Zur Entwicklung der Kulturanthropologie im amerikanischen Bereich: Justinus Stagl, Kommentierung des Handbuchs der Kulturanthropologie von Frank R. Vivelo.

Text entnommen aus: Frank Robert Vivelo, Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung. Mit einer Einleitung hg. von Justin Stagl. Übersetzt von Erika Stagl, (1978) Stuttgart 1988 , S. 13 - 21 (Einleitung).


Einleitung des Herausgebers.

Das Cultural Anthropology Handbook von Frank Robert Vivelo, das hier in deutscher Ausgabe vorliegt, gibt dem interessierten Leser und dem Studenten eine kurze, doch umfassende Einführung in die Kulturanthropologie bzw. Ethnologie. Es kann als Leitfaden für Lehrveranstaltungen, zum Selbststudium, als Nachschlagewerk oder einfach als spannende Lektüre verwendet werden. Um ein solches Buch richtig zu würdigen, müssen wir einen Blick auf die amerikanische Situation werfen, aus der es kommt.

Die Cultural Anthropology ist, grob gesprochen, das amerikanische Äquivalent der deutschen Völkerkunde oder Ethnologie. Ihren eigentlichen Forschungsgegenstand bilden also die sogenannten Primitivgesellschaften oder schriftlosen Kulturen (im Deutschen sagt man gelegentlich auch noch Naturvölker). Die amerikanische Cultural Anthropology geht jedoch über diese vergleichsweise bescheidene Stellung im Reiche der Wissenschaften weit hinaus. Sie beansprucht nicht mehr und nicht weniger, und dies auch nicht ganz ohne Erfolg, als die Grund- und Integrativwissenschaft für alle Wissenschaften vom Menschen, ja für das menschliche Wissen überhaupt zu sein. Wie konnte es zu einem derartigen Anspruch kommen?

Die Cultural Anthropology ist ein Zweig einer allgemeineren Wissenschaft vom Menschen, der Anthropology (siehe Abbildung 1.1 bei Vivelo). Sie ist deren wichtigster Zweig, so daß die beiden Begriffe oft synonym gebraucht werden. Das Studium der Primitivgesellschaften wird also stellvertretend zum Studium des Menschen oder der Menschheit überhaupt. Mit diesem Anthropologie-Begriff führen die Amerikaner eine Wissenschaftstradition weiter, die in Europa, wo sie ursprünglich entstanden war, lange Zeit als überholt gegolten hatte (und erst jetzt wieder aus Amerika auf Europa zurückwirkt). 1 Ursprünglich war Anthropologie ein Zweig der Philosophie, und zwar die Frage nach der Natur des Menschen.2 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie - unter Beibehaltung dieses grundsätzlichen Anspruchs - zu einer einzelwissenschaftlichen Disziplin. Für diese waren daher die "Naturvölker"

1 Meine Darstellung der amerikanischen Situation des Faches stützt sich weitgehend auf die Analyse, die ich in dem Buch Kulturanthropologie und Gesellschaft (Stagl 1980 a) zu geben versucht habe.

2 Zur Geschichte der Anthropologie vgl. Mühlmann 1968, zur Geschichte des Anthropologie-Begriffes Marquard 1965, 1971, zur Geschichte der philosophischen Anthropologie Landmann et al. 1962, Rothacker 1964, Marquard 1973 und Krauss 1979.

- man sprach auch von "Wilden" oder "Primitiven" - von entscheidender Relevanz. Da diese Menschengruppen stärker von der Natur abhängig sind als die Angehörigen von Schriftkulturen (,'Hochkulturen", "Zivilisationen"), galten sie als von den besonderen historischen Schicksalen dieser Kulturen relativ unbeeinflußte empirische Repräsentanten der menschlichen Natur als solcher.

Neben ihrer Erforschung widmete sich die Anthropologie vor allem dem vergleichenden Studium der körperlichen Natur und Entwicklung des Menschen sowie der entwicklungsgeschichtlichen Analyse prähistorischer Funde.3 Von hier aus schien sich die Möglichkeit einer am naturwissenschaftlichen Modell orientierten Wissenschaft vom Menschen und insofern auch die Möglichkeit einer Einheitswissenschaft zu ergeben. Diese einheitswissenschaftliche (,,szientistische") Konzeption hatte, darüber muß man sich klar sein, oppositionellen Charakter. Sie wandte sich gegen die damals vorherrschende "humanistische", historisch-philologisch orientierte Form der Bildung. An die Stelle des dieser zugrundeliegenden, von Cicero und Plutarch geprägten normativen Kulturbegriffes (der Kultur als Ergebnis eines komplexen, nicht nur natürlichen, sondern auch historisch-schicksalhaften Bildungsvorganges auffaßt und demnach Menschen oder Menschengruppen als "unkultiviert" bzw. als mehr oder minder "kultiviert" bewertet)4 setzte sie einen registrierenden Kulturbegriff, nach dem alle Menschen Kultur haben, wenn auch auf verschiedenen Stufen eines (mit der Menschheitsgeschichte identischen) Prozesses der Kulturentwicklung bzw. des Zivilisationsfortschrittes.5 Die Primitiven waren nach dieser Konzeption nicht so sehr kulturals vielmehr geschichtslos; sie galten als Vertreter der von den fortschrittlicheren Teilen der Menschheit schon überwundenen Entwicklungsstufen; als Survivals oder "lebende Fossile"

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts setzte sich jedoch immer mehr die Erkenntnis durch, daß auch die Naturvölker Geschichtsvölker sind. Sie hängt mit dem Aufkommen des Historismus zusammen, der lehrt, daß man ein

3 Vgl. dazu Breitinger-Haekel-Pittioni 1961.

4 Vgl. dazu Rassem 1979, vor allem S. 11 ff. Das Grundlagenwerk zur Geschichte des Kulturbegriffes ist noch immer Niedermann 1941.

5 So in E.B.Tylor's Buch Primitive Culture, dessen Titel allein schon Programm ist (Tylor 1871), siehe dazu Stocking 1968, 72ff. Zur Kritik eines nur registrierenden Kulturbegriffs siehe Kraus 1975, 175ff. Vgl. auch Steinbacher 1976.

6 Der Begriff des Survivals, der ebenfalls von Tylor eingeführt wurde, bezieht sich eigentlich nicht, wie ich ihn hier gebrauche, auf ganze Völker oder Kulturen, sondern auf Kulturelemente, die sich als isolierte Reste eines früheren Entwicklungszustandes in einen späteren Entwicklungszustand hinübergerettet haben (siehe Hodgen 1935). Von "lebenden Fossilien" spricht Leach 1966.

Phänomen erst dann begreifen kann, wenn man weiß, wie es geworden ist einer anti-naturwissenschaftlichen, vor allem in Deutschland ausgebildeten Betrachtungsweise.7 Doch ist diese Historisierung der Anthropologie ebenso auf den wachsenden Stand der Kenntnisse von den Primitiven zurückzuführen, der den durch die Anthropologen inspirierten Forschungen zu verdanken ist. Eine nicht unwesentliche Voraussetzung war ferner die Errichtung der Kolonialreiche, durch welche die einstigen Wilden endgültig in den Gang der Weltgeschichte miteinbezogen wurden. Die Tragik jeglicher Ethnographie ist es ja, daß die "Horizontausweitung", zu der sie führt, das Ausgreifen einer Kultur (der forschenden) auf andere (die erforschten) zur "materiellen Voraussetzung" hat. Die Forschung ist selbst ein Teilprozeß der Veränderung der erforschten Situation. Im 19.Jahrhundert gewann dieser Vorgang durch die Expansion der Industriegesellschaft weltweite Dimensionen.8 Die Auswirkungen des Zusammenstoßes mit der Industriegesellschaft waren für die unterlegenen Gesellschaften zumeist verheerend: ganze Gruppen starben aus oder verloren ihre kulturelle Identität. Das Bedürfnis, sie vor ihrem Untergang für die Wissenschaft zu dokumentieren, führte zur Abwendung von umfassenden Spekulationen und Hinwendung zum Konkreten, zum Sammeln und Schildern.9 In diese Zeit fiel die Etablierung der ethnographischen Museen und der ersten ethnologischen Lehrstühle. Es ist bezeichnend, daß bei der Benennung der damit entstehenden akademischen Disziplin an die Stelle des abstrakten Menschenbegriffes der historisch-konkrete Volksbegriff trat: Völkerkunde oder Ethnologie statt Anthropologie. 10

Amerika hat diese Entwicklung zur Historisierung nicht richtig mitgemacht. Darin besteht die Besonderheit der amerikanischen Situation. Der Anthropologie-Begriff hatte dort so feste Wurzeln geschlagen, daß sich der Anspruch, eine szientistische Theorie des gesamten Menschen zu geben, zusammen mit dem Namen Anthropologie, in den Vereinigten Staaten als ein "Survival" aus der Mitte des 19.Jahrhunderts bis heute erhalten hat.11 Die

7 Zum Historismus in der Ethnologie siehe Müller 1980.

8 Zur Ethnologie als "horizontausweitender" Disziplin siehe Mühlmann 1964, besonders S. 15 ff. Auf das Kolonialsystem als materielle Voraussetzung der Ethnologie bin ich in meinem in Fußnote 1 zitierten Buch eingegangen (Stagl 1980 a, passim). Siehe auch Asad 1973 und Szalay 1975, 1977.

9 Stagl 1980 a, 1,3.-Diese Priorität des Materials vor der Methodik und der Theorie ist die Grundlage für die Besonderheit der Ethnographie gegenüber den anderen Menschheitswissenschaften. Siehe dazu Stagl 1980b.

10 Zur Geschichte der Begriffe "Völkerkunde", "Volkskunde", "Ethnologie" und "Ethnographie" siehe Möller 1964, Fischer 1970, Lutz 1973, Stagl 1974 und Kutter 1978.

11 Diese Ansicht vertreten Gelehrte wie Heine Geldern (1964) und Hultkrantz (1968).

Wendung zum Konkreten gab es freilich auch hier. Ihr wichtigster Träger, Franz Boas, der auch zur Verankerung des Faches auf den Hochschulen Wesentliches beigetragen hat, kam bezeichnenderweise aus Europa. Er war Deutscher, hatte seine Ausbildung in Deutschland bekommen und war dort vom Historismus beeinflußt worden. Auf seinen Einfluß geht die seit ca. 1920 sich durchsetzende Disziplinbezeichnung Cultural Anthropology zurück, die in Abhebung von der damals stark rassentheoretisch ausgerichteten (d. h. das Ererbte betonende) Anthropology für eine vorwiegend milieutheoretische (d. h. das Erlernte und die Umwelteinflüsse betonende) Menschheitswissenschaft stand. 12 Die Cultural Anthropology bildete also eine Art Kompromiß zwischen Ethnologie und Anthropologie. Sie betrat die Bühne gerade im richtigen Moment, als das Fach zur Universitätsdisziplin und Berufslaufbahn wurde. Sie wurde von dieser Bewegung nach oben getragen, konnte aber dennoch den alteingeführten Begriff Anthropology und die damit verbundene Konzeption nicht völlig verdrängen. Dieser scheint sogar heute wieder an Boden zu gewinnen. 13

Zu den drei Hauptkomponenten der alten Anthropologie, nämlich Ethnographie, Physische Anthropologie und Prähistorie, die sich in Europa verselbständigt hatten, in Amerika jedoch zusammengeblieben waren, fügte die CulturalAnthropology als eine weitere, vierte, noch die (vor allem als die Erforschung der schriftlosen Sprachen verstandene) Linguistik hinzu. Auch das ergab sich aus der amerikanischen Situation. Die Erforschung der Indianersprachen und damit die Linguistik als Theorie der Sprache als eines Aspektes der menschlichen Kultur überhaupt trat hier gewissermaßen an die Stelle der klassischen und nationalen Philologien, die ja eine besondere Kulturerbschaft Amerikas, die europäische, betonten. (Ähnlich bezieht sich die dort unterschiedslos als Archaeology bezeichnete Tätigkeit des Ausgrabens in Amerika nicht nur auf die eigene ethnisch-kulturelle Vergangenheit und damit auf die Geschichtswissenschaft, sondern auch auf die Vergangenheit der autochthonen Indianerkulturen und damit auf die Anthropologie als allgemeine Wissenschaft von der Kultur.) Eine weitere Besonderheit der amerikanischen Anthropologie ist ihre durch das Ineinander-Übergehen der Begriffe Kultur und Gesellschaft geförderte Tendenz, auch jene Wirklichkeitsbereiche mitzubehandeln, die eigentlich den Gegenstand der Soziologie bilden;

12 Vg1. dazu Stocking 1968, bes. S. 195 ff., 270 ff. Zum Einfluß des deutschen Historismus auf Boas und seine Schule vgl. auch den Erinnerungsbericht von Robert H. Lowie (1956), einem Mitglied der Gründergeneration.

13 Ein Beleg dafür ist auch das Buch von Vivelo. Dieses spricht im Titel von Cultural Anthropology, im Text jedoch, der modernen Orientierung des Verfassers entsprechend, fast durchgehend von Anthropology.

diese beiden Disziplinen sind oft nur schwer voneinander zu trennen. 14 (Während Physische Anthropologie, Linguistik und Archäologie bei Vivelo ausgespart bleiben, kommt diese soziologisierende Tendenz bei ihm besonders deutlich heraus; so behandelt er auch, anders als etwa ein europäischer Ethnologe es tun würde, in den Kapiteln 7 und 8 die vorindustriellen Hochkulturen und die Industriegesellschaft mit.)

In dieser komplexen Gestalt wurde die Cultural Anthropology als Universitätsfach und zugleich als Weltanschauung in einer heroischen "Gründerzeit" (ca. 1920 - ca. 1950) von der Generation der Schüler von Franz Boas aufgebaut. Die meisten dieser "Gründerväter" waren nicht gebürtige Amerikaner, sondern Immigranten, oft aus jüdischen Familien. Der eine Grundgedanke, der hinter den zahlreichen Aspekten der von ihnen begründeten Disziplin hervorleuchtet, ist derKulturrelativismus bzw. dessen methodischer Ausdruck, der Holismus (vgl. Kapitel 1 bei Vivelo). Der Holismus - d. h. die Betrachtung von Gesellschaften und Kulturen als funktionierende, in sich stimmige und geschlossene Ganzheiten - hängt mit der Allzuständigkeit des Ethnographen zusammen (der in Pnimitivkulturen als einzelner alle die Teilaspekte erforscht, für die in Hochkulturen besondere Disziplinen zuständig sind), ferner auch mit der für ihn bestehenden Notwendigkeit, sich eine Gesamtansicht des von ihm erforschten soziokulturellen Systems zu verschaffen, die es ihm gestattet, sich in diesem handelnd zu orientieren. 15 Diese Allzuständigkeit und Gesamtansicht überträgt die Cultural Anthropology dann von den Primitiv- auf die Hochkulturen.

Der Kulturrelativismus bedeutet nun den Verzicht auf die Bewertung dieser unterschiedlichen kulturellen Gestalten. Dies führt leicht - als radikales Weiterdenken des Historismus - zu der Behauptung von der ideellen Gleichwertigkeit aller menschlichen Kulturen. 16 Diese Extremform des Toleranzprinzips bildet, wie man sich leicht vorstellen kann, eine passende Ideologie für die in rassischer, ethnischer und religiöser Hinsicht pluralistische Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Cultural Anthropology wird von einem Pathos getragen, das sich gegen jede Absolutsetzung des,

14 In Amerika gibt es einen Konkurrenzkampf zwischen Anthropologie und Soziologie, die ja beide neue Wissenschaften sind und beide auf einheitswissenschaftliche Konzeptionen des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Daneben gibt es auch Verschmelzungstendenzen; beide werden oft in einem Department zusammengefaßt. In England, wo die Soziologie an den Traditionsuniversitäten nicht ankam, ist die soziologische Ausrichtung der Anthropologie besonders stark; die offizielle Disziplin-Bezeichnung ist Social Anthropology. Vgl. Kuper 1975.

15 Ich habe dies näher ausgeführt in Stagl 1980b.

16 Die beste Zusammenfassung der Lehren des Kulturrelativismus und Kritik daran gibt in deutscher Sprache Wolfgang Rudolph (1959, 1968).

eigenen Standpunktes richtet, indem es alle Standpunkte relativiert; dies macht sie zugleich auch zur Weltanschauung und qualifiziert sie, die ja eine wissensintegrierende Disziplin zu sein beansprucht, auch zu einer Grundlage der Persönlichkeitsbildung.

Die Cultural Anthropology hat die amerikanischen Universitäten, und darüber hinaus das ganze höhere Bildungswesen, geradezu im Sturm erobert. Vermutlich hat sich kein Fach im 20. Jahrhundert so ausgeweitet wie dieses. Die Zahl der Schüler und Studenten, die in irgendeiner Form eine anthropologische Ausbildung erfahren haben oder erfahren, geht in die Millionen. Die überwältigende Mehrheit von ihnen besucht die anthropologischen Kurse nicht aus beruflichem, sondern aus allgemeinem Bildungsinteresse. Sowohl ihrem Anspruch als auch ihrem "Image" nach ist die Cultural Anthropology ein neuer Humanismus, der sich statt am Vorbild des klassischen Altertums nunmehr an der gesamten Menschheit orientiert. 17

Inzwischen beginnen jedoch die Farben dieses Bildes zu verblassen. Das Wachstum der Disziplin hat sich verlangsamt; seine Grenzen sind absehbar." Auch die Begrenztheit der kulturrelativistischen Grundorientierung wird offenkundig. Der Kulturrelativismus gibt keinerlei MaßstajoderRchtfertigung fur geplante Eingriffe irgendwelcher 4rt inrernde oziok }lrelI Sy sterne, wie z.B. für die Entwicklungspolitilbiese seine SchwifhI konntein jener Periode der amerikanischen Geschichte verborgen bleiben, in der zwar die einheimischen Indianer schon zur Bedeutungslosigkeit reduziert waren, andererseits aber die Vereinigten Staaten im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg zur ersten Weltmacht begriffen waren und derAmerican Way of Life in Abhebung vom tc'talitären Kommunismus eine wie selbstverständliche Werbungskraft ausstrahlte. Wie wir wissen, haben sich diese Zeiten geändert. Dementsprechend beginnt sich auch die ältere, vom Kulturrelativismus in den Hintergrund gedrängte, aber als Leitfaden für weltpolitisches Handeln besser geeignete entwicklungstheoretische Richtung, und mit ihr der allgemeinere Name Anthropology, wieder stärker durchzusetzen. Es scheint, daß dies auch eine uramerikanische Reaktion ist; die Träger des ,,Neo-Evolutionismus" oder ,,Külturmaterialismus" scheinen in der großen Mehrzahl nicht mehr Immigranten, sondern gebürtige Amerikaner zu sein.

Gewisse amerikanische Grundkonstanten bleiben jedoch bei diesem ,,Paradigmenwechsel" erhalten. So die besondere Bedeutung, die dem Genius loci zugeschrieben wird. Hatten die Kulturrelativisten die menschliche Abhängigkeit von der kulturellen Umwelt überbetont (die einzige wirklich anthropologische Grundannahme, die sie machten, war die von der unbegrenzten

17 Vgl. dazu Stagl 1980a, III, 3.

18 Vgl. Rogge 1976.

Plastizität und kulturellen Formbarkeit des Menschen), so interpretieren die Neo-Evolutionisten die Kultur vornehmlich im Sinne der menschlichen Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt (und heben damit den Arbeitsaspekt der Kultur gegenüber deren Lernaspekt hervor). Eine andere Grundkonstante ist - so erscheint es zumindest dem Europäer - das Absehen vom Historischen und Schicksalhaften und dafür die Flucht ins Modellhafte, die es den Amerikanern ermöglicht, vieles zu vergessen - nicht nur ihren europäischen Hintergrund, sondern auch die gewaltsame Begründung ihres Besitzrechtes am amerikanischen Boden.

Einen besonderen Effekt hat die amerikanische Situation des Faches, und damit sind wir wieder bei Vivelo: Es gibt viele und darunter auch sehr gute Lehrbücher (siehe Tabelle 1 zum Vorwort). Dies ist nicht nur auf den für unsere Begriffe ungeheuer großen Markt und auf den dementsprechenden Konkurrenzdruck oder auf das Sendungsbewußtsein der Anthropologen zurückzuführen, sondern auch auf die von der europäischen, vor allem der deutschen, sehr verschiedene akademische Tradition in Amerika. Bei uns ist die Ethnologie ein "Orchideenfach", ihre Vermittlung orientiert sich (noch) am Humboldt'schen Wissenschaftsideal. Die amerikanische Anthropologie ist dagegen ein Massenfach und ein persönlichkeitsbildendes Fach, das viel stärker "verschult" ist und dessen Dozenten und Studenten sich daher auch gerne der Führung durch gute Lehrbücher anvertrauen.19 Für einen deutschen Wissenschaftler gilt das Abfassen von Lehrbüchern und Einführungstexten als nicht ganz standesgemäß. Trotzdem haben in der Ethnologie einige prominente Fachvertreter die Verpflichtung gefühlt, solche Werke zu schreiben. Sie haben es aber dabei stets sorgfältig vermieden, den Adressaten gewissermaßen an der Hand zu nehmen und zu führen, sondern haben sich statt dessen darauf beschränkt, ihm das wesentliche Wissen aufzuzeigen. Sehr typisch dafür ist die Form des Sammelbandes, in dem die wichtigsten Aspekte des Faches jeweils von einem zuständigen Gelehrten behandelt werden. 20

19 Vgl. dazu Mandelbaum, Lasker und Albert 1963 a und 1963 b.

20 Das wichtigste Lehrbuch ist das ursprünglich von Leonhard Adam und Hermann Trimborn, jetzt von Trimborn alleine herausgegebene Lehrbuch der Völkerkunde (Tnmborn 1971). Sammelbände sind auch Freudenfeld, 1960, Tischner 1963 und neuerdings Schmied-Kowarzik und Stagl 1980. Zu Beginn des Jahrhunderts erschienen mehrere Lehrbücher der Völkerkunde in deutscher Sprache; das einzige im amerikanischen Sinne moderne (heute aber auch schon veraltete) Lehrbuch der Nachkriegszeit ist die Allgemeine Völkerkunde von Kunz Dittmer (Dittmer 1946). Eine Einführung für Studenten bieten die Grundbegriffe der Ethnologie von Josef Franz Thiel (Thiel 1977). Zu erwähnen sind ferner das von Walter Hirschberg herausgegebene Wörterbuch der Völkerkunde (Hirschberg 1965), eigentlich eine handliche Realenzyklopädie, und das Völkerkundliche Lexikon von Wilfried Nölle (Nölle 1959).

In Amerika dominiert dagegen das von einem Manne durchgängig und in großen Zügen geschriebene Lehrbuch, das bewußter pädagogisch orientiert ist als das deutsche. Dies bedeutet aber weder einen Qualitätsverlust noch das ungebührliche Hervortreten persönlicher Meinungen. Die Vielzahl der Lehrbücher und der Konkurrenz- und Normierungsdruck, den diese aufeinander ausüben, hat hier zur Bildung eines Kanons geführt, dem sich kein neues Werk dieser Art ganz entziehen kann. So fühlt sich der amerikanische Student sicherer und weniger alleine gelassen als der deutsche.

Die besondere Stellung des Handbook of Cultural Anthropology im Rahmen dieser Tradition hat Vivelo selbst (in seinem Vorwort) deutlich herausgearbeitet. Das Buch ist 1978 herausgekommen. Es ist uns in seiner Konzeption und Durchgestaltung so originell erschienen, daß wir uns angesichts des Fehlens eines derartigen Werkes im Deutschen zu einer deutschen Ausgabe entschlossen haben (die Übersetzung stammt dabei von Erika Stagl, die fachliche Überarbeitung von Justin Stagl). Unter den vielen ausgezeichneten amerikanischen Lehrbüchern ist das von Vivelo außerdem für den deutschen Leser besonders geeignet, weil es den prähistorischen, biologischen und linguistischen Aspekt der Anthropologie, die ja bei uns zu selbständigen Disziplinen mit eigenen Lehrbüchern geworden sind, wie erwähnt nicht behandelt, sondern sich auf den ethnologischen und ethnosoziologischen Aspekt beschränkt. Dies ermöglicht es Vivelo, der auch sonst sein Material sehr geschickt auswählt und kunstvoll anordnet, vor allem eines zu sein, nämlich kurz. Die anderen Lehrbücher, die oft von Altmeistern des Faches stammen und schon wiederhol aufgelegt worden sind, fassen eigentlich schon all das Material zusammen, das ein Student im Grundstudium, d. h. bis zum Beginn seiner Spezialisierung, braucht. Vivelo will dagegen eine erste Orientierung geben. Bei aller Kürze bleibt bei ihm jedoch die Spannweite der Thematik und die Differenziertheit des Zuganges zu ihr durchaus erhalten. Die Darstellung der verschiedenen Denkrichtungen ist ausgewogen und fair, wenngleich die Präferenzen des Autors, die er auch keineswegs verbirgt, bei der neo- evolutionistischen, szientistischen Richtung liegen. Insofern ist Vivelo, ein jüngerer Gelehrter, ein Vertreter der moderneren Position. Trotz seiner szientistischen und daher auf korrekten Gebrauch der Fachsprache bedachten Einstellung kann Vivelo lebhaft und packend schreiben -wovon sich der Leser selbst überzeugen mag. Seine Stärke und wohl auch seine Vorliebe sind klar durchdachte und einprägsame Begriffsdefinitionen. Vor allem das Glossar am Ende des Buches, das dessen Inhalt in solchen Definitionen zusammenfaßt, wird dem Neuling hilfreich sein. Wir haben uns bemüht, etwas vom rauhen Charme von Vivelos Sprache in der Übersetzung einzufangen. Diese hat sich ansonsten mehr am Prinzip der Verständlichkeit als an dem der Worttreue orientiert.

Für den deutschen Leser und den deutschen Studierenden kann das Handbuch der Kulturanthropologie vor allem deshalb als Einführung in das Fach dienen, weil sich die deutsche Völkerkunde, wie eingangs erwähnt, immer stärker an der amerikanischen Kulturanthropologie orientiert. In einer Epoche, in der das Verschwinden der Naturvölker als unabhängige Kulturen absehbar ist, hat die Kunde von den Naturvölkern die Wahl, entweder zu einer rein historischen Disziplin zusammenzuschrumpfen oder aber sich zu einer allgemeinen Wissenschaft von der Menschheit auszuweiten. Es scheint, daß die Tendenz eher in die zweite Richtung geht. Die deutsche Ethnologie kann dafür nicht nur an die amerikanische CulturalAnthropology, sondern auch an die deutsche Kulturanthropologie oder philosophische Anthropologie anknüpfen, die den Gegensatz von "Natur-" und "Geisteswissenschaften" nicht szientistisch einebnen, sondern durch eine phänomenologische Theorie des Menschen überwinden will.21 In jedem Fall muß aber eine allgemeine Wissenschaft vom Menschen der "Horizontausweitung" Rechnung tragen, die die historisch-deskriptive Völkerkunde (Ethnographie) erbracht hat und weiter erbringt. Heute ist der welthistorische Kairos für eine solche Wissenschaft gegeben. Insofern kann auch ein bißchen "Amerikanismus" unserer Ethnologie nicht schaden.

Bonn, im Dezember 1980 Erika Stagl, Justin Stagl

21 Die philosophische Anthropologie, die im 20. Jahrhundert eine Renaissance erlebte, ist vor allem phänomenologisch orientiert. Vgl. Scheler, 1928, Plesner 1928, Cassirer 1923-29, 1960, Gehlen 1940, 1956, 1961, Mühlmann 1962, Mühlmann und Müller 1966. Siehe auch Schmied-Kowarzik und Stagi 1980.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .