Zur Schriftkunde und zur Textgeschichte antiker Texte. Aus: Herbert Hunger (Hg.), Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel.

Text - unter Kürzungen, insbesondere der Bildbeispiele - entnommen aus: Herbert Hunger (Hg.), Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 108 - 147 (Herbert Hunger) und 209 - 215 (Hartmut Erbse.)


Zum antiken und mittelalterlichen Schriftwesen: Lateinische Palaiographie (Herbert Hunger).

Typen lateinischer Schriften seit dem Altertum, die in diesem Beitrag erörtert werden (mit einigen Abbildungen); d. Bearb.

Capitalis quadrata.

Capitalis rustica.

Altere römische Kursive

Jüngere römische Kursive (Minuskelkursive)

Unziale

Halbunziale

Insulare Minuskel (Britannien und Irland und von dort aus missionierte Gebiete des Festalndes, frühes Mittelalter)

Westgotische Minuskel (Spanien, frühes Mittelalter)

Beneventanische Schrift (Italien, früheres Mittelalter)

Maurdramnus-Typ (Frankreich, früheres Mittelalter)

Karolingische Minuskel (Früheres Mittelalter)

Schrägovaler Stil (Hochmittelalter)

Gotische Buchschrift oder Textura (Hochmittelalter und Spätmittelalter)

Gotische Kursive oder Bastarda (Hochmittelalter und Spätmittelalter)

Rotunda (Spätmittelalter)

Fraktur (frühe Neuzeit)

Goticoantiqua oder Petrarca-Schrift (Buchschrift der Zeit des beginnenden Humanismus)

Humanisten-Kursive (frühe Neuzeit)

Wie die griechische Paläographie fußt auch die lateinische auf den drei großen Gruppen von Denkmälern, den Inschriften, Papyri und Handschriften. Der Einfluß der Inschriften hat innerhalb der lateinischen Schriftgeschichte noch eindeutiger als in der griechischen die Ausbildung eines bestimmten Stiles ausgelöst. Die Papyri spielen eine wesentlich bescheidenere Rolle als in der griechischen Paläographie, läßt sich doch die geringe Zahl der erhaltenen lateinischen Papyri mit der großen Masse der griechischen überhaupt nicht vergleichen! In Ägypten, woher unsere Papyri fast ausschließlich stammen, lebten schon von der frühhellenistischen Zeit an sehr viele Griechen. Seit der Besetzung durch die Römer waren es aber - abgesehen von wenigen hohen Beamten - fast nur die Legionssoldaten, von denen und für die Papyri in lateinischer Sprache und Schrift beschrieben wurden. Einen kleinen Ausgleich für diese zahlenmäßige Unterlegenheit des lateinischen Papyrusmaterials stellen jene vielfach historisch, mehr noch paläographisch wichtigen lateinischen Papyrusurkunden dar, die durchweg italischer Provenienz sind und dem 5. bis 8.Jh. entstammen. Den weitaus größten Anteil dieser Gruppe stellen die ravennatischen Papyri. Weitere kleinere Gruppen mittelalterlicher lateinischer Papyri sind die Papsturkunden und die merowingischen Papyrusdiplome. Ungleich größer und reichhaltiger ist dagegen die Anzahl der erhaltenen lateinischen Handschriften gegenüber den griechischen in allen Jahrhunderten. Sie bilden ein gewaltiges, noch lange nicht restlos ausgeschöpftes Reservoir für die Erforschung der lateinischen Schriftgeschichte.

Die Scheidung der beiden Hauptschriftgattungen - Buchschrift und Kursive - ist auch für die lateinische Paläographie grundlegend. Die erste ausgebildete lateinische Buchschrift tritt uns in der sogenannten CAPITALIS entgegen. Ihr ideales, in der Schreibschrift jedoch nie erreichtes Vorbild war der monumentale Stil der frühkaiserzeitlichen Inschriften mit ihren klar und ebenmäßig geformten Majuskeln, denen das heutige sog. Blockschriftalphabet entspricht. Saubere Einhaltung der Zweizeiligkeit, gleichmäßige Buchstabenverteilung, genaue Beobachtung der Vertikalen und Horizontalen, An- und Abschwellen der Rundungen zeichnen diesen für römisches Wesen so charakteristischen Stil aus. Nur wenige Handschriftenfragmente in dieser Capitalis quadrata wie die Schedae Berolinenses und Sangallenses ... sind uns erhalten. Beliebter scheint die sog. Capitalis rustica gewesen zu sein, die wir schon in den herkulanensischen Papyri antreffen. In den Jahrhunderten seit der Umschrift der Rollen in Kodizes wurde sie offenbar für die Abschrift altrömischer Autoren, vor allem der Dichter, bevorzugt. Nicht umsonst heißt diese Schrift auch 'litterae Virgilianae', besitzen wir doch heute noch vier berühmte Vergil-Kodizes, drei davon vollständig, in Capitalis rustica! Die Merkmale dieser Schrift blieben durch die Jahrhunderte hindurch so gut wie unverändert. Gegenüber der Capitalis quadrata werden einige Buchstaben wie E, F, L, T ganz schmal gestaltet, die Querstriche nur mehr angedeutet. Im A ist der Querstrich auf die Grundlinie gesunken und erreicht die zweite Haste des Buchstabens nicht. Viele andere Buchstaben wie B, C, D, G, H, 0, R, S haben nicht den ungefähr quadratischen Umriß wie in der Capitalis quadrata, sondern entsprechen einer mehr oder weniger schmalen rechteckigen Grundform .... In dieselbe Richtung stilisieren manche griechische literarische Papyri der ersten zwei Jahrhunderte, die dem Häkchenstil nahestehen (z. B. P. Ox. 1083: Fragment eines Satyrspieles). Die Capitalis rustica verschwindet mit dem Ende der römisch-spätantiken Gesellschaft und Kultur im 6.Jh., taucht aber in der Karolingerzeit als Auszeichnungsschrift, gelegentlich auch als Textschrift, wieder auf.

Auch die Zeugnisse für die sog. ÄLTERE RÖMISCHE KURSIVE sind verhältnismäßig spärlich. Außer Papyri kommen hier die eingeritzten und gemalten Wandinschriften von Pompeji (Graffiti und Dipinti) sowie die Wachstafeln in Betracht. Schon vom ersten Auftreten kursiver lateinischer Schriftdenkmäler am Ende des 1.Jh. v. Chr. an (Ö.N.B., P. L 1: Briefsammlung des Macedo, 21-48 v. Chr., ...) zeigt die römische Kursive, soweit sie als Gebrauchsschrift in den Papyri erscheint, drei Jahrhunderte lang mannigfache formale Veränderungen in bezug auf Richtung, Buchstabenverbindung, Verteilung der Haar- und Druckstriche und Ausbildung der Ober- und Unterlängen. Seit dem Ende des 3.Jh. ist die römische Kursive als Vierzeilenschrift anzusprechen, in der die Oberlängen von b, d, h, i, 1, und die Unterlängen von g, p, q das Schriftbild bestimmen. Man pflegt diese Vierzeilenschrift mit ihren schmalen Buchstaben seit etwa 300 als JÜNGERE RÖMISCHE KURSIVE (Minuskelkursive) zu bezeichnen. Gegenüber der neuerdings aufgestellten These einer Entstehung dieser Kursive aus der Halbunziale (s. u.) ist doch wohl an der organischen Ableitung aus der älteren, zweizeiligen (Majuskel-) Kursive festzuhalten. Diese lebte übrigens in der Kanzlei der römischen Kaiser, als einleitende Auszeichnungsschrift in den Protokollen der Gesta municipalia und in den als Zahlzeichen verwendeten Buchstaben D, L, M weiter. Im 4.Jh., als Kaiser Konstantin mit der Neugründung einer Kaiserresidenz am Bosporus den Grundstein für das tausendjährige byzantinische Rhomäerreich legte, als der Osten und Westen des Imperium Romanum in Verwaltung und Kultur sich noch enger verflochten als vordem, beginnt die merkliche gegenseitige Beeinflussung von griechischer und lateinischer Kursive, die auch noch in den beiden folgenden Jahrhunderten mit Händen zu greifen ist. Lateinisches b, d, h (dieses für h) und n dringen in die griechische Kursive ein. Die Formen der Vokale a, e, i, o und die Ligatur ei zeigen weitgehende Ubereinstimmung in beiden Alphabeten. Gleiche Form bei verschiedener Bedeutung haben griech. g und lat. r, griech. r und lat. p, griech. up, un und lat. m, manchmal griech. t und lat. r. Die von DEVREESSE als Charakteristikum süditalienischer Handschriften der mittelbyzantinischen Zeit herausgestellte «Pique-As-Form» der Ligatur Epsilon-Rho ... ist schon der frühbyzantinischen Kursive vertraut und deckt sich formal mit der lateinischen Ligatur ep. Die Zahl der Ligaturen von zwei bis drei Buchstaben steigt in diesen Jahrhunderten sowohl in der byzantinischen wie in der römischen Kursive. Trotz verblüffender Ähnlichkeit der griechischen und lateinischen Kursive in den frühbyzantinischen Jahrhunderten dürfen die stets vorhandenen wichtigen Unterschiede, die bei näherem Zusehen zutage treten, nicht verschwiegen werden: So hielten die Schreiber die Buchstaben f und f, I und l, m und m, s und s stets streng auseinander. Unsere Kenntnis der jüngeren römischen Kursive beruht auf den rund 120 einschlägigen Papyri aus Ägypten und etwa halb so vielen lateinischen Papyri italischer, fast durchweg ravennatischer Provenienz ....

Gegenübe4r den aus der Welt der Inschriften stammenden strengen Buchstabenformen der nicht ligierten Capitalis, in der runde und eckige Buchstaben einander ungefähr die Waage halten, bedeutet eine andere lateinische Buchschrift, die UNZIALE, einen Schritt in der Richtung auf das Vorherrschen der Rundungen und der gefälligen, fließender Schrift entgegenkommenden Formen. Einfluß der Kursive ist spürbar, jedenfalls aus einer Zeit, da man noch nicht von Minuskelkursive sprechen konnte. Wir dürfen die Entstehung dieser wichtigen Buchschrift ... wohl in das 3.Jh. setzen, als die römische Kursive noch mehr oder weniger Zweizeilenschrift war und in einer gewissen, aber beschränkten Analogie aus dem griechischen Strengen Stil der unziale Bibelstil entstand. Die Tendenz zur Rundung gegenüber der Capitalis tritt in den unzialen Leitbuchstaben A, D, E, G, H, M, Q und U deutlich hervor. Nur B und R sind rein aus der Capitalis übernommen. Wie der griechische Bibelstil scheint die römische Unziale mit Vorliebe von den Christen für ihre heiligen Schriften verwendet worden zu sein. Es ist zu beachten, daß in Ost und West das Vordringen der Unziale offenbar mit dem Siegeszug des Pergament-Kodex Hand in Hand ging. Auf dem europäischen Festland verfolgen wir die Verwendung der unzialen Buchschrift - Evangeliare sind fast durchweg in Unziale geschrieben - bis ins 8.Jh. hinein, finden sie aber auch, zum Teil in hervorragenden Vertretern (Cod. Amiatinus!) in theologischen Handschriften Englands. Bis zum Ende des 8.Jh. sind rund 400 Pergament-Kodizes in Unziale bekannt ... . Als besonders berühmte frühe Stücke seien der aus dem 4.Jh. stammende Palimpsest von Cicero, De republica (Vat. lat. 5757), der Veroneser Palimpsest des Juristen Gaius (5.Jh.) und die Quedlinburger Itala-Fragmente (4.Jh., Berlin, Staatsbibl. theol. lat. 20gg 485) hervorgehoben. In karolingischer Zeit wurde die Unziale, die im Laufe der Jahrhunderte teilweise entartet war, erneuert und nicht nur als Auszeichnungsschrift, sondern auch als Textschrift in liturgischen Handschriften herangezogen.

Eine nicht minder wichtige Rolle als Buchschrift spielte die seit dem 4.Jh. auftretende HALBUNZIALE, die sich durch die Übernahme vieler Minuskelformen in das unziale Alphabet auszeichnet. Schon früher hatte eine nur in wenigcn Schriftproben bezeugte archaische Unziale die kursiven Formen von b, d und r übernommen (sog. bd-Unziale). Die Halbunziale jedoch gibt sich durch die Oberlängen von b, d, h, 1 und die Unterlängen von f, p, q als richtige Vierzeilenschrift. a erhält eine charakteristische Form, die nebeneinandergesetztem cc bzw. ci ähnelt. g wird unzial, aber auch kursiv ... geschrieben. Ein neues r läßt seinen Bogen (ohne Schwanz) manchmal fast bis zur Grundlinie herabreichen .... Neben Majuskel-S findet sich sehr häufig eine Minuskelform, mit r leicht zu verwechseln, aus der später langes s hervorgehen sollte. Nur N behält noch lange Zeit auch in der Halbunziale seine Majuskelgestalt. Häufig treffen wir in der Halbunziale auf die aus der griechischen Buchschrift bekannten Scheinligaturen, die durch unmittelbares Nebeneinandersetzen zweier Buchstaben und durch künstliche Verbindungsstriche - hier besonders beliebt die vorgestreckte Zunge des e - zustande kommen. Aus der Bezeichnung 'littetae Africanae' und der Provenienz des ältesten (indirekt) datierten Halbunzial-Kodex, des vatikanischen Hilarius (vor 510 geschrieben: St. Peter D182), könnte man auf afrikanische Herkunft der ganzen Schriftart schließen. Die Österreichische Nationalbibliothek besitzt einen berühmten Papyrus-Kodex in Halbunziale (Cod. 2160*: Hilarius, De trinitate, 6.Jh., ...). Wir kennen allerdings nur wenige Orte, an denen die Halbunziale, die übrigens bis ins 8.Jh., als Auszeichnungsschrift noch bis ins 9.Jh. fortlebte, die mit ihr als Buchschrift rivalisierende Unziale verdrängen konnte; hierher gehören Ravenna, Verona und Corbie. Trotzdem sollte die Halbunziale für die weitere Geschichte der lateinischen Schrift von größter Bedeutung werden. Denn aus ihr und aus der römischen Kursive entwickelten sich jene Schriftarten der vorkarolingischen Zeit, die nach dem Verschwinden des Imperium Romanum im Westen, von verschiedenen Ländern ausgehend, eine für die Über lieferung der antiken christlichen und heidnischen Literatur tragfähige Brücke auch über die sog. «dunklen Jahrhunderte» (7. und 8.Jh.) zur karolingischen Minuskel hin schufen. Man pflegte diese vorkarolingischen Schriftarten, die irisch-angelsächsische, die merowingische, die westgotische und verschiedene Zwischenstufen und Übergangsformen wie die langobardische und die Schrift von Bobbio einst als Nationalschriften zu bezeichnen. Da man aber in diesen frühmittelalterlichen Jahrhunderten weder von Nationen sprechen kann noch auch dieselbe Schriftart für ganze Länder oder Provinzen maßgebend blieb, ist man von diesem Ausdruck wieder abgegangen. Einmal machen sich in den vorkarolingischen Schriften die verschiedensten gegenseitigen Beeinflussungen und Querverbindungen geltend, zum zweiten sind es in steigendem Maße einzelne Schreibschulen, und zwar durchweg Klöster, von denen ein Schriftwollen ausging, das zur Bildung eines bestimmten Stils führte.

Ein besonderes Problem stellt sich uns hei der Betrachtung der im angelsächsisch-irischen Raum gebräuchlichen Schriftformen. Noch bis vor kurzem galt es als communis opinio, daß Irland im Verlauf seiner Missionierung in verhältnismäßig kurzer Zeit eine kulturelle Blüte erleben konnte, der u. a. bedeutende Denkmäler insularer Buchmalerei wie die Evangeliare von Durrow, Durham und Kells ihre Entstehung direkt oder indirekt zu verdanken hätten. Dabei datierte man diese Handschriften in das frühe 7. oder gar noch in das 6.Jh. So ergab sich die Vorstellung von dem späteren fruchtbaren Einfluß dieser schon frühzeitig entwickelten irischen Buchkunst auf die angelsächsischen Buchmaler und Schreiber. Seit sich aber herausstellte, daß diese Handschriften durchweg dem 8.Jh. angehören und somit keineswegs älter als die angelsächsischen Evangeliare von Lindisfarne und Echternach (Paris. lat. 9389) sind, wurde der These einer eigenständigen, uralten irischen Buchmalerei und Schreibkunst der Boden entzogen (F. MASAT). Man wird also auch gut tun, die aus der römischen Halbunziale entwickelte INSULARE HALBUNZIALE nicht mehr wie bisher künstlich in eine irische und angelsächsische Halbunziale zu trennen. In dieser Schrift treten die Buchstaben d, r und s in unzialer und halbunzialer Schreibung nebeneinander auf, Minuskeln steht nebem unzialem n. Die Oberlängen von b, d, h, 1 sind kurz, gedrungen und spachtelförmig, bei h und 1 merkwürdig ausgebuchtet. Die Buchstaben drängen sich wie die Glieder einer Kette aneinander .... Für angelsächsisches th erhält das d in seiner Oberlänge einen Querstrich ...; ferner wird die Rune in die angelsächsische Schrift übernommen. Ein häufiges Mittel der Verzierung sind feine, farbige Punktsäume, die zumeist ganze Buchstaben umgeben. Die Initialen weisen mit Vorliebe Flechtwerkmuster auf; nicht selten begegnen uns auch Lebewesen, Tiere und Menschen als ornamentale Motive (zoomorphe Initialen). Die berühmteste aller irischen Handschriften, in der dieser Stil in höchster Vollendung vorliegt, ist das Book of Kells (jetzt in Dublin befindliches Evangeliar aus der Zeit um 800).

Neben dieser breiten ornamentalen Halbunziale beobachten wir eine ganz anders geartete INSULARE MINUSKEL, eine ausgesprochene Spitzschrift mit schmalen, spießigen Formen, die an die Zähne eines Kammes erinnern, und mit einem oben spitz geschlossenen a. g zeigt halhunziale Form..., r hat eine große Unterlange und ähnelt dem langen s ..., dessen Bogen sich aber nicht mehr wie beim r nach oben wendet .... Die nach unten dünner werdenden, spitzen Unterlängen geben der Schrift ihr charakteristisches Gepräge. Dazu trägt ein bestimmter Federschnitt und die Federhaltung - Ellbogen vom Körper weit abgewinkelt - bei. Die Schrift steht senkrecht, ist gelegentlich eher links geneigt, zeigt scharfe Spitzen und kantige Konturen sowie keilförmig ansetzende Oberlängen. Diese sehr platzsparende Schrift, die man gerne als irische Minuskel bezeichnet, eignet sich trefflich für Glossen und Marginalien aller Art, wo sie manchmal in richtigen Zwergformen auftritt. Viele Kodizes sind aber auch zur Gänze in dieser an Kürzungen und Ligaturen reichen Schrift geschrieben, die sich bis ins hohe Mittelalter (12.Jh.) erhalten konnte. Da die Grenze zwischen dieser «irischen» und einer «angelsächsischen» Minuskel oft kaum zu ziehen ist, empfiehlt es sich auch hier, von 'insularer Minuskel' zu sprechen.

Auf englischem Boden lassen sich verschiedene Lokaltraditionen feststellen, die in den festländischen Klostergründungen und Skriptorien angelsächsischer Missionare fortwirkten. So lebt der nordhumbrische Stil im 8.Jh. im Kloster Echternach (gegründet vom hl. \Villibrord), der südenglische hingegen im Missionsgebiet des hl. Bonifatius (Mainfranken, Hessen), besonders in dem von ihm gegründeten Kloster Fulda bis in die Mitte des 9.Jh. weiter. Ebenso stark ist der insulare Einfluß in den Handschriften kontinentaler Klöster mit irischer Gründertraditionen wie Luxeuil (Burgund) und Bobbio (bei Piacenza; beide vom hl. Kolumban gegründet), St. Gallen und in dem vom hl. Kilian missionierten Frankenland. Aber auch an vielen anderen Orten wie Salzburg, der Reichenau, Fulda, Regensburg und Mainz können wir insularen Einfluß zum Teil noch bis ins späte 11.Jh. nachweisen.

Im Westen des alten Imperium Romanum, auf der Iberischen Halbinsel, herrschten vom letzten Viertel des 5.Jh. his zur Eroberung Spaniens durch die Araber (711) die Westgoten. Noch lebte spätantike, römische Kultur in diesem Germanenreich weiter, wie allein schon die 'Etymologiae', die umfangreiche Enzyklopädie des gelehrten Isidor von Sevilla (gest. 636), beweisen. Hier kannte und pflegte man, in den Klöstern des Nordens auch nach dem Arabersturm, neben der lateinischen Unziale die Halbunziale und die Kursive. Seit etwa 700 erhielt sowohl die Buchschrift als auch die Kursive in Spanien ein eigenes Gepräge, so daß wir von spanischer bzw. WESTGOTISCHER MINUSKEL sprechen können. Charakteristisch für diese ist die Einhaltung der Senkrechten bei gelegentlicher Linksneigung und die starke Ausdehnung der an sich nicht sehr häufigen Ober- und Unterlängen. a ist oben offen, g besteht aus einem nach rechts offenen Kreis mit säbelförmiger Unterlange, und t zieht seinen Querbalken in einem Bogen bis auf die Grundlinie und schließt ihn an seine Haste an, so daß es einem geschlossenen a ähnelt .... Im 10.Jh. trat als Konkurrenz zu dieser westgotischen Schrift auf spanischem Boden bereits die fränkische Minuskel auf, die seit dem 11. Jh. immer mehr vorherrschend wurde. Andrerseits drang die spanische Schrift in manchen Fällen im 8.Jh. bis tief nach Frankreich und Italien (Lucca) vor.

Auch in diesen Ländern beobachten wir in den vorkarolingischen Jahrhunderten verschiedene Stilisierungsversuche gegenüber der römischen Halbunziale bzw. der Kursive. Man hatte sich seit Mabillon daran gewöhnt, diese vorkarolingische Schrift in Frankreich als merowingisch, in Italien als langobardisch zu bezeichnen. Wir wissen heute, daß diese Termini eine unzulässige Vereinfachung des paläographischen Sachverhalts insinuieren. Zwar beobachten wir in den Urkunden aus der Kanzlei der merowingischen Könige und der fränkischen Hausmeier ein Streben nach einer bestimmten Stilisierung, die sich in aufrechtstehender, eng zusammengedrückter Schrift mit markanten Ober- und Unterlängen, in auffälligen Ligaturen, z.B. von t und e, in der 8-Form des e und dem oben offenen a ausdrückt. Allein, diese Urkundenschrift wurde auch für literarische Texte - zumeist mit deutlicher Milderung der kursiven Elemente - verwendet. Sie weist in verschiedenen Skriptorien verschiedene zusätzliche Merkmale auf, die uns - um nur die wichtigsten zu nennen - den EN-Typ von Corbie, den az-Typ von Laon und den früher fälschlich als Typ von Luxeuil bezeichneten (besonders schlank stilisierte Halbkursive, vor allem 1. Hälfte des 8.Jh., ...), unterscheiden lassen. In der Schreibschule von Corbie wurde in der 2. Hälfte des 8.Jh. und noch bis ins 9.Jh. hinein eine nach dem Vorbild der merowingischen Königskanzlei geprägte Urkundenschrift als Buchschrift gepflegt (sog. ab-Typ,...). So ist also schon auf fränkischem, nicht minder aber auf deutschem und italischem Boden eine ganze Reihe von besonders stilisierten Schriftarten festzustellen, bei denen sich auch der insulate Einfluß bald mehr, bald weniger bemerkbar macht.

Aus dem Italien Theoderichs (493-526) ist außer dem berühmten, vermutlich für den König selbst geschriebenen Codex Argenteus (gotische Bibelübersetzung des Bischos Ulfila auf Purpurpergament, heute in Uppsala) nur wenig erhalten, das von dem gotischen Schriftwesen der Zeit Zeugnis ablegen würde. Im Zuge der langobardischen Eroberung wurden offenbar auch die meisten Schriftdenkmäler der vorangehenden Epoche vernichtet. Auch von der päpstlichen KURIALE, einer nach dem Vorbild der byzantinischen Kanzleischrift stilisierten Kursive mit Neigung zu runden, bauchigen Formen, haben wir Zeugnisse erst aus dem letzten Viertel des 8.Jh. Mit starkem Konservativismus hielt die Kuriale an den einmal geprägten Formen einer Kanzleikursive fest, so daß sich die Minuskel erst gegen Ende des 11.Jh. in den Papsturkunden durchsetzen konnte. Die ravennatische Kursive des 6. und 7.Jh. ist uns aus den oben erwähnten Papyrusurkunden hinlänglich bekannt.

Die Langobarden selbst versuchten, ihre eigenen Urkunden im Anschluß an das römische Urkundenwesen zu gestalten. Beispiele einer langobardischen Kursive kennen wir aus Originalurkunden seit dem frühen 8.Jh. Nicht leicht kann man die Bedeutung des 614 gegründeten Klosters Bohbio überschätzen, dessen Sehreibermönche, vielfach irischer Abkunft, durch mehrere Generationen im 7. und 8.Jh. zahlreiche wichtige Handschriften in mancherlei Misch- und Übergangsformen zwischen irischir und festländischer Halhunziale bzw. Kursive schrieben. Zeugnisse der Schreibkunst von Bobbio finden sieh heute noch in vielen Bibliotheken Europas. Dieses Zentrum gelehrten Schriftwesens strahlte auch auf den übrigen langobardisehen Raum aus. Aber auch in Verona, Lucca und anderen Orten Ober- und Mittelitaliens sind vor-karolingische Schreibschulen festzustellen; mit dem Vordringen der karolingischen Minuskel verloren sie allerdings schnell ihre Bedeutung. Nur in Unteritalien konnte das 529 gegründete Mutterkloster des Benediktinerordens, Monte Cassino, einer besonderen Ausprägung der süditalischen Halbkursive des späten 8.Jh. in weiten Gebieten Geltung verschaffen. Diese sog. BENEVENTANJSCHE SCHRIFT ... erlebte im 10. his 12.Jh. ihre Blütezeit und wurde erst spät von der gotischen Minuskel verdrängt. Besondere Merkmale der Beneventana sind dicke, gedrungene, in guten Handschriften regelmäßige Schriftformen, die infolge der breit geschnittenen Federn einen deutlichen Gegensatz von Haar- und Druckstrichen aufweisen. Ober- und Unterlängen sind maßvoll ausgedehnt, die Oberlängen manchmal keulenförmig verdickt. Die Kleinbuchstaben i, m, n und u zeigen auffallende Brechungen ihrer Schäfte, wie sie auch in der gotischen Minuskel üblich wurden. Auch für die Rundbuchstaben verwandelt sich die kreisähnliche Grundform in einen Rhombus. Dies gilt sogar für die Interpunktionszeichen. e, das mit seinem Oberteil über die obere Zeile reicht und die Zunge herausstreckt, erinnert in etwa an das Epsilon der älteren griechischen Minuskel. a scheint aus zwei c zu bestehen, t zieht den Querbalken in einem Bogen auf die Grundlinie herab.

Aus dem Vorangegangenen ergibt sich, daß die lateinischen Handschriften der vorkarolingischen Jahrhunderte auf dem europäischen Festland wie auf den Inseln England und Irland eine bunte Vielfalt von Stilisierungen im Bereich zwischen Halbunziale und Halbkursive aufweisen. Dabei erreichen in der Regel hochbegabte Schreiber sowie Skriptorien mit guter Tradition markantere Stilisierungen mit größerer Verdichtung der Schrift, kühneren Ligaturen und Kürzungen als Klöster ohne ausgeprägtes Schriftwollen mit Schreibern geringerer Gewandtheit. Diese sind vielmehr Pflegestätten einer einfacheren, aber auch schwungloseren, ästhetisch weniger befriedigenden Schrift, die durch das Zurücktreten der Ligaturen und Kürzungen leichter lesbar wird. Solche Art zu schreiben weist bereits den Weg von den vorkarolingischen Stilisierungen zur karolingischen Minuskel. Die Vorstufen der karolingischen Schriftreform, die völlig ungelenkte Ausbildung einer von Ligaturen fast völlig freien FRÜHMINUSKEL um die Mitte und in der 2. Hälfte des 8.Jh. ist ein interessanter Vorgang, der in der Geschichte der griechischen Schrift im allmählichen Übergang von der spätyzantinischen Kursive zur Buchminuskel eine gewisse Parallele hat. Im Osten scheint sich dieser Vorgang über längere Zeit hin zu erstrecken, finden wir doch fast ligaturen- und kürzungsfreie Vierzeilenschrift mit minuskelähnlichen Buchstabenformen schon in Papyri des frühen 7.Jh.! Eine wichtige Schreibschule, die mit einer solchen Frühminuskel die spätere Entwicklung gleichsam vorwegnahm, war St. Martin in Tours, in dessen Handschriften bereits um 750 das charakteristische kleine unziale a der karolingischen Minuskel neben die alte cc-Form trat. Auch im alemannischen Raum ist schon um die Jahrhundertmitte eine derartige Frühminuskel festzustellen, die sich in St. Gallen, in der Reichenau und Konstanz bis in die Jahre Ludwigs des Frommen halten konnte. Um die Mitte des 8.Jh. lebte auch noch die Halbunziale, abgesehen von wenigen vermischten Schriftproben, in reinen Wiedergaben weiter, wenngleich die neue Entwicklung der Minuskel für die Halhunziale auf die Dauer verhängnisvoll werden mußte. An dem sog. Maurdramnus-Typ von Corhie - dem frühesten Beispiel karolingischer Minuskel (vor 780, dem Todesjahr des Abtes Maurdramnus) - kann man den bewußten Schritt von der Halbunziale zur Minuskel in der planmäßigen Ersetzung der halbunzialen Formen von a, g und n durch die entsprechenden Minuskelformen verfolgen .... Was in diesem Fall der überlegte Schritt eines hochstehenden Schreibers war, konnte durch Verbindungen der Klöster untereinander, durch Austausch und Versendung von Schreibermönchen, durch Neugründungen von Klöstern usw. auch eine gewisse Breitenwirkung erzielen.

Mit den Jahrzehnten um 800, d. h. mit der Regierungszeit Karls des Großen, hat für die weitere Entwicklung der lateinischen Schrift im Mittelalter die entscheidende Stunde geschlagen. Zwar können wir es ebensowenig wie bei der Säuberung der griechischen Minuskel im 15.Jh. exakt beweisen, daß eine Schriftreform angeordnet und durchgeführt wurde. Aber hier wie dort kennen wir eine Fülle von Handschriften, die an sich schon eine deutliche, klare Sprache sprechen. Es ist ja nur zu verständlich, daß ein Herrscher, der sich nicht mit der Gründung und politischen Sicherung eines Großreichs begnügte, sondern auch der Kultur dieses Reichs größte Aufmerksamkeit zuwandte, der selbst noch im höheren Alter schreiben lernte, für die Schrift und ihre Formen sehr aufgeschlossen war. Wir besitzen noch eine Reihe von Prachthandschriften, die aus der Hofschule Karls hervorgingen und deren Miniaturen der nach Karls angeblicher Schwester Ada benannten Schule von Buchmalern entstammen. Hierher gehören der Trierer Codex aureus (Ada-Evangeliar), das Godescale-Evangelistar (Paris. lat., nouv. acq. 1203), das Evangeliar der Pariser Arsenalbibliothek (Nr. 599) und der Goldene Psalter (Dagulf-Psalter) in der Österreichischen Nationalbibliothek (Cod. 1861, ...). An diesen Kodizes, die in Nachahmung byzantinischer imperialer Prunkhandschriften, teils durchlaufend, teils vereinzelt, Gold- und Silberschrift auf Purpurpergament aufweisen, kann man die zweifache Tendenz der karolingischen Schriftreform ablesen. Einerseits versuchte man mit der Wiederbelebung der antiken Literatur im Rahmen der sog. karolingischen Renaissance auch die alten lateinischen Buchschriften, die Capitalis, die Unziale und Halbunziale, nicht nur als Auszeichnungsschriften, zu neuem Leben zu erwecken. Diesen archaisierenden Tendenzen war nur ein zeitlich begrenzter Erfolg beschieden, der über das 10.Jh. kaum hinausreichte.

Andrerseits sollte eine gut lesbare, einheitlich stilisierte Minuskel geschaffen werden, die dem Ideal einer Vierzeilenschrift besser entsprach als die Halhunziale, von den Kürzungen und Ligaturen der Halbkursive frei war und im ganzen gefällige Proportionen zu einem ästhetisch befriedigenden Schriftbild verband. So präsentiert sich uns die KAROLINGISCHE MINUSKEL als eine Buchschrift hohen Ranges, in der auch die Buchstaben a, g, n dem Minuskelalphabet angepaßt sind und ähnlich wie hei der griechischen Perlschrift ein idealer Ausgleich von Rundungen und Geraden erzielt werden konnte. Das oben erwähnte Godescale-Evangelistar ist in wiederbelebter Unziale, die Überschriften in Capitalis zwischen 781 und 783 geschrieben, enthält aber auch ein Widmungsgedicht in karolingischer Minuskel von der Hand des Schreibers Godescale. Der Goldene Psalter wiederum weist charakteristische Überschriften und Initialen in Capitalis und Unziale auf, während der Text selbst, noch vor 795, von Daguif in karolingischer Minuskel geschrieben wurde.

Das Durchdringen der neuen, gereinigten Minuskel war ein Prozeß, der sich über viele Jahrzehnte erstreckte und bei weitem nicht in allen Schreibschulen mit derselben Intensität und zu gleicher Zeit einsetzte. So bewahrten viele Skriptorien ihre lokalen Eigentümlichkeiten bis in das 2.Jahrzehnt des 9.Jh.; das gilt von der Maurdramnus-Minuskel in Corbie, von der alemannischen Minuskel in St. Gallen, in der Reichenau und Konstanz, von der frühkarolingischen Minuskel von Verona, Lorsch, Metz u. a. Für die Vereinheitlichung des Schriftcharakters in den klösterlichen Schreibschulen des Frankenreichs scheint Tours, wo man schon um 750 eine ligaturenfreie Frühminuskel schrieb, in der 1. Hälfte des 9.Jh. propagandistisch gewirkt zu haben, was man aus der Versendung von Musterbibeln an verschiedene Kirchen und Klöster erschließen kann. Im übrigen ist die frühkarolingische Zeit bis zur Mitte des 9.Jh. durch große Schreibfreudigkeit und eine hohe Buchkultur ausgezeichnet. Die in relativ großer Zahl erhaltenen Handschriften aus diesen Jahrzehnten gestatten es den Paläographen, sich über manche Schulstile wie die von St. Gallen, Regensburg, Freising, Salzburg, Köln, Mainz, Lorsch, Fulda, Würzburg, Bobbio, Verona, Tours, Corbie, Fleury, St. Amand, Reims, St. Denis und Lyon ein ziemlich genaues Bild zu machen.

Die Vorherrschaft der karolingischen Minuskel und die verhältnismäßige Einheitlichkeit des Schriftbildes im ganzen Frankenreich um die Mitte des 9.Jh. wurde durch die Teilungen und den allmählichen Zerfall des Reiches nicht gefährdet. Zu einer Aufgliederung der karolingischen Minuskel nach provinziellen Stilarten kam es jedenfalls nicht mehr. Die kirchlich-lateinische Kultur dieser Zeit ruhte auf dem festen Fundament der Klöster, die im Osten und Südosten weite Randgebiete dem Christentum, der abendländischen Kultur und damit auch der lateinischen Minuskelschrift erschlossen. Klösterliche Reformbewegungen im 10. und 11.Jh. erweiterten den Einflußbereich der karolingischen Minuskel nach England (Einwirkung von Fleury) und Spanien (Rom und Cluny). Bei oberflächlicher Betrachtung scheint sich am Bild der lateinischen Minuskel vom 9. bis 12.Jh. nur wenig zu ändern. Sieht man näher zu, so erkennt man freilich eine Reihe von wechselnden Einzelheiten, die sich aber oft zeitlich und schon gar örtlich schwer festlegen lassen. Zunächst zeigt sich, daß das von Schwung und Harmonie geprägte Bild der karolingischen Minuskel seit der 2. Hälfte des 9.Jh. einer gewissen Erstarrung und Verkrampfung anheimfällt. Die Bögen mancher Buchstaben wie h und m werden gebrochen, Ansatzstriche bei i, m, n treten auf, die wenigen Ligaturen machen den Schreibern Schwierigkeiten. Der fließende Duktus der frühkarolingischen Zeit macht weithin einem unausgeglichenen, ungeschickten Zusammensetzen der Buchstaben Platz. Gewiß war das 10.Jh. mit dem Ungarnsturm für den deutschen Süden und Südosten eine Zeit schwerer Prüfungen, und in Bayern mußten abgerissene Traditionen wieder neu aufgenommen werden. Das gilt aber nicht für das Rheinland und die alemannischen Klöster, wo im späten 10. und frühen 11.Jh. die berühmten Schulen der Reichenau, von Trier und Köln ihre Meisterwerke der Buchmalerei oft mit einer schweren, gedrungenen, wenig eleganten Schrift ausstatten. Manche Schriften dieser Jahrzehnte fallen durch knotenartige Ansätze von f, i, m, n, p, r, langem s und u auf (z. B. Froumund von Tegernsee).

Gegenüber der Unausgeglichenheit und dem geringen Stilisierungsvermögen so vieler Hände des 10.Jh. beobachten wir in der 1. Hälfte des 11.Jh. allenthalben in Deutschland eine von bewußtem Schriftwollen und hohem Können geprägte Schreibweise, die in klugem Maßhalten zwischen fülligen und mageren Formen einen Kanon auf der Grundform eines schräg stehenden Ovals aufbaut. In Süddeutschland und Österreich, wo im 11.Jh. eine große Zahl eleganter Kodizes in diesem SCHRÄGOVALEN STIL (B. BISCHOFF, ...) entstand (z. B.das Uta-Evangeliar aus Regensburg), können wir seine Ausläufer vereinzelt noch bis ins 13.Jh. verfolgen. Im Westen und Nordwesten Deutschlands hingegen scheint dieser Stil weniger Boden gewonnen zu haben.

Wie bereits oben erwähnt, setzten sich manche Neuerungen der Minuskel nur allmählich, in manchen Gebieten erst sehr spät durch. Im allgemeinen ist der Anstoß zur Erneuerung der Schrift von Westfrankreich (Tours) ausgegangen und hat wellenförmig nach Osten weitergewirkt. So sehen wir gewisse Veränderungen an Einzelbuchstaben in deutschen Skriptorien durchschnittlich später auftreten als in französischen. Das alte, offene a verschwindet im 10.Jh. und macht endgültig dem unzialen a Platz, das Majuskel-N wird von der Minuskelform verdrängt. Dafür sind rundes, unziales d und spitzes v seit dem 11.Jh. auch im Wortinnern gang und gäbe, und w - früher durch uu wiedergegeben - erhält im 11.Jh. seine vv-Form. Seit der Wende des 11. zum 12.Jh. finden wir ii zur Unterscheidung von u mit 2 Strichen versehen ..., rundes s tritt am Wortende, zunächst hochgestellt in der Ligatur vs (= us), auf; bald erscheint es auch im Wortinnern. Das gerade d tritt vor dem runden im 12.Jh. immer mehr zurück. Die keulenförmig verdickten Oberlängen, welche die karolingische Minuskel als Erbstück kursiver Schreibweise noch im 8. und 9.Jh. charakterisieren, werden bereits im 10.Jh. schmal und kürzer. Aus der gelegentlichen Verstärkung dieser Oberlängen durch einen zweiten Ansatz, die wir aus der insularen Schrift kennen, scheint die Gabelung der Oberlängen entstanden zu sein, die in den Handschriften - von frühen Einzelfällen abgesehen - etwa ab 1100 auftritt und im 12.Jh.. weite Verbreitung findet. Das schon in vorkarolingischer Schrift nicht seltene e mit Schwanz für den Diphtong ae (e caudata) setzt sich im 10. und 11.Jh. restlos durch, um später durch einfaches e ersetzt zu werden. Im allgemeinen zeigt sich im 11. und besonders im 12.Jh. die Tendenz, die Schrift mehr hoch als breit zu gestalten. Die Buchstaben rücken näher aneinander, und bauchige Formen werden nun schmäler. So kommt es, daß auch der in älterer karolingischer Minuskel stark schräg gestellte Strich des kleinen unzialen a sich nun immer mehr aufrichtet und schließlich fast senkrecht ausgeführt wird (im 12.Jh. schon die Regel). Die Worttrennung setzt sich im allgemeinen während des 10. bis 12.Jh. immer mehr durch ....

Auch die Schrift der Urkunden blieb in diesen Jahrhunderten nicht unverändert. Während die frühkarolingische Kanzleischrift die Schrift merowingischer Königsurkunden im wesentlichen übernahm und nur durch eine gewisse Glättung und Milderung extremer Formen eleganter gestaltete, beobachten wir einen deutlichen Bruch mit der Tradition seit dem Auftreten des Notars Hebarhard (ab 859) in der Königskanzlei. Einerseits bilden von nun ab vornehmlich die Buchstabenformen der karolingischen Minuskel die Grundlage der Schrift (DIPLOMATISCHE MINUSKEL), andrerseits verleihen ihr gewisse Sonderformen wie altes, offenes a, langes r, überhöhtes e, phantastisch hochgezogenes c und p, vor allem aber die oft 10- bis 12mal die Höhe der Durchschnittsbuchstaben überragenden Oberlängen ein apartes Gepräge. Nimmt man noch die aus der spätantiken, römischen bzw. frühbyzantinischen griechischen Kanzleischrift abgeleitete gitterförmige Auszeichnungsschrift der Intitulations-, Signum- und Rekognitionszeilen hinzu, so bilden diese spätkarolingischen, die ottonischen und salischen Kaiserurkunden in paläographischer Hinsicht mutatis mutandis ein passendes Gegenstück zu den Kaiserurkunden der mittelbyzantinischen Zeit.

Ein buntes, in seiner Vielfalt oft verwirrendes Bild bietet die Geschichte der gotischen Schriftarten vom 12. bis zum 15.Jh. Die Bezeichnung «gotisch» ging von den italienischen Humanisten des 15.Jh. aus, die wie in der ('gotischen' Architektur und Plastik auch in der « gotischen» Schrift im Vergleich zu den klaren Formen der Antike etwas Abscheuliches und Barbarisches sahen, das sie mit dem Namen jenes verhaßten Germanenvolkes belegten, das einst in der Spätantike das Erbe des Weströmischen Reiches angetreten hatte. Trotz zahlreicher Übergangs- und Zwischenformen empfiehlt es sich, eine GOTISCHE BUCHSCHRIFT oder TEXTURA von der gotischen Kursive (Notula und Bastarda) getrennt zu behandeln.

Wie man in der Herrschaft der Unziale und Halbunziale sowie in den vielfach runden Formen der frühkarolingischen Minuskel eine Parallele zu den Elementen zeitgenössischer romanischer Baukunst sehen kann, so scheint die im 11.Jh. in Nordfrankreich aufkommende gotische Architektur sich in einem neuen Stilisierungsprozeß in der Schrift seit der Jahrhundertmitte zu spiegeln. Die Brechung der Schäfte, die wir schon in der Beneventana der vorangehenden Jahrhunderte beobachten konnten, tritt nun in einer länglichen nordfranzösischen Schriftart offen zutage. Dazu kommen die in Winkeln ansetzenden feinen An- und Abstriche der Kleinbuchstaben, die in englischen Handschriften des 12.Jh. oft eine Milderung in Richtung auf abgerundete Formen hin erfahren. Übrigens dürfte der Übergang von der früher allein gebrauchten Rohrfeder (calamus) zu gut geschnittenen Vogelfedern die Ausbildung der gotischen Buchschrift erst ermöglicht haben. Grundsätzlich sind in der gotischen Schrift alle Buchstaben, auch das a, gerade aufgerichtet und stehen mit wenigen Ausnahmen (g, j, p, q, y) auf der Grundlinie. Dabei werden in der gotischen Buchschrift die unteren Enden der Schäfte umgebrochen oder durch Verbindungsstriche an die Nachbarbuch-staben angeschlossen. Grundform der Buchstaben ist das Viereck (vor allem Rechteck und Parallelogramm). Ein weiterer Grundsatz der Textura, die nach den Anfängen im 11. und 12.Jh. ihre Vollendung im 13. und 14.Jh. erfährt, ist die enge Aneinanderrückung benachbarter Bögen, so bei be, da, de, do, ho, pe, po, ob, oc, og, oq u. a., wobei eine teilweise Überschneidung der Buchstabenkörper zusammen mit der gleichmäßigen Ausführung der dicken Schäfte, der Betonung der Zweizeiligkeit und der deutlichen Unterscheidung von Haar- und Druckstrichen die Schrift einem Gewebe ähnlich erscheinen läßt. Um ein möglichst geschlossenes Schriftbild zu erreichen, geht man in der Textura dazu über, das aus der alten Ligatur or bekannte runde r nunmehr auch an andere Buchstaben wie b, rundes (unziales) d, h, p, v, y anzuschließen .... Bei verhältnismäßiger Einheitlichkeit der gotischen Buchschrift in ihren Grundzügen im 13./14.Jh. in Mittel- und Westeuropa bleibt verschiedenen Stilisierungsabsichten in bezug auf die Dichte der Schrift, auf die mehr oder weniger große Scharfkantigkeit im Ansatz der Haarstriche und auf den Grad der Vermeidung von runden Formen eine ziemlich große Variationsbreite gewahrt. So bildet sich in Italien, dessen Gotik überhaupt sui generis ist, in der sog. ROTUNDA eine gotische Buchschrift des 13./14.Jh. aus, die manche Extreme der nordischen Schreibweise abschleift: Die starken Brechungen sind sichtlich abgeschwächt, trotz Betonung der Senkrechten gehen die Buchstaben mehr in die Breite, die An- und Abstriche sind verschwunden, zweistöckiges a wird mit kleiner unterer Schlinge geschrieben. Nach den zahlreichen juristischen Handschriften der damals führenden Universität Bologna wird diese Rotunda auch als littera Beimniencis bezeichnet (Abb.42). Übergangslösungen in der Verwendung von Rundungen und Brechungen bietet die auf schnelles, gewandtes Schreiben ausgerichtete Universitätsschrift von Paris und Oxford nut ihren vielen Kürzungen. Bei aller Vereinfachung und Tendenz zur Gebrauchsschrift war hier wie hei der verwandten winzig kleinen Perlschrift, in der so manche Bibeln des 13. und 14.Jh. geschrieben sind, gute Lesbarkeit Voraussetzung. Ähnlich wie in der bildenden Kunst gingen auch in der Schriftentwicklung die Anstöße von Frankreich, zum Teil von England aus und fanden auf deutschem Boden eine entsprechende Verarbeitung. Die geistige Vormachtstellung der westlichen Universitäten und die Ausbreitung des Zisterzienserordens spielten hierbei eine beachtliche Rolle. Während westdeutsche Skriptorien die neuen Formen der Textura bald mit allen Konsequenzen übernahmen, hielten süddeutsche und österreichische Klöster noch lange an der schrägovalen Schrift des 11.Jh. fest. Eine besondere Stilisierung der Textura, die in Österreich beheimatet zu sein scheint und im 14.Jh. in Böhmen sehr verbreitet war, setzt viele Hasten der Kleinbuchstaben oben mit kleinen Spitzen an. Diese Eigenheit findet sich in vielen Handschriften aus der Zeit Karls IV. und in den meisten illuminierten Kodizes der Wenzelswerkstatte um die Wende vom 14. zum 15.Jh. (Wenzelsbibel, Goldene Bulle, Willehalm; alle in der Öst. Nationalbibliothek).

Einige wenige Veränderungen von Buchstabenformen lassen sich im Bereich der gotischen Buchschrift feststellen. Das a tritt seit dem Ende des 13.Jh. in der zweistöckigen Form auf, bei der der Schaft nach links abwärts gebogen ist; für das 14.Jh. ist diese Gestalt des a charakteristisch. Das i erhält seit dem 14.Jh. in zunehmendem Maße anstelle des Strichs einen Punkt. Der Schulterstrich des r löst sich im 13.Jh. nicht selten von der Haste. z erscheint gelegentlich in dreibogiger Ausführung. Rundes s, am Wortende seit dem 13.Jh. gang und gäbe, erhält im 14.Jh. oft eine 8-artige Form. Zahl und Gestalt der Kürzungen nehmen im Laufe der Entwicklung der Textura zu. Das 15.Jh. zeigt die gotische Buchschrift bereits auf dem Rückzug vor den zahlreichen Formen der Halbkursive und Bastarda. Diese späte Textura, die bei großer Regelmäßigkeit und Proportioniertheit doch auch einen Zug zum Schablonenhaften zeigt, wurde überwiegend in liturgischen Handschriften (Missalien, Bibeln, aber auch Brevieren, Livres d'heures) und Schulbüchern (Elementargrammatiken) angewandt.

Was der oben skizzierten gotischen Buchschrift als Gebrauchsschrift (Geschäftsschrift) in verschiedenen Abstufungen mit mehr oder weniger buchmäßiger Schattierung gegenübersteht, pflegen wir als GOTISCHE KURSIVE zu bezeichnen. Wir müssen uns bei diesem konventionellen Ausdruck der Tatsache bewußt bleiben, daß diese neue Schrift des Alltags - die Zeitgenossen nannten sie Notula - nichts mehr mit der römischen Kursive von einst zu tun hatte, sondern eine Neuschöpfung aus entarteter Buch- und Urkundenschrift war .... Die Entstehung dieser Schrift entsprach offenbar einem dringenden Bedürfnis, das durch den billigen, neuen Beschreibstoff, das Papier, leichter befriedigt werden konnte. Während in den Jahrhunderten des Hochmittelalters fast nur Klöster und Klosterschulen die Schrift und ihre Erlernung pflegten, kamen nun Gelehrte und Studenten an den Universitäten, Schreiber in vielen Kanzleien der Fürsten und Städte sowie sonstige Laien hinzu, denen die Textura mit ihren spitzen und umständlichen Formen zu zeitraubend und - bei dem neuen Beschreibstoff - auch zu unpraktisch geworden war. So durchsetzte man die Textura mit zahlreichen kursiven Elementen, die man vielfach der Urkundenschrift entlieh, ein Vorgang, der sich seit dem Ende des 12.Jh. vor allem in Frankreich und Italien, später auch in Deutschland beobachten läßt. Die Kleinbuchstaben erhalten nun keine Ansatz- und Abschlußstriche mehr, sondern werden wie in der modernen Kurrentschrift direkt verbunden. Die Oberlängen von b, d, h und 1 sowie die Unterlänge von g werden in Anlehnung an Urkundenbeispiele mit Schlingen ausgestattet, die mehr oder weniger zügig und schwungvoll geschrieben sind und die Verbindung mit den nachfolgenden Buchstaben gestatten. Verschiedene Vorstufen dazu mit halb vollendeten Schlingen als Oberlängen finden sich oft in Handschriften des 12. und 13.Jh. Das erhält eine Ansatzschlinge, die es dem b zum Verwechseln ähnlich macht. je flüchtiger die Schrift, um so schwerer sind auch die kursiven Formen von c, e und t (mit Querbalken rechts vom Schaft) zu unterscheiden. a wird an Stelle der zweistöckigen Form lieber mit hochgezogenem Bogen (modernes a) ausgeführt. r findet sich häufig in der gespaltenen Form ..., aber auch in verschiedenen Varianten der runden Type ... . Rundes s, das früher zwei offene Bögen hatte, schließt nun einen oder beide Bögen und erhält ein 8-förmiges Aussehen, analog der Entwicklung in der Textura. z wird überwiegend mit Unterlänge geschrieben. Im ganzen bieten Beispiele ausgesprochen kursiver gotischer Schrift einen ästhetisch unerfreulichen Anblick. Sie lassen jeden Versuch einer Stilisierung vermissen und bereiten mit der Fülle von oft flüchtig geschriebenen Kürzungen der Lesung bisweilen große Schwierigkeiten.

Zwischen dieser reinen Kursive und der Buchschrift der Textura stehen verschiedene Übergangsformen, die oft mit dem Terminus BASTARDA zusammengefaßt werden. Hier dürfen wir aber an keine einheitliche Schriftart denken, sondern müssen uns immer vor Augen halten, daß «Bastarda» nichts anderes als einen Sammelbegriff darstellt. Die italienische Bastarda (Florentiner Bastarda) näherte sich stark der Buchschrift und wurde u. a. für Texte zeitgenössischer Autoren (Dante) verwendet. Die nordfranzösische Bastarda hingegen konnte trotz ihren oft sehr wiricungsvollen Formen als Buchschrift weniger gebraucht werden. Ähnliches gilt von den verschiedenen Arten der deutschen und österreichischen Bastarda, bei der J. KIRCHNER mehrere Schreibprovinzen auszusondern versuchte. In französischen illuminierten Handschriften des 15.Jh. war die an den Höfen Frankreichs und Burgunds heimische lettre bâtarde sehr beliebt, die sich mit ihrer meist leichten Rechtsneigung, den auffallend dicken, langen Großbuchstaben f und s und der starken Stilisierung der Kleinbuchstaben als eine Kreuzung zwischen Kanzlei- und Buchschrift zu erkennen gibt ... .

In der Urkundenschrift bestimmten im 13. und 14.Jh. die Kurie, die Kaiserkanzlei und französischer Einfluß die wechselnden Moden. In der Kanzlei Kaiser Maximilians I. entstand kurz vor 1500 die FRAKTUR, eine längliche Kanzleischrift mit langem f und s und mit Majuskeln, die mit den typischen «Elefantenrüsseln» verziert sind. Durch Maximilians berühmtes Gebetbuch (1513, ... ) und den Theuerdank' (1517) wurde die Fraktur auch als Drucktype (Schönsperger, Augsburg) populär. Sie erlangte für Jahrhunderte große Bedeutung im ganzen deutschen Sprachgebiet und hat erst seit etwa zwei Jahrzehnten stärkere Einbußen erlitten. Da es allmählich immer schwerer wurde, diese Vielfalt von Schriftformen technisch einwandfrei zu beherrschen, entwikkelte sich im 14. und 15.Jh. der Stand der Schreiblehrer und Schreibmeister, deren fragmentarisch erhaltene Schreibmeisterblätter, die ursprünglich nur der Reklame dienten, uns mehrere Versuche bezeugen, dieser Vielfalt von Schriftformen durch Klassifikation und Abgrenzung Herr zu werden.

Von vornherein ist zu erwarten, daß eine geistes- und kulturgeschichtlich so epochemachende Bewegung wie der Humanismus auch in der Schriftgeschichte ihre Spuren hinterlassen werde. Der Weg zur Antike und ihren Idealen, zur begeisterten Nachahmung ihrer Lebensformen und ihrer Kultur, führte am besten über die griechischen und römischen Autoren. So versuchten die italienischen Humanisten seit dem Beginn des 15.Jh., möglichst viele gute und alte Handschriften der antiken Schriftsteller aufzuspüren und dann durch Abschriften zu verbreiten. Hier sind Männer wie die dem Florentiner Hof der Medici verbundenen Gelehrten Niccoli, Poggio und Traversari zu nennen. Schon im 14. Jh. können wir in Italien neben der Rotunda in Gelehrtenhandschriften nicht selten eine Mischung gotischer und humanistischer Schriftformen beobachten. Petrarca schrieb eine solche GOTICOANTIQUA, die nach ihm auch Petrarca-Schrft genannt wird. Im 15.Jh. griff man immer mehr auf die karolingische Minuskel zurück, in der die besten erreichbaren Handschriften antiker Autoren geschrieben waren. Bei ihren Abschriften gelang es den Humanisten oft, den Duktus der karolingischen Minuskel so täuschend nachzuahmen, daß sich nur an einzelnen gelegentlich auftretenden Anachronismen wie i-Punkten, rundem r und s in der Wortmitte oder v am Wortanfang die Schrift des 15.Jh. von der des 10. oder 11. unterscheiden läßt. Wir befinden uns hier in einer ähnlichen Lage wie gegenüber jenen archaisierenden griechischen Handschriften des 13. bis 16.Jh., die den Duktus des 11. und 12.Jh. täuschend nachzuahmen verstehen ... . Freilich haben wir im Westen noch ein anderes Kriterium, das uns - zumeist auf den ersten Blick - die Humanistenhandschrift verrät, nämlich die Beschaffenheit des Beschreibstoffes. Lateinische Papierhandschriften können keinesfalls dem 10. oder 11.Jh. angehören. Das von den Humanisten bevorzugte Pergament aber unterscheidet sich in der Qualität und Bearbeitung (Kalzinierung) für den Kenner merklich von dem Pergament der hochmittelalterlichen Kodizes. Die deutschen Erstdrucker in Italien, Sweinheim und Pannartz, sowie ihre Nachfolger brachten zunächst ,gorische Typen aus ihrer deutschen Heimat mit, gingen aber unter dem Eindruck der weit verbreiteten Humanistenschrift allmählich zu der ihr nachgebildeten Antiquatype über.

Parallel zu der humanistischen Buchschrift entwickelte sich im 15.Jh. auch eine HUMANISTISCHE KURSIVE, die durch leichte Rechtsneigung, Ausgleich der Haar- und Druckstriche und konsequente Buchstabenverbindung ein schnelles, flüssiges Schreiben ermöglichte. Auch hier gab es wie bei der gotischen Kursive und Bastarda eine ganze Reihe von Abstufungen je nach dem Grad der Annäherung dieser Kursive an die Buchschrift ... . Nach einer buchmäßigen Form der humanistischen Kursive schnitt Aldus Manutius die berühmten Kursivtypen für seine Taschenausgaben der antiken Klassiker. Etwa seit der Jahrhundertwende setzte sich mit dem Sieg des Humanisirnis die neue Kursive auch hei den deutschen Gelehrten fast allgemein durch, zumindest fur alles, was sie in lateinischer Sprache schrieben.

Schon aus dieser knappen Uhersicht über die Geschichte der lateinischen Schrift in Antike und Mittelalter dürfte klar geworden sein, um wieviel mannigfaltiger und komplizierter sich uns diese Entwicklung darbietet als die der griechischen Schrift. Auf unsere heute noch sehr mangelhafte Fähigkeit, griechische Schreibschulen oder Schriftprovinzen zu unterscheiden, wurde oben bereits hingewiesen. Auch der um so viel größere Reichtum und die günstigeren Bedingungen der Überlieferungsgeschichte der lateinischen Handschriften wurden schon erwähnt. Formenreichtum und Durcheinanderlaufen der Entwicklungslinien im Westen dürften aber vor allem in der andersartigen Geschichte, in der Beteiligung mehrerer Völker und in dem jahrhundertelangen Fehlen eines richtungweisenden Mittelpunktes begründet sein. Keine Stadt und Residenz besaß im mittelalterlichen Westen auf dem geistesgeschichtlichen Sektor auch nur annähernd die Anziehungskraft und typenbildende Ausstrahlung, die dem mittelalterlichen Konstantinopel mit seiner gewaltigen kulturellen Vormachtstellung im byzantinischen Reich durch viele Jahrhunderte hindurch eigen war.

Zur Textgeschichte der griechischen Literatur. Methodische Vorbemerkungen (Hartmut Erbse).

DIE KLASSISCHE PHILOLOGIE hat keine Autographa ihrer Autoren zur Verfügung. Fast zweieinhalb Jahrtausende trennen den heutigen Betrachter von der Hochblüte der attischen Literatur. Die ältesten mittelalterlichen Handschriften aber, die uns mit jenen Werken bekannt machen, sind erst vor etwa tausend Jahren geschrieben worden. In vielen Fällen gingen auch sie verloren, und der Forscher, der den Text eines Autors rekonstruieren will, ist auf jüngere, oft mangelhafte Abschriften angewiesen. Wir besitzen zwar seit einigen Jahrzehnten zahlreiche Reste antiker Bücher auf Papyrus. Jedoch auch diese sind durch lange Zeiträume von den Originalen getrennt, und sie bieten nicht selten einen schlechteren Text als die mittelalterlichen Zeugen. Die Frage, wie es möglich ist, aus so späten und oft divergierenden Aufzeichnungen den ursprünglichen Wortlaut zurückzugewinnen, darf als ein zentrales Problem der Altertumswissenschaft bezeichnet werden. Das zu seiner Lösung entwickelte Verfahren ist die Textkritik. Sie hat die Aufgabe, die entstellenden Wirkungen der geschichtlichen Vorgänge durch Umkehrung wieder rückgängig zu machen und nach Kräften zu vernichten. Da ihr nur späte Spiegelbilder des Originals vorliegen, muß sie bei den mittelalterlichen Handschriften beginnen und dem verlorenen Manuskript des Autors, der Zeit entgegenschreitend und alle erreichbaren Nachrichten benutzend, Stufe um Stufe näherzukommen versuchen. Erst wenn alle Möglichkeiten dieser Methode ausgeschöpft sind, wird es möglich, eine historische Darstellung der erschlossenen Vorgänge zu geben, also Textgeschichte zu schreiben. Diese setzt die Ergebnisse der textkritischen Forschungen stillschweigend voraus, und sie ist gehalten, ihre Aussagen zurückzunehmen, wenn ihr durch argumentierende, auf dem erhaltenen Material fußende Untersuchungen neue Gesichtspunkte geliefert werden.

Die Prinzipien der Textkritik können wir hier nur im Vorbeigehen berühren. Wir tun es vor allem, um auf die engen Grenzen ihrer Möglichkeiten und damit auf die schmale Grundlage einer Textgeschichte hinzuweisen. Seit dem 9.Jh. n.Chr. haben sich Gelehrte, Dilettanten und Mönche des oströmischen Reiches in wechselnder Intensität, im ganzen jedoch mit erstaunlichem Eifer bemüht, die noch verfügbaren Schriften der altgriechischen Autoren zu vervielfältigen und dadurch den späteren Generationen zu erhalten. Ihre Arbeiten sind in der Folgezeit oft abgeschrieben worden. Da es sich hierbei in der Mehrzahl der Fälle um mechanische Reproduktionen der jeweiligen Vorlage handelt, lassen sich die zeitlichen Beziehungen der einzelnen Handschriften zueinander bestimmen. Man kann junge Zeugen an Hand gemeinsamer Fehler als Abschriften älterer erkennen, indem man die Möglichkeit der Unabhängigkeit ausschließt. Letzteres gelingt nicht, wenn derjüngere Zeuge gegenüber dem älteren wenigstens eine richtige Lesart enthält, die er nicht selbständig (durch Divination) gefunden haben kann. Man bezeichnet den für diese Folgerung entscheidenden Fehler des älteren als Trennfehler. Die beiden Handschriften (A, B) müssen nun, wenn ihre Verwandtschaft durch gemeinsame Verderbnisse (Leit- oder Bindefehler) erweisbar ist, auf eine verlorene Vorlage (a) zurückgeführt werden. Diese stellt den ältesten mit Hilfe dieser Methode erreichbaren Text dar, wenn keine weiteren selbständigen Zeugen zur Verfügung stehen. Die Vorlage heißt dann Archetypus. Tritt neben a ein dritter Kodex (C), dann wird die Relation a : C mit denselben Mitteln geprüft, und wenn C nicht aus A, B oder a ableitbar ist, muß eine noch ältere Vorlage (w) erschlossen werden. Diese ist nun Archetypus, a dagegen Hyparchetypus. Wir erhalten folgendes Stemma (Stammbaum der Handschriften):

Sobald man erkennt, daß ein Schreiber mehrere Vorlagen benutzt kontaminiert) oder gar den Text nach Maßgabe seiner eigenen Kenntnisse ändert konjiziert, ist das beschriebene Verfahren nur noch dann durchführbar, wenn die Kontamination einer erkennbaren Regel folgte.

Diese Lehre von den Abhängigkeitsverhältnissen der Handschriften, in der nur die Fehler berücksichtigt werden dürfen (die sog. Stemmatologie), ermöglicht es, den ältesten mittelalterlichen (d. h. in Minuskeln geschriebenen) Text zu rekonstruieren. Ihr Ergebnis heißt Recensio. Sie ist auf die Überlieferungsverhältnisse der Antike nicht anwendbar; denn nicht nur der antike Buchhändler, sondern auch der interessierte Leser pflegten, überzeugt von der Fragwürdigkeit einer unkontrollierten Abschrift, ihre Exemplare mit anderen Kopien zu vergleichen und, um ihren Wert zu heben, mit deren Hilfe zu verbessern (sie pflegten zu kollationieren). Augenscheinlich war das, was im Mittelalter als Ausnahme gelten darf, im Altertum die Regel. Die Stemmatologie kann diese komplizierten Verhältnisse nur in ganz besonders günstig liegenden Fällen erfassen. Meist ist der moderne Betrachter gezwungen, den Text des Archetypus mit dem des Originals zu identifizieren, und nur diejenigen Stellen, die als gestört (korrupt, interpoliert oder lückenhaft) gelten müssen, auf Grund seiner Sprach- und Sachkenntnis durch Vermutung (Konjektur) zu berichtigen (Emendatio). Daß ein so kühner Rückgriff von einem mittelalterlichen Buch auf ein antikes Original gewagt werden darf, mag befremden. Man möge aber bedenken, daß den meisten unserer Texte die von den alexandrinischen Gelehrten der Ptolemaierzeit geschaffene Rezension zugrundeliegt. Diese hat sich vom Hellenismus bis zum frühen Mittelalter meist nicht wesentlich verändert. Bedenklicher ist der letzte Schritt von der alexandrinischen Ausgabe zu einem Text des 5.Jh. v.Chr. oder gar zu dem des homerischen Epos. In diesem dunkelsten Stadium der Überlieferung sind wir fast ausschließlich auf die Vorarbeiten der alexandrinischen Philologen angewiesen, und die Möglichkeit, daß ihnen Irrtümer unterliefen, läßt sich prinzipiell nie ausscheiden. Wir werden jedoch unten sehen, daß der moderne Kritiker der Präzision und Sorgfalt ihrer Arbeit vertrauen darf.

Der im Archetypus überlieferte Text (der Text der Recensio) läßt sich nicht selten durch die ältere Fassung eines Papyrus, in gewissen Fällen durch Übersetzungen (ins Lateinische, Syrische, Arabische, Armenische) oder durch die sogenannte Nebenüberliefirung kontrollieren. Zu ihr gehören Zitate bei anderen antiken, bisweilen auch byzantinischen Schriftstellern, Erörterungen der Erklärungsschriften (Scholien und Kommentare), schließlich auch Imitationen bei späteren griechischen oder lateinischen Autoren. Die genannten Zeugnisse gewähren also von Zeit zu Zeit einen Ausblick auf eine antike Station der Textgeschichte. Man muß aber stets von neuem prüfen, ob man eine sorgfältige Rezension vor sich hat oder eine willkürlich entstellte Fassung: manche Papyri wimmeln von Fehlern, mancher Übersetzer verstand den griechischen Wortlaut nicht recht, und fast jeder gute Autor pflegte fremde Zitate seinem eigenen Zusammenhang anzupassen. Das höhere Alter eines Zeugen hat also größere Qualität nicht notwendig zur Folge.

Aus diesen Bemerkungen ist ersichtlich, daß wir die von der neueren französischen Forschung empfohlene Auffassung von den Möglichkeiten der Stemmatologie und damit vom Gang der Überlieferungsgeschichte nicht zu teilen vermögen. Da das in Frankreich anerkannte System von einem hervorragenden Handschriftenkenner und Methodiker erarbeitet, auch schon in mehreren Werken seiner Schüler dargestellt und ausgebaut wurde, müssen wir hier kurz darauf eingehen.

Man ist bestrebt, an die Spitze des Stemmas die alexandrinische Ausgabe, vielleicht sogar das Manuskript des Autors zu stellen. Alle uns bekannten Stationen der Überlieferung sollen im Stammbaum ebenso fixiert werden wie eine mittelalterliche Handschrift. Die antike Kollationstätigkeit aber läßt man fast unberücksichtigt, da man unter Geschichte der Texte nur das Schicksal der Bibliotheksexemplare versteht. Diese hätten sich, so meint man, den verderblichen Einflüssen der schlechteren Abschriften entziehen können, und sie seien, von kundiger Hand hin und wieder erneuert oder nach Katastrophen mit Hilfe guter Vorbilder wiederhergestellt, aus Alexandreia auf dem Wege über Athen nach Konstantinopel gekommen. Die Überreste dieser wertvollen Bestände, meist nur je ein Exemplar eines Werkes, hätten den Schreibern des 9.Jh. als Vorlage bei der Umschrift in die Minuskel gedient. Standen aber mehrere Exemplare zur Verfügung, so seien diese gesondert transkribiert worden. Die Überlieferung wird jetzt als «offen» bezeichnet, da die einzelnen Zweige erst in einem früheren Punkte der Textgeschichte zusammentreffen.

Um die unten vorgelegte Darstellung zu rechtfertigen, müssen wir unsere Einwände gegen die skizzierte Hypothese in aller Kürze aussprechen.

1. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die antiken Bibliotheken nur diejenigen Schriftsteller enthielten, deren Werke die Gelehrten des 9.Jh. vorfanden. Wenn aber ihr Bestand durch Katastrophen vermindert wurde, versteht man nicht, weshalb gerade die Exemplare der Klassiker erhalten blieben, während weniger geschätzte Autoren verlorengingen. Offenbar ist die Zahl der im 9.Jh. nachweisbaren Schriften nicht das Ergebnis einer lediglich zufälligen Auslese, sondern die Summe der noch im Ausgang der Antike gern, häufig und vielerorts gelesenen Bücher. In der Regel hatten nur diese, eben weil sie in genügender Anzahl existierten, eine Chance, die Stürme des 7. und 8.Jh. zu überdauern.

2. Bei Anerkennung der Annahme, daß sich die Textgeschichte fast ausschließlich mit Bibliotheksexemplaren zu befassen habe, würden uns viele der zahlreichen Zitate aus dem Bereiche der Nebenüberlieferung, die eine bessere Gestalt aufweisen als der für den mittelalterlichen Archetypus nachweisbare Text, ein Rätsel aufgeben; denn wenn ein Autor, fern von den Bibliotheksstädten arbeitend, einen Passus in ursprünglicherer Gestalt zitiert, kann man nur zwei Möglichkeiten einräumen: entweder verfügte er über eine bessere Tradition als die Bibliothek, oder deren Ausgabe wurde erst in der Folgezeit entstellt. Beide Vermutungen haben wenig für sich, wenn man an der Voraussetzung festhält, daß die Bibliotheken die meisten Möglichkeiten zur Reinerhaltung der Texte hatten.

3. Der Schöpfer eines mittelalterlichen Archetypus war in der Regel nicht ein mechanisch arbeitender Schreiber, sondern ein philologisch interessierter Herausgeber. Die Zusammensetzung der Scholiencorpora gestattet den sicheren Schluß, die Textgestalt vieler Archetypi die wahrscheinliche Vermutung, daß die Gelehrten des 9.Jh. mit mehreren antiken Exemplaren arbeiteten, um eine neue, fortan maßgebende Ausgabe zu konstituieren. Nur seltene Schriften, von denen sich lediglich ein einziges Exemplar hatte finden lassen, wurden unverändert in die neue Schriftart transkribiert.

4. Wo uns Papyri oder Zitate der Nebenüberlieferung einen Einblick in die vormittelalterliche Textfassung gewähren, ergibt sich sehr oft folgendes Bild: der antike Zeuge enthält Bestandteile mehrerer byzantinischer Rezensionen, und zwar bietet er nicht selten den jeweils besten Wortlaut. Die späteren Fassungen, die man, der französischen These folgend, auf entsprechende antike Exemplare zurückführen müßte, sind also erst im Mittelalter geschaffen worden (Beispiele: Herodot- und Xenophonüberlieferung). Überhaupt darf man von mehrmaliger Transkription eines Werkes (von «offener» Überlieferung) nur dann sprechen, wenn sie sich durch echte Majuskelkorruptelen nachweisen läßt, d. h. durch Verderbnisse, die in der Minuskelschrift niemals vorkommen konnten (Beispiel: Platonüberlieferung).

5. Die Behauptung, Teile unserer Klassikertexte enthielten Korruptelen, die sich nur durch Verwendung des altattischen Zahlensystems erklärten, stützt sich auf einige wenige und umstrittene Belege. Sie kann nicht zu der Folgerum benutzt verden, diese Texte seien Ahkömmlinge attischer Exemplare, mit denen die alexandrinische Bibliothek nach dem Brande des Jahres 48 v. Chr, ihre Bestände ergänzt habe.

Natürlich muß jeder Betrachter der Uherlieferungsgeschichre die wichtigsten Stationen in der Entwicklung des attischen Buchwesens stets vor Augen haben. Damit sind ihm jedoch nur die Voraussetzungen der Textgeschichte gegeben; denn deren Inhalt ist weder Buch- noch Bibliotheksgeschichte, sondern das Schicksal des vom Autor geprägten Wortes. Es gibt auch keine Zeugnisse dafür, daß die Entwicklungsphasen des Schriftträgers Umfang und Qualität oder gar die Auswahl der Texte wirklich nachhaltig beeinflußt haben sollten. Autoren, Schreiber, Buchhändler und Leser fanden fast stets dasjenige Material, das sie für ihre Zwecke benötigten.

Die oft gestellte Frage schließlich, ob der erhaltene Bestand an griechischen Schriften Ergebnis des Zufalls sei oder das Produkt einer bewußten Auswahl, läßt sich nicht eindeutig beantworten. Vermutlich war die zweitrangige Literatur unvorhergesehenen Einwirkungen und menschlicher Nachlässigkeit stets stärker ausgesetzt als das Erbe der anerkannten und beliebten Klassiker. In deren Überlieferungsgeschichte kann man sogar mehrmals eine Selektion beobachten, die auf Verbreitung des Besten abgestellt war. Insofern gilt, was schon Kant anmerkte (Einleitung zur Logik IX, D): «Da ... die Zeit alles sichtet und nur das sich erhält, was einen inneren Wert hat: so dürfen wir nicht ohne Grund annehmen, daß wir nur die besten Schriften der Alten besitzen.» Das Urteil der Auswählenden war freilich durch mancherlei Rücksichtnahmen bestimmt, und zahlreiche Papyrusfunde haben gelehrt, daß man auch erstklassiger Literatur die handfeste Brauchbarkeit absprach, wodurch man sie einem freilich unbeabsichtigten Untergang weihte. Andererseits aber ging ein großer Teil auch der niemals durch Auswahlen verkürzten, jedoch vom Publikum oft vernachlässigten Klassiker in den politischen Wirren des ausgehenden Altertums oder der frühbyzantinischen Epoche zugrunde, und wenn man den Umfang dieses Verlustes veranschlagt, wird man die Wirksamkeit geschichtlicher Zufälle nicht für gering halten.

Zur Textkritik vgl. P. MAAS, Textkritik, Lpzg. 1957 3, und die dort S. 4 zitierte Literatur. - Unentbehrlich zur Orientierung über Bibliotheken und Kataloge: M. RICHARD, Repertoire des bibliothèques et des catalogues dd manuserits grecs, Paris 1958 2. - Zur These der französischen Schule: A. DAIN, Les manuscrits, Paris 1949; B. HEMMERDINGER, Studi Italiani 25, 1951, 89; ders., Essai sur l'histoirc du texte dc Thucydide, Paris 1955 (dazu K. J. DOVER, Class. Rev. 71, 1957, 23). Zum einzelnen: Die bedeutsame Nachricht, daß Leon der Armenier nach 814 Handschriften aus allen Teilen des Reiches zusammentragen ließ, um ihnen Argumente für die Bilderstürmer zu entnehmen (Migne, Patrol. gr. 108, 1025 A), besagt nicht, daß alle Manuskripte, die es damals gab, nach Konstantinopel kamen. Sie setzt aber voraus, daß man mit Handschriftenfunden an allen Kulturstätten des Reiches rechnete, daß es also mehrere selbständige Traditionen gab. - Die Korruptel dekadarcia bei Demosth. 6, 22 (statt richtig tetrarcia) ist dadurch entstanden, daß man die Abkürzung DARCIA verlas (D ist 4 im ionischen, 10 im attischen Zahlensystem). Man ist jedoch nicht zur Annahme verpflichtet, ein athenischer Schreiber sei für den Fehler verantwortlich; denn den falschen Schluß, im Manuskript eines attischen Klassikers müsse D «zehn» bedeuten, konnte man auch außerhalb Athens jederzeit ziehen, zumal das attische Zahlensystem auf Inschriften der frühen Kaiserzeit noch nachweisbar ist, also bekannt war (vgl. Harpokration 53, 22 und 175, 6).

Für die Bedeutung von Rolle und Kodex, Papyrus und Pergament sei auf den Artikel von ... HUNGER [in Herbert Hunger (Hg.), Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S 25 ff,; hier nicht wiedergegeben; d. Bearb] verwiesen. Unter der dort genannten Literatur sind die 'Werke von TH. BIRT, W. SCHUBART und C. H. ROBERTS für unsere Zwecke besonders wichtig. Vgl. noch W. SCHUBART, Einführung in die Papyruskunde, BIn. 1918, 36 (dort 48: «Die Theorie, Buch sei gleich Rolle, ist falsch, und praktisch wären solche Rollen ein Unding»). - Ein gutes Beispiel für eine kaiserzeitliche Edition liefert der Bericht des Porphyrios (Vita Plot. § 25 f.) über seine Ausgabe der plotinischen Schriften in drei Kodizes (kurz nach 300). - Eine der nachhaltigsten Folgen der Übertragung aus den Rollen in die Kodizes war die Fixierung des Textumfangs. Bisher konnten Rollen mit gefälschten Texten nur zu leicht zwischen die echten Teile eines Werkes geraten. Jetzt war es nicht mehr möglich, anonyme Schriften einem bekannten Verfasser unterzuschieben, während umgekehrt das, was einem Autor im Kodex zugewiesen war, als sein Werk galt.

Aus der großen Zahl der Papyrusfunde berücksichtigen wir nur diejenigen Stücke, welche Reste der handschriftlich erhaltenen Texte aufweisen. Die übrigen literarischen Papyri, die neue Schriften in unversehrter oder in fragmentarischer Gestalt bieten, können hier nicht besprochen werden, da sie eine Überlieferung in dem jetzt interessierenden Sinne nicht besitzen. - ... Historische Einzelheiten liefern für alle genannten Autoren die Literaturgeschichte von WILH. SCHMID' (bzw. CHRIST-SCHMID) und A. LESKY sowie die entsprechenden Artikel in PAULY-WISSOWAS Realenzyklopädie (RE.), die nur in begründeten Ausnahmefällen genannt werden.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .