Zum 'geschichtlichen' Charakter der chinesischen Geschichte: Aus: Herbert Franke und Rolf Trauzettel, Das Chinesische Kaiserreich.

Text entstanden um 1968. Entnommen aus: Das Chinesische Kaiserreich. Herausgegeben und verfaßt von Herbert Franke und Rolf Trauzettel, Fischer-Weltgeschichte Bd. 19, Hamburg 1968, S. 13 - 17 (Einleitung).


Während zweier Epochen spielte China eine nicht unbedeutende Rolle für das historische Bewußtsein in Europa. Die erste große Rezeption Chinas, die auf der Übernahme des von den Jesuiten vermittelten idealisierten Bildes vom Reich der Mitte basierte, fiel im i8. Jahrhundert zeitlich zusammen mit der allgemeinen Entwicklung der Aufklärung und in ihr besonders der Universalgeschichte; am Beginn des 20. Jahrhunderts, als durch Oswald Spengler die Geschichte Chinas fern allem Exotismus in den Horizont der Bildungsträger gerückt und ihr zum ersten Male Gleichrangigkeit mit der europäisch-amerikanischen zuerkannt wurde, diente dessen Konzeption zur theoretischen Stützung bei der Preisgabe der aufklärerischen Positionen. Paradoxerweise führten der Rationalismus der Aufklärung und die eher mythische zyklische Kulturkreislehre in einem Punkte zum gleichen Resultat, nämlich der Vorstellung von der Statik innerhalb der chinesischen Geschichte.

Verantwortlich für dieses Image eines »ewigen« China sind indes die chinesischen historischen Quellen selbst, weil gerade sie die fast ausschließliche Domäne des Traditionalismus waren. Die Geschichtsbewußtheit erstreckte sich in China in spezifischem Sinne nicht auf die Dokumente. Sowie Geschichte einmal in die orthodoxe, moralisch-politisch nutzbare Form geronnen war, interessierten die Primärdokumente nicht mehr. Es waren dies vor allem die von eigens dazu bestallten Beamten verfaßten Tagebücher über die Aktivitäten des Kaisers (ch'i chü chu) und die »Täglichen Berichte« (jih-Ii), die dann im Staatsarchiv aufbewahrt und aus denen über die zunächst kompilierten Regesten (shih-lu) eines Herrschers schließlich die offiziellen Dynastiegeschichten entstanden. Abgesehen von den frühhistorischen Orakeiknochen- und Bronzeinschriften, ein paar Steininschriften sowie Textfunden aus Tunhuang sind Urkunden erst mit Beginn der Ch'ing-Dynastie erhalten geblieben. Wir können also wesentlich nur auf Grund sekundären und tertiären Materials historische Forschung treiben, auch wenn die tendenziös ausgewählte Geschichtsliteratur dort, wo sie zitiert, offensichtlich wenig überarbeitet worden ist. Urkundenlehre und Diplomatik, die beispielsweise für das europäische Mittelalter und die islamische Welt eine bedeutende Rolle spielen, entfallen hier gänzlich. Diese Gleichgültigkeit gegenüber den Urkunden zeigt sich übrigens auch in der chinesischen Kunstpflege; Altes wurde nicht an und für sich erhalten.

Die Möglichkeit, daß sich die chinesische Geschichtsschreibung von ihrer einseitig konservativen Zielsetzung und Funktion hätte lösen können, wurde schließlich durch ihre Institutionalisierung vereitelt, welche bewirkte, daß die offiziellen Geschichtswerke praktisch sakrosankt wurden. Während der ersten Hälfte des . Jahrhunderts wurde hier eine Einrichtung geschaffen, die in dieser Form wohl einmalig ist. Zwar war die Stellung der beamteten Historiker prinzipiell unabhängig (die Kaiser durften eigentlich die ch'i-chü thu nicht einsehen), aber da das Amt für Geschichtsschreibung in der Regel von einem Minister, oft sogar vom Kanzler geleitet wurde, seine Mitglieder Karriere-Beamte und folglich den allgemeinen hierarchischautoritären Verhältnissen unterworfen waren, die sich in diesem Falle als automatische Selbstkontrolle des Kollektivs ziemlich direkt auswirkten, mußte sich zwangsläufig die herrschende Meinung durchsetzen. Die sogenannten privaten Geschichtswerke, d. h. solche, die nicht im Auftrag entstanden, sind im wesentlichen gleichen Geistes, wurden sie doch meist von pensionierten Beamten geschrieben.

Erstaunlich ist, daß wir bereits in der Frühphase dieser Entwicklung einen herausragenden Vertreter historischer Kritik finden. Liu Chih-chi (661-721), der selbst die starken Beschränkungen durch die neue Organisation erfahren hatte, formulierte seine Zweifel daran in einem Brief, worin er darlegt, daß die Verantwortlichkeit des einzelnen Historikers durch das Kollektiv und seine Abhängigkeit von den Vorgesetzten aufgehoben und Kontroversen so nicht ausgetragen würden. Auch bemängelt er, daß das Amt für Geschichtsschreibung im Areal der kaiserlichen Paläste läge, wodurch keine wirkliche Geheimhaltung gewährleistet sei.Liu blieb aber eine Ausnahme und in seinen entscheidenden Ansätzen folgenlos.

Die Bürokratisierung der Historiographie hatte noch weitergehende Konsequenzen, indem nämlich das historische Material gleichsam ressortmäßig aufgeteilt und bearbeitet wurde. Der einzige Fortschritt, der hierbei erzielt wurde, bestand darin, daß innerhalb einer Dynastiegeschichte die Annalen und Biographien aufeinander bezogen wurden, allerdings war diese Methode schon von Ssu-ma Ch'ien (145 - etwa 90 v. Chr.) und Pan Ku (32-92 n. Chr.) praktiziert worden. Die historischen Quellen sind überwiegend in einem trockenen, ja langweiligen Kanzleistil abgefaßt und literarisch wertlos. Dort, wo sie ästhetisch anziehend und lebensvoll sind, ist ihre historische Glaubwürdigkeit zweifelhaft, wie etwa viele Biographien im Shih-chi des Ssu-ma Ch'ien. Im Gegensatz dazu sind die Biographien aus den Geschichten der Dynastien Tang und Sung nichts anderes als zusammengestrichene Nekrologe mit besonderer Berücksichtigung der Funktionärslaufbahn.

Dieser Konformismus hatte seine adäquate Ausdrucksform in der klassischen Schriftsprache, die schon seit dem 3.14. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr mit der Umgangssprache identisch war, gleichwohl aber bis ins 20. Jahrhundert ausschließliches Medium aller historischen Literatur blieb. So war es auch aus diesem Grunde unmöglich, daß von der erzählenden Prosa her irgendeine Befruchtung der Geschichtsschreibung erfolgen konnte, da Romane und Novellen vorwiegend in Umgangssprache geschrieben wurden und außerdem als niedere Literaturgattungen galten, die gesellschaftlich nicht anerkannt waren. Eine Eigenart der Schriftsprache wurde von der chinesischen ideographischen Schrift sehr begünstigt, nämlich ihre Fähigkeit, auf knappste Weise anzuspielen und zu zitieren. Das verleitete zum ständigen Rückgriff auf das Vergangene und trug nicht unwesentlich zur Standardisierung der ethischen Normen bei. Um dem des klassischen Chinesischen nicht mächtigen Leser eine ungefähre Vorstellung von dieser seiner spezifischen Wirkung zu vermitteln, sei ein Vergleich gewagt: das Verhältnis der chinesischen Geschichtsliteratur zu ihrem Gegenstande ist ähnlich demjenigen einer päpstlichen Sozialenzyklika zu der in ihr formulierten gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Es ist also nicht nur die »angemessene Verschweigung«, expressis verbis eines der Prinzipien chinesischer Historiographie, die uns die Realitäten verstellt, sondern ihr inneres Wesen selbst. Ihre konfuzianische Indoktrinierung ließ die Historiker in jeder Hinsicht den Standpunkt der Oberschicht einnehmen. So erfahren wir über die Unterklassen sehr wenig. Noch nicht einmal die in Werken wie dem Yüan-tien thong aufgezeichneten Gerichtsfälle lassen das Volk in direkter Rede zu Wort kommen. Man vergleiche dagegen etwa die mittelalterlichen europäischen Gerichtsprotokolle, wie sie höchst anschaulich das Oxford Book of English Talk darstellt! Eine geistreiche Formulierung sagt denn auch, daß dem Konfuzianer »die historische Wahrheit so wenig, die ethische so viel galt«. Trotzdem hat die moderne Forschung zeigen können, daß die Geschichte Chinas durchaus dynamisch verlief, nur hatte die Entwicklung einen langsamen Pulsschlag, erfuhr keine einschneidenden Umbrüche und Renaissancen. Die Gesamtheit der Kultur in ihrem affirmativen Charakter erwies sich als ein Mechanismus, der Veränderungen entgegenwirkte. Da zudem weltliche und religiöse Macht ineinander verschmolzen waren, gab es keine Ausweichmöglichkeiten für das Individuum, wie sie Europa im Dualismus von Adel und Klerus kannte. Die Hochschätzung des Alters und seiner Weisheit war in China deshalb in jeder Beziehung sinnvoll: nur wenn sich über Generationen hinweg nichts Entscheidendes ändert, gewinnen die Erfahrungen hohen Wert. So würde einen Chinesen der Han-Zeit, wäre er unter der Tang-Dynastie wiedergeboren worden, die Umwelt kaum fremd angemutet haben. Architektur, Skulptur und Malerei lassen sich nicht leicht in Stil-Epochen gliedern; auch in den äußeren Dingen vollzog sich nur ein allmählicher Wechsel. Möbel und Kleidung erlebten weniger Moden als im Westen.

Bei alledem sind die Gemeinsamkeiten mit der okzidentalen Entwicklung evident. Die chinesische Gesellschaft ist - objektiv wie auch in ihrem eigenen Bewußtsein - eine Klassengesellschaft und wurde nicht minder als die Nationen und Völker des Westens von Klassenkonflikten und -kämpfen erschüttert. Desgleichen können wir in allen Perioden soziale Mobilität nachweisen. Und obwohl die Chinesen weder Weltentstehungs. mythen noch Vorstellungen von einem Weltende, wie sie ihnen in der buddhistischen Kalpa-Lehre entgegentraten, konzipierten, war ihr Begriff der Zeit wesentlich der einer linearen. Schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert und wahrscheinlich noch früher entwickelte die philosophische Spekulation Theorien von einer evolutionären Abfolge der Kulturstufen, und die mythischen Urkaiser, ganz besonders aber Konfuzius, waren für die Chinesen in erster Linie historische Persönlichkeiten

Die chinesische Geschichte bietet sich uns in keinem ihrer entscheidenden Aspekte als spezifisch »orientalisch« dar, wenn je eine solche begriffliche Bestimmung überhaupt einen Erkenntniswert gehabt hat. Das bedeutet aber nicht, daß sie keine ihr eigentümlichen Merkmale aufweist. So ist das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe innerhalb der Oberschicht überaus stark vom Druck der paternalistischen Autorität geprägt, sind die Vorbildtypen und der Rollencharakter, dem die Persönlichkeit nacheifert, bzw. sich einfügt, ungleich bewußter und beherrschender als in anderen Kulturen. Die hohe Bewertung der Gruppe und der Sozietät schlechthin im Gegensatz zu der des Individuums steht vielleicht in Zusammenhang damit, daß in der chinesischen Sozialphilosophie der Reichtum keinen Platz hatte. Der kommunistische Puritanismus von heute erscheint so als durchaus traditionalistisch.

Den Institutionen kam deshalb eine unübersehbare Bedeutung zu. Die Kehrseite davon war eine verhältnismäßig große Unsicherheit im Schicksal des einzelnen und der kleinen sozialen Gruppen, wie diese in der Exterminierung von Individuen, Sippen, Dorfgemeinschaft und sogar ganzen Stadtbevölkerungen zum Ausdruck kommt.

Es gab auch kein Analogon zur Rolle des römischen Rechts in China. Das Recht war nicht als eine Seinssphäre anerkannt, die über den Institutionen oder gar dem Kaiser steht, die Juristen bildeten keinen Stand wie in Europa, wo sie seit dem Absolutismus ein wichtiger Faktor im Entstehungsprozeß des modernen Staates waren. Dem entspricht, daß China keine eigentliche Staatstheorie hervorgebracht hat. Die Idee des t'ien-hsia, dessen, »was unter dem Himmel ist«, wurde nie ernsthaft herausgefordert, da in ihr weltliche und sakrale Macht sich manifestierten. Ein »Reich Gottes« als Gegenutopie kennt ja auch der Buddhismus nicht, dessen Cakravartin-Ideologie keinen ausreichenden Ersatz bietet. Ganz im Gegenteil wurde der Buddhismus unter den Sui und Tang vom etablierten Staat für seine Zwecke benutzt. Die Anfänge der für China sozusagen modernen Staatlichkeit lagen im 10. Jahrhundert, also mit und nach dem Ende der T'ang-Dynastie. Seit die Sung ihre Herrschaft errichteten (960), wurde die Einheit Chinas nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Die Verabsolutierung der Kaisermacht war im wesentlichen im 13. Jahrhundert abgeschlossen; danach waren es die Einflüsse von Fremdvölkern wie Mongolen und Mandschuren, die zur Stärkung der Autokratie beitrugen. Trotzdem blieben auf den unteren Ebenen die Strukturen der Lokalverwaltungen weiter konstant und beeinträchtigten die Integration auf nationaler Ebene. Die örtlichen Eliten hielten sich sogar dann noch an der Spitze, als der Staat im 19. Jahrhundert in einen unaufhaltsamen Zersetzungsprozeß eintrat. Aber auch zu dieser Zeit, als die Beamtenschaft versuchte, den monarchischen Absolutismus einzuschränken, wurden keine neuen staatstheoretischen Konzeptionen entworfen.

Die Periodisierung der chinesischen Geschichte, wie wir sie in Anlehnung an das Schema Altertum - Mittelalter - Neuzeit vorgenommen haben, will rein als Hilfsmittel zur Gliederung verstanden werden, um zeitliche Bezüge herstellen zu können; es sollen damit der sozial-ökonomischen Entwicklung keine Zäsuren gesetzt werden. Das Interesse an der Periodisierung verdankt sich leider oft genug dogmatischen Bestrebungen, und ihre Probleme erweisen sich zumeist als Scheinprobleme, d. h. als Hypostasierungen ihrer Begriffe.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de