Merkmale griechischer Geschichtsschreibung, Aus: Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung.

Text entnommen aus:: Klaus Meister, Die griechische Geschichtsschreibung. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart, Berlin, Köln 1990, S. 199 - 205 und S. 235 f.


...Es bleibt noch die Aufgabe, ... charakteristische Merkmale der griechischen Historiographie aufzuzeigen sowie ... Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur modernen Geschichtswissenschaft hervorzuheben, so schwer auch dieses Unterfangen angesichts der Individualität sowohl der griechischen Geschichtsschreiber wie der modernen Historiker sein mag. 1

(1) Die Vielgestaltigkeit der historiographischen Genera.

Die Vielzahl und Vielfalt der Genera, derer sich die griechischen Geschichtsschreiber bedienten, ist eines der hervorstechendsten Merkmale der griechischen Historiographie. Am Anfang, sozusagen als Vorstufen historischer Betrachtung, standen zwei Werke des Hekataios: Einerseits die Perihegesis ges, die Erdbeschreibung, andererseits die Genealogien, d. h. die systematische Sammlung der mythischen Überlieferungen. Die historische Sichtweise im eigentlichen Sinne und zugleich die erste universalgeschichtliche Darstellung geht auf Herodot zurück, dessen thematischer Schwerpunkt auf der Geschichte der jüngeren Vergangenheit liegt. Die historische Monographie über ein Thema der Gegenwartsgeschichte, nämlich den Peloponnesischen Krieg, wurde von Thukydides begründet. Schon frühzeitig, u. a. bei Hekataios, Charon von Lampsakos, Dionysios von Milet und Hellanikos von Lesbos, spielte die Ethnographie, d. h. die Beschreibung einzelner nichtgriechischer Völker, eine hervorragende Rolle. Der Asienfeldzug Alexanders des Großen erweiterte das Blickfeld beträchtlich und brachte die höchste Blüte dieser Gattung, in deren Rahmen sich auch Angehörige fremder Völker wie der Ägypter Manethon oder der Babylonier Berossos zu Wort meldeten. Bis zum Ende der hellenistischen Zeit blieb die Ethnographie eines der bevorzugten historiographischen Genera. Von herausragender Bedeutung war auch die im 5.Jh. v. Chr. entstandene griechische Lokalgeschichte, die so ziemlich alle Landschaften und Poleis des griechischen Siedlungsraumes umfaßte und in den sog. Atthiden, d. h. Lokalgeschichten von Athen und Attika (Hellanikos, Androtion, Philochoros), und Werken über die Geschichte der Westgriechen (Antiochos, Philistos, Timaios) ihren Höhepunkt fand, im übrigen aber durch eine schier unglaubliche Anzahl von Namen und Werken charakterisiert ist.

Großer Beliebtheit erfreute sich im Zeitalter der Polls die Gattung der Hellenika = Griechische Geschichte (Xenophon, Theopomp, Anaximenes). Auf sie folgten im Wandel der Zeiten Werke, die um epochemachende Persönlichkeiten zentriert waren, zuerst um Philipp II. (Theopomp, Anaximenes), danach um Alexander den Großen (z. B. Kallisthenes, Kleitarchos, Ptolemaios), schließlich um die Diadochen (Duris, Hieronymos, Phylarchos). Bald rückte auch die neue Großmacht im Westen, nämlich Rom, mehr und mehr ins Zentrum des historischen Interesses (Timaios, Polybios; Fabius Pictor, C. Acilius). Die Universalgeschichte im Sinne einer Darstellung der Gesamtgeschichte von den Anfangen bis zur Gegenwart wurde von Ephoros im 4.Jh. begründet und fand später in Diodor einen Vertreter, wohingegen Polybios und Poseidonios nur einen begrenzten Zeitraum in den Mittelpunkt ihrer universalgeschichtlich ausgerichteten Werke stellten. Des weiteren sind zahlreiche Monographien über historische Persönlichkeiten (Theopomp, Timaios, Polybios, Poseidonios) oder einzelne Kriege (Polybios) zu erwähnen. Das Bedürfnis nach zeitlicher Orientierung und knapper Darbietung des Tatsachenmaterials führte zu speziellen Arbeiten auf dem Gebiet der Chronographic (Eratosthenes, Apollodoros, Kastor). Weitere historiographische Genera bildeten u. a. die politischen Flugschriften (Pseudoxenophon), die Staatsverfassungen (Aristoteles) sowie Schriften über Kriegs- und Belagerungskunst (Aineias Taktikos, Polybios). Außerdem sind autobiographische Werke und Memoiren zu erwähnen (Pyrrhos, Aratos, Ptolemaios VIII. Euergetes II., Cicero), ebenso die Biographie (Aristoxenos, Dikaiarchos, Hermippos, Satyros), welche zwar ein eigenes literarisches Genos bildet, jedoch stark historisch ausgerichtet ist. Manche Darstellungen nähern sich inhaltlich dem historischen Roman (Ktesias, Xenophon), andere gar der Utopie (Hekataios von Abdera, Euhemeros von Messene). Außerdem haben noch zahlreiche weitere Genera mit unterschiedlichster Thematik existiert. Bei aller Differenzierung und Heterogenität muß freilich darauf hingewiesen werden, daß diese Vielfalt der Genera nicht im entferntesten mit der enormen Spezialisierung zu vergleichen ist, wie sie für die heutige Geschichtswissenschaft charakteristisch ist.

(2) Die Weite des Geschichtsbegriffes.

Der Vielzahl der historiographischen Genera entspricht eine große Weite des Begriffes Geschichte. Zwar hat sich erstmals Thukydides und nach ihm zahlreiche Historiker im wesentlichen auf die politische und militärische Geschichte beschrankt, doch gibt es, angefangen bei Herodot, eine ungleich größere Zahl von Geschichtsschreibern, die den Begriff Geschichte wesentlich weiter gefaßt haben: Außer den politischen und militärischen Ereignissen bildeten u. a. ethnographische, >anthropologische< und geographische Schilderungen, z. B. Ausführungen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche, die Natur des Landes, die Pflanzen- und Tierwelt einen integrierenden Bestandteil vieler Geschichtswerke. Dazu kamen mythographische, religionsgeschichtliche und kulturhistorische Angaben, nicht zuletzt alle möglichen Kuriosa und Thaumcisia, d. h. wunderbare Dinge. Gerade die Verbindung zur Ethnographie und Geographie, die schon am Anfang der griechischen Geschichtsschreibung stand, ging bis zum Ende der hellenistischen Zeit und darüber hinaus niemals ganz verloren.

(3) Die Kunst der formalen Gestaltung. 2

Auch im formalen Bereich existiert eine erstaunliche Mannigfaltigkeit. Ich erinnere nur an die Hauptströmungen der hellenistischen Geschichtsschreibung: die sog. rhetorische, die eine kunstvolle stilistische Aufmachung anstrebt (Ephoros, Theopomp, Anaximenes); die »mimetische«, die die Ereignisse bildhaft und anschaulich vor Augen zu führen sucht (Duris, Phylarchos); die pragmatische, die eine nüchterne Tatsachen- und Ursachenforschung intendiert und auf rhetorischen Schmuck ebenso verzichtet wie auf dramatische Anschaulichkeit (Polybios). Bei aller Verschiedenheit haben diese Richtungen das eine gemeinsam, daß sich die Verfasser um eine anspruchsvolle formale Gestaltung bemühten. Dies gilt gleichermaßen für die Geschichtsschreiber der klassischen Epoche. Die griechische Historiographie verdient es daher, nicht nur unter »wissenschaftlichem« Aspekt, sondern auch unter literarischem Blickwinkel gewürdigt zu werden, ja sie ist sogar eine der wichtigsten Gattungen der künstlerischen Prosa. Die Beachtung des Formalen beschränkt sich freilich nicht auf die stilistische Seite, sondern bezieht sich auf den ganzen Aufbau, die Gliederung und Anlage eines Werkes sowie auf ein relativ konstantes Repertoire typischer Bestandteile. Am Anfang steht jeweils ein Proom (Vorwort) mit einer weitgehend gleichbleibenden Topik: Hier finden sich autobiographische Angaben des Verfassers, ein Hinweis auf die Größe und Bedeutung des zu behandelnden Themas, Bemerkungen zur historischen Methode, das Bekenntnis zu einer wahrheitsgemäßen Darstellung sowie Ausführungen über Sinn und Zweck des eigenen Werkes. Innerhalb der eigentlichen Darstellung erfahren beispielsweise Schlachtenschilderungen und historische Einzelszenen eine wirkungsvolle Gestaltung. Gleiches gilt auch für die zahlreichen Exkurse, die häufig ein Kunstwerk im Kleinen bilden. Weiterhin sind abschließende Würdigungen von historischen Persönlichkeiten oder bedeutenden Ereignissen zu nennen, und nicht zuletzt sind die wörtlichen Reden hervorzuheben, die seit Herodot und Thukydides zum festen Bestand der griechischen Historiographie gehören und in denen sich die Gestaltungskraft der Autoren besonders manifestiert. Denn der Wortlaut dieser Reden ist, antikem Stilempfinden entsprechend, stets eine Schöpfung des Historikers, und dies gilt in gewisser Weise auch für den Inhalt, da die Geschichtsschreiber die Redner oftmals »das Nötige«, d. h. das der jeweiligen Situation Angemessene, sagen lassen und mithin ihrem eigenen Ermessen einen breiten Spielraum einräumen. Nebenbei bemerkt, auch Urkunden und Briefe erscheinen in der Regel nicht im Originalwortlaut, sondern werden in die Sprache des Historikers übertragen. Zu den ästhetischen und literarischen Kategorien, die auf ein Geschichtswerk Anwendung finden, gehört es auch, daß man beispielsweise zugunsten der Geschlossenheit und größeren Wirkung der Darstellung dazu bereit ist, chronologische und inhaltliche Ungenauigkeiten in Kauf zu nehmen.

(4) Sinn und Zweck der Darstellung.

Zu diesem Punkt bemerkt STRASBURGER' mit Recht: An der sachbezogenen Theorie hingegen, über den Sinn geschichtlicher Forschung und Darstellung hat das Altertum zwei Grundauffassungen entwickelt, die auch noch unsere Alternative sind: historia vita memoriae und lux veritatis (das Weiterleben der Erinnerung und das Licht der Wahrheit) andererseits: historia magistra vitae (die Lehrmeisterin des Lebens).' Also im einen Falle die zweckfreie Wissenschaft: Sammlung, kritische Reinigung und Bewahrung der Kunde um ihrer selbst und um der Erkenntnis willen, das rein gelehrte, sozusagen antiquarischmuseale Geschichtsverständnis. Im anderen Falle: Geschichte als Lehrstoff ... « Während Herodot als Musterbeispiel für die erste Auffassung gelten kann, ist Thukydides das hervorragendste Beispiel für die zweite. Freilich ist die Ansicht darüber, welche Lehren man aus der Geschichte ziehen könne, unter den griechischen Historikern umstritten: Nach Thukydides sind diese Lehren erkenntnistheoretischer Natur, und zwar in dem Sinne, daß man zukünftige Entwicklungen besser prognostizieren könne; nach Ephoros hingegen sind die Lehren vor allem moralischer Art, dergestalt, daß die herausragenden Persönlichkeiten und Taten zur Nachahmung anspornen, die schlechten hingegen zur Abschreckung dienen sollen. Daneben sind auch zahlreiche Werke anzutreffen, in denen der didaktische Aspekt zugunsten eines anderen völlig in den Hintergrund tritt: Viele Geschichtsschreiber wollen zwar nicht »unterhalten«, wie man in unzutreffender Interpretation der durischen hedoné = »Freude« bis in die neueste Zeit vielfach annimmt, aber sie wollen »erfreuen«, d. h. den Leser fesseln und beeindrucken und damit primär emotional, nicht rational wirken. Dies gilt vor allem für das Werk des Duris und Phylarchos und zahlreiche weitere »mimetische« Historiker, die dieses Ziel häufig mit einer sensationsbetonten Darstellung zu erreichen suchen. Das berühmte Horazwort »aut prodesse volunt aut delectare poetae« (»die Dichter wollen entweder mitzen oder erfreuen«) läßt sich somit auch auf die griechischen Geschichtsschreiber übertragen.

(5) Arbeitsweise und historische Methode.

Was die Arbeitsweise und historische Methode der griechischen Geschichtsschreiber angeht, so ist in der Moderne gerade im Hinblick auf Thukydides, den Schöpfer der kritischen Geschichtsschreibung, vielfach zu lesen, daß man nicht von wissenschaftlicher Geschichtsschreibung im strengen Sinne sprechen könne: Diese sei vielmehr erst im 19.Jh. entstanden. Dabei beruft man sich vornehmlich auf die Art und Weise, in der die griechischen Historiker mit dem vorhandenen urkundlichen und literarischen Material umgingen. Während nämlich der moderne Historiker auf die Durchmusterung von Archiven, Urkunden und Akten sowie die vollständige Berücksichtigung der bereits vorhandenen Literatur den Schwerpunkt seiner Arbeit legt und in der kritischen Auseinandersetzung mit den bereits vorhandenen Publikationen seine vornehmste Aufgabe erblickt, sind die Griechen in dieser Hinsicht oft naiv und dilettantisch zu Werke gegangen. Begnügte man sich doch häufig mit dem Rekurs auf eine oder mehrere ältere Darstellungen, legte diese über weite Strecken ohne namentliche Nennung zugrunde und zitierte sie nur dann, wenn man meinte, sie kritisieren oder verbessern zu müssen (ein Verfahren, das freilich auch heute bisweilen vorkommen soll!). In der Tat entspricht ein solches Vorgehen nicht den Kriterien moderner Wissenschaftlichkeit. Gleichwohl sollte man unter keinen Umständen vergessen, daß es den meisten griechischen Geschichtsschreibern bei ihrer Arbeit primär urn etwas ganz anderes ging und daß deshalb, wie STRASBURGER' zu Recht betont, ein Vergleich nur bedingt möglich ist: »Zudem ist die Arbeitssituation des heutigen sogenannten »Historikers« von der des antiken in so vielfältiger Hinsicht verschieden, daß das Urteil der meisten von uns über die Leistung der meisten von jenen sich nur noch zu geringem Teile des Maßstabes gleichartiger Berufserfahrung bedienen kann.« Denn die griechischen Historiker, angefangen bei Herodot und Thukydides, über Philistos, zahlreiche Alexander- und Diadochenhistoriker bis hin zu Polybios waren auf einem bestimmt nicht weniger bedeutsamen Felde der historischen Forschung den Modernen weit überlegen, nämlich auf dem Sektor der primären Forschung. Sie stützten sich in hohem Maße auf eigene Forschung und Erkundung - man denke nur an die histories apödexis Herodots -, verfaßten ihre Werke auf Grund von Autopsie und eigenem Erleben, sammelten und sichteten die mündliche Überlieferung, befragten Augenzeugen der Ereignisse und sonstige Gewährsmänner und unternahmen zu diesem Zwecke ausgedehnte Forschungsreisen. Zusätzlich gilt es zu bedenken, daß die Arbeitsbedingungen auf Grund des Mangels an Archiven und Bibliotheken, des Nichtvorhandenseins von Massenmedien wie Presse, Funk und Fernsehen, der Nichtkenntnis der fremden Sprachen sowie der Schwierigkeit des Reisens wesentlich ungünstiger waren als heutzutage. Da dieser Aspekt der Primärforschung bei den modernen Historikern im allgemeinen nur eine geringe Rolle spielt, kann man wahrlich darüber streiten, ob die griechischen oder die modernen Geschichtsschreiber die größere »wissenschaftliche« Leistung vollbringen, zumal viele antike Autoren, allen voran Polybios, ihrerseits auf bloße Stubengelehrte wie Ephoros, Theopomp oder Timaios mit unverhohlener Geringschätzung herabsahen. Wie immer man darüber urteilen mag, es ist unter keinen Umständen gerechtfertigt, die »wissenschaftliche« Leistung der griechischen Historiker gering veranschlagen zu wollen.

(6) Wahrheitsanspruch und historiographische Praxis.

Was das kritische Urteil und den Wahrheitsanspruch der griechischen Historiker angeln, so wurde bereits betont, daß es geradezu zur Topik der Proömien gehört, das Streben nach Wahrheit als oberstes Ziel der eigenen Darstellung zu bezeichnen (Thukydides, Ephoros, Timaios, Polybios). In der Tat läßt sich aufs Ganze gesehen ein ernstes Bemühen um Objektivität konstatieren. Gleichwohl konnte es nicht ausbleiben, daß eine wahrheitsgemäße Darstellung in der Praxis von mehreren Seiten gefährdet war und so zwischen dem theoretischen Anspruch und der historiographischen Wirklichkeit bisweilen eine nicht unerhebliche Lücke klafft. Schuld daran sind beispielsweise der politische Standort oder der Patriotismus der betreffenden Historiker, die Unzuverlässigkeit der Informanten, Nichtkenntnis der fremden Sprachen, eine auf das Sensationelle abzielende Darstellungsweise oder die rhetorische Aufbauschung der Schilderung, weiterhin die mehr oder minder freie Erfindung von Reden oder die oberflächliche Kritik am Vorgänger, dessen wirkliche Äußerungen nicht selten verzerrt und entstellt wiedergegeben werden. Es handelt sich um Phänomene, die teilweise auch in der modernen Geschichtswissenschaft anzutreffen sind.

(7) Leitmotive der Darstellung.

Die griechische Geschichtsschreibung beschränkt sich in der Regel nicht auf die bloße Aufzählung und Aneinanderreihung der Ereignisse, sondern will das Geschehen in seiner Ganzheit erfassen. Über Fakten, Ereignisse und Zufälle hinaus sucht sie, wie es SCHADEWALDT treffend formuliert hat, »das Bild eines Geschehensganzen aufzubauen, der Fülle überlieferter Fakten den inneren Richtungssinn abzugewinnen«. In diesem Sinne ist es charakteristisch, daß bereits bei Herodot ein übergeordnetes Motiv die Darstellung beherrscht: Über der immensen Fülle heterogener Nachrichten und Informationen steht als Grundidee und geistiges Band seines Werkes der Gedanke der großen Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident.

(8) Ursachenforschung.

Ein weiteres Charakteristikum der griechischen Geschichtsschreibung ist es, daß man von Anfang an die Frage nach den Ursachen der Ereignisse stellt und die Vielfalt der Erscheinungen auf die bewegenden Kräfte des historischen Prozesses zurückzuführen sucht. So betont Herodot zu Beginn seines Werkes, es gehe ihm »besonders um die Ursache bzw. Schuld (aitie), weswegen sie (nämlich Griechen und Perser) gegeneinander Krieg geführt haben« (11), und Thukydides (123) möchte »die wahrste, freilich am wenigsten offenliegende Ursache« für den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta ermitteln. Besonders aufschlußreich sind außerdem mehrere Partien aus Polybios (111 31. XI 19a. XII 25b).

(9) Die zeitliche Anknüpfung an das Werk der Vorgänger.

Auffallend ist weiterhin die häufig zu beobachtende Tatsache, daß die griechischen Historiker zeitlich an das Werk ihrer Vorgänger anknüpfen und dieses thematisch fortsetzen. Dies gilt u. a. für das Verhältnis Thukydides-Herodot; Xenophon-Thukydides; Diyllos-Ephoros; Athanis-Philistos; Polybios-Timaios; Poseidonios-Polybios. In der Moderne wird vielfach der Umstand hierfür verantwortlich gemacht, daß man damit »die Deutungs- und Darstellungskategorien des Vorgängers in gewissem Umfange als für sich selbst verbindlich erachtete« (FUHRMANN). Dies ist deshalb unzutreffend, well sich die eigene Darstellung und historische Methode vielfach beträchtlich von denen der Vorgänger unterscheiden - man denke nur an das Verhältnis Thukydides-Herodot, Xenophon-Thukydides oder Polybios-Timaios: Maßgebend ist vielmehr die Tatsache, daß man die eigene Darstellung nicht isolieren möchte, sondern sie sozusagen dem Strom der Gesamtgeschichte einfügen will. Auf diese Weise entstand in der Tat eine kontinuierliche Schilderung, eine Art bistoria perpetua, die fast ohne Unterbrechung von der Zeit der Perserkriege bis ins erste vorchristliche Jahrhundert reichte.

(10) Nachleben und Aktualität der griechischen Historiker.

Im Zuge der Darstellung wurde bereits darauf hingewiesen, daß die berühmtesten und bedeutendsten unter den griechischen Historikern, vor allem Herodot, Thukydides, Xenophon und Polybios, bis in die Moderne weitergewirkt haben. So galt, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen, Thukydides im 19.Jh. als der Historiker schlechthin. Seine historische Methode, seine Beschränkung auf das Politische und Militärische und nicht zuletzt seine Kunst der Darstellung haben bis in die Neuzeit hinein Schule gemacht, und die Begründung der modernen Geschichtswissenschaft im 19.Jh. ist ohne sein Vorbild schlechthin undenkbar. Eng mit dem Vorangehenden hängt ein letzter Aspekt zusammen: Zahlreiche Fragen methodologischer und geschichtstheoretischer Natur, die die moderne Geschichtswissenschaft beschäftigen, sind erstmals von den griechischen Historikern aufgeworfen und teilweise recht unterschiedlich beantwortet worden. Ich erwähne beispielshalber die Frage nach dem Wesen und Inhalt der Geschichte, nach deren Sinn und Zweck, nach den Aufgaben des wahren Historikers, nach methodologischen Prinzipien, nach der Rolle der Einzelpersönlichkeit bzw. der Masse in der Geschichte, nach dem Stellenwert des Irrationalen etc. Nicht zuletzt darin liegt die besondere Aktualität und Modernität der griechischen Geschichtsschreiber, die auch in Zukunft als die klassischen Vorläufer und Vorbilder einer Wissenschaft gelten werden, die neuerdings wieder mehr und mehr auf das zunehmende Interesse einer breiteren Öffentlichkeit trifft.

ANMERKUNGEN.

1 Vgl. vor allem H. Strasburger, Die Wesensbestimmung der Geschichte durch die antike Geschichtsschreibung, 3. Aufl. 1975 und Ch.W. Fornara, The Nature of History in Ancient Greece and Rome, 1983.

2 Vgl. dazu die Ausführungen Lukians in seiner Schrift »Wie man Geschichte schreiben soll«, griech. u. dt., H. Homeyer, München 1965 sowie den Kommentar von C. Avenarius, Lukians Schrift zur Geschichtsschreibung, Diss. Frankfurt/M. 1954 (veröff. Meisenheim am Glan 1956) mit reichen Quellenbelegen und Literaturhinweisen. Neuerdings C. P. Jones, Culture and Society in Lucian, Cambridge (Mass.) und London 1986, S. 69ff. (Lit.).

3 Wesensbestimmung, S. 52 f.

4 Vgl. Cicero, dc orat. II 36, der hier wohl einer griechischen Vorlage folgt.

5 Wesensbestimmung, S. 50.

6 Vgl. dazu die grundlegende Arbeit von G. Schepens, L' >autopsie< dans la méthode des historiens grecs du V siècle avant J.-C., Brüssel 1980.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .