Dogmatisch-schematische und skeptisch-differenzierende historische Begiffsbildung: Friedrich Engels, Briefe über materialistische Geschichtsinterpretation, Engels an P. Ernst, London, 5. Juni 1890.

Text entnommen aus: Karl Marx - Friedrich Engels. Studienausfgabe in vier Bänden, hg. von Iring Fetscher, Frankfurt M. 1978, Bd. 1: Philosophie, S. 223 - 225.


Was Ihren Versuch, die Sache materialistisch zu behandeln, angeht, so muß ich vor allem sagen, daß die materialistische Methode in ihr Gegenteil umschlägt, wenn sie nicht als Leitfaden beim historischen Studium behandelt wird, sondern als fertige Schablone, wonach man sich die historischen Tatsachen zurechtschneidet. Und wenn Herr Bahr Sie auf diesem Holzweg zu ertappen glaubt, so scheint er mir einen kleinen Schatten von Recht für sich zu haben.

Sie fassen ganz Norwegen und alles, was dort geschieht, zusammen unter die eine Kategorie: Spießbürgertum, und schieben dann diesem norwegischen Spießbürgertum unbedenklich Ihre Anschauung vom deutschen Spießbürgertum unter. Da stellen sich nun zwei Tatsachen quer in den Weg.

Erstens, als in ganz Europa der Sieg über Napoleon sich als Sieg der Reaktion über die Revolution darstellte und nur in ihrem französischen Vaterland die Revolution noch so viel Angst einflößte, um der rückkehrenden Legitimität eine bürgerlich-liberale Verfassung abzunötigen, da fand Norwegen die Gelegenheit, sich eine Verfassung zu erobern, weit demokratischer als irgendeine gleichzeitige in Europa.

Und zweitens hat Norwegen in den letzten 20 Jahren einen literarischen Aufschwung erlebt, wie ihn außer Rußland kein andres Land gleichzeitig aufweisen kann. Spießbürger oder nicht, die Leute leisten weit mehr als die andren und prägen ihren Stempel auch andern Literaturen auf, nicht zum mindesten der deutschen.

Diese Tatsachen machen es in meinen Augen nötig, das norwegische Spießbürgertum einigermaßen auf seine Besonderheiten zu untersuchen.

Und da werden Sie wahrscheinlich finden, daß ein sehr wesentlicher Unterschied zutage tritt. In Deutschland ist das Spießbürgertum Frucht einer gescheiterten Revolution, einer unterbrochnen, zurückgedrängten Entwicklung, und hat seinen eigentümlichen, abnorm ausgebildeten Charakter der Feigheit, Borniertheit, Hilflosigkeit und Unfähigkeit zu jeder Initiative erhalten durch den Dreißigjährigen Krieg und die ihm folgende Zeit - wo grad fast alle andren großen Völker sich rasch emporschwangen. Dieser Charakter ist ihm geblieben, auch als die historische Bewegung Deutschland wieder ergriff; er war stark genug, sich auch allen andren deutschen Gesellschaftsklassen mehr oder minder als allgemein deutscher Typus aufzudrücken, bis endlich unsre Arbeiterklasse diese engen Schranken durchbrach. Die deutschen Arbeiter sind grade darin am ärgsten >vaterlandslos<, daß sie die spießbürgerliche deutsche Borniertheit total abgeschüttelt haben.

Das deutsche Spießbürgertum ist also keine normale historische Phase, sondern eine auf die Spitze getriebne Karikatur, ein Stück Degeneration, grade wie der polnische Jude die Karikatur der Juden ist. Der englische, französische etc. Kleinbürger steht keineswegs mit dem deutschen auf gleichem Niveau.

In Norwegen dagegen ist Kleinbauerntum und Kleinbürgertum mit einer geringen Beimischung von Mittelbürgertum - wie es etwa in England und Frankreich im 17. Jahrhundert bestand seit mehreren Jahrhunderten der Normalzustand der Gesellschaft. Hier ist nicht die Rede von gewaltsamem Zurückwerfen in veraltete Zustände durch eine gescheiterte große Bewegung und einen Dreißigjährigen Krieg. Das Land ist durch Isolierung und Naturbedingungen zurückgeblieben, aber sein Zustand war vollständig seinen Produktionsbedingungen angemessen und daher normal. Erst ganz neuerdings kommt ein ganz klein wenig große Industrie sporadisch ins Land, aber für den stärksten Hebel der Kapitalkonzentration, die Börse, ist kein Raum, und dann wirkt konservierend gerade die gewaltige Ausdehnung des Seehandels. Denn während überall anderswo der Dampf die Segelschiffe verdrängt, dehnt Norwegen seine Segelschiffahrt enorm aus und hat, wo nicht die größte, sicher die zweitgrößte Segelflotte der Welt, meist im Besitz kleiner und mittlerer Reeder, wie in England sage um 1720. Aber doch ist damit Bewegung in die alte stockende Existenz gekommen, und diese Bewegung drückt sich wohl auch aus im literarischen Aufschwung. Der norwegische Bauer war nie leibeigen, und das gibt der ganzen Entwicklung, ähnlich wie in Kastilien, einen ganz andren Hintergrund. Der norwegische Kleinbürger ist der Sohn des freien Bauern und ist unter diesen Umständen ein Mann gegenüber dem verkommnen deutschen Spießer. Und so auch steht die norwegische Kleinbürgerin himmelhoch über der deutschen Spießersgattin. Und was auch die Fehler z. B. der Ibsenschen Dramen sein mögen, sie spiegeln uns eine zwar kleine und mittelbürgerliche, aber von der deutschen himmelweit verschiedne Welt wider, eine Welt, worin die Leute noch Charakter haben und Initiative und selbständig, wenn auch nach auswärtigen Begriffen oft absonderlich, handeln. So etwas ziehe ich vor, gründlich kennenzulernen, ehe ich aburteile...


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .