Frühes Altertum, Achsenzeit und Entfaltung der Weltgeschichte. Aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.

Entstanden um 1949. Text entnommen aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 68 - 80.


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4. DIE ALTEN GESCHICHTLICHEN HOCHKULTUREN.

a) Überblick.

Es erwachsen nur ungefähr gleichzeitig in drei Gebieten der Erdoberfläche die ältesten hohen Kulturen, erstens die sumerischbabylonische, ägyptische, ägäische Welt seit 4000, zweitens die in ersten Ausgrabungen sichtbar werdende vorarische Induskultur des dritten Jahrtausends (die im Zusammenhang mit den Sumerern stand), drittens die alte, nur in Erinnerungen unbestimmt durchscheinende, in spärlichen Resten greifbare archaische chinesische Welt des zweiten Jahrtausends vor Christus (wahrscheinlich schon früher).

Die Atmosphäre ist gegenüber der Vorgeschichte mit einem Schlage anders. Es ist nicht mehr das Schweigen, sondern Menschen sprechen in schriftlichen Dokumenten zueinander und damit zu uns, sobald wir ihre Schrift und Sprache verstehen, sprechen in Bauten, welche Organisation und Staatlichkeit voraussetzen, in Kunstwerken, die einen uns fremden Sinn in uns doch ansprechenden Formen verbergen.

Aber diese hohen Kulturen entbehren noch der geistigen Revolution, die wir als Achsenzeit vergegenwärtigt haben und die ein neues Menschsein, unser Menschsein begründete. Man kann ihnen amerikanische Kulturen in Mexiko und Peru deren Blüte aber Jahrtausende später liegt - vergleichen. Auch diesen fehlt alles, was - zeitlich schon vor ihnen - die Achsenzeit gebracht hat. Sie verschwanden vor der bloßen Gegenwart abendländischer, auf die Achsenzeit zurückgehender Kultur.

In dem Wüstengürtel, der sich vom Atlantischen Ozean durch Afrika über Arabien bis tief nach Asien hinein erstreckt, gibt es, außer vielen kleinen Oasen, zwei große Stromtäler, das Nilland und das Zweistromland. In diesen beiden Gebieten ist die Geschichte des Menschen in Dokumenten und Monumenten kontinuierlich so weit zurück zu verfolgen, wie nirgends sonst auf der Erde. Hier sehen wir, was dort um 3000 v. Chr. war, und schließen aus Resten noch weiter zurück. In China können wir kaum über das zweite Jahrtausend zurückblicken, und haben klare und umfassende Überlieferung erst aus dem ersten Jahrtausend. Die Ausgrabungen in Indien zeigen die zivilisatorisch hochentwickelten Städte aus dem dritten Jahrtausend - aber sie stehen noch isoliert und zeigen vorläufig kaum einen Zusammenhang mit dem späteren Indien, das gegen Ende des zweiten Jahrtausends beginnt. In Amerika ist alles viel später, durchweg nach der christlichen Zeitwende. Europa läßt in Ausgrabungen ein vorgeschichtliches Dasein erstehen, bis in das dritte Jahrtausend zurück von selbständiger Kultur, aber ohne das Gewicht einer eigenen auf uns noch wesentlich wirkenden Physiognomie. Nur weil hier unsere eigene Vorgeschichte liegt, sind wir betroffen und interessiert.

Die ägyptische und babylonische Kultur in ihrem Spätzustand sind den Griechen und den Juden - die in deren Umkreis lebten - noch bekannt geworden und seitdem eine abendländische Erinnerung, aber erst heute durch Ausgrabungen und Sprachverständnis wirklich anschaulich in ihrem Gang durch Jahrtausende. Die Induskultur ist uns ausschließlich durch Ausgrabungen - und zwar erst seit einigen Jahrzehnten - bekannt, sie war den Indern in der Erinnerung völlig entschwunden (die Schriftzeichen sind noch nicht entziffert). Die chinesische Überlieferung idealisiert den eigenen Grund, wie er im zweiten Jahrtausend und vorher gelegt ist. Durch Ausgrabungen ist er nur in wenigen Resten sichtbar.

b. 'Welche Ereignisse haben die Geschichte eingeleitet?

Wir fragen: Welches sind die greifbaren Ereignisse, mit denen die Geschichte begann? Vielleicht sind folgende wesentlich:

1) Die Aufgabe der Organisation von Strom- und Bewässerungsregulierungen am Nil, Euphrat-Tigris, Hoang-ho erzwingt Zentralisation, Beamtenschaft, Staatsbildung.

2) Die Erfindung der Schrift - eine Bedingung jener Organisation - geschah (nach Hrozny) etwa um 3300 bei den Sumerern, um 3000 in Ägypten, um 2000 in China (die alphabetische Schrift wurde erst im letzten Jahrtausend vor Chr. von den Phönikern erfunden). Es ist die Frage, ob die Erfindung auf eine einzige Quelle (die Sumerer) zurückgeht, oder ob es sich um unabhängige Erfindung an mehreren Stellen handelt. Die Unentbehrlichkeit der Schrift für die Verwaltung hatte zur Folge die führende Bedeutung von Schreiberschichten, einer geistigen Aristokratie.

3) Die Entstehung von Völkern, die sich als Einheit fühlen mit gemeinsamer Sprache und gemeinsamer Kultur und gemeinsamem Mythus.

4) Später die Weltreiche, zuerst von Mesopotamien aus. Der Ursprung war die Aufgabe, die ständigen Angriffe der Nomaden auf das Kulturland dadurch zu verhindern, daß alle umliegenden Länder und die Nomaden selbst beherrscht wurden (es entstanden die Weltreiche der Assyrer, Ägypter, zuletzt in neuer Gestalt das der Perser, dann erst und vielleicht mit dem Vorbild von dort, die der Inder, noch später das der Chinesen).

5) Das Aufkommen des Pferdes - aber erst während der schon entwickelten Hochkulturen ein Moment ihrer Verwandlung - als Streitwagenpferd, als Reiterpferd. Es brachte die Loslösung des Menschen vom Boden zur Weite und Freiheit, neue überlegene Kampftechnik, brachte ein Herrentum, das verknüpft ist mit der Zähmung und Zügelung des Pferdes, dem Mut des Reiters und Eroberers, dem Sinn für die Schönheit des Tieres.

Die die Geschichte eröffnenden Ereignisse führen zu der tieferen Frage: Was ist über den Menschen gekommen, daß er aus Ungeschichtlichkeit in Geschichte trat? Was ist eigentlich das in seinem Wesen, was zur Geschichte führt? Was sind die Grundcharaktere des geschichtlichen Prozesses gegenüber der Vorgeschichte? Man möchte eine Antwort aus dem Inneren des menschlichen Wesens. Nicht die äußeren Ereignisse, sondern die innere Verwandlung des Menschen möchten wir kennen.

Der Geschichte vorher ging ein Werden und Sichverwandeln, das dem Menschen mit dem Naturgeschehen weitgehend gemeinsam ist. Der Sprung von diesem bloßen Geschehen in die Geschichte ist vielleicht charakterisiert:

1) durch Bewußtsein und Erinnerung, durch Überlieferung geistigen Erwerbes, - damit geschieht die Befreiung von der bloßen Gegenwart,

2) durch Rationalisierung irgendwelchen Sinnes und Umfangs, durch Technik, - damit geschieht die Befreiung von der vitalen Gebundenheit an die zufällige nächste Nähe zur Vorsorge und Sicherung,

3) durch Vorbildlichkeit von Menschen, deren Taten, Leistungen und Schicksale vor Augen stehen in Gestalt von Herrschern und Weisen, - damit geschieht der Anfang der Befreiung von der Dumpfheit des Selbstbewußtseins und von der Angst vor Dämonen.

Die Folge der Geschichte ist ein unablässiges Anderswerden der Zustände, des Wissens, der Gehalte in ihrer Erscheinung, aber so, daß ein Bezug von allem auf alles, ein Zusammenhang der Überlieferung, universale Kommunikation möglich und als Forderung erfahren wird.

Was ist der Grund, daß der Mensch den Sprung tut? Er hat, als er ihn tat, nicht gewollt und nicht gewußt, was damit über ihn kam. Es ist etwas mit ihm geschehen. Er ist nicht, wie alles Lebendige sonst, in seiner Besonderheit ebenso beschränkt wie vollendet, sondern er ist grenzenlos offen in seinen Möglichkeiten und unvollendet und unvollendbar in seinem Wesen. Was im Menschen vom Ursprung her gelegen sein, was in der Vorgeschichte als Keim der Geschichte schon gewirkt haben muß, das bricht gewaltig durch, als die Geschichte beginnt.

Dieser Sprung des Menschseins, der die Geschichte zur Folge hat, kann aufgefaßt werden als das Unheil, das über den Menschen gekommen ist; etwas Unbegreifliches ist geschehen, ein Sündenfall, der Einbruch einer fremden Macht; alles, was Geschichte bewirkt, zerstört am Ende den Menschen; die Geschichte ist ein Vernichtungsprozeß in der Erscheinung eines vielleicht grandiosen Feuerwerks; es ist wieder rückgängig zu machen, was am Anfang geschehen ist; am Ende wird der Mensch in die seligen Zustände seines vorgeschichtlichen Seins zurückkehren.

Oder der Sprung ist das große Geschenk des Menschseins, und, daß der Mensch ihn tat, sein hohes Schicksal, sein Weg zu unerhörten Erfahrungen und zu einem Aufstieg, der aus seinem Unvollendetsein vorantreibt. Der Mensch ist durch Geschichte zu dem Wesen geworden, das über sich hinausdrängt. Erst in der Geschichte hat er seine hohe Aufgabe ergriffen. Niemand weiß, wohin sie ihn führen wird. Auch das Unheil und die Not können ihm zum Aufschwung dienen. in der Geschichte erwächst erst, was der Mensch eigentlich ist:

a) Aus dem Anfang fließt der Strom seiner ihm mitgegebenen substantiellen Möglichkeiten. Aber diese selbst werden erst reich, voll, offenbar, indem sie in die Bewegung der Geschichte treten, sich erhellen, bewähren, steigern, verlorengehen, erinnert werden, neu emporsteigen. Sie bedürfen der Rationalisierung, die selber gar nicht das Primäre ist, sondern das Medium des Offenbarwerdens der Ursprünge und Endziele.

b) Mit dem Sprung zur Geschichte wird die Vergänglichkeit bewußt. Alles in der Welt hat seine Zeit und muß versinken. Nur der Mensch weiß um seinen Tod. Im Rückstoß an dieser Grenzsituation erfährt er die Ewigkeit in der Zeit, die Geschichtlichkeit als Erscheinung des Seins, in der Zeit die Tilgung der Zeit. Sein geschichtliches Bewußtsein wird identisch mit Ewigkeitsbewußtsein.

c) Die Geschichte ist ein ständiges Vorandringen einzelner Menschen. Sie rufen die anderen, ihnen zu folgen. Wer sie hört und, versteht, tritt mit ein in die Bewegung. Aber die Geschichte bleibt zugleich das bloße Geschehen, in dem es ständig wie ein vergebliches Rufen, ein Absacken und Nichtfolgen ist. Ein ungeheures Schwergewicht scheint alle Aufschwünge immer wieder zu lähmen. Diegewaltigen Massenkräfte mit ihren Durchschnittseigenschaften ersticken, was ihnen nicht entspricht. Was in ihnen nicht Raum und Sinn gewinnt zur Verwirklichung des Massenhaften, und was keinen Glauben findet, muß verschwinden. Die Geschichte ist die große Frage, die noch unentschieden ist und die durch keinen Gedanken, sondern allein durch die Wirklichkeit selbst entschieden werden wird, ob die Geschichte in ihrem Aufschwung ein bloßer Zwischenaugenblick ist zwischen ungeschichtlichen Zuständen oder ob sie der Durchbruch der Tiefe ist, die in Gestalt auch grenzenlosen Unheils, unter Gefahr und unter immer erneutem Scheitern, im Ganzen dazu führt, daß das Sein durch den Menschen offenbar wird, er selbst in unabsehbarem Aufschwung seine nicht vorher wißbaren Möglichkeiten ergreift.

c. Das Gemeinsame und die Unterschiede der alten Hochkulturen.

Die gemeinsamen Grundzüge - große Organisationen, Schrift, führende Bedeutung der Schreiberschicht - lassen einen Menschen entstehen, der bei raffinierter Zivilisation doch noch etwas Unerwachtes hat. Eine spezifische technische Rationalisierung entspricht dem Unerwachtsein ohne eigentliche Reflexion.

In den großen Gemeinschaften ist alles befangen durch die anschaulichen Bilder des Seins, gebunden in fraglosen Ordnungen. Es ist unproblematisch ein Sosein, das man ausspricht, und dem man folgt. Die menschlichen Grundfragen sind eingebettet in heiliges 'Wissen magischen Charakters, nicht aufgebrochen in die Ruhelosigkeit des Suchens - außer in den wenigen ergreifenden Ansätzen (diese Spuren des Erwachens bleiben unentfaltet). Einen kräftigen Ansatz vollzieht das Denken der Gerechtigkeit in Ägypten und besonders in Babylonien. Aber die Sinnfrage wird nicht ausdrücklich gestellt. Es ist, als ob die Antwort vor der Frage da wäre.

Die Ähnlichkeit der Zustände und Entwicklungen läßt nach einem gemeinsamen Grund suchen. In allen Zeiten verbreiteten sich langsam Werkzeuge und Ideen über die Erdoberfläche. Wir suchen jeweils nach einem Zentrum, von dem die Verbreitung eines Neuen ausgehe. Man macht in diesem Sinne die Hypothese von der begründenden und universalen Bedeutung der Sumerer am Euphrat, von denen die entscheidenden Einflüsse bis Ägypten und China ausstrahlen. Aber das ist in solchem Ausmaß unbewiesen. Man bildet die fragwürdige Hypothese von dem Kulturzentrum in Asien - etwa in Westkurdistan und am Kaspischen Meer -, von dem, einst in feuchterer Erdperiode ein blühendes Reich der Kultur, bei Austrocknung die Auswanderung nach allen Richtungen erfolgte. Dadurch fand die Begründung der Kulturen über den asiatisch-europäischen Kontinent von China bis Ägypten statt. Aber der Blick in den Abgrund der Vorgeschichte trifft hier auf keinen durch Erfahrung zwingend bestätigten Boden.

Hat doch vielleicht das Gemeinsame einen gemeinsamen Grund, so bleibt uns nur die ganz unbestimmte Vorstellung der vorgeschichtlichen Tiefe Asiens. Es war eine lange gemeinsame Vorgeschichte Totalasiens, von dem Europa eine Halbinsel ist.

Aber auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen alten Hochkulturen sind beträchtlich. Wir spüren je den Geist eines Ganzen, der durchaus eigentümlich ist. In China gibt es nur Ansätze von Mythen, von vornherein kosmische Ordnungsvorstellungen in Maß und lebendiger Naturanschauung mit einer natürlichen Menschlichkeit. Im Zweistromland ist eine Härte und Kraft, etwas Dramatisches, im frühen Gilgamesch-Epos tragisch Berührtes. In Ägypten ist eine Heiterkeit der Lebensfreude im Intimen bei einer Verschleierung des Lebens durch den nivellierenden Arbeitszwang, ein hohes Stilgefühl feierlicher Größe.

Bis in die Wurzel des Geistes reicht der Unterschied der Sprache. Die chinesische Sprache ist von den westlichen Sprachen so radikal verschieden in der Struktur, nicht nur in den Wortwurzeln, daß man sich die Herkunft aus einer gemeinsamen Ursprache kaum vorstellen kann. Besteht diese doch, so muß der Prozeß, der zu dieser Verschiedenheit geführt hat, so lange gedauert haben, daß die gemeinsame Herkunft aus einer zentralasiatischen, an der Grenze der Vorgeschichte lebendigen Kultur sehr unwahrscheinlich wird.

Durchaus unterschieden ist auch das Verhältnis dieser Hochkulturen zu den Späteren. Griechen und Juden empfanden sie als etwas anderes und fremdes, kannten sie und bewahrten sie in ihrer Erinnerung, sahen sie mit Scheu und Bewunderung und dann auch mit Verachtung. Die späteren Inder wußten nichts von den alten Kulturen, hatten sie restlos vergessen. Die späteren Chinesen aus der Achsenzeit sahen in der alten Hochkultur ihre eigene Vergangenheit in Kontinuität, ohne Bruch, ohne Empfindung des Neuen (es sei denn dieses als Verfall), schauten sie an in einer idealisierten, mythisch werdenden Gestalt als Vorbild, das in schaffender Phantasie entfaltet wurde.

Die eigentlich geschichtliche Bewegung blieb in den alten Hochkulturen dennoch aus. Die Jahrtausende waren - nach außerordentlichen Anfangsschöpfungen - geistig eine dann vergleichsweise wenig bewegte Zeit, aber eine Zeit immer wiederholter Wanderungen von Zentralasien her, von Eroberungen und Umwälzungen, einer Austilgung und Mischung von Völkern - und einer ständigen Wiederherstellung der alten, durch Katastrophen nur unterbrochenen Kultur.

Die Erzählung der Geschichte dieser Jahrtausende ist daher zwar voll von Ereignissen, die aber durchweg noch nicht den Charakter von geschichtlichen Entscheidungen des Menschseins tragen.

5. DIE ACHSENZEIT UND IHRE FOLGEN.

Die Charakteristik der Achsenzeit wurde von uns vorweggenommen und an den Anfang gestellt. Denn ihre Auffassung scheint uns von zentraler Bedeutung für das Bild der Universalgeschichte.

Wenn wir Philosophiegeschichte treiben, liegt in der Achsenzeit das Feld ergiebigsten, für das eigene Denken fruchtbarsten Studiums.

Man kann die Zeit eine Zwischenphase zwischen zwei Zeitaltern von Großreichen nennen, eine Pause für die Freiheit, ein Aufatmen in das hellste Bewußtsein hinein.

a) Die Strukturierung der Weltgeschichte durch die Achsenzeit.

Die Achsenzeit wird zum Ferment, das die Menschheit in den einen Zusammenhang der Weltgeschichte bringt. Sie wird für uns zum Maßstab, an dem die geschichtliche Bedeutung der Völker für das Ganze klar wird.

Es ist die tiefste Scheidung zwischen den Völkern durch die Weise, wie sie zu dem großen Durchbruch sich verhalten. Wir unterscheiden:

1) Die Achsenvölker. - Es sind die Völker, welche in Kontinuität mit ihrer eigenen Vergangenheit den Sprung vollzogen, in ihm gleichsam zum zweitenmal geboren wurden und durch ihn das geistige Wesen des Menschen und seine eigentliche Geschichte begründeten: Chinesen, Inder, Iranier, Juden, Griechen.

2) Die Völker ohne Durchbruch. - Der Durchbruch war ein universalgeschichtlich entscheidendes, aber kein universales Ereignis. Es gibt die großen Völker der alten Hochkulturen, die vorher und die noch gleichzeitig mit dem Durchbruch lebten, aber nicht daran teilhatten und trotz ihrer Gleichzeitigkeit von ihm innerlich unbetroffen blieben.

Während der Achsenzeit blühte noch die ägyptische und babylonische Kultur, wenn auch in fühlbar später Gestaltung.

Beiden fehlte die menschenverwandelnde Reflexion; sie erfuhren keine Metamorphosen durch die Achsenvölker; sie reagierten nicht mehr auf den außerhalb ihres Bereiches geschehenen Durchbruch. Sie blieben zunächst noch, was sie früher, als vorhergehende, waren, zu großartiger Gestaltung gelangt in Ordnung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens, in der Baukunst, in Plastik und Malerei, in der Formung ihrer magischen Religion. Aber sie hatten nun ein langsames Ende. Äußerlich unterworfen von den neuen Mächten, verloren sie auch innerlich ihre alte Kultur, auslaufend in persische, später sassanidische Kultur und den Islam (in Mesopotamien) oder in die Römerwelt und das Christentum (später den Islam in Ägypten).

Beide sind von universalhistorischer Bedeutung, weil in ihrem Anblick, von ihnen lernend, sich gegen sie absetzend, sich an ihnen steigernd, die Juden und die Griechen erwuchsen, die die Grundlage des Abendlandes schufen. Dann wurden jene alten Kulturen fast vergessen, bis sie in unseren Jahren neu entdeckt wurden.

Wir stehen ergriffen vor ihrer Großartigkeit, bleiben aber ihnen auf eine Weise fremd, die durch den Abgrund bedingt ist, welchen die Durchbruchslosigkeit bewirkt. Wir sind Chinesen und Indern unendlich näher als Ägyptern und Babyloniern. Die Erhabenheit des Ägyptischen und Babylonischen ist einzigartig. Doch erst mit dem neuen Zeitalter des Durchbruchs beginnt das uns Vertraute. Wir sehen in verschwindenden Ansätzen eine uns verwundernde Vorwegnahme, als ob der Durchbruch beginnen sollte, der dann doch nicht kommt, besonders in Ägypten.

Dies nun ist eine für die Auffassung der Menschheitsgeschichte entscheidende Grundfrage: Sind China und Indien neben Ägypten und Babylonien zu stellen und eigentlich nur dadurch unterschieden, daß sie bis heute fortdauern, - oder haben China und Indien durch ihre Mitschöpfung der Achsenzeit selbst den großen Schritt getan, der sie über jene alten Hochkulturen grundsätzlich hinausbringt? Ich wiederhole das schon Gesagte: Man kann Ägypten, Babylonien wohl neben das frühe China und neben die Induskultur des dritten Jahrtausends, nicht aber neben China und Indien im Ganzen stellen. China und Indien stehen neben dem Abendland nicht nur, weil sie bis heute fortlebten, sondern weil sie den Durchbruch vollzogen. Dies mag noch kurz kritisch erörtert werden:

Es ist eine alte These, China und Indien hätten im Vergleich zum Abendland keine eigentliche Geschichte. Denn Geschichte bedeute Bewegung, Wesensänderung, neue Ansätze. Im Abendland folgen sich ganz verschiedene Kulturen, erst die alten vorderasiatischen und ägyptischen, dann die griechisch-römische, dann die germanisch-romanische. Es wechseln die geographischen Zentren, der Raum, die Völker. In Asien dagegen bleibt ein Gleiches bestehen, das seine Erscheinungen modifiziert, in Katastrophen versinkt, und sich aus dem einen Grunde als das immer gleiche wiederherstellt. Es entsteht bei solcher Betrachtung ein Bild, das östlich des Indus und des Hindukusch ungeschichtliche Stabilität, westlich geschichtliche Bewegung zeigt. Die tiefste Trennung der großen Kulturgebiete liegt dann zwischen Persien und Indien. Der Europäer könne bis an den Indus glauben, noch in Europa zu sein, sagte Lord Elphinstone (den Hegel zitiert).

Diese Auffassung scheint mir entsprungen zu sein aus der geschichtlichen Lage Chinas und Indiens im 18. Jahrhundert. Der Lord sah die Zustände seiner Zeit, keineswegs China und Indien in ihrem gesamten Gehalt. Damals waren beide auf ihrem Weg bergab auf einen tiefen Punkt gelangt.

Ist das Zurückgleiten in Indien und China seit dem 17. Jahrhundert nicht wie ein großes Symbol für das aller Menschheit Mögliche? Ist nicht auch unsere Schicksalsfrage: nicht zurückzusinken in den asiatischen Grund, aus dem auch China und Indien sich schon aufgeschwungen hatten?

3) Die nachkommenden Völker. - Alle Völker scheiden sich in die, welche auf die Durchbruchswelt sich gründen, und die, welche abseits bleiben. Jene sind die geschichtlichen Völker, diese die Naturvölker.

Das in der Durchbruchswelt selber die neuen Großreiche politisch strukturierende Element waren die Makedonen und Römer. Ihre geistige Armut liegt daran, daß sie von den Durchbruchserfahrungen nicht im Kern ihrer Seele getroffen sind. Daher vermögen sie wohl in der geschichtlichen Welt politisch zu erobern, zu verwalten, zu organisieren, Bildung anzueignen und zu bewahren, eine Kontinuität der Überlieferung zu retten, aber nicht die Erfahrung fortzusetzen oder zu vertiefen.

Anders der Norden. Die große geistige Revolution zwar war, so wenig wie in Babylonien und Ägypten, ebenso wenig im Norden geschehen. Die nordischen Völker lagen im Schlummer einer Primitivität, aber sie waren mit dem für uns objektiv schwer erfaßbaren Wesen ihrer seelischen Haltung (Hegel nennt es das nördliche Gemüt) zu einer eigenständigen Substanz gelangt, als die geistige Welt der Achsenzeit sie traf.

b. Die Weltgeschichte nach dem Durchbruch.

Seit der Achsenzeit sind zwei Jahrtausende abgelaufen. Die Konsolidierung in Weltreichen war keine endgiltige. Sie brachen zusammen; es folgten einander - in allen drei Bereichen - Zeitalter kämpfender Staaten, Zeitalter der Zerrüttung, der Völkerwanderung, ephemerer Eroberungen und neuer, wiederum bald verschwindender Augenblicke höchsten Kulturschaffens. Neue Völker treten in die drei großen Kulturkreise ein, im Abendland die Germanen und Siaven, in Ostasien die Japaner, Malaien, Siamesen, und brachten ihrerseits neue Gestaltungen hervor. Aber sie taten es in Auseinandersetzung mit der überlieferten hohen Kultur durch deren Aneignung und Umgestaltung.

Die Germanen begannen ihre geistige Weltsendung erst jetzt, als sie an jener Revolution des Menschseins Anteil gewannen, die ein Jahrtausend früher begonnen hatte. Seit dem Augenblick, daß sie sich auf diese Welt beziehen, beginnen sie eine neue Bewegung, in der sie heute als die germanisch-romanische Welt Europas noch stehen. Es begann ein geschichtlich wieder einzigartiges Phänomen. Was die Antike nicht mehr vermochte, geschah nun. Das Äußerste an Spannungen des Menschseins, die Helligkeit der Grenzsituationen, alles, was in der Durchbruchszeit begonnen hatte, in der Spätantike aber fast versank, wurde jetzt noch einmal in gleicher Tiefe, vielleicht in größerer Weite, vollzogen, zwar nicht zum erstenmal und nicht aus eigenem, aber ursprünglich im Zusammentreffen mit dem, was nun als sich selbst eigen erfahren wurde. Es begann ein neuer Versuch dessen, was dem Menschen möglich ist.

Im Vergleich zu China und Indien scheint es im Abendland viel mehr dramatische Neuanfänge zu geben. Bei einer geistigen Kontinuität, die für Zeiten schwach wird, tritt eine Folge ganz verschiedener geistiger Welten auf. Die Pyramiden, der Parthenon, die gotischen Dome - solche Verschiedenheiten gibt es als geschichtliche Aufeinanderfolge in China und Indien nicht.

Doch ist in Asien von Stabilität keine Rede. Es gibt in China und Indien schweigsame Jahrhunderte wie bei uns die der Völkerwanderungszeit, in denen alles im Chaos zu verschwinden scheint, um nachher eine neue Kultur entstehen zu lassen. Auch in Asien - in Indien und China - gibt es die geographischen Verlagerungen der Kulturgipfel und politischen Zentren, wechseln die die Bewegung tragenden Völker. Der Unterschied zu Europa ist kein radikaler. Es bleibt die große Analogie: Schöpferische Epoche der Achsenzeit, in der Folge Umwälzungen und Renaissancen, bis Europa seit 1500 seine unerhörten Schritte tut, während China und Indien gerade damals kulturell niedergehen.

Nachdem der Durchbruch der Achsenzeit geschehen ist, der in ihm erwachsene Geist durch Gedanke, Werke, Gestalten sich jedem mitteilt, der hören und verstehen kann, und unendliche Möglichkeiten fühlbar geworden sind, sind alle nachkommenden Völker geschichtlich durch die Intensität, mit der sie jenen Durchbruch ergreifen, und durch die Tiefe, in der sie angesprochen werden.

Der große Durchbruch ist wie eine Einweihung des Menschseins. Jede spätere Berührung mit ihm ist wie eine neue Einweihung. Seitdem sind nur die eingeweihten Menschen und Völker im Gang der eigentlichen Geschichte. Aber diese Einweihung ist kein verborgenes, ängstlich behütetes Geheimnis. Vielmehr ist es in die Helligkeit des Tages getreten, in grenzenlosem Mitteilungswillen, sich aussetzend jeder Prüfung und Bewährung, sich zeigend jedem, aber doch ,,offenbares Geheimnis", insofern es nur erblickt, wer für es bereit ist, durch es verwandelt zu sich selbst kommt.

Die neue Einweihung geschieht in Interpretation und Aneignung. Bewußte Überlieferung, autoritative Schriften, Studium werden unerläßliches Lebenselement.

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LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .