauers, des Steinmetzen usw.; auf die Bearbeitung und Verwendung des Holzes die Künste des Tischlers, des Zimmermanns, des Schreiners, des Drechslers usw., und ebenso bei allen anderen Stoffen und allen anderen Künsten, deren Zahl mehr als zweihundertfünfzig beträgt. In der Einleitung hat man gesehen, wie wir jede einzelne behandeln wollen.

Das ist der ganze geschichtliche Teil des menschlichen Wissens - das, was auf das Gedächtnis bezogen werden muß, und das, was den Grundstoff für den Philosophen bilden soll.

Vernunft und auf ihrer Grundlage: Philosophie.

Die Philosophie oder der Teil des menschlichen Wissens, der auf die Vernunft bezogen werden muß, ist sehr umfangreich. Es gibt kaum einen durch die Sinne wahrgenommenen Gegenstand, aus dem das Nachdenken keine Wissenschaft gemacht hat. Aber in der Vielzahl dieser Gegenstände gibt es einige, die durch ihre Bedeutung auffallen (quibus abscinditur infinitum) und auf die man alle Wissenschaften beziehen kann. Diese Hauptgegenstände sind Gott, zu dessen Erkenntnis der Mensch durch Nachdenken über die Naturgeschichte und die biblische Geschichte gelangt ist; der Mensch, der seines Daseins durch das Bewußtsein oder den inneren Sinn gewiß ist, und die Natur, deren Geschichte der Mensch durch den Gebrauch seiner äußeren Sinne kennengelernt hat. Gott, Mensch und Natur werden uns also eine allgemeine Einteilung der Philosophie oder Weisheit liefern (denn diese zwei Wörter sind gleichbedeutend); und die Philosophie oder Weisheit ist dann Gotteskunde, Menschenkunde und Naturkunde.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .