Vorgeschichte, Geschichte und Nachgeschichte. Aus: Ernst Nolte, Historische Existenz.

Entstanden um1998. Text entnommen aus: Ernst Nolte, Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?, München, Zürich 1998, S. 17 - 26.


Einführung.

1 Explikation der Frage: Was heißt »historische Existenz«?

Die Frage »Was heißt >historische Existenz<?« ist nur dann eine eigenständige, wenn sie nicht mit der Frage »Was heißt >menschliche Existenz<?« identisch ist. Nach dem Wesen oder der Natur des Menschen zu fragen, gilt seit langem als eine der vornehmsten Aufgaben der Philosophie, und sie wird heute meist der »Anthropologie« als spezielles Sachgebiet zugeordnet. Es gibt indessen eine weitgehende Übereinstimmung darüber, daß es während des menschlichen Daseins Perioden oder Zustände gegeben hat bzw. in Zukunft geben könnte, die nicht den Charakter der Geschichte oder - wie man manchmal sagt - der »eigentlichen Geschichte« gehabt haben oder haben werden.

In der biblischen Erzählung von den ersten Menschen lebt Adam, von Gott aus Erde geformt und mit dem Lebensatem bedacht, zusammen mit der aus einer Rippe geformten Gefährtin Eva für eine unbestimmte, anscheinend »zeitlose« Zeit im Garten Eden, dem Paradies - offenbar in vollständiger Harmonie mit Gott, der umgebenden Natur und mit sich selbst, denn die beiden Menschen waren nackt, und »sie schämten sich nicht voreinander«. Erst als Eva, von der Schlange verführt, das Gebot des Herrn übertrat und, wie dann auch Adam, eine Frucht vom Baum des Lebens aß, erkannten sie, daß sie nackt waren, so daß sie sich vor Gott und voreinander schämten. Aber zugleich waren sie zur Erkenntnis von Gut und Böse gelangt, und wenn sie deshalb aus der ursprünglichen Harmonie herausfielen, so wuchs ihnen doch gerade dadurch die Möglichkeit zu, daß sie »wurden wie Gott« und ihre Hand auch nach dem »Baum des Lebens« ausstreckten, das heißt, zu unsterblichen Herren der Erde wurden. Um das zu verhindern, vertrieb Gott sie aus der paradiesischen Einheit des Lebens und verurteilte sie dazu, in ständiger Mühsal den »Dornen und Disteln«, einer feindseligen Natur, ihren kärglichen Lebensunterhalt abzuringen. So bekleidete Gott sie mit Röcken aus Fellen und verbannte sie auf die ungastliche Erde, zu deren Staub sie mit ihrem Tode würden zurückkehren müssen.

Damit begann für sie eine fundamental andere Seinsweise, obwohl sie doch auch wieder blieben, was sie waren, nämlich Menschen. Man könnte sagen: Mit der Gabe der Wahlmöglichkeit zwischen dem Guten und dem Bösen, aber auch mit den Lasten der ständig herandrängenden Notwendigkeit von Entscheidungen, mit dem gebrochenen Verhältnis zu der eigenen Natur und dem daraus resultierenden Bewußtsein der Fehlbarkeit oder der Sünde, mit der Unumgänglichkeit ständiger Arbeit und mit der Mühsal der unablässigen Sorge um Kinder und Enkel sei der Mensch aus dem paradiesischen Zustand seines Ursprungs in die Nöte der »geschichtlichen Existenz« eingetreten. Bekanntlich folgte der Vertreibung aus dem Paradies bald der erste Brudermord, und gerade aus der Nachkommenschaft des Mörders Kam gingen die Schmiede und die Flötenspieler hervor, d. h. es entstanden Industrien und Künste.

Aber dieser tiefsinnige Mythos war keineswegs eine Erfindung des »Jahwisten«, dem die Alttestamentler die Kapitel 2, 4b bis 3, 24 der Genesis oder des ersten Buches Moses zuschreiben. Vielmehr finden sich Erzählungen von dem »Goldenen Zeitalter« der Menschheit, das dem »Eisernen Zeitalter« oder, in der Sprache des indischen Mythos, dem »Kali-Zeitalter« der Gegenwart vorhergegangen sei, bei zahlreichen Völkern und in der klassischen Antike zuerst bei Hesiod.

Im 19. und 20. Jahrhundert ist daraus die Entgegensetzung zwischen »Vorgeschichte« und »Geschichte« bzw. zwischen »primitiven« Völkern und »Kulturvölkern« geworden. Als »Vorgeschichte« wird der unvorstellbar lange Zeitraum zwischen den ersten Spuren menschlicher oder mindestens menschenähnlicher Wesen vor über einer Million Jahren bis zur Ablösung des Zeitalters der Sammler und Jäger durch den Übergang zur Seßhaftigkeit und zur Landwirtschaft in der »neolithischen Revolution« oder auch erst durch das Aufkommen von Schrift und »Hochkultur« verstanden. Zu diesem Zeitalter gab es im 19. Jahrhundert an ziemlich vielen Stellen der Erde und gibt es heute noch in ganz versteckten Winkeln Analogien unter »Naturvölkern«, die durchweg durch einen fundamentalen Konservativismus und durch die Ablehnung von »Neuerungen«, zugleich aber durch ein in zivilisierten oder entwickelten Zuständen längst verschwundenes Höchstmaß an »Sozialintegration«, an Gemeinschaftlichkeit, gekennzeichnet sind. Eben diese Geschlossenheit und eben dieses hartnäckige Festhalten an den überlieferten Lebensformen unter Horden, Sippen und allenfalls Stämmen, welche die Wissenschaft der Ethnologie vorfand und beschrieb, darf für die gesamte Vorgeschichte der Menschheit angenommen werden, die ihrer Zeitdauer nach ebensoviel länger währte, als die »eigentliche Geschichte« seit 5000 Jahren bewegter und dynamischer ist.

Zur Veranschaulichung hat man das Bild eines Serpentinenwegs gewählt, dessen unterstes und sichtbarstes Teilstück 25000 Jahre umfaßt, während die entsprechenden Abschnitte nach oben zu immer kleiner erscheinen, bis sie an der Spitze kaum mehr als die Länge von Millimetern aufweisen. 1 Wie sollte es auch anders sein, wenn der scheinbar längste, uns am nächsten liegende Abschnitt bereits tausend Generationen abbildet, während 40000 Generationen gelebt haben müssen? Man hat auch den Verlauf eines Tages zur Verbildlichung herangezogen, und dann errechnet sich leicht, daß für die ganze Periode der Geschichte vor dem Glockenschlag der Mitternacht nicht einmal eine Minute übrigbleibt, so daß das ungeheure zeitliche Übergewicht der »Vorgeschichte« über die Geschichte anschaulich wird. Aber wenn Sinn und Bedeutung für den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts der Länge bzw. der Kürze dieser Zeiten gerade umgekehrt proportional waren, so daß die Jahrhunderttausende der primitiven Bewegungslosigkeit sich vor der Bewegtheit der Geschichte wie ein ödes Bergmassiv vor einer fruchtbaren Ebene ausnahmen, findet heute eine andere Einschätzung in der Publizistik und sogar in der Wissenschaft Verbreitung: Die Menschen der Vorgeschichte lebten in Harmonie mit ihrer natürlichen Umwelt, welche von der »Megamaschine« der modernen Zivilisation aufs schwerste gefährdet wird, und Ethnologen weisen darauf hin, daß etwa bei heutigen Buschmännern die wöchentliche Arbeitszeit für Männer weniger als 24 Stunden und für Frauen gerade 13 Stunden beträgt, so daß sie nach Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse über weit mehr an freier Zeit verfügen als die hart arbeitenden und sogar in ihrer Freizeit auf vielfältige Weise dem »Streß« unterworfenen modernen Menschen. Und aus einer ganz anderen Weltgegend ist durch die ethnologische Literatur bekannt, daß die PuebloIndianer des südlichen Nordamerika imstande sind, etwa die Hälfte ihrer Zeit mit rituellen und religiösen Beschäftigungen zu verbringen. Der Mythos vom »Goldenen Zeitalter« vor der Geschichte scheint also einen rationalen Kern zu enthalten.

Aber auch in der Geschichte und neben der Geschichte gab und gibt es »geschichtslose« oder »ungeschichtliche« Zustände, die denen der »Vorgeschichte« mehr oder weniger entsprechen. So ist der Ausdruck »Geschichtslosigkeit der Fellachen« gebräuchlich, und damit ist jenes Herabsinken von einstigen Höhen der Geschichte gemeint, das zeitgenössische Beobachter schon bei den »Graeculi« der Antike beobachten zu können glaubten; nach dem Durchzug der »Seevölker« um 1200 v. Chr. sanken die einst blühenden und nun zerstörten Gegenden Kleinasiens wieder in die »Geschichtslosigkeit« zurück, und Ähnliches geschah in Griechenland nach der dorischen Wanderung. »Vorgeschichtliches« oder Archaisches erhält sich sogar mitten in der Geschichte: In den prophetischen Verkündungen des Alten Testaments ist immer wieder von »dem beruhigenden Duft für den Herrn« die Rede, der die Folge der Brandopfer sei, und das ist offensichtlich ein Relikt aus ferner Vorzeit, welches sich mit dem vergeistigten Monotheismus der Propheten eigentlich nicht verträgt. Ebenso befremdend ist es für den heutigen Leser, wenn er im 18. Kapitel des ersten Buches Samuel liest, David habe von Saul dessen Tochter Michal zur Frau erhalten, nachdem er »200 Vorhäute von Philistern« gebracht habe. Und ist nicht die moderne Psychoanalyse zum guten Teil eine Lehre vom Fortleben des Archaischen oder Vorgeschichtlichen in der Seele des modernen Menschen?

Schließlich soll Hegel das Wort haben. Er spricht, wie auch Ranke, von den »Völkern eines ewigen Stillstands«, er kennzeichnet das Vordringen der Arier in Indien als »eine dumpfe vorgeschichtliche Ausbreitung«, er nennt die von Kämpfen und Völkerwanderungen bestimmte frühe Geschichte Mittelasiens eine »ungeschichtliche Geschichte«, und er spricht sogar den Weltreichen der Mongolen und Hunnen den geschichtlichen Charakter ab, weil sie in die Geschichte als den »Fortgang des Geistes« nicht hineingehören, sondern nur in die Geschichte, »sofern sie natürliche Seiten, äußerliche Notwendigkeiten, Impulse hat«. 2

Aber es wird nicht nur die Vorgeschichte oder das Ungeschichtliche von der Geschichte geschieden, sondern auch eine »Nachgeschichte«, welche die wesentlichen Kennzeichen der »bisherigen« Geschichte nicht mehr aufweist. Es klingt zwar modisch, wenn von der »post-histoire« oder der »Postmoderne« die Rede ist, wenn Alfred Weber »Abschied von der bisherigen Geschichte« nimmt oder wenn ein Historiker von dem »nachhistorischen Zeitalter« spricht, in dem wir leben, aber auch diese Vorstellung wurzelt in uralten Zeiten. Von »Weltbränden« und »Weltuntergängen« wird in zahlreichen Mythen der frühen Menschheit erzählt, und sie sind sogar ein Gegenstand der Philosophie wie bei Heraklit, doch von einem Ende der Geschichte, das dennoch Fortdauer bedeutet, wird zuerst in prophetischen Aussagen des alten Judentums gesprochen. So heißt es im Buch Daniel, das aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus stammt, bei der Deutung des Traums des Nebukadnezar, ein fünftes Reich werde auf die vier Weltreiche von abnehmendem Wert, von dem goldenen bis zu dem eisernen, folgen - ein Reich, das von Gott selbst errichtet werde und »das in Ewigkeit nicht untergeht«. Von diesem Reich wird an einer späteren Stelle folgendes gesagt: »Die Herrschaft und Macht und die Herrlichkeit aller Reiche unter dem ganzen Himmel werden dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.« 3

Aber schon lange vorher hatte Jesaja dieses Nachher in einer Weise beschrieben, die man den Sieg der Utopie über die Geschichte nennen könnte. »Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten . Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg.« Offenbar ist damit jene paradiesische Harmonie der »Vorgeschichte« wiederhergestellt, und es ist eine bloße Konsequenz, wenn in einem anderen Kapitel die heute vielzitierten Worte zu finden sind: »Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.« 4

Das Christentum hat diese Vorstellungen wesentlich verändert, aber nicht etwa im Sinne einer klassisch-antiken Kreislauftheorie wieder beseitigt. Sein Messias war nicht ein irdischer Herrscher aus dem Geschlechte Davids, und das Glück der Urzeit wurde nicht auf der Erde wiederhergestellt, vielmehr folgte dem letzten Gericht die Aufnahme aller Guten, der lebenden sowohl wie der wiederauferstandenen, in den Himmel und die Verstoßung der Bösen in die Hölle. Trotzdem blieb die Tendenz zu einem diesseitigen Messianismus lebendig, und im Mittelalter entwickelte der Abt Joachim von Floris seine Lehre von den drei Reichen, deren letztes, das Dritte Reich der mönchischen Spiritualen, grenzenlose Dauer haben werde. Nochmals weltlicher und dennoch christlich waren die Vorstellungen der spanischen Dominikaner, die sich während der Eroberung Süd- und Mittelamerikas von dem Gedanken leiten ließen, daß ein Endzeitalter anbrechen müsse, wenn alle Menschen zu Christen geworden seien, die aber zum Teil schon davon überzeugt waren, daß das Christentum in Europa gescheitert und nur noch in Amerika bei den Indianern die Verwirklichung der christlichen Utopie möglich sei. Eben hier dürfte der Ausgangspunkt für jenen »Jesuitenstaat« in Paraguay zu suchen sein, der in Zustimmung und Polemik so wichtig für den späteren Sozialismus wurde.

Aber dazwischen lag die erste Ausbildung der Philosophie des Fortschritts, die nun mit antichristlicher und jedenfalls antikirchlicher Wendung die lineare Konzeption des Christentums fortsetzte und damit für die Zukunft einen Zustand umriß, der als völlig aufgeklärter nicht nur den Aberglauben, sondern auch die Konfliktnatur der bisherigen Geschichte überwunden haben würde, wie sich in Condorcets Esquisse d'un tableau his torique des progrès de l'esprit humain von 1794 nachlesen läßt. Um dieselbe Zeit dachte Kant in seiner kleinen Schrift Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht diese künftige Nachgeschichte und eine sogar außermenschliche Vorgeschichte in einer Weise zusammen, die für den Philosophen der menschlichen Freiheit und der Unerkennbarkeit des »Dings an sich« höchst überraschend ist. Er schreibt nämlich: »Da die Menschen in ihren Bestrebungen nicht bloß instinctmässig, wie Thiere, und doch auch nicht, wie vernünftige Weltbürger, nach einem verabredeten Plane, im Ganzen verfahren; so scheint auch keine planmäßige Geschichte (wie etwa von den Bienen oder den Bibern) von ihnen möglich zu sein.« Kant meint aber, daß eine »Naturabsicht« in diesem »widersinnigen Gange menschlicher Dinge«, d.h. in der bisherigen Geschichte, zu entdecken sei, die am Ende jenes planmäßige Zusammenwirken vernünftiger Weltbürger nach der Analogie von Bienen und Bibern herstellen könne. So scheint er ein Konzept zu entwickeln, das man vereinfachend auf die Formel bringen könnte: von der Harmonie der unbewußten Tierheit zur Harmonie der bewußten Tierheit, die als Weltbürgertum das eigentlich Menschliche wäre. Kant schränkt dieses Konzept zwar im weiteren Verlauf durch den Begriff der »ungeselligen Geselligkeit«, die niemals zu einer »reinen« Geselligkeit werden kann, und noch mehr durch das Bild vom »krummen Holz« ein, aus dem der Mensch geschnitzt sei, aber er verwendet dann doch wieder die Metapher vom »Automaten«, dem die »vollkommene bürgerliche Verfassung« ähnlich sei, welche als »großer Völkerbund« das schlimmste aller Übel, den Krieg, aus der Welt geschafft habe. 5

Das »dialektische« Denken legte es dann allen Vertretern des »Deutschen Idealismus«, nicht zuletzt Schiller, nahe, eine Nachgeschichte vorherzusehen, die »auf höherer Stufe« die Wiederherstellung eines ursprünglichen Zustands der Harmonie sein würde, während die Gegenwart und die ganze nachgriechische Geschichte eine Phase der Zerrissenheit und Entfremdung darstellten. Bentham und Spencer konnten im Grundsätzlichen als Fortsetzer dieser Denkweise erscheinen, und auch die Kriege und Bürgerkriege des 20. Jahrhunderts haben die Vitalität der Idee des Fortschritts bis zum rationalen und wissenschaftlichen »regnum hominis« nicht entscheidend schwächen können. In den Vereinigten Staaten findet eine Lehre nach wie vor Beifall, die praktische Wege aufzufinden sucht, um die konflikterzeugenden und insofern irrationalen Eigenheiten der Individuen abzuschleifen, damit die Gesellschaft so reibungslos funktionieren könne wie eine Maschine. 6 Ein amerikanischer Physiker hat sogar in quasi-theologischer Verkleidung ein Projekt der Eroberung und Besiedlung des ganzen Universums vorgelegt, einer Eroberung und Besiedlung freilich »durch das Leben« und nicht »durch den Menschen«, denn die prospektiven Eroberer sind keineswegs bloß über die »bisherige Geschichte« hinaus, sondern sie haben kaum noch Ähnlichkeit mit den »bisherigen Menschen«. 7

So sind auch Marx und Engels weit überholt, die im 19. Jahrhundert die Idee der Nachgeschichte am konsequentesten fortentwickelt hatten, indem sie sie zur eigentlichen Geschichte und die bisherige Geschichte zur »Vorgeschichte« machten: »Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.« Dieser Übergang bedeutet nichts anderes als den Gewinn der definitiven Herrschaft über die Natur - die irdische, wie sich für Marx und Engels noch von selbst verstand, unter Einschluß der menschlichen Natur - und damit das endgültige Ausscheiden - »in gewissem Sinn« - aus dem Tierreich: mithin »den Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit«. 8

Notwendigerweise mußte sich das Denken der rationalistischen Aufklärung mit ihrem Hinblick auf eine künftige »Welt der Vernunft« nicht nur gegen die christlichen Kirchen, den »Feudalismus« und allen »Obskurantismus« richten, sondern auch gegen die Geschichte selbst, mindestens gegen die »bisherige« Geschichte, die von Phänomenen wie den bekämpften so stark bestimmt war. Nichts ist weniger verwunderlich, als daß ihr von seiten der Angegriffenen ein starker Widerstand begegnete, der keineswegs in bloßer Apologie bestand. Er konnte vielmehr bald zum Gegenangriff übergehen, denn insbesondere die Französische Revolution schien unter Beweis zu stellen, daß die Kosmopoliten zu fanatischen französischen Nationalisten und die Prediger der Humanität zu blutgierigen Tyrannen wurden. Letzten Endes wurde so »die Geschichte« zu derjenigen Realität, auf die sich die Vorkämpfer der »christlich-germanischen« Staatsidee beriefen, und ihre Hervorhebung des »Konkreten« war immerhin einleuchtend genug, daß nicht wenige Anhänger des Rationalismus auf ihre Seite übergingen.

Aber nicht immer war die bloße Verneinung der Möglichkeit einer »Nachgeschichte« ebensosehr Intention wie Konsequenz. Alexis de Tocqueville erblickte in der amerikanischen Demokratie, die er als einer der ersten beschrieb und analysierte, die Lebensform der zukünftigen Menschheit. Er bejahte sie in ihrer Verschiedenheit von der revolutionären Demokratie Frankreichs, und doch sah er offenbar mit einer Mischung von Geringschätzung und Schrecken auf diese künftige Welt, in der die Lebenden ohne ein Verhältnis zu den Toten sein würden und in der extremer Individualismus mit stärkster Konformität Hand in Hand gehen würde. So wird die demokratische »Nachgeschichte« zwar als solche akzeptiert, aber gleichwohl mit einem negativen Akzent versehen. Der negative Akzent wird zum allbeherrschenden Inhalt, wenn Nietzsche die »letzten Menschen« charakterisiert: »>Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?< - so fragt der letzte Mensch und blinzelt ... >Wir haben das Glück erfunden< - sagen die letzten Menschen und blinzeln. >Ehemals war alle Welt irre< - sagen die Feinsten und blinzeln. 9

Ihre stärkste theoretische Artikulation fand die Hervorhebung der Geschichte und damit die Verwerfung der Nachgeschichte in den Schriften Wilhelm Diltheys und seines Freundes, des Grafen Yorck, für den der Mensch des rationalistischen Planens mit seinem sich erfüllenden »Programm« ein »von vornherein fertiggemachter Homunculus« war.10 Aber diese Verwerfung schließt doch ein Ernstnehmen der Möglichkeit in sich, und im 20. Jahrhundert wird oft die Unausweichlichkeit zugestanden, während an der Stigmatisierung festgehalten wird, so von Arnold Gehlen, wenn er über die »post-histoire« schreibt, in der beginnenden Welt-Industriekultur werde zunehmend die »echte Überlieferung der europäischen Geschichte in der Vergangenheit verschwinden«11

Keine Annahme wäre indessen verkehrter als die, daß nur einige Geisteswissenschaftler resignierende Aussagen über die heraufkommende Welt der Naturwissenschaften und der Großtechnik machten; es waren vielmehr gerade hervorragende Naturwissenschaftler, welche die keineswegs nur in der Atombombe bestehende Zerstörungskraft der wissenschaftlich-technischen Zivilisation herausstellten wie etwa der bedeutende Chemiker Erwin Chargaff, und diese Kritik wurde zu einer Art Volksbewegung gerade unter jenen Linken, die »Fortschritt« immer als »Humanisierung« verstanden hatten und nun voller Betroffenheit wahrzunehmen glaubten, daß »Fortschritt« und »Menschlichkeit« in einen todbringenden Gegensatz gerieten.

So konnte nicht einmal die Befürchtung als »reaktionär« abgetan werden, daß die Ur-Urenkel der gegenwärtigen Menschen »übersteigerte eggheads ... mit einem mächtigen Wasserkopf und greisenhaft wirkendem Gesicht« sein wurden, 12 und ein bekannter Naturwissenschaftler artikulierte seine Vorstellung von der bevorstehenden »Nachgeschichte« folgendermaßen: »Im zukünftigen, vollklimatisierten, vollautomatisierten, keimfreien Raum säße apathisch ein geschichts-, traditions- und kulturloses Wesen, dessen Denken vom Computer übernommen und dessen Gefühle biochemisch ausbalanciert wären. Brave new world!«13 Mit der Schlußwendung zitiert er den Titel eines berühmten Buches von Aldous Huxley, das ebenso wie George Orwells 1984 die weitgehende Ablösung der bisherigen positiven Utopie durch die »negative Utopie« markiert, welche bei Huxley und Orwell freilich noch eng mit der Erfahrung der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts verknüpft war, während diese Verknüpfung hier schon offensichtlich aufgelöst ist.

Es könnte so aussehen, als schrumpfe die Geschichte zu einer winzigen Zwischenphase zwischen den Jahrhunderttausenden der Vorgeschichte und jenen unabsehbaren Zeiträumen der Nachgeschichte zusammen, welche die Menschheit zur Verfügung habe, um das große Werk ihrer Konstituierung als Einheit, der Überwindung innerer Konflikte und vor allem jenes Ausgreifens in den Weltraum zu bewältigen, das sie nun nicht mehr bloß in schöner Metaphorik zur vollen Herrschaft über die äußere und auch die innere Natur führe. Und daraus resultieren für Gegenwart und Zukunft nur deshalb Gefahren, weil die bisherige Geschichte immer noch in verhängnisvollen Relikten präsent ist, etwa in den Nationalismen und in religiös-fundamentalistischen Fanatismen. Im distanzierenden und abschiednehmenden Blick auf das Ganze der Geschichte aber würde jene Emotion allbeherrschend sein, die einst Voltaire als einer der ersten artikulierte: Nichts anderes biete sie dem Auge dar als eine deprimierende Folge von Kriegen, Torheiten und Metzeleien. Bloß als Verhüllung von Schrecklichem würde jener Begriff der »historischen Größe« anmuten, wie er etwa zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus in der Inschrift eines assyrischen Königs und damit in den allerersten Anfängen der Geschichtsschreibung zum Vorschein kommt: »Schamschi-Adad, König des Alls, Erbauer des Tempels des Assur, der das Land zwischen Tigris und Euphrat auf Geheiß des Assur, der ihn liebt, befriedete, und dessen Namen Anu und Enlil unter den Königen, die voraufgingen, zu Großem beriefen ...« 14

Ist es nicht sogar vorstellbar geworden, daß die Schrift, deren Erfindung als der Beginn der »eigentlichen Geschichte« gilt und deren Kenntnis die »Schriftvölker« als die geschichtlichen Völker von den schriftlosen und damit vorgeschichtlichen Völkern schied, zu einem Instrument von sekundärer Bedeutung absinkt, während die Bilder und Zeichen auf den weltweit vernetzten Bildschirmen ganz in den Vordergrund treten? Was soll da noch der »Wille zur geschichtlichen Existenz«, von dem ein Historiker im Blick auf das alte Ägypten meint, er sei ein Hauptfaktor der Geschichtlichkeit, 15 da dieser Wille immer Distanz, ja Feindschaft zu anderen Staaten und Völkern in sich schloß?

Aber auch dieser negative Blick auf die Geschichte erkennt ihre Eigenart und Unterschiedlichkeit an, ganz wie das negative Urteil über die »Nachgeschichte« mindestens deren Möglichkeit akzeptiert.

Es ist also jedenfalls legitim, die Frage nach der »historischen Existenz« aufzuwerfen. In der Frage als solcher ist noch keine Antwort vorweggenommen. Es könnte sein, daß das Ergebnis lauten wird, die Trennung von Geschichte und Vorgeschichte sei nicht angebracht, auch die Vorgeschichte sei Geschichte, und sie sei von den ooo Jahren der als »eigentlich« bezeichneten Geschichte nicht stärker verschieden als die künftige Nachgeschichte, welche keineswegs so »ungeschichtlich« sein werde, wie sie von enthusiastischen Freunden und von furchtsamen Gegnern hingestellt werde. Es könnte sein, daß mit Frank Tipler und B. F. K. Skinner die vollständige Andersartigkeit der wissenschaftlich-technischen Zukunft der geeinten Menschheit anerkannt werden müßte, daß aber Würde und Menschlichkeit ausschließlich dem Hingeschwundenen zuzuschreiben wären.

Gerade hier wären überraschende Denkmöglichkeiten vorstellbar, etwa in der Spur von Konrad Lorenz, der in einer Nebenbemerkung die Menschlichkeit des Menschen gerade in demjenigen erblickt, was den Menschen mit den Tieren gemeinsam ist, also in dem emotionalen Bereich, den Platon abwertend das »epithymetikón«, das Begierdehafte, nannte, während die Intellektualisierung als extremes Hervortreten von Platons »logistikón«, der Vernunft, zwar überaus leistungsfähige Instrumente hervorbringt, aber den Menschen selbst entleert und zerstört.16

Die Antwort kann indessen keine »These« sein, sondern ihr ist nur auf einem langen Wege der Darlegung, der Analyse und des Denkens, ja streckenweise sogar der Erzählung, näherzukommen. Die nächste Vorfrage, die einleitend beantwortet werden muß, lautet: Weshalb wird von »historischer Existenz« gesprochen und nicht von »geschichtlicher Existenz«, obwohl doch bisher immer von »Geschichte« die Rede war, selbst wenn es sich um »Vor-« oder »Nachgeschichte« oder um »Geschichtslosigkeit« handelte?

Anmerkungen Nr. 1 - 14

1 Karl J. Narr in Saeculum, Bd. 25 (1974), S. 317.

2 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, Bd. 2 Die orientalische Welt (Hamburg 1919 1, hrsg. von Georg Lasson), S. 342, 348; Bd. 1: Die Vernunft in der Geschichte, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 19555, S. 234.

3 Daniel 2, 44 und 7, 27.

4 Jesaja 11, 6-9; 2, 4.

5 Immanuel Kants Werke, Ausg. Hartenstein, Bd. 4, S. 293-309.

6 Burrhus F. K. Skinner, Futurum Zwei. Reinbek 1971.

Frank Tipler, Die Physik der Unsterblichkeit. München/Zürich 1995.

8 Marx Engels Werke (MEW), Bd. 13, S. 9 ; Bd. 20, S. 264

9 Friedrich Nietzsche, Zarathustra, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München/Berlin 1980 ff., Bd. 4, S.19f.

10 Der Briefwechsel zwischen W. Dilthey und dem Grafen P. Yorck von Wartenburg 1877-1897. Hrsg. v. d. Schulenburg. Alle 1923, S. 63.

11 Arnold Gehlen, Anthropologische Forschung. Reinbek 1961, S. 133 f.

12 Paul Lüth, zitiert nach Heinrich Erben, Die Entwicklung der Lebewesen. Spielregeln der Evolution. München/Zürich 1988, S-396.

13 Ebd., S.32.

14 Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, hrsg. von Otto Kaiser, Bd. II, Gütersloh 1988, 5. 487.

15 Eberhard Otto in Saeculum-Weltgeschichte, Bd. 1, S.382 (Freiburg/Basel/ Wien 1965).

16 Konrad Lorenz, So kam der Mensch auf den Hund. München 1965, S. 102.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .