Droysens Motive und unterschiedliche Gliederungskonzepte für seine 'Historik'.

Übersicht entnommen aus:: Johann Gustav Droysen, Historik, [zwischen 1857 und 1884: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857) und Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedrickten Fassung (1882)]. Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, Inhaltsverzeichnis und S. 415 - 420 (Vorworte und Einführung zur letzten Druckfassung des 'Grundrisses der Historik' [1882]).


I. VORWORTE UND EINFÜHRUNG ZUR LETZTEN DRUCKFASSUNG DES 'GRUNDRISSES DER HISTORIK' (1882).

Vorwort [zur ersten Auflage].

Vorlesungen über historische Enzyklopädie und Methodologie, die ich seit 1857 wiederholentlich gehalten habe, veranlaßten mich, das Schema derselben niederzuschreiben, um den Zuhörern einen Anhalt für den Vor 10 trag zu geben. So wurde der "Grundriß" zuerst 1858, dann wieder 1862 als Manuskript gedruckt. Häufige Nachfragen auch aus der Fremde be stimmten mich, wenn das Heftchen von neuem gedruckt werden mußte, es der Uffentlichkeit zu übergeben. Abhaltungen und Bedenken mancher Art haben die Herausgabe bis jetzt verzögert; wenigstens zu einem einst weiligen Abschluß schien mir endlich die Arbeit reif zu sein. Eine Einleitung, die ich dem ersten Abdruck beigefügt hatte, um die Fragen zu bezeichnen, um die es sich handelt, habe ich auch jetzt voraus geschickt. Es sind ferner ein paar Aufsätze beigelegt, die, wie ich glaube, zur Erläuterung einiger Punkte dienen werden. Der erste: "Die Erhe bung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft" ist in Anlaß von Buckles bekanntem Werk geschrieben und in v. Sybels Zeitschrift 1862 abgedruckt. Der zweite: "Natur und Geschichte" wurde auf Anlaß einer Diskussion geschrieben, in der alle Vorteile des metaphysischen Stand punktes auf der Seite meines Gegners waren. In einem dritten Aufsatz habe ich unter dem Titel: "Kunst und Methode" nicht viel anders als eine Reihe aphoristischer Bemerkungen zusammengestellt, um die ein wenig in Vergessenheit geratenen Grenzen zwischen Dilettantismus und Wissenschaft in Erinnerung zu bringen, Bemerkungen, von denen ein Teil bereits in einem akademischen Vortrage (Monatsberichte der Königl. Akad. d. Wiss., 4. Juli 1867) eine Stelle gefunden hat. Ich schwankte, ob ich einen vierten Aufsatz hinzufügen sollte, den ich als Einleitung zum zweiten Teil der Geschichte des Hellenismus 1843 in wenigen Exemplaren hatte drucken lassen, um auf Grund desselben mit wissenschaftlichen Freunden eben diese Frage der Historik zu erörtern, aus der sich mein Standpunkt zwischen der Theologie und der Philologie - den bei der Geschichte des Hellenismus nächst beteiligten Disziplinen -, mir zu rechtfertigen schien: Ich habe vorgezogen, diesen Aufsatz noch zurück zulegen, da es den Leser nicht so wie mich interessieren zu können schien, auf welchen Wegen, von welchem Punkt aus ich zu den Ergebnissen gelangt bin, die ihm nun vorliegen.

Der Zweck dieser Veröffentlichung wird erreicht sein, wenn sie dazu dient, zu weiterer Erörterung der Fragen anzuregen, die sie behandelt, der Fragen von der Natur und Aufgabe, von der Methode und der Kompetenz unserer Wissenschaft.

Berlin, im November 1867

Vorwort zur dritten Auflage

In diesem neuen Abdruck des Grundrisses ist in der Disposition einiges, wie es sich in wiederholten Vorträgen als zweckmäßiger erwiesen, geändert. Von den doppelten Ziffern bei mehreren Paragraphen verweist die in Klammern geschlossene Zweite auf die Reihenfolge in den Ausgaben von 1867 und 1875.

Daß der "Grundriß" nicht den Anspruch macht, eine "Philosophie der Geschichte" zu sein, und warum er nicht das Wesen unserer Wissenschaft in dem sucht, was der Naturwissenschaft ihre glänzende Bahn erschlossen hat, legt er selbst dar.

Berlin, 18. Juli 1881

Joh. Gust. Droysen

[Einführung]

Man wird den historischen Studien die Anerkennung nicht versagen, daß auch sie in der lebhaften wissenschaftlichen Bewegung unseres Zeitalters ihre Stelle haben, daß sie tätig sind, Neues zu entdecken, das Alte neu zu durchforschen, das Gefundene in angemessener Weise darzustellen.

Aber wenn man sie nach ihrer wissenschaftlichen Rechtfertigung und ihrem Verhältnis zu anderen Formen menschlicher Erkenntnis, wenn man sie nach der Begründung ihres Verfahrens und dem Zusammenhang ihrer Aufgaben fragt, so sind sie nicht in der Lage, genügende Auskunft zu geben.

Nicht als glaubten sie sich derartiger Fragen prinzipiell nicht bedürftig oder nicht mächtig; es ist der eine und andere Versuch, sie zu lösen, teils innerhalb der Geschichtsstudien selbst gemacht, teils aus anderen Disziplinen herübergenommen worden.

Man hat der Weltgeschichte eine Stelle in der enzyklopädischen Philosophie angewiesen. Man hat sie, bedenklich gegen die logischen Notwendigkeiten, um so zuversichtlicher aus den materiellen Bedingungen, aus den Zahlen der Statistik zu entwickeln empfohlen. Ein anderer wieder - und er spricht nur theoretisch aus, was unzählige meinen oder gemeint haben - stellt "die sogenannte Geschichte" überhaupt in Frage: "Die Völker existieren ja bloß in abstracto, die einzelnen sind das Reale, die Weltgeschichte ist eigentlich bloß eine zufällige Konfiguration und ohne metaphysische Bedeutung." Andrerseits ist der fromme Eifer daran, freilich mehr doketisch als fromm, für den Pragmatismus der menschlichen Dinge immer neue Wunderwirkungen Gottes und seines unerforschlichen Ratschlusses zu substituieren, eine Lehre, die wenigstens den Vorzug hat, "dem Verstande nichts weiter schuldig zu sein".

Innerhalb unserer Studien selbst hat bereits die Göttinger Schule des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts sich mit den allgemeinen Fragen beschäftigt; und sie sind seitdem von Zeit zu Zeit wieder behandelt worden. Man hat zu erweisen unternommen, daß die Geschichte "wesentlich politische Geschichte" sei und daß sich um diesen Kern die vielerlei Elementar-, Hilfs- und andere Wissenschaften unseres Fachs gruppieren.

Man hat dann das Wesen der Geschichte in der Methode erkannt und diese als "Kritik der Quellen", als Herstellung der "reinen Tatsache" bezeichnet. Man hat die maßgebende Aufgabe unserer Wissenschaft in der künstlerischen Darstellung und in dem "historischen Kunstwerk" gefunden und feiert wohl als den größten Historiker unserer Zeit denjenigen, der in seiner Darstellung dem Walter Scottschen Roman am nächsten stand.

Der historische Sinn ist in der menschlichen Natur zu rege, als daß er nicht früh und, unter glücklichen Verhältnissen, in angemessenen Formen seinen Ausdruck hätte finden sollen; und dieser natürliche Takt ist es, der noch jetzt unseren Studien den Weg weist und die Form gibt. Aber der Anspruch der Wissenschaft dürfte sich damit nicht befriedigt erachten. Es liegt ihr ob, sich über ihre Ziele, ihre Mittel, ihre Grundlagen klarzuwerden; nur so kann sie sich zu der Höhe ihrer Aufgabe erheben, nur so, mit Baconischen Ausdrücken zu sprechen, die Antizipationen, die noch ihr Verfahren beherrschen, die idola theatri, tribus, fori, specus überseitigen, für deren Bewahrung nicht minder große Interessen tätig sind, als einst für Astrologie und Hexenprozesse, für den Glauben an fromme und unfromme Zauberwirkungen eintraten; - nur so wird sie über ein ungleich weiteres Gebiet menschlicher Interessen, als sie bis jetzt will und kann, ihre Kompetenz begründen.

Das Bedürfnis, über unsere Wissenschaft und ihre Aufgabe ins klare zu kommen, wird jeder, der lehrend Jüngere in sie einzuführen hat, ebenso wie ich empfunden, andere werden es in anderer Weise zu befriedigen verstanden haben. Mich drängten zu solchen Untersuchungen namentlich Fragen, an denen man, weil sie in der täglichen Übung längst gelöst scheinen, vorüberzugehen pflegt.

Das, was heute Politik ist, gehört morgen der Geschichte an; was heut ein Geschäft ist, gilt, wenn es wichtig genug war, nach einem Menschenalter für ein Stück Geschichte. Wie wird aus den Geschäften Geschichte? wo ist das Maß dafür, daß sie Geschichte werden? macht den Kaufkontrakt, der heut zwischen Privaten abgeschlossen wird, ein Jahrtausend zu einer geschichtlichen Urkunde?

Jedermann sagt, daß die Geschichte ein wichtiges Bildungsmittel sei; sie ist ein wichtiger Bestandteil des heutigen Unterrichts. Aber warum ist sie es? in welcher Form? war sie es den Griechen der Perikleischen Zeit nicht, oder nur in anderer Form? etwa in der der Homerischen Gesänge? und wie können nationale Gedichte den Griechen, dem Hohenstaufischen Deutschland den pädagogischen Wert des geschichtlichen Unterrichts gehabt haben?

Die Beobachtung der Gegenwart lehrt uns, wie jede Tatsache von anderen Gesichtspunkten aus anders aufgefaßt, erzählt, in Zusammenhang gestellt wird, wie jede Handlung - im privaten Leben nicht minder als im öffentlichen - die verschiedenartigsten Deutungen erfährt. Der vorsichtig Urteilende wird Mühe haben, aus der Fülle so verschiedener Angaben ein nur einigermaßen sicheres und festes Bild des Geschehenen, des Gewollten zu gewinnen. Wird das Urteil nach hundert Jahren aus der schon geminderten Masse von Materialien sicherer zu finden sein? führt die Quellenkritik zu mehr als zu einer Herstellung einstmaliger Auffassungen? führt sie zur "reinen Tatsache"?

Und wenn es so um den »objektiven" Inhalt der Geschichte steht, was wird dann aus der geschichtlichen Wahrheit? gibt es eine Wahrheit ohne Richtigkeit? behalten diejenigen recht, welche die Geschichte überhaupt als fable convenue bezeichnen?

Ein gewisses natürliches Gefühl und die unzweifelhafte Übereinstimmung aller Zeiten sagt uns, daß dem nicht so sei, daß in den menschlichen Dingen ein Zusammenhang, eine Wahrheit, eine Macht sei, die, je größer und geheimnisvoller sie ist, desto mehr den Geist herausfordert, sie kennenzulernen und zu ergründen.

Sofort schloß sich hier eine zweite Reihe von Fragen an, Fragen über das Verhältnis des einzelnen zu dieser Macht der Geschichte, über seine Stellung zwischen ihr und den sittlichen Mächten, die ihn erfüllen und tragen, über seine Pflichten und seine höchste Pflicht; Betrachtungen, die weit über den unmittelbaren Bereich unseres Studiums [err. statt: unserer Studien] hinausführten und die Gewißheit erzeugen mußten, daß deren Aufgabe nicht anders als in den großen und größten Zusammenhängen gefaßt zu erörtern sei. Konnte der Versuch gewagt werden, diese Erörterungen von dem Kreise von Kenntnissen und Erkenntnissen aus zu unternehmen, wie sie dem Geschichtsfreunde aus seinen Studien erwachsen? durften diese Studien wagen, ebenso wie die Studien der Natur mit so glänzendem Erfolge getan, sich auf sich selbst zu stellen? Wenn der Historiker, mit seiner nur historischen Kenntnisnahme von dem, was Philosophie, Theologie, Naturbetrachtung usw. erarbeitet haben, sich in diese schwierigen Probleme einließ, so mußte er sich darüber klar sein, daß er nicht spekulativ dürfe sein wollen, sondern in seiner empirischen Weise, von der einfachen und sicheren Basis des Gewordenen und Erkannten aus vorzugehen habe.

In den Untersuchungen Wilhelm von Humboldts fand ich diejenigen Gedanken, die, so schien es mir, den Weg erschlossen; er schien mir ein Bacon für die Geschichtswissenschaften. Von einem philosophischen System Humboldts mag nicht zu sprechen sein; aber was der antike Ausdruck dem größten Historiker zuschreibt, [griech. 'he synesis politikee kai he dynamis hermeneutike'; d. Hg.], besaß er in merkwürdiger Harmonie; in seinem Denken und Forschen so wie in der großartigen Welterfahrung eines tätigen Lebens ergab sich ihm eine Weltanschauung, welche in der starken und durchgebildeten Empfindung des Ethischen ihren Schwerpunkt hat. Den praktischen und den idealen Bildungen des Menschengeschlechts, namentlich den Sprachen nachgehend, erkannte er die "geistig-sinnliche Natur" desselben und die im Geben und Empfangen weiterzeugende Kraft ihres Ausdrucks, - die beiden Momente, in denen die sittliche Welt, in immer neuen Polarisationen immer neue elektrische Strömungen erzeu gend, gestaltend sich bewegt und sich bewegend gestaltet. Von diesen Gedanken aus schien es mir möglich, in die Frage unserer Wissenschaft tiefer einzudringen, ihr Verfahren und ihre Aufgabe zu begründen und aus ihrer erkannten Natur ihre Gestaltung im großen und ganzen zu entwickeln. Ich habe dies in den folgenden Paragraphen zu tun versucht. Sie sind aus Vorlesungen, die ich über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte gehalten, erwachsen. Es kam mir darauf an, in diesem Grundriß die Ubersicht des Ganzen zu geben und das Einzelne nur soweit anzudeuten, als zum Verständnis und für den Zusammenhang notwendig schien.

Jena, im Mai 1858.

II. DROYSENS UNTERSCHIEDLICHE GLIEDERUNGSKONZEPTE FÜR SEINE HISTORIK.

HISTORIK. Die Vorlesungen von 1857 (Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung aus den Handschriften).

Einleitung 3

Vorbemerkung 3

Kapitel I. Die Geschichte und die historische Methode 7

Kapitel II. Unsere Aufgabe 43

Erster Teil: Methodik 65

1. Die Heuristik 67

2. Die Kritik 111

3. Die Interpretation 159

4. Die Apodeixis 217

Der zweite Teil: Die Systematik 285

A. Die sittlichen Mächte 290

I. Erste Reihe: Die natürlichen Gemeinsamkeiten 291

II. Zweite Reihe: Die idealen Gemeinsamkeiten 313

III. Dritte Reihe: Die praktischen Gemeinsamkeiten 336

B. Der Mensch und die Menschheit 363

GRUNDRISS DER HISTORIK. Die erste vollständige handschriftliche Fassung (1857 oder 1858).

Einleitung 397

Die Methodik 399

1. Die Heuristik 400

2. Die Kritik 401

3. Die Interpretation 403

4. Die Darstellung 405

Die Systematik 406

a. Die geschichtliche Arbeit nach ihrem Stoff 408

b. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Formen 408

c. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Arbeitern 409

d. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken 410

GRUNDRISS DER HISTORIK. Die letzte Druckfassung (1882).

Vorwort 415

Einführung 417

Einleitung 421

Die Methodik 425

I. Die Heuristik 426

II. Die Kritik 428

III. Die Interpretation 431

Die Systematik 435

I. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Stoffen 436

II. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Formen 437

III. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Arbeitern 441

IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken 443

Die Topik 445

Beilagen 451

1. Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft 451

2. Natur und Geschichte 470

3. Kunst und Methode 480 - 488


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .