Zur Unmöglichkeit, die 'Geschichte oder die Gesellschaft als ganze' zu fassen: Aus Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus.

Enstanden um 1944. Text entnommen aus: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus [engl.: The Poverty of Historicism], 4. Auflage. Unveränderter Nachdruck des 3.,verbesserten Auflage. Ins Deutsche übersetzt von Leonhard Walentik, Tübingen 1974 4, S. 64 f.


2.3 Kritik des Holismus.

Nachdem ich ... meine eigene Voreingenommenheit klargestellt und den Standpunkt, von dem meine Kritik ausgeht, sowie den Gegensatz zwischen der Stückwerk-Methode einerseits und dem Historizismus und Utopismus andererseits angedeutet habe, will ich mich nun meiner Hauptaufgabe zuwenden, der kritischen Prüfung historizistischer Doktrinen. Ich beginne mit einer kurzen Kritik des Holismus, denn es hat sich ja gezeigt, daß dieser eines der entscheidendsten Elemente der Theorie ist, die ich angreifen will.

Es besteht eine fundamentale Zweideutigkeit im Gebrauch des Wortes "Ganzheit" in der neueren holistischen Literatur. Dieses Wort dient als Bezeichnung (a) der Gesamtheit aller Eigenschaften oder Aspekte einer Sache und insbesondere aller Relationen, die zwischen den sie konstituierenden Teilen bestehen und (b) bestimmter besonderer Eigenschaften oder Aspekte der fraglichen Sache, nämlich jener, die sie als organisierte Struktur erscheinen lassen und nicht als "bloße Anhäufung". Ganzheiten im Sinne (b) sind zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien gemacht worden, vor allem von der sogenannten Gestaltspsychologie. Es gibt auch tatsächlich keinen Grund, warum man Aspekte wie die Strukturregelmäßigkeiten (z. B. die Symmetrie), die bestimmte Dinge (Organismen, elektrische Felder, Maschinen) aufweisen, nicht studieren sollte. Von Dingen, die solche Strukturen haben, kann man sagen, daß sie, wie die Gestalttheorie sich ausdrückt, "mehr sind als die Summe ihrer Teile".

Anhand jedes beliebigen Beispiels aus der Gestalttheorie läßt sich nachweisen, daß Ganzheiten im Sinne (b) von Ganzheiten im Sinne (a) sehr verschieden sind. Wenn wir uns der Auffassung der Gestalttheoretiker anschließen, daß eine Melodie mehr als als eine bloße Ansammlung oder Abfolge von einzelnen Tönen, dann wählen wir einen der Aspekte dieser Tonfolge aus, um uns mit diesem zu beschäftigen. Es ist dies ein Aspekt, der sich von anderen Aspekten, etwa der absoluten Tonhöhe des ersten dieser Töne oder der durchschnittlichen absoluten Intensität der Töne, klar unterscheiden läßt. Und es gibt weitere Gestalt-Aspekte, die sogar noch abstrakter sind als die Melodie. Denn wenn wir den Rhythmus betrachten, vernachlässigen wir sogar die relative Tonhöhe, die für die Melodie von Bedeutung ist. Durch diese Selektivität unterscheidet sich das Studium einer Gestalt und somit jeder Ganzheit im Sinne (b) scharf vom Studium einer Totalität, das heißt, von einer Ganzheit im Sinne (a).

Die Tatsache, daß Ganzheiten im Sinne (b) wissenschaftlich studiert werden können, darf daher nicht zur Rechtfertigung der ganz anderen Behauptung, daß Ganzheiten im Sinne (a) auf diese Weise studiert werden können, ins Treffen geführt werden. Diese letztere Behauptung muß zurückgewiesen werden. Wenn wir eine Sache studieren wollen, müssen wir stets bstimmte Aspekte auswählen. ...

... Der [scil. von Popper als ‘utopistiosch' bezeichnete ] Versuch [scil. eine zukünftige Welt als ganze zu konstruieren] führt zu einem unendlichen Regreß; ähnlich steht es mit einem Versuch, die [scil. gegenwärtige] Gesellschaft als Ganzes zu studieren; [denn] ein solcher Versuch müßte [jeweils] sich selbst einschließen. Dennoch besteht kein Zweifel, daß die Utopisten im wahrsten Sinne des Wortes das Unmögliche verwirklichen wollen. Denn sie verkünden uns, daß es unter anderem sogar möglich sein wird, "die persönlichen Beziehungen auf realistischere Weise zu gestalten" 42 Niemand bezweifelt natürlich, daß zum Unterschied von Ganzheiten im Sinne (a) Ganzheiten im Sinne (b) gestaltet, gelenkt, ja sogar geschaffen werden können; wir können etwa eine Melodie komponieren; doch dies hat mit utopischen Träumen von einer total gelenkten Gesellschaft nichts zu tun.

Soviel zum Utopismus. Was den Historizismus betrifft, so ist die Lage ebenso hoffnungslos. Historizistische Holisten behaupten oft implizit, daß die historische Methode für die Behandlung von Ganzheiten im Sinne von Totalitäten geeignet ist 43. Aber diese Behauptung beruht auf einem Mißverständnis. Sie entsteht aus der Verbindung der richtigen Annahme, daß sich die Geschichte im Gegensatz zu den theoretischen Wissenschaften für konkrete individuelle Ereignisse und Persönlichkeiten interessiert, anstatt für allgemeine Gesetze, mit der falschen Annahme, daß die "konkreten" Individuen, für die sich die Geschichte interessiert, mit "konkreten" Ganzheiten im Sinne (a) gleichgesetzt werden können. Das trifft aber nicht zu, denn wie jeder andere Forschungszweig kann auch die Geschichte nur ausgewählte Aspekte des Gegenstandes behandeln, mit dem sie sich beschäftigt. Es ist falsch zu glauben, daß es eine Geschichte im Sinne des Holismus geben kann, eine Geschichte der "Zustände der Gesellschaft", die "das Ganze des sozialen Organismus" oder "alle sozialen und geschichtlichen Ereignisse einer Epoche" repräsentieren. Diese Idee entspringt aus dem Bild einer Geschichte der Menschheit als eines großen und allumfassenden Entwicklungsstromes. Doch eine solche Geschichte kann niemand schreiben. Jede geschriebene Geschichte ist die Geschichte eines bestimmten engen Ausschnitts, eines Aspekts dieser "Gesamtentwicklung". Und sogar von diesembesonderen beschränkten Aspekt aus gesehen ist sie eine sehr unvollständige Geschichte.

Die holistischen Tendenzen des Utopismus und des Historizismus sind in dem folgenden charakteristischen Satz vereint: »Wir waren nie gezwungen, das gesamte System der Natur so vollständig zu bilden und zu lenken, wie wir es heute mit unserer Gesellschaft tun müssen, und deshalb mußten wir nie in die Geschichte und Struktur der individuellen Naturwelten eindringen. Die Menschheit schickt sich an, ... ihr ganzes soziales Leben zu regeln, obwohl sie nie versucht hat, eine zweite Natur zu schaffen . . ." 44 Dieser Satz veranschaulicht den Irrglauben, daß uns, wenn wir als Holisten "das gesamte System der Natur vollständig" behandeln wollen, die Annahme der historischen Methode helfen wird. Doch die Naturwissenschaften, die sich dieser Methode bedienen, wie etwa die Geologie, erfassen bei weitem nicht das "gesamte System" ihres Gegenstandsgebietes. Ferner ist dieser Satz ein Beispiel für die falsche Ansicht, daß es möglich sei, Ganzheiten im Sinne (a) zu "bilden" oder zu "lenken" oder zu "regeln" oder zu "schaffen". Daß wir "nie gezwungen waren, das gesamte System der Natur zu bilden und zu lenken", ist gewiß richtig, schon deshalb, weil wir nicht einmal ein einziges Stück einer physikalischen Apparatur in seiner "Gesamtheit" bilden und lenken können. So etwas ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es handelt sich da um utopische Träume oder vielleicht um ein Mißverständnis. Und wenn man uns sagt, daß wir heute gezwungen sind, etwas logisch Unmögliches zu tun, nämlich das gesamte System der Gesellschaft zu bilden und zu lenken und das gesellschaftliche Leben als Ganzes zu regeln, dann ist das nur ein typischer Versuch, uns mit "geschichtlichen Kräften" und "bevorstehenden Entwicklungen" zu drohen, die eine utopische Planung angeblich unvermeidlich machen.

Übrigens ist der zitierte Satz auch insofern interessant, als er die sehr bedeutsame Tatsache zugibt, daß es im Bereich der Naturwissenschaft und der naturbearbeitenden Technik kein Gegenstück zur holistischen Technik und der ihr entsprechenden "Wissenschaft" gibt. Es trägt also zweifellos zur Klärung der Sachlage bei, wenn man die Analogie zwischen Naturund Sozialwissenschaft in allen Einzelheiten aufdeckt.

Das also ist meine logische Beurteilung des Holismus, des Felsens, auf dem wir eine neue Welt errichten sollen. ...

ANMERKUNGEN Nr. 41 - 44

41 Die Holisten werden vielleicht hoffen, dieser Schwierigkeit dadurch entrinnen zu können, daß sie die Gültigkeit der Logik leugnen, die ihrer Ansicht nach durch die Dialektik aufgehoben wird. In,, What is Dialectic?" (jetzt Kap. 15 meines Buches Conjectures and Refutations, 3. Aufl., 1969) habe ich versucht, diesen Ausweg zu verlegen.

42 Siehe K. MANNHEIM, Man and Society in the Age of Reconstuction., [1935] S. 202. Es sei hier erwähnt, daß gewisse Formen des psychologischen Holismus jetzt bei den Pädagogen sehr in Mode sind.

43 Die Lehre, daß die Geschichte sich mit "konkreten individuellen Ganzheiten" beschäftigt, die Personen oder Ereignisse oder Epochen sein können, wurde besonders von Troeltsch propagiert. Ihre Wahrheit wird von Mannheim dauernd vorausgesetzt.

44K. MANNHEIM, a. a. 0., S. 175 f. ...


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .