Zur Altamerikanistik als geschichtswissenschaftlicher Disziplin und ihren Erkenntnisgrundlagen. Aus: Hanns J. Prem, Geschichte Altamerikas.

Text auszugsweise entnommen aus: Hanns J. Prem, Geschichte Altamerikas, Oldenbourg-Grundrisse Bd. 23, München 1989, S. 77 - 101 (77 - 86).


1. Altamerikanistik als wissenschaftliche Disziplin.

a) Fachverständnis.

In zwei Gebieten des amerikanischen Doppelkontinents haben sich lange vor der Eroberung durch die Europäer im 16. Jahrhundert gesellschaftliche Systeme entwickelt, die gemeinhin als Hochkulturen angesprochen werden. Ihre Erforschung ist Gegenstand der Altamerikanistik. Diese nur in der Bundesrepublik Deutschland übliche Fachbezeichnung ist eine nach 1960 entstandene Neuschöpfung zur Unterscheidung von der damals an vielen Universitäten neu eingerichteten Amerikanistik, der Literatur- und Kulturwissenschaft der USA, während früher wie noch heute international unter Amerikanistik - im Sinne der seit 1872 abgehaltenen Internationalen Amerikanistenkongresse - die Erforschung der autochthonen Kulturen des gesamten Kontinents Amerika verstanden wurde.

Für die Erforschung der altamerikanischen Hochkulturen hat sich nie eine ganz selbständige Disziplin entwickelt. In Amerika ist dieser Forschungsbereich (als ,,Pre-Columbjan Studies") innerhalb der Anthropologie, in Europa bei der Ethnologie angesiedelt. Mit der inhaltlichen und methodischen Breite der Anthropologie im angelsächsischen Verständnis korrespondiert auch die Vielfalt der Forschungsansätze innerhalb dieses Forschungszweiges, die ohne trennende Fächergrenzen in einer sehr intensiven Kooperation stehen: Archäologie, Ethnohistorie, Linguistik und Philologie, ergänzt durch die Ethnologie der modernen Indianer dieses Raumes.

Auf Grund dieser Situation wurden die Tendenzen der Forschung wesentlich beeinflußt von den Richtungen, Schwerpunktsetzungen und der Theoriediskus510n in der (hauptsächlich nordamerikanischen) Anthropologie, welche wiederum entscheidend die Archäologie des lateinamerikanischen Raumes prägten. Deshalb wird auch hier ein Überwiegen der zumindest formal anthropologischen Literatur festzustellen sein.

Anders als in Europa haben in Nordamerika nicht wenige Kunsthistoriker (wie GEORGE KUBLER, DONALD ROBERTSON und ELIZABETH BOONE) und Historiker (wie CHARLES GIBSON, WOODROW BORAH und HOWARD CLINE) sehr erfolgreich die altamerikanischen Kulturen zu ihrem Forschungsgebiet gemacht. Sie haben damit eurozentrische Fixierungen ihrer Disziplinen aufbrechen geholfen. Die Historiker haben darüber hinaus wesentlich zur Ausbildung einer sehr eigenständigen altamerikanischen Ethnohistorie beigetragen, die sich in ihren Themen und Theorien grundsätzlich als Ethnologie versteht, aber als Quellen historisches Dokumentenmaterial benutzt und die Methodik beider Disziplinen heranzieht.

Die Trends der ethnohistorischen Forschung sind zunehmend gekennzeichnet von einer quellenbestimmten Dichotomie. Die Berichte kolonialzeitlicher Autoren des 16. und frühen 17. Jahrhunderts sind zum überwiegenden Teil seit mehr als 100 Jahren bekannt. Da sich der Umfang der aus dieser Quellenkategorie gewinnbaren Informationen seither nicht mehr entscheidend erweitert hat, können sich die auf ihr fußenden modernen historischen Analysen und Interpretationen (die wie die Quellen den Anspruch der generellen Gültigkeit erheben) voneinander kaum anders als durch die theoretisch-konzeptionellen Grundannahmen (Paradigmen im Sinne KUHNS) unterscheiden, die oft durch die Bevorzugung von Quellen mit entsprechender Tendenz untermauert werden. Diesen Studien oft diametral entgegengesetzt ist die Zielrichtung der regional begrenzten Untersuchungen, die kolonialzeitliches Dokumentenmaterial heranziehen und durch den Nachweis örtlicher Vielgestaltigkeit die globalen Aussagen als unzulässige und sinnlose Nivellierung erkennen lassen. Die zunehmende Erschließung dieser administrativen Quellen geht bei den entsprechenden Untersuchungen allerdings auch mit einer Überbetonung bestimmter Themenbereiche einher.

b) Räumlich-zeitliche Einordnung.

Unter Mesoamerika wird jener Teil der heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador verstanden, in dem vor der Conquista zumindest zeitweise hochkulturelle Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme existierten [vgl. die Zusammenstellung von Merkmalen durch KIRCHHOFF]. Eine Unterteilung in eine westlich und eine östlich des Isthmus von Tehuantepec gelegene Hälfte ist sinnvoll. In einer gleichartigen Definition wird unter dem Andenraum das hochkulturelle Gebiet verstanden, das auf dem Territorium der modernen Staaten Ecuador, Peru, Bolivien, Argentinien und Chile liegt und das im wesentlichen das Gebirgsland der Zentral-Anden und den westlich vorgelagerten Küstenstreifen umfaßt. Dieses Gebiet entspricht weitgehend dem zum Zeitpunkt der Conquista von den Inka beherrschten Territorium.

[Zeitliche Grenzen] Zeitliche Zeitlich liegt der hier zu betrachtende Abschnitt der Geschichte zwischen der Grenzen Entstehung früher staatlicher Gebilde und dem effektiven Ende einer selbstbestimmten indianischen Lebensform. Zumindest der Anfangszeitpunkt ist nicht genau festlegbar: Der Übergang zur politischen Struktur des Staates ist sicherlich immer allmählich verlaufen, jeder Präzisierungsversuch muß notwendigerweise artifiziell und von den angewandten Kriterien für "Staat" abhängig sein. Außerdem ist der Übergang in den verschiedenen Gebieten Altamerikas jeweils mehrfach erfolgt, da das Pendel mit dem Niedergang der einzelnen Staaten immer wieder zu politischen Systemen geringerer Komplexität und Zentralisierung zurückschwang. Diese "sekundär" entstandenen kleineren Herrschaften, denen die für Staaten kennzeichnenden Strukturen fehlten, sind deshalb hier mitzubehandeln.

[Zeitliche Gliederung] Die archäologische Forschung hat in den beiden hochkulturellen Räumen Amerikas drei Periodisierungsschemata angewandt. Die nur im Andenraum gebräuchlich gewesene evolutionistische Klassifizierung von Kulturepochen ist unabhängig von ihrer zeitlichen Stellung und ihre Terminologie wechselt je nach Bewertungskriterium (Kriterium der politischen Organisation ergibt Abfolge: Folk Communities, Theocratic States, Regional States, Cyclical Conquests, Inca Empire [STEWARD, FARON]; Kriterium wirtschaftlich-politische Verfassung: Formative, Cultist, Experimental, Florescent, Expansionist, Urbanist, Imperialist [MASON]). Fast ausschließlich für Mesoamerika wird eine zeitlich bestimmte Gliederung in Präklassikum (dort ungefähr ab 1500 v. Chr.), Klassikum (ab 300 n. Chr.) und Postklassikum (ab 900 n. Chr.) verwendet [WILLEY, EKHOLM, MILLON]. Eine bewußt konnotationsfreie Gliederung in zeitliche Abschnitte überregionaler kultureller Übereinstimmung (,'Horizonte") und regionaler Unterschiedlichkeit hat sich vor allem für den Andenraum durchgesetzt (Initial Period ab 1700/1600 v. Chr., Early Horizon ab 900 v. Chr., Early Intermediate ab 200 v. Chr., Middle Horizon ab 600 n. Chr., Late Intermediate ab 100 n. Chr., Inca Horizon ab 1450 n. Chr. [ROWE], wird jedoch auch für Zentralmexiko propagiert. Die identisch bezeichneten Stufen beginnen ab 3000, 1700, 1150v. Chr., 200, 700, 1400 n.Chr. [TOLSTOY et al.;PARSONS]. Eine genauere Untergliederung der durch historische Quellen erhellten letzten Abschnitte vor der spanischen Eroberung hat sich nicht durchgesetzt.

[Conquista] Als ungefährer Endpunkt des hier behandelten Zeitraumes ist die Eroberung Mittelamerikas und des Andenraumes durch die Spanier, die Conquista, anzusehen, der Moment, zu dem unter dem militärischen Druck der spanischen Eroberer die einheimische zentrale staatliche Autorität zusammengebrochen war. Dies geschah für Zentralmexiko und die von den Mexica abhängigen Gebiete um die Mitte des Jahres 1521 (Eroberung von Tenochtitlan), für Yucatan muß angesichts des damaligen Fehlens einer zentralisierten Macht ein eher künstlicher Fixpunkt gesetzt werden (1542: Gründung von Mérida in Tihoo), für den Andenraum kann die Ermordung Atahualpas (Mitte 1533) gelten.

[Nach der Coquista] Ob diese zeitliche Grenze sinnvoll ist, kann aus mehreren Überlegungen in Zweifel gezogen werden. Die Conquista bildet zwar einen klaren Einschnitt auf der höchsten politischen Ebene, da die Eroberer ihre militärisch gestützte Macht schnell durchsetzen konnten und die Herrschaftsform der niedrigeren Ebenen zunächst unter Beibehaltung der funktionsfähigen einheimischen Strukturen bald ihren Vorstellungen anpaßten. Hingegen wirkte sich die Conquista in vielen kulturellen Bereichen trotz des baldigen Einsetzens der Missionierung erst allmählich und sehr selektiv aus. Wie ihre schriftlichen Äußerungen erkennen lassen, blickten Teile der indianischen Bevölkerung ganz bewußt und oft mit augen blicksbezogenen Zielsetzungen auf die vorspanische Zeit zurück und versuchten, sie ihren europäischen wie indianischen Zeitgenossen zu vermitteln.

Weiterhin wurden der politischen Machtausübung der Spanier in abgelegenen Gebieten noch für lange Zeit Grenzen gesetzt, sei es, daß die Bewohner eine for melle Unabhängigkeit bewahren konnten (ein in ständiger Auseinandersetzung mit den Spaniern befindlicher Rest-Staat der Inka in Vilcabamba bis 1572; fast ohne jeden Kontakt mit den Europäern Maya-Indianer in Tayasal, im Petén-See bis 1697) oder in immer wieder aufflackernden Aufständen zeitweilig die euro päische Herrschaft abschüttelten (am längsten die Cruzob-Maya im heutigen Q uintana Roo während des sogenannten mexikanischen Kastenkrieges von 1840 bis 1901).

[Vorspanisch / autochthon] Angesichts dieser Situation ist eine terminologische Unterscheidung zweckmäßig: Als ,,vorspanisch" werden kulturelle Erscheinungen bezeichnet, die vor einem beeinflussenden Kontakt mit Europäern anzusetzen sind, hingegen be zieht sich "autochthon" auf Inhalte der indianischen Tradition unabhängig vom Zeitpunkt ihres Inerscheinungtretens.

2. Die Quellen.

Die Quellen über die Kulturen und die Geschichte Altamerikas lassen sich in drei große Kategorien gliedern:

den archäologischen Befund,

die indianischen Traditionen, die auf die Zeit vor der Conquista zurückgehen,

und die kulturelle Situation in der Zeit nach der Conquista, in der Vorspanisches erst allmählich mit Europäischem vermischt zu einer mestizischen Kultur wurde.

a) Der archäologische Befund.

Mit Ausnahme der letzten Jahrhunderte vor der Conquista, über die vor allem in den damals politisch zentralisierten Gebieten verbale Quellen mit allerdings stark unterschiedlicher Qualität und Dichte Aufschluß geben, und mit großen Einschränkungen bei der klassischen Mayakultur, bieten die in archäologischen Untersuchungen erhobenen Befunde den einzigen Zugang zu den Kulturen des Alten Amerika.

[Archöoöogische Quellen] Archäologische Quellen sind alle vor einer bestimmten Zeit von Menschen hergestellten, bearbeiteten oder benutzten materiellen Objekte, ihre räumlichzeitliche Konfiguration, sowie die Überreste des Menschen selbst, gleichgültig ob sie physisch erhalten sind oder ihre einstige Existenz indirekt nachweisbar ist. Wesentlich für die Beurteilung der archäologischen Quellen ist, daß die an ihrer Entstehung beteiligten Personen nicht die Absicht verfolgten, mit ihnen Aufschluß über kulturelle Sachverhalte zu geben.

[Aussagemöglichkeiten] Am deutlichsten im archäologischen Fundgut zu erkennen sind stilistische Gemeinsamkeiten und Veränderungen von Gebrauchs- und Luxusgegenständen, anderen Artefakten und der Architektur. Auf sie konzentrierte sich traditionell die archäologische Forschung und suchte sie als weitgehend formal definierte, zeitlich-räumlich abgegrenzte archäologische "Kulturen" zu fassen, die mit dem umfassenderen ethnologischen Kulturbegriff wenig mehr als den Namen gemein haben. Schon die bloße Identifizierung ihrer menschlichen Träger mit bekannten ethnischen Gruppen ist, wenn überhaupt, nur für späte Zeiträume mit einiger Sicherheit möglich. Politische Einheiten und deren Veränderungen scheinen sich hingegen kaum jemals klar abzuzeichnen. Daß stilistischer Wandel nicht so generell wie früher angenommen auf Bevölkerungsverschiebungen (,'Wanderungen") zurückgeführt werden kann, ist längst allgemein anerkannt.

[Aussagegrenzen] Wenn die genannten engen Beschränkungen überwunden werden sollen, müssen die materiellen Hinterlassenschaften, die als einzige der archäologischen Untersuchung direkt zugänglich sind, grundsätzlich als das Ergebnis des Funktionierens und Interagierens aller kulturellen Bereiche gesehen werden. Sie sollten daher, das Vorhandensein entsprechend leistungsfähiger Analyseverfahren vorausgesetzt, auch die Gewinnung von Aussagen über weitere, möglichst sogar alle kulturellen Bereiche erlauben. Tatsächlich schlagen sicis jedoch nicht alle kulturellen Bereiche im archäologischen Fundgut gleich stark nieder, so daß in der Praxis das auf Grund der Beobachtungen Aussagbare auf recht enge Bereiche beschränkt bleibt. Die Beobachtung und Dokumentation der Befunde (des Fundkontextes) und der sich über oder im Boden abzeichnenden menschlichen Aktivitäten steht weithin noch in den Ansätzen.

[New Archäology] Die Ausweitung der archäologischen Interpretationsmöglichkeiten über die Archaeology mit dem Entstehen der Bodenfunde unmittelbar zusammenhängenden Bereiche vergangener Kulturen, wie Handwerkstechniken und Architektur, hinaus ist Ziel der sogenannten ,,New Archaeology" in den USA [BINFORD; TRIGGER]. Sie ist in einer Adaptierung anthropologischer (d. h. hier: ethnologischer) Denkrichtungen bestrebt, durch Generalisierung gewisse Regelhaftigkeiten, die in verschiedenen Situationen wiederkehren, zu erkennen und zu erklären und dadurch zu allgemeinen Gesetzen menschlichen Verhaltens vorzustoßen. In den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückten zunächst soziale, wirtschaftliche und politische Organisationsformen [richtungweisend: WIL LEY]. Angeführt von KENT FLANNERY, wohl dem produktivsten Theoretiker der altamerikanischen Archäologie, wurden die Untersuchungen auf Vorgänge des kulturellen Wandels ausgedehnt sowie auf die in nur scheinbar nicht unmittelbar betroffene kulturelle Bereiche hineinwirkenden Wechselbeziehungen zwischen menschlicher Bevölkerung und Ökosystemen [FLANNERY]. Methodisch wurde, um dem Systemcharakter von "Kultur" gerecht zu werden, eine allerdings nur ansatzweise mögliche Einbeziehung der Systemtheorie angestrebt [FLANNERY]. Als interpretativer Rahmen für kulturelle Situationen diente, beein flußt von Ethnologen wie MARSHALL SAHLINS und ELMAN R. SERVICE, eine nicht einlinig aufgefaßte evolutionistische Stufenfolge soziokultureller Typen. Historische

[Historische Prozesse] Die von der ,,New Archaeology" behauptete Unvereinbarkeit ihres nomothetischen Ansatzes mit einer idiographisch verstandenen Geschichtswissenschaft wird neuerdings als unsinnige Dichotomie betrachtet [6: TRIGGER], da in beiden Disziplinen die Untersuchung historischer Prozesse, allerdings auf Grund unter schiedlicher Materialbasis, betrieben wird [distanziert: 5: HOLE]. Konsequent wird folglich die archäologische Ergänzung und Überprüfung von Angaben schriftlicher Quellen gefordert und auch bereits betrieben [MURRA, MORRIS].

Forschungsgeschichtlich fällt der schnelle Wechsel von archäologischen Erklärungsansätzen auf, deren Trends durchaus mit zeitgenössischen ideologischen Strömungen oder politischen Ereignissen korrespondieren [WIIK].

[Unvermeidliche und kalkulierte Unvollständigkeit der Daten] Ein weiteres Problem der Interpretation ist die unvermeidliche große Unvollständigkeit der Daten: kulturelle Aktivitäten, die keine dauerhaften Spuren hinterlassen haben, Spuren, die durch natürliche Vorgänge oder bewußtes wie unbeund kalkulierte wußtes Eingreifen des Menschen ganz oder teilweise zerstört sowie die durch illegale Grabungsaktivitäten aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Andererseits macht die große Menge existierender Überreste meist nur eine repräsentative Aufnahme durch Erhebungsverfahren mit gezielter Unvollständigkeit möglich. Häufigstes derartiges Verfahren ist das zur Erfassung größerer Flächen zumeist angewandte Verfahren eines Oberflächen-Surveys, bei dem nur kleine Ausschnitte des Untersuchungsgebietes, die nach einem zufallsbestimmten Verfahren ausgewählt wurden, ausgewertet werden. Das Verfahren wurde zu Recht als fehlerträchtig kritisiert [SANDERS, PARSONS, SANTLEY]. Spezifischere Probleme der Interpretation archäologischer Befunde werden bei den einzelnen Aussagenbereichen abgehandelt.

[Datierungsfragen] Eine absolute Chronologie archäologischen Fundmaterials wird durch den Einsatz und die ständige Verfeinerung naturwissenschaftlicher Datierungsverfahren angestrebt. Die Verfahren haben jedoch eng begrenzte Einsatzbereiche und bergen methodische Probleme, die hier nur gestreift werden können, um ihre Auswirkungen auf die archäologische Zeitskala verständlich zu machen. Durch das wichtigste Verfahren, die Radiokarbondatierung organischer Überreste, wird der Zeitpunkt des Aufhörens der Lebensfunktion bestimmt. Die erzielte Altersangabe ist nur ein Wahrscheinlichkeitswert, dessen Genauigkeit zudem von weiteren Umständen beeinträchtigt wird. Eine Erhöhung der Präzision ist in Amerika mit Hilfe einer an den Jahresringen der Borstenkiefer entwickelten Eichungskurve in Grenzen möglich. Die im vorliegenden Band angegebenen Daten sind auf diese Weise korrigiert (,'kalibriert"). Die grundsätzlich sehr genaue Baumringdatierung ist eigenständig bisher für den Raum der altamerikanischen Hochkulturen noch nicht erfolgreich angewandt worden. Die Thermolumineszenz-Methode liefert die Zeitspanne zwischen dem Brennen keramischer Produkte und der Untersuchung. Naturwissenschaftliche Datierungen haben wegen ihrer vorläufig relativ geringen Anzahl, ihrer Fehlerbreite und der vielfach unzureichenden Sicherung der Gleichzeitigkeit von datierter Probe und zu datierendem Objekt noch nicht zur angestrebten Präzisierung der Zeitstellung der nur archäologisch faßbaren Kulturen geführt. Zusammenfassende Diskussionen des Kenntnisstandes liegen nur für wenige Regionen vor: frühes westliches Mesoamerika [TOLSTOY], östliches Mesoamerika [LOWE], Nordchile [NÚNEZ].

b) Die indianischen Traditionen.

In den meisten Kulturen Altamerikas stand kein textfähiges Aufzeichnungsverfahren zur Verfügung. Deshalb existierten dort historisch relevante Berichte nur in Gestalt der mündlichen Traditionen, die nur soweit erhalten sind, als sie nach der Conquista in europäischer Schrift niedergelegt wurden. Dies trifft für den Andenraum vollständig und für Mesoamerika in größeren Teilgebieten zu. Lediglich in einzelnen Regionen Mesoamerikas wurden vor der Conquista historische Inhalte in Bilderhandschriften (Zentralmexiko, Oaxaca) oder auf Inschriftenmonumenten (Mayakultur) aufgezeichnet. Ihre Verfasser sind immer anonym.

[Mesoamerika] Nur die auf Papier und ähnlichen Medien niedergelegten Schriftquellen Mesoamerikas sind bisher in einem umfassenden Verzeichnis zusammengestellt worden [55: Handbook of Middle American Indians, Einzelabschnitte siehe unten]. Die folgende Übersicht beruht zu einem wesentlichen Teil auf diesem Verzeichnis. Aus Platzgründen muß auf Vollständigkeit sowohl bei den zu nennenden Quellen als auch deren Veröffentlichungen verzichtet werden. Deshalb wird von mehreren Ausgaben einer Quelle nur die qualitativ beste genannt, nötigenfalls wird auch auf Mängel der Ausgaben oder Übersetzungen hingewiesen.

[Mesoamerikanische Bilderhandschriften] Aus vorspanischer Zeit haben im westlichen Mesoamerika insgesamt nur elf Bilderhandschriften (traditionell "Codices" genannt) überlebt. Sie stammen aus nur drei Regionen, nämlich dem Becken von Mexiko, ferner aus einer noch nicht präziser festlegbaren Zone vermutlich im Süden des modernen mexikanischen Staates Puebla, die behelfsweise als "Mixteca-Puebla" bezeichnet wird [NiCHOLSON], und dem westlichen Teil des modernen Staates Oaxaca. Ob es entsprechende Bilderhandschriften auch in anderen oder früheren Kulturen (insbesondere Teotihuacan) gegeben hat, bleibt mangels Funden spekulativ.

[Form] Bilderhandschriften sind lange Streifen aus Leder oder papierartig verarbeitetem Pflanzenmaterial, die in Leporello-Form gefaltet und von Holzdeckeln geschützt waren. In ihnen sind die Abbildungen der wiederzugebenden Sachverhalte mit isolierten Schriftzeichen kombiniert. Die Abbildungen gehorchen einem unterschiedlich strikten Code von Darstellungskonventionen mit dem Ziel einer möglichst eindeutigen Informationsübermittlung. Der Aufbau der historischen Bilderhandschriften ist chronologisch.

[Vorspanische Handschriften historischen Inhalts] Von den erhaltenen vorspanischen Bilderhandschriften aus dem westlichen Mesoamerika haben nur fünf, die alle aus dem Raum von Oaxaca stammen, eine historische Thematik: Codex Becker I; Codex Bodley [CASO], Codex Colombino [CASO, SMITH], Codex Nuttall und Codex Vindobonensis behandeln die Genealogien der mixtekischen Herrscher im westlichen Oaxaca (besonders aus Teozacoalco und Tilantongo), ihre in mythische Zeiten zurückreichende Abkunft, ihre Taten und Schicksale.

[Östliches Mesoamerika] Ob es auch bei den Maya Handschriften mit historischen Inhalten gab, ist unbekannt. Da die dort gefundenen Steininschriften (siehe unten) aber zumindest auch genealogisch-dynastische Aufzeichnungen umfassen und kolonialzeitliche Berichte entsprechende Hinweise enthalten, darf angenommen werden, daß neben den rituellen auch historische Handschriften existierten.

[Die nicht-historischen Bilderhandschriften] Die übrigen erhaltenen vorspanischen Bilderhandschriften aus dem westlichen Mesoamerika und dem Gebiet der klassischen Mayakultur sind ausschließlich kalendarisch-augurischen und rituellen Inhalts und informieren nur über diese Bereiche der vorspanischen Kulturen. Hierzu gehören die fünf poblano-mixtekischen Manuskripte: Borgia, Cospi, Féjérváry-Mayer, Laud und Vaticanus B. Sie sind in teilweise kommentierten Ausgaben zugänglich [Codex Borgia; Codex Féjérváry-Mayer; Codex Cospi; Codex Laud; Codex Vaticanus]. Ein ausführlicher synoptischer Kommentar von NOWOTNY stellt die strukturellen Mechanismen heraus; die stark stellare Mytheninterpretationen bevorzugenden Kommentare von SELER in den Faksimileausgaben [Codex Borgia; Codex Féjérváry-Mayer; Codex Vaticanus Nr. 3773] sind großenteils überholt.

[Maya-Handschriften] Die vier erhaltenen vorspanischen Handschriften der Maya behandeln in Tabellenform mit bildlicher und textlicher Ergänzung augurisch-astronomische Themen. Ihr Entstehungszeitpunkt wird widersprüchlich beurteilt: Codex Dresden [Codex Dresdensis] wird in das frühe 13. Jahrhundert datiert [THOMPSON]. Für Codex Paris [verbesserte Reproduktion einer Ausgabe von 1887: Codex Peresianus; neue Schwarz-Weiß-Reproduktion in: TREIBER] und Codex Madrid nahm THOMPSON eine Entstehung im 14. und 15. Jahrhundert an, während EDMONSON und BRICKER diese beiden und den umstrittenen, jüngst aufgefundenen Codex Grolier [Reproduktion in C0E als frühkolonialzeitliche Kopien älterer Handschriften ansehen.

[Inschriftenmonumente] Nur in der Mayakultur des Klassikums (zwischen ca. 300 und 900 n. Chr.) wurden im Raum der Halbinsel Yucatan in großer Zahl Steininschriften mit historischen Angaben gefertigt. Sie wurden auf freistehenden hohen pfeiler- oder plattenförmigen Monolithen ("Stelen") angebracht oder auf bestimmten zumeist steinernen Teilen der Architektur, wie Türbalken, oder auf monumentalen steinernen Freitreppen. Die Inschriftentexte sind von bildlichen Darstellungen unabhängig. Hieroglypheninschriften treten auch als Beitexte von Wandmalereien oder auf zeremonieller Keramik (allerdings fast ausschließlich als standardisierte rituelle Texte) auf. Die Länge der Texte ist sehr unterschiedlich.

Das Corpus der Inschriften ist nur schwer zu überblicken. Eine vollständige Dokumentation steht erst in den Anfängen [Corpus of Maya hieroglyphic inscriptions]. Eine ältere Zusammenstellung ist stark auf die kalendarischen Partien der Inschriften konzentriert, die damals als einzige verständlich erschienen [MORLEY]. Daneben existieren komplette Inschriftendokumentationen einzelner Ruinenorte [darunter als wichtigste: Copan: MORLEY, seither zahlreiche Neufunde; Chichén Itzá, allerdings nicht in Form vollständiger Inschriften veröffentlicht: BEYER; JONES, SATTERTHWAITE].

In anderen Regionen Mesoamerikas fehlen Steininschriften mit längeren Texten, da keine hierfür geeigneten Schriftsysteme zur Verfügung standen. In Zentralmexiko enthalten die Inschriften entweder nur isolierte Daten, Personenoder Ortsnamen ohne jeglichen Kontext oder mit unspezifischen bildlichen Darstellungen. In Oaxaca gibt es aus dem Ende des Präklassikums eine Anzahl von Monumenten mit etwas längeren Schriftpassagen, die bisher aber nicht lesbar sind [kurze Analysen: MARCUS; WHITTAKER]. Die spätklassischen Inschriften genealogisch-dynastischen Inhalts aus dem Raum von Oaxaca enthalten neben stark standardisierten bildlichen Darstellungen kaum Text [MARCUS] und leiten damit vermutlich stilistisch-strukturell zu den mixtekischen Bilderhandschriften über. Register oder Analysen der wenigen und verstreuten Inschriften sind bislang nicht veröffentlicht worden.

Neben den physisch aus vorspanischenr Zeit stammenden Handschriften existieren eine große Anzahl von Handschriften, die nach der Coquista niedergescchrieben wurden, aber für die davorliegende Zeit auf heute verschollene Vorlagen zurückgehen. Der Grad der Beeinflussung ihrer Darstellungsweise durch e8uropäische Vorbilder schwankt zwischen unmerkbar und dominierend. Viele dieser Quellen haben auch Beischriften in lateinischen Buchstaben. Historisch bedeutsam ist in erstzer Linie der Codex Boturini, der die frühe Geschichte und Einwanderung der Mexika behandelt [kaum zugängliche Ausgabe: CORONA NÚNEZ]. Seine von anonymen Indianern in aztekischer Sprache authentisch kommentierte Bearbeitung, Codex Aubin, ist am Übergang zu den textlichen Quellen angesiedelt, die weiter unten beschrieben werden [LEHMANN, KUTSCHER] ....


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de