Ansätze einer 'Systematik historischer Kategorien'. Aus: Johann Gustav Droysen, Historik.

Text entstanden um 1857. Entnommen aus: Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 290 - 298.


A. Die sittlichen Machte.

§ 2 [GEMEINSAMKEIT UND PERSÖNLICHKEIT; EINTEILUNG]

Nichts scheint einfacher und gewisser zu sein, als daß der Staat, das Volk, die kirchliche Gemeinde in sich aus Individuen, aus Personen bestehe, daß alle sittlichen Verhältnisse und gar die Summe derselben, wie sie sich in der Geschichte zeigen, zu ihrem rechten Fundament und Eckstein die Person haben, daß also auch wir den zweiten Teil, der vom Menschen handelt, vorausstellen müßten.

Es ist ein irregeleiteter Stolz des menschlichen Geistes, wenn er verkennt, daß die Persönlichkeit nicht der Anfang, sondern der Schluß, nicht, wie man es ausgedrückt hat, der erste sittliche Organismus, sondern ein Ergebnis aller sittlichen Sphären ist, aber freilich so ist, daß sie in jeder derselben wieder die Bedingung und Voraussetzung ist. Es ist die Dialektik, welche durch alle Verhältnisse des endlichen Geistes hindurchgeht; und es kommt nur darauf an, sich des Zusammenhanges derselben bewußt zu bleiben. Bleibt man sich dessen nicht bewußt, so geschieht es, daß man zu Doktrinen kommt wie jene des Hobbes, daß der Staat entstehe, indem jeder von seiner natürlichen Freiheit opfere, oder wie die Französische Revolution, welche den natürlichen Menschen in jedem Augenblick mit dem durch die Fülle sittlicher Entwicklungen in sich durchgearbeiteten und bedingten verwechselte '-und jenen für diesen substituiert[e].

Mit tiefer Einsicht erörtert Aristoteles das Wesen der sittlichen Gemeinsamkeiten: wer ihrer entbehren könne, sei entweder ein Gott oder Tier, ein Mensch sei er nicht; ganz recht, denn die Armseligkeit und Blödigkeit des natürlichen Menschen bedarf der Ergänzung und Steigerung in der Gemeinsamkeit, erst in ihr wird er, was er ohne sie nur die Möglichkeit hat zu werden; und in diesem Werden ist eine wesentlich menschliche Natur, er ist erst ein Ergebnis der Gemeinsamkeiten, durch die er wird.

Mögen die berühmten Geschichtsschreiber die Nase rümpfen, wenn man ihnen zumutet, auch diese Abc-Fragen aus der Ethik zu erwägen; gewiß ist, daß man sich den Bereich der geschichtlichen Welt willkürlich verengert, wenn man sie nur auf die Haupt- und Staatsaktionen beschränkt, und daß man selbst in diesen unklar bleibt, wenn man nicht sieht, wie sie bis in ihre letzten elementaren Bildungen hinab geformt und geschichtet sind. Das historische Studium wird nur in dem Maß den Aufgaben, die wir für dasselbe in Anspruch nehmen, gewachsen sein, als es begreift, daß der ganze Bau der sittlichen Welt ein Werk der Geschichte, und damit eine Aufgabe des historischen Studiums ist , und umgekehrt: daß die ganze geschichtliche Welt <im> Arbeiten sittlicher Gemeinsam keiten und damit [als historisches Objekt] von deren Beobachtung bedingt ist.

Diese Gemeinsamkeiten sind nach der geistig-sinnlichen Natur des Menschen entweder aus seinen natürlichen oder seinen idealen Bedürfnissen oder zwischen beiden und aus beiden zugleich. Die natürlichen Gemeinsamkeiten erwachsen wesentlich aus dem Moment der Fortpflanzung, d. h. der Erneuerung der Gattung in Individuen. Die idealen bilden das Gegenspiel; sie haben die Individuen in der Gattung gleichsam festzustellen und mit dem, was die Gattung Gemeinsames und Erworbenes hat, zu erfüllen (Bildung). Zwischen beiden stehen die Bereiche der Erhaltung, d. h. der steten Ausgleichung der geistigen und leiblichen Zeugungen. Nicht das Bedürfnis der Ernährung, der Fortpflanzung, der Selbsterhaltung, wie dergleichen auch das Tier hat, sondern daß diese Bedürfnisse sofort sich umsetzen zu den sittlichen Formen der Familie, der Arbeit, des Rechtes und Staates, konstituiert die Gemeinsamkeiten und macht sie zu sittlichen Mächten. Nicht das Bedürfnis, Empfindungslaute von sich zu geben, sich in seiner Ohnmacht eine absolute Macht der Gottheit zu denken usw., macht die Sprachen, die Religion, sondern daß sich dies Bedürfnis zu sinnlicher Wahrnehmbarkeit und Mitteilbarkeit, zu Gemeinsamkeiten gestaltet, bildet die idealen Mächte. Man sieht, es sind die einen nur relativ natürlicher, die anderen nur relativ idealer Art. Sie haben nur einen tJberschuß des einen oder anderen, während in dem Bereich der praktischen Gemeinsamkeiten, wie wir sie nennen, beide Faktoren in einem gewissen Gleichgewicht stehen oder es immer wieder herzustellen suchen.

[I.] Erste Reihe: Die natürlichen Gemeinsamkeiten 35 35

§ 3 [NATUR UND NATÜRLICHE GEMEINSAMKEIT]

Natürliche Gemeinsamkeiten nannten wir diejenigen, welche den Men schen in natürlicher und, wie es wohl genannt ist, substantieller Weise 40 40 bestimmen. Denn innerhalb dieser Gemeinsamkeiten empfängt er seine Präformation, den Typus seiner Leiblichkeit so gut wie den seiner Geistig- 1 keit. In diesen Gemeinsamkeiten vollendet er sich in seiner Natürlichkeit. Und darin unterscheidet sich diese Reihe von den späteren, daß nur hier die Persönlichkeit ein Bestimmtwerden erfährt, das über ihre sittliche Verantwortlichkeit hinausliegt.

Die rationale Betrachtung ist wohl zu der Annahme gekommen, daß es so oder so geformte Urzustände der Menschheit gegeben habe, daß Einwirkungen, wie das Klima, die Nahrung, landschaftliche Umgebung usw. sie üben, die einen so, die anderen anders weiter entwickelt haben. Die tiefere Spekulation hat, um die Unbegreiflichkeit des Anfangs zu beseitigen, wohl die schöne Erzählung des Alten Testaments dahin vertieft, daß das Geschlecht aus dem ursprünglichen Stande göttlicher Urweisheit gefallen sei, und daß sein geschichtliches Leben sei, das Verlorene aus seinen zersprengten Bruchteilchen wieder zusammenzufinden.

Die historische Forschung versagt sich in der so gestellten Alternative das Mitsprechen. Sie vermag weder eine Urweisheit zu entdecken, noch kann sie anerkennen, daß Klima, Nahrung, landschaftliche Umgebung usw. die Menschennatur wie einen bildsamen Stoff so oder anders zurechtgeknetet habe. Nicht als unternähmen unsere Studien, die Nichtexistenz jener Urweisheit zu erweisen; aber sie würde de<m> Menschen, wie wir die Menschennatur kennen, genau nur so viel genützt haben, als er sich von ihr aneignend zu verarbeiten vermöchte, denn nicht die Weisheit, sondern die Arbeit um die Weisheit macht seinen Wert und Beruf. Und ähnlich äußert sich unsere Wissenschaft in betreff des zweiten Satzes. Nicht als erkennte sie nicht die Bedeutsamkeit derartiger physikalisch und physiologisch wirkender Momente. Aber ihre Einwirkungen sind nur dadurch vorhanden, daß sie empfangen, angeeignet, assimiliert werden; sie sind nur Anregungen, Reizungen, Bedingungen, in denen der erfindungsreiche Mensch seinen Geist gegenwirken zu lassen, seinen Körper zu üben hat; sich übend entwickelt er die geistigen und körperlichen Organe, die er unter solchen Gegebenheiten besonders braucht, wie etwa der Schiffer sich so zu gehen gewöhnt, wie er auf stets schwankendem Boden gehen muß, um sicher zu gehen. Nicht der amerikanische Urwald hat den Indianer zum Jäger gemacht, sondern weil er am liebsten Jäger war, hat er den Wald nicht gelichtet und den Acker nicht bestellen lernen. Warum sonst hätte sich neben den jagenden Indianern die Kultur der Azteken entwickelt, deren große Baureste in Mexiko noch heute Bewunderung erregen?

Wer aber weiter fragt, warum unterscheiden sich die Azteken von den jagenden Indianern, warum die Neger von den weißen Menschen, warum die uralten Kulturvölker von so vielen, die es nie zu einer Kultur gebracht, von anderen, die eine völlig andersgeartete Kultur begonnen haben, so vermag die historische Forschung darauf nichts zu antworten, als daß es der Fall ist. Mögen andere Forschungen da zu erklären versuchen, aber mögen sie sich zugleich hüten, solche Erklärungen zu finden, die ebensogut jedes Tier wie den Menschen erklären würden. Uns genügt es, die gegebene Menschennatur zu nehmen, wie sie ist, und zu begreifen.

Wie ungenügend auch noch unsere Forschungen sein mögen, es beginnen sich die Räume des geschichtlichen Lebens in schon unermeßliche Weiten zu dehnen; über vier Jahrtausende vor christliche Zeitrechnung hinauf führt uns die ägyptische Kultur, sie erscheint bereits damals in denselben Formen der Hieroglyphik, der Bauwerke, die zu Herodots Zeit Hellas bewunderte; man maß schon die Nilhöhen und beobachtete den Siriusaufgang; wie viele Vermittlungen mußten vorausgegangen sein, um diese Technik, diese Kenntnis möglich zu machen. Aus der Interpretation solcher Tatsachen ergeben sich Vorbedingungen, die in den engen Vorstellungen von Zeiten, an die wir gewöhnt sind, keinen Raum haben.

Warum ich dies hier erwähne? In dem Wesen jener natürlichen Gemeinsamkeiten liegt es, daß je die jüngeren das, was die älteren gelernt, erfahren, geübt hatten, von ihnen erbten und wieder übten; gewiß nicht alle in gleicher Weise; aber es gab unter ihnen solche, die achtsamer und erfindungsreicher waren als andere, die zu dem Alten Neues hinzufanden und lernten, und wieder auch das ihren Kindern vererbend, konnten sie es erleben, daß die Klügeren, Stärkeren, Kühneren noch weiter über sie hinausschritten. In unendlich kleinen Schritten mag da Neues zu Neuem gekommen, es mag in äonenfacher Wiederholung da allmählich ein Fruchtboden entstanden sein, auf dem dann in immer höherer Weise Menschliches gedieh und gedeihend immer reicheren Fruchtboden schuf. Denn wer da hat, dem wird gegeben. Wohin nur die historische Forschung dringt, ist bereits die Teilung der Völker längst vollzogen, es sind die Typen ihrer Gestalt, ihrer Sprachen, ihres Glaubens, ihrer Kulturfähigkeit geschieden.

Wir erklären damit nicht die Geschichte der Menschheit; aber wir verstehen die Möglichkeit der Erscheinungen, welche sie bietet; nicht wie Geschichte überhaupt beginnen konnte, weisen wir nach, aber wenn sie einmal begonnen, so lag in ihr mit dem Trieb zugleich das Mittel des Weiterschreitens. Denn einmal begonnen, hatte sie in jeder folgenden Gegenwart die ererbte Vergangenheit und in der Sprache, in der Erinnerung die Elemente, sich ein Dasein über dem rastlosen Strömen des Augenblicks }, sich eine seelische Welt über dem Wechsel der Außenwelt zu gründen. Wie tief eingehüllt auch noch die Segensfülle menschlicher Begabung lag, schon in den natürlichen Gemeinsamkeiten, in dem Verhalten von Eltern, Kindern und Kindeskindern war eine Form vorhanden, dem Wechsel der Dinge und der Flucht der Gegenwarten gegenüber ein Menschliches zu schaffen und festzuhalten -, in Gottes Schöpfung hinein und aus ihr heraus eine andere Welt zu schaffen, was die alten Mystiker nennen die Rückleitung der Schöpfung zu Gott.

Noch eine zweite Betrachtung fordert hier eine Stelle. Wir sind gewohnt, uns das Feste des Erdkörpers, die menschlich bewohnbare Welt als das stillschweigende Axiom der Geschichte zu denken. Mag sein, daß die großen plötzlichen Erdwandlungen vorüber sein mußten, ehe das Geschlecht der Menschen beginnen konnte; aber die stillen und langsamen Wandlungen haben ihren Fortgang; wie wenig bedarf die deutsche Nordseeküste, um unter das Niveau des Meeres zu sinken, und so gut sich Finnland hebt, kann sich die Küste dort senken. Es sprechen Beobachtungen dafür, daß die Inselwelt des Stillen Ozeans die noch hervorragenden Spitzen eines langsam sinkenden, einst größeren Festlandes sind. Ist das der Fall, ist nur das ewig bewegliche Meer in seinem Niveau unveränderlich, so wird die Zahl bedingender Möglichkeiten für das Menschengeschlecht nur um so größer, und eine Reihe von Erscheinungen, namentlich der Verbreitung [der Menschen über die Erde], die ohne allen Zusammenhang zu stehen scheinen, wird verständlich.

Ich deute diese Momente nur [darum] an, um dem Rahmen unserer Wissenschaft die ungemessene Weite zu schaffen, die sie fordert; nicht in der Meinung, daß die Forschung oder gar unsere Systematik ihn auszufüllen vermöchte.

Die Frage nach den natürlichen Bedingungen der menschlichen Existenz gehört anderen Wissenschaften an, die unsere nimmt sie nur insoweit auf, als diese Bedingungen, ergriffen und verwandelt durch die menschliche Natur, selbst Ergebnisse der Geschichte werden, wie denn in der Tat das menschliche Kulturleben bis zu einem gewissen Grad die Naturbedingungen beherrscht und <um>prägt. Das alte Wort, daß der Mensch Herr der Schöpfung sei, bedeutet nichts anderes, als daß die sittliche Welt die natürliche durchdringen und verklären soll, daß, wie der Mensch nach Gottes Bilde geschaffen ist, so die Natur das Bild des Menschen widerspiegele.

Die natürlichen Gemeinsamkeiten sind die erste Stufe dazu; denn sie sind diejenigen, in denen die nur kreatürlichen Daseinsformen, denen der Mensch nach seinem leiblichen Teil zugewendet ist, -durch ein erstes Wollen, durch Liebe, Pflicht, Treue in die sittliche Sphäre erhoben werden4 zu ebenso vielen Formen sittlichen Daseins gemacht werden.

[ 4] § 3 DIE FAMILIE

Wenn wir mit der Familie beginnen, d. h. den Anspruch machen, daß sie als Objekt der Geschichte betrachtet werde, so könnte es scheinen, als geschähe es nur dem Schematismus zuliebe, den wir einmal gewählt haben. Denn, sagt man vielleicht, soll die Geschichte aller Familien etwa auch ein Gegenstand unserer Wissenschaft sein können so gut wie die Geschichte der Staaten? Was wäre denn da von dem millionenfachen Einerlei zu sagen, das sich höchstens nach den allgemeinen Kulturverhältnissen der Völker unterscheidet? Was von Hottentotten- oder Eskimofamilien?

Von Hottentotten- und Eskimostaaten wird aber auch nicht viel in der Geschichte die Rede sein; nicht als wenn sie nicht Recht noch Gemeinwesen hätten, aber es ist ohne geschichtliches Interesse, davon zu sprechen. Ist es dann von Interesse, von Familien zu sprechen? Allerdings, und eben darum ist es nicht bloß dem Schematismus zuliebe, daß wir mit der Familie beginnen.

Denn nicht bloß das kreatürliche, sondern das sittliche Dasein des Menschen wurzelt in der Familie; denn ihre Glieder haben ihre Persönlichkeit entweder gegeneinander aufgegeben (die Eltern) oder sie noch nicht erreicht und in langer Arbeit erst zu erreichen (die Kinder) oder, wenn erreicht, doch mit der Erinnerung, dieser Eltern Kinder zu sein, also in ihrer Empfindung nicht losgelöst aus dieser innigen Gemeinschaft und Einheit der Familie. In diesem Kreise hat jedes einzelne Glied das Bewußtsein seiner in dem Bewußtsein des anderen und der anderen, es hat sich erst ganz in dem anderen, und in dieser unerschöpflichen Gegenseitigkeit der Liebe, des Zutrauens, des Glaubens, in dieser Fülle von Wechselwirkung und seelischer Bewegung ist die Einheit der Familie, ist der Familiengeist. Freilich liegt es in der Natur dieser ersten sittlichen Gemeinsamkeit, daß sie fort und fort über sich hinausführt, daß die Kinder und Enkel wieder in gleicher Weise Familien gründen und daß sich die Kreise je weiter je mehr auseinanderleben; aber in jedem neugegründeten Kreise wiederholt sich derselbe tief bedeutsame Verlauf, jeder Kreis um das Erbe und den Segen des Elternhauses reicher, jeder mit der gleichen neuen Aufgabe, eine kleine -in sich beschlossene sittliche Welt von Hingebung, Selbstverleugnung und Treue zu gründen. So ist die Familie zugleich das einfachste Menschliche und das vollkommenste Menschliche, so vollkommen, daß alles andere in ihr beschlossen sein kann. Jeder lebt sein kleines stilles Stückchen Geschichte wenigstens in dem, daß er seine Familie gründet, das ist die entscheidende, die eigentlich geschichtliche Zeit seines Lebens, und so bleibt sie ihm in der Erinnerung. Tausendfach wiederholt sich dasselbe und doch jedem in eigenster, individuellster Weise, und die Menschen werden nicht satt, in immer neuen Bildern sich erzählen zu lassen, wie fingierte Menschen solch Stückchen Geschichte gelebt haben. Es ist in dem Zusammenhang unserer Betrachtung von Wichtigkeit, daß wir hervorheben, wie die einfachste, natürlichste Gemeinsamkeit, diejenige, welche ganz und gar aus dem Gattungsbedürfnis zu erwachsen scheint, vielmehr geschichtlich erwächst und verläuft.

Vielen, den meisten Menschen bewegt sich ihr ganzes sittliches, d. h. geschichtliches Leben in dem Bereich der Familie; in ihr und für sie haben sie ihre Arbeit, ihre Sorge und Freude, die Summe ihrer Interessen; die Familie ist ihre Welt, und während sie die großen Geschicke als ein Fernes und Fremdes kaum empfinden, ist ihnen das Sein mit Weib und Kind und Kindeskind alles; in diesem Rahmen ihrer Familie, in diesem Spiegel allein sehen und empfinden sie ihr Leben. Es ist das kein Abbruch für die höheren sittlichen Gemeinsamkeiten; denn alle Sittlichkeit besteht in dem Gefühl, dem Bewußtsein und Wollen nicht der individuellen Persönlichkeiten und Interessen, sondern der Gemeinsamkeiten, an die die Individuen hingegeben sind, und in der Familie ist dies Gefühl am reinsten, stärksten und bindendsten. Die Familie ist die Basis aller Sittlichkeit, aller Pietät und Zucht. Wo die Familie gesund ist, da ist der Staat und die Religion und alles menschlich Heilvolle gesund.

Will die Historie ein Zeitalter, einen Staat, eine religiöse Gemeinschaft forschend verstehen, so wende sie sich vor allem darauf, zu sehen, wie der Typus der Familie dort ist. Wie kann es in der Vielweiberei Treue des Weibes, Ehrfurcht der Kinder geben? Wie kann, wo der Wert des Weibes nur im Gebären der Kinder gesehen wird - so in Israel, wo die Unfruchtbare heimgesandt wird -, die ganze Kraft der Gegenseitigkeit sich sittlich ausprägen? Je höher die sittliche Entwicklung, desto inniger wird die monogamische Ehe, desto sorgsamer die Zucht der Kinder, desto freier in Zucht und Liebe das Verhalten aller Glieder der Familie. Die altrömische Tugend hat genau so lange gedauert, als die Familie streng einfach war. Es gilt dieselbe Probe noch in unseren Tagen; die Keuschheit und Geschlossenheit der deutschen Ehe ist der Ausdruck der unermeßlichen sittlichen Überlegenheit unseres Volkes gegen die romanischen Stämme usw.

Und steht einmal so die Bedeutung der Familie [fest], so gibt es für die lebendige Geschichte, wie sie den Staatsmann und jeden, der sein Vaterland liebt beschäftigt, nichts Wichtigeres als die Frage der Familie in allen ihren Richtungen. Es ist wahrhaft entsetzlich, daß diese Frage etwa nur als Sache der Statistik und Polizei betrachtet und gar dem blinden Doktrinarismus der Theologen überlassen wird, jener Theologen, die fromm zu sein glauben, wenn sie mit der äußersten Erscheinung der Ehescheidung die sittliche Natur der Familie geradezu opfern. Die traurige Rubrik unehelicher Geburten, die in den zivilisierten Ländern, besonders wo die katholische und lutherische Pfaffheit obenauf ist, eine so hohe Rolle spielt, sie ist nur ein Beweis, wie weder Kirche noch Staat es verstehen, das schönste und menschlichste Mittel sittlicher Zucht zu benutzen.

Man sieht, daß also wohl von einer Geschichte der Familie die Rede sein kann; sie umfaßt die größten kulturhistorischen Fragen, denn die Lage des Weibes, die Form der primitiven Arbeitsteilung, die wesentlichen Güterverhältnisse, die Erziehung in ihren wesentlichsten Momenten ist da mit eingeschlossen.

Allerdings wird sich innerhalb eines Volkstums stets ein gewisser gleichmäßiger Typus der Familien finden. Es wird sich dieser Typus, wenn die Zeit ihn wandelt, ziemlich gleichmäßig wandeln. Aber es fehlt doch auch nicht, namentlich bei gesteigerter historischer Lebendigkeit, daß sich einzelne Familien hervortun, daß sich in ihnen dauernd ein größerer Reichtum, eine beherrschende Stellung, aber auch ein bestimmter Familiengeist entwickelt. Gar wohl ist da Stoff zur Geschichte einzelner Familien. Wir haben fürstliche Familien, deren Geschicke und deren Typus wir 800 und 1000 Jahre hinauf verfolgen können; in der englischen Nobility ist auch politisch der Familiensinn ausgeprägt; die Brockdorffs in Schleswig-Holstein, die sich 1460 der Wahl des Grafen von Oldenburg widersetzten, kann man noch heute sagen hören: "Unser Haus war immer mit dem Hause Oldenburg gespannt." Man würde die altrömische Geschichte nicht völlig würdigen, wenn man nicht diesen Faktor des konstanten Familiengeistes in den alten Geschlechtern in Rechnung zöge. Freilich hat die cäsaristische Gestaltung dort diese Familien, es hat die Revolution und der Cäsarismus in Frankreich die Montmorencys und Lancourts und Latours zerbröckelt, die Familien pulverisiert, und vielen erscheint als das Maximum der Entwicklung [die] in Nordamerika zu sein, wo die Einzelfreiheit maßlos wächst. Aber die rechten alten Nachkommen Washingtons und Jeffersons wissen sehr gut, was ihnen mit dieser vagabunden Freiheitlichkeit, wo jeder Hergelaufene ohne die Haltung und Sittlichkeit seiner Familie ein Bürger der Staaten werden kann, heranwächst, und jene Verbindung der Know-nothing[s] war ein Anfang einer starken und gesunden Reaktion, die wenigstens im Sinn des altamerikanischen Wesens heilvoll und notwendig ist.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .