Die Antike als Leitbild humanistischer Bildung und Wissenschaft, Aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance.

Text entnommen aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance, in: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, (1961) München 1975, S. 511 ff. (517 - 522).


Der Rückblick auf das Mittelalter erleichtert es uns, das prinzipiell Neue zu verdeutlichen, welches mit dem Humanismus anhebt. Unter Humanismus verstehen wir die vom klassischen und christlichen Alterturn ausgehende und auf dessen Menschenideale zielende Bildungsbewegung der Renaissance und des Reformationszeitalters, die das gesamte religiöse, politische, gesellschaftliche und persönliche Leben des Gebildeten durchdringt und diesen in einer schwer beschreibbaren, doch unverwechselbaren Weise formt. Wie jede Bildungsbewegung von Rang bedurfte der Humanismus des Leitbildes; er fand es einerseits bei den Kirchenvätern und frühchristlichen Schriftstellern, anderseits - und dies im Gegensatz zum Mittelalter - in der gesamten erreichbaren klassischen Literatur, der lateinischen wie der originalen griechischen. Denn mindestens die Absicht der meisten Humanisten ist auf beide klassischen Sprachen gerichtet, wenn auch die Italiener als Gräzisten vorwiegend eine Vermittlerrolle spielen und die Führung auf diesem Gebiete an der Wende des 15. zum 16. Jh. an ihre deutschen und niederländischen Gesinnungsgenossen abgeben. Damit übernimmt der Westen endgültig die Aufgabe der Erhaltung der griechischen Literatur, die bis zur Mitte des 15. Jh. traditionsgemäß der Osten wahrgenommen hatte. Für die Durchgestaltung des Lebens aber brauchten die Humanisten die klassischen Literaturzeugnisse wie das tägliche Brot; jede neuerschlossene Quelle bedeutete eine Bereicherung der Möglichkeiten zur humanistischen Formgebung. So erklärt sich der geradezu fanatische Jagdeifer, mit dem man den Quellen nachspürte. Er dauerte rund zwei Jahrhunderte, von etwa 1330 bis 1530; dann waren die Vorräte im wesentlichen erschöpft. Von einer Wiederentdeckung im eigentlichen Sinne kann man nur dann sprechen, wenn die Quellen im Mittelalter in Vergessenheit geraten waren; in den übrigen Fällen, in denen sie zwar bekannt waren, aber getrübt flossen, wäre der Ausdruck Wiederbelebung angemessener. Um diese in der europäischen Geistesgeschichte einmalige Erscheinung zu verstehen, ist ein Blick auf ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen nötig. Nach dem Zusammenbruch der Stauferherrschaft in Italien (Hinrichtung Konradins 1268) und dem Exil der Päpste in Avignon (1309-77) hatte sich die Macht der selbständigen Stadtgemeinden in Nord- und Mittelitalien gefestigt. Das Amt des demokratisch gewählten Bürgermeisters ging auf den Signore über, der die Herrschaft zunächst usurpierte, bis sie durch die Verleihung des Fürstentitels legalisiert wurde. Diese Entwicklung von der Kommune über die Signorie zum Prinzipat vollzog sich vor dem Hintergrund einer sozialen Umwälzung, deren Ergebnis die Akkumulation von Kapital in den Händen von Bürgern (Kaufleuten, Bankiers, Fabrikanten) oder von wirtschaftlich tätigen Adligen war. Neben Handelshausern mit internationalen Beziehungen entstanden Banken - die Bezeichnung «bancherius» ist in Genua bereits im 12.Jh. belegt -, besonders in der Lombardei, in der Toskana und in Venedig, den Zentren des Humanismus und des modernen Bibliothekswesens. Die geschäftlichen Verbindungen und finanziellen Möglichkeiten außerhalb des Landes, etwa im Ostreich, gehören zu den Voraussetzungen für den Erwerb klassischer Kodizes. Die neue Geldaristokratie bevorzugte die städtische Lebensweise, welche in Gestalt der «urbanitas» ohnehin seit je eine besondere Anziehungskraft auf die lateinischen Völker ausgeübt hatte, und begünstigte den an städtische Zentren gebundenen Unternehmergeist in jeder Form: «Das Kapital wirkte schöpferisch, erfinderisch, 'unternehmend'» (ALFRED V. MARTIN).

Diese Maxime gilt aber nicht nur für Wirtschaft, Politik und Krieg, sondern genau so für Kunst und Literatur. Es gehört zu den Merkmalen der Zeit, daß Poçgio Bracciolini (1380-1459) und der universale Leon Battista Alberti (1404-72) die Anhäufung von Vermögen und die kapitalbildende Sparsamkeit als sittliche Leistungen zu rechtfertigen suchten (nicht ohne Spitze gegen die «schmarotzerhafte Untätigkeit» der Mönche). Eine solche Haltung liegt durchaus im Sinne jenes Florentiner «Bürgerhumanismus», der den Landadel kraft seines modernen Denkens an materieller und geistiger Leistungsfähigkeit übertrifft. Dem gesamten italienischen Humanismus eignet dieser Zug zum Unternehmerischen; nicht zuletzt drückt er sich in der Unbedenklichkeit aus, mit welcher man der Handschriften habhaft zu werden suchte, in denen die klassische Bildung kodifiziert war. Es kommt hinzu, daß erst angehäuftes und überflüssiges Kapital die Möglichkeit gibt, den Erwerb oder die Vervielfältigung von Handschriften zu finanzieren. Die Preise waren hoch; aber die Vermögenden hielten es für ihre Mäzenatenpflicht, Kodizes aus ganz Europa herbeischaffen oder wenigstens kopieren zu lassen. Die Haushaltbücher Lorenzos von Medici (reg. 1469 bis 1492) belehren uns über die beträchtlichen Ausgaben, die dem Herrscher auf solche Weise erwuchsen. Es gehört zu den erfreulichsten Merkmalen dieser Art Unternehmergeist, daß er seine Gewinne nicht nur nutzbringend, sondern zum Teil auch a fonds perdu anlegte, weil er die ideellen Werte einer zweckfreien Investition erkannte. Dabei versteht sich von selbst, daß ein gut Teil Snobismus hinzukommt, wenn ein Angehöriger der neuen Geldaristokratie sich rühmt, zahlreiche und seltene Handschriften zu besitzen. In mancher Hinsicht ist der Sammeleifer mit dem modernen Bestreben zu vergleichen, hochquotierte Kunstwerke oder antike Möbel zu erwerben. Mit dem Sammeln von klassischer Literatur entsteht in der Renaissance der Typus des modernen Privatsammlers, der von nun an aus dem europäischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken ist. Sein Urbild ist der Sonderling Niccol Niccoli (1364-4437), Sohn eines reichen Kaufmannes, der sein Vermögen für Kodizes ausgab, aber auch Bankkredite Cosimos von Medici (reg. 1434-64) in unbeschränkter Höhe in Anspruch nehmen durfte. Niccolis Bibliothek enthielt rund 800 Bände, die er zum Teil selbst kopiert hatte: nicht um die Schreiberlöhne zu sparen, sondern aus philologischer Gewissenhaftigkeit.

Der neuen gesellschaftlichen Erscheinung des Unternehmers entspricht die veränderte Stellung des Gelehrten in der Gesellschaft. Die Geistlichen sind nicht mehr ausschließlich Träger der höheren Bildung und Hüter der Tradition. An ihre Seite treten die Laien, vor allem die Juristen. Das versteht sich von selbst in Bologna, dessen Universität die Wiege der modernen Jurisprudenz war; es gilt aber auch für Padua und die Lombardei. «Die traditionelle Verbindung der Jurisprudenz mit dem Trivium hatte seit langem Stoff und Kraft für eine künftige fruchtbare Arbeit vorbereitet» (REMIGI0 SABBADINI). Francesco Pctrarca (1304-74) hatte auf Wunsch seines Vaters, wenngleich widerwillig, Jura studiert, Giovanni Boccaccio (1313-75) aus dem gleichen Grunde und nicht weniger ungern den Kaufmannsberuf erlernt. Ihr Schüler Coluccio Salutati (1331-1406) war länger als ein Menschenalter «Cancelliere dei Signori» in Florenz; ähnliche Stellungen hatten Leonardo Bruni (1370/74-1444) und Niccoli Machiavelli (1469-1527) inne. Giorio Merula (1431-94), der Entdecker der Klosterbibliothek Bobbio, schrieb im Auftrage des Mailänder Herzogs Ludovico il Moro die Geschichte des Herzogtums. Angelo Poliziano (1454-94) war im Hause Medici, Guarino von Verona (1374-1460) im Hause Este Prinzenerzieher; beide waren als Lehrer an Hochschulen tätig. ZahIriche andere Humanisten waren gleichsam hauptamtlich Professoren. Der sogenannte böhmische Humanismus isr ausschließlich die Schöpfung gebildeter Laien, welche in hohen Staatsämtern tätig waren. Einer der bedeutendsten deutschen Büchersammler, der Nürnberger Enzvklopädist Hartmami Schea'el(1440-1514), war wie sein Onkel Hermann Arzt.

Andere Humanisten bewegten sich an der soziologisch schwer überschaubaren Grenze zwischen Geistlichkeit und Laienstand: so Petrarca, der die Tonsur und die niederen Weihen empfing, um im Genuß kirchlicher Pfründen seinen literarischen Neigungen ungestört leben zu können; so auch Poliziano, der als Geistlicher von Pfründen lebte, gleichzeitig aber den Lehrberuf ausübte. In diesen Fällen stellt der Humanist die Vorform des französischen Abbt. und des italienischen Ahbate dar, der noch für die Inauguration des Neuhumanismus eine Schlüsselgestalt bildet (\Vinckelmann). Dabei ist es von geringerer Bedeutung, daß «die Kutte den Mönch machte», als daß sie ihm den Zugang zu den Klöstern öffnete, wo Handschriften verborgen waren. Eine ähnliche Zwischenstellung nahm Poçgio ein, der Heros unter den Entdeckern der antiken Kodizes. Seinem Charakter nach eine der zweideutigsten Figuren unter den Humanisten, war er beruflich als päpstlicher Schreiber und Sekretär tätig. (Ähnliche Ämter an der Kurie hatten eine Zeitlang Leonardo Bruni und Lorenzo Valla, 1407-57, inne.) Poggio trug ebenfalls Priesterkleidung, ohne auch nur die niederen Weihen empfangen zu haben. Es kostete den für (angeblich) vierzehn außereheliche und einige eheliche Kinder treu sorgenden Familienvater, der mit 56 Jahren seine Konkubine im Stich ließ und ein achtzehnjähriges Mädchen heiratete (vgl. seine Schrift An seni sit uxor ducenda) keine geringen Opfer an Gesinnung, die höfischen Kabalen und die Launen von fünf einander folgenden Herren heil zu überstehen. Doch er brachte die Opfer um so lieber, als er allein auf diese Weise seiner Passion für die klassische Literatur frönen konnte.

Gerade an der Spitze der Kirche standen nämlich wiederholt Männer, bei denen mit der gleichen Leidenschaft zu rechnen war. Von Nikolaus V. (Tommaso Parentucelli aus Sarzana; reg. 1447-55) über Pius II. (Enea Silvio Piccolomini aus Corsignano - heute Pienza - in der Toskana; reg. 1458 bis 1464) und Leo X. (Giovanni dc' Medi ci aus Florenz; reg. 1513-21) bis zu Benedikt XIV. (Prospero Lambertini aus Bologna; reg. 1740-58), unter dessen Herrschaft \Vinckelmann den Neuhumanismus inaugurierte, regierten immer wieder Päpste, die nicht nur als aktive Humanisten in die Geschichte der europäischen Bildung eingegangen sind, sondern im \Vetteifer mit den weltlichen Fürsten sehr beträchtliche Mittel für die Förderung der Altertumswissenschaften aufwandten. Als Entdecker vergessener Handschriften, Übersetzer oder Mäzene standen ihnen einige hohe Kirchenfürsten nicht nach: der Kardinal Nikolaus von Kues an der Mosel (1401-64), nach der entdeckerischen Leistung an der Spitze der Geistlichkeit; ferner der Rektor der Universität Paris, Nikolaus von Clé'manges (1363/64-1437); der Ordensgeneral der Kamaldulenser in S. Maria degli Angeli in Florenz, Ambroçio Traversari (1386-1439); Francesco Pizzolpasso (gest. 1443), Erzbischof von Mailand; 7ohanne.r Bessarion (1395-1472), Kardinal und Titularpatriarch von Konstantinopel, sowie zahlreiche andere. Die Handschriftenentdecker beim Basler Konzil waren sogar ausschließlich Geistliche. Ihrer aller Namen sind mit der Wiedergewinnung der klassischen Literatur ebenso unzertrennlich verbunden wie die der Laien. Die hohe Stellung der Genannten ist ein Zeichen dafür, daß die humanistische Bildungsbewegung schon bald die Hierarchie der Kirche ergriffen hatte; sieht man von Petrarca ab, so ist das Auftauchen eines einfachen Mönches und bischöflichen Klienten, des Erasmus von Rotterdam (1465/66-1536), unter der humanistischen Elite eher eine späte Erscheinung. Ohne die persönliche Teilnahme, die materielle Förderung und die Autorität der Kirchenfürsten bei den oft zurückhaltenden oder widerspenstigen Äbten der Klöster wäre die Wiedergewinnung der lateinischen Literatur in ihrer Breite nicht möglich gewesen.

Der Unternehmergeist, der Kleriker wie Laien beseelte, äußerte sich nicht zuletzt in der Lust am Reisen, die eine wesentliche Voraussetzung zum Erwerb der Kodizes bildete. Die Humanisten reisten mit materieller und moralischer Unterstützung ihrer Auftraggeber, sei es der neuen Geldaristokratie, besonders der Medici, oder der humanistisch gesonnenen Kirchenfürsten. Ereignisse der Kirchengeschichte wie die großen Reformkonzilien auf alemannischem Boden stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Handschriftensuche. Auch im Mittelalter hatten Reisen gelegentlich zum Erwerb von Handschriften geführt; so weilte beispielsweise der Bischof Anselm von Havelber in der ersten Hälfte des 12.Jh. zweimal in Konstantinopel und brachte jedesmal griechische Handschriften heim, die dann ins Lateinische übersetzt wurden. Doch bei den Humanisten wird Ortsveränderung eine Lebensgewohnheit, Heimatlosigkeit zur spezifischen Daseinsform. Dies mag zum Teil darin begründet sein, daß mehrere italienische Humanisten als Söhne Verbannter zur Welt kamen: Dantes Schicksal teilten die Väter Petrarcas, Salutatis und Albertis. Und bis zu einem gewissen Grade ist Exil oder Freiheit von Bindungen stets Humanistenlos geblieben, selbst bei Leuten, die ungern reisten wie Niccoli, aber aus Scheu vor Bindungen lieber mit ihrer Haushälterin als mit einer Ehefrau lebten. Er sei in der Verbannung gezeugt und geboren worden, klagt Petrarca und erzählt dem vertrauten Freunde in der Widmung seiner Briefsammlung, wie er im siebenten Lebensmonat von einem kräftigen jungen Manne durch die Toskana getragen wurde. Seine späteren Wanderungen, die ihn bis nach Paris, Flandern und Rom führten, vergleicht er mit den Irrfahrten des Odysseus. Doch war er selbst nicht unschuldig an seinem Schicksal. Nach eigenem Geständnis trieb ihn der unbezähmbare «Wunsch, vieles zu sehen», unstet von Hof zu Hof, von Kloster zu Kloster und nicht zuletzt zu der berühmten Besteigung des Mont Ventoux in der Provence (133), mit der ein neues Kapitel in der Seelengeschichte des Menschen anhebt: «sola videndi insignem loci altitudinem cupiditate ductus» («allein von dem brennenden Wunsche beseelt, die bedeutende Höhe der Gegend zu sehen»). Bei Petrarca «scheint es sicher, daß der Vorteil langer Aufenthalte und Reisen in Frankreich und Italien viel dazu beigetragen hat, ihm die führende Stellung in der humanistischen Bewegung zu geben» (B. L. ULLMAN).


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .