Die Antike im Rahmen einer Völker- und einer Weltgeschichte. Leopold von Ranke, Vorrede zur 'Weltgeschichte'.

Entstanden1880. Text entnommen aus: Leopold von Ranke, Weltgeschichte. Erster Theil. Die älteste historische Völkergruppe und die Griechen, Leipzig 1881 2, S. III - VIII, zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.179 - 184.


Die Erde war bewohnbar geworden und wurde bewohnt; die Völker waren geschieden und standen in mannigfaltigen Beziehungen untereinander; sie besaßen Anfänge der Kultur, lange bevor die Schrift erfunden war; und auf diese allein ist doch die Geschichte angewiesen. Nur das kann sie unternehmen, was sie mit ihren Mitteln zu erreichen vermag. Wie könnte sich der Geschichtschreiber zutrauen, das Geheimnis der Urwelt, also das Verhältnis der Menschen zu Gott und der Natur zu enthüllen? Man muß diese Probleme der Naturwissenschaft und zugleich der religiösen Auffassung anheimgeben.

An die Urwelt grenzen die Monumente einer noch immer unvordenklichen Zeit, gleichsam die Portale der Geschichte. Sie haben immer das Wunder und Rätsel der lebenden Generationen ausgemacht. In dem letzten Jahrhundert hat man sie besser kennengelernt und ist ihrem Verständnis nähergetreten, als jemals früher. In unseren Tagen sind in den Ruinen verschütteter Städte Bauwerke aufgedeckt worden, an deren Wänden die einst mächtigsten Fürsten der Welt ihre Taten haben aufzeichnen lassen. Allenthalben widmet man der Erforschung der Altertümer ein Studium, das durch eine Art von Pietät belebt wird; Kunst und Altertum werden gleichsam identische Begriffe. Man verbindet damit die leider nur sehr fragmentarischen Denkmale der alten Götterdienste, Religionen, Staatsverfassungen, welche auf uns gekommen sind. Jeder neue Fund wird als glückliche Entdeckung begrüßt. Um die verschiedenen Mittelpunkte her haben sich Studienkreise gebildet, deren jeder ein eigenes Fach ausmacht und eine besondere, ihm gewidmete Lebenstätigkeit erfordert. Und zugleich ist eine allgemeine Sprachwissenschaft emporgekommen, welche, auf ausgebreiteter und eingehender Gelehrsamkeit beruhend, die Völkerverwandtschaften voneinander zu scheiden und einander gegenüber zu bestimmen mit Erfolg unternimmt.

Für den Unterricht der Laien nicht allein, sondern für die Orientierung der Mitarbeitenden selbst wäre nichts erwünschter, als eine genetische Durcharbeitung dieser Studienkreise und ihrer gegenseitigen Beziehungen. Eine solche Arbeit würde einer Enzyklopädie des historischen Wissens zur Zierde gereichen, aber in die Weltgeschichte könnte sie keine Aufnahme finden. Diese hat sich nur die evidenten Resultate der Forschung zu eigen zu machen. Die Geschichte beginnt erst, wo die Monumente verständlich werden und glaubwürdige schriftliche Aufzeichnungen vorliegen. Dann aber ist ihr Gebiet ein unermeßliches. In der Bedeutung, die wir mit dem Worte verbinden, umfaßt Weltgeschichte die Begebenheiten aller Nationen und Zeiten, wohlverstanden jedoch, nicht ohne eine nähere Bestimmung, welche ihre wissenschaftliche Behandlung erst möglich macht.

Vor Alters hat man sich mit der aus prophetischen Sprüchen überkommenen Vorstellung von den vier Weltmonarchien begnügt. Noch im siebzehnten Jahrhundert herrschte dieselbe vor; im achtzehnten aber wurde sie durch den Fortgang des allgemeinen Lebens zersprengt. Der Begriff der Weltgeschichte wurde durch den Umschwung der Ideen gleichsam säkularisiert. Besonders durch die Publikation einer voluminösen Völkergeschichte unter dem Titel Geschichte der Welt, die in England ans Licht trat und bei den deutschen Gelehrten entgegenkommende Aufnahme fand und einen gleichartigen Fleiß bei ihnen hervorrief, wurde es unmöglich, an der bisherigen Auffassung festzuhalten.

Aber auch bei der Geschichte der verschiedenen Völker konnte man nicht stehenbleiben. Eine Sammlung der Völkergeschichten in engerem oder weiterem Rahmen würde doch keine Weltgeschichte ausmachen: sie würde den Zusammenhang der Dinge aus den Augen verlieren. Eben darin aber besteht die Aufgabe der welthistorischen Wissenschaft, diesen Zusammenhang zu erkennen, den Gang der großen Begebenheiten, welcher alle Völker verbindet und beherrscht, nachzuweisen. Daß eine solche Gemeinschaft stattfindet, lehrt der Augenschein.

Die Ursprünge der Kultur gehören einer Epoche an, deren Geheimnis wir nicht zu entziffern vermögen. Aber ihre Entwickelung bildet die durchgreifendste Erscheinung der Zeiten, von welchen eine glaubwürdige Überlieferung vorhanden ist. Nur unvollkommen wird ihr Wesen durch ein einzelnes Wort ausgedrückt. Es umfaßt zugleich das religiöse und das politische Leben, die Grundlagen des Rechts und der menschlichen Gesellschaft.

Zuweilen sind wohl die von uralter Zeit vererbten Zustände eines oder des anderen orientalischen Volkes als Grundlage von Allem betrachtet worden. Unmöglich aber kann man von den Völkern eines ewigen Stillstandes ausgehen, um die innere Bewegung der Weltgeschichte zu begreifen. Die Nationen können in keinem anderen Zusammenhang in Betracht kommen, als inwiefern sie, die eine auf die andere wirkend, nacheinander erscheinen und miteinander eine lebendige Gesamtheit ausmachen.

In dem, was wir Kultur oder Zivilisation nennen, liegt eines der wirksamsten Motive ihrer inneren Entwicklung. Wollte man für diese ein bestimmtes Ziel angeben, so würde man die Zukunft verdunkeln und die schrankenlose Tragweite der welthistorischen Bewegung verkennen. Innerhalb der Grenzen der historischen Forschung treten uns nur die mannigfaltigen Phasen, in denen dies Element zur Erscheinung kommt, vor Augen und zwar zugleich mit dem Widerstand, den es bei jeder seiner Formen in den eingeborenen Eigentümlichkeiten der verschiedenen Völker und Stämme findet. Auch diese haben ihr ursprüngliches Recht und ein unbezwingliches Innere. Keineswegs allein auf den Kulturbestrebungen aber beruht die geschichtliche Entwicklung. Sie entspringt noch aus Impulsen von ganz anderer Art, vornehmlich dem Antagonismus der Nationen, die um den Besitz des Bodens und um den Vorrang untereinander kämpfen. In diesem Kampfe, der allezeit auch die Gebiete der Kultur umfaßt, bilden sich historische Weltmächte, welche unaufhörlich um die Herrschaft miteinander ringen, wobei denn das Besondere von dem Allgemeinen umgestaltet wird, zugleich aber auch sich gegen dasselbe behauptet und reagiert.

Die Weltgeschichte würde in Phantasien und Philosopheme ausarten, wenn sie sich von dem festen Boden der Nationalgeschichten losreißen wollte; aber ebensowenig kann sie an diesem Boden haften bleiben. In den Nationen selbst erscheint die Geschichte der Menschheit. Es gibt ein historisches Leben, welches sich fortschreitend von einer Nation zur andern, von einem Völkerkreis zum andern bewegt. Eben in dem Kampf der verschiedenen Völkersysteme ist die allgemeine Geschichte entsprungen, sind die Nationalitäten zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen; denn nicht durchaus naturwüchsig sind die Nationen. Nationalitäten von so großer Macht und so eigentümlichem Gepräge, wie die englische, die italienische, sind nicht sowohl Schöpfungen des Landes und der Rasse, als der großen Abwandlungen der Begebenheiten.

Was hat es nun aber auf sich, das allgemeine Leben der Menschheit und das besondere wenigstens der vorwaltenden Nationen zu erforschen und zu verstehen? Man dürfte dabei die Gesetze der historischen Kritik, wie sie bei jeder Untersuchung im Einzelnen geboten sind, nicht etwa hintansetzen. Denn nur kritisch erforschte Geschichte kann als Geschichte gelten. Der Blick bleibt immer auf das Allgemeine gerichtet. Aber aus falschen Prämissen würden sich falsche Konklusionen ergeben. Die kritische Forschung auf der einen, das zusammenfassende Verständnis auf der anderen Seite können einander nicht anders als unterstützen.

Im Gespräch mit vertrauten Freunden habe ich öfter die Frage erwogen, ob es überhaupt möglich sei, eine Weltgeschichte in diesem Sinne zu verfassen. Der Schluß war: den höchsten Anforderungen zu genügen, sei wohl nicht möglich, aber notwendig, es zu versuchen.

Einen solchen Versuch biete ich dem Publikum dar. Mich leitet dabei noch der folgende Gesichtspunkt:

Im Laufe der Jahrhunderte hat das Menschengeschlecht gleichsam einen Besitz erworben, der in dem materiellen und dem gesellschaftlichen Fortschritt, dessen es sich erfreut, besonders aber auch in seiner religiösen Entwickelung besteht. Einen Bestandteil dieses Besitzes, sozusagen das Juwel desselben, bilden die unsterblichen Werke des Genius in Poesie und Literatur, Wissenschaft und Kunst, die, unter lokalen Bedingungen entstanden, doch das allgemein Menschliche repräsentieren. Dem gesellen sich, unzertrennbar von ihnen, die Erinnerungen an die Ereignisse, Gestaltungen und großen Männer der Vorzeit bei. Eine Generation überliefert sie der anderen und immer von Neuem mögen sie aufgefrischt in das allgemeine Gedächtnis zurückgerufen werden, wie ich das zu unternehmen den Mut und das Vertrauen habe.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .