Professionalisierung, Spezialisierung und interdisziplinäre Kooperation besonderer Fachgebiete einer Altertumsgeschichte i. w. S. Aus: Jan Assmann, Ägyptologie im Kontext der Geisteswissenschaften.

Text entnommen aus: Jan Assmann, Ägyptologie im Kontext der Geisteswissenschaften, in: Wolfgang Prinz und Peter Weingart u. a. (Hg.), Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten, Frankfurt M. 1990, S. 335 ff- (338 - 340 und 346 - 349).


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III. Agyptologie und die Krise der Kleinen Fächer.

1. Professionalisierung und Spezialisierung.

Die Krise der kleinen Fächer besteht im Fehlen einer übergreifenden Rahmenperspektive. Das hat der Bamberger Islamwissenschaftler Klaus Kreiser deutlich gemacht, als er die kleinen Fächer mit »Robinsons auf ihren Inseln« verglich. Diese »Isolationskrise« hängt aber in keiner Weise mit der Auflösung der alten philosophischen Fakultäten zusammen. Was hier fehlt, sind Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit und Kommunikation, die niemals in den Geschäftssitzungen der Fakultät einen Rahmen gefunden haben. Es geht vielmehr sehr viel grundsätzlicher um den Verlust gemeinsamer Fragestellungen, Methoden, ja: Sprache.

Diese Fächer haben sich alle in der Blütezeit des Historismus als Spezialgebiete im Rahmen größerer, methodisch fundierter Fächer entwickelt wie Klassische Philologie und Theologie. Als Spezialgebiete waren sie vornehmlich sprachwissenschaftlich orientiert. Eine solche Orientierung läßt sich vorzüglich integrieren. Ein Orientalist kann leicht eine Vielzahl verschiedener Sprachen überblicken und zueinander in sinnvolle Beziehung setzen. In dem Maße aber, wie ein solches Spezialgebiet von der reinen Spracherschließung zu den Texten selbst, ihrem Inhalt und ihrem historischen Umfeld durchstößt und sich darüber zu einem eigenständigen Fach ausweitet, verliert es den Kontakt zu integrierenden Rahmendisziplinen. Denn es gibt wohl eine allgemeine Sprachwissenschaft, in deren Rahmen sich eine Komparatistik verschiedener Sprachen entfalten kann, aber keine »allgemeine Kulturwissenschaft«, die als Integrationsrahmen verschiedener Kulturwissenschaften fungieren könnte. Daher haben sich die »Kleinen Fächer« nach Maßgabe ihrer Ausdifferenzierung nicht nur von ihren Mutterdisziplinen, sondern auch voneinander entfernt. Die Entwicklung dieser Fächer läuft also nicht über Professionalisierung (von der »amateur science« zur »professional science«),8 sondern über die Spezialisierung (vom Spezialgebiet zum eigenständigen Fach), ein Prozeß, der sich übrigens heute innerhalb des Faches fortsetzt (Demotistik und Koptologie werden an einigen Orten bereits als eigene Fächer angeboten; der Abspaltung einer »ägyptischen Archäologie«, parallel zur längst als Fach etablierten »Vorderasiatischen Archäologie«, hat das Fach jedoch bisher aus guten Gründen widerstanden).

2. Das Problem einer »Kulturwissenschaft«.

Parallel zur internen Ausweitung, vom Spezialgebiet zum Fach, von der Philologie zur umfassenden Kulturwissenschaft, hätte sich eine »allgemeine Kulturwissenschaft« ausbilden müssen, die den Kulturvergleich auf gesicherte theoretische Grundlagen stellt, wenn anders die externe Isolation dieser Fächer hätte vermieden.werden sollen. In der Tat gehören derartige Ansätze in die gleiche Zeit, in der die Ausdifferenzierung der kleinen Fächer stattfindet. An erster Stelle sind hier Max und Alfred Weber zu nennen, in deren Tradition Taicott Parsons, Alexander Rüstow, Karl Jaspers (Vom Ursprung und Ziel der Geschichte) und (in größerem Abstand) Hans Kelsen und Eric Voegelin stehen, sowie auf anderer Ebene Ernst Cassirer (auch Namen wie Erich Rothacker und Arnold Bergsträsser wären in diesem Zusammenhang zu nennen); in Frankreich Emile Durkheim und Marcel Mauss (sowie Claude Levi-Strauss, J. P. Vernant u. a.), in England James Frazer und seine Schule - besonders die Cambridge Anthropologists um J. Harrison und G. Murray - sowie die Funktionalisten (B. Malinowski, Radcliffe-Brown, Evans-Pritchard und neuerdings vor allem M. Douglas und Sir Edmund Leach). Das Projekt einer theoretisch fundierten Kultursoziologie oder Kulturanthropologie hat sich in Deutschland bis heute nicht durchsetzen und etablieren können; die kleinen Fächer haben auch die theoretischen Anregungen (z. B. Max Weber oder neuerdings N. Luhmann) nicht oder nur zögernd aufgegriffen. Die deutschen Ansätze scheinen vor allem in den USA zum Tragen gekommen zu sein (vor allem im Chicago der Nachkriegszeit, wobei der kulturtheoretische Ansatz jetzt wohl am entschiedensten von Clifford Geertz vertreten wird). Es scheint dringend an der Zeit, sie in neuer, kooperativer Form aufzugreifen. ....

V. Ägyptologie als Partnerfach in pluridisziplinären Lehrund Forschungsprogrammen.

Was die Agyptologie in solche Zusammenarbeit einzubringen hat, ist vor allem ein ungeheures Material, das sich in ungewöhnliche Zeittiefen zurück erstreckt. Alle Fragen, die sich auf Entstehung, Frühformen, Entwicklung, kurz: Geschichtlichkeit des Menschen und seiner Welt beziehen sowie alle evolutionistischen Theorien der Staats- und Kulturentstehung haben in erster Linie hier eine Chance auf Beantwortung. Die ägyptischen Quellen führen uns in das Welt- und Menschenbild der Steinzeit zurück. Ägypten ist die früheste Staatsbildung großen Maßstabs und das extremste Beispiel einer Einheit von Staat und Religion. Durch die zentrale Stellung von Totendienst und Totenglauben sind wir hier über anthropologische Aspekte wie Menschenbild, Seelenvorstellungen, Ethik, Individuum und Gemeinschaft usw. besonders differenziert unterrichtet. Diese Quellen sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Das liegt nicht nur an der Menge dessen, was noch auszugraben und aufzuarbeiten ist, es liegt auch am Mangel erschließender Fragestellungen, wie sie das Fach aus eigener Kraft zu entwickeln außerstande ist.

Die Ägyptologie erschließt den Einblick in eine Vor-Welt, die unseren eigenen Wurzeln in Israel und Griechenland vorausliegt. Diese beiden Ursprungskulturen unserer geistigen Welt haben sich ihrerseits aufs Intensivste mit Ägypten auseinandergesetzt. Für Israel ist Ägypten bekanntlich die schlechthinnige Gegenwelt, der Auszug aus Ägypten ist der zentrale Gründungsmythos Israels, und weite Bereiche der Religion und Lebensform Israels sind in polemischer Abgrenzung gegen Ägypten zu verstehen. Für Griechenland andererseits war Ägypten Ursprung und Vorbild; Herodot sah hier die Urheimat der griechischen Götter und Platon bewunderte die einzigartige Stabilität der ägyptischen Kultur. Daher gehört die ägyptische Kultur auch in den engeren Umkreis unserer eigenen Ursprünge, und die Bedeutung der den Westen konstituierenden Konstellation »Athen und Jerusalem« wird man ohne »Memphis und Babylon« nicht verstehen können. Die Agyptologie vermittelt daher ein Wissen, das nicht nur unsere allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Wesen des Menschen und die Geschichte seiner Ideen und Institutionen erweitert, sondern auch unser eigenes kulturelles Gedächtnis betrifft. Sie besitzt nicht nur einen wissenschaftlichen Erkenntniswert (im Sinne des historistischen Geschichtsbegriffs), sondern auch einen »Bildungswert«. Von daher erklärt sich die ungewöhnliche Resonanz, die Ausstellungen ägyptischer Kunst, aber auch Ägypten als touristisches Reiseland bei einem breiteren Publikum finden. Was sich in der breiten Öffentlichkeit und im Schulunterricht als »Bildungswert« darstellt, stellt gegenüber der Wissenschaft einen besonderen Anspruch dar: den Auftrag, das Fremde nicht nur zu »beschreiben« in seiner exotischen Farbigkeit, sondern auch zu »erklären« und zu »verstehen«. Erklärungen bestehen darin, kulturelle Phänomene mit allgemeinen kulturtheoretischen Gesetzmäßigkeiten zu verbinden, Deutungen aber darin, das Fremde zum Eigenen in eine sinnvolle Beziehung zu setzen. Die Wissenschaft vermag diesem Auftrag nur gerecht zu werden, wenn sie aus ihrer gegenwärtigen Isolation herausfindet, nicht indem sie von einem »kleinen« zu einem »großen« Fach, sondern indem sie zu einem Partner wird im interdisziplinären Gespräch. Die Chancen für eine solche Partnerschaft sind in den letzten Jahrzehnten erheblich gewachsen. Das hängt mit einer grundsätzlichen Umorientierung in den Geisteswissenschaften zusammen. Anstelle der humanistischen und als solche eurozentrischen Perspektive setzt sich mehr und mehr eine anthropologische Perspektive durch. Griechenland und Israel haben ihre unbezweifelte Geltung absoluter und universaler Maßgeblichkeit in Fragen philosophischer und religiöser Wahrheit oder kultureller Selbstverwirklichung des Menschen verloren. Die Klassische Philologie war sich als Leitwissenschaft der »Mission« bewußt, das kulturelle Gedächtnis des Abendlandes zu verwalten, aus dem Memphis und Babylon explizit ausgeschlossen waren: »Mit den Werken Homers, Platos, Pindars, des Aeschylus, mit Cicero und Vergil läßt sich klassiche Philologie betreiben, aber bei den Keilinschriften und Hieroglyphen oder den lateinischen Chronisten und Versmachern des Mittelalters ließe sich ein der klassischen Philologie vergleichbares Unternehmen nicht denken«." Dieser humanistische Standpunkt, wie ihn noch 1952 Alexander Rüstow vehement vertreten hatte - »verläßt man ihn, so ist die Geschichte der Botokuden, der Zulukaffern und jeden anderen beliebigen Volkes genauso interessant, genauso »unmittelbar zu Gott«, und wir befinden uns mitten in einem haltlosen historischen Relativismus«" - hat einem anthropologischen Standpunkt Platz gemacht, und es ist vielleicht nicht abwegig, anstelle der klassischen Philologie ein Fach wie die Ethnologie zu den Leitwissenschaften der heutigen Geisteswissenschaft zu rechnen.

Entsprechend größere Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die Früh- und Fremdformen der Kultur. Das Verstehen fremden Denkens 15 gehört zu den zentralen philosophischen und kulturanthropologischen Fragen, Fächer wie Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft suchen verstärkt eine anthropologische Fundierung und ziehen immer mehr auch Fächer wie Ethnologie und andere Kulturwissenschaften, und besonders auch Agyptologie heran. In diesem Horizont einer neuen Frage nach der Geschichtlichkeit des Menschen, nach fremden und vergessenen Möglichkeiten des Menschseins, zeichnet sich auch eine neue Bedeutung jener Befunde ab, die durch die Agyptologie erschlossen werden.

ANMERKUNGEN Nr. 8 und 13 - 15

8 H. J. Trümpener, Die Existenzbedingungen einer Zwergwissenschaft. Eine Darstellung des Zusammenhangs von wissenschaftlichem Wandel und der Institutionalisierungsformen einer Disziplin am Beispiel der Agyptologie. Wissenschaftsforschung, Report Nr. 6, Bielefeld, o. J.

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13 W.Jaeger, »Philologie und Historie«, in: Humanistische Reden und Vorträge, 2. Aufl., Berlin 1960, S. sof. Der Vortrag stammt aus dem Jahre 1914.

14 Ortsbestimmung der Gegenwart, Erlenbach I90, Bd. 2, S. 12.

15 Vgl. H. G. Kippenberg, B. Lucchesi (Hg.), Die sozialwissenschaftliche Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens, Frankfurt 1978.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .