Die Altorientalistik als besonderes Teilgebiet einer vorderorientalisch-mediterranen Altertumsgeschichte. Aus: Wolfram von Soden, Einführung in die Altorientalistik.

Text entnommen aus: Wolfram von Soden, Einführung in die Altorientalistik, Darmstdt 1985, S. 1 - 4.


I. DER BEGRIFF 'ALTER ORIENT' UND SEINE ABGRENZUNG.

Orient ist ebenso wie die in etwa den gleichen Raum umgreifende Bezeichnung Naher Osten kein Begriff der physischen Geographie; es gibt daher für ihn keine klare geographische Abgrenzung. Nach unserem Sprachgebrauch umfaßt der Orient Vorderasien mit Einschluß des Iran und Ägyptens. Leidlich klare natürliche Grenzen bilden im Norden das Schwarze Meer, der Kaukasus und das Kaspische Meer sowie im Südosten der Indische Ozean. Im Mittelmeerbereich, in Nordostafrika und in Ostiran waren die Grenzen des Orients gegen die benachbarten Kulturkreise des Mittelmeerraums bzw. später des Okzidents, Innerasiens und Indiens sowie in Afrika keineswegs immer die gleichen. Während nun im Mittelalter die für den Orient bestimmende Macht der - vielfach iiber ihn hinausgreifende - Islam war, gab es in den Gebieten des vorhellenistischen Alten Orients keine vergleichbare Dominante; denn trotz wichtiger Gemeinsamkeiten waren die Unterschiede zwischen den Kulturen dieses Raumes zu groß, die Grenzen zu unstabil. Da Ägypten, nach Osten durch das Rote Meer und die Sinai-Wüste eindeutig abgegrenzt, sich die Hieroglyphen als ein nur dort verwendetes Schriftsystem schuf und in sehr vielem eine ganz eigene Entwicklung nahm, hat es sich eingebürgert, es nur im weiteren Sinn des Wortes dem Alten Orient zuzurechnen und diesen Begriff normalerweise lediglich für Alt-Vorderasien ohne Westkleinasien, aber mit Westiran zu verwenden.

Eine Sonderstellung in der Wissenschaft nimmt seit jeher das Volk Israel als der Träger der ältesten Oflenbarungsreligion ein. Mit ihm beschäftigt sich seit Jahrhunderten schon die Bibelwissenschaft der Christen und der Juden. Der Alte Orient ist für sie die Umwelt der Bibel. Viele Altorientalisten vor allem der Frühzeit unserer Wissenschaft im 19. Jahrhundert waren daher nicht nur zufällig Theologen. Wegen der Gegenwartsbedeutung seiner Religion bleibt Israel ein zentrales Thema der Bibelwissenschaft und gehört demgemäß für die Altorientalistik nicht zu ihren Hauptarbeitsgebieten. Auch hier müssen fur Israel gelegentliche Hinweise genügen.

Die Altorientahistik ist aus der auch heute noch oft so genannten Der Regrill 'Alter Orient' und seine Abgrenzung


Assyriologic lierausgewachsen, also der Wissenschaft vom alten Zweistroinland, in dem vor etwa 5000 jahren die älteste Schrift der fvlensclilieit, (lie spätere Keilschrift, entstand. I)amit stehen auch für sie Babylonien und Assyrien mit ihrer weit ausstrahlenden Hochkultur im Mittelpunkt, dürfen aber nicht ganz isoliert von den anderen Kulturen Altvorderasiens betrachtet werden, (lie wir wegen der dort lange Zeit ausschließlich oder ganz überwiegend verwendeten Schrift auch Keilschriftkulturen nennen. Da diese Kulturen je nach dem Stand der Erschließung ihrer Sprachen und Literaturen uns vor vielfältige eigene Probleme stellen, kann kein Forscher sich mehr gleichzeitig mit allen gründlich genug beschäftigen, und noch weniger kann eine SO knappe Einführung wie diese ihnen allen gerecht werden. Daher wird dieser Band durch einige weitere entlastet werden. Eine eigene Behandlung erfahren soll insbesondere das hethitische Altkleinasien, in dem vorwiegend indogermanische Sprachen gesprochen wurden. Themen aus dem Bereich des Alten Orients zum Gegenstand haben fernerhin einige Bändchen der >Grundzüge<. I

1 Erschienen sind von diesen G. Wilhelm, Grundzüge der Geschichte Lind Kultur der Hurriter, und H. J. Nissen, Grundzüge einer Geschichte der Frühzeit des Vorderen Orients, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1982 u. 1983. Vgl. ferner A. Moortgat, Einführung in die Vorderasiatische Archäologie, ebd. 1971.

Hier muß daher außer Babylonien, Assyrien und Mesopotamien noch das frühe Nordsyrien einbezogen werden, ferner in einigen Abschnitten auch Elam im Südosten und im Norden das vorarmenische Urartu.

An die Stelle der Keilschrift trat nach etwa 1200 in Syrien-Palästina die phönizische Buchstabenschrift, die nicht nur von den Angehörigen einer intensiv geschulten Schreiberkaste genutzt werden konnte. in etwas veränderter Gestalt wurde sie früh von den bis dahin, soweit wir wissen, scliriftlosen Südarabern übernommen. Da der Jemen als das Zentrum der altsüdarabischen Kultur von Baby-lonien wie von Syrien und Ägypten weit entfernt ist, wirkte sich dort die Beeinflussung durch (lie viel älteren Kulturen nicht so stark aus, und es bildete sich eine in vielem sehr eigenständige Kultur heraus, die einer eigenen Behandlung bedarf; hier kann nur gelegentlich auf sie hingewiesen werden. Syrien hingegen blieb auch nach der Übernahme der Buchstabenschrift ein Teil des altvorderasiatischen Kulturkreises und kann daher hier nicht ganz übergangen werden. Der Kultur von Ugarit und der Geschichte der Phönizier, die mit ihrer Kolonisation in weiten Teilen des Mittelmeerraumes über den Bereich des alten Orients hinauswuchsen, sollen besondere I)arstelluiigen gewidmet werden.

Eine Einführung in ein so weites Gebiet hat nicht die Aufgabe, nach Art eines Kompendiums möglichst viele Tatsachen, Einzelbeobachtiingen und Funde zusammenzustellen. Sie muß davon ausgehen, daß (lie von niemandem mehr ganz zu überschauende Fülle der Schriftquellen, Bilddarstellungen und Bauwerke immer mehr zur Spezialisierung zwingt und damit die Gefahr heraufbeschwört, daß der Blick auf das Ganze des Alten Orients verlorengeht. Es muß daher hier mit Vorrang darum gehen, das den Geschichtsperioden, Kulturen und Regionen Gemeinsame aufzuzeigen und zugleich (lie oft sehr wesentlichen Verschiedenheiten, (lie nicht selten vernachlässigt wurden, bewußt zu machen. Das alles kann nur an ausgewählten Beispielen durchgeführt werden. Sie sollen sichtbar maclien, daß bei einer zu engen Beschränkung auf bestimmte Perioden oder Sachbereiche auch dem sorgfältig arbeitenden Spezialisten wesentliche Erkenntnisse nicht zuletzt für sein eigenes Arbeitsgebiet entgehen, ja manchmal unerreichbar bleiben. Dabei muß der besonderen Situation unserer Wissenschaft in der Gegenwart Rechnung getragen werden.

Wegen der engen Beziehungen zur Bibelwissenschaft standen lange Zeit historische und religionsgeschichtliche Fragen etwas zu sehr im Vordergrund. Die Auffindung der Gesetzesstele des Hammurabi und Tausender von Reclusurkunden lenkten darüber hinaus frühzeitig den Blick der Rechtshistoriker auf den Alten Orient. Die Zehntausende von Wirtschaftsurkunden hingegen wurden lange viel weniger intensiv studiert. Seit etwa vierzig Jahren ist das anders geworden. Nun trat (lie Erforschung der materiellen Grundlagen des Lebens sehr stark in den Vordergrund. Auch (lie Bedeutung der Natur des Landes für den Menschen fand eine erhöhte Beachtung. Das führte zu sehr wichtigen neuen Erkenntnissen und öffnete den Blick für manche früher kaum beachtete Fragestellung. Die nun mit Vorrang betriebenen sozialgeschichtlichen Untersuchungen drängten aber (las Studium der geistesgeschichtlichen Problematik oft zu sehr in den Hintergrund, ja man erklärte diese bisweilen sogar als weniger relevant. Demgegenüber erscheint es mir wesentlich, auch im Alten Orient nach dein Menschen in seiner Ganzheit zu fragen und z. B. das Phänomen der babylonischen Wissenschaft ganz ernst zu nehmen. Das führt dann gegenüber manchen anderen Darstellungen der letzten Jahrzehnte zu Schwerpunktverschiebungen.

Textaussagen und Erscheinungen, die oft nur unzureichend gewürdigt werden, müssen hier stärker hervorgehoben werden. Mit einbezogen werden müssen auch einige wesentliche Aspekte der altorientalischen Kunst. Die fortschreitende Auseinanderentwicklung der philologisch-historischen Forschung und des Studiums der Kunstdenkmäler in der Altorientalistik wirkt sich sehr ungünstig aus. 2

2 Das einzige umfassende Werk iiber das Zweistromland mit vielen Textproben ist immer noch Br. Meissner, Babylonien und Assyrien, 2 Bunde, I leidclberg 1920-25. Altvorderasien und Ägypten behandelt (mit viel Literatur) das große Werk >L'Alba della civiltà (Turin 1976), hrsg. von S. Moscati zusammen mit F. M. Fales, P. Fronzaroli, G. Garbini, M. Liverani, P. M atthiae, Fr. Pintore und G. Zaccagn mi: Vol. 1: La società; 11: L'economia; 111: 11 pensiero. Vgl. ferner u. a. 1-1 Schmökel, H. Otten, V. Maag und Th. Heran, Kulturgeschichte des Alten Orients: Mesopotamien, 1-lethiterreich, Syrien-Palästina, Urartu, Stuttgart 1961; A. L. Oppenheim, Ancient Mesopotamia: Portrait of a 1)ead Civilization, Chicago 1964; H. W. F. Saggs, Mesopotamien: Assyrer, Babylonier, Sumerer, Zürich 1966; s. S. 24, Anm. 19 und S. 40, Anm. 1.


LV Gizewski SS 2004.

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