Das Altertum in einem Schema der Weltgeschichte, Aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte.

Entstanden 1949. Text entnommen aus: Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963, S. 98 - 101.


Bevor wir uns der Gegenwart zuwenden, werfen wir noch einmal einen Blick auf das Ganze der Geschichte, wie es sich uns strukturiert hat. Die Gesamtgeschichte gliedert sich in drei einander folgende Phasen: Vorgeschichte, Geschichte, Weltgeschichte:

1) Die lange Vorgeschichte umfaßt das Werden des Menschen über die Sprach- und Rassenbildungen bis zum Anfang der geschichtlichen Kulturen. Sie führt uns in das Geheimnis des Menschseins, zum Bewußtsein der Einzigartigkeit des Menschen auf der Erde, vor die Frage nach unserer Freiheit, die mit dem Ursprung aller Dinge zusammenhängen muß, und die uns in der Welt nirgends sonst begegnet.

2) Die Geschichte umfaßt die Ereignisse von rund fünftausend Jahren in China, Indien und dem vorderen Orient mit Europa. China und Indien, nicht das gesamte geographische Asien, sind Europa an die Seite zu stellen.

Hier erwachsen zunächst die alten Hochkulturen: Sumerische Kultur, ägyptische, ägäische Kultur, das vorarische Indien, die Kultur am Hoang-ho.

Dann entstanden weitere Kulturentwicklungen infolge von Eroberungen. Sie wurden in Wechselwirkung von Siegern und Besiegten mit der Aneignung der vorgefundenen Urkulturen durch die Sieger bestimmt, so in China, im arischen Indien, so durch Babylonier, durch Perser, durch Griechen und Römer.

Diesen ganzen, geographisch relativ kleinen Bereichen gegenüber stehen die isolierten Vorgänge der Kulturen in Mexiko und Peru und die überall auf der Erde bis zur europäischen Weltentdeckung lebenden Naturvölker mit ihren mannigfachen primitiven Kulturen.

3) Die heute beginnende Wirklichkeit der planetarischen Welt und Menschheitseinheit eröffnet die faktische Universalgeschichte der Erde, die Weltgeschichte. Sie hat ihre Vorstufen seit dem Zeitalter der Entdeckungen und begann in unserem Jahrhundert. -

Die Gliederung innerhalb dieser drei Phasen ist wesensverschieden. Die erste Phase ist, soweit sie nicht ein Feld der Hypothesen ist, zugänglich nur im Nebeneinander eines endlosen Vielerlei von Menschen wie einer Mannigfaltigkeit von Naturerscheinungen. Darin muß eine Gemeinsamkeit von Besitztümern und Denkungsweisen gewesen sein, die aus dem gemeinsamen Wesen der menschlichen Anlage, nicht schon wesentlich aus Geschichte hervorgeht. Die großartigen Bilder vom Ursprung des Menschengeschlechts, der Völkerzerstreuung und Verbreitung über die Erde, des Vergessens und darin der Aufsplitterung in vielfachen Ursprung für das sich täuschende Bewußtsein, das alles sind entweder sinnreiche Symbole oder Hypothesen.

Die zweite Phase ist gegliedert durch die Zentrierung im Durchbruch, welcher die Achsenzeit der Geschichte bedeutet. Dahin und von daher gehen die Bewegungen.

Die dritte Phase ist wesentlich noch Zukunft. Sie zu erblicken, geht der Weg zurück in jene Züge der Vergangenheit, die wie ein Vorwegnehmen oder Vorbereiten sind: auf die großen Vereinheitlichungen in der Geschichte (die Imperien), auf die großen universalen Menschen in der Antike und Neuzeit, diese gehaltvollen Menschen, die nicht Verstandespunkte eines leeren Menschseins überhaupt, sondern aus der Wurzel ihres Volkes erwachsene Gestalten des Menschseins schlechthin sind, die daher durch ihr Dasein und Wort zur Menschheit zu sprechen vermögen.

Die weitere Gliederung in den drei Phasen ist folgende:

1) In der ersten Phase ist alles Geschehen dem unbewußten Naturgeschehen verwandt. Die vorgeschichtlichen und ungeschichtlichen Völker (die Naturvölker bis zu ihrem Aussterben oder bis zu ihrem Materialwerden für die technische Zivilisation) stehen in faktischen Gemeinsamkeiten von Sprachen und Kulturkreisen. Diese breiten sich aus in stillen Bewegungen, die man nur in ihrem Ergebnis feststellen kann. Der unmittelbare und bewußte Kontakt der Menschen bleibt zumeist in engsten Räumen, in absoluter Zerstreutheit. Der faktische Kontakt durch Ausbreitung von zivilisatorischen Erwerbungen geht über sehr weite Räume, ja zum Teil über die Erde, aber ohne Wissen der Menschen.

Im Vorgeschichtlichen gibt es die Kulturprozesse, die hier und da als eigentümliche wahrnehmbar sind, die im Keim schon vorwegzunehmen scheinen, was in geschichtlichen Kulturen stattfindet. Der Unterschied bleibt, daß sie nicht zur Geschichte kommen, bei der Berührung mit geschichtlichen Völkern schnell zu Grunde gehen, in sich beschränkt zwar erstaunliche Leistungen vollbringen, aber wie im Untergrund des Naturdaseins des Menschen gebunden sind und stets nahe daran sind, in ihn zurückzugleiten.

Kulturen der Naturvölker waren über die gesamte Erde verbreitet. Wo immer man ein Volk kennenlernt, spricht ein eigentümlicher Geist, selbst bei den tiefstehenden Zwergvölkern, Buschmännern, dann bei den nördlichen Völkern, wie den Eskimos, großartig bei den Polynesiern.

Die amerikanischen Völker in Mexiko und Peru erlauben schon Vergleiche mit Babylon und Ägypten.

2) In der zweiten Phase gehen die wenigen, jetzt sich entfaltenden großen Kulturentwicklungen, trotz gelegentlicher Berührung, nebeneinander her. Es sind getrennte Geschichten.

Die Einheit dieser Geschichtsverläufe ist nur eine Idee. Keineswegs wird alles überall gekannt und wirksam. Im Gegenteil: das Sublimste und Bedeutendste bleibt begrenzt auf enge Bezirke und Zeiten. Es blüht, versinkt und scheint für lange, vielleicht für immer in Vergessenheit zu geraten. Es ist keine Verläßlichkeit der Überlieferung. Zwar scheint alles für seinen Kulturbereich in eine Kontinuität der Mitteilung zu treten, es breitet sich aus und bleibt, aber gerät bald an eine Grenze des Abebbens und Aufhörens.

Und doch entsteht im Sinne der geistigen Bedeutung auf bestimmten, relativ kleinen Gebieten der Erdoberfläche der eine universale Raum der Gesamtgeschichte, in dem alles auftritt, was von Menschen gedacht wurde und uns angeht.

Die Entwicklungen gliedern sich. Man sieht die Prozesse, die durch einige Jahrhunderte ein Ganzes ausmachen, in der Stilfolge vom Aufblühen bis zum Abschluß in Spätzeiten. Man sieht die typischen Generationsfolgen, die zusammen je etwa ein Jahrhundert ausmachen (Verbreitung, Vollendung, Zerfall). Man sieht vielleicht auch einmal einen Spengler'schen tausendjährigen Prozeß.

Aber immer bleibt weitere Bewegung. Es gibt keine dauernden Spätzeiten, nicht endloses "Fellachendasein", nicht endgültige Erstarrung. Immer wieder bricht ein Neues, Ursprüngliches durch, auch in China und Indien.

Man hat vergeblich versucht, den Gang der Geschichte im Ganzen zu fassen. Wenn man den Weg von Babylon über Griechen und Römer nach dem Norden sah, sagte man, der Gang der Geschichte gehe von Osten nach Westen, und machte wohl die Prognose, daß der Weg in diesem Sinne weiter nach Amerika gehe. Aber in Indien ging der Weg vom Indusgebiet (frühe Vedenzeit) über das mittlere Gebiet (Upanischadenzeit) zum Ganges (Buddha und seine Zeit), also von Westen nach Osten. Zudem sind entgegengesetzte Bewegungen auch im Abendland, und solche Schemata gelten immer nur unter gewissen . Gesichtspunkten für begrenzte Welten, und auch da nur mit Einschränkungen.

Die Welt Vorderasiens-Europas steht als ein relativ Ganzes den beiden anderen - Indien und China - gegenüber. Das Abendland ist eine in sich zusammenhängende Welt von Babylon und Ägypten bis heute. Aber seit den Griechen ist innerhalb dieses westlichen Kulturkontinents die innere Gliederung in Osten und Westen, in Orient und Okzident vollzogen. So gehören das alte Testament, das iranisch-persische Wesen, das Christentum zum Abendland - im Unterschied von Indien und China - und sind doch Orient. Auf die Gebiete zwischen Indien und Ägypten ist zwar immer auch ein indischer Einfluß gewesen - es ist hier ein Zwischenbereich von einzigem historischem Zauber, aber derart, daß eine einfache, übersichtliche und richtige Gliederung der Universalgeschichte nicht gelingt.

3) In der dritten Phase gilt die Einheit des Ganzen, über das bei der endgültigen Geschlossenheit des Raumes nicht mehr hinauszuschreiten ist. Voraussetzung ist die nunmehr erreichte universale Verkehrsmöglichkeit. Diese Phase ist noch nicht der Bestand einer historischen Realität, sondern die Möglichkeit des Kommenden, daher nicht Gegenstand der empirischen Forschung, sondern des Entwurfs durch Bewußtmachen der Gegenwart und unserer Situation.

Diese gegenwärtige Situation ist durch Europa geschaffen worden. Wie kam es dazu?

Die großen Einschnitte und Sprünge der abendländischen Geschichte geben dieser eine zerrissene, in radikalen Verwandlungen sich neu hervorbringende Gestalt, der gegenüber Indien und China trotz aller Bewegung, die auch dort stattfand, einheitlich wirken.

Zeitweise ist das Abendland so tief in seinen Untergrund zurückgesunken, daß es fast erloschen scheinen konnte. Ein Besucher aus dem Weltall, der um 700 nach Chr. die Erde bereist hätte, würde vielleicht in Tschangan, der damaligen Hauptstadt Chinas, den höchsten Sitz des geistigen Lebens der Erde und in Konstantinopel einen merkwürdigen Rest gefunden haben; die nördlichen Gebiete Europas wären ihm nur als barbarische Bereiche erschienen. Um 1400 war das Gesamtleben Europas, Indiens, Chinas zivilisatorisch wohl auf ähnlichem Niveau. Was aber dann seit dem 15. Jahrhundert geschehen ist, die Erdentdeckung und Prägung durch Europa, läßt die Frage entstehen, wodurch das geschah, was in Europa das Neue und Eigentümliche ist, das ihm diese Entwicklung ermöglichte, und welche Schritte es waren, die es dahin führten. Diese Frage wird zur universalgeschichtlichen Grundfrage. Denn es ist ein einmaliger Bruch im Abendland geschehen und in seinem Gefolge für die ganze Welt, ein Bruch, dessen Ergebnisse unsere Situation ausmachen, und dessen schließliche Bedeutung heute noch offen ist.

Die Hauptschritte dahin sind: Die prophetische Religion der Juden befreite von Magie, dinghafter Transzendenz in einer Radikalität, wie es sonst nirgends auf der Erde geschehen ist, wenn auch nur für einen geschichtlich begrenzten Augenblick und für wenige Menschen, aber sprechend im Buch für alle Folgenden, die zu hören vermochten. - Die Griechen schufen eine Klarheit der Unterscheidungen, eine Plastik der Gestalten, eine Konsequenz des Rationalen, die vorher nirgends in der Welt sonst erreicht worden ist. - Das Christentum verwirklichte das Innewerden der äußersten Transzendenz - wie es auch Indien und China gelungen ist -, aber mit dem Unterschied, daß das Christentum diese Verwirklichung an die Welt der Immanenz fesselte und dadurch die ständige Unruhe in der Aufgabe der christlichen Weltgestaltung bewirkte.

Aber der große Bruch erfolgte doch erst seit dem Spätmittelalter. Jene Schritte und die Erinnerung an sie mochten Vorbedingungen sein. Der Bruch selbst ist das große neue Rätsel. Es ist keineswegs eine durchsichtige, gradlinige Entwickelung. Als die Vorstufen moderner Wissenschaft im spätmittelalterlichen Nominalismus erwuchsen, fanden doch schon bald und gleichzeitig die Orgien des Hexenwesens statt. Wie sich in der Folge die Wirklichkeit des Menschen veränderte, während er Wissenschaft und Technik, Macht über die Naturkräfte und die Eroberung des Erdballs gewann, steht in einem schauerlichen Kontrast zu diesen greifbaren Leistungen.

Die die gesamte historische Vergangenheit von der noch verschleierten Zukunft trennenden Schritte wurden endgültig erst im 19. Jahrhundert getan. Immer wieder erhebt sich die Frage: Was ist das, was vielleicht von Anfang an spürbar, immer wieder hervortretend, dann zeitweise scheinbar erlahmend, Europas Charakter als Gestalter der Erde ausmacht? Was seit den Nominalisten als 'Wissenschaft sich entwickelt, seit dem 15. Jahrhundert auf dem Planeten sich ausbreitet, seit dem 17. Jahrhundert in die Breite wirksam, im 19. Jahrhundert endgültig wird?


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .