Das Altertum und die Lebensalter der Menschheit. Johann Gottfried Herder, Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, 1. und 2. Abschnitt (Auszüge).

Entnommen aus: Johann Gottfried Herder, Gesammelte Werke, 2. Bd., Leben, Volk, Geschichte, hg. und eingeleitet von Prof. Dr. Franz Schultz, Potsdam, Lepzig um 1942, S. 47 ff. (47, 50 - 52, 54 - 57, 59 f., 65 - 67, 69 - 71, 73, 74 - 77 , 92).


Je weiter hin es sich in der Untersuchung der ältesten Weltgeschichte, ihrer Völkerwanderungen, Sprachen, Sitten, Erfindungen und Traditionen aufklärt: desto wahrscheinlicher wird mit jeder neuen Entdeckung auch der Ursprung des ganzen Geschlechts von Einem. Man nähert sich immer mehr dem glücklichen Klima, wo ein Menschenpaar unter den mildesten Einflüssen der schaffenden Vorsehung, unter Beistand der erleichterdsten Fügungen rings um sich her den Faden anspann, der sich nachher mit solchen Wirrungen weit und lang fortgezogen: wo also auch alle ersten Zufälle für Anstalten einer mütterlichen Vorsehung gelten können, einen zarten Doppelkeim des ganzen Geschlechts mit all der Wahl und Vorsicht zu entwickeln, die wir immer dem Schöpfer einer so edeln Gattung und seinem Blick auf Jahrtausend und Ewigkeit hinaus zutrauen müssen. ...

Indes auch von diesen heroischen Anfängen der Bildung menschlichen Geschlechts weggesehen: nach den bloßen Trümmern der weltlichen Geschichte und nach dem flüchtigsten Raisonnement über dieselbe à la Voltaire - welche Zustände können erdacht werden, erste Neigungen des menschlichen Herzens hervorzulocken, zu bilden und festzubilden, als die wir schon in den Traditionen unserer ältesten Geschichte wirklich angewandt finden? Das Hirtenleben im schönsten Klima der Welt, wo die freiwillige Natur den einfachsten Bedürfnissen so zuvor oder zu Hilfe kommt, die ruhige und zugleich wandernde Lebensart der väterlichen Patriarchenhütte mit allem, was sie gibt und dem Auge entziehet, der damalige Kreis menschlciher Bedürfnisse, Beschäftigungen und Vergnügen, nebst allem, was nach Fabel oder Geschichte dazu kam, diese Beschäftigungen und Vergnügen zu lenken - man denke sich alles in natürliches, lebendiges Licht - welch ein erwählter Garten Gottes ...

....langes Leben, Genuß sein selbst auf die unzergliederlichste Weise, Einteilung der Tage durch Ruhe und Ermattung, Lernen und Behalten - siehe das war der Patriarch für sich allein. Der Segen Gottes durch die ganze Natur wo war er inniger, als im Bilde der Menschheit, wie es sich fortfühlt und fortbildet; im Weibe für ihn geschaffen, im Sohn seinem Bilde ähnlich, im Gottesgeschlecht, das ringsum nach ihm die Erde fülle. Da war Segen Gottes sein Segen: sein die er regiert, sein die er erzieht; sein die Kinder und Kindeskinder um ihn ins dritte und vierte Glied, die er alle mit Religion und Recht, Ordnung und Glückseligkeit leitet. - Dis das unausgezwungene Ideal einer Patriarchenwelt, auf welches alles in der Natur trieb: außer izhm kein Zweck des Lebens, kein Moment Behaglichkeit und Kraftanwendung zu denken - Gott! welch ein Zustand zu Bildung der Natur in den einfachsten, notwendigsten, angenehmsten Neigungen! - Mensch, Mann, Weib, Vater, Mutter, Sohn, Erbe, Priester Gottes, Regent und Hausvater, für alle Jahrtausend sollt' er da gebildet werden! und ewig wird, außer dem tausendjähtigen Reiche und dem Hirgespnste der Dichter, ewig wird Patriarchengegend und Patriarchenzelt das goldene Zeitalter der kindlichen Menschheit bleibe.

... Und siehe, was jedem einzelnen Menschen in seiner Kindheit unumgänglich not ist: dem ganzen Menschengeschlecht in seiner Kondheit gewiß nicht weniger. Was du Despotismus in seinem zartesten Keime nennest und eigentlich nur Vatreautorität war, Haus und Hütte zu regieren - siehe wie's Dinge ausrichtete, die du jetzt mit all deiner kalten Philosophie des Jahrhunderts wohl unterlassen müßtest! ...

Morgenland, du hierzu recht auserwählter Boden Gottes! Die zarte Empfindlichkeit dieser Gegenden, mit der raschen, fliegenden Einbildung, die so gern alles in göttlichen Glanz kleidet: Ehrfurcht vor allem, was Macht, Ansehn, Weisheit, Kraft, Fußstapfe Gottes ist, und sodann gleich kindliche Ergebung, die sich ihnen natürlich, uns Europäern unbegreiflich, mit dem Gefühl von Ehrfurch mischet: der wehrlose, zerstreute, ruheliebende, herdenähnliche Zustand des Hirtenlebens, das sich auf einer Ebne Gottes milde und ohn Anstrengung ausleben will - alle ddas, mehrr oder weniger von Umständen unterstützt, freilich hat's in der spätern Folge auch dem Despotismus der Eroberer volle Materialien geliefert, so volle Materialien, daß Despotsimus vielleicht ewig im Orient sein wird, und noch kein Despotismus im Orient durch fremde äußerste Kräfte gestürzt worden: er mußte nur immer, weil ihm nichts entgegenstand, und er sich unermeßlich ausbreitete, allein durch eigene Last zerfallen. Allerdings hat dieser Despotismus au8ch oft die schrecklichsten Wirkungen hervorgebracht, und wie der Philosoph sagen wird, die schrecklichst von allen, daß kein Morgenländer, als solcher, noch kaum von einer menschlichen, bessern Verfassung, innigen Begriff haben kann. - ..... Ohne Zweifel gehörte hierzu auch die Religion, oder vielmehr war die Religion 'das Element, in dem alles lebt' und webte'. ... Bloß schon die älteste Philosophie und Regierungsform hat so natürlich in allen Ländern Theologie sein müssen! ...

Die Vorsehung leitete den Faden der Entwicklung weiter - von Euphrat, Oxus und Ganges herab, zum Nil und an die phönizischen Küsten - große Schritte! ...

Ägypten war ohen Viehweide und Hirtenleben: der Patriarchengeist der ersten Hütte ging also verloren. Aber aus Nilschlamm gebildet und von ihm befruchtet, gab's beinahe ebenso leicht, den vortrefflichsten Ackerbau: also ward die Schäferwelt von Sitten, Neigungen, Kenntnissen ein Bezirk von Ackermenschen. Das Wanderleben hörte auf: es wurden feste Sitze, Landeigentum. Länder mußten ausgemessen, jedem das Seine bestimmt, jder bei dem Seinen beschützt werden: jeden konnte man also auch bei dem Seinen finden - es ward Landeessicherheit, Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Polizei, wie alles im Wanderleben des Orients nie möglich gewesen: es ward neue Welt. Nun kam eine Industrie auf, wie sie der selige, müßige Hüttenbewohner, der Pilger und Fremdling auf Erden, nicht gekannt hatte: Künste wurden erfunden, die jener weder brauchte noch zu brauchen Lust fühlte. Bei dem Geist ägyptischer Genauigkeit und Ackerfleißes konnten diese Künste nicht anders, als zu einem hohen Grad mechanischer Vollkomenheit gelangen: der Sinn des strenge Fleißes, der Sicherheit und ordnung ging durch alles: jeder war in der Kunde der Gesetztgebung, derselben mit Bedürfnis und Genuß verpflichtet: also ward auch der Mensch unter sie gefesselt: die Neiungen, die dort bloß väterlich, kindlich, schäfermäßig, patriarchalisch gewesen waren, wurden hier bürgerlich, dörflich, städtisch. Das Kind war dem Flügelkleide entwachsen: der Knabe saß auf der Schulbank und lernte Ordnung, Fleiß und Bürgersinn ...

Die Phönizier waren oder wurden, so verwandt sie den Ägyptern waren, gewissermaßen ihre Gegenseite von Bildung. Jene, wenigstens in den späteren Zeiten, Hasser des Meeres und der Fremden, um einheimisch nur 'alle Anlagen und Künste ihres Landes zu entwickeln'; diese zogen sich hinter Berg und Wüste an eine Küste, um eine neue Welt auf dem Meer zu stiften - und auf welchem Meere? auf einem Inselsunde, einem Busen zwischen Ländern, das recht dahin geleitet, mit Küsten, Inseln und Landspitzen gebildet zu sein schien, um einer Nation die Mühe des Schwimmens und Landsuchens zu erleichtern - wie berühmt bist du, Archipelag und Mittelmeer, in der Geschichte des menschlichen Geistes! Ein erster handelnder Staat, ganz auf Handel gegründet, der die Welt zuerst über Asien hinaus recht ausbreitete, Völker pflanzte und Völker band - welch großer neuer Schritt der Entwicklung! Nun mußte freilich das morgenländische Hirtenleben mit diesem werdenden Staat fast schon unvergleichbar werden: Familiengefühl, Religion und stiller Landgenuß des Lebens schwand: diee Regimentsform tat einen gewlatigen Schritt zur Freiheit der Republik, von der weder Morgenländer noch Ägypter eigentlich Begriff gehabt Auf einer handelnden Küste mußten bald wider Wissen und Willen gleichsam Aristokratien von Städten, Häusern und Familien werden - mit allem welch eine Veränderung in Form menschlicher Gesellschaft. Als also Haß gegen die Fremden und Verschlossenheit von anderen Völkern schwand, ob der Phönizier gleich nicht aus Menschenliebe Nationen besuchte, es ward eine Art von Völkerliebe, Völkerbekanntschaft, Völkerrecht sichtbar, von dem denn nun wohl ganz natürlich ein eingeschlossener Stamm oder ein kolchisches Völkchen nichts wissen konnte. Die Welt wurde weiter: Menschengeschlechter verbundener und enger: mit dem Handel eine Menge Künste entwickelt, ein ganz neuer Kunsttriebinsondreheit, ffür Vorteil, Bequeklichkeit, Üppigkeit und Pracht! Auf einmal stieg der Fleiß der Menschen von der schweren Pyramidenindustrie und dem Ackerfleiße in ein 'niedliches Spiel kleinerer Beschäftigungen' hinunter. Statt jener unnützen, teillosen Obelisken wandte sich die Baukunst auf teilvolle und in jedem Teil nutzbare schiffe. Aus der stummen. stehenden Pyramide werd der wandeklnde, sprechende Mast. Hinter der Bildnerei und Werkarbeit der Ägypter ins Große und Ungeheure spielte man jetzt so vorteilhaft mit Gals, mit zerstücktem, gezeeichneten Matall, Purpur und Leinwand, Gerätschaft vom Libanon, Schmuck, Gefäßen, Zierat - man spielt's fremden Nationen in die Hände - welch andre Welt von Beschäftigung! von Zweck, Nutzen,Neigung, Seelenanwendung! Nun mußte natürlich aus der schweren, geheimnisreichen Hieroglyphenschrift 'leichte, abgekürzte, bräuchliche Rechen- und Buchstabenkunst werden: nun mußte der Bewohner des Schiffs und der Küste, der expariierte Seestreicher und Völkerläufer dem Bewohner des Zelts und der Ackerhütte ein ganz anderes Geschöpf dünken ...

... in der Geschichte der Menschheit wird Griechenland ewig der Platz bleiben, wo sie ihre schönste Jugend und Brautblüte verlebt hat. Der Knabe ist der Hütte und Schule entwachsen und steht da - edler Jüngling mit schönen gesalbten Gliedern. Liebling aller Grazien und Liebhaber aller Musen, Sieger in Olympia und all' anderm Spiele, Geist und Körper zusammen nur eine blühende Blume! Die Orakelsprüche der Kindheit und Lehrbilder der mühsamen Schule waren jetzt beinahe vergessen; der Jüngling entwickelte sich aber daraus alles, was er zu Jugensweisheit und Tugend, zu Gesang und Freude, Lust und Leben brauchte. Die groben Arbeitskünste verachtete er, wie die bloß barbarische Pracht und das zu einfache Hirtenleben; aber von allem brach er die Blüte einer neuen schönen Natur. - Handwerkerei ward durch ihn schöne Kunst: der dienstbare Landbau, freie Bprgerzunft, schwere Bedeutungsfülle des strengen Ägyptens, leichte, schöne griechische Liebhaberei in aller Art. Nun, welche neue schöne Klasse von Neigungen und Fähigkeiten, von denen die frühe Zeit nichts wußte, zu denen sie aber Keim gab.. Die Regimentsform, mußte sie sich nicht vom orientalischen Vaterdespotismus durch die ägyptischen Landzünfte und halbe phönizische Aristokratien herabgeschwungen haben, ehe die schöne Idee einer Republik in griechischem Sinne, 'Gehorsam mit Freiheit gepaart und mit dem Namen Vaterland umschlungen', statthaben konnte? ...

Siehe dies schöne griechische Klima und in ihm das wohlgebildete Menschgeschlecht mit freier Stirn und feinen Sinnen - ein rechts Zwischenland der Kultur, wo aus zwei Enden alles zusammenfloß, was sie leicht und edel verwandelten! ... eben die Mischung phönizischer und ägyptischer Denkart, deren eine der anderen ihr Nationelles und ihren eckigen Eigensinn benahm, formte den griechischen Kopf zum Ideal, zur Freiheit. Jetzt die sonderbaren Anlässe ihrer Teilung und Vereinigungen von den frühesten Zeiten her: ihre Abtrennung in Välker, Republiken, Kolonien, und doch der gemeinschaftliche Geist derselben; Gefühl einer Nation, eines Vaterlands, einer Sprache! Die besonderen Gelegenheiten zu Bildung dieses Allgemeingeists, vom Zuge der Argonauten und dem Feldzuge gegen Troja an bis zu den Siegen gegen die Perser, und die Niederlage gegen die Mazedonier, da Griechenland starb! ...

... Daß Griechenland Samenkörner der Kultur, Sprache, Künste und Wissenschaften anderswoher erhalten, ist, dünkt mich, unleugbar, und es kann bei einigen, Bildhauerei, Baukunst, Mythologie, Literatur, offenbar gezeigt werden. Aber daß die Griechen dies alles so gut als nicht erhalten, daß sie ihm ganz neue Natur angeschaffen, daß in jeder Art das 'Schöne' im eigentlichen Verstande des Worts ganz gewiß ihr Werk sei - das glaube ich, wird aus einiger Fortleitung der Ideen ebenso gewiß. ...

Es kam das Mannes alter menschlicher Kräfte und Bestrebungen - die Römer. Gegen die Griechen hat Virgil auf einmal sie geschildert, jenen schöne Künste und Jugendübungen überlassen:

tu regere imperio populos, Romane memento

ungefähr damit auch gegen die Nordländer ihren Zug geschildert, die es ihnen vielleicht an barbarischer Härte, Stärke im Anfalle und roher Tapferkeit zuvor taten; aber -

tu regere imperio populos

Römertapferkeit idealisiert: Römertugend! Römersinn! Römerstolz! Die großmütige Anlage der Seele, über Wollüste, Weichlichkeit und selbst das feinere Vergnügen hinwegzusehen und fürs Vaterland zu wirken: der gefaßte Heldenmut, nie tollkühn zu sein und sich in Gefahr zu stürzen,sondern zu harren, zu überlegen, zu bereiten und zu tun: es war der unerschütterte Gang, durch nichts, was Hindernis heißt, sich abschrecken zu lassen, eben im Unglück am größten zu sein und nicht zu verzweifeln: es war endlich der große, immer unterhaltene Plan, mit nichts weniger sich zu begnügen, als bis ihr Adler den Weltkreis deckte - - wer zu allen diesen Eigenschaften ein vielgewichtiges Wort prägen, darin zugleich ihre männliche Gerechtigkeit, Klugheit, das Volle ihrer Entwürfe, Entschließungen, Ausfphrungen und überhaupt aller Geschäfte ihres Weltbaus begreifen kann, der nenne es. - ...

Auf welcher Höhe hat das römische Volk gestanden, welchen Riesentempel auf dieser Höhe erbaut! Sein Staats- und Kriegsgebäude, dessen Plan und Mittel zur Ausführung - Kolossus für alle Welt! Konnte in Rom ein Bubenstück begangen werden, ohne daß Blut in drei Erdteilen floß? und die großen würdigen Leute dieses Reichs, wo? und wie? wirkten sie hinaus! was für Glieder dieser großen Maschine fast unwissend mit so leichten Kräften bewogen! wohin alle ihre Werkzeuge erhöht und befetsigt: Senat und Kriegskunst - Gesetz und Zucht - Römerzweck und Stärke, ihn auszuführen - ich schaure! Was bei Griechen Spiel, Jugendprobe gewesen war, ward bei ihnen ernsthafte, feste Einrichtung: die griechischen Muster auf einem kleinen Schauplatze, einer Erdenge, einer kleinen Republik, auf der Höhe und mit der Stärke aufgeführt, wurden Schautaten der Welt.

Wie man auch die Sache nehme: es war die 'Reife des Schicksals der alten Welt'. Der Stamm des Baums zu seiner größern Höhe erwachsen, strebte, Völker und Nationen unter seinen Schatten zu nehmen, in Zweige. Mit Griechen, Phöniziern, Ägyptern und Morgenländern zu wetteifern, haben die Römer nie zu ihrer Hauptsache gemacht; aber indem sie alles, was vor ihnen war, männlich anwandten - was wurde für ein römischer Erdkreis! Der Name knüpfte Völker und Weltstriche zusammen, die sich voraus nicht dem Laut nach gekannt hatten. Römische Provinzen! in allen wandelten Römer, römische Legionen, Gesetze, Vorbilder von Sitten, Tugenden und Lastern. Die Mauer ward zerbrochen, die Nation von Nation schied, der erste Schritt gemacht, die Nationalcharaktere aller zu zerstören, alle in eine form zu werfen, die 'Römervolk' hieß. Natürlich war der erste Schritt noch nicht das Werk: jedee Nation blieb bei ihren Rechten, Freiheitem, Sitten und Religion; ja, die Römer schmeichelten ihnen, eine Puppe der letzten selbst mit in ihre Stadt zu bringen. Aber die Mauer lag. Jahrhunderte von Römerherrschaft - wie man in allen Weltteilen, wo sie gewesen sind, siehet - wirkten sehr viek: Sturm, der die innersten Kammern der Nationaldenkart jedes Volks durchdrang: mit der Zeit wurden die Bande immer fester, endlich sollte das ganze römische Reich gleichsam nur Stadt Rom werden - alle Untertanen Bürger - bis es selbst sank.

Auf keine Weise noch von Vorteil oder Nachteil geredet, allein von Wirkung. Wenn alle Völker unter dem römischen Joche gewissermaßen die Völker zu sein aufhörten, die sie waren, und also über die ganze Erde eine Staatskunst, Kriegskunst und Völkerrecht eingeführt wurde, wovon voraus noch kein Beispiel gegeben war: da die Maschine stand und da die Maschine fiel und da die Trümmern alle Nationen der römischen Erde bedeckten - gibt's in aller Geschichte der Jahrhunderte einen größeren Anblick? Völlig neue Welt von Sprachen, Sitten, Neigungen und völkern - es beginnet eine andre Zeit - Anbl8ick, wie aufs weite offenbare Meer neuer Nationen. - ...

Niemand in der Welt fühlt die Schwäche des allgemeinen Charakterisierens mehr als ich. Man malet ein ganzes Volk, Zeitalter, Erdstrich - wen hat man gemalt? Man fasset aufeinanderfolgende Völker und Zeitläufte, in einer ewigen Abwechslung, wie Wogen des Meeres tzsammen - wen hat man gemalt? Endlich, man faßt sie doch in nichts als ein allgemeines Wort zusammen, wo jeder vielleicht denkt und fühlt, was er will - unvollkommenes Mittel der Schilderung! wie kann man mißverstanden werden! ...

Zweiter Abschnitt.

Auch die römische Weltverfassung erreichte ihr Ende, und jeg rößer das Gebäude, je höher es stand; mit desto größerem Sturze fiel's! die halbe Welt war Trümmer. Völker und Erdteile hatten unter dem Baume gewohnt und nun, da die Stimme der heiligen Wächter rief: "Haut ihn ab!" - welch eine große Leere! wie ein Riß im Faden der Weltbegebenheiten! Nichts minder, als eine neue Welt war nötig, den Riß zu heilen. ...


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .