Zur Lückenhaftigkeit des Wissens in der Alten Geschichte: Alfred Heuss, Vom Unbehagen des Althistorikers.

Text entstanden um 1986, Entnommen aus: Alfred Heuss, Vom Unbehagen des Althistorikers, in: J. Bleicken (Hg.), Symposion für Alfred Heuss, Kallmünz 1986, S. 85 - 92. Zitiert nach: Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 773 - 383.


Vom Unbehagen des Althistorikers.

Ich rede speziell vom Althistoriker und nicht davon, wie und wo ihn heute als Historiker schlechthin der Schuh drückt. Mit dem zurückhaltenden Begriff »Unbehagen« käme man da auch schwerlich aus. Obendrein bestünde die Gefahr, die Grenzen der Geschichte überschreiten zu müssen. Das Unbehagen des Althistorikers dagegen bleibt im historischen Binnenraum und verträgt sogar eine recht einfache, um nicht zu sagen, banale Formulierung: Der Althistoriker weiß, schlicht gesagt, nicht genug und hat deshalb denjenigen, die sich für ihn interessieren, Zu wenig zu sagen.

Warum ist das so? An ihm liegt es nicht. Davon, daß er ein engbrüstiger Spezialist wäre, der von wenig immer mehr wüßte und dessen Gegenstand eben einen kleinen und bescheidenen Grundriß hätte, wie dergleichen ja vorkommt, davon kann keine Rede sein. Der äußere Umfang seines Gebietes ist vielmehr weit bemessen, gleichgültig, ob man es in einem weiteren oder engeren Sinn versteht. Stellt man sich auf jenen ein, dann muß man bis ins Neolithikum zurückgreifen und hat dazu das Glück, es an derjenigen Stelle des Globus zu fassen, wo es am frühesten mit dem Problem der Hochkultur experimentierte und dementsprechend auch deren älteste Gestalten auf der Erde entstanden. Freilich kann sich da - gemeint ist der Alte Orient - in praxi der Althistoriker wissenschaftlich nicht mehr ansiedeln. Die menschlichen Möglichkeiten sind mit den sachlichen Anforderungen nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen. Eduard Meyer war ein Ausnahmefall, nicht nur wegen seiner einmaligen Begabung (zumal in sprachlicher Hinsicht). Auch die kontingenten Umstände sowohl seines erstaunlichen Bildungsganges als auch der wissenschaftlichen Situationen - Frühstadium von Agyptologie und Keilschriftforschung - stellen sich nicht wieder ein. Seine Stelle ist deshalb verwaist; denn altorientalische Geschichtsforschung figuriert heute als Appendix der einschlägigen Philologien.

Als engerer Begriff fällt das Altertum mit der griechisch-römischen Antike und allem, was in sie einmündet, zusammen, und erfaßt damit die Geschichte all der Länder, die einmal im orbis Romanus vereinigt waren. Es handelt sich um eine Geschichte von anderthalb bis zweitausend Jahren, vom Ausgang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends bis zum sechsten nachchristlichen Jahrhundert, also bis Justinian oder, wenn man will, sogar noch zwei bis drei Generationen weiter bis Mohammed und hat damit den ersten Akt europäischer Geschichte zum Inhalt, auch wenn sie sich zu einem Teil im Morgenland abspielte. In sehr eigentümlicher Weise und gewiß nicht ausschließlich liegen hier die Wurzeln der europäischen Zivilisation, welche in den letzten zweihundert Jahren zur Weltzivilisation wurde.

Die historische Bedeutung des Altertums wird also schon auf Grund seiner zeitlichen Umrisse unmißverständlich zur Kenntnis gebracht. Aber damit sind vorerst nur Fragen angegeben; ihre Beantwortung bleibt dagegen noch dahingestellt. Daß das Verhältnis zwischen beiden nicht allzu günstig ausfällt, macht die Bedenklichkeit der antiken Geschichte aus. Früher, im neunzehnten Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, empfand man das weniger. Man stand damals unter dem Eindruck neu gewonnener Erkenntnisse, welche auch hier moderne Forschung erbracht hatte. Auch für die Beschäftigung mit dem Altertum bedeutete diese Zeit eine Entwicklungsphase, welche im Zeichen eines signifikanten »Fortschritts« stand.

Inzwischen haben wir - seit 1914 - gelernt, daß das zwanzigte Jahrhundert trotz all seiner atemberaubenden Errungenschaften in Naturwissenschaft und Technik die optimistischen Erwartungen des neunzehnten Jahrhunderts enttäuschte und stattdessen mit Erfahrungen aufwartete, bei denen einem angst werden kann. Gelegenheit zur Ernüchterung - freilich ganz anderer Art - bot sich auch der althistorischen Forschung. Ein beachtlicher Fakten- und Materialzuwachs hatte sich weder gleichmäßig über die Geschichte verteilt noch tat er uns den Gefallen, immer unserem speziellen Wissensbedürfnis zu entsprechen. Unser Kenntnisdefizit zeigt sogar nicht selten die Tendenz, sich zu vergrößern; denn zu den schon von früher her vertrauten Lücken auf unserem historischen Vorstellungsbild kamen andere hinzu, weil wir mehr und oft anderes als frühere Geschlechter wissen wollen. Dann ist leider auch der Hauptübelstand geblieben, daß die pragmatische Geschichte und allenfalls die staatlichen Institutionen in den Quellen unverhältnismäßig stärker als die sozialen Zustandsänderungen ihren Niederschlag finden. Die Entdeckung der Papyri war da eine Ausnahme und wurde deshalb seinerzeit zur Sensation, aber für die Geschichte konnten sie nicht dieselbe Bedeutung wie für die Philologie gewinnen, weil sie allein die ägyptischen Verhältnisse illustrieren, diese jedoch für die anderen, die außerägyptischen Länder keinerlei Aussagekraft haben, sondern in deren Zusammenhang zumeist als atypisch gelten müssen. Die historische Papyrologie ist denn auch schon nach dem Ersten Weltkrieg, d.h. im Grunde bereits mit dem Ausgang der Entdeckergeneration, nahezu erloschen.

Wir schreiben in der Geschichte der Kenntnis der Anfänge eine besonders erhellende Kraft zu, nicht mit Unrecht, so lange wir in ihnen nicht alles Spätere präfiguriert sehen. In der griechischen Literatur widerfährt uns nun das große Glück, daß wir mit Epos und Lyrik konkrete Anschauung vermittelt bekommen und hierzu immer noch Neufunde einen beträchtlichen Beitrag leisten. Erst recht ist die Archäologie durch die Früchte der Ausgrabungen günstig daran. Aber wenn der Historiker von den wirtschaftlichen und politischen Lebensverhältnissen etwas wissen möchte, ist er nach wie vor im Stich gelassen. Was der Geschichte des frühen Griechentums von den beiden anderen Disziplinen zu Hilfe kommt, hält sich in bescheidenen Grenzen, abgesehen vielleicht von der Religionsgeschichte.

In diesem Komplex gibt es obendrein ein besonders unangenehme Lücke. Sie kommt einem Skandalon gleich; denn mit dem Beginn der hier in Rede stehenden Phase tritt auch die autokephale Stadt als politische und soziale Organisationsform auf und erobert sich von da an in der antiken Welt ihre bekannte privilegierte Position, eine Art von Monopolstellung.

Die Stadt ist kein griechisch-römischer Alleinbesitz. Ihre Entstehung scheint einem Trend zu entsprechen, der vielleicht schon mit dem Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends im Bereich des östlichen Mittelmeers beginnt (in Syrien?) und von da aus wesentlich später und, wie wir glauben, wesentlich sichtbarer seinen westlichen Teil erreichte. Zweifellos trugen die Griechen am meisten zu ihrer Dominanz bei, bis dann die Römer sie ablösten. Aber wie es in der Entstehungsphase zuging, ist unbekannt. Der Ursprung der Polis ist und bleibt ein weißer Fleck auf der historischen Landkarte und erlaubt nur Mutmaßungen. Daß ein starkes Königtum nicht als Geburtshelfer diente, was man schon immer Homer hätte entnehmen können, scheint allmählich unter die Leute zu kommen. Es ist ja auch eher das Gegenteil wahrscheinlich: Die Stadt entstand als Geschöpf des Adels durch die Negation monarchischer Gewalt. Mit dem manirierten Begriff Dark Age, der Sache nach eine Trivialität seit der Entdeckung der mykenischen Welt, ist natürlich gar nichts gewonnen, auch schon deshalb nicht, weil es um Mykene trotz Linear B auch nicht übermäßig hell wurde. Wenn einer Kultur echte Schriftlichkeit (zum entwickelten praktischen wie schriftstellerischen Gebrauch) noch abgeht, tappt man nun einmal im Dunkeln, auch wenn man weiß, daß unter der Decke ganz fundamentale Verhältnisse liegen.

Doch daß es auch danach, trotz der Konsolidierung nach der Großen Wanderung, nicht viel anders steht und wir deshalb von der noch nicht demokratischen Stadt völlig ungenügende Vorstellungen haben, um nur ein zentrales Thema zu nennen, das ist nun in der Tat peinlich. Und hieran reiht sich gleich die weitere Peinlichkeit, daß wir auf dem Gipfel der griechischen Geschichte, also im fünften und vierten Jahrhundert, die Vielfalt der griechischen Staatenwelt, welche eben eine städtische war, ungenügend dokumentiert sehen, in gewisser Hinsicht beinahe noch weniger als in der vorangehenden archaischen Periode. Wir vergessen viel zu leicht, daß griechische Staatlichkeitund Politik uns fast ausschließlich durch Athen und übrigens in weitem Abstand davon, durch Sparta, ein wenig dann noch durch Syrakus, repräsentiert werden und hierbei jene beiden auch noch ausgesprochen atypisch sind. Wie eine durchschnittliche Oligarchie funktioniert (was Sparta keineswegs war), ist uns nur ganz fragmentarisch zugänglich geschweige denn, daß wir uns eine plastische Vorstellung von ihrer geschichtlichen Entwicklung machen könnten. Hierzu müßte schon der Ausgangspunkt, d.h. die Stadtentstehung besser faßbar sein.

Der Tatbestand ist nicht nur wegen der Unvollständigkeit des Bildes störend. Ein anderes historisches Anliegen muß hierunter noch mehr leiden. Was erwartet man denn vom Historiker des klassischen Altertums anderes, und zwar nicht an letzter Stelle, als daß er die Einbettung der unsagbaren geistigen Potenz der Griechen in die zu ihr gehörenden äußeren Lebensverhältnisse aufzeigt, nicht um sie von ihnen abzuleiten (es wäre ein lächerliches Unterfangen), sondern eher der Frage zulieb, inwiefern sie ihr nicht entgegenstanden oder, anders ausgedrückt, die Schwierigkeiten, die sie boten, ihr verwunderlicherweise nichts antaten. Das vorhellenistische Griechentum befand sich materiell in keiner übertrieben günstigen Lage, aber was da wirtschaftlich erarbeitet wurde, reichte aus, um den kolossalen »Oberbau« zu tragen. Es wäre gewiß nicht überflüssig, hierbei mehr konkrete Anschauung beizubringen, als es uns möglich ist.

Natürlich wissen wir einiges, aber das ist nicht nur für die »klassische« Periode, sondern auch sonst zu wenig, weil die ländlich-bäuerliche Existenz fast überall in der Antike in ein Dunkel gehüllt ist und dabei doch der Annahme nicht ausgewichen werden kann, daß trotz aller handwerklichen und manufakturellen Produktion die Landwirtschaft den Hauptteil des Sozialproduktes, wie wir heute sagen würden, hervorbrachte. Wie ging es da aber zu und in welchem Umfang wurde die Arbeit des Produzenten entlohnt? Dem Rentnertum und dem homo politicus, d. h. dem Ausfall des homo oeconomicus (Max Weber), vermag man zwar in abstracto leicht ein großes Gewicht zuzumessen, aber man hätte da doch gerne leibhaftig vor Augen, wer die Zeche zahlte und wie er das tat.

Hieran schließt sich noch eine andere Überlegung an. Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt ist in weitem Umfang von der Kolonisation geprägt, das heißt in der Antike: durch die Stadt, und insofern dieselbe in Betracht kommt, mag man sich einigermaßen eine Vorstellung machen, wie hierbei hellenisiert und romanisiert wurde. Für Italien sind gewisse Mutmaßungen möglich, well da, soweit die Römer in Betracht kommen (was sie für die Romanisierung natürlich ausschließlich tun), die Kolonisation mit politischer Herrschaft gekoppelt war und auch von einigen institutionellen Relikten sich Kunde erhalten hat, doch ist das für das welthistorische Gewicht, welches gerade diese Kolonisation besaß, verschwindend wenig. Auf das ganze antike Kolonisationsphänomen besehen bleibt die Frage offen, wie das flache Land von der Assimilierung an das griechische und römische Wesen erreicht wurde. In Europa erlaubt die Struktur der romanischen Sprachen (vor allem ihr Wortschatz) einige Rückschlüsse, doch im griechischen Osten ist dergleichen infolge der späteren historischen Schicksale kaum möglich. Dagegen lassen verstreute und zufällige Zeugnisse an einer durchgehenden sprachlichen Hellenisierung - abgesehen von der Verkehrssprache - zweifeln. Doch sind weder im Westen noch im Osten eindeutige Urteile über den Grad der Anpassung an die graecoromanische Zivilisation möglich, und erst recht ist ausgeschlossen, sich davon eine Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grad eine wirkliche Identifizierung mit der herrschenden Zivilisation auf dem Lande in den von Hause aus fremden Gebieten stattfand. Die Frage ist an sich schon nicht gleichgültig, erhält aber noch ein besonderes Gewicht in Verbindung mit der geringen epichorischen Resistenzfähigkeit der Reichsbevölkerung gegenüber den eindringenden und numerell unterlegenen Barbaren. Es wäre nicht verwunderlich, wenn man gerade in einem solchen elementaren Bezirk vom Historiker handfeste Auskünfte erwartete.

Nicht anders ergeht es dem Historiker bei der Sklavenfrage, die es nach dem letzten Krieg, wenigstens von den sachlichen Ergebnissen her, zu einer unbegreiflichen Popularität gebracht hat (die Gründe liegen natürlich in dem europäischen Debacle und sind ideologischer Art), so als wenn man diesen Problemkreis erst hätte entdecken müssen. Dabei fiel so ziemlich unter den Tisch, daß er in keiner Weise für die Antike spezifisch ist (aber wo bliebe dann die »Sklavenhaltergesellschaft«?). Man vergißt sehr leicht, daß es sich hier erst einmal um ein anthropologisches Problem handelt und dieses der Geschichte, zum mindesten der der Hochkulturen, vorgelagert ist. Um die hier einschlägigen Verhältnisse muß man Bescheid wissen, um ihre Selbstverständlichkeit in den frühen Zeiten zu verstehen und im Verhältnis zu ihr die Ungeheuerlichkeit des christlichen Negersklaventums zu erkennen. Aber nicht nur diese. Das Negersklaventum bedingte eine durchgehende Kläglichkeit der sozialen Situation, die im Durchschnitt die antike Sklaverei nicht kannte, well die Hautfarbe keine Schranken setzte. Juristischer Status und soziale Realität fielen auseinander. Nicht wenige Sklaven waren potentielle Freie, denn sie konnten mit ihrer Freilassung rechnen, und zwar weniger aus humanitären als aus wirtschaftlichen Gründen. Menschliche Rücksichten gab es bekanntlich auch, vor allem unter dem Einfluß der Stoa, aber sie galten dem Sklavenlos an sich. Es als solches aufzuheben, kam jedoch der Politik nie in den Sinn. Der antiken Menschheitsidee wohnte keine soziale Explosivkraft inne. Um so mehr kommt es auf die Freilassungspraxis an; ihr wäre indessen nur mit statistischem Material zur Beurteilung ihrer sozialen Mächtigkeit beizukommen, aber das ist begreiflicherweise nicht vorhanden. Das Fehlen von Klassenbewußtsein bei den Sklaven hängt damit natürlich zusammen. Infolge der Verschiedenheit ihrer Freilassungschance waren sie alles andere als eine homogene Gruppe. Die berüchtigten Sklavenkriege waren, wie man nicht auszuführen braucht, eine exzeptionelle Erscheinung mit spezifischen historischen Voraussetzungen. Man sieht hier an einem leicht faßbaren Beispiel, wie schlecht es um die sozialgeschichtlichen Forschungsmöglichkeiten des Althistorikers bestellt ist. Sie versagen sich gerade entscheidende Fragen, bereiten aber dadurch um so mehr Verlegenheit.

Bekanntlich hat das ausgehende neunzehnte Jahrhundert und der Anfang des unsrigen sich für keine Epoche mehr interessiert als für den Hellenismus, für die griechische »Moderne«, wie man mitunter sagte und es noch mehr meinte. Aus bestimmten Gründen spielte die Nachwelt dessen reichen literarischen Zeugen und damit auch der überquellenden Historiographie besonders übel mit. Die großen Hoffnungen, die man einmal auf eine grundsätzliche Besserung unserer Informationsbasis setzte, haben sich in dem Grad, wie die Masse des neuen urkundlichen Materials zu versprechen schien, nicht erfüllt, sieht man von den Papyri, die eine Sonderrolle spielen (s. o.), einmal ab. Der Hellenismus bleibt historisch-politisch nach wie vor eine problematische Größe, die uns manche Einzelantwort versagt, aber auch ein Gesamturteil über sich erschwert. Daß sein Gewicht für die historische Entwicklung gewaltig sein muß, ergibt sich aus der »Logik« der Zeitenfolge. Um so mehr gerät der Historiker in Verlegenheit, wenn er bei der Auskunft passen muß. Abgesehen davon ist der politische Hellenismus in sich, von seiner Leistungsbilanz gesehen, eine zwielichtige Größe. Man ist daher gedrängt, näher zuzusehen und wird mißvergnügt, wenn es sich nicht recht machen läßt. Beispielsweise brachte er in den sogenannten Bundesstaaten (koina) etwas fertig, wozu es in der klassischen Zeit keine Möglichkeit gegeben hatte. Leider ist uns eine ausreichende Anschauung von den einschlägigen Verhältnissen, d.h. von ihrer Entstehung und schließlich auch von ihrem inneren Mechanismus, vorenthalten und damit auch ein begründetes Urteil darüber, ob die Koina nur durch die Widrigkeit äußerer Verhältnisse oder durch strukturelle Mängel nicht zum Zuge kamen. Gewiß legt man sich, well es nicht anders geht, einen Text zurecht, aber er enthält eben zuviel Unsicherheit und zu wenig nachweisbare Aussagen. Dabei ist das nur ein Beispiel unter vielen.

Der politische Hellenismus läuft in der römischen Geschichte bzw. in der des römischen Imperialismus aus und bedingt dadurch von seiner Seite auch dessen Kenntnis. Begreiflicherweise drängt sich diese Optik gewohnheitsmäßig nicht auf, weil das römische Aktionszentrum nicht ohne weiteres den Gedanken aufkommen läßt, die römische Außenpolitik mit nichtrömischen Augen zu betrachten. Rostovtzeffs »Hellenismus« ist eine Ausnahme. Beloch hatte ursprünglich sich für seine Griechische Geschichte hier eine besondere Attraktion versprochen, ist dann aber doch nicht mehr dazugekommen.

Die römische Geschichte für sich genommen schafft dem Historiker ganz besonderen Kummer. Hierüber braucht man nur wenige Worte zu machen. Für die italische Phase, also für den Aufbau der römischen Macht und damit eigentlich das interessanteste Kapitel der römischen Geschichte, läßt sich keine ordentliche Geschichte schreiben, wie Beloch nicht nur richtig sah, sondern daraus in seiner Römischen Geschichte auch die Folgerung zog, indem er das wenige in seinen Augen Wissensmögliche lediglich diskursiv erörterte. Hierin liegt eine der größten Mißlichkeiten für den Althistoriker. An sich hat die römische Geschichte für ihn den Vorzug, primär politisch-soziale Geschichte zu sein, sich also selbst zu tragen und ihre Bedeutsamkeit nicht erst im Hinblick auf die geistige Existenz der Römer zu erhalten, obgleich diese an bestimmten Stellen natürlich auch für den Historiker Beachtung verdient. Doch wäre ihm gewiß wichtiger, die römische Geschichte ließe sich für die ersten vier Jahrhunderte der Stadt von ihrem Schattendasein befreien, zu dem sie infolge der verzweifelten Quellenlage verurteilt ist. Vor allem möchte man wissen, wie des näheren der Staat zustandekam, dessen Werk das römische Reich wurde. Hierüber kann man Meinungen und subjektive Überzeugungen haben, aber strikte beweisen läßt sich wenig. Man ist schon beinahe zufrieden, wenn man wenigstens die Notwendigkeit plausibel macht, hier mit Vermutungen anzusetzen, von dem Mißstand, daß die italische Umwelt, welche Rom sich einverleibte, uns nur die Umrisse zeigt und auch der Hergang ihrer Unterwerfung keine zuverlässige Geschichte abwirft, einmal ganz zu schweigen. Wenn das Niebuhr so klar gewesen wäre, wie es heute zutage liegt, bzw. zutageliegen sollte, wäre er wahrscheinlich nicht Historiker geworden und die moderne Geschichtswissenschaft müßte seine eigenartige und eindrucksvolle Gestalt an der Stelle ihres Ursprungs entbehren.

Später wird es darin besser, aber Einbrüche von Dunkelheit gibt es selbst in der sonst so gut beleuchteten ausgehenden Republik, und zwar impertinenterweise gleich zu Beginn der revolutionären Krisenzeit, denn was zwischen dem Tod des Gaius Gracchus und Sullas Diktatur alles in Rom und Italien passierte, davon ist die Kunde zum größten Teil verlorengegangen.

Dergleichen wiederholt sich bekanntlich dann in der Kaiserzeit mehr als einmal. Das haben die vielen zu spüren bekommen, welche ihre Geschichte zu erzählen hatten (Mommsen bewahrte ein gesunder Instinkt davor), und erträglich geworden ist es erst, als Rostovtzeff in seinem berühmten Buch das historische Geschehen auf eine andere Bühne versetzte und von der rein pragmatischen wegnahm. Aber wenn man das Chaos des dritten Jahrhunderts auf wenige Seiten zusammenstreichen muß und das auch eigentlich nur kann mit Andreas Alföldis »pannonischer« Hilfe, hat man doch ein schlechtes Gewissen. Im Grunde haben wir nur analytische Urteile zur Hand: Die Wirtschaft prästiert die Anforderungen des Staates nicht mehr, und der Staat treibt als Antwort die Wirtschaft weiter in den Ruin hinein. Ergebnis und Systematisierung der Fatalität: der spätantike Zwangsstaat, ein sprechender und zu Unrecht in Frage gezogener Begriff. Aber freilich deckt er nicht alles, denn ein politisch depossedierter Senatsadel entzog nicht nur seinen Reichtum (Landbesitz) dem staatlichen Zugriff, sondern gewährte auch Schwächeren Schutz und höhlte dadurch die despotische Staatsgewalt aus. Wie verhält sich das alles zueinander und manches andere noch hinzu?

Damit steht man aber auch schon vor dem Ende der Antike und sieht sich danach gefragt, worin es eigentlich bestand und warum es überhaupt eintrat. Es ist klar, daß das wiederum auf das Grundproblem der alten Geschichte zurückweist und einen an die terra incognita der ländlichen Verhältnisse denken läßt. Bestanden hier wesentliche Unterschiede zwischen Ost und West, parallel geschaltet zur Verschiedenheit des politischen Schicksals in den beiden Reichsteilen? Aber die Wege gingen auch in intellektueller Beziehung auseinander, trotz des Christentums und teilweise sogar wegen des Christentums, wie man überhaupt schwerlich sagen kann, daß die Hoffnungen, die Konstantin für den Bestand des Reichs auf es gesetzt hatte, sich erfüllt hätten. Das beherrschende Faktum war und blieb, daß seit dem dritten Jahrhundert die Einheit des griechisch-römischen Zivilisationsraumes zerbrach, ein Vorgang, den auch das Christentum nicht verhindern konnte, und bei dieser Äußerung der Reichsspaltung vermögen wir sogar so etwas wie die »Ursache« anzugeben (das Verschwinden der alten Reichsaristokratie), auch wenn man sich bewußt ist, daß der Ursachenbegriff in der Geschichte nicht überfordert werden darf und einer einzelnen »Ursache« sich nicht selten (wie hier auch) ein Bündel anderer, die mit jener »zusammenhängen«, substituieren läßt.

Ausschließliche Kausalzuordnungen gibt es eben in der Geschichte nicht. Solche ausfindig zu machen, ist auch gar nicht das Ziel historischer Betrachtung. Sie erfüllt ihre Aufgaben, wenn verschiedene geschichtliche Daten sich gegenseitig erhellen und ein Netz von Beziehungen, »realen« und »idealen«, geknüpft werden kann, d.h. solchen, welche durch tatsächliche Einwirkung konkreter Größen untereinander zustandekommen, und anderen, die auf Grund sonstiger historischer Kenntnis und Analyse, also auf Grund historischer »Erfahrung« in Verbindung mit dem jeweiligen historischen Gegenstand sich bilden. Aber für beides benötigen wir die Zugänglichkeit näherer Umstände, also von anschaulichen Verhältnissen, und ist es mit deren allgemeiner Formulierung nicht getan. Leider reicht es in der alten Geschichte viel zu oft nur zu dieser letzten, ohne daß sich auf wirklich greifbare konkrete Tatbestände immer zurückgreifen ließe. An ihrer Stelle stehen dann vielmehr Vermutungen, welche gleich auf den weiteren Zusammenhang zielen und Einzelheiten allenfalls in der Brechung von Hypothesen zur Sprache bringen.

Ich breche hier meine Bemerkungen ab, denn es wäre ungehörig, sie auf die Frage auszudehnen, wie sich heute in ihrem Spiegel die Situation der alten Geschichte als wissenschaftlicher Disziplin und vor allem auch als Organ geschichtlicher Kunde darstellt. Hierzu wäre gewiß manches zu sagen und müßten auch die praktischen Aufgaben des Fachs ins Auge gefaßt werden. Doch dergleichen ginge nicht ab, ohne den Zustand unseres höheren Bildungswesens und manche Kuriositäten, die heute unter der Flagge der Geschichtswissenschaft segeln, zu berühren. Aber dergleichen gehört nun wirklich nicht in diesen Rahmen [scil. eines Symposiums zu Ehren des Autors; d. Hg.], obgleich es dem Schreiber dieser Zeilen eben so wenig gleichgültig ist wie der Anlaß, der ihn hier das Wort ergreifen ließ.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .