'Dreiste Absichtlichkeit der Publizistik und raschfertiger Dilettantismus der Philosophie' als Begründung für die Notwendigkeit einer 'Wissenschaftslehre der Geschichte'. Aus: J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus (II).

Text entstanden um 1843. Entnommen aus: J. G. Droysen, Vorwort zur Geschichte des Hellenismus II (1843). In: Kleine Schriften zur Alten Geschichte. Bd. I, Lepzig 1893, S. 298 - 314. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 128 ff. (138 f.).


... Noch finde ich, um die vorliegende Darstellung des Hellenismus zu bevorworten, einen Punkt hervorzuheben, für den freilich in dem Bisherigen wenigstens der Zusammenhang, in dem ich ihn betrachten zu müssen glaube, erkennbar sein wird. Ich befinde mich in der Verlegenheit, mich auf Erörterungen einlassen zu müssen, welche nur dann zu einem befriedigenden Resultat führen, die volle Kraft des Beweises gewinnen könnten, wenn ihnen innerhalb einer Historik, einer Wissenschaftslehre der Geschichte ihre Stelle vindiziert werden könnte. Es gibt wohl kein wissenschaftliches Gebiet, das so entfernt ist, theoretisch gerechtfertigt, umgrenzt und gegliedert zu sein, als die Geschichte; über die Virtuosität ihrer Technik und die überreiche Aufhäufung neuer Materialien, über die dreiste Absichtlichkeit der Publizistik und den raschfertigen Dilettantismus der Philosophie scheint die Wissenschaft zu vergessen, was sie entbehrt. Wie in jenen in Selbsttäuschung glücklichen Zeiten des Wolfianismus und der Enzyklopädisten die Philosophie mit einer Menge von sporadischen Ideen und Resultaten her und hin naturalisierte und dem Jahrhundert ihren Namen geben zu können glaubte, bis dann das mächtige Wort Kants den Kristallisationspunkt darbot, um den sich alle jene unruhige Gärung zu klaren festgefugten Gestaltungen niederschlug, ebenso irrt und wirrt auch unsere Wissenschaft, mit deren Namen unsere Zeit sich in mannigfachen Tendenzen zu bezeichnen liebt, noch umher, ohne ihren Lebenspunkt als Wissenschaft und damit ihr Gesetz, ihren Bereich, ihre Gliederung gefunden zu haben; noch glaubt sie bald da, bald dort ihn borgen zu müssen, gegängelt heut von Patriotismus oder banausischer Moral, morgen zurecht gewippt nach der Mechanik diplomatischer Kunst, ein andermal von plastischen oder romantischen Monomanien überfüttert, dann wieder von frommem Zelotismus in Sack und Asche gesteckt oder von hektischer Kritik bald ins Mystische verdüftelt, bald ins Triviale abgedämpft. Uns täte ein Kant not, der nicht die historischen Stoffe, sondern das theoretische und praktische Verhalten zu und in der Geschichte kritisch durchmusterte, etwa in einem Analogon des Sittengesetzes, einem kategorischen Imperativ der Geschichte, den lebendigen Quell nachwiese, dem das geschichtliche Leben der Menschheit entströmt. Oder hätte die »Philosophie der Geschichte« das schon gewährt? ich glaube nein, wenn anders sie das, was war und ist, für Exemplifikation der Logik, die Geschichte für den Automaten eines wenn auch noch so großartigen Systems dialektischer Bewegung gehalten hat; ich glaube nein, wenn sie auch in dem Prinzip der Persönlichkeit einen neuen Ausgangspunkt erringend, doch nur das Unerklärliche in millionenfacher Wiederholung postuliert zeigt. Willkommener könnte eine »Theologie der Geschichte« sein, wenn nicht Gefahr wäre, daß der Name einem noch ärgeren Dilettantismus, einer noch dreisteren Absichtlichkeit Tür und Tor öffnete. Und doch scheint manches darauf hinzudeuten, daß der tiefer erfaßte Begriff der Geschichte der Gravitationspunkt sein wird, in dem jetzt das wüste Schwanken der Geisteswissenschaften Stätigkeit und die Möglichkeit weiteren Fortschrittes zu gewinnen hat.

Ich begegne zunächst einer trivialen Frage. Heißt nicht mit vollem Recht die Zeit des Hellenismus die eines allgemeinen Verfalls? Man ist mit Worten wie Blüte, Verfall gar schnell bei der Hand; je einseitiger die Betrachtung, desto entschiedener und umfassender das Urteil. Nicht immer ist mit dem Verfall staatlicher Gestaltungen der des religiösen Lebens, der sozialen Entwickelungen gleichzeitig; noch weniger bedingt die Blüte der Gewerbe, des Handels, der Künste notwendig die des sittlichen Fortschrittes, der nationalen Kraft. Die unendlich reichen Beziehungen, die in ihrem tausendfach geschürzten Gewebe erst das Leben der Geschichte darstellen, wie selten lassen sie sich auf so abstrakte Gesamtausdrücke zurückfuhren. ...


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .