Altertumsgeschichte im Zusammenhang vergleichender Kulturkreisgeschichte. Aus Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte.

Vorliegender Textauszug enstanden um 1934. Entnommen aus: Arnold J. Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte (A Study on History, 1934, 1939 und 1946 ff., 10 Bände). Ins Deutsche übersetzt von Jürgen von Kempski, 2 Bde., München 1973 2, Bd. 1, 1, S. 33 - 46.


Einleitung.

I. Die Sinneinheiten der Geschichtswissenschaft.

Historiker geben gemeinhin lieber den Vorstellungen der Gemeinwesen, in denen sie leben und wirken, anschaulichen Ausdruck, als daß sie sie zurechtrückten. So hat die Entwicklung des angeblich selbstgenügsamen souveränen Nationalstaates in den paar letzten Jahrhunderten und besonders in den letzten Generationen die Historiker veranlaßt, zum normalen Felde der Geschichtsforschung Nationen zu wählen. Aber keine einzelne Nation noch ein einzelner Nationalstaat Europas kann eine Geschichte aufweisen, die aus sich verständlich ist. Wenn es eine solche Nation gäbe, dann wäre es Großbritannien. In der Tat, wenn Großbritannien (oder, in früheren Perioden: England) nicht ein in sich verständliches Feld der Geschichtsforschung, eine »in sich verstehbare« Sinneinheit bildet, so dürfen wir mit Sicherheit schließen, daß kein anderer moderner europäischer Nationalstaat die Probe bestehen wird.

Ist also die englische Geschichte, für sich genommen, verständlich? Läßt sich eine innere Geschichte Englands von dessen äußeren Beziehungen ablösen? Und sind, wenn wir es können, die verbleibenden äußeren Beziehungen von zweitrangiger Bedeutung? Und weiter: ergibt ihre Analyse, daß die fremden Einflüsse auf England unbedeutend sind im Vergleich mit den englischen Einflüssen auf andere Teile der Welt? Sind alle diese Fragen positiv beantwortet, so mag der Schluß berechtigt sein, daß es mehr oder weniger möglich ist, die englische Geschichte ohne Bezugnahme auf andere Teile der Erde zu verstehen, während sich andere Geschichtsverläufe nicht ohne Bezugnahme auf England verstehen lassen. Richten wir also unseren Blick auf den Verlauf der englischen Geschichte, um uns deren Hauptabschnitte ins Gedächtnis zu rufen. In umgekehrter Reihenfolge können wir als diese Abschnitte nehmen:

a) die Einführung des industriellen Wirtschaftssystems (seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts);

b) die Einführung der verantwortlichen parlamentarischen Regierung (seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts);

c) die Ausbreitung nach Übersee (beginnend im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts mit Piraterie und schrittweiser Entwicklung zu einem weltweiten Außenhandel, der Erwerbung von tropischen Kolonien und der Gründung neuer englisch sprechender Gemeinwesen in überseeischen Gebieten mit mildem Klima);

d) die Reformation (seit dem zweiten Viertel des i6. Jahrhunderts);

e) die Renaissance, einschließlich der politischen und wirtschaftlichen wie der künstlerischen und geistigen Aspekte dieser Bewegung (seit dem letzten Viertel des i . Jahrhunderts);

f) die Einführung des Feudalsystems (seit dem ii. Jahrhundert);

g) die Bekehrung der Engländer von der Religion des sogenannten heldischen Zeitalters zum abendländischen Christenturn (seit den letzten Jahren des 6. Jahrhunderts).

Dieser flüchtige Blick rückwärts von unseren Tagen auf den allgemeinen Verlauf der englischen Geschichte scheint zu zeigen, daß je weiter zurück wir blicken, wir desto weniger Zeugnis für Selbstgenügsamkeit oder Isolation finden. Die Bekehrung, die recht eigentlich der Anfang aller Dinge in der englischen Geschichte war, bildet das genaue Gegenteil; sie war ein Akt, der ein halbes Dutzend isolierter Gemeinwesen von Barbaren in die Schicksalsgemeinschaft eines entstehenden abendländischen Gesellschaftskörpers verschmolz. So hat für das Feudalsystem Winogradoff glänzend gezeigt, daß die Keime dazu bereits von der normannischen Eroberung auf englischem Boden sich entfalten. Doch zeigte er auch, daß dieses Aufblühen durch äußere Faktoren, die dänischen Invasionen, beschleunigt wurde; diese Invasionen waren Teile der skandinavischen Völkerwanderung, die gleichzeitig eine ähnliche Entwicklung in Frankreich vorantrieb, und die normannische Eroberung brachte unzweifelhaft die Ernte zu schneller Reife. So war weiterhin die Renaissance in kultureller und politischer Hinsicht, wie allgemein zugestanden wird, ein belebender Atem aus Norditalien. Wenn nicht Humanismus, Absolutismus und Gleichgewicht der Mächte im Kleinen in Norditalien während zwei Jahrhunderten, die ungefähr in die Zeit zwischen 1275 und '415 fallen, wie Stecklinge in einem Gewächshaus kultiviert worden wären, so hätten sie nie nach 1475 nördlich der Alpen Wurzel schlagen können.

Die Reformation wiederum war keine spezifisch englische Erscheinung, sondern eine allgemeine Bewegung Nordwesteuropas zur Emanzipation vom Süden, wo die westlichen Mittelmeergebiete die Augen auf Welten geheftet hielten, die tot und vergangen waren. Weder in der Reformation ergriff England die Initiative, noch im Wettlauf zwischen den europäischen Nationen an der Atlantikküste um die neuen Überseegebiete. Es gewann diese als ein - vergleichsweise - Nachzügler in einer Reihe von Kämpfen mit Mächten, die vor ihm auf dem Plane waren.

Es bleiben noch die letzten beiden Abschnitte zu betrachten: Die Entstehung des parlamentarischen Systems und des industriellen Systems - Institutionen, die gemeinhin als gerade auf englischem Boden entwickelt und als späterhin von England aus in andere Teile der Erde verbreitet angesehen werden. Aber die Autoritäten unterstützen diese Ansicht nicht völlig. In bezug auf das parlamentarische System sagt Lord Acton: »Die allgemeine Geschichte hängt natürlich ab von der Tätigkeit von Kräften, die nicht national sind, sondern aus entfernteren Ursachen hervorgehen. Der Aufstieg des modernen Königtums in Frankreich ist Teil einer ähnlichen Bewegung in England. Bourbonen und Stuarts gehorchten demselben Gesetz, obgleich mit verschiedenen Ergebnissen.« Mit anderen Worten: Das parlamentarische System, das in England dabei herauskam, war das Produkt einer Kraft, die nicht auf England beschränkt war, sondern sich gleichzeitig in England und Frankreich auswirkte.

Für die Entstehung der industriellen Revolution in England gibt es keine besseren Autoritäten als Herrn und Frau Hammond. Im Vorwort zu ihrem Buch >The Rise of Modern Industry( sagen sie, der Umstand, der am besten erkläre, daß der Ursprung der industriellen Revolution in England mehr als anderswo liege, sei die allgemeine Stellung Englands in der Welt des 18. Jahrhunderts - seine geographische Lage in bezug auf den Atlantik und seine politische Stellung in bezug auf das europäische Gleichgewicht der Mächte. Es scheint daher, daß britische Nationalgeschichte, nimmt man sie isoliert, niemals eine »in sich verständliche Sinneinheit« gewesen ist und wahrscheinlich auch nie sein wird; und wenn das für Großbritannien gilt, so muß es a fortiori auch auf jeden anderen Nationalstaat zutreffen.

Diese kurze Prüfung der englischen Geschichte liefert, trotz ihres negativen Ergebnisses, einen Schlüssel. Die Abschnitte, die wir beim Rückblick auf den Lauf der englischen Geschichte bemerkten, sind wirkliche Abschnitte in einer Geschichte, aber diese Geschichte ist die Geschichte eines Gesellschaftskörpers, von dem Großbritannien nur ein Teil ist, und die Erfahrungen sind Erfahrungen, an denen andere Nationen neben Großbritannien teilhatten. Die »in sich verständliche Sinneinheit« scheint in Wirklichkeit ein Gesellschaftskörper zu sein, der eine Anzahl von Gemeinwesen von der Art Großbritanniens enthält - nicht nur Großbritannien selbst, sondern auch Frankreich und Spanien, die Niederlande, die skandinavischen Länder usw. - und das Zitat aus Acton deutet die Beziehung zwischen diesen Teilen und jenem Ganzen an.

Die wirkenden Kräfte sind nicht national, sondern gehen von allgemeinen Ursachen aus, die auf jeden der Teile wirken und in ihrer partiellen Wirkung nur verständlich sind, wenn man ihre Wirkung auf den Gesellschaftskörper in zusammenfassender Schau sieht. Verschiedene Teile werden verschieden von derselben allgemeinen Ursache berührt, weil sie jeweils in verschiedener Weise auf die von dieser Ursache in Bewegung gesetzten Kräfte reagieren und weil sie umgekehrt ihrerseits verschieden zur Bildung eben dieser Kräfte beitragen. Ein Gesellschaftskörper, können wir sagen, steht im Laufe seines Lebens einer Folge von Fragen gegenüber, die jedes Glied, so gut es vermag, zu lösen hat. Das Auftreten jeder Frage ist eine Herausforderung, sich einer Probe zu unterziehen, und durch diese Reihe von Proben differenzieren sich die Glieder des Gesellschaftskörpers fortschreitend voneinander. Ganz und gar unmöglich ist es, die Bedeutung des Verhaltens eines einzelnen Gliedes und einer einzelnen Probe zu erfassen, ohne von dem ähnlichen oder unähnlichen Verhalten seiner Genossen Kenntnis zu nehmen und ohne die aufeinanderfolgenden Proben als eine Reihe von Ereignissen im Leben des ganzen Gesellschaftskörpers im Blick zu haben.

Diese Methode der Interpretation historischer Tatsachen läßt sich vielleicht durch ein konkretes Beispiel aus der Geschichte der griechischen Stadtstaaten der Antike während der vier Jahrhunderte zwischen 725 und 325 v. Chr. verdeutlichen.

Bald nach dem Beginn dieser Periode stand der Gesellschaftskörper, dem all diese zahlreichen Staaten als Glieder angehörten, vor der Frage des Bevölkerungsdruckes auf die Subsistenzmittel - Mittel, eile die hellenischen Völker zu jener Zeit anscheinend ziemlich zur Gänze durch eine mannigfaltige landwirtschaftliche Produktion auf ihren Territorien für den einheimischen Verbrauch aufbrachten. Als die Krise kam, bekämpften verschiedene Staaten sie auf verschiedene Weise.

Einige, wie Korinth und Chalkis, benutzten ihren Bevölkerungsüberschuß zur Besitznahme und Kolonisierung überseeischer Agrikulturgebiete - in Sizilien, Süditalien, Thrazien und anderswo. Die so gegründeten griechischen Kolonien weiteten einfach das geographische Gebiet des hellenischen Geschichtskörpers aus, ohne seinen Charakter zu verändern. Andererseits suchten gewisse Staaten Lösungen, die eine Änderung ihrer Lebensweise bedingten.

Sparta zum Beispiel befriedigte den Landhunger seiner Bürger durch Angriffe auf seine nächsten griechischen Nachbarn und durch deren Unterwerfung. Die Folge war, daß Sparta sein zusätzliches Land nur um den Preis von hartnäckigen und wiederholten Kriegen mit gleichgearteten Nachbarvölkern erhielt. Um dieser Situation zu begegnen, waren die spartanischen Staatsmänner gezwungen, das spartanische Leben von oben bis unten zu militarisieren. Das erreichten sie dadurch, daß sie gewisse primitive soziale Institutionen, die einer Anzahl von griechischen Gemeinwesen gemeinsam waren, wieder in Kraft setzten und anpaßten in einem Augenblick, als diese Institutionen in Sparta wie anderswo im Verschwinden begriffen waren.

Athen wiederum reagierte auf das Bevölkerungsproblem in einer anderen Weise. Es spezialisierte seine landwirtschaftliche Produktion für den Export, errichtete Manufakturen ebenfalls für den Export und entwickelte dann seine politischen Institutionen so, daß es den neuen Klassen, die durch diese wirtschaftlichen Neuerungen entstanden waren, einen billigen Anteil an der politischen Macht gab. Mit anderen Worten: Die athenischen Staatsmänner wendeten eine soziale Revolution ab, indem sie erfolgreich eine wirtschaftliche und politische Revolution durchführten. Durch die Entdeckung dieser Lösung des gemeinsamen Problems, soweit es sie selbst betraf, eröffneten sie nebenbei dem Fortschritt für den ganzen hellenischen Gesellschaftskörper eine neue Bahn. Dieses meinte Perikles, als er in der Krise des materiellen Geschicks seiner Stadt den Anspruch erhob, daß sie die »Schule von Hellas« sei.

Von diesem Gesichtswinkel aus, der nicht Athen oder Sparta oder Korinth oder Chalkis, sondern das Ganze des hellenischen Gesellschaftskörpers als sein Feld nimmt, läßt sich die Bedeutung der Geschichte der verschiedenen Gemeinwesen während des Zeitraumes von 725 bis 325 v. Chr. und die Bedeutung des Überganges von dieser Periode zu der folgenden verstehen. Fragen lassen sich beantworten, für die so lange keine einsichtige Antwort gefunden werden konnte, als man in der für sich untersuchten chalkidischen, korinthischen, spartanischen und athenischen Geschichte in sich verständliche Sinneinheiten erblickte. Von diesem Gesichtspunkte aus nahm sich die chalkidische und korinthische Geschichte in einem gewissen Sinne als normal aus, während die spartanische und die athenische Geschichte von der Norm in verschiedenen Richtungen abwichen. Wie die Abweichung zustande kam, ließ sich nicht erklären, und dem Historiker legte sich die Vermutung nahe, die Spartaner und Athener hätten sich bereits am Morgen der hellenischen Geschichte von den anderen Griechen durch den Besitz besonderer angeborener Eigenschaften unterschieden. Das aber hieße die spartanische und die athenische Entwicklung durch die Annahme erklären, es hätte überhaupt keine Entwicklung gegeben und diese beiden griechischen Völker wären am Beginn der Geschichte so eigengeartet gewesen wie an ihrem Ende. Diese Hypothese widerspricht jedoch feststellbaren Tatsachen. Hinsichtlich Spartas zum Beispiel haben die von der britischen archäologischen Schule in Athen durchgeführten Ausgrabungen schlagend bewiesen, daß bis über die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. das spartanische Leben sich nicht merklich von dem anderer griechischer Gemeinwesen unterschied. Ebenso waren die besonderen Eigenschaften Athens, die es mit der ganzen hellenischen Welt in der sogenannten hellenistischen Zeit (im Gegensatz zu Sparta, dessen besondere Richtung sich als eine Sackgasse erwies) gemeinsam hatte, gleichsam erworbene Eigenschaften, deren Entstehung sich nur von einem allgemeinen Standpunkt begreifen läßt. Genau so steht es im sogenannten Mittelalter mit dem Unterschied zwischen Venedig, Mailand, Genua und anderen Städten in Norditalien und in späteren Zeiten mit dem Unterschied zwischen Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Großbritannien und anderen Nationalstaaten des Abendlandes. Um die Teile zu verstehen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit erst auf das Ganze richten; denn dieses Ganze ist die Sinneinheit, die in sich selbst verständlich ist.

Aber was sind diese »Ganzen«, die die in sich verständlichen Sinneinheiten bilden, und wie sollen wir ihre räumlichen und zeitlichen Grenzen entdecken? Kehren wir zu unserer summarischen Übersicht über die Hauptabschnitte der englischen Geschichte zurück und sehen wir zu, welches größere Ganze die in sich verständliche Sinneinheit bildet, der die englische Geschichte als Teil angehört.

Beginnen wir mit dem letzten Abschnitt - der Einführung des industriellen Systems - so erweist sich die geographische Erstreckung der in sich verständlichen Sinneinheit, die er voraussetzt, als weltweit. Zur Erklärung der industriellen Revolution in England müssen wir von den Wirtschaftsbedingungen nicht nur in Westeuropa, sondern im tropischen Afrika, in Amerika, Rußland, Indien und im Fernen Osten Kenntnis nehmen. Gehen wir jedoch zu dem parlamentarischen System und so von der wissenschaftlichen auf die politische Ebene über, so schrumpft unser Horizont. »Das Gesetz«, dem in Frankreich und England (nach Lord Actons Worten) »Bourbonen und Stuarts gehorchten«, galt nicht für die Romanoff in Rußland oder die Osmanen in der Türkei oder die Timuriden in Hindustan oder die Mandschu in China oder die Tokugawa in Japan. Die politische Geschichte dieser anderen Länder läßt sich nicht in den gleichen Ausdrücken erklären. Wir stoßen hier auf eine Grenze. Die Wirkung des Gesetzes, dem Bourbonen und Stuarts gehorchten, erstreckte sich auf die anderen Länder Westeuropas und auf die neuen Gemeinwesen, die durch westeuropäische Kolonisten in Übersee gegründet wurden, aber sein Befehl drang nicht über die westlichen Grenzen Rußlands und der Türkei hinüber. Östlich dieser Linie gehorchte man zu dieser Zeit anderen politischen Gesetzen mit anderen Konsequenzen.

In den früheren Abschnitten der englischen Geschichte war die Ausbreitung nach Übersee nicht bloß auf Westeuropa begrenzt, sondern fast ganz auf die Länder, die Küsten am Atlantik haben. Bei der Untersuchung der Geschichte von Reformation und Renaissance können ohne Schaden die religiösen und kulturellen Entwicklungen in Rußland und der Türkei beiseite bleiben. Das Feudalsystem von Westeuropa war nicht ursächlich mit den Erscheinungen des Feudalismus im gleichzeitigen byzantinischen und islamischen Gemeinwesen verknüpft.

Endlich, die Bekehrung der Engländer zum abendländischen Christentum schloß uns an einen Gesellschaftskörper an, um den Preis des Ausschlusses von der Möglichkeit der Gliedschaft in anderen. Bis zur Synode von Whitby im Jahre 664 hätten die Engländer zum »fernwestlichen Christentum« des »Kelten-Gürtels« bekehrt werden können; und hätte sich Augustins Mission schließlich als Fehlschlag erwiesen, so hätten sich die Engländer mit den Wallisern und Iren vereinigen können in der Gründung einer neuen christlichen Kirche außerhalb der Gemeinschaft mit Rom, die ebenso ein »alter orbis« wie die Welt der Nestorianer am fernöstlichen Rand der Christenheit gewesen wäre. Späterhin, als die islamischen Araber an der atlantischen 'Küste erschienen, hätten diese fernwestlichen Christen der britischen Inseln so völlig die Fühlung mit ihren religiösen Brüdern auf dem europäischen Kontinent verlieren können, wie die Christen von Abessinien oder Zentralasien. Sie können möglicherweise zum Islam bekehrt worden sein, wie so viele Monophysiten und Nestorianer tatsächlich wurden, als sie im Mittelosten unter arabische Herrschaft gerieten.

Diese aufgeworfenen Alternativen ließen sich als phantastisch abweisen. Aber sie können uns doch zu Bewußtsein bringen, daß die Bekehrung von 549, die uns mit dem abendländischen Christentum vereinigt hat, uns nicht mit der ganzen Menschheit vereinte, sondern gleichzeitig eine scharfe Trennungslinie zog zwischen uns als abendländischen Christen und den Anhängern anderer religiösen Gemeinschaften.

Dieser zweite Rückblick auf die Abschnitte der englischen Geschichte setzt uns instand, zu mehreren verschiedenen Zeitpunkten räumliche Querschnitte durch den Gesellschaftskörper zu legen, der Großbritannien einschließt und der, was Großbritannien betrifft, »die in sich verständliche Sinneinheit« ist. Bei der Ausführung dieser Querschnitte werden wir zwischen gewissen verschiedenen Ebenen des sozialen Lebens - der wirtschaftlichen, der politischen und der kulturellen - zu unterscheiden haben, weil es bereits evident ist, daß die räumliche Erstreckung dieses Gesellschaftskörpers in bezug auf die Ebene, auf der wir ihn jeweils betrachten, merklich differiert. In der Gegenwart und auf der wirtschaftlichen Ebene erstreckt sich der Gesellschaftskörper, der Großbritannien einschließt, unzweifelhaft auf die ganze bewohnbare und schiffbare Oberfläche der Erde. Auf der politischen Ebene ist der weltweite Charakter dieses Gesellschaftskörpers heutigentags fast gleichermaßen offenkundig. Wenn wir jedoch zur kulturellen Ebene übergehen, scheint die gegenwärtige geographische Ausbreitung des Gesellschaftskörpers, zu dem Großbritannien gehört, sehr viel kleiner zu sein. Im westlichen ist sie auf die Länder beschränkt, die sich im Besitz katholischer und protestantischer Völker in Westeuropa, Amerika und der Südsee befinden. Trotz gewisser exotischer Einflüsse, die von kulturellen Elementen wie russischer Literatur, chinesischer Malerei und indischer Religion auf diesen Gesellschaftskörper ausgeübt werden, und trotz der stärkeren kulturellen Einflüsse, die von unserem eigenen Gesellschaftskörper ausstrahlen auf andere Gesellschaftskörper, wie jene der orthodoxen und orientalischen Christen, der Muslimen, der Hindu und der Völker des Fernen Ostens, bleibt es wahr, daß diese alle sich außerhalb der kulturellen Welt, zu der wir gehören, befinden.

Legen wir weitere Querschnitte zu früheren Zeitpunkten, so ziehen sich die geographischen Grenzen des Gesellschaftskörpers, den wir untersuchen, auf allen drei Ebenen fortschreitend zusammen. In einem Querschnitt um das Jahr 1675 fallen die Grenzen auf der politischen Ebene annähernd mit jenen auf der kulturellen Ebene von heute zusammen, während die Schrumpfung auf der wirtschaftlichen Ebene vielleicht nicht sehr groß ist (wenigstens wenn wir uns auf die Ausbreitung des Handels beschränken und von seinem Umfang und Inhalt absehen). In einem Querschnitt um das Jahr 1475 verschwinden die überseeischen Teile des Gebietes auf allen drei Ebenen, und auch auf der wirtschaftlichen Ebene schrumpfen die Grenzen, bis sie annähernd zusammenfallen mit jenen auf der kulturellen, die jetzt auf West- und Zentraleuropa begrenzt ist, - eine schnell sich auflösende Vorpostenkette an den Ostküsten des Mittelmeeres ausgenommen. Bei einem primitiven Querschnitt um das Jahr 775 schrumpfen die Grenzen noch weiter auf allen drei Ebenen. Zu dieser Zeit ist das Gebiet unseres Gesellschaftskörpers nahezu auf das beschränkt, was dann die Herrschaftsgebiete Karls des Großen zusammen mit den englischen »Nachfolgestaaten« des Römischen Reiches in Britannien darstellten. Außerhalb dieser Grenzen gehörte zu dieser Zeit fast die ganze iberische Halbinsel zum Herrschaftsbereich des islamisch-arabischen Kalifats: Nord- und Nordosteuropa ist in der Hand von nichtbekehrten Barbaren; die nordwestlichen Ränder der britischen Inseln werden von den »fernwestlichen« Christen gehalten; und Süditalien ist unter byzantischer Herrschaft.

Nennen wir diesen Gesellschaftskörper, dessen räumliche Grenzen wir untersucht haben, Abendländische Christenheit; und sobald wir unser geistiges Bild von ihm in den Blickpunkt bringen, indem wir für ihn einen Namen finden, kommen die Bilder und Namen seiner Gegenspieler in der zeitgenössischen Welt Seite an Seite mit ihm vor unser geistiges Auge, besonders wenn wir auf die kulturelle Ebene achten. Auf dieser lassen sich zweifelsfrei in der Welt von heute wenigstens vier andere lebendige Gesellschaftskörper von der gleichen Art wie der unsere feststellen:

1. ein christlich-orthodoxer Gesellschaftskörper in Südosteuropa und Rußland;

2. ein islamischer Gesellschaftskörper mit seinem Brennpunkt in der trockenen Zone, die sich diagonal über Nordafrika und den Mittelosten vom Atlantik zur Außenseite der großen Chinesischen Mauer hinzieht;

3. ein Hindu-Gesellschaftskörper in dem tropischen Subkontinent von Indien;

4. ein fernöstlicher Gesellschaftskörper in den subtropischen und gemäßigten Gebieten zwischen der trockenen Zone und dem Stillen Ozean.

Bei näherer Betrachtung können wir noch zwei Gruppen er kennen. Sie scheinen versteinerte Relikte ähnlicher, heute ausgestorbener Gesellschaftskörper zu sein, nämlich eine Gruppe, die die monophysitischen Christen von Armenien, Mesopotamien, Ägypten und Abessinien, die nestorianischen Christen von Kurdistan, die Ex-Nestorianer in Malabar sowie die Juden und Parsen umfaßt, und eine zweite Gruppe, die die lamaistischen Mahâyâna-Buddhisten von Tibet und der Mongolei und die Hinayâna-Buddhisten von Ceylon, Burma, Siam und Kambodscha wie auch die Jaina von Indien umschließt. Es verdient bemerkt zu werden, daß bei einem Querschnitt um 775 n. Chr. die Zahl der Identität der Gesellschaftskörper auf der Erdkarte nahezu die gleiche ist wie in der Gegenwart. Im wesentlichen ist die Karte der Gesellschaftskörper dieser Art seit dem ersten Auftauchen unseres abendländischen Gesellschaftskörpers konstant geblieben. Im Kampf ums Dasein hat das Abendland seine Zeitgenossen an die Wand gedrückt und sie in die Maschen seines wirtschaftlichen und politischen Einflusses verwickelt, es hat sie jedoch nicht ihrer besonderen Kulturformen entkleidet. Hart bedrängt, wie sie sind, können sie doch noch ihre Seele ihr eigen nennen. Der Schluß aus dieser Beweisführung, soweit sie bisher ge führt ist, besagt, daß wir zwei Arten von Beziehungen genau unterscheiden sollten: Beziehungen zwischen Gemeinwesen innerhalb desselben Gesellschaftskörpers und solche zwischen verschiedenen Gesellschaftskörpern untereinander.

Nach der Untersuchung unseres abendländischen Gesellschaftskörpers im Raum ist seine Erstreckung in der Zeit zu betrachten. Seine Zukunft können wir nicht kennen - diese Begrenzung beeinträchtigt ernsthaft die Lichtfülle, die die Untersuchung dieses besonderen Gesellschaftskörpers oder eine der sonst noch vorhandenen Gesellschaftskörper--werfen kann auf die Natur der Art, zu der diese Gesellschaftskörper gehören. Wir müssen uns mit der Erforschung der Anfänge unseres abendländischen Gesellschaftskörpers bescheiden.

Als im Jahre 843 durch den Vertrag von Verdun die Länder Karls des Großen unter seinen drei Enkeln geteilt wurden, erhob Lothar als der Alteste den Anspruch, die beiden Hauptstädte seines Großvaters, Aachen und Rom zu besitzen. Und damit diese durch einen zusammenhängenden Landstreifen verbunden waren, wurde Lothar ein Gebiet zugesprochen, das sich längs durch Westeuropa von den Mündungen von Tiber und Po bis zur Rheinmündung hinzog. Lothars Anteil gilt gewöhnlich als eine der Absonderlichkeiten der historischen Geographie; nichtsdestoweniger glaubten die drei karolingischen Brüder mit Recht, daß diese Zone in unserer abendländischen Welt von besonderer Bedeutung war. Was immer ihre Zukunft sein mag, sie hat eine große Vergangenheit aufzuweisen.

Lothar und sein Großvater herrschten von Aachen bis Rom unter dem Titel des römischen Kaisers; die Linie, die sich von Rom über die Alpen bis Aachen (und weiter von Aachen über den Kanal zum Römerwall) erstreckt, ist einmal eines der Hauptbollwerke des damals untergegangenen Römischen Reiches gewesen. Indem die Römer eine Verkehrslinie nordwestlich von Rom über die Alpen vortrieben, eine militärische Grenze am linken Rheinufer errichteten und die linke Flanke dieser Grenze durch die Annektion von Südbritannien deckten, hatten sie den Westteil Kontinentaleuropas jenseits der Alpen herausgeschnitten und an ein Reich angegliedert, das mit Ausnahme dieses Teiles im wesentlichen auf das Mittelmeerbecken begrenzt war. So ging die Lotharingien durchlaufende Linie sowohl in die geographische Struktur des römischen Reiches von Lothars Zeit ein, wie in die des abendländischen Gesellschaftskörpers nach ihm; aber die strukturellen Funktionen dieser Linie waren nicht die gleichen für das römische Reich und für den nachfolgenden abendländischen Gesellschaftskörper. Im römischen Reich war sie eine Grenze gewesen; im abendländischen Gesellschaftskörper sollte sie eine Ausgangslinie sein für seitliche Ausdehnung auf jeder Seite und in allen Richtungen. Während des tiefen Schlafes in der Zwischenzeit (etwa 375 bis 675) zwischen dem Niederbruch des römischen Reiches und dem schrittweisen Aufgang unseres abendländischen Gesellschaftskörpers aus dem Chaos wurde eine Rippe aus der Seite des alten Gesellschaftskörpers genommen und in das Rückgrat eines neuen Geschöpfes derselben Art umgebildet.

Es ist jetzt deutlich, daß sich uns das Leben des abendländischen Gesellschaftskörpers nach dem Jahr 775 in Redeweisen darstellt, die eigentlich einem anderen Bereiche zugeordnet sind - dem Römischen Reich und dem Gesellschaftskörper, zu dem dieses Reich gehörte. Ebenso läßt sich zeigen, daß Elemente, die wir von der abendländischen Geschichte bis in die Geschichte dieses früheren Gesellschaftskörpers zurückverfolgen können, ganz verschiedene Funktionen in diesen beiden verschiedenen Zusammenhängen haben können.

Lothars Anteil wurde die Grundlinie des abendländischen Gesellschaftskörpers, denn die auf die römischen Grenzen zudrängende Kirche traf hier auf die Barbaren, die von außen, vom Niemandsland her, auf die Grenze drückten, und am Ende gebar sie einen neuen Gesellschaftskörper. Demgemäß wird der Geschichtsschreiber des abendländischen Gesellschaftskörpers, der dessen Wurzeln in der Vergangenheit von dieser Stelle an verfolgt, seine Aufmerksamkeit auf die Geschichte der Kirche und der Barbaren konzentrieren. Er wird diese beiden Geschichtsverläufe zurückverfolgen können bis zu den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Revolutionen der letzten zwei Jahrhunderte v. Chr., in die der griechischrömische Gesellschaftskörper durch die verheerende Erschütterung des zweiten punischen Krieges gestürzt worden war. Warum steckte Rom seinen Arm weit nach Nordwesten aus und bezog es die Westecke Europas jenseits der Alpen in sein Reich ein? Nun, weil der Kampf auf Leben und Tod mit Karthago Rom in diese Richtung zog. Warum hielt es am Rhein an, nachdem es einmal die Alpen überschritten hatte? Weil im augusteischen Zeitalter nach zwei Jahrhunderten erschöpfender Kriege und Revolutionen seine Lebenskraft nachließ. Warum brachen die Barbaren schließlich durch? Weil, wenn eine Grenze zwischen einem höher und einem weniger hoch zivilisierten Gesellschaftskörper nicht weiter vorgeschoben wird, das Kräftespiel nicht zu einem stabilen Gleichgewicht gelangt, sondern mit dem Lauf der Zeit dahin tendiert, sich zugunsten des mehr zurückgebliebenen Gesellschaftskörpers zu wenden. Warum begegneten die Barbaren der Kirche auf der anderen Seite, als sie die Grenze durchbrachen? Aus materiellen Gründen, weil die wirtschaftlichen und sozialen Revolutionen, die dem zweiten punischen Kriege folgten, Haufen von Sklaven aus der orientalischen Welt als Arbeiter in die verwüsteten Gebiete des Westens brachten und weil dieser gewaltsamen Wanderungsbewegung orientalischer Arbeiter ein friedliches Eindringen orientalischer Religionen in den griechisch-römischen Gesellschaftskörper folgte. Aus geistigen Gründen, weil diese Religionen mit ihrer Verheißung eines persönlichen Heiles >,in einer anderen Welt« in den Seelen einer »herrschenden Minderheit«, der in dieser Welt das Schicksal des griechischrömischen Gesellschaftskörpers zu retten nicht geglückt war, brachliegende Felder zu bestellen fanden.

Im Angesicht der griechisch-römischen Geschichte stellen sich andererseits die Christen und die Barbaren dar als Geschöpfe einer fremden Unterwelt - sozusagen als das innere und das äußere Proletariat' [ Das Wort »Proletariat« soll hier und später irgendein soziales Element oder eine soziale Gruppe bezeichnen, welche irgendwann in der Geschichte eines Gesellschaftskörpers irgendwie in ihm auftritt, aber nicht zu ihm gehört.] dieses griechisch-römischen (oder, besser, hellenischen) Gesellschaftskörpers in seiner letzten Phase. Die großen Meister der hellenischen Kultur, bis zu Marc Aurel einschließlich, ignorieren ihre Existenz nahezu. Die christliche Kirche und die barbarischen Kriegsbanden erscheinen als Krankheitszustände, die am hellenischen Gesellschaftskörper erst auftraten, als seine Widerstandskraft für die Dauer durch den zweiten punischen Krieg unterminiert worden war. Hinsichtlich der zeitlichen Erstreckung unseres abendländischen Gesellschaftskörpers nach rückwärts läßt sich also ein positiver Schluß ziehen. Das Leben dieses Gesellschaftskörpers ist nicht so lang gewesen wie die Zeitspanne der ganzen Art, für die er repräsentativ ist, obwohl es etwas älter ist als das irgendeiner einzelnen Nation, die zu ihm gehört. An seinen Anfängen stoßen wir auf die letzte Phase eines anderen Gesellschaftskörpers, dessen Ursprünge anscheinend viel weiter in der Vergangenheit zurückliegen. Die Kontinuität der Geschichte, um uns einer geläufigen Phrase zu bedienen, kann nicht mit der Kontinuität des Lebens eines einzelnen Individuums verglichen werden. Sie ist vielmehr eine Kontinuität, die auf dem Leben aufeinanderfolgender Generationen aufbaut; unser abendländischer Gesellschaftskörper steht in gewisser Weise zu dem hellenischen Gesellschaftskörper in einer Beziehung, die, um ein vertrautes, wenn auch nicht ganz entsprechendes Bild zu gebrauchen, mit der Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern vergleichbar ist.

Ist die Beweisführung dieses Kapitels schlüssig, so ist die in sich verständliche Einheit für die historische Forschung weder ein Nationalstaat noch (am anderen Ende der Skala) die Menschheit als Ganzes, sondern eine gewisse Gruppierung von Menschen, die wit einen Gesellschaftskörper genannt haben. Wir haben das Dasein von fünf solchen Gesellschaftskörpern heute festgestellt, zusammen mit verschiedenen Petrefakten von toten und vergangenen Gesellschaftskörpern. Und bei der Erfoschung der Umstände der Geburt eines dieser lebenden Gesellschaftskörper, nämlich unseres eigenen, stießen wir auf das Totenlager eines anderen sehr bemerkenswerten Gesellschaftskörpers, zu dem unser eigener in so etwas wie einer Ursprungsbeziehung steht - von dem, mit einem Wort, unser eigener Gesellschaftskörper »abstammt«. Im nächsten Kapitel soll eine vollständige Liste der Gesellschaftskörper dieser Art, von denen man weiß, daß sie auf diesem Planeten existieren, aufgestellt und sollen ihre Beziehungen untereinander angegeben werden.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .