Drei Einwände gegen die Möglichkeit historischer Erkenntnis. Aus: Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte.

Text entnommen aus: Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte . Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Behrens, (1965) Frankfurt M. 1974, S. 36 - 52.


Wenige, so denke ich, werden ernstlich bezweifeln, daß es den Historikern manchmal gelingt, jenes Ziel zu erreichen, das ich ihnen in einer ersten Annäherung als minimalen Anspruch zugesprochen habe, und daß sie gelegentlich, ja sogar recht häufig und in einer typischen Weise, darin erfolgreich sind, wahre Aussagen über Dinge in ihrer Vergangenheit zu machen. Die Frage ist, ob wir dazu berechtigt sind, dies anzunehmen. Eine derartige Frage aufzuwerfen bedeutet selbstverständlich nicht, Zweifel an der Kompetenz oder Integrität der Historiker zu verbreiten. Wir verfügen reichlich über Mittel und Wege, Unfähigkeit und Lügenhaftigkeit zu erkennen, und sind gewöhnlich hinreichend geschult, zu bestimmen, ob historiographisches Geschick redlich eingesetzt oder mißbraucht wird. Die Frage ist vielmehr, ob diese Fertigkeiten uns befähigen, die minimale Zielsetzung zu verwirklichen, für die wir die Mühe auf uns genommen haben, ihre Beherrschung zu erlernen, und ob sie uns gestatten, wahre Aussagen über Dinge in unserer Vergangenheit zu machen oder zu entscheiden, ob irgendeine Aussage, die diesen Anspruch erhebt, richtig oder falsch ist. Die Frage stellt sich sogar noch allgemeiner. Denn angenommen, es ließe sich nachweisen, daß die Fertigkeiten, deren Beherrschung und redliche Anwendung jemanden, den je zeitbedingten Kriterien gemäß, zum Historiker qualifizieren, in irgendeiner Weise grundsätzlich unzulänglich sind, unsere minimale Zielsetzung zu erreichen. Es ist wohl kaum denkbar, daß dieser Nachweis je erbracht werden kann, doch wenn es gelänge, müßten die Menschen es unternehmen, ein anderes Ensemble von Fertigkeiten zu finden, die besser dazu geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen, als jene es sind, die uns gegenwärtig zur Verfügung stehen. Sicher ist in der Geschichte des Denkens schon der Fall eingetreten, daß eine Reihe von Techniken, von denen man sich vorgestellt hatte, daß sie zur Erreichung eines gegebenen Zweckes, zum Beispiel zur Lösung eines Sonderproblems, zureichend ien, als unzulänglich nachgewiesen wurden, so daß neue und wirksamere Techniken entwickelt werden mußten. Doch es ist nicht meine Aufgabe, Einwände gegen die heute allgelhein akzeptierten historiographischen Fähigkeiten zusammenzutragen. Vielmehr setze ich mich mit Einwänden dagegen auseinander, ob wir überhaupt, mit welcher Art von Technik auch immer, dazu imstande sind, wahre Aussagen über die Vergangenheit zu machen, und zwar so, daß weitere Verbesserungen der vorhandenen Techniken ebenso müßig Waren, wie beispielsweise weitere Verbesserungen derzeit gebräuhli. cher Zirkel es sein würden, nachdem man nun ein für allea1 mit Hilfe von Lineal und Zirkel keine Dreiteilung eines 'Winkels vornehmen kann. Die Frage in dieser allgemeinen Form zu stellen, bedeutet einen Angriff auf die Grundlagen der historischen Erkenntnis selbst zu führen. Und genau um diesen Angriff ist es mir hier zu tun.

Es kommt nicht eben häufig jemandem in den Sinn, eine Haltung radikaler Skepsis gegenüber Aussagen einzunehmen, die Vergangenes zum Inhalt haben. Man mag diese oder jene Feststellung bezweifeln, doch dann gewöhnlich deshalb, weil man gute Gründe dafür hat, wie etwa den, daß man der Person mißtraut, die sie trifft, oder daß man die Beweise, die zu ihrer Stützung herangezogen werden, in mancherlei Hinsicht für fehlerhaft hält, oder aber man verwirft sie, weil sie im Widerspruch zu einer anderen Aussage steht, deren Wahrheitsgehalt wir bereitwilliger vertrauen. Natürlich wird oftmals jene andere Aussage selbst wieder eine Feststellung über die Vergangenheit sein. Dementsprechend könnten wir etwa die Feststellung, daß Sir Walter Raleigh ein Atheist gewesen sei, deswegen zurückweisen, weil wir gewisse andere Aussagen über Sir Walter Raleighs Verhalten, die unvereinbar damit sind, daß er Atheist gewesen sein könnte, für wahr halten. Und in jedem derartigen Fall sind wir stets zumindest bereit, genau das Gegenteil der zurückgewiesenen Feststellung zu akzeptieren, d. h. daß Sir Walter Raleigh kein Atheist gewesen sei - was wiederum selbst eine Aussage über die Vergangenheit ist. Wir können hier einen radikalen Skeptizismus nur dann akzeptieren, wenn die Annahme jeder Aussage, die Vergangenes zum Inhalt hat, zu irgendeiner anderen Aussage in Widerspruch steht, die wir bereit sind, für wahr zu halten, und die jede Aussage über Vergangenheit als unwahr ausschließt; das eliminiert sowohl den Satz »Sir Walter Raleigh war ein Atheist« wie den >natürlichen< direkten Widerspruch hierzu. Doch ein jeder derartiger Satz muß ganz und gar allgemein sein, wenn er einen radikalen Skeptizismus rechtfertigen soll, d. h. wenn er die Unannehmbarkeit sowohl von p wie von non-p zur Folge haben soll, wenn p dabei als Aussage gilt, die sich auf Vergangenes bezieht. Mit dem >natürlichen Widerspruch< einer Aussage meine ich einen Widerspruch, der dasselbe Subjekt, Prädikat und Tempus wie der abgewiesene Satz hat. So wie »S war nicht P« der natürliche Widerspruch zu »S war P« ist.

Ich werde jetzt kurz drei verschiedene Argumente vorbringen, die, sollten sie sich als zwingend erweisen, die Unmöglichkeit besiegeln, irgendeine wahre Aussage über die Vergangenheit zu machen, und die einen radikalen Skeptizismus sowohl gegenüber p wie gegenüber non-p rechtfertigen, sofern diese im Tempus der Vergangenheit stehen. Diese Beweise sind von drei verschiedenen Punkten her ein Angriff auf Aussagen, die Vergangenes zum Inhalt haben: hinsichtlich ihres Sinnes, hinsichtlich dessen, worauf sie sich beziehen, und hinsichtlich ihrer Wahrheits-Werte. Ich glaube allerdings nicht, daß irgendeines dieser Argumente tatsächlich zwingend ist. Es ist sogar ziemlich leicht einzusehen, was an jedem von ihnen falsch ist. Doch sich durch jedes einzeln und im Detail hindurchzuarbeiten, ist nicht nur philosophisch aufschlußreich, sofern diese Beweise selbst philosophisch interessant sind; es bieten sich zudem im Gefolge einer solchen Auseinandersetzung verschiedene Aspekte des Begriffs der Geschichte, und es ist dieser Umstand, der, so hoffe ich, eine ziemlich ausgedehnte Behandlung dieser Argumente rechtfertigen wird, die ich für die nächsten Kapitel ankündigen will. Für den Augenblick will ich mich damit begnügen, jedes für sich bloß zu referieren und kurz zu kommentieren.

(1) Jede Aussage, die Vergangenes zum Inhalt hat, ist streng genommen sinnlos. Wenn aber Aussagen sinnlos sind, kann sich prinzipiell die Frage, ob sie wahr oder falsch seien, gar nicht erst stellen. Wenn wir demnach keine sinnvolle Aussage über die Vergangenheit machen können, ist auch eine wahre Aussage über die Vergangenheit unmöglich.

Dieses Argument setzt eine bestimmte Theorie über dasjenige voraus, was als sinnvoll gelten kann. Der sachkundige Leser wird leicht erkennen, daß dasjenige, was vorausgesetzt wird, in der Tat jenes gefeierte Verifizierbarkeits-Kriterium des Sinnvollen ist, das in einer seiner mannigfaltigen Ausformulierungen den Standpunkt vertritt, daß ein nicht-analytischer Satz nur dann sinnvoll sei, wenn er durch Erfahrung verifiziert werden kann. Gelegentlich ist man der Auffassung gewesen, dies schließe mit ein, daß wir imstande sein müßten, dasjenige zu erfahren, was ein solcher Satz beinhaltet. Doch wir können hier und jetzt nicht erfahren, was Aussagen über die Vergangenheit zum Inhalt haben - dementsprechend können wir sie nicht verifizieren und folglich sind sie, bei Anwendung dieses Kriteriums, sinnlos. Wenige nur sind derart puritanisch oder so heroisch, an dieser extremen Auffassung festzuhalten, am wenigsten von allen aber wohl jene, die das Verifizierbarkeits-Kriterium selbst aufgestellt haben, dessen Ziel schließlich nicht Ausmerzung, sondern Explikation der empirischen Wissenschaft sein sollte. Eine etwas gemilderte Version indessen, die davon ausgeht, daß der Sinn eines empirischen Satzes gerade in der Weise seiner Verifikation bestehe, hat Konsequenzen, die beinahe ebenso paradox sind. Denn es zählt schwerlich unter die Verifikationsweisen historischer Aussagen, dasjenige zu erfahren, was sie beinhalten. Denn hier und jetzt liegt dieser Inhalt für uns jenseits der Erfahrbarkeit. Was wir stattdessen tun, ist, nach einem Beweis zu suchen, der sie stützen kann, und dies wiederum spricht dafür, daß der Sinn einer historischen Aussage sich in dem Prozeß manifestiert, der zur Auffindung eines historischen Beweises führt, und daß dementsprechend historische Aussagen als Vorhersagen hinsichtlich der Resultate historiographischer Verfahrensweisen gedeutet werden können. Doch alle derartigen Verfahrensweisen müssen eingesetzt werden nach der Kundgabe der betreffenden historischen Aussagen, deren Sinn und Bedeutung sie ausmachen, d. h. in der Zukunft des Historikers. Und insoweit die Bedeutung eines Satzes dasjenige ist, worüber er etwas aussagt, sind historische Aussagen, wenn sie sinnvoll sein wollen, solche über die Zukunft. Wir sind demnach immer noch nicht imstande, sinnvolle Aussagen über die Vergangenheit zu machen. Wir stehen also auf demselben heroischen Standpunkt wie zuvor. Man beachte dabei, daß wir selbst bei der Einnahme eines aufgeklärteren Standpunktes hinsichtlich Bedeutung und Sinn, wie etwa dem, daß der Sinn eines Satzes dessen Nutzen sei, uns ungefähr wieder derselben Konsequenz gegenübersehen. Denn es ist der Nutzen von Vorhersagen, Aussagen über die Zukunft zu machen, und folglich ist es uns ein weiteres Mal versagt, historische Aussagen zu benutzen, um Feststellungen über Vergangenes zu treffen. Die These, daß historische Aussagen (verdeckte) Vorhersagen seien, findet in der einen oder anderen Weise seine Befürworter bei Pragmatisten wie Peirce, Dewey und Lewis; und bei Positivisten, wobei hier insbesondere A. J. Ayer1 zu nennen ist.

(2) Vielleicht verwechselt Argument (1) Bedeutung (meaning) mit Beziehung (reference), ein nicht eben ungewöhnlicher philosophischer Irrtum. Doch erhebt sich hier wiederum eine andere Schwierigkeit. Denn vielleicht gibt es oder gab es nichts, was die Aussagen über die Vergangenheit zum Inhalt haben oder gehabt haben könnten. Zumindest logisch wäre es möglich, daß die Welt erst vor fünf Minuten geschaffen wurde, vollständig, mit uns darin und all unseren Erinnerungen, und daß sie all jene Stücke und Teile von Dingen enthielte, die wir zum Beweis für eine wesentlich ältere Welt heranziehen, als wir sie tatsächlich bewohnen. Die gesamte gegenwärtige Mannigfaltigkeit der Welt könnte gerade so sein, wie sie ist, unabhängig davon, wann die Welt geschaffen wurde, und die Welt wäre dennoch, so wie wir sie jetzt kennen, durchaus vereinbar mit einer ungeahnt kurzen Geschichte. In diesem Fall aber, d. h. wenn sie tatsächlich erst fünf Minuten zuvor erschaffen wäre, gäbe es in den Aussagen, die vorgeblich Vergangenes beinhalten, nichts, worauf sie sich beziehen könnten. Demnach wären, abhängig von der jeweils bevorzugten zeitgenössischen Analyse dessen, was >beziehende (referring) Ausdrücke< genannt geworden ist, alle derartigen Aussagen entweder falsch (Russell), oder die Frage nach wahr und falsch würde sich gar nicht erst stellen (Strawson).2 Doch dann ließe sich mit keiner dieser Analysen das minimale Ziel der historischen Wissenschaft, nämlich wahre Aussagen über die Vergangenheit zu machen, erreichen. Die Mehrzahl historischer Kontroversen wäre dann gegenstandslos. Denn genau genommen würde jede einzelne von zwei Parteien disputierender Historiker entweder einen falschen Satz behaupten oder von einem Satz ausgehen, bei dem sich die Frage, ob er wahr oder falsch sei, gar nicht erheben kann. Doch dies ist genau dasselbe, wie wenn man skeptisch hinsichtlich p wie gegenüber seinem natürlichen Widerspruch ist, wofern p eine Aussage ist, die vorgeblich mit der Vergangenheit zu tun haben soll. 3

Dabei muß beachtet werden, daß diese Beweisführung nicht streng allgemein ist und demgemäß einen weniger radikalen Einwand gegen meine Charakterisierung in sich schließt, als dies für (1) gilt. Denn selbst wenn wir einräumen, daß die Welt erst vor fünf Minuten, mit allem ausgestattet usw., entstanden ist, wird es uns nichtsdestoweniger gelingen, wenigstens einige wahre Aussagen über die Vergangenheit zu machen, z. B. daß die Welt vor fünf Minuten entstanden ist, und ferner sind Aussagen über Geschehnisse innerhalb der vergangenen (tatsächlich nur dieser) fünf Minuten zulässig. Diesem Beweis gelingt es nicht, jede Aussage über die Vergangenheit auszuschließen, wie er natürlich selbst zumindest eine Aussage über die Vergangenheit in seiner eigenen Formulierung voraussetzt. Allerdings gestattet er derart wenige echte Aussagen über die Vergangenheit, daß sein einer Mangel, nicht vollkommen allgemein zu sein, wenig bietet, woran historischer Fleiß behaglich sich auslassen könnte. Denn wie viele Historiker gibt es schon, die sich mit dem beschäftigen, was sich nur innerhalb der letzten fünf Minuten zugetragen hat?

Der Beweis fordert natürlich nicht, daß die Welt tatsächlich erst vor fünf Minuten angefangen hat zu existieren, sondern daß es, »nach allem, was wir wissen«, so sein könnte. Es könnte sein, aber ebensogut auch nicht. So gelingt es uns vielleicht, wahre Aussagen, über die Vergangenheit zu machen, aber vielleicht sind wir dazu auch außerstande. Haben wir Erfolg, dann können wir nicht wissen, ob es sich tatsächlich so verhält. Denn alles Beweisen ist vereinbar damit, daß die Welt vor fünf Minuten entstanden ist, und wir besitzen demnach, auf der Basis von Beweisen, keinen sicheren Weg, der uns ein Wissen davon gibt, ob wir Erfolg gehabt haben oder nicht. Wir sind folglich niemals in der Lage, zu wissen, ob unsere historischen Kontroversen eine echte Grundlage haben oder bodenlos sind. Das ist dann aber genau dasselbe, als wenn wir skeptisch gegenüber p wie gegenüber nicht-p sind, sofern p Vergangenes zum Inhalt hat. Denn wenn wir nicht in der Lage sind, anzugeben, ob ein gegebener Satz wahr oder falsch (oder keines von beidem) ist, was bleibt dann hinsichtlich dieses Satzes anderes als Skepsis?

Im Vergleich zu (1) haben nur wenige Menschen diesen Beweis ernst genommen, ausgenommen Bertrand Russell, der ihn formuliert hat, und er selbst sagt, daß niemand ernstlich daran festhalten könne. Nichtsdestoweniger wirft er in überaus dramatischer Weise eine Vielzahl von Fragen über Zeit, Beziehung und Erkenntnis auf und verdient sorgfältige Prüfung.

(3) Historische Aussagen werden von Historikern gemacht, und Historiker haben ihre Motive, wenn sie historische Aussagen lieber über den einen Gegenstand als über einen anderen machen. Nicht allein dies, sondern Historiker haben auch gewisse Empfindungen den Dingen der Vergangenheit gegenüber, deren Beschreibung sie geben wollen. Manche dieser Empfindungen mögen persönlicher Art sein, manche wieder mögen von Mitgliedern der verschiedenen Gruppen geteilt werden, denen ein Historiker zugehört. Derartige Einstellungen und Wertungen veranlassen Historiker dazu, auf einiges größeres Gewicht zu legen, gewisse Dinge zu übersehen, ja sie sogar zu entstellen. Wegen dieses Bündels von Einstellungen und Voreingenommenheiten, die sie mitbringen, sind sie selbst nicht immer imstande, die Entstellungen zu entdecken, die ihnen unterlaufen. Jene aber, die vorgeben, Entstehungen aufgedeckt zu haben, bringen wiederum selbst eine besondere Reihe von Einstellungen mit und demgemäß ihre je eigene Weise, zu gewichten, wegzulassen und zu entstellen. überhaupt keine Einstellungen haben würde bedeuten, kein menschliches Wesen zu sein, doch Historiker sind nun einmal Menschen und können dementsprechend keine vollkommen objektiven Aussagen über die Vergangenheit machen. Jede historische Aussage ist, infolge untilgbarer persönlicher Faktoren, eine Entstellung und demzufolge nie ganz wahr. Es gelingt uns also nicht, Aussagen über die Vergangenheit zu machen, die unbedingt wahr sind.

Dieses Argument scheint auf den ersten Blick offen gegenüber dem Vorwurf völliger Bedeutungslosigkeit. Was würde es zum Beispiel besagen, wenn man erklärte, daß jedes Objekt auf der Welt ungerade sei? Ungerade Gegenstände lassen sich nur im Vergleich und im Kontrast zu geraden Gegenständen bestimmen, und wenn es keine geraden Gegenstände gibt, können wir den Ausdruck >ungerade< nicht sinnvoll anwenden. Es ist dies ein Begriff, der logisch sein polares Gegenteil fordert. Und genau dasselbe gilt für Entstellungen. Wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie eine nicht-entstellende Aussage über die Vergangenheit beschaffen sein müßte, welchen Sinn können wir dann dem Ausdruck >entstellende Aussage< noch geben? Wenn wir nun aber wirklich eine genaue Vorstellung darüber haben, können wir im Prinzip Beispiele für dergleichen nicht-entstehende Aussagen liefern, und der ganze Beweis ist falsch. Demnach also läßt sich aus diesem Einwand schlußfolgern, daß der Beweis entweder belanglos oder falsch ist.

Doch in Wahrheit ist dieser Einwand nicht besonders zwingend, und die Befürworter von (3) können ihm unschwer beikommen und werden in der Regel auch leicht mit ihm fertig. Denn sie sagen in Wirklichkeit nicht etwa: »alles ist ungerade«, sondern lediglich, daß eine gewisse Klasse von Dingen ungerade ist. Es kann dann sehr wohl eine Klasse gerader Dinge geben, die diese Aussage verständlich macht. Demgemäß behaupten sie also nicht, daß jede Aussage eine Entstellung beinhalte, sondern nur, daß dies für historische Aussagen zutreffe. Die Klasse der historischen Aussagen wird dann insgesamt gegen eine andere, anscheinend nicht-entstellende Klasse von Aussagen abgehoben, und zwar von der Klasse der natur-wissenschaftlichen Aussagen. Was Margaret Macdonald in der im folgenden angeführten Stelle über die Kritik sagt, gilt dann sehr wohl auch für die Geschichte:

»Kritische Auslassungen zu einem Werk sind zugleich dessen Konstruktion durch jemanden, der sie zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten sozialen Kontext vornimmt. Demnach soil die Kritik - was ihr schlechthin unmöglich ist - den unpersönlichen Charakter strenger Regeln haben, die unabhängig von Zeit und Ort anwendbar wären, wie sie für Mathematik und Naturwissenschaften gültig sind.« 4

Demzufolge wissen wir allem Anschein nach, welche Arten von Darstellungen >objektiv< sind, nämlich alle diejenigen, die unabhängig sind von Zeit, Ort und den jeweiligen Einstellungen desjenigen, der sie gibt. Doch ebenso versetzen die genau angebbaren Kriterien, durch die wir imstande sind zu wissen, wann eine Darstellung objektiv ist, uns in die Lage, anzugeben, wann dies für eine Darstellung nicht zutrifft. Wir selbst können keine Darstellung derselben Art und Weise liefern, wie eine Darstellung es wäre, von der wir behaupten, daß sie nicht-objektiv sei, die jedoch ihrerseits objektiv ist. Denn jede solche Darstellung wäre wiederum relativ zu unserer Zeit, unserem Ort und unseren persönlichen Einstellungen. Wir wissen schließlich, daß jede Darstellung von jener Art dem Anspruch auf Objektivität nicht gerecht werden kann. Und historische Darstellungen sind sämtlich von der genannten Art.

Argument (3) ist in der einen oder anderen Form von einer Mehrzahl von Denkern mit sonst durchaus verschiedenen Überzeugungen vertreten worden. Nietzsche z. B. verwendet es in einem vielgerühmten Aphorismus, der später von Freud zustimmend zitiert worden ist: »>Das habe ich getan<, sagt mein Gedächtnis. >Das kann ich nicht getan haben< - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach.«5 Der Stolz hat hier das Gedächtnis verfälscht, und was ich von der Vergangenheit zu glauben wünsche, entstellt die Wahrheit. Doch es ist natürlich logisch möglich, daß jede meiner Erinnerungen vom Stolz gewebt war oder jedenfalls von meinen Anschauungen, Wünschen oder Gefühlen. So könnte also jede Erinnerung eine Entstellung sein, »nach allem, was ich weiß«. Ich besitze kein Mittel, das mir Gewißheit schaffen könnte, d. h. darüber, ob meine Erinnerung richtig ist oder nicht. Also selbst wenn sie korrekt wäre, verfügte ich nicht über das Mittel, mit Bestimmtheit anzugeben, daß sie es ist. Es könnte eingewendet werden, daß es ganz sicher Wege gibt, dies festzustellen. Ich kann mich auf unabhängige Beweismittel berufen. Doch wenn diese als unabhängig ausgegebenen Beweise in einem Sich-Berufen auf die Erinnerungen anderer bestehen, welchen Grund habe ich dann zu der Vermutung, daß ihre Erinnerungen weniger verfälscht sind als meine eigenen? Gewiß gibt es Beweismittel anderer Art, zum Beispiel Tagebucheintragungen, Zeitungsausschnitte und ähnliches mehr. Doch gerade an diesem Punkt tritt wiederum das generelle relativistische Argument (3) dazwischen, und meine Einschätzung des Beweismittels wird ein weiteres Mal von persönlichen Faktoren beeinflußt sein, usw. Nietzsches Argument ist zudem nicht auf das Gedächtnis beschränkt. Es sagt vielleicht in meinem Tagebuch über mich aus, daß ich dieses oder jenes getan habe. Ich weise es von mir, das getan zu haben, und mein Vertrauen in das Tagebuch bricht zusammen: Ich erkläre, daß jemand anderer es geschrieben haben muß oder daß ich es nur getan haben kann, um besonders klug zu erscheinen.

Dieses Argument scheint mir von allen dreien das beeindruckendste, wenngleich seine Formulierung durch die bedeutendsten unter seinen Befürwortern - Beard, Becker, Croce - aufgrund ihrer je besonderen Anschauungen, Vorurteile und Gefühle verstümmelt worden ist. Es bedarf erst gründlicher logischer Reinigung und Politur, doch letztlich liegt etwas in ihm, das richtig und wichtig ist, und ich werde im folgenden meine minimale Charakterisierung der Geschichte seinen Bedingungen entsprechend modifizieren. Tatsächlich habe ich mich bereits zu Auffassungen bekannt, die ihm geistesverwandt sind. Denn ich habe erklärt, daß historische Bedeutung von nicht-historischer Bedeutung abhängig und daß letztere in sehr starkem Maße eine Angelegenheit lokaler Einflüsse, Einstellungen und Interessen des Historikers sei: Daraus folgt, daß unsere gesamte Weise, die Vergangenheit zu organisieren, ursächlich mit unseren lokalen Interessen verknüpft ist, welches immer diese auch sein mögen.

Doch ich werde zunächst alle diese Beweise in der Reihenfolge erörtern, in der ich sie vorgetragen habe, und jedem ein gesondertes Kapitel widmen.

ANMERKUNGEN Nr. 1 - 5.

1 Der erste Philosoph, der diese Auffassung vertreten hat oder ihr zumindest sehr nahegekommen ist, scheint Peirce gewesen zu sein. »Es ist nicht zu leugnen«, schrieb er, »daß a-kritische Schlüsse sich auf die Vergangenheit in ihrer Eigenschaft als Vergangenheit beziehen können; doch den Grundsätzen des Pragmatismus gemäß muß die Konklusion einer denkenden Kraft sich auf die Zukunft beziehen. Denn ihre Bedeutung bezieht sich auf Verhalten, und weil es sich um eine begründete, logische Schlußfolgerung handelt, muß sie auf willkürliches Verhalten gerichtet sein, das seinerseits kontrollierbares Verhalten ist. Doch kontrollierbares Verhalten ist einzig zukünftiges Verhalten ... Daher bezieht sich der Glaube, daß Kolumbus Amerika entdeckt habe, in Wirklichkeit auf die Zukunft.« (C. S. Peirce, Collected Papers, Hrsg. C. Hartshorne und P. Weiss, Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1934, V, § 461) Und weiter: »Die Wahrheit der Aussage, daß Cäsar den Rubicon überschritten habe, besteht in der Tatsache, daß sich, je weiter wir unsere archäologischen und sonstigen Studien vorantreiben, umso nachhaltiger jene Schlußfolgerung in unserem Bewußtsein festsetzen wird, womöglich für immer - oder jedenfalls träte dieser Fall dann ein, wenn die Studien bis in alle Ewigkeit fortgesetzt würden.« (Collected Papers, V, § 544)

2 Russell vertrat den Standpunkt, daß jede bedeutungsvolle Aussage entweder wahr oder falsch sein müsse. Seine vielgerühmte Theorie der Beschreibung war vornehmlich als Mittel zur Behandlung solcher Sätze aufgestellt worden, deren Bedeutung zwar eindeutig verständlich ist, denen man jedoch nicht ohne weiteres einen Wahrheitswert beilegen könnte, denn (i) schienen diese Sätze zu fordern, daß tatsächlich etwas existiere, worauf im Satzgegenstand Bezug genommen wird, während (2) jedoch kein derartiges Ding wirklich existierte. Anstatt nun besondere Gegebenheiten zu produzieren, worüber dergleichen Sätze wie »Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig« etwas aussagen, formte er sie in einer solchen Weise um, daß keine neuen Gegebenheiten erforderlich wurden und man jetzt imstande war, jenem Satz sowie seinem natürlichen Gegenteil den Wert »falsch« beizulegen, wodurch das Prinzip des Widerspruchs in Geltung blieb. Ganz allgemein gesprochen sind all diejenigen Sätze, die sich singulär beziehender Ausdrücke (z. B. Eigennamen) im Satzgegenstand bedienen und in Wirklichkeit nichts haben, worauf sie Bezug nehmen, falsch. Siehe insbesondere 13. Russell, Introduction to Mathematical Philosophie, 2. Ausgabe, Allen and Unwin, London 1920, XVI. Kapitel. Wenige Ergebnisse zeitgenössischer philosophischer Analysis sind hitziger diskutiert worden, und in der Tat ließe sich eine gesamte Geschichte der jüngsten anglo-amerikanischen Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Theorie der Beschreibung denken. Der gewichtigste kritische Angriff kam von seiten P. F. Strawsons, in seinem Aufsatz »On Refering«, in. Mind, LIX (Juli 1950). Die Literatur, die sich hieran anschließt, ist beträchtlich.

3 Ich unterscheide zwischen »a bezweifelt, daß p« und »a ist skeptisch in bezug auf p«. Der erste Satz impliziert, daß a glaubt, daß nicht -p, während im zweiten enthalten ist, daß a keine Gründe dafür besitzt, zwischen p und nicht -p zu wählen, und sich zurückhält, das eine oder das andere zu glauben.

4 Margaret Macdonald, »Some Distinctive Features of Arguments used in Criticism of the Arts« , abgedruckt in M. Weitz (Hrsg.): Problems in Aesthetics, Macmillan, New York 1960, S. 696.

5 F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, II, Abschnitt 68. Das Zitat findet sich bei Freud, Psychpathologie des Alltagslebens, GW IV, S. 162.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .