Zur Geschichte des griechischen Epigraphik. Aus: Günther Klaffenbach, Griechische Epigraphik.

Text entnommen aus: Günther Klaffenbach, Griechische Epiepigrammatagraphik, Göttigen 19966 2, S.12 - 20.

GESCHICHTE DER GRIECHISCHEN EPIGRAPHIK.

Berücksichtigung auch der epigraphischen Überlieferung ist schon den ältesten uns bekannten griechischen Historikern eine Selbstverständlichkeit gewesen, und dabei ist es auch immer geblieben, soweit es sich um wirkliche Forschung handelte. Vermutlich werden die antiken Historiker, genauso wie die modernen, ihre Studien im allgemeinen an den in den Archiven aufbewahrten Originaldokumenten gemacht und sich nur unter besonderen Umständen oder z. B. bei Weih- oder Grabinschriften an die Steine gehalten haben. Von solch einer Benutzung finden wir genug Zeugnisse bei ihnen. Aber das ist noch keine epigraphische Forschung im eigentlichen Sinne gewesen. Denn sie haben, wenn überhaupt, sich Sammlungen nur für einen bestimmten Zweck angelegt, nicht um ihrer selbst willen. Das ist erst, soviel wir sehen, in der hellenistischen Zeit, also der Zeit der Blüte der Spezialwissenschaften, geschehen. Aus ihr sind uns Titel von Werken allgemeinerer Art wie peri epigrammatwn, peri twn kata poleiß epigrammatwn, wobei epigramma nicht in dem heutigen eingeengten Begriff des ,;Epigramms", sondern in dem weiten Sinn der "Aufschrift" zu verstehen ist, und spezieller Natur wie peri twn en Lakedaimoni agajhmatwn, peri twn en Delfoiß agajhmatwn, peri twn Jhbaikwn epigrammatwn usw. überliefert, und nach der Zahl der erhaltenen Verfassernamen muß diese Tätigkeit gar nicht gering gewesen sein. Die namhaftesten sind PHILOCHOROS aus Athen (gest. 261 v.Chr.), uns auch als bedeutender Verfasser einer Geschichte Athens bekannt, der epigrammata Attika gesammelt hat, und vor allem KRATEROS aus Makedonien, wohl der Sohn des gleichnamigen berühmten Feldherrn Alexanders des Großen, der in mindestens neun Büchern eine yhfismatwn synagwgh zusammengestellt hat. Seine Arbeit ist uns aus mannigfachen Zitaten am besten greifbar, und wir können so viel feststellen, daß er sich nicht damit begnügte, eine reiche Sammlung athenischer Volksbeschlüsse offenbar nur des 5. Jahrhunderts v.Chr., und zwar in vollem Wortlaut und in chronologischer Anordnung, zu geben, sondern sie auch mit Erklärungen, ja wohl auch verbindendem Text versah. So sehen wir auch diese wichtige Aufgabe der Epigraphik schon in ihren Anfangen begriffen. Das Werk hat einen großen Erfolg gehabt; das zeigt insbesondere Plutarch (um 100 n.Chr.), der es möglicherweise noch selbst benutzt hat, und in der lexikographischen Tradition ist seine Nachwirkung noch lange erkennbar. Wie weit Krateros aus den Archiven geschöpft, wie weit er die Steine selbst abgeschrieben hat, muß natürlich ungewiß bleiben. Von einem aber dieser frühen Epigraphiker, der mehrere Sammlungen angefertigt hat, wissen wir es mit Bestimmtheit, daß er sich um die Inschriftentafeln, die sthlai, bemüht hat, POLEMON von Ilion (2. Jahrhundert v. Chr.); denn er hat sich deswegen den Spitznamen sthlokopaß ("Stelenschlecker") zugezogen. Aus dem späteren Altertum wissen wir nichts von Inschriftensammlungen, auch nicht, in welchem Umfange den zahlreichen Anthologien griechischer Epigramme (im heutigen Sinne) Zusammenstellungen von Steinepigrammen zugrunde liegen oder [in ihnen; d. Bearb.] nachwirken, doch hat im 10. Jahrhundert n.Chr. MAGISTROS GREG0RIOS dem Konstantinos Kephalas für seine Anthologie eine Sammlung inschriftlich erhaltener Aufschriften von Grabsteinen und Bildwerken überlassen.

Als sich mit dem Humanismus Italiens das Interesse an den Überresten der Antike belebte, hatten daran auch die Inschriften ihren Teil, zunächst natürlich die im Lande selbst befindlichen, also weitaus überwiegend die lateinischen, und es ist bekannt, daß z.B. schon der berühmte COLA DI RIENZO (im 14. Jahrhundert) eine Sammlung von Inschriften veranstaltet hat. Die griechischen Inschriften wurden in größerem Umfange erst durch die reizvolle Persönlichkeit des CIRIACO DE PIZZICOLLI (Cyriacus von Ancona, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts) dem Westen bekannt. Liebe zum Altertum ließ ihn auf seinen vielen und weiten Reisen als Kaufmann durch Griechenland, Kleinasien, Ägypten überall den antiken Denkmälern mit einer ausgesprochenen Sammelleidenschaft nachspüren. Sie zeichnete er ab, darunter eine Unmasse griechischer und lateinischer Inschriften. Aber eine systematische Sammlung und Herausgabe hat er nie unternommen. Es sind einfache Reisetagebücher gewesen, in drei großen Bänden zusammengestellt, uns aber verloren. Nur Teile davon und Auszüge sind unter Sondertiteln überliefert, lose Tagebuchblätter, wie sie sich eben erhalten hatten. Viele seiner Inschriftenkopien sind besser, als man das billigerweise erwarten durfte, und die Kenntnis mancher verlorenen Inschrift verdanken wir nur ihm. Jedenfalls gebührt ihm ein Ehrenplatz in der Geschichte der Epigraphik.

Die weitere Sammlung griechischer Inschriften fand dann freilich ihren vorzeitigen Abschluß durch die Herrschaft der Türken, die neue Reisen fast unmöglich machte. Aber das Vorbild des Cyriacus blieb wirksam, und zahlreiche Inschriftensammlungen, nun jedoch in erster Linie lateinischer Inschriften, erschienen im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts im Abendland, auch von Deutschen. In das ausgehende 16. Jahrhundert fällt auch die Sammlung des Holländers MARTINUS SMETIUS, die erst nach seinem Tode im Jahre 1588 in Leiden erschien. Sie verdient nicht so sehr wegen ihres Umfanges hervorgehoben zu werden als wegen der Sorgfalt und Sachkenntnis, mit der hier die Inschriften in genauen Kopien (weil aus den Buchstabenformen eine ungefähre Datierung möglich sei!) und systematischer Einteilung nach Klassen, d.h. nach dem Inhalt, deren Wert gegenüber der üblichen Regellosigkeit oder dem geographischen Prinzip des Fundortes er betont, dargeboten wurden. Seinem Werke folgte bald das monumentale seines Landsmannes in Heidelberg, JANUS GRUTER, das sich das Ziel steckte, alle bis dahin bekannten lateinischen und griechischen Inschriften zusammenzufassen. Es ist auf Veranlassung und in tätiger Mitwirkung des hervorragenden Leidener Philologen JOSEPH JUSTUS SCALIGER, der die vorbildlichen Indices allein anfertigte, zuerst im Jahre 1603 in Heidelberg (neuer Abdruck 1616), dann nach dem Tode von Gruter 1707 in Amsterdam in zweiter, vermehrter Auflage erschienen. Auch hier herrschte die Anordnung der Inschriften nach Klassen; das erdrückende Hauptkontingent stellten natürlich die lateinischen. Gruters Werk hatte die allgemeine Unterstützung der gelehrten Welt gefunden und blieb für lange Zeit das maßgebende. Es folgten Supplemente, Auswahlen, Spezialsammlungen und Bearbeitungen einzelner Klassen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die griechische Welt wieder zugänglicher, und es wurden von da an wieder Forschungsreisen, meist von Franzosen (Marquis de Nointel, Spon, Fourmont) und Engländern (Wheler, Chishull), in Griechenland und Kleinasien möglich. Damit vermehrte sich auch das griechische Inschriftenmaterial stark. Überhaupt machte das gewaltige Anwachsen der Inschriften seit Gruters Corpus die Bearbeitung eines neuen Corpus dringend wünschenswert. Den Plan dazu entwarf 1732 FRANCESCO SCIPIONE MARCHESE DI MAFFEI aus Verona, der sich mit großem Eifer der Feststellung aller bekannten Inschriften widmete. Wenn auch das Unternehmen scheiterte, da es nicht zu einer Ausgabe gekommen ist, so verdiente es doch deswegen erwähnt zu werden, weil hier zum ersten Male die griechischen Inschriften (2000 wurden damals gezählt) getrennt von den lateinischen im 1. Bande herausgegeben werden sollten. So blieb es fürs erste bei der Publikation von Inschriften aus Spezialsammlungen, Museen und in Reiseberichten. Denn die Forschungsreisen in Griechenland und Kleinasien hatten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts und seit Beginn des 19. vermehrt. Engländer und Franzosen stehen auch jetzt an der Spitze, unter jenen Chandler, Clarke, Leake, Dodwell, Gell, Cockerell, Walpole, unter diesen Choiseul-Gouffier, Pouqueville, Fauvel. Von anderen Reisenden seien genannt der Däne Bröndsted und der Deutsche Osann, der letztere freilich nicht in Griechenland, bwisw aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, und auch in Südrußland ging man um diese Zeit daran, die einheimischen griechischen Inschriften zu sammeln und zu publizieren. Erwähnt werden muß hier auch ein für die Entwicklung der Epigraphik als Wissenschaft grundlegendes Werk, das zeitlich schon in die Mitte des 19. Jahrhunderts fällt, nämlich das von der Pariser Gelehrten JEAN ANTOINE LETRONNE: Recueil des inscription grecques et latines de l'Egypte, étudiées dans leur rapport avec l'histoire politique, l'administration intérieure, les institutions civiles et réligieuses de ce pays depuis la conquête d'Alexandre jusqu' celle des Arabes, 2 Bände, Paris 1842. 1848. Es ist nicht nur die Weite seines Blickes, die sich schon im Titel dieses Buches, der auch wirklich hält, was er verspricht, offenbart, sondern auch die angewandte Methode und Kritik der Inschriftenbehandlung, durch die er der Archegetes der vielen bedeutenden Epigraphiker geworden ist, die gerade Frankreich unserer Wissenschaft geschenkt hat. Von ihm stammt auch die goldene Regel aller Epigraphik: "Il ne s'agit pas de refaire ce document, ce qui est toujours très facile, mais sans aucune utilité; il faut le rétablir, ce qui est bien different." Den ,,Böckh der Franzosen" hat man ihn auch genannt.

Damit ist der Name des Mannes gefallen, der recht eigentlich als der Begründer der modernen griechischen Epigraphik zu gelten hat, AUGUST BÖCKH, seit 1811 an der Berliner Universität. Denn er ist es gewesen, auf dessen Antrag sich die Berliner Akademie der Wissenschaften am 20. 4. 1815 entschloß, in Anbetracht der großen Zersplitterung epigraphischer Publikationen und des starken Zuwachses an Inschriften einen "Thesaurus Inscriptionum", d. h. "die Sammlu aller dem griechisch-römischen Alterthum angehörigen oder damit enger Verbindung stehenden Inschriften" herauszugeben und mit den griechischen zu beginnen. Die Leitung des am 12. 5. 1815 vom vorgesetzten Ministerium genehmigten Unternehmens wurde Böckh selbst übertragen, der dabei von B. G. Niebuhr (dem eigentlichen Urhel jenes gewaltigen Projektes), Fr. Schleiermacher, Ph. Buttmann und Immanuel Bekker unterstützt wurde. Mit den griechischen Inschriften, dem Corpus Inscriptionum Graccarum [CIG], hatte man gehofft, in vier Jahren fertig werden zu können, aber erst nach zehn Jahren konnte das erste Heft des ersten Bandes erscheinen, und statt des "einen starken Folianten oder zwei kleinerer" sind es schließlich vier stattliche Bände geworden, erschienen Bd. I 1828, II 1843, beide von Böckh, III1853 von Johannes Franz, IV 1859 von E. Curtius und A. Kirchhoff; die Indices kamen erst 1877, von Hermann Röhl, heraus. Als Anordnungsprinzip war das nach Klassen aufgegeben und das geographische gewählt worden, das von nun an in Geltung geblieben ist. Wieder hatte sich weitgehend die gesamte wissenschaftliche Welt in Europa in den Dienst der Sache gestellt, und es ist eben so, daß die Epigiaphik stets und immer auf eine internationale Zusammenarbeit angewiesen ist als ihre Lebensluft. Die Leistung Böckhs ist nach Umfang wie innerem Wert ungeheuer; hier ist zuerst ein tragfähiges Fundament für die Ausbildung der griechischen Epigraphik hinsichtlich Edition wie Erklärung gelegt worden, freilich für die letztere besser als für die erstere. Denn diese zeigte sich noch zu sehr von den gewohnten Methoden der Behandlung handschriftlicher Texte beherrscht, da man sich eben in der Hauptsache an Abschriften hielt, statt die Originale neu zu vergleichen, anfangs allerdings unter dem Zwange der durch den griechischen Freiheitskampf verursachten Verhältnisse. Aber wir dürfen nicht länger verweilen. Genug, daß das Böckhsche Corpus heute zwar veraltet, aber als Sammlung mit dem am weitesten gespannten Rahmen dennoch nicht entbehrlich für uns ist, gibt es doch manche Teile von ihm, die noch keine neue erschöpfende Bearbeitung erfahren haben, so daß diese noch heute unsere erste Grundlage bilden.

Als mit der glücklichen Beendigung der Kämpfe in Griechenland und der Schaffung des neuen Königreiches sich die Tore des Landes weiter denn je geöffnet hatten, setzte auch der Strom der Altertumsforscher ein, der eine neue Epoche der Erforschung der griechischen Denkmäler nicht nur des Mutterlandes einleitete. Wir können aus der Fülle der Männer, die sich dabei auch um die griechische Epigraphik hervorraende Verdienste, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise, erworben haben, nur einige herausgreifen. So seien genannt von Deutschen Ludwig Roß, Karl Otfried Müller, Karl Richard Lepsius, von Franzosen Philippe Le Bas, W. H. Waddington, Charles Wescher, Paul Foucart, von Engländern William L. Hamilton, Sir Charles Fellows, Charles Thomas Newton, und unter den griechischen Gelehrten verdienen Erwähnung Pittakis, wenigstens als eifriger Aufspürer von Inschriften, Rangavis und vor allem der zuverlässige Kumanudis. Der Zuwachs an inschriftlichem Material war gewaltig, auch zeigten neue, sorgfältige Abschriften der Steine, wie viele Inschriftentexte im CIG unzuverlässig waren. So mußte der ursprüngliche Plan von Böckh, das Corpus, das ja nur äußerlich einen Abschluß gefunden hatte, durch Supplementbände zu vervollständigen, aufgegeben werden. Statt dessen entschloß sich die Berliner Akademie im Jahre 1868, also gleich nach dem 1867 erfolgten Tode von Böckh, unter der Initiative von ADOLF KIRCHHOFF, der ja schon am 4. Bande des CIG mitgearbeitet hatte und an Böckhs Stelle getreten war, zu einer vollständigen Sammlung und Neubearbeitung der attischen Inschriften, ohne zunächst einen weiterschauenden Plan ins Auge zufassen. Attika wurde gewählt, weil dieser im 1. Bande erschienene Teil des CIG am meisten veraltet war und natürlich am stärksten interessierte, auch waren hier die besten Vorbedingungen gegeben. So entstand unter der Bearbeitung des glänzenden Dreigestirnes von A. Kirchhoff, U. Köhler und W. Dittenberger das Corpus Inscriptionum Atticarum (1873-1888, mit späteren umfangreichen Supplementen), und zwar nach dem Grundsatz der Vergleichung der noch vorhandenen Originale, so wie ihn inzwischen Th. Mommsen für die Bearbeitung der lateinischen Inschriften durchzuführen begonnen hatte. Dem attischen Corpus folgte dann (1890) ein Corpus der griechischen Inschriften des Westens von der Hand von Georg Kaibel (und A. Lebègue für Gallien), und es wurde mit der Herausgabe eines Corpus der Inschriften Nordgriechenlands durch W. Dittenberger (1892 und 1897), der Inseln durch F. Hiller von Gaertringen (1895 und 1898) und W. Paton (1899) und des Peloponnes durch M. Fränkel (1902) begonnen.

Bevor wir aber in der Geschichte des Inschriftenwerkes der Berliner Akademie fortfahren, gilt es, einiger anderer Unternehmungen zu gedenken, die gleichzeitig in Angriff genommen wurden. Das ist einmal die Herausgabe der reichen Inschriftenschätze des British Museum unter Leitung und Mitarbeit des schon obengenannten Oh. Th. Newton: The Collection of ancient Greek Inscriptions in the British Museum [BMI] (1874ff., abgeschlossen 1916), sodann die Inscriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini Graecae et Latinae [IPE] von B. Latyschev im Auftrage der Archäologischen Gesellschaft des Russischen Reiches (seit 1885) und schließlich das große Unternehmen der Wiener Akademie der Wissenschaften, die Sammlung und Herausgabe aller antiken Inschriften Kleinasiens, also nicht nur der griechischen und lateinischen sondern auch der in den einheimischen Sprachen abgefaßten, unter dem Titel: Tituli Asiae Minoris [TAM], dessen 1. Band im Jahre 1901 erschien.

Inzwischen hatten allenthalben im Bereiche des alten griechischen Bodens die Ausgrabungen eingesetzt unter Beteiligung bald fast aller Nationen; ihre Aufzählung gehört nicht hierher. Viele dieser Ausgrabungen, bei denen eine ungeahnte Fülle von Inschriften (vor allem in Delos und Delphi) an den Tag kam, zeitigten auch zusammenfassende epigraphische Sonderpublikationen, wie die von Pergamon (1890-1895), Olympia (1896), Magnesia am Maeander (1900), Priene (1906) u. a. Wissenschaftliche archäologische Expeditionen vermehrten dauernd das Material.

Im Jahre 1902 ging die Leitung des Berliner Inschriftenwerkes von Kirchhoff auf U. VON WILAMOWITZ -MOELLENDORFF über. Seiner Umsicht und Energie dankt das Unternehmen drei wichtige Neuerungen. In der Erkenntnis, daß es fur die Akademie unmöglich wäre, das gesamte CIG zu erneuern, daß sie sich vielmehr auf ein bestimmtes Gebiet beschränken müßte, begrenzte Wilamowitz das Unternehmen entsprechend den fertiggestellten und in Angriff genommenen Einzelcorpora, und da inzwischen die Wiener Akademie die Inschriften Kleinasiens übernommen hatte, auf das europäische Griechenland einschließlich aller Inseln, auch Zyperns. In diesem neuen Rahmen, der die Bezeichnung Inscriptiones Graecae [IG] erhielt, wurden die bisherigen Sondertitel der verschiedenen Einzelcorpora zugunsten einer einheitlichen Neubezifferung beseitigt und mit den römischen Ziffern I-XV die veröffentlichten und begonnenen und geplanten Einzelbände bezeichnet. Die zweite Neuerung betraf die inhaltliche Ausgestaltung der einzelnen Inschriftenbände, die nach dem Muster von Mommsens Corpus Inscriptionum Latinarum [CIL] noch mehr geben sollen als nur die Texte. In umfangreichen Einleitungen wird vereinigt, was es über die einzelnen Landschaften oder Orte an sonstiger Überlieferung gibt, vor allem sind alle historischen Zeugnisse vereinigt; ferner treten zu den üblichen Indices volle sprachliche Register, auch Literaturübersichten. Und schließlich als dritte Neuerung die Einführung der sog. editio minor. Der ursprüngliche Gedanke von Wilamowitz war der: statt der für das CIL geltenden Ergänzungsbände sollten die gesamten Inschriften hier in gereinigter Gestalt zusammen mit dem Zuwachs wiederholt werden, und zwar unter Fortfall der unzulänglichen Majuskeltexte nur in Umschrift mit den gewöhnlichen Typen, so wie es schon für die delischen Bände der IG auf französische Initiative hin eingeführt worden war, und in einem kleineren Format. Diese editio minor sollte also nicht wie bei ihrer Verwendung in der Philologie wepiger vollständig sein, sondern eine nur äußerlich anders gestaltete, vermehrte neue Auflage. Aber schließlich wurde diese Erscheinungsweise für alle künftigen Bände der IG bestimmt, so daß es nötig ist, die Bezeichnung editio minor, die nur irreführen kann, hinfort ganz fallen zu lassen und die Neubearbeitung eines erschienenen Bandes als editio altera zu bezeichnen. Außer diesen die Edition betreffenden Maßnahmen traf Wilamowitz noch eine andere von weittragender Bedeutung für die griechische Inschriftenforschung, die Gründung eines epigraphischen Archivs bei der Akademie. In diesem werden, soweit irgend erreichbar, von jedem in den IG edierten Stein ein Papierabklatsch oder auch eine Photographie aufbewahrt, um eine dauernde Kontrolle der Lesungen, selbst bei Verlust der Steine, zu ermöglichen. Dieses Archiv dient aber nicht nur dem internen Gebrauch, sondern wird bereitwilligst für jedermann zugänglich gehalten; daher findet sich auch bei der Publikation in den IG stets ein entsprechender Hinweis, wenn Abklatsch oder Photographie vorhanden ist.

Die zentrale Bedeutung des Berliner Corpus für die griechische Epigraphik, die seine eingehendere Betrachtung erforderte, darf aber die Würdigung des hohen Aufschwungs, den die griechische Inschriftenforschung nahezu allenthalben genommen hat, nicht beeinträchen. So hat sich Italien vor allem durch die Publikation der kyrenischei kretischen Inschriften (Inscriptionees Creticae [I. Cret.] seit l935 und kurz vor ihrem Abschluß) hohe Verdienste erworben und neuerdings durch die begonnene Edition der Inschriften des Dodekanes. Aber es würde hier zu weit führen, das für alle beteiligten Länder zu verfolgen und einiger wie Englands, Rußlands, Österreichs ist schon gedacht worden. Doch zweier muß besondere Erwähnung geschehen, Frankreichs und Amerikas. Frankreich, wo die Verbindung von Archäologie und Epigraphik immer eine enge gewesen ist, hat sich die Pflege der Inschriftenkunde hauptsächlich angelegen sein lassen und eine lange Reihe hervorragender Epigraphiker aufzuweisen und ist heute zweifellos das Land mit dem zahlreichsten und fähigsten Nachwuchs. Unter seinen Publikationen sind an erster Stelle die Fouilles de Delphes Tome III: Epigraphie (seit 1909) und die Inscriptions de Délos [I. Délos] (seit 1926), die die Inschriftenfunde seiner beiden Hauptausgrabungen bringen, sowie die Inscriptions grecques et latines de la Syrie [I. Syrie](seit 1929) zu nennen.1. Amerika, auch sonst um die zugleich archäologische und epigraphische Durchforschung alter griechischer änder bis nach dem Osten hin bemüht, hat sich, vor allem in Auswertung seiner epochemachenden Ausgrabung der athenischen Agora (seit 1931) , die Inschriften Attikas zu seiner Domäne geschaffen und darin hervorragende Leistungen, hauptsächlich The Athenian Tribute Lists [ATL] (4 Bände, 1939-1953), die unbestrittene Führung erworben. Hauptpublikationsorgan sind die prachtvollen Bände der Zeitschrift ,"Hesperia" (seit 1932). Auch ist in dem "Institute for Advanced Study" in Princeton ein umfassendes Abklatscharchiv der attischen Inschriften geschaffen worden.

Die noch immer anschwellende Fülle des inschriftlichen Materilas sowie seine Verarbeitung durch die verschiedensten Nationen erhöht natürlich die Schwierigkeit des für jeden Forscher unentbehrlichen Überblicks über das Ganze. Dem wollen abhelfen einmal die zusammenfassenden Berichte, unter denen die jährlichen in der ,,Revue des Études Grecques" [REG] (von J. und L. Robert) erscheinenden die besten sind (bis 1952-53 vgl. auch die Berichte von M. N. Tod im "Journal of Hellenic Studies" [JHS]), sodann das in Zusammenarbeit mit zahlreichen Fachgenossen von J. J. E. Hondius gegründete, nach dessen Tode von A. G. Woodhead weitergeführte Supplementum Epigraphicum Graecum [SEG] (in Leiden, seit 1923), das in geographischer Gruppierung die neu veröffentlichten Texte und die Verbesserun den alten bringt. Auch eine eigene epigraphische Zeitschrift ist von A. Calderini gegründet worden: "Epigraphica. Rivista italiana di epigrafla" (in Mailand, seit 1939). So ist das Streben nach der unbedingt erforderlichen internationalen Zusammenarbeit, da ohne sie wahres wissenschaftliches Forschen überhaupt kaum denkbar ist, auch auf dem Gebiete der Inschriftenkunde lebendig, war es ja gerade hier von Anfang an gewesen. Es fand seinen überzeugenden Ausdruck auf dem ersten internationalen Epigraphikerkongreß 1938 in Amsterdam, dem dann freilich infolge der Zeitumstände der zweite erst 1952 in Paris gefolgt ist; ihm haben sich dann bisher der dritte 1957 in Rom und der vierte 1962 in Wien angeschlossen.

Und wie könnte auch auf anderem Wege, so begrüßenswert und fruchtbar die Sondertätigkeit der einzelnen Nationen ist, der Aufbau und Ausbau der großen zusammenfassenden Editionen, wie sie für das europäische Griechenland und die Inseln die Inscriptiones Graecae und für Kleinasien die Tituli Asiae Minoris darstellen, geleistet werden? Diese Unternehmen sind ja doch nicht irgendwelchen Führungsansprüchen entsprungen, sondern lediglich dem Bestreben, dem dringenden Bedürfnis der Wissenschaft nach einheitlicher und übersichtlicher Zusammenfassung des gewaltigen Materials zu dienen, und wollen nur den Rahmen für die Zusammenarbeit aller Nationen abgeben. Und diese Hoffnung hat nicht getrogen, die internationale Zusammenarbeit hat sich in dankenswerter und schönster Weise betätigt und tut es noch. Andererseits haben sich, anfangs aus zeitbedingten Gründen, auch Tendenzen zu getrennten, z.T. schon erwähnten Publikationen durchgesetzt, die zu Rissen in dem vorgesteckten Rahmen der Inscriptiones Graecae führten. Und die verstärkte Pflege der Epigraphik bei den einzelnen Nationen hat diese Tendenzen begünstigt, so daß zweifellos mindestens zunächst die Entwicklung in dieser Richtung weitergehen und eine weitere Aufsplitterung mit sich bringen wird. Aber man darf gewiß sein, daß sich gegenüber der wachsenden Vielzahl von Sonderpublikationen das Bedürfnis nach wenigen großen, zusammenfassenden Editionen, an, die sich jeder Vertreter der Altertumswissenschaft ohne langes Suchen und Fragen wenden kann, wieder durchsetzen wird.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de