'Altphilologie' als textbasierte Nachbarwissenschaft der 'Alten Geschichte'. Gerhard Jaeger, Einführung in die klassische Philologie.

Text entnommen aus: Gerhard Jaeger, Einführung in die klassische Philologie, München 1975, S. 16 - 30.


1.2. Geschichte der Klassischen Philologie.

Die Geschichte einer wissenschaftlichen Disziplin kann Gegenstände, Aufgaben und Methoden in ihrer Entstehung und Entwicklung zeigen. Beides zu kennen, ist keine bloße Frage der Pietät, sondern kann auch als Korrektiv für die zukünftige Weiterentwicklung dienen. 29 Zugleich läßt sich auf diese Weise ermitteln, unter welchen Bedingungen und zu welchen Zeiten "etwas Gültiges" erreicht wurde, "das sich... als bleibend behauptete oder sogar entfaltete". 30

Zwar hat es bereits lange vor dem 3.Jahrhundert Erklärung und Kritik von Dichtung, Diskussion über Ursprung und Richtigkeit, Wirkung und Aufbau der Sprache sowie Erörterungen über die Gesetze des Miteinander-Sprechens gegeben, aber all das geschah im Rahmen dichterischer, philosophischer oder politischer Bemühungen, nicht als eigenständiges Verfahren, "die literarische Tradition zu verstehen, zu erklären und wiederherzustellen" (R. Pfeiffer).

Ein solches Verfahren entstand erst, als sich nach 300 in Alexandria ein Kreis von Dichtern um erlesene und gefeilte Sprache bemühte und sich zu diesem Zweck an der Sprache der alten Dichter, vor allem Homers, schulen wollte. Dazu mußten zunächst die Texte von den Entstellungen einer langen Tradition befreit werden.

Als erster hat dies, soweit wir wissen, Philitas von Kos versucht, der als "Dichter zugleich und Gelehrter" (griech. 'poietes hama kai kritikos') bezeichnet wird. Sein Schüler war Zenodot von Ephesos, der erste HomerPhilologe und erste Bibliothekar an der von Ptolemaios II. begründeten und geförderten Forschungsstätte des ,,Museion" in Alexandria.

Hier wurden Handschriften mit Texten Homers und anderer früherer Autoren gesammelt und verglichen, um die zuverlässigsten zu ermitteln. Schlecht Beglaubigtes oder Verdächtiges wurde notiert, Sprach- oder Sinnwidriges bei der Herstellung des mutmaßlich richtigen Textes zu verbessern versucht. Damit waren die Grundlagen zur Konstitution tradierter Texte gelegt.

Als weitere Aufgaben stellten sich der alexandrinischen Philologie 1. die Erklärung der Autoren in sprachlicher, metrischer und sachlicher Hinsicht; z. die chronologische Einordnung der Autoren; 3. ihre Zuordnung zu bestimmten Gattungen; 4. ihre Beurteilung nach sprachlichen und inhaltlichen Kriterien. Dabei bildete man eine Gruppe der besten Autoren: die späteren "Klassiker".

Der Dichter Kallimachos nahm sich der Katalogisierung der Dichter und ihrer Handschriften an. Der aufgrund seiner universalen Gelehrsamkeit 'philologos' genannte Eratosthenes klärte chronologische Fragen und schrieb eine Monographie über die attische Komödie. Aristophanes von Byzanz besorgte wichtige Ausgaben des Homer, des Hesiod und der Lyriker sowie von Tragödien und Komödien. Dabei setzte er Satzzeichen und Akzenle und verwendete textkritische Zeichen. Die lyrischen Partien gliederte er nach Strophen und Kola (Gliederungseinheiten größer als ein Metrum, kleiner als ein Vers). Zu den Tragödien und Komödien verfaßte er Inhaltsangaben (griech. 'hypotheseis'). Umfangreiche lexikographische und grammatische Untersuchungen hängen mit seiner Herausgebertätigkeit zusammen. Ob er auch Kommentare (griech. 'hypomnemata‘) verfaßt hat, ist umstritten. Im zweiten Jahrhundert erklärte Aristarch die homerischen Epen aufgrund sorgfältiger Sprachbeobachtungen und umfassender Stellenvergleiche.

In einem gewissen Gegensatz zu diesem Verfahren stand die These von Stoikern aus Pergamon, man müsse die Dichtung, zumal die des Homer, ,,allegorisch" erklären und neben dem vordergründigen den jeweiligen Hintersinn (griech. 'hyponoia') ermitteln. Dieses Prinzip, bei dem Kriterien von außen an die Dichtung herangetragen werden, hat sich trotz seiner Erneuerung im Mittelalter und seines Weiterwirkens bis in neue und neueste Zeit in der Klassischen Philologie zu Recht nicht durchgesetzt. Jedoch haben die Stoiker auf dem Gebiet der Sprachtheorie und der Grammatik Zusammenhänge erkannt und Begriffe entwickelt, die sich in der Geschichte der Grammatik bewährt oder gar erst neuerdings wieder durchgesetzt haben, wie etwa die Unterscheidung von Sprachzeichen, Sprachinhalt und Sache.i. Klassische Philologie: Begriff, Geschichte, Situation

Teilweise auf alexandrinischen, teilweise auf stoischen Grundlagen ruht die griechische Grammatik des Dionysios Thrax (1 .Jh. v. Chr.). Sie will den "normalen Sprachgebrauch der Schriftsteller und Dichter" bieten und umfaßt sechs Teile, die dem richtigen Lesen, der Erklärung der dichterischen Wendungen, der Mythologie, der Analogie und der kritischen Betrachtung der Dichtung gewidmet sind. Besonders den Ausführungen über die 'meree logou' [dt. 'Redebestandteile', d. Hg.]war in der späteren Lehre von den "partes orationis" eine weitreichende Wirkung beschieden.

In der Kaiserzeit wurde diese Grammatik von Apollonios Djiskolos (2.Jh. n. Chr.) durch eine Syntax ergänzt. Onomastica (z. B. von Tryphon) verzeichneten das Vokabular der Schriftsprache, Kommentare (z. B. des Didymos zu Euripides) galten der fortlaufenden Schriftstellererklärung, Lexika (z. B. von Pollux) erklärten Wörter und Sachen.

Der späteren alexandrinischen Philologie wuchs mit dem Neuen Testament als dem Buch der Bücher ein neues Tätigkeitsfeld und damit neue Geltung zu. Einen ersten Höhepunkt erfuhr diese Tätigkeit mit dem Lebenswerk des Origenes zu Beginn des dritten Jahrhunderts. Seine Ausgabe des Neuen Testaments zeigt sehr deutlich Einflüsse der Homerphilologie Aristarchs. Bei der Auslegung trat er für eine Verbindung von grammatischer, moralischer und allegorischer Erklärung ein. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Bibelphilologie vor allem in den Schulen von Alexandria und von Gaza gepflegt. Von Prokopios von Gaza stammt ein laufender Kommentar zur Bibel.

Aber auch eine neue Gefahr erwuchs der Philologie: Da im Umgang mit den heiligen Schriften vielfach zwischen dem buchstäblichen Sinn und dem göttlichen Geist unterschieden wurde, rührt von daher die spätere Neigung zur Unterscheidung zwischen einer "niederen" und einer "höheren" Philologie.

In Rom, wo die Philologie bereits im 2.Jahrhundert v. Chr. heimisch geworden war, stellte sich erstmals das Problem, mit Literatur in einer fremden Sprache umzugehen. Es entstanden Fragen der Übersetung, der Nachahmung und des Vergleichs. Hier in Rom war es auch, wo der Umgang mit den Werken der Dichtung erstmals als Zugang zu Bildung und Wissenschaft und damit als Schlüssel zu einer gewissen Form der "Humanität" aufgefaßt wurde.

Q. Ennius und L. Aelius Stilo sind die ältesten, Stilos Schüler Varro, der als Herausgeber, Sprachforscher und Antiquar tätig war, ist wohl der bekannteste Vertreter der römischen Philologie. Aus seinem Werk "De lingua Latina" sind fünf Bücher erhalten. In der frühen Kaiserzeit waren Verrius Flaccus als Verfasser eines wichtigen Lexikons, Valerius Pro bus, Remmius Palaemon und Asconius Pedianus als Herausgeber und Erklärer sowie Sueton als Erforscher der griechischen und lateinischen Sprache tätig. Kommentierung von Schriftstellern und Grammatik (vor allem als Schulgrammatik mit Formenlehre und Syntax) waren in der Spätantike die Hauptgegenstände der römischen Philologie, die nun von den Leistungen ihrer griechischen und römischen Vorgänger zehrte. Das zeigen etwa die erhaltenen Kommentare des PorpIyrio zu Horaz, des Servius zu Vergil und des Aelius Donatus zu Terenz; ebenso die Grammatiken des Donatus, des Diomedes und des Priscianus. Donat und Priscian haben den nachhaltigsten Einfluß auf die Grammatikstudien des lateinischen Mittelalters ausgeübt.

Ähnlich wichtig wurden einige lateinische Übersetzungen aus dem Griechischen. Hervorzuheben sind die für das Mittelalter maßgebende Bibelübersetzung des Donatschülers Hieronjimus (die sog. Vulgata) und die Aristoteles-Übersetzungen des Boethius.

Zwischen der Mitte des sechsten und der Mitte des achten Jahrhunderts findet die Literatur allgemein geringes Interesse. Viele Werke gehen durch die ungünstigen Zeitumstände verloren, zumal auch die Philologie damals einen Tiefstand erreicht. Freilich sind auch in dieser Zeit etwa mit Prokopios von Gaza im Osten, Cassiodor und Isidor von Sevilla im Westen Vermittler von Grammatik und Rhetorik, von antiker Literatur und Bildung-tätig. In den Klöstern werden alte Texte abgeschrieben und zum Teil kommentiert.

Aber erst mit den sogenannten "Renaissancen", um und nach 800, der karolingischen im Westen und der byzantinischen im Osten, wachsen Interesse und Literaturkenntnis, und ein weiteres Mal geht mit dem Aufblühen neuer eigener Dichtung die intensive Beschäftigung mit der tradierten Literatur Hand in Hand. Beda, Alkuin und Lupus von Ferrière im Westen, Photios und Arethas im Osten kümmern sich um Texte, Sprache und Literatur der Antike. Lexikalische und grammatische Hilfsmittel werden von neuem geschaffen.

Zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert entsteht im lateinischen Westen eine große Anzahl von Abschriften antiker Texte, aber das Interesse an den Autoren reicht nur stellenweise über den Bereich der Schullektüre hinaus.

Im 12.Jahrhundert entsteht eine Reihe von Übersetzungen aus dem Griechischen, besonders in Spanien und Unteritalien, im Rahmen einer Rezeption antiker Literatur und Wissenschaft, vor allem von Recht, Medizin, Rhetorik und Logik. Alexander von Villa Dei verfaßt die für die nächsten Jahrhunderte maßgebende lateinische Grammatik.

Eigentliche philologische Arbeit wird in dieser Zeit eher im griechischen Osten geleistet: Im 10. Jahrhundert entsteht mit der Suda erstmals ein alphabetisches Lexikon. Eustathios überprüft im 12. Jahrhundert den Text griechischer Dichter, vor allem Homers, und nimmt in seinem eigenen Kommentar positiv Stellung zur Methode der allegorischen Homererklärung. Tzetzes kommentiert u. a. Homer, Hesiod und Aristophanes. Maximos Planudes, der Latein kann, als Sammler, Lehrer und Exzerptor tätig ist und eine erweiterte Fassung der griechischen Anthologie herstellt, ist verantwortlich für die Sammlung der erhaltenen Schriften des Plutarch und für die wichtige und berühmte Handschrift Laur. 32, 16 in der Bibliothek des Lorenzo Medici in Florenz.

Kenner der spätbyzantinischen Zeit haben vom späten 13. und frühen 14. Jahrhundert als der ,,Byantinischen Vor-Renaissance" gesprochen: Ihre Hauptfigur ist Demetrios Triklinios. Er schrieb bzw. bearbeitete wichtige Handschriften persönlich, studierte gründlich die altgriechische Metrik und faßte die Anmerkungen (Scholien) neu, die man an den Rand der Texte schrieb und vielfach aus Vorlagen übernahm. Mit seinem methodischen Vorgehen kann er als Vorläufer moderner Editoren gelten. Vor allem für die Euripides-Überlieferung spielt er eine entscheidende Rolle.

Neue Anstöße für die Philologie kamen jedoch von anderer Seite. Wie bei den Dichtern in Alexandria entstand im 14.Jahrhundert auch bei dem jungen Dichter Petrarca in Florenz der Wunsch, die große Literatur der eigenen Vergangenheit genauer kennenzulernen. So studierte er Cicero und Vergil, um sich an ihnen zu schulen. Sein Interesse an den alten Autoren wuchs - u. a. rückten Terenz, Livius, Augustinus in sein Blickfeld -, und er beschaffte sich alte Handschriften. Kritische Arbeit am Wortlaut der Texte und lebendiges Interesse an ihrem Inhalt verbanden sich in einem "Humanismus", dem die antike Literatur als Vorbild für das eigene Wirken gilt. Petrarcas Beispiel macht bald Schule, etwa bei Salutati und Poggio.

Im 15. Jahrhundert hat Lorenzo Valla durch sein Eintreten für Ciceronianisches Latein eine folgenreiche Wende innerhalb der neuzeitlichen Entwicklung des Lateinischen herbeigeführt. In seinen "Emendationes Livianae" gab er für seine Zeit ein herausragendes Beispiel textkritischer Arbeit. Er bewies aufgrund sprachlicher Indizien die Unechtbeit der Konstantinischen Schenkung und der Korrespondenz zwischen Paulus und Seneca. Kommentierende ,'Anmerkungen" zum Neuen Testament, Übersetzungen des Thukydides und des Herodot sowie eigene philosophische Schriften zeigen die Vielfalt der Interessen Vallas.

Im 15. Jahrhundert setzte zwischen dem griechischen Osten und dem lateinischen Westen ein lebhafter Handel mit Handschriften ein, von denen viele in Venedig und Florenz landeten. Griechische Gelehrte kamen als Reisende oder Auswanderer nach dem Westen und wirkten hier als Kenner und Lehrer der griechischen Sprache. Es wurden neue Bibliotheken gegründet. Das Interesse für die Antike kam auch den historischen und archäologischen Studien zugute.

Zwischen Wissenschaft und Schule entstanden neue Verbindungen: Die Schule wies durch den Lateinunterricht den Weg zu den anerkannten antiken Quellen des Wissens und verbreitete die Nachahmung des Ciceroniaflischen Stils. Die um 1460 abgefaßte lateinische Grammatik des Guarino di Verona war dazu das geeignete Arbeitsinstrument. Auch erste griechische Grammatiken und Lehrbücher für den lateinischen Westen entstanden in dieser Zeit.

Die Erfindung des Buchdrucks ermöglichte hohe Auflagenziffern von Textausgaben. Für die Erstausgaben (editionesprincipes) wurden allerdings oft nicht die besten, sondern die gerade erreichbaren Handschriften als Grundlage benutzt. Neben den Ausgaben entstanden Erklärungen zu Einzelstellen (Miscellanea) sowie Monographien über einzelne Schriften antiker Autoren, Kommentare nur spärlich und relativ spät.

Um 1500 widmete sich zunächst in den Niederlanden, dann in Paris, schließlich in Basel Erasmus von Rotterdam dem Studium der Bibel und der Kirchenväter. Dabei kam er zu der Auffassung, daß jede geistige Renaissance und jede moralische Kultur bei der Sprache beginnen müsse. Aufgrund umfassender Sprachkenntnisse verbesserte er Texte der Bibel, der Klassiker und der Kirchenväter. Er vertrat die Auffassung von der Zurückführbarkeit der handschriftlichen Überlieferung auf einen einzigen Archetjipus und legte seine methodischen Einsichten in der ,,Methodus" betitelten Einleitung zu seiner Ausgabe des Neuen Testaments von 1516 nieder, wo er die Aufgaben des Editors, des Sprachkundigen und des Antiquars beschreibt. Sorgfalt im kleinsten Detail und umfassendes Wissen verbinden sich in der von Erasmus vertretenen ,,ars critica" des Philologen.

Erasmus Einfluß reicht weit. Sein Text des Neuen Testaments wurde Grundlage der Übersetzung Luthers. In der Exegese vertrat Luther, strenger als Erasmus, die ausschließlich grammatische Erklärung und formulierte mit der Formel ,,scriptura sacra sui interpres" das hermeneutische Prinzip des Philologischen Zirkels: Der Sinn des Einzelnen und der Sinn des Ganzen hängen voneinander ab und erhellen sich gegenseitig. Unter Erasmus' Schülern ragte Beatus Rhenanus (1485-1547) hervor, Herausgeber und Kenner römischer Geschichtsschreiber. Mit Johannes Reuchlin stritt Erasmus um die richtige Aussprache des Griechischen, das nun zunehmend in Deutschland studiert und vermittelt wurde, besonders durch Reuchlins Neffen Philipp Melanchthon. Während sich Erasmus' dem Altgriechischen nähere Aussprache im größten Teil Europas durchsetzte, hielt man in Deutschland - wie in Italien - unter Reuchlins und Melanchthons Einfluß bis um i 8oo an einer dem neueren Griechischen näheren Aussprache fest.

Etwa gleichzeitig mit Erasmus lebte der vielseitige französische Philologe Guillaume Budé (1468-1540). Er reflektierte die Fundamente philologischer Wissenschaft in "De philologia" und trug entscheidend bei zur Gründung des Collège Royal in Paris, einer großzügig dotierten Stätte der Begegnung und Forschung.

Lektor am Collège Royal war Jean Dorat (1508-1583), von dem wichtige Anregungen vor allem auf dem Gebiet der griechischen Dichtung ausgingen. In seine Zeit fiel die Gründung der Königlichen Presse (1541), die bis zum Ende des 1 6.Jahrhunderts unter der Drucker-Dynastie der Stephani (Étienne) stand: Robert Stephanus druckte hier u. a. seinen ,,Latinae Linguae Thesaurus", Vorläufer des ,,Forcellini" und des modernen "Thesaurus Linguae Latinae", sowie eine Ausgabe des Neuen Testaments (1550) mit dem Text des Erasmus. Roberts Sohn, Heinrich Stephanus, druckte über 70 Ausgaben griechischer Texte, darunter als Sensation die zunächst für echt gehaltenen ,,Anacreontea" (1554) und eine Platon-Ausgabe (15 78), die noch heute die Seitenzählung der Platonischen Dialoge bestimmt. Unter seinen eigenen Werken sind der "Thesaurus der griechischen Sprache" in Bänden (1572) und die "erste Geschichte der klassischen Philologie" (Pfeiffer) mit dem Titel "De criticis veteribus Graecis et Latinis" (1587) hervorzuheben.

Nach Paris ans Collège Royal kam Mitte des 16. Jahrhunderts auch der Sohn Julius Caesar Scaligers, dessen ,,Poetices libri septem" zwei Jahrhunderte klassizistischer Dichtungstheorie bestimmten, Joseph Justus Scalzger. Seine hervorragenden Kenntnisse des alten Lateins kamen seinen Ausgaben lateinischer Dichter zugute, historische und juristische Studien der Edition lateinischer Inschriften. In immer neuen Ansätzen klärte er Grundprobleme der antiken Chronologie. Dabei gelang ihm sogar die kühne Rekonstruktion eines verlorenen Teils der Chronik des Eusebios, deren Richtigkeit sich 200 Jahre später bestätigte. Mit seiner Vorstellung von Gruppen verwandter Sprachen nahm er einen entscheidenden Gedanken der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des 19.Jahrhunderts vorweg. Als Scaliger sich schließlich in Leiden niederließ, fand er dort eine Reihe guter Schüler, unter ihnen Hugo Grotius und Daniel Heinsius, und begründete so eine weitreichende Tradition niederländischer Gelehrsamkeit.

Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts zeigten sich in verschiedenen Spezialbereichen der Philologie zukunftsweisende Neuansätze: Richard Simon unternahm als Herausgeber des Neuen Testaments erstmals den Versuch einer ,,Textgeschichte", wie sie in der Klassischen Philologie - ohne Beachtung von Simons Leistung - erst im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Französische Benediktiner der Kongregation des Hl. Maurus stellten in rund hundertjähriger Arbeit die ,,Mauriner Ausgabe" der griechischen und lateinischen Kirchenväter her, die Voraussetzung vieler Bände der späteren Migne-Patrologie und für manche Texte die Textgrundlage bis heute. Die französischen Benediktiner Mabillon und Montfaucon begründeten die Disziplin der lateinischen und der griechischen Paläographie in den Werken ,,De re diplomatica" (i681) und "Palaeographia Graeca" (1708). Wörterbücher des nachantiken Lateinischen und Griechischen wurden von Du Cange zusammengestellt. Auch die Prinzipien der Editionstechnik wurden weiterentwickelt in J. Le Clercs ,,Ars Critica" (1696).

Fünf Jahre zuvor war die "Epistula ad Millium" von Richard Bentley (1662-1742) erschienen, der durch ungewöhnliche Sprachkenntnisse, reiches Wissen und kritische Geistesschärfe bestach und weithin wirkte. Der Echtheitskritik hat er durch den Nachweis der Unechtheit und eine umfassende sprachlich-historisch-kritische Untersuchung der dem sizilischen Tyrannen Phalaris zugeschriebenen Briefe ein Beispiel gegeben. Seine Sammlung der Fragmente des Kallimachos bedeutet den ersten methodischen Versuch einer Sammlung von Lyriker-Fragmenten. Hier und in seinen Ausgaben des Horaz, des Terenz und des Manilius erwies er sich als Meister der Konjekturalkritik, der seine Prinzipien auch theoretisch reflektierte. Sein Versuch über die Metrik des Terenz brachte erstmals Licht in das metrische System der lateinischen Dramatiker. Bei seinen Studien zur griechischen Sprache entdeckte er das in der schriftlichen Überlieferung der Homerischen Gedichte verlorene F ('Wau‘ bzw. Digamma, gesprochen wie deutsch w).

Bald nach Bentleys Tod las J. J. Winckelmann die griechischen Dichter, die ihn für griechische Kunst begeisterten. Daraus erwuchsen Winckelmanns Studien zur "Geschichte der Kunst des Altertums" (1764), durch die er die Griechenbegeisterung des deutschen Neuhumanismus initiierte, gleichzeitig aber auch die historische Forschung befruchtete. Eine Erneuerung der Klassischen Philologie, aber auch ihre Entwicklung zur historisch orientierten Altertumswissenschaft gingen von hier aus.

Winckelmanns Grundgedanken, Bentleys philologische Grundsätze und die Lehre des Göttinger Philologen Chr. G. Heyne wirkten auf Fr. A. Wolf. Wolf versuchte in seinen ,,Prolegomena ad Homerum" (1795) methodisch die Geschichte eines antiken Textes als Grundlage für die Beurteilung der Handschriften-Lesarten und für die Text-Edition zu entwickeln. Dabei zeigte sich, daß keine frühere Überlieferung als die Ausgaben der Alexandriner, wohl aber historische Daten über frühere Geschicke des Textes erreichbar sind. Wolf knüpfte in seiner "Darstellung der Altertumswissenschaft" an Vorstellungen Scaligers und Winckelmanns von einer umfassenden Wissenschaft vom Altertum an. Als ihr Ziel gilt Wolf die Erkenntnis des "antiken Menschen". Dabei war zunächst an die Schönheit und Vorbildlichkeit der Antike im Sinn Winckelmanns gedacht. Diesem Ziel ordnete er seine pädagogischen Absichten zu: In dem von ihm begründeten "Philologischen Seminar" sollten vor allem Lehrer der alten Sprachen für das Gymnasium ausgebildet werden.

F. A. Wolfs "historische" Behandlung Homers hatte F. Schlegel zu einer ersten historischen Darstellung der griechischen Literatur angeregt, ausgehend von Homer und von Platon. Dessen Dialoge übersetzte auf Schlegels Anregung F. Schleiermacher. Dabei stieß er auf die Frage der Einheit der einzelnen Dialoge sowie der Einheit in der Entwicklung des Platonischen Lebenswerks. Schließlich reflektierte er, im Anschluß an Ernestis theologische und Asts philologische Interpretationstheorie, die prinzipiellen Möglichkeiten des Verstehens von Texten und sprachlichen Äußerungen überhaupt in einer Hermeneutik. Neben der grammatischen Interpretation und der Berücksichtigung des Philologischen Zirkels wird nun die pychologische Interpretation wichtig, durch die die Gedanken eines Autors aus dem Totah,usammenhang seines Lebens erklärt werden, wobei sich der Zirkel zwischen Leben und Werk durch Einfühlung überwinden läßt. In der Distanz zwischen Autor und Leser, nicht der zwischen Vergangenheit und Gegenwart, liegt für Schleiermacher das eigentliche Problem.

K. O. Müller setzte durch seine "Griechische Literaturgeschichte" in anderer Weise F. Schlegels Intentionen fort. Ebenso wichtig sind seine Arbeiten zur griechischen Mythologie.

Eine deutliche Wendung zur Historisierung der Philologie findet sich in der Tätigkeit von A. Böckh, der seine theoretischen Überlegungen in einer "Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften" niedergelegt hat. Da Böckh im 'Logos' primär die in sprachlicher Gestalt sich äußernde menschliche Erkenntnis in Form einer durch Tradition "vermittelten Kunde" sieht, ist ihm 'Philologie' "Erkenntnis des Erkannten", und als solche identisch mit Geschichte. Quellen für diese sind vor allem die Inschriften, die nach Böckhs Anregung nun in großen Corpora gesammelt werden. An einem Text soll nun auch untersucht werden, "wie er zustande kam", nicht nur, wie er besteht oder was er meint. ,, Compositionsweise" wird jetzt als Entstehungsweise aufgefaßt, wie sich an Böckhs Untersuchungen zu Pindar zeigt. Diese Entstehungsweise gewissermaßen nachzuschaffen, macht die "Kunst" des Philologen aus, die ihn zu historischem Verstehen führt.

Etwa gleichzeitig mit Böckh entwickelt K. Lachmann nach Ausgaben lateinischer Elegiker und Studien zum Neuen Testament, anknüpfend an Vorstellungen Erasmus, Scaligers und Bentleys und in Auseinandersetzung mit Zeitgenossen, in seinem Lukrez-Kommentar (1850) seine stemmatische Theorie der Textkritik. 31 Sie blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein maßgebend.

Auf die Anregungen Lachmanns und des dänischen Philologen Madvig geht es zurück, daß um die Jahrhundertmitte im Zuge der historistischen Gleichachtung aller Zeugnisse der Antike auch die römische Literatur wieder neues Interesse fand. Exemplarisch sind die Arbeiten F. Ritschls und der sog. "Bonner Schule": Buecheler, Vahlen, Ribbeck und Haupt schaffen für ihre Zeit meisterhafte Ausgaben lateinischer, vielfach nur fragmentarisch erhaltener Texte. In der literarischen Erklärung der Römischen Autoren spielten freilich zunächst die griechischen Vorbilder noch lange die Hauptrolle.

Die Bearbeitung der Grammatik galt zunächst nach wie vor als Aufgabe der Philologie: G. Hermanns "de emendanda ratione linguae Graecae" und K. Reisigs "Vorlesungen über lateinische Sprachwissenschaft" sind Beispiele dafür. Beide hielten die Grammatik für ein selbständiges Teilgebiet innerhalb der Philologie.

Mit dem Aufkommen der vergleichenden Sprachwissenschaft trat eine Entfremdung und schließlich die institutionelle Trennung zwischen Philologie und Sprachwissenschaft ein. Die erste Folge war, daß die "wissenschaftliche" Grammatik sich methodisch auf Sprachvergleichung, historische Darstellung einzelner Elemente sowie psychologische Erklärung, inhaltlich auf Laut- und Formenlehre konzentrierte, während die Syntax weitgehend den Gymnasiallehrern als Praktikern des Sprachunterrichts überlassen blieb. Die Philologie selbst zog sich weitgehend von der Grammatik zurück. Auf die Schulgrammatik - exemplarisch faßbar in den maßgebenden Werken von R. Kühner (Griechische Grammatik 1834, Lateinische Grammatik 1877-1879) - wirkt die Tradition der logischen Grammatik, vermittelt zum einen über G. Hermann und die griechische Grammatik von Matthiä, zum anderen durch W. von Humboldts Sprachtheorie und K. F. Beckers Satzgliedsystem. 32 Für die Philologie brauchbare Grammatiken aus der historischen Schule der Sprachwissenschaft sind nicht vor dem 20. Jahrhundert entstanden.

Die historische Richtung der Philologie erreicht ihren Höhepunkt bei U. von Wilamowitz. Er hat F. A. Wolfs Gedanken der Textgeschichte auf griechische Tragödie und Bukoliker angewandt. Griechische Tragödie und Komödie, Hellenistische Dichtung, frühgriechische Lyrik und Platon werden von ihm in Ausgaben, Kommentaren und Monographien behandelt. Die griechische Metrik stellt er auf neue Grundlagen. Philologie und Altertumswissenschaft werden nach Wilamowitz nicht von einer Methode wie bei A. Böckh, sondern von ihrem Objekt her als identisch bestimmt: das gesamte griechisch-römische Altertum soll, vor allem auf der Grundlage von Texten, streng urkundlich im Detail und schließlich im Ganzen vergegenwärtigt werden. Analytische Forschung dient der Kenntnis der Einzelerscheinung, synthetische der der gesamten Entwicklung der Kultur des Altertums. Andererseits versucht Wilamowitz die Spezialisierung aufzuheben in der "Interpretation" als Vermittlung fachgerechten Verstehens an den Nichtfachmann. Ihr Ziel ist nicht Erkenntnis, sondern "Verlebendigung", wobei auch zeitgemäße Aktualisierung legitim ist.

Früh schon setzt die Kritik an den historistischen Tendenzen der Philologie ein: Bereits G. Hermann hatte den Unterschied zwischen Philologie und Geschichte betont und eine eher philosophische als historische Auffassung von Grammatik vertreten; F. G. Welcker legt Wert auf die Bedeutung des ,,classischen" Altertums und seiner Erscheinungen. Schärfste Kritik am Historismus übt F. Nietzsche: Statt zu fragen "Was sind wir der Wissenschaft?", fragt er "Was ist uns die Wissenschaft?" Der Geschichte weist er klar ihren Platz zu: "Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen." Im Namen seiner eigenen Theorie vom Vorrang des Lebens kritisiert er historistischen Wissenschaftsbetrieb ebenso wie nur historisch belehrenden Schulunterricht.

Für den Schulunterricht war das Griechische um 1800 durch die Vertreter des Neuhumanismus (F. A. Wolf, W. von Humboldt) besonders favorisiert worden. Der Unterricht im Lateinischen, bis dahin als Sprache der Wissenschaft und der Tradition gelehrt und gelernt, hatte im 19. Jahrhundert neben seiner Aufgabe als Vorbereitung für dieLektüre der antiken Autoren die Funktion erhalten, Sprache "als Form sichtbar werden" zu lassen (W. von Humboldt) 33 und so formales Denken sowie schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit zu schulen, vor allem - nach dem Lehrplan Süverns von 1813 durch "die Übung im eigenen Gebrauch der Fremdsprache", die "gleichberechtigt neben der Lektüre steht". 34

Dies blieben im 19. Jahrhundert die Hauptziele des lateinischen Unterrichts. Erst Ende des Jahrhunderts werden Anforderungen und Umfang eingeschränkt: Der lateinische Aufsatz wird abgeschafft, die Stundenzahlen gekürzt. Griechisch ist seit 1900 nicht mehr für alle Abiturienten verbindlich. Damit war das Gymnasialmonopol aufgehoben, und in einem differenzierten Schulsystem konnten die Eigenarten der verschiedenen Schultypen betont werden. Gegenüber der sprachlich-formalen Schulung - nun eher als "grammatische" denn als "logische" bezeichnetrückt jetzt die Lektüre der antiken Autoren wieder ins Zentrum und behält diese Stellung lange Zeit. Erst neuerdings wird das -aufgrund neuer Voraussetzungen einer neuen Situation - wieder diskutiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg zunächst umstritten, erhält der Altsprachliche Unterricht, insbesondere der griechische, einen gewissen Auftrieb durch den "Dritten Humanismus", dessen Programm für die Schule in seinen wissenschaftlichen Überzeugungen wurzelte.

Von anderer Grundlage aus als Nietzsche zieht W. Jaeger im frühen 20.Jahrhundert die historistische Position in Zweifel. Er tritt für das "klassische" bzw. "humanistische" Element in der Philologie ein. Während der Historiker die Texte als Quelle im Dienst einer Erkenntnis des historisch Gewesenen auffasse, dienten sie dem Philologen als Selbstzweck, um ihre Wahrheit zu verstehen und ihre Gültigkeit anzuerkennen. Philologie soll verstehende Geisteswissenschaft im Sinne Diltheys sein. Primär verstehbar sind Ideen und Intentionen eines Werkes, und damit sein "Anspruch". Freilich müssen - im Rahmen einer Geistesgeschichte - die Ideen verstanden werden in ihrer historischen Eigenart, ihrem historischen Zusammenhang, vor allem aber in ihrer historischen Wirkung, die sich, mit Hilfe der Philologie, auch auf die Gegenwart erstrecken soll. Intendiert ist solche Wirkung nach Jaegers Meinung bereits durch die Griechen selber: Die Idee der Bildung (Paideia) heherrsche ihr Denken durchweg und ermögliche alle Humanismen und Bildungs-Renaissancen: Es gehe darum, daß "die Werke der Großen immer wieder der Zeit vorgehalten werden".

Die praktische philologische Arbeit entspricht auch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts nur bedingt den programmatischen Äußerungen. Bemerkenswert ist zunächst der Materialzuwachs, der sich durch ägyptische Papyrusfunde ergab und u. a. größere Teile einiger Menander-Komödien ans Licht brachte. Die Papyrologie entwickelte sich als eigener Forschungszweig.

Die Praxis der Edition wird verfeinert. Exemplarisch sind etwa Housmans Lukan- und Manilius-Ausgabe oder E. Schwartz Eusebios-Edition. Auch die Theorie der Textkritik wird diskutiert, zunächst in E. Fraenkels Gnomon-Besprechung der Lukan-Ausgabe Housmans (1926); dann folgt auf P. Maas systematische Darstellung der stemmatischen Theorie deren Diskussion durch G. Pasquali, 35 vor allem im Hinblick auf die Frage der kontaminierten Überlieferung.

Um 1900 wurde das umfassende Wörterbuchunternehmen des Thesaurus Linguae Latinae begründet. Daneben entstehen wichtige Begriffsuntersuchungen, wie etwa die R. Heinzes zu "fides" und ',auctoritas" oder im Griechischen die Arbeiten B. Snells zur dichterischen und philosophischen Ausdrucksweise ... . Kühners Grammatiken werden durch Gerth bzw. Stegmann neu bearbeitet und bilden die wichtigsten systemorientierten Darstellungen der Syntax, zu denen später Wakkernagels "Vorlesungen über Syntax" hinzutreten. Auch aus der historischen Schule entstehen nun für Philologen brauchbare grammatische Darstellungen: F. Sommers "Handbuch der lateinischen Laut- und Formenlehre" und "Syntax der Schulsprachen"; die Neubearbeitung der lateinischen Grammatik von Stolz/Schmalz durch Leumann/Hofmann, die 1928 die erste historische Syntax des Lateinischen bringt, sowie Schwyzers Griechische Grammatik ... . Von J. B. Hofmann stammt auch das grundlegende Werk zur lateinischen Umgangssprache. E. Löfstedt (und in seinem Gefolge die Schwedische Schule) untersucht syntaktisch-stilistische Fragen unter Einbeziehung der Sprachgeschichte und der Sprachschichten... .

E. Norden 36 hatte Form- und Gattungsusammenhänge (Gebetsformen, Ethnographie, Kunstprosa, Jenseitsvorstellungen) untersucht und seine Ergebnisse auch dem Einzeltext (Kommentar zu Vergil, Aeneis VI) und der Literaturgeschichtsschreibung zugute kommen lassen; F. Leos Arbeit galt, neben Ausgaben, dem Werk einzelner Autoren sowie der Literaturgeschichte: Seine Darstellung der archaischen römischen Literatur ist unübertroffen.

R. Heinze vollzog bei der Analyse von Texten den Übergang von der Frage nach der Herkunft der Elemente (z. B. in Horazens Satiren) zur Frage nach ihrer Leistung als Baueinheiten einer Komposition, die insgesamt den Geist ihres Verfassers repräsentiert, wie der Vergleich Homer-Vergil zeigen kann (Vergils epische Technik; ...) . Die Frage nach der Originalität der Römischen Literatur tritt nun hervor, bei Heinze, bei E. Fraenkel (,,Plautinisches im Plautus") und schließlich bei F. Klingner. Er verbindet mit der Frage nach dem Römischen die nach der Einheit im geistigen Gehalt und der künstlerischen Gestalt in Arbeiten zu Boethius, Prudentius, Vergil und Horaz. Darüber hinaus stellte Klingner auch entschieden die Frage nach der Einheit eines künstlerischen Lebenswerks ... .

Gerade die Frage nach der Einheit in Einzelwerk und Lebenswerk wurde auch für die griechische Philologie nun zunehmend wichtig: W. Jaeger stellte sie für die Entwicklung des Aristoteles, P. Friedländer für Platon, K. Reinhardt für Homer und Sophokles, W. Schadewaldt für Pindar und Homer. Auch in der griechischen Philologie ging es um Fragen der Eigenart, wobei nun auch zunehmend die Distanz zwischen griechischen und modernen Auffassungen hervortrat. Exemplarisch war diese Tendenz bereits bei T. von Wilamowitz Untersuchungen zur dramatischen Technik des Sophokles deutlich geworden, wenn der Sohn, im Gegensatz zur aktualisierenden Verfahrensweise des Vaters, die fremdartige Weise der psychologischen Darstellung hervorhob. K. von Fritz hat sehr deutlich auf diese Eigenart der griechischen Literatur (,'zwischen Fremdheit und Vertrautheit") als einen der Hauptgesichtspunkte der damaligen Forschung hingewiesen. 37

Ein Teil der zuletzt genannten Arbeiten gehört in die dreißiger Jahre. Der Zweite Weltkrieg kann auch in der Geschichte der Klassischen Philologie als die Zäsur angesehen werden, jenseits derer die unmittelbare Gegenwart beginnt.

1. 3. Gegenwärtige Situation der Klassischen Philologie.

... Das von Nietzsche formulierte und nach ihm immer wieder aufgegriffene Dilemma zwischen Historismus und Humanismus [ist] auch für die gegenwärtige Situation der Klassischen Philologie bestimmend ... . Es tritt im einzelnen auf in der Differenz zwischen Texten als historischen Erscheinungen und ihrem Anspruch auf Stellungnahme, zwischen historischer und aktualisierender Interpretation bzw. hermeneutischer Explikation und Applikation ..., zwischen Altertümern selbst und ihrer Bedeutung für die Gegenwart, zwischen theoretischem Wissen und praktischem Umgehen mit diesem Wissen. ...

Nachdem frühere Theorien über Verbindlichkeit und Vorbildlichkeit, über Wahrheit und Schönheit der Antike ihre Gültigkeit eingebüßt haben, versucht man in der Gegenwart, durch zeitgemäßere Gesichtspunkte den Sinn der Beschäftigung mit antiken Texten nachzuweisen. ...

ANMERKUNGEN Nr. 29 - 37.

29 L. Traube, Ges. Vorlesungen und Abhandlungen, I, München 1909, 13.

30. R. Pfeiffer, Geschichte der klass. Philologie, I, Hamburg 1970, 18. An Pfeiffers Darstellung schließt sich das vorliegende Kapitel weitgehend an. Band II (1976) stand mir im Manuskript zur Verfügung.

31. Vgl. S. Timpanaro, La genesi del metodo del Lachmann, Florenz 1964.

32. Vgl. dazu J. Latacz, Klassische Philologie und moderne Sprachwissenschaft, Gymnasium 1974, 67 ff.; R. Pfister, Zur Geschichte der lateinischen Grammatik, in: Linguistik für Latinisten, Dillingen 1972, S. 13-38.

33 W. von Humboldt, Bildung und Sprache, bes. von C. Menze, Paderborn 1959.

R. Pfister, Grammatik als Denkschulung, Der Altsprachliche Unterricht 1961, Heft 2, 128.

35 [G. Pasquali, Storia della traduzione cririca del testo, Florenz 1934, 1952 2.]

36. Dazu und zum Folgenden vgl. H. Fuchs, Rückschau und Ausblick im Arbeitsbereich der lateinischen Philologie, Museum Helvetium 1947, 147-198.

37 Vgl. K. von Fritz, Die neue Interpretationsmethode in der klassischen Philologie, Neue Jahrb. f. Wissensch. und Jugendbildung 8, 1932, 337-354.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de