Der Krieg als gesellschaftsstrukturell wesentliches Moment antiker Geschichte. Aus: Moses I. Finley, Krieg und Herrschaft.

Text entstanden um 1984 und zuerst veröffentlicht in: HZ 259, 1984, S. 286 - 308. Entnommen aus: Moses I. Finley, Quellen und Modelle in der Alten Geschichte. Übersetzung aus dem Englischen von Wilfried Nippel und Andreas Wittenburg, Frankfurt M. 1987, S. 84 - 106 (91 - 106 und 151 - 154).


... Moralische Billigung oder Mißbiligung einer kriegerischen Handlung, so begründet sie als Urteil eines Beobachters auch immer sei, kann doch nicht mit gutem Recht und so ohne weiteres in den Erwägungsspielraum der Handelnden [scil. in der Alten Geschichte, mit der sich Finleys Beitrag befaßt; d. Hg.] einbezogen werden [scil.: von heutigen Historikern, die nach Finley dazu tendieren; d. Hg.]. Marx hat diesen Fehler vermieden, und der Ausgangspunkt für jede marxistische Betrachtung (oder eigentlich für jede Betrachtung überhaupt) des Krieges in der Antike ist ohne Frage das folgende Zitat aus seinen 'Grundrissen':

»Die Schwierigkeiten, die das Gemeindewesen trifft, können nur von anderen Gemeindewesen herrühren, die entweder den Grund und Boden schon okkupert haben, oder die Gemeinde in ihrer Okkupation beunruhigen. Der Krieg ist daher die große Gesamtaufgabe, die große gemeinschaftliche Arbeit, die erheischt ist, sei es um die objektiven Bedingungen des lebendigen Dasiens zu okkupieren, sei es um die Okkupation derselben zu beschützen und zu verewigen. [...] Wird der Mensch selbst als organisches Zubehör des Grund und Bodens mit ihm erobert, so wird er miterobert als eine der Produktionsbedingungen, und so entsteht Sklaverei und Leibeigenschaft, die die ursprünglichen Formen aller Gemeinwesen bald verfälscht und modifiziert und selbst zu ihrer Basis wird.«12

Damit erweiterte und verfeinerte Marx den Gedanken, daß Krieg eine 'natürliche< Form menschlichen Verhaltens sei, indem er feststellt, daß Krieg in frühen Gesellschaften der grundlegende Faktor für wirtschaftliches Wachstum und demzufolge für die Veränderung der Sozialstruktur sei. »Militärische Macht« schreibt Perry Anderson, »hing stärker mit wirtschaftlichem Wachstum zusammen als bei allen anderen Produktionsverhältnissen vorher und seitdem.« Das »volle Potential der Produktion in einer Sklavenhaltergesellschaft wurde erstmals von Rom entfaltet« in der frühen Kaiserzeit, nachdem der »räuberische Militarismus« der Republik »ihr hauptsächliches Mittel zur wirtschaftlichen Akkumulation« gewesen war. 13 Dem können wohl auch Geschichtsforscher zustimmen, die nicht Marxisten sind und Begriffe wie >Produktionsverhältnisse< nicht verwenden. Für den Bereich der römischen Geschichte scheinen mir jedenfalls die Belege in dieser Hinsicht erdrückend. 14 Dennoch werden uns immer wieder Kostproben von Publikationen gegeben, die sich mit den Ursachen des einen oder anderen Konflikts in der römischen Geschichte beschäftigen, denen aber nicht die allergeringste übergreifende Vorstellung von der Natur des Krieges und seinen Ursachen zugrundeliegt; im Bereich der griechischen Geschichte haben derartige Publikationen nahezu Monopolstellung. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber die vorherrschenden Interpretationsmuster findet man nicht aufgrund einer statistischen Untersuchung, wieviele Autoren auf der einen oder der anderen Seite stehen.

Ich kann nicht für mich beanspruchen, daß ich alle Publikationen studiert habe, doch nach meiner Kenntnis gibt es nur zwei längere Arbeiten im Umfang eines Buches, die den Krieg in der Antike als ein >normales< strukturelles Element der antiken Gesellschaft untersuchen, und sie tun es beide vom marxistischen Standpunkt aus. Die erste, im Jahre 1901 veröffentlichte Arbeit ist Ettore Ciccottis La guerra e la pace nel mondo antico. Dieses Buch basiert auf der mehrmals wiederholten These, daß »mit der unzureichenden Entwicklung der Produktionskräfte eine Tendenz einherging, sich einem System gewaltsamer Aneignung zuzuwenden, besonders im Verhältnis zur Außenwelt.« 15 Ciccotti war eine führende Figur in italienischen Historikerkreisen zu jener Zeit, als der Marxismus heftig diskutiert wurde, und Gaetano De Sanctis widmete seine Antrittsvorlesung in Turin im Jahre 1904-05 einem Angriff auf den Marxismus, indem er Ciccottis Werk einer Kritik unterzog und der marxistischen Dialektik als Ansatz einen multikausalen Positivismus entgegenstellte. Cicottis Antwort war ein Pamphlet mit dem Titel Die Philosophie des Krieges und der Krieg gegen die Philosophie, das De Sanctis so in Rage brachte, daß er seinerseits mit einem langen und unverblümt scharfen Nachtrag zu seiner ursprünglichen Vorlesung antwortete, der den Titel Über den historischen Materialismus trug. Später griff Croce mit weniger Sympathie für De Sanctis, als man erwartet hätte, die Auseinandersetzung kurz wieder auf, und zwar in den Kapiteln über den historischen Materialismus in seiner Geschichte der italienischen Historiographie des i9.Jahrhunderts, die er 1914 und 1915 schrieb, aber erst 1921 veröffentlichte. Danach schlief die Diskussion ein, soweit ich weiß, und Ciccottis Buch verschwand aus dem Blickfeld. 16 Ein halbes Jahrhundert später erschien Yvon Garlans La guerre dans l'antiquité, und auch dieses Buch scheint keinen großen Anklang gefunden zu haben.

Wenn Krieg wirklich eine zentrale Frage des antiken Staats war, wenn Krieg eine stets gegebene Möglichkeit war, dann ist die Suche nach den Ursachen eines bestimmten Krieges solange zum Scheitern verurteilt, als sie sich in einer Beschreibung der vorangehenden Ereignisse erschöpft. Thukydides hat mit seinem kurzen Satz über den »wahrsten Grund« des Peloponnesischen Krieges einen solchen Ansatz ad absurdum geführt. Angesichts der athenischen Expansion und der Furcht der Spartaner davor war der Krieg zwischen beiden unvermeidlich, und es spielte kaum eine Rolle, ob er in dem einen oder anderen Jahr infolge des einen oder des anderen Zwischenfalls ausbrach. Die Unfähigkeit heutiger Historiker, sich über die unzähligen Fragen dieser Art zu einigen, verstärkt diesen Eindruck.

Aber einmal angenommen, wir versuchen es mit folgendem Ansatz. Man kann sich ohne Diskussionen darauf einigen, daß viele Kriege aus verschiedenen Gründen geführt wurden, sei es rein zur Verteidigung, sei es zur psychologischen Befriedigung, wie sie Ruhm oder Rache bieten konnten, oder um begrenzter taktischer Ziele willen. Kriege wurden auch aus Furcht geführt, wie es Thukydides im Falle des Peloponnesischen Krieges annahm, und das ist ein besonders interessantes Motiv, weil es die Behauptung als wahr erweist, daß der Krieg in der Existenz dieser Welt angelegt ist, etwas >Natürliches< ist. Wovor mußte man sich fürchten? Vor der Möglichkeit, daß ein anderer Staat durch Gewaltanwendung das eigene Territorium überfallen und plündern, erobern und auf irgendeine Weise unterjochen würde. Das waren zu keiner Zeit in der Antike etwa eingebildete oder neurotische Befürchtungen. Bei kleineren Staaten versteht sich das fast von selbst, aber es gilt doch, auch wenn es paradox erscheint, ebenso für die mächtigsten imperialistischen oder Hegemonialstaaten. Man braucht nur daran zu denken, wie leicht die Römer trotz der Erschöpfung durch den Hannibalischen Krieg im Jahre 201 v. Chr. durch Rhodos und Pergamon zu dem sogenannten 3. Makedonischen Krieg veranlaßt werden konnten. Eine Erwägung in einer unauflöslischen Kombination von Motiven war ausdrücklich die Furcht vor der vereinten Bedrohung durch Philipp V. von Makedonien und Antiochos III. in Syrien.

Aber nachdem wir all diese verschiedenen Motive aufgezählt haben, bleibt doch als unverrückbare Tatsache, daß Kriege in der Antike Gewinn brachten und daß sich die politischen Führer dessen voll bewußt waren. Man kann nun fragen, wer Gewinn davontrug. Wie wurden die Gewinne verteilt? Was waren die Folgen? Ich will nicht behaupten, daß das Motiv des Gewinns das Denken der Antike in bezug auf den Krieg oder die diesbezüglichen politischen Entscheidungen allein bestimmte, oder daß er bei der Motivation auch nur stets im Vordergrund stand. Sicher gab es viele Kriege vor allem untergeordneter Bedeutung, bei denen der Gewinn der vorherrschende Beweggrund war und deren Geschichte mehr oder minder unter die Kategorie »Viehraub« fiel im Sinne der Erzählung Nestors bei Homer (Ilias i i, 670-84). Diese Kriege fanden in den Quellen (und in der modernen Forschung) keine größere und häufig gar keine Beachtung. Am anderen Ende der Skala stehen die Kriege, die um höchste Einsätze geführt wurden, bei denen es sogar um das Überleben des Einen der beiden Gegner gehen konnte; Kriege, bei denen der einzelne Soldat auf Beute gehofft haben mag, bei denen aber derartige Erwägungen nicht das hauptsächliche oder auch nur ein hauptsächliches Element auf der Ebene der politischen Entscheidung gewesen sein können (es sei denn post factum).

Zwischen diesen beiden Extremen gab es jede Art Kombination von Motiven. Selbst der Feldzug Philipps II. von Makedonien gegen die Skythen im Jahre 339 v. Chr., von dem ausdrücklich berichtet wird, sein Zweck sei gewesen, die Kasse der Makedonen aufzufüllen, was Philipp in höchst zufriedenstellendem Maße zustandebrachte, hatte doch auch politische Aspekte.17 Oder die >Strafexpedition< Roms gegen die sieben epirotischen >Städte<, die sich im Jahre 167 v. Chr. auf die Seite des Königs Perseus von Makedonien gestellt hatten, artete in fast beispiellose Plünderung aus, einschließlich der Versklavung von 150 ooo Männern, Frauen und Kindern. Ein Staat, hat Harris geschrieben, der Antiochos III. eine Reparationszahlung von 15000 Talenten auferlegt und an einem einzigen Tag i5oooo Epiroten versklavt, kann nicht als »zögernd in seinem Streben sich zu bereichern« bezeichnet werden. 18

In seiner Schilderung der Vorgänge, die zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges führten, läßt Thukydides eine athenische Gesandtschaft in Sparta folgende Argumente vortragen (1,76,2):

»Wir haben also nichts Erstaunliches getan, nichts gegen menschliche Art, wenn wir die uns angebotene Herrschaft angenommen und sie dann auch nicht wieder aufgegeben haben, well uns drei sehr mächtige Motive beherrschten: Ehre, Furcht und Gewinn. Wir sind auch nicht die ersten, die so gehandelt haben, sondern es war immer die Regel, daß der Schwächere von den Stärkeren beherrscht wurde [...].«

Natürlich war es die Ausdehnung des athenischen Reichs, die im Mittelpunkt des Kampfes um die Macht stand, aus dem schließlich der Peloponnesische Krieg wurde.

Ehre und Furcht finden bei den modernen Geschichtsforschern in ihren Darstellungen antiker Kriege großen Anklang als Motive, aber normalerweise nicht der Gewinn.19 Hier scheint eine eigenartige Inkonsequenz in der Bewertung um sich zu greifen. Im Jahre 1971 leitete Pritchett seine Kapitel über Kriegsbeute bei den Griechen ein mit dem Satz: »Eine umfassende Untersuchung über Kriegsbeute ist niemals geschrieben worden. « 20 Doch Thukydides (6,24,3) zählt die Hoffnung auf Gewinn ausdrücklich als eines der Motive auf, die hinter der Entscheidung für die Sizilische Expedition im Jahre 415 v. Chr. stehen; Aristoteles (Politik 1256b 23-26) reiht den Krieg nicht weniger ausdrücklich unter die >natürlichen< Arten des Erwerbs ein; und mehr und mehr inschriftl ich erhaltene Texte überliefern Verträge, die zuallererst festlegen, wie die erwartete Kriegsbeute unter die miteinander Verbündeten aufzuteilen sei. 21 All das scheint einfach der Vergessenheit oder der Mißachtung anheimzufallen: »Wenn Rom auf Beute aus gewesen sein sollte, hat es sich nicht sehr geschickt angestellt. Zuviele Gelegenheiten wurden ausgelassen [...]«. 22 Andererseits taucht das Beutemotiv wieder bei sehr zweifelhaften Gelegenheiten ungerechtfertigt auf, wie z. B. im Zusammenhang mit der Gründung des Attischen Seebunds, der schnell zu einem athenischen Reich wurde. 23 Abgesehen von einigen sonderbaren und nicht sehr zahlreichen Ausnahmen also schenken die Standardwerke zur griechischen und römischen Geschichte dem materiellen Gewinn aus Kriegstätigkeit wenig oder gar keine Aufmerksamkeit. Statt dessen findet man eine stetige Abfolge von diplomatischen und politischen Ereignissen, die aus irgendwelchen nicht hinreichend erklärten Gründen zu einem Waffengang führen.

Wenn wir uns nun stattdessen einmal vorstellten, es gäbe eine Möglichkeit, eine Anzahl von Modellen für Kriege in der Antike zu konstruieren? Zu Beginn müßten wir zwischen kleinen und großen Staaten unterscheiden. Eine Untersuchung der mehr als 2500 »wichtigen« neuzeitlichen europäischen Schlachten in der Zeit zwischen 1480 und 1940 hat ergeben, daß die Häufigkeit in der Beteiligung einzelner Staaten von 47% (Frankreich) bis 2% (Dänemark) reichte; daß »klarerweise die großen Mächte am häufigsten kämpften«, während es kleine Staaten in der Regel vorzogen, ihr Schicksal lieber hinzunehmen als »einen Krieg zu beginnen, der ihre Situation vermutlich eher verschlimmern würde und zu dessen Ausgang sie nur wenig beitragen konnten.« 24 Es ist eine vertretbare Annahme, daß das mutatis mutandis auch für die antiken Stadtstaaten gilt, und eine halbwegs neue Untersuchung von Amit über den fortgesetzten Kampf dreier kleiner Staaten um die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit - Aigina gegen Athen, Plataiai gegen Theben, Mantineia gegen Sparta - liefert ausführliche Belege. »Die griechische polis«, schreibt Amit,

»war der Theorie nach eine kleine, unabhängige Einheit, die weder nach Expansion noch nach Eroberung strebte; jede Stadt, ganz gleich wie groß oder stark sie war, war ein gleichberechtigtes und autonomes Mitglied der griechischen Gemeinschaft. Aber in Wirklichkeit herrschten die Großen über die Kleinen [...1. Der Kampf der großen Mächte Griechenlands um die Hegemonie ist nur ein Aspekt der griechischen Geschichte, die ständigen Konflikte zwischen den kleinen und den großen Städten ist ein gleichermaßen wichtiger charakteristischer Zug.« 25

All das könnte man noch ausführlicher quantitativ bestimmen. Die Annahme, von der ich eben ausgegangen war, könnte überprüft werden, indem man alle bekannten Kriege oder Schlachten im archaischen, klassischen und hellenistischen Griechenland systematisch in diese einfachen Kategorien von kleinen und größeren Stadtstaaten aufgliedert. Eine solche Gliederung würde niemals eine so repräsentative Statistik werden wie die Analyse neuzeitlicher europäischer Kriege von Quincy Wright - es gibt einfach keine ausreichenden Belege -, aber ein solches Vorgehen würde doch unser Verständnis mehr vertiefen, als das jeder anderen Untersuchung bisher gelungen ist. Es würde so allgemeine Feststellungen entweder bestätigen oder als falsch erweisen, wie sie zum Beispiel de Ste. Croix in seinem Buch über die Ursachen des Peloponnesischen Krieges trifft, daß »Streitigkeiten über Landbesitz, vor allem im Grenzgebiet zwischen zwei Staaten, der vornehmliche Grund für Kriege zwischen griechischen Staaten waren«. Andere »Typen«, fügt er hinzu, »werden gelegentlich erwähnt. Zum Beispiel spricht Demosthenes (15,170) von Kriegen >um die Hegemonie<: der Peloponnesische Krieg war von dieser Art.« 26 Indes waren alle wichtigen Kriege der Antike von dieser Art, zumindest von dem Zeitpunkt an, als es in spätarchaischer Zeit große Kampfverbände gab. Es gab keine klare Unterteilung in zwei >Typen< von Kriegen, einmal um Landbesitz, das andere Mal um die Hegemonie. Eine derartige Vorstellung ist im Grunde ein Überbleibsel der einstmals vorherrschenden und- sich hartnäckig behauptenden unsinnigen Annahme, Rom habe, wie Großbritannien, sein Reich in einem Anfall von zufälliger Selbstvergessenheit erworben. 27 Wenn man ein Reich >Hegemonie< nennt, ändert das weder seine Beschaffenheit noch seine Ziele im allergeringsten. Unterschiede in der Machtstruktur innerhalb von Hegemonialstaaten stellten natürlich wichtige veränderliche Faktoren dar. Ein Perikles, der Jahr für Jahr als strategos wiedergewählt wurde, war anders motiviert als ein ehrgeiziger römischer Konsul, der nur ein Jahr zur Verfügung hatte, um militärischen Ruhm und materiellen Gewinn zu erobern.

Des weiteren erfordert unser Modell den Einschluß von Kosten und Gewinn als zwei veränderlichen Faktoren, die zusätzlich bestimmt sind durch die Art und Weise, in der sie verschiedenen Teilen der Bevölkerung zufielen oder zugeschanzt wurden. Die Bedeutung dieser zusätzlichen Qualität ist schnell zu beweisen. In allen Diskussionen der letzten Jahrzehnte um die »Popularität der athenischen Herrschaft« 28 fehlt ein entscheidendes Glied; wir wissen nämlich nicht, auf welche Weise der an Athen zu zahlende Tribut in den unterworfenen Staaten des Reiches aufgebracht wurde. Wenn die übliche Praxis klassischer griechischer Stadtstaaten vorherrschte, was nicht fernliegt anzunehmen, dann fielen die Kosten des Tributs fast vollständig auf den wohlhabenderen Teil der Bürgerschaft zurück, und das ließ der armen Bevölkerung diesbezüglich keinen Grund für einen Widerstand oder auch nur Widerwillen gegen die athenische Hegemonie. Man könnte das im Zusammenhang mit anderen Faktoren sehen, die ihre Haltung gegenüber der Herrschaft günstig beeinflußt haben mögen.

Aber es gibt immer ein >wenn<, sobald es um positive Angaben geht, und dieser besondere Mangel an Information stört die meisten Bemühungen um eine Bilanz antiker Kriegsführung, Eroberung und Herrschaft. Wir wissen zum Beispiel, daß sich Rom als Gemeinschaft und viele einzelne Römer in der Zeit zwischen, sagen wir, 367 und 30 v. Chr. durch die fortdauernden Kriege ungeheuer bereichert haben; wir haben eine gewisse, wenn auch keine allzu genaue Vorstellung von der Größe einzelner Vermögen von Römern in der frühen Kaiserzeit; wir kennen die Zahl der Legionäre, die unter Sold standen, und können sogar einigermaßen abschätzen, was ihre Ernährung und der Transport während einer Kampagne gekostet haben. Aber wir können nicht sagen, wieviel eine Kampagne insgesamt oder ein ganzer Krieg gekostet hat, noch nicht einmal in groben Geldvorstellungen (und ganz abgesehen von der weiteren Schwierigkeit, Lebenshaltungskosten oder Verwundungen oder den Verlust an bäuerlicher Arbeitskraft in Geldbeträge umzusetzen). Eine quantitative Analyse im eigentlichen Sinne ist daher völlig ausgeschlossen (und für Griechenland ist die Aussicht da noch geringer als für Rom). Eine Darstellung jedoch, die sich auf ein nicht quantitativ orientiertes Modell stützt, bleibt ein mögliches und lohnendes Unterfangen.

Ich kann hier nicht mehr bieten, als daß ich die veränderlichen Faktoren aufzähle und auf einige der analytischen Probleme hinweise, aber zuallererst muß ich auf eine wichtige grundsätzliche Schwierigkeit hinweisen. Kein speziellerer Themenbereich erfährt in der Alten Geschichte soviel Beachtung, über keinen wird soviel geschrieben, wie die Ereignisse, die einem Krieg vorangehen und zu ihm führen - die diplomatische Tätigkeit, die Schritte, die zum Kriegsbeschluß führen, die öffentliche Meinung und Psychologie. Und doch ist es weder bösartig noch verkehrt zu behaupten, daß es kein Thema gibt, zu dem eine Ansicht zu äußern wir in begrifflicher und theoretischer Hinsicht weniger gerüstet sind. Es gibt zum Beispiel keine belegbare Grundlage für eine Behauptung wie die folgende (die aus einer unendlichen Zahl solcher Beispiele beliebig herausgegriffen ist):

»Es gab in Athen noch beachtliche Ressentiments gegen die Perser, und bald nach der Veröffentlichung von Isokrates' Schrift Über den Frieden führte ein Aufruhr im Volk zugunsten eines Krieges mit Persien zu einer Debatte, in der Demosthenes sich in seiner Rede Über die Symmorien erfolgreich für Zurückhaltung aussprach. Keine verantwortliche öffentliche Persönlichkeit konnte diese antipersische Hysterie irgendwie ermutigen.« 29

All das stützt sich allein auf einige rhetorische Bemerkungen bei Demosthenes selbst, und man fragt besser nicht nach mehr Einzelheiten oder weiteren Feinheiten, etwa: wieviel antipersische Ressentiments gab es wirklich, und wo in der Bürgerschaft waren sie zu finden? Wer hatte die betreffenden Anträge in die Volksversammlung eingebracht, die Demosthenes zu Fall bringen konnte (und zwar er allein, wie er später behauptet (i,6) obwohl dies seine erste politische Rede war)? Gab es wirklich keine >unverantwortlichen< Persönlichkeiten, die in der Lage und willens waren, die athenische Volksversammlung damals auf die andere Seite zu ziehen?

Es ist ein ernüchternder Gedanke, daß nicht nur diese Fragen nicht zu beantworten sind, sondern auch alle vergleichbaren Fragen im gesamten Bereich der Alten Geschichte. Wir haben genau drei Sammlungen von politischen Reden über das Thema Krieg und Frieden, die des Demosthenes, die des Isokrates (die eher Pamphlete als Reden waren) und die des Cicero (dessen Gegenstand im allgemeinen mehr der Bürgerkrieg war als Konflikte mit der Außenwelt). Doch nach fast zwei Jahrhunderten Forschung gibt es noch immer keine Übereinstimmung über diese Advokaten und ihre Ziele. 30 Und wie könnte es sie geben, wenn die Kategorien, denen die Historiker sich zu nähern versuchen, Verantwortung, Ehrenhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Unparteilichkeit heißen. Es scheint zweifelhaft, ob solche persönlichen Qualitäten als historische Faktoren von Bedeutung sind, und es ist sicher, daß sie in Einzelfällen unbestimmbar bleiben, sei es im Falle des Perikles oder des Demosthenes, des älteren Cato oder irgendeines der Scipionen. Im übrigen besteht die Überlieferung aus subjektiven Erklärungen der Handelnden selbst, ohne daß wir hinreichende unabhängige Zeugnisse als Gegengewicht besäßen. Der Althistoriker darf keinen Augenblick lang vergessen, daß in diesem Bereich seine Zeugnisse von Außenstehenden nur sehr rar sind und selten unmittelbar oder verläßlich. Was Cawkwell über Demosthenes schrieb, legt die in allen Fällen notwendige Vorsicht nahe: »Das historische Urteil muß sich nicht unbedingt dem anschließen, was er über sich selbst und seine Gegner äußert.« 31

Kurz gesagt, sogar auf der Ebene der Aufstellung von Modellen und bei wesentlich vereinfachenden Voraussetzungen können die Kriege der Antike erst konkret erfaßt und untersucht werden, nachdem sie bereits begonnen haben. Und auch dann nehmen Schlachtbeschreibungen den größten Raum in der vorhandenen, zweifelhaften Überlieferung ein; wenig weiß man über Fragen des Nachschubs und der Logistik, der Wirtschaft in Kriegszeiten ganz allgemein oder über die Kampfmoral, sofern nicht eine Krise eintrat. War jedoch ein Krieg einmal abgeschlossen, und insbesondere, wenn er mit einem klaren Sieg für die eine oder andere Seite geendet hatte, dann sind es die Folgen, die für eine Analyse der von mir vorgeschlagenen Art hilfreich sind. Natürlich will ich damit nicht sagen, daß die Folgen notwendigerweise im nachhinein die Ursachen oder den Verlauf eines Krieges erhellen müssen; aber ich stelle mit Genugtuung fest, daß wir uns im Hinblick auf Kriegsfolgen in einer günstigeren Position finden bei dem Bemühen, den Stellenwert des Krieges allgemein und bestimmter einzelner Kriege in der Gesellschaft der Antike zu erfassen.

Der erste Punkt wäre da der Gewinn im engeren Sinne, also Beute (von der die Gefangenen meistens den größten Wert darstellten), dann Kriegsentschädigungen und konfisziertes Land. Einige dieser Gewinne wurden unmittelbar erzielt, wenn zum Beispiel eine Stadt geplündert wurde, aber andere, die manchmal sehr viel höher lagen, erlangte man erst später, je nach der Größe des Sieges, der Stärke und sozialen Struktur des Siegers und seinen längerfristigen Zielen. Doch muß noch eine weitere Unterscheidung, und zwar in Hinblick auf die Verteilung des Gewinns gemacht werden, ob er nämlich einzelnen Soldaten zugute kam, den Feldherren oder dem Staat als solchem. Solche unterschiedlichen Verfahrensweisen standen in engem Zusammenhang mit der Dauer eines Feldzuges und mit der Entfernung des Kriegsschauplatzes von der Heimat: je länger die Zeit wurde und je größer die Entfernung, desto dringender war der Bedarf nach Einnahmen sowohl von seiten des Staates wie von seiten der Truppe. Die zweijährige Belagerung von Poteideja kostete den athenischen Staat 2000 Talente (Thuk.2,7o,2), aber das war zu der Zeit, als der Tribut des Reichs fortlaufend dazu herhielt, große Barreserven anzulegen, was eine seltene Praxis unter antiken Staaten war. 32 Auch dann aber bedeutete die Aussicht auf lange Abwesenheit von Haus und Hof ein dringendes finanzielles Problem, dessen Lösung, von außerordentlichen Kriegssteuern abgesehen, entweder Gewinn aus Feindvermögen oder Abgaben Unterworfener oder beides waren. In seiner erklärenden Feststellung, warum am Ende in der entscheidenden Volksversammlung alle für die Sizilische Expedition stimmten (6,24), sagt Thukydides auch folgendes: 4...] die versammelte Menge und der Soldat schließlich meinten, daß sie vorderhand Geld bekommen würden und die Macht vergrößern würden, aus der auf ewig Sold käme.« 33

Das sind starke Worte, indes sie entsprechen, wie ich meine, dem, was ich für die normale Haltung der Soldaten halte, egal ob Bürger oder Söldner, nämlich das Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben, sobald der Kriegsdienst sie für längere Zeit auf größere Entfernung fortführte. 34 Noch nicht einmal das gewaltige Maß an Vorbereitungen von Seiten Athens für die Sizilische Expedition reichte unter solchen Bedingungen aus, wie die Ereignisse auf der Insel in den zwei nachfolgenden Jahren zeigten. Im Falle eines Falles war stets die Nagelprobe, ob Mittel von seiten Unterworfener oder aus Beute (oder aus beiden Quellen) verfügbar waren und ob man Nachschub durch Ausplünderung des Landes beschaffen konnte; im großen und ganzen war die Organisation des Nachschubs notwendigerweise höchst unzureichend. 35

Mit der Zeit führten finanzielle Erwägungen zu einer grundlegenden Veränderung in der Beschaffenheit griechischer und römischer Heere, und ein Modell muß diesen Umstand einbeziehen. Das Bürgerheer der spätarchaischen und frühklassischen Zeit wurde nicht abgeschafft und ersetzt, denn die militärische Verpflichtung der Bürger, der Kriegsdienst, blieb bestehen, doch wurde es in der Praxis zu einem guten Teil von Berufssoldaten abgelöst, ob das nun bei den Griechen mehr oder minder freiwillige Söldner waren oder mehr oder minder zwangsverpflichtete proletarii in der Römischen Republik. Die grundsätzliche Entscheidung für einen Kampf oder dagegen, die Einstellung der Truppe, ihr Verhalten, all das veränderte sich, ob wir das nun heute noch verfolgen können oder nicht. Entsprechend veränderte sich das Verhalten der Offiziere, was in ihrem Anteil an der Beute seinen Ausdruck fand. Ungleiche Verteilung von Beute zwischen Offizieren und Mannschaften, wie bei der aus dem frühen 2.Jahrhundert v. Chr. stammenden Regelung über die Verteilung von Geldern unter die Soldaten bei Gelegenheit eines Triumphes - Centurionen erhielten doppelt soviel wie ein gewöhnlicher Legionär, Angehörige der Reiterei wiederum die Häfte davon 36 -, ist eine einfache Widerspiegelung sozialer Abstufung im militärischen Bereich. Daraus ergaben sich keine weitreichenden Konsequenzen. Worum es mir geht, ist mehr die Entwicklung, die sich in unterschiedlicher Form mehrmals im Verlauf der Alten Geschichte wiederholte, derzufolge militärische Befehlshaber die Kontrolle über beträchtliche finanzielle Reserven gewannen und sie für ihre persönlichen politischen Ziele einsetzten, für die Eroberung der Macht oder deren Ausdehnung und Stabilisierung. Die Tyrannen in Sizilien in der Zeit vom 6.Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende der Selbständigkeit der Insel im 3.Jahrhundert v. Chr. sind vielleicht in dieser Hinsicht die kontinuierlichste Erscheinung; die ungeheuren Vermögen und die beispiellose Macht, die sich die wichtigsten römischen Befehlshaber im letzten Jahrhundert der Republik erwarben - Sulla, Pompeius, Caesar, Octavian - sind die dramatischsten Beispiele. 37

Daß der Sieg zu ernsthaften inneren Störungen in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht führen konnte, ist natürlich ein Gemeinplatz: man denkt sofort an die inneren Auseinandersetzungen auf Korkyra und die oligarchischen Umstürze in Athen aus der Zeit des Peloponnesischen Kriegs, und an den wichtigsten aller Fälle, nämlich die Ablösung der Römischen Republik durch das Prinzipat. Die Frage, die wir uns nunmehr vorlegen müssen, ist die, ob man durch die Benutzung nichtquantitativer Modelle das Auftauchen oder Fehlen solcher Störungen erklären kann. Ich glaube, man kann das, aber nur dann, wenn man in diese Modelle den Faktor der dauerhaften Eroberung und Herrschaft einbringt. In der Antike brachte Eroberung regelmäßig die Inbesitznahme des Landes zum Zwecke der eigenen Nutzung mit sich und die Auferlegung steuerlicher und militärischer Lasten für die neuen Untertanen. Das war in Italien ein lange andauernder Prozeß, und der kumulative Effekt des römischen Systems, konfisziertes Land, den ager publicus, in großem Ausmaß zu besetzen und zu nutzen, war die Proletarisierung einer großen Zahl von Bauern und die Ansiedlung von sehr vielen Veteranen und sonstigen ärmeren Bürgern in zu großer Entfernung von der Stadt Rom, als daß es ihnen ohne weiteres (oder häufig überhaupt) möglich war, ihr Bürgerrecht zu nutzen. Die Herrschaft Athens im 5. Jahrhundert v.Chr. hingegen, obwohl sie ebenso den Erwerb ausgedehnten Landbesitzes für die wohlhabenderen Bürger brachte, ließ doch gleichzeitig auch einen größeren Teil der ärmsten Bürger, insgesamt vielleicht zehntausend, durch das sogenannte Kleruchensystem in eine höhere Vermögensklasse aufsteigen. 38

Hier also liegen die Wurzeln zweier verschiedener Modelle antiker Herrschaft: das eine ist eine maritime Herrschaft mit beschränkten Möglichkeiten für eine territoriale Ausdehnung, die sich auf die Flotte stützt und daher gezwungen ist, dem gemeinen Volk, dem demos, eine beherrschende Rolle bei den politischen Entscheidungen zuzugestehen; das andere ist eine auf das Land ausgerichtete Herrschaft, die in ihrer Fähigkeit und ihrem Drang zu Expansion fast unersättlich ist, in der indes die herrschende Oligarchie die hauptsächlichen materiellen Vorteile der Eroberung für sich beansprucht und die ungebrochene politische Kontrolle behält. Beide Modelle, einmal sorgfältig ausgearbeitet, würden auch ein wesentliches dynamisches Element enthalten. Sonst würden sie kläglich versagen, denn sie könnten nicht erklären, wie und warum die athenische Herrschaft über das Ziel hinausschoß und die Herrschaftsausübung durch Rom eine derartige Veränderung im Gleichgewicht des internen Kräftespiels herbeiführte, daß die Republik zerstört wurde.

Ich möchte von neuem daran erinnern, daß bei der Konstruktion von Modellen eine einseitige Konzentration oder eine Isolierung bestimmter Faktoren unter relativer oder absoluter Vernachlässigung anderer stattfindet. Auf diese Weise erreicht man, was Droysen (wie ich schon zitierte) gefordert hat: als Historiker »muß [man] zuerst wissen, was man suchen will, erst dann kann man finden; man muß die Dinge richtig fragen, dann antworten sie«. 39

Indem ich von den Gewinnen aus Kriegführung und von ihrer Verteilung ausgehe, hoffe ich uns vor jenem völligen Ratespiel zu bewahren, das in traditionellen Darstellungen von Kriegen in der Antike das Feld beherrscht, vor jenen angeblichen Einsichten in die Psyche und das Denken der Hauptakteure, in ihr Wissen, ihre tägliche Einschätzung der Lage: vor jenen Einsichten in die öffentliche Meinung, in den Kenntnisstand und das Denken der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit. Hinter diesen Ansätzen steht ein Glaube an die antiken Quellen, den ich nicht teile, ein unverrückbarer Glaube an ihre Genauigkeit, ihre Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit, ihre Urteilsfähigkeit und unparteiische Haltung.

Ich will das kurz an dem Beispiel eines solchen Ansatzes illustrieren, nämlich an Eduard Meyers bemerkenswerten Kapitel von 38 Seiten über den »Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs« in seinem langen Essay über Thukydides, von dem schon die Rede war. 40 Grob zusammengefaßt sucht er dort zunächst nachzuweisen, die vorherrschende Meinung in Athen sei gewesen, daß Penkies durch die Vorlage des Megarischen Psephismas den Krieg bewußt herbeigeführt habe - eine Ansicht, die in erstaunlichem Ausmaß allein auf Passagen der Acharner (besonders die Verse ab 515) und im Frieden (beginnend mit Vers 6o5) des Aristophanes beruht und auf dem darauf aufbauenden Verständnis der Worte, die Thukydides dem Perikles in den Mund legt; 41 weiter argumentiert Meyer, daß das Werk des Thukydides eine kraftvolle Polemik gegen diese Sicht der Dinge sei, aber eine indirekte, denn die Taktik des Geschichtsschreibers sei es gewesen, die Bedeutung der Beschlüsse eher herunterzuspielen als offen einer verbreiteten Auffassung zu widersprechen; Thukydides habe recht gehabt mit seinem Urteil über die geringe Bedeutung der Beschlüsse als Ursachen des Krieges, aber er habe nicht recht gehabt, als er ihren Einfluß auf die öffentliche Meinung unterschätzte; wenn Thukydides der Ansicht von der wachsenden Furcht der Spartaner vor athenischer Macht als der »wahrsten Ursache« des Krieges den Vorzug gebe (1,25), dann beruhe das auf einer falschen Einschätzung der Stärke Athens; in Wahrheit sei es, so Meyer, Korinth gewesen, das zum Krieg getrieben habe; Perikles habe den Krieg von sich aus nicht gesucht, aber war bereit, ihn zu führen, wenn er sich als Konsequenz seiner Politik ergeben sollte, die er trotz des Risikos eines Krieges nicht aufzugeben bereit gewesen wäre; Perikles habe gesehen, was die Masse der athenischen Bürger nicht habe sehen können; das Verhalten des Perikles sei, so schließt Meyer, »das allein der Machtstellung Athens würdige und den Verhältnissen angemessene, ja tatsächlich das staatsmännisch allein mögliche gewesen« (S. 326).

Das ist eine sorgfältig aufgebaute ineinandergreifende Argumentationskette, die auf erstklassiger Kenntnis der antiken Überlieferung aufbaute. Dennoch ist meine Reaktion völliger Skeptizismus. Meyer schrieb ganz genauso, als ob er die Beziehungen deutscher und europäischer Staaten in der zweiten Hälfte des i9.Jahnhunderts untersuchte. Die Parallele zwischen Perikles und Bismarck wird an einer Stelle (302) ausdrücklich gezogen, und das ist noch nicht alles: es wird auch gesagt, obwohl Athen eine »Kaufmannsund Krämernation« gewesen sei, hätte es mit den anderen griechischen Staaten doch nichtsdestoweniger ebenso zusammenleben können wie England und das übrige Europa in Meyers eigenen Tagen, im Jahre 1899 (312). Meyer schrieb darüber hinaus in vollem Vertrauen auf die Fähigkeit und Zuverlässigkeit einer kleinen Zahl antiker Gewährsmänner, auf deren Äußerungen er seine Vision vom Denken des Perikles gründete und von dessen unantastbaren persönlichen Qualitäten, seiner Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und so weiter er überzeugt war; auf diese Weise machte er sich auch ein Bild von der öffentlichen Meinung in Athen, davon was die Masse der athenischen Bürger »wirklich« dachte, glaubte, verstand. Ich besitze nicht die Fähigkeit, mit soviel Zuversicht in den Gedanken der Menschen der Antike zu lesen und ihren Charakter zu begreifen. Meiner Ansicht nach geht die Wahrscheinlichkeit, daß eine Darstellung wie die Meyers irgend etwas damit zu tun hat, 'wie es eigentlich gewesen<, gegen Null. Es ist bezeichnend, daß sich keine zwei Geschichtsforscher, die die Ursachen des Peloponnesischen Krieges (oder jedes anderen Krieges) untersuchen, je in dieser Hinsicht einig werden können, aber Thukydides und Aristophanes zitieren, das können sie alle gleich gut.

Zumindest würde mein Alternativansatz vermeiden, Bismarck oder England, die Krämernation, in das Griechenland des 5.Jahrhunderts v. Chr. herüberzubringen. Das wäre ein Fortschritt, aber kein großer, und er reicht auch nicht aus. Wenn die Modelle, auf die ich aufmerksam gemacht habe, sich als nützlich erweisen sollten, wenn sie einmal ganz ausgearbeitet und der vorhandenen Überlieferung gegenübergestellt, an ihr geprüft worden sind, dann, glaube ich, wird die sich daraus ergebende Darstellung des Peloponnesischen Kriegs und seiner Auswirkungen - das war das Beispiel, mit dem ich enden will - eine größere Ähnlichkeit mit der Realität haben als die bisherigen traditionellen Schilderungen. Und mehr als das kann man von einem Althistoriker nicht verlangen.

ANMERKUNGEN Nr. 12 - 41:

12 K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, 378 und 391.

13 P. Anderson, Von der Antike zum Feudalismus. Spuren der Übergangs gesellschaften, Frankfurt 1978, 30 und 72.

14 Vgl. Brunt, Manpower; Hopkins, Conquerors, Kapitel i; W. V. Harris, War and Imperialism in Republican Rome, Oxford 1979, Kapitel ; und bereits M. Weber, »Agrarverhältnisse im Altertum«, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Tübingen 1924, 1 - 288, hier 271 - 278.

15 E.Ciccotti, La guerra e la pace nel mondo antico, Turin 1901, 152.

16 Der Angriff von De Sanctis wurde mit dem Nachtrag in seinem Per la scienza dell'antichità, Torino 1909, 231-299, veröffentlicht, und das Ganze wurde dann wieder in G. De Sanctis, Scritti rninorz, hrsg. v. A. Ferrabino-S. Accame, Rom 1972, 203-249 abgedruckt. In der Einleitung zu dem erstgenannten Band nennt De Sanctis dieses Buch »un libro di battaglia«. Das Zitat von Croce findet sich in B. Croce, Storta della storiografia italiana nel secolo decimonono Bd. 2, Bari 1921, 233 - 235. S. auch L. Polverini, »Gaetano De Sanctis recensore«, Annali della Scuola Normale Superiore di Pisa ser. 3, 3, 1973, 1071-1075.

17 Die ausführlichste Darstellung ist Justin 9,1-20; für andere Belegstellen, die auf den zeitgenössischen Historiker Theopomp zurückgehen, und für eine ausführliche Untersuchung s. A. Momigliano, »Della spedizione scitica de Filippo alla spedizione scitica di Dario«, Athenaeum n. S. II, 1933, 336-359, jetzt: in ders., Quinto contributo alla storla degli studi classici Bd. 2, Rom 1975, 485 -510.

18 Harris, War, 74.

19 Ich folge A. Aymard, »Le partage des profits de guerre dans les traités d'alliance antiques«, in: ders., Études d'histoire ancienne, Paris 1967, 499 - 512, und ziehe es vor, das Wort >Gewinn< statt des eher abwertenden >Beute< zu benutzen, weil ersteres die Verhältnisse genauer erfaßt; denn es handelt sich nicht nur um Geld und andere bewegliche Güter, sondern auch um Gefangene und überhaupt alles, was man an Ort und Stelle finden konnte, sowie manchmal auch um hohe Kriegsentschädigungen und Territorium, das man aufgrund eines abschließenden Vertrags erhielt. S. des weiteren auch P. Ducrey, Le traitement des prisonniers de guerre dans la Grèce antique, Paris 1968, Kapitel 7 sowie die beiden Aufsätze von Y. Garlan und P. Ducrey in Armées et fiscalite dans le monde antique (Colloque CNRS 936), Paris 1977, 149-164 und 421-434.

20 W. K. Pritchett, The Greek State at War Bd. 1, Berkeley 1971, 53. Die Feststellung gilt noch heute, obwohl das Thema im letzten Jahrzehnt auf größeres Interesse gestoßen ist.

21 S. die in Anm. 19 genannten Werke.

22 E. Gruen in einer Rezension in Journal of Interdisciplinary History 4, 2,1973, 274.

23 So z. B. R. Sealey, »The Origin of the Delian League«, in: E. Badian (Hrsg.), Ancient Society and Institutions. Studies presented to Victor Ehrenberg, Oxford 1966, 233-255, hier 253: »Der Delisch-Attische Seebund wurde wegen Auseinandersetzungen um Kriegsbeute gegründet, und sein Ziel war, mehr Beute heranzuschaffen«. Dagegen K. Raaflaub, »Beute, Vergeltung, Freiheit? Zur Zielsetzung des Delisch-Attischen Seebundes«, Chiron 9, 1979, 1-22; A.H.Jackson, »The Original Purpose of the Delian League«, Historia 18, 1969, 12-16. Über Handelsinteressen, die von anderen gerne als Beweggrund genannt werden, braucht kein Wort mehr verloren zu werden.

24 Q. Wright, A Study of War Bd. i, Chicago 1942, 220-221 und 239.

25 M. Amit, Great and Small Poleis, Brüssel 1973, 7-8.

26 G. E. M. de Ste. Croix, The Origins of the Peloponnesian War, London 1972, 213-220.

27 S. mein »Empire in the Graeco-Roman World«, Greece and Rome n.s. 25, 1978, 1 - 15 (mit Bibliographie). Ein vernichtender Angriff auf die Theorie von der Selbstvergessenheit findet sich bei Harris, War; für ein Nachhutgefecht zu ihrer Verteidigung s. die Rezension zu Harris von A. N. Sherwin-White in JRS 80, 1980, 177-181.

28 S. de Ste. Croix, Origins, 34-43.

29 T. T. B. Ryder, Koine Eirene, Oxford 1965, 92.

30 Eine nützliche Zusammenfassung zu Demosthenes und Isokrates bietet die Aufsatzsammlung bei S. Perlmann (Hrsg.), Philip and Athens, Cambridge-New York 1973.

31 G. Cawkwell, Philip of Macedon, London - Boston 1978, 19. Vgl. zu den Reden Ciceros R. G. M. Nisbet, »The Speeches«, in: T. A. Dorey (Hrsg.), Cicero, London 1969, 47-79, hier 78: »Er [Cicero] verteidigte Anliegen, die es nicht wert waren, allein um kurzfristiger Erfolge willen bei einer Zuhörerschaft, die er verachtete. Er setzte oft unechte Gefühle als Mittel ein, so daß man kaum noch feststellen kann, wann er aufrichtig ist. Er benutzte seine außerordentliche Begabung eher dazu, Handlungen zu verhindern als sie zu unterstützen.«

32 Die Auszahlung großer Beiträge aus der Finanzreserve sind es, die Thukydides die Angabe einer Gesamtsumme ermöglichen; im Gegensatz dazu ist er unfähig, auch nur eine Vermutung darüber zu äußern, wieviel die Sizilische Expedition gekostet haben könnte (6, 81).

33 Die Übersetzung ist nicht zweifelsfrei, und die ganze Passage ist sehr verwirrend und undurchsichtig. Was ich im unmittelbar folgenden sage, ist jedoch eine annehmbare Schlußfolgerung aus dem Wortlaut des Thukydides, wie immer man den Text auch auffaßt.

34 Die Formulierung stammt von Pritchett, Greek State at War, Bd. I, 29. Er meinte speziell griechische Heere des 4. und 3.Jahrhunderts v. Chr., doch die Unterschiede zu früheren (oder späteren, einschließlich römischen) Heeren lagen nicht in der zeitlichen Differenz, sondern in der zunehmenden Gewohnheit, Kriege in weiterer Entfernung und auf längere Dauer zu führen.

35 Zu Sold und Versorgung s. Pritchett, Greek State at War, Bd.1 ,Kapitel 1 und 2; Garlan, War, 134-145; Cl. Nicolet, Le métier de citoyen dans la Rome républicaine, Paris 1976, 16-166.

36 So die Tabelle bei Brunt, Italian Manpower, 394, wieder abgedruckt bei Nicolet, Métier, 163-164.

37 I. Shatzman, »The Roman General's Authority over Booty«, Historia 21, 1972, 177-205, ist wichtig trotz seiner absichtlichen engen Beschränkung auf die rechtliche Frage.

38 A.H.M.Jones, Athenian Democracy, Oxford 1957, 167-176.

39 J.G.Droysen, Historik, hrsg. v. R. Hübner, Darmstadt 1958, 35-36.

40 Ed. Meyer, Forschungen zur Alten Geschichte, Bd. 2, Halle 1899, 296-333.

41 Es erscheint mir als ein verzweifelter Versuch, wenn man als Argument die kurze Bemerkung des Andokides (3, 8) heranzieht, daß man "der Megarer wegen inn den Krieg ginge", wenn doch alles andere 'Historische' in dieser Rede bekanntermaßen ungenau ist.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .