Die Entwicklung von der philologischen Text- zur historischen Quellenkritik im Humanismus am Beispiel Lorenzo Vallas. Aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance.

Text entnommen aus: Horst Rüdiger, Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance, in: Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, (1961) München 1975, S. 511 ff. (554f.)


...Valla hatte das Glück, unter Alfonso V. in Neapel tätig zu sein, wo ihm neben der guten Bibliothek die unbeschränkte Freiheit des Wortes zur Verfügung stand, sowie an der Kurie unter Nikolaus V. In seinen Schriften finden sich die Ansätze, die wir bisher beobachtet haben, voll ausgeprägt: das elegantia-Ideal, das sich aber nicht im bloßen Genuß der Eloquenz erschöpft, sondern auf der genauen Kenntnis der lateinischen Sprachgeschichte und des grammatischen Materials beruht; die Fähigkeit, ein Problem historisch auf seine Ursprünge zurückzuführen und von jedem ideologischen Überbau zu befreien; die prinzipielle Nichtanerkennung der Autoritäten, die sich bei ihm bis zur bewußten Respektlosigkeit, ja zur Provokation steigern kann; die Konsequenz eines Verfahrens nach streng logischen Grundsätzen ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Folgen der Ergebnisse. Die Problematik, die sich aus diesem Ethos der totalen Versachlichung (trotz persönlicher Streitsucht Vallas) im Laufe der weiteren Entwicklung ergeben wird, kann hier nur angedeutet werden.

Vallas Ruhm gründet auf verschiedenen Leistungen, deren gemeinsames Merkmal die wissenschaftliche Methode bildet. Sein philologisches Meisterwerk im engeren Sinne sind die Emendationes sex librorum T. Livii. Die Verbesserungen, oft gegen das Zeugnis der Handschriften vorgenommen, sind zum Teil in die modernen kritischen Ausgaben eingegangen. Sie sind Zeugnisse genialer Intuition und historischlinguistischer Studien. - Als Schlag mit verzögerter Wirkung erscheint heute De fa/so credita et ementita Constantini donatione declamatio (1440). Die Schrift ist zwar auch ein Pamphlet gegen Eugen IV. und den Kardinal Vitelleschi, «das Monstrum und Scheusal ..., das sein Schwert ... in Christenblut müde werden ließ»; aber ihr Kern ist ebenso das Ergebnis linguistischer Untersuchungen wie Vallas Nachweis, daß der angebliche Briefwechsel zwischen Seneca und dem Apostel Paulus unecht ist. In der Dec/amatio beweist Valla, daß die Schenkungsurkunde, mit der Kaiser Konstantin bei der Verlegung der Reichshauptstadt nach Konstantinopel den römischen Bischöfen das Westreich übergeben, ihnen kaiserliche Insignien verliehen und den Lateranpalast überlassen haben soll, eine durchsichtige Fälschung darstellt. Damit war der weltliche Herrschaftsanspruch der Kirche überhaupt in Frage gestellt. Die geschichtlichen Folgen von Vallas Nachweis wirkten über die Reformation (Huttens Angriff gegen das Papsttum auf Grund von Vallas Schrift, 1518) bis zum Risorgimento fort (Aufgehen des Kirchenstaates im Königreich Italien, 1870). Wissenschaftsgeschichtlich war durch die Declamatio die historische Urkundenkritik auf philologischer Grundlage eingeleitet. Ähnliche Fernwirkungen hatten In Norum Testamentum ex dirersorum utriusque /inuae codicum collatione adnotationes (1449). Der Titel sagt genau, worum es sich handelt: Durch Kollation griechischer und lateinischer Handschriften wird eine Textkritik der Vulgata durchgeführt und deren Übersetzungsmängel nachgewiesen. Selbstverständlich wurde Valla alsbald wegen Verunglimpfung des heiligen Hieronymus angegriffen; doch das Werk war im Schatten der Kurie entstanden: Kardinal Bessarion hatte Valla mit seiner Kenntnis des Griechischen hei der Arbeit unterstützt, Kardinal Nikolaus von Kues das Werk begrüßt («nützlich für das Verständnis der Heiligen Schrift») und Papst Nikolaus V. eine Abschrift erhalten. Seine wirkliche Bedeutung erkannte Erasmus. Er entdeckte die unterdessen vergessene Schrift 1504 im Kloster Parc bei Löwen wieder und gab sie 1505 in Paris zum Druck. Sie ist der Ausgangspunkt seiner eigenen textkritischen Arbeit und bis zu einem gewissen Grade auch für die 1516 bei Froben in Basel erschienene Ausgabe des Neuen Testamentes, die ihrerseits die Grundlage für Luthers September-Bibel (1522) bildet. Beide Arbeiten Vallas zeigen deutlich, wie rasch und wie weit die an den klassischen Autoren erprobte Methode der Textkritik über ihre ursprünglichen Grenzen hinausgreifen und zum Vehikel weltgeschichtlicher Vorgänge werden konnte.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .