Historisch-anthropologische Kategorien: 'Staaten' und 'Kulturkreise', 'Politische' und 'Kulturgeschichte'. Aus: Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Teilband I, 1 (Einleitung. Elemente der Anthropologie).

Text entnommen aus: Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, Teilband I, 1, Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 197 - 200.


110. ... die Trennung von Kulturgeschichte und politischer Geschichte hat nur relative Berechtigung. Denn wie der Mensch und die Menschengruppe eine innere Einheit ist, so auch ihr geschichtliches Leben: die wahre und höchste Aufgabe der Geschichtswissenschaft kann daher nur die Darstellung dieses Lebens in seiner Totalität sein. Da ergibt sich dann ohne weiteres, daß von denn beiden die politische Geschichte die dominierende Stellung einnimmt. Denn der staatliche Verband ist die maßgebliche äußere Organisation, von der Dasein und Lebensgestaltung aller seiner Mitglieder abhängt; seine Schicksale wirken daher unmittelbar nicht nur auf jeden Einzelnen, sondern auch auf jede aus ihm hervorgehende Lebensäußerung zurück und sind somit auch für die Kultur und das Wirtschaftsleben von entscheidender Bedeutung. Umgekehrt wirken dann diese wieder in gleicher Weise auf die Gestaltung und die Schicksale des Staates ein. Aber erst in dieser Einwirkung (die auch eine zersetzende Gegenwirkung sein kann) erhalten sie alle ihre historisch maßgebende Bedeutung; denn wie keine andere Gestaltung des menschlichen Lebens schließt der Staat alle zu ihm gehörigen Einzelwesen zu einer lebendigen Einheit zusammen und erfordert stets die volle Entfaltung und höchste Anspannung aller in ihm beschlossenen Kräfte, weil es sich bei ihm immer in letzter Linie um die Behauptung, und dann wieder um die möglichst vorteilhafte Gestaltung der Existenz handelt (vgl. Aristoteles' Äußerung § 5 A. [scil. die politische Gemeinschaft entstehe um des Lebens willen, bestehe aber tatsächlich zum Zwecke eines gut eingerichteten Lebens - rep. 1253 a; d. Hg.]). Wenn ein Staat dieser Forderung nicht entspricht und seine Aufgaben nicht voll zu erfüllen imstande ist, so ist das ein negatives historisches Moment, das die Gültigkeit dieses Satzes nicht aufhebt, sondern bestätigt. Wenn nun auch der innere Wert und Charakter einer geschichtlichen Entwicklung (auch der der handelnden Persönlichkeiten) wesentlich auf der Kultur beruht, die sich auch in der Gestaltung und Aktion des Staats ausprägt, so ist sie doch in ihrer äußeren Erscheinung wieder von dieser abhängig, da auf dem staatlichen Dasein nicht nur der Umfang dieses Wirkungsgebiets, sondern sogar die Existenz ihrer Träger beruht. Daher ist jede Periodisierung nicht nur der politischen, sondern auch der Kulturgeschichte und aller Geschichte überhaupt von den politischen Momenten abhängig, selbst dann, wenn sie in einer großen kulturellen Wendung das Wesentliche sieht, wie bei dem Untergang des Altertums. Denn dieser Kulturprozeß vollzieht sich ganz allmählich im Lauf von Jahrhunderten, würde aber, für sich allein genommen, noch nicht eine allgemeine Umwälzung aller Lebensverhältnisse herbeigeführt haben, da sich auch überlebte und innerlich abgestorbene Formen noch viele Generatinnen hindurch erhalten können. Erst die Zersetzung der staatlichen und nationalen Gestaltung und das dadurch herbeigeführte Eingreifen neuer Völker gibt ihm seine welthistorische Bedeutung, wie sie in diesem Falle zugleich den charakteristischsten Ausdruck der großen Umwandlung bildet.

111. Aber der einzelne Staat lebt niemals isoliert, sondern steht, auch wenn er das Volkstum als Ganzes umfaßt und einen nationalen Charakter trägt, innerhalb eines Staatensystems, wo die Vorgänge in dem einen Staat ununterbrochen mit denen in allen anderen in Wechselwirkung stehen, und weiter innerhalb eines Kulturkreises; und auch die verschiedenen Staatensysteme und Kulturkreise stehen wieder in Beruhrung mit einander, in Austausch und Wechselwirkung. Daher wird es eine der wichtigsten Aufgaben der Geschichtsforschung, die Entstehung dieser größeren Gruppen darzulegen. Von dem Moment an, wo sie sich gebildet haben und in ihren wirksamen Momenten die weitere Entwicklung der von ihnen umschlossenen kleineren Gruppen beherrschen, löst jede Geschichtsbetrachtung, die sich prinzipiell auf ein Einzelgebiet, einen einzelnen Staat, Volk, Kultur beschränkt, ihre Aufgabe nur unvollständig, da sie in diesem Rahmen die Totalität der Entwicklung nicht zu umfassen vermag. Alle Geschichte, die wirklich ihr Ziel erreichen will, muß ihrer Betrachtungsweise und Tendenz nach notwendig universalistisch sein, sei es, daß sie das Gesamtgebiet behandelt, sei es, daß sie ein Einzelobjekt mit dieser inneren Beziehung auf das Ganze darstellt. Die nächste größere Einheit bilden die großen Kulturkreise, die sich im Verlauf des historischen Prozesses gebildet haben. Aber auch von diesen sind der orientalische und der hellenische im Altertum (der dann zu dem hellenistisch-römischen erwächst) und der christliche und islamische in Mittelalter und Neuzeit so eng mit einander verwachsen und stehen die ihnen entsprechenden Staatensysteme ununterbrochen in so enger Wechselwirkung, daß nur eine beide gleichmäßig berücksichtigende Gesamtbetrachtung das volle Verständnis ihrer Geschichte ermöglicht. Der dritte große Kulturkreis, der ostasiatische (indochinesische), steht zwar mit jenen immer in Beziehungen - Beziehungen, die mit dem Einbruch der Arier in Indien beginnen, im Perserreich und weiter im Reich Alexanders und den hellenistischen Staatenbildungen sich lebhafter gestalten, in der Sassanidenzeit sich fortsetzen, und durch die islamische Eroberung und dann das Mongolenreich immer bedeutsamer werden -; aber diese Beziehungen sind doch weder intensiv noch umfassend genug, um seine Geschichte mit der der westlichen Völker zu einer Einheit zusammenfassen zu können. Lediglich das Grenzgebiet, das nördliche Vorderindien, partizipiert an beiden Entwicklungen und erfährt abwechselnd Einwirkungen von beiden Seiten, während sich seine eigene Wirkung fast ausschließlich nach Osten und Norden hin erstreckt bat; eben darum kann es in der Geschichte der westlichen Kulturkreise und Staatensysterne nicht als selbständiges Glied, sondern nur als Grenzland berucksichtigt werden. Eine Zusammenfassung aller drei Gebiete zu einer wirklichen geschichtlichen Einheit mit ununterbrochener Wechselwirkung hat sieh erst in den letzten Jahrhunderten allmählich vorbereitet und ist in den letzten Jahrzehnten zu voller Realität geworden. Seitdem gibt es tatsächlich eine Weltgeschichte, das ist eine allgemeine, die Menschheit des ganzen Erdballs zu einer Einheit zusammenfassende Geschichte. Von diesem Standpunkt der Gegenwart rückschauend, kann jetzt auch die Entwicklung dieser Weltgeschichte, die Darlegung der Momente, welche innerhalb der einzelnen Gruppen auf die Bildung dieser Einheit hingewirkt haben, einheitlich dargelegt und die Einzelgeschichte ihr untergeordnet werden. Dagegen für die älteren Stadien der Entwicklung bleiben die beiden großen Hauptgebiete, das des vorderasiatisch-europäischen und das des ostasiatischen Kulturkreises, nach wie vor gesonderte Einheiten mit selbständiger Geschichte. 


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .