Zur Wisssenschaftsgeschichte des Römischen Rechts als Teilgebiets der Jurisprudenz. Aus: Wolfgang Kunkel, Römische Rechtsgeschichte.

Text entnommen aus: Wolfgang Kunkel, Römische Rechtsgeschichte. Eine Einführung, Köln, Wien 1973 7, S. 157 - 169.


§ 12: Das Nachleben des römischen Rechts.

I. I m O r i e n t. Mit dem Sturz des letzten weströmischen Kaisers im Jahre 476 n. Chr. endet nach der herkömmlichen Einteilung der weltgeschichtlichen Perioden das Altertum und beginnt das Mittelalter. In Wahrheit gibt es nur eine breite Zone des Übergangs, die weit früher fast unmerklich anfängt und sehr viel später ebenso allmählich aufhört. Längst vor dem Ende des westlichen Kaisertums hatte der Verfall der römischen Kultur begonnen, waren durch die Christianisierung des Reichs, durch die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und durch das ständige Einströmen germanischer Bevölkerungselemente die Grundlagen entstanden, auf denen sich die Welt des friihen Mittelalters aufbauen sollte. Und lange nach dem Verschwinden des Kaisertums blieb die römische Verwaltung, blieb auch das römische Recht lebendig, wenngleich in immer primitiver werdender Gestalt. Auch der Reichsgedanke überlebte den Kaiser: die Idee des Imperium Romanum blieb so mächtig, daß sie noch nach Jahrhunderten imstande war, der staatlichen Gestaltung des Abendlandes ihr Gepräge zu geben und den Gang der europäischen Geschichte auf lange Sicht zu beeinflussen.

Stärker noch und ungebrochener wirkte die antike Tradition im Osten weiter. Hier blieb das Reich nicht bloß in der Idee, sondern als Realität bis ans Ende des Mittelalters bestehen und galt darum auch das römische Recht nicht, wie im Westen, nach dem Gesetz der Trägheit fort, sondern als Bestandteil einer lebendigen staatlichen Ordnung. Aber auch das oströmische Reich blieb nicht ein unverändertes Stück der Antike, während rings umher auch im Orient mit der Ausbreitung des Islam ein neues Zeitalter anbrach; auch in Ostrom setzte sich trotz aller Kontinuität von Staat, Recht und kultureller Tradition die Entwicklung fort, die vom Altertum hinweg in eine neue Epoche führte. Nicht anders als im Westen lag hier das 6. Jahrhundert, das Jahrhundert Justinians, in der Zone des Übergangs. Justinian, der das römische Imperium wiederherstellen wollte, war in Wirklichkeit einer der Begründer des unrömischen, in vieler Hinsicht überhiupt unantiken byzantinischen Staates und seiner eigentümlichen Kultur. Seine imperiale Außenpolitik blieb eine Episode. An seiner Bautätigkeit, seiner Kirchenpolitik und auch an der innenpolitischen Entwicklung seiner Regierung, der Hinwendung zu einem gesteigerten Absolutismus nach dem sog. Nikaaufstand, treten bei einer Betrachtung der großen historischen Zusammenhänge die unrömischen, in die byzantinische Zukunft weisenden Züge stark hervor. Diese Züge fehlen auch seiner Gesetzgebung nicht ganz: hierher gehört der schließliche Verzicht auf die lateinische Sprache, hierher der deutliche Bruch mit der Tradition des römischen Rechts bei manchen seiner Reformen, insbesondere in den Novellen. Im Kern freilich ist das Gesetzgebungswerk Justinians der Vergangenheit zugewandt. Nicht ganz zu Unrecht hat man die Anlage des Gesetzbuchs "romantisch", das von Justinian des öfteren beliebte Zurückgreifen auf sehr alte Quellen und Grundsätze des römischen Rechts ,, archaistisch" genannt. Man stelle sich einmal vor, heute würde ein Gesetzbuch geschaffen, das Zitate aus dem Sachsenspiegel enthielte, dessen Hauptmasse aus der Rechtsliteratur der Zeit um den 30jährigen Krieg stammte, und das aus dem 19. und 20. Jahrhundert nur eine verhältnismäßig bescheidene Anzahl ziemlich spezieller Gesetze wiedergäbe. Eine solche Überlegung macht uns nicht nur deutlich, wie rasch im Verhältnis zum Entwicklungsgang der Antike die Welt sich in den wenigen Jahrhunderten gewandelt hat, die unsere Gegenwart vom Hochmittelalter trennen; sie zeigt auch die rückschauende Haltung der Spätantike und insbesondere des justinianischen Zeitalters in schärfstem Licht.

Man fragt sich, wie ein solches Werk, das in schwer zu bewältigender Fülle die mehr oder weniger fremd gewordene römische Rechtskultur von sechs Jahrhunderten zusammenfaßte, in der Praxis des griechisch redenden und großenteils in griechisch-orientalischen Rechtsvorstellungen befangenen Ostreichs gewirkt haben mag. Schon die lateinische Sprache mußte seine Benutzung ungemein erschweren; dem konnte freilich durch Übersetzungen abgeholfen werden (s. u.). Aber auch der Inhalt des Gesetzes vermochte nur da zur Geltung zu kommen, wo Anwälte und Richter wirkten, die in langjährigem Studium an einer der beiden großen Rechtsschulen den Umgang mit seiner Begriffswelt erlernt und die Vertrautheit mit seiner labyrinthischen Kasuistik erworben hatten. Sicherlich hat es solche Juristen nicht überall gegeben, wo Prozesse zu entscheiden und Verträge zu formulieren waren. Darum wundert es uns auch nicht, wenn wir in den ägyptischen Papyrusurkunderi des 6. Jahrhunderts zwar in manchen Einzelheiten den Einfluß der justinianischeri Kodifikation verspüren, im ganzen aber eine ziemlich ungebrochene Fortdauer der überkommenen gräko-ägyptischen Rechtswelt feststellen: Auch gegenüber dem neuen Gesetzbuch behauptete sich hier in weitem Umfange das "Volksrecht". Man wird sich also den Einfluß der justinianischen Gesetzgebung auf die Rechtspraxis nicht als allgegenwärtig vorstellen dürfen. Nur bei den hauptstädtischen Gerichten, den Gerichten der oberen Provinzialbehörden und allenfalls noch der großen Provinzstädte wird sie sich bis zu einem gewissen Grade durchgesetzt haben. Daneben bildete sie, wie von vornherein vorgesehen, die Grundlage des Studiums an den Rechtshochschulen, unter denen in der Folgezeit die von Konstantinopel durchaus im Vordergrund stand und uns in ihrem Wirken allein etwas näher bekannt ist. Hier entwickelte sich eine eifrige literarische Tätigkeit, von der umfangreiche Reste erhalten geblieben sind.

Ganz ähnlich, wie es noch 1200 Jahre später (1749) Friedrich der Große bei der Publikation des Entwurfs zum Corpus iuris Fridericiani vorsah, hatte Jostinian (Const. Tanta 21) jede Kommentierung der Digesten verboten und mit Bestrafung wegen Fälschung bedroht, damit die zahllosen Streitfragen des älteren römischen Rechts, die er alle beseitigt zu haben glaubte, nicht wieder aufleben könnten. Nur wörtliche Übersetzungen ins Griechische ( kata poda) und Sammlungen von Parallelstellen (paratitla) hatte er zugelassen. Schon bei seinen Lebzeiten wurde offenbar dieses Verbot übertreten. Es entstanden neben wörtlichen Übersetzungen auch zusammenfassende und erläuternde Inhaltsangaben (indikeß = indices; wir nennen sie nach dem Muster der analogen Schriften des mittelalterlichen Abendlandes auch 'Summen') und kommentierende Anmerkungen (paragrafai), später auch monographische Abhandlungen über einzelne Sachgebiete. Wir kennen diese der justinianischen Gesetzgebung nachfolgende Rechtsliteratur hauptsächlich durch die Vermittlung eines sehr viel späteren Gesetzgebungswerks, der Basiliken, und der mit diesem Gesetzbuch verbundenen Kommentare.

Die B a s i l i k e n (ta basilika = das Kaiserrecht 26) sind eine unter Leo dem Weisen (886-911) entstandene griechische Bearbeitung der justinianischen Kodifikation, in der die sachlich zusammengehörenden Digestenfragmente und Codexkonstitutionen samt den einschlägigen Novellen und Exzerpten aus den Institutionen jeweils in einen Titel zusammengefaßt und auf insgesamt 60 Bücher verteilt sind. Zur Herstellung dieses Gesetzbuches benutzte man nicht die lateinischen Originaltexte (die damals kaum noch jemand verstanden haben wird), sondern griechische Summen aus der frühbyzantinischen Zeit. Die aus den Digesten stammenden Basilikentexte sind der Digestensumme eines Autors entnommen, dessen Name damals schon nicht mehr bekannt war und den deshalb die Byzantiner selbst den Anonymus nannten. Für den Codex gebrauchte man hauptsächlich die unmittelbar nach der Publikation dieses Teils der justinianischen Gesetzgebung entstandene Summe des Thalelaeus. Die Institutionenstellen schließlich entnahm man einer griechischen ---Paraphrase, die uns außerhalb der Basilikenüberlieferung nahezu vollständig erhalten geblieben ist 27). Nur für die Novellen benutzte man den (griechischen) Urtext.

Schon der Basilikentext selbst besteht also zum ganz überwiegenden Teil aus Arbeiten der frühbyzantinischen Rechtsschule. Weitere Stücke aus dem Schrifttum dieser Rechtsschule verband man mit dem Basilikentext nach Art eines "Kettenkommentars" (xcrnjv), wie er auch in der byzantinischen Theologie üblicI war: Man erläuterte jede Basilikenstelle durch eine Kette von Exzerpten aus Werken, die unter Justinian oder bald nach ihm zu den Digesten oder zum Codex geschrieben worden waren 28). Im Gegensatz zum Basilikentext enthalten diese ,,J s1J.djjfl" nicht nur eine knappe Inhaltsangabe der justinianischen Vorlagen in griechischer Sprache, sondern Erklärungen und Hinweise von mancherlei Art. Sie sind darum für das Verständnis der justinianischen Kodifikation von erheblicher Bedeutung. Da zwei ihrer Autoren (Dorotheus und Theophilus) Mitarbeiter der justinianischen Gesetzgebungskommissfon gewesen waren (s. o. 5. 148), also den voraufgehenden Rechtszustand noch gekannt haben, begegnen in diesen Scholien sogar noch vereinzelte Spuren vorjustinianischen Rechts.

Neben den alten, ursprünglich zu den Digesten und zum Codex geschriebenen Schollen enthält der Basilikenkommentar auch jüngere, von vorn herein auf den Basilikentext bezogene Anmerkungen, deren Entstehungszeit bis in das 13. Jahrhundert hinabreicht. Der Scholienapparat zu den Basiliken liefert uns also einen.Jrgd t.jç die Geschichte der byzantinischen Jurisprudenz. Deren Niveau war zu allen Zeiten ungleich. Schon unter den Autoren der frühbyzantinischen Zeit finden sich schwache Geister und noch unter den späten Scholiasten schirfsinnige Köpfe. Insgesamt reichen ihre Leistungen jedoch nicht an die der mittelalterlichen Juristen des Abendlandes heran. Ausschließlich der Erklärung der justinianischen -Gesetzgebung zugewandt, standen sie der Praxis ihrer Zeit und deren Bedürfnissen sehr fern. Ihr Verständnis der justinianischen Texte ist oft unvollkommen. Schöpferische Gedanken trifft man bei ihnen selten.

Der Drang nach Vereinfachung und Vulgarisierung des überkommenen Rechts, der sich im Westreich ungehemmt entfalten konnte und das Gesicht der dürftigen Römerrechte der Westgoten und Burgunder geprägt hat, ist im Osten durch die Arbeit der Rechtsschulen und die großangelegte Kodifikation Justinians nur eben aufgehalten, nicht beseitigt worden. Daß er die Rechtspraxis weitgehend beherrschte, zeigen vor allem die primitiven Rechtsbücher aus der Zeit der isaurischen Kaiser des 8. Jahrhunderts. Ob die Rückwendung zum justinianischen Recht, die sich in der Schaffung der Basiliken ausprägt, die Praxis tief beeinflußt hat, erscheint sehr zweifelhaft. Jedenfalls tritt auch in der an die Basiliken anknüpfenden Rechtsliteratur eine fortschreitende Tendenz zur Verkürzung und Verflachung hervor. Am Ende dieser Entwicklung steht ein Handbuch des gesamten Rechts in sechs Büchern (édi1.Jas um das Jahr 1345 ein gewisser Konstantin Harmenopoulos; RTcTter in Thessalonike, verfaßt hat. In der verkümmerten Gestalt, in der es in dieser Schrift dargeboten wurde, überlebte das justinianische Recht die Türkenzeit. Infolgedessen galt auch im modernen Griechenland römisches Recht, bis 1941 ein stark von der deutschen Zivilrechtswissenschaft beeinflußtes, aber auch an die eigene romischrechtliche Tradition anknüpfendes bürgerliches Gesetzbuch eingeführt wurde.

II. I m A b e n d 1 a n d herrschte, wie wir sahen, während des Frühmittelalters das weströmische Vulgarrecht, hauptsächlich auf der Grundlage der Lex RomlanaVisigotorum. Nur in Italien war nach dem Untergang des Ostgotenreichs durh ein Gesetz Justinians vom Jahre 554, die sog. S a n c t i o p r a g rn a t i c a p r o P e t i t i o n e V i g i 1 i i, die justinianische Gesetzgebung eingefiihrt worden; Codex, Institutionen und Novellen (in der Gestalt der Epitome Juliani ...) blieben hier dauernd bekannt; von einer Kenntnis der Digesten dagegen findet sich während des ganzen frühen Mittelalters keine sichere Spur. Auch in Italien sank die Rechtswissenschaft auf den denkbar niedrigsten Stand herab. Vergeblich hat sich die moderne Forschung bemüht, eine durchlaufende Schultradition des römischen Rechts von einigem Range für Italien nachzuweisen.

Um so erstaunlicher ist der mächtige Aufschwung, den die Pflege des römischen Rechts in Italien am Ausgang des 11. Jahrhunderts genommen hat. Er hängt ohne Zweifel mit dem Bekanntwerden der Digesten zusammen 29). In ihnen wurde die Kraft und Größe der römischen Jurisprudenz dem Abendlande wiedergeschenkt. Es bedurfte nur der Fähigkeit, dieses tiefgründige und schwere Werk zu meistern. Dafür, daß diese Fähigkeit gerade am Ende des 11. Jh. vorhanden war, lassen sich mancherlei Ursachen anführen: der geistige Aufschwung, der mit der wirtschaftlichen Frühblüte der Städte Italiens am Vorabend der Kreuzzüge verbunden war, die logische Schulung durch die scholastische Theologie und das Bestehen einer achtbaren Schule des lombardischen Rechts in Oberitalien. Aber neben solchen Faktoren waren nach allem, was wir wissen, die geistige Tat eines einzelnen Mannes von entscheidender Bedeutung. Der Bolognese I r n e r i u s, von Hause aus vermutlich ein Lehrer der Rhetorik, drang beim Studium der Digesten so tief in den Geist des römischen Rechts ein, daß er das Werk verstehen und beherrschen lernte. An Irnerius knüpft sich die ruhmvolle Entwicklung der Rechtsschule von Bologna an, der ältesten Universität des Abendlandes neben der theologischen Hochschule von Paris. Ihr traten im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts eine Reihe ähnlicher Schulen in anderen Städten Ober- und Mittelitaliens und Südfrankreichs zur Seite.

Irnerius und seine Nachfolger bis ins 13. Jahrhundert handhabten, ähnlich wie zuvor die oströrnischen Rechtslehrer, die exegetische Methode. Sie erklärten in ihren Vorlesungen den Text des Corpus iuris Titel für Titel und Satz für Satz. Die Literaturform, die dieser Unterrichtsmethode entsprach und darum für die ältesten Juristen des mittelalterlichen Abendlandes charakteristisch ist, ist die G 1 o s s e, eine Erläuterung durch knappgefaßte Anmerkungen, die sich an einzelhneWorte des Textes anschlossen. Urfall der Glosse ist die reine Worterklärung (daher die Bezeichnung (glwssa = das dem allgemeinen Sprachgebrauch fremde und deshalb erklärungsbedürftige Wort). Wie sich heute noch der Gymnasiast beim Studium des Cicero oder Horaz die Bedeutung der Worte, die er nachschlagen mußte, über der Zeile (Interlinearglosse) oder am Rande (Marginalgiosse) notiert, so verfuhren auch die Juristen des Mittelalters. Es ergab sich von selbst, daß auch juristische Erklärungen einflossen: daß andere Quellenstellen vermerkt wurden, die dasselbe oder Abweichendes besagten, daß der Versuch unternommen wurde, die Abweichungen zu begründen und überhaupt die begrifflichen und logischen Hintergründe der Texte bloßzulegen. Durch fortlaufende Glossierung der einzelnen Teile der justinianischen Gesetzgebung entstanden ganze Glossenapparate, und das Gewebe dieser Anmerkungen, die den Rand der mittelalterlichen Handschriften des Corpus iuris bedeckten, schuf überall die Querverbindungen, die zur Übersicht und zum Verständnis der riesigen Stoffmasse erforderlich waren, klärte die begrifflichen Zusammenhänge und deckte die Widersprüche auf, freilich nur, um sie sofort wieder hinwegzudeuten; denn wie dem Theologen die Bibel, so war dem Juristen des Mittelalters das Corpus iuris der Weisheit letzter Schluß; alle Widersprüche konnten nur scheinbar sein, und es mußte irgendeine Möglichkeit geben, sie aufzulösen. Staunenswert ist schon die rein gedächtnismäßige Leistung dieser Juristen, die imstande waren, eine nur nach Titelüberschrift und Anfangsworten zitierte Digestenstelle ohne großen Zeitverlust aufzuschlagen; nicht minder groß aber ist ihr Scharfsinn, der auch dem modernen Forscher oft noch den Weg zum richtigen Verständnis weisen kann. Nach ihrer maßgebenden Literaturform nennen wir sie G 1 o s s a t o r e n. Sie schrieben freilich auch noch Werke anderer Art: knappe Inhalttszusammenfassungen (summae), ähnlich den indikeß der Byzantiner ... , Erläuterungen einzelner Quellenstellen durch erfundene Rechtsfälle (casus), Darstellungen begrifflicher Unterscheidungen (distinctiones), Sammlungen von Kontroversen (dissensiones dominorum 30), monographische Behandlungen einzelner Rechtsgebiete, insbesondere des Prozesses u. a. m.

Noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die Arbeit der voraufgehenden Glossatorengenerationen von dem Bologneser Rechtslehrer A c c u r s i u s in einem Glossenapparat zum gesamten Corpus iuris zusammengefaßt der sich alsbald ein kanonishes Ansehen errang, die älteren Glossenapparate aus dem Gebrauch verdrängte und hinfort in allen Handschriften (auch in den älteren Drucken) des Corpus iuris dem Text beigegeben wurde. Diese sog. G l o s s a o r d i n a r i a ist der sinnfällige Ausdruck dafür, daß die Aufgabe der Durchdringung und Bewältigung der justinianischen Gesetzgebung im wesentlichen erfüllt war.

Inzwischen hatte das Corpus iuris auch im p r a k t i s c h e n R e c h t s1 e b e n I t a 11 e n s Eingang gefunden. Hier stießen seine aus den Verhältnissen des Altertums erwachsenen Normen auf eine ganz andersartige Umwelt; es traten immer wieder Fragen auf, die sich aus dem Corpus iuris nicht unmittelbar beantworten ließen. So sahen sich die italienischen Juristen vom Ausgang des 13. Jahrhunderts an vor neue Probleme gestellt: Sie mußten das Recht der justinianischen Gesetzgebung den Verhältnissen und Bedürfnissen ihrer eigenen Zeit anpassen. Mit den Mitteln formallogischer Auslegungsmethoden, durch einschränkende und ausdehnende Interpretation, durch subtile Unterscheidungskünste und kühne Analogien bewältigten sie diese Aufgabe. Für eine derartige Arbeit war die knappe Glosse nicht mehr die geeignete literarische Form. An ihre Stelle traten deshalb jetzt breit angelegte Kommentare zu den justinianischen Rechtsbüchern, die gerade an den Stellen besonders ausführlich wurden, wo es galt, neue Gesichtspunkte für die Praxis abzuleiten. Die Beweisführung schloß sich oft enger an die accursische Glosse als an den justinianischen Quellentext selbst an. Kommentarwerke dieser Art, die eine ähnliche Autorität wie die accursische Glosse gewannen, verfaßten vor allem B ar t o 1 u s de Saxoferrato (1314-1357) und sein Schüler B aldus dc Ubaldis (1327-1400). Im Hinblick auf sie pflegt man heute diese jüngere Richtung der mittelalterlichen italienischen Jurisprudenz der Glossatorenschule als K o mm entatore n schule gegenüberzustellen 31).

In den auf Bartolus und Baldus folgenden Generationen traten freilich statt der Kommentare, deren nur noch wenige entstanden, mehr und mehr die Veröffentlichungen von Rechtsgutachten (cons um) in den Vordergrund der literarischen Produktion (wes halb Wi e a c k e r lieber von den 'Konsiliatoren' spricht). Die Konsilien, die ganz unmittelbar der Lösung praktischer Rechtsfälle gewidmet waren, gingen in der anpassenden Umgestaltung des römischen Rechts noch erheblich über die Kommentarwerke hinaus. Die Humanisten des 16. Jh. und alle diejenigen unter den Späteren, deren Interesse sich einseitig auf das reine römische Recht konzentrierte, schätzten die Leistungen der Kommentatoren gering; sie vermißten bei ihnen das Verständnis für den historischen Sinn der römischen Rechtsnormen und fanden ihre breite und langatmige, mit zahllosen Zitaten durchsetzte Darstellungsweise geschmacklos. Heute hat man eingesehen, daß die Kommentatoren bei aller ihrer umständlichen Gelehrsamkeit schöpferische Juristen waren, die ihrer eigenen Zeit und der Zukunft dienten, indem sie aus spärlichen Anhaltspunkten in den römischen Quellen die Leitsätze für die Gestaltung neuer Rechtsbereiche entwickelten. So schufen sie z. B. die Grundlagen des internationalen Privatrechts, des Handelsrechts und der juristischen Geldlehre.

Der Einfluß der Kommentatoren drang weit über Italien hinaus. Hatten schon zur Glossatorenzeit große Scharen von Studenten aus Deutschland, Frankreich, Spanien und anderen Ländern die italienischen Universitäten aufgesucht, so wurden die Kommentatoren in noch höherem Grade die juristischen Lehrmeister Europas. An den im Laufe des späteren Mittelalters überall in West- und Mitteleuropa entstandenen Hochschulen, die zunächst meist einen ausgesprochen theologischen Charakter getragen und dementsprechend in erster Linie das koni- he Recht gepflegt hatten, erwuchsen seit dem 15. Jahrhundert Pflanzan 'sc stätt-en der Kommentatorenwissenschaft. So wurde diese Wissenschaft in einem außerordentlich raschen, fast schlagartigen Entwicklungsgange zur Grundlage einer gemeineuropäischen Rechtskultur. In ihr - und damit in dem praktisch angewandten und den Zeitbedürfnissen angepaßten römischen Recht - ruhen die Wurzeln des heutigen Rechtslebens der kontinentaleuropäischen Völkergemeinschaft und vieler Nationen außerhalb Europas, die ihre Rechtsordnung früher oder später aus Europa entlehnt oder im Anschlug an europäische Traditionen gestaltet haben. Ihr ist es (von späteren Querverbindungen abgesehen) in der Hauptsache zu danken, daß sich die Juristen aller dieser Länder, der Sonderentwicklung ihrer Rechte zum Trotz, auf der gemeinsamen Grundlage römischer Rechtsbegriffe noch heute bis zu einem gewissen Grade verständigen können, ähnlich wie Italiener und Spanier einander verstehen, weil ihre Sprachen beide auf dem Lateinischen beruhen. Ausgeschlossen von dieser großen Rechtsfamilie blieb der angelsächsische Bereich, weil England, das schon im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Frühblüte der Glossatorenschule, von den ersten Einflüssen des römischen Rechts erreicht worden war, sich diesen Einflüssen später bewußt verschlossen hat. Hier bestand schon gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts ein innungsmäßig organisierter einheimischer Juristenstand, der das fremde Recht und seine Methoden ablehnte. Dieser nationalenglische Juristenstand war es, der aus seiner eigenen Tradition heraus dem angelsächsischen Recht jene Züge verliehen hat, die es heute so scharf von der kontinentalen Rechtswelt abheben, Züge, die übrigens in ihrer Eigenwilligkeit oft überraschend an die Struktur des klassischen römischen Rechts erinnern 32).

Nur ein Teilstück der Ausbreitung der Kommentatorenwissenschaft und des römischen Rechts über Europa ist der Vorgang, den wir als die R ez e p t i o n des römischen Rechts in Deutschland bezeichnen.Es erhält eine besondere Note nur durch das relativ große Ausmaß, in dem dabei die positiven Normen des römischen Rechts zu praktischer Geltung gelangten. Infolge der politischen Zerrissenheit Deutschlands war das deutsche Recht des Spätmittelalters in zahllose lokale Sonderrechtsordnungen zerklüftet und vermochte darum dem Eindringen des fremden Rechts nicht den gleichen Widerstand entgegenzusetzen, den etwa im nördlichen Frankreich das von der Krone planmäßig gesammelte germanische Gewohnheitsrecht (die Couturnes) zu leisten vermochte. Faßten daher anderwärts weniger die konkreten Einzelsätze als die von den Kommentatoren am römischen Recht entwickeltejuristische Methode festen Fuß, so wurden in Deutschland die in ihrer Isolierung und Zersplitterung verkümmerten einheimischen Rechtsnormen vielfach von dci Flut des fremden Rechts hinweggeschwemmt. Auf diese Weise wurde Deutschland eine Hochburg des römischen Rechts. Nur dort, wo - wie z. B. im sächsischen Bereich - größere Rechtsgebiete mit mehr oder weniger einheitlichem Charakter bestanden, hielt sich das deutsche Recht besser. Von diesen Stellen aus sind in der Folgezeit manche Rechtsmaterien, vor allem im Bereich des Sachen- und Familienrechts, bis zu einem gewissen Grade von der Vorstellungswelt des nationalen Rechts zurückerobert worden.

Gegenstand der Rezeption war, wie schon angedeutet, das Recht der justinianischen Gesetzgebung in der eigenartigen Ausgestaltung, die ihm die Kommentatoren gegeben hatten, dazu, vor allem im Bereich des Prozesses, das auf den Rechtsquellen der Kirche beruhende, aus römischen, germanischen und spezifisch christlichen Elementen erwachsene kanonische Rech 33), endlich das an den italienischen Universitäten gelehrte langobardische Lehnsrecht34), ein ziemlich buntes Gemenge von Rechtsnormen also, in dem aber das Römische, wenn auch stark verändert, doch das Kernstück bildete. Zeitlich erstreckt sich der Rezeptionsvorgang in der Hauptsache über das ausgehende 15. und das 16. Jahrhundert. Der politischen und rechtlichen Zersplitterung Deutschlands entsprach es, daß sich die Rezeption örtlich zu verschiedener Zeit und auf unterschiedliche Weise abspielte. Daß das oberste Gericht des Reichs, das 1495 neugestaltete Reichskammergericht, zur Hälfte mit Doctores iuris, also mit römisch gebildeten Juristen besetzt und angewiesen war, nach des Reichs gemeinen Rechten, d. h. nach den eben umschriebenen Rechtsnormen der Kommentatoren zu urteilen, gab der bereits an vielen Stellen in Fluß befindlichen Rezeptionsbewegung einen kräftigen Anstoß. Nach dem Vorbild des Reichskammergenchts schufen sich auch die Landesherren gelehrte Obergerichte, und durch ihre Rechtsprechung pflanzte sich die Rezeption gewissermaßen von oben nach unten fort. Zugleich aber wurde an die noch mit Laien besetzten Gerichte das fremde Recht von den Prozeßparteien selbst herangetragen, well diese begannen, sich gelehrter Anwälte zu bedienen. Die Gerichte wurden dadurch gezwungen, auch ihrerseits gelehrte Juristen zuzuziehen: in den Städten die Stadtadvokaten oder Syndici, die bisher nur zur Vertretung vor fremden Gerichten oder zu diplomatischen Diensten gebraucht worden waren, auf dem Lande die fürstlichen Beamten oder auch die Professoren einer benachbarten Juristenfakultät. Vielfach wendeten sich die Prozeßparteien auch von vornherein unter Umgehung der Laiengerichte an die fürstlichen Beamten als schiedsrichterliche Instanz. Zu alledem trat, schon in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts beginnend, vielerorts die Einführung römischer Rechtssätze durch die Gesetzgebung der Landesherren und der Städte.

Der radikale Bruch mit dem bisherigen Rechtsleben, der in dieser Entwicklung lag, wurde den Zeitgenossen keineswegs in seiner vollen Tragweite klar. Galt doch das heilige römi'he Reich deutscher Nation als die Fortsetzung des antiken römischen Reichs und darum das Recht des Corpus iuris Justinians als sein angestammtes Recht, während man das bodenständige Recht Deutschlands als das Produkt einer sekundären und z. I. mißbräuchlichen Entwicklung anzusehen geneigt war. Die Bschwerden, die uns in den Geschichtsquellen der Rezeptionszeit nicht selten begegnen, richten sich darum mehr gegen die gelehrten Juristen und ihr unverständliches Gehaben als gegen das fremde Recht selbst. Aber auch den Rechtsgelehrten brachte das Zeitalter des Humanismus weithin ein günstiges Vorurteil entgegen. Humanismus und Ausbreitung der gelehrten Jurisprudenz waren ja nur Teilerscheinungen eines und desselben Vorgangs, der Entstehung einer am Vorbilde des klassischen Altertums ausgerichteten weltlichen Bildung, welche die von den Traditionen der Kirche beherrschte und mehr oder weniger den Geistlichen vorbehaltene Bildungswelt des Mittelalters ablöste.

Wenn somit der Hurnanismus der Ausbreitung der gelehrten Rechtswissenschaft und des römischen Rechts in gewissem Sinne den Weg bereiten half, trat er doch andererseits in einen scharfen Gegensatz zu den in Rechtslehre und Praxis herrschenden Methoden dieser Wissenschaft. Den feingeistigen Kennern der antiken Klassiker konnte weder die schwülstige Sprache noch die ganz unhistorische, spitzfindig-scholastische Auslegungsweise der Kommentatoren und ihrer Schüler zusagen. Es konnte nicht ausbleiben, daß man wie Cicero und Livius, so auch die römischen Rechtsquellen als Zeugnisse antiker Kultur zu betrachten unternahm, wenig bekümmert um ihre praktische Geltung und um den ganzen Wust von Kontroversen und oft sehr kühnen Konstruktionen, mit denen die jahrhundertelange Arbeit der mittelalterlichen Juristen die klaren Linien dieser Quellen zugedeckt hatte.

Am Anfang dieser humanistischen Betrachtung des römischen Rechts (der sog. e 1 e g an t e n Jur i s p r u d.e n z) steht neben dem Italiener A n d r e a s A l c i a t u s (1492-1540) auch ein deutscher Jurist: U l r i c h Z a s i u s (1461-1535), Professor und Stadtschreiber in Freiburg i. Br. Auch sonst hat die junge deutsche Rechtswissenschaft einiges zu den Leistungen der humanistischen Jurisprudenz beigetragen. So stammt die erste Ausgabe der griechischen Novellen Justinians (im Rahmen einer Gesamtausgabe des Corpus iuris, die 1529-31 in Nürnberg erschien) von G r e g o r i u s H a l o a n d e r (Gregor Meltzer) aus Zwickau. Allein auf die Dauer konnte sich die humanistische Richtung weder in Italien, wo die Tradition der Kornmentatoren übermächtig war, noch in Deutschland, wo die praktischen Aufgaben der Rezeption alle Kräfte in Anspruch nahmen, wirklich durchsetzen. Ihre eigentliche Heimat ist darum Frankreich geworden, wo schon Alciat zeitweise gelehrt hatte. Vor allem war es die junge Hochschule von Bourges, an der sich die humanistische Jurisprudenz zur höchsten Blüte erhob. Hier lehrte im 16. Jahrhundert eine Reihe von Männern, deren Leistungen für das Verständnis des antiken römischen Rechts auch heute noch bewundert und von der modernen Forschung dankbar benutzt werden, allen voran J a c o b u s C u i a c i u s (Jacques Cujas, 1522 bis 1590; ... ), der juristischen und philologischen Scharfsinn mit umfassender Kenntnis der gesamten antiken Überlieferung verband, und H u g o D o n e 11 u s (Doneau, 1527-1591), der bedeutendste Systematiker des römischen Rechts bis auf Savigny. Die Blüte der humanistischen Jurisprudenz in Frankreich war übrigens nicht von langer Dauer. Ein großer Teil der besten Männer dieser Richtung hing dem reformierten Glauben an und mußte, als 1573 die große Hugenottenverfolgung ausbrach, das Land verlassen. So ist Donellus als Professor an der nürnbergischen Universität Altdorf gestorben, nachdem er (gleich anderen französischen Humanisten) zeitweise auch in Heidelberg gelehrt hatte. Eine dauerhafte humanistische Tradition schufen die französischen Emigranten nur in den Niederlanden. In diesem reichen Lande, das der Pflege von Kunst und Wissenschaft eine günstigere Stätte bot als das im 30jährigen Krieg verarmte Deutschland, hat die elegante Jurisprudenz bis ins 18. Jahrhundert mit bedeutenden Leistungen fortgelebt.

Wie sich das römische Recht in Deutschland und anderen Ländern weiterentwickelte, wie es sich dabei im einzelnen mit dem ererbten nationalen Rechtsgut, mit den praktischen Bedürfnissen und dem naturrechtlichen Ideengut der Aufklärungszeit auseinandersetzte und wie aus dieser Auseinandersetzung die Grundlagen der heutigen Rechtssysteme Europas erwuchsen, das ist in dieser Darstellung, deren eigentlichen Gegenstand das antike, römische Recht bildet, nicht zu erörtern. Es ist auch nicht möglich, auf die mannigfaltigen Ausstrahlungen einzugehen, die von dem staatlichen Denken der Römer, vermittelt durch den Humanismus des 16. und den Klassizismus des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, auf die politische Entwicklung der Neuzeit eingewirkt haben. Die Geschichte dieser Einflüsse, die teils äußerlicher Natur sind, teils aber auch tief in die Struktur des politischen Lebens eingegriffen haben, ist erst stückweise geschrieben. Wohl aber muß noch angedeutet werden, wie seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Erforschung des antiken römischen Rechts einen neuen Aufschwung genommen hat. Ausgangspunkt und für mehr als ein Jahrhundert auch Mittelpunkt dieser Bewegung war diesmal Deutschland, und die Persönlichkeit, von der sie ihren eigentlichen Ausgang nahm, war F r i e d r i c h C a r 1 v. S a v i g n y (1779-1861).

So wie die elegante Jurisprudenz in der humanistischen Bewegung wurzelte, erwuchs auch Savignys ,,h i s t o r i s c h e R e c h t s s c h u 1 e" aus der geistigen Entwicklung seiner Zeit, aus dem Umbruch, in dem die rationalistische, ungeschichtliche Denkweise der Aufklärung überwunden und neue Regionen der Geisteswelt und des menschlichen Innenlebens erschlossen wurden. Klassik und Romantik in der deutschen Dichtung, klassizistische Vorliebe für die Antike und romantische Begeisterung für die mittelalterliche Kunst und Kultur, die Begründung der modernen Altertumswissenschaft und die Entstehung der germanischen Philologie sind die teils nach-, teils nebeneinander in Erscheinung tretenden gegensätzlichen Folgen dieses Umbruchs. In der Persönlichkeit Savignys lebte beides, Kiassizistik und Romantik. Von der Romantik beeinflußt war die Lehre, die er der rationalistischen Experimentierlust der Aufklärung und insbesondere auch der französischen Revolution als Bollwerk konservativer Staats- und Rechtsauffassung entgegensetzte: daß das Recht in allmählicher, fast unmerklicher Entwicklung vom "Volksgeist", der im Verborgenen webe, entwickelt und immer schärfer mit den Wesenszügen der Nation ausgeprägt werde. So einseitig diese Auffassung ist, Savigny hat damit das Recht als geschichtliche Erscheinung erst in vollem Maße entdeckt und zum Gegenstand einer im höheren Sinne historischen Betrachtung erhoben. Klassizistisch ist Savignys Freude an den "edlen Linien" des römischen Rechts, die ihn sein Leben dieser fremden und nicht der nationalen Rechtswelt widmen ließ. Mit diesem seinem klassizistischen Formgefühl, aber auch mit dem Drang der von ihm überwundenen ,, Naturrechtslehre" zur Systematik hängt schließlich die gewaltige konstruktive Kraft zusammen, die schon das Werk des 24jährigen über das Recht des Besitzes zu einer juristischen Meisterleistung werden ließ und die sich nicht minder in dem großen Alterswerk, dem ,'System des heutigen römischen Rechts" bewährt hat.

Auf Savigny gehen die Grundströmungen zurück, welche die Entwicklung der Wissenschaft vom römischen Recht in Deutschland während des 19. Jahrhunderts beherrschten. Unter ihnen überwog die systematische lange Zeit hindurch die historische Strömung. Bis zum 1. Januar 1900 in großen Teilen Deutschlands unmittelbar geltendes Recht, stand das römische Recht in Lehre und Praxis im Mittelpunkt des zivilrechtlichen Denkens. In immer strengerer Dogmatik durchgebildet, erhob die wissenschaftliche Darstellung des "reinen" römischen Rechts beinahe den gleichen Anspruch eines allgemeingültigen Vernunftsrechts wie einst im 18. Jahrhundert die geschichtslose Naturrechtslehre. Durch ihren Einflug auf die Praxis führte sie auf manchen Gebieten eine ,Spätrezeption" römischer Rechtssätze herbei. Sie gab auch dem Bürgerlichen Gesetzbuch, das der unmittelbaren Geltung des römischen Rechts ein Ende bereitete, sein eigentümliches Gesicht: nicht nur der überwiegende Teil seines Inhalts, sondern auch sein Geist ist römisch, wenigstens in dem Sinne, in dem das 19. Jahrhundert das römische Recht verstand. Darum war es sinnvoll, wenn noch Jahrzehnte nach der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs die Vorlesung über römisches Privatrecht die Rolle einer Einführung in das privatrechtliche Denken überhaupt und in das bürgerliche Recht im besonderen behielt.

Die heutige Betrachtung des römischen Rechts sieht in ihm vor allem ein wesentliches Stück der Geschichte unserer Rechtskultur. Sie richtet ihr Augenmerk nicht, wie das 19. Jahrhundert, in erster Linie auf seine Verarbeitung zu einem geschlossenen logischen System, sondern auf die Erkenntnis seiner geschichtlichen Entfaltung, die uns in ihrer Erstreckung über zweieinhalb Jahrtausende (das Nachleben des römischen Rechts mitgerechnet) das geschichtliche Wesen des Rechts überhaupt, den Bedeutungswandel seiner Normen im Wechsel der Umwelt und die schrittweise Erarbeitung überzeitlicher Werte unserer Rechtskultur in einzigartiger Weise vor Augen führt. Voraussetzung einer solchen Betrachtungsweise ist aber nicht nur die Erkenntnis der rechtsgeschichtlichen Entwicklungsvorgänge als solcher, sondern auch ihre Deutung aus der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Umwelt in enger Fühlung mit den historischen Nachbarwissenschaften. Mit ihrer Bemühung um die Lösung dieser Aufgaben steht die Wissenschaft vom römischen Recht auf den Schultern T h e o d o r M o m m s e n s (1817-1903), der, von Hause aus Jurist und von der Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts in der 'scharfen Erfassung und systematischen Verknüpfung seiner Erkenntnisse geschult, mit umfassender Beherrschung der gesamten römischen Überlieferung alle Zweige der römischen Altertumswissenschaft auf neue Grundlagen gestellt und auf ihre gemeinsamen Aufgaben hingewiesen hat.

ANMERKUNGEN Nr. 26 - 34.

26) Der byzantinische Kaiser führte wieder den alten griechischen Königsnamen basileuß.

27) Maßgebende Ausgabe von C. F e r r i n i , Institutionum Graeca paraphrasis Theophilo antecessori vulgo tributa (2 Bde. 1884, 1897). Die Zuschreibung an Theophilus, den Mitarbeiter Tribonians (auch bei der Abfassung der Institutionen) wird von manchen, insbes. von F e r r i n i bestritten.

28) Nach der ... Abhandlung von H. P e t e r s hatte schon der Anonymus seine Digestensumme mit einer Katene aus den Werken der justinianischen und unmittelbar nachjustinianischen Zeit versehen und wurde diese Katene danach auf den (aus der Summe des Anonymus gebildeten) Basilikentext übertragen. Diese von H. J. S c h e I t e m a bestrittene, von F. P r i n g s h ei m verteidigte Hypothese lagt sich wohl nicht aufrechterhalten. ...

29) Die (heute nicht mehr vorhandene) Digestenhandschrift, auf welche die italienischen Handschriften des hohen und späteren Mittelalters zurückgehen, der sog. Codex S(ecundus), ist, wie in der ... Abhandlung von I. M i q u é l dargelegt wird, vermutlich um die Mitte des 11. Jh. in Unteritalien geschrieben worden. Dort muß sich damals auch die berühmte florentinische Handschrift ... befunden haben. Denn der Schreiber von S. hat sie nebst einer anderen Handschrift als Vorlage benutzt. Eine (bisher ziemlich allgemein verworfene) Tradition besagt denn auch, daß die Florentina im J. 1135 von den Pisanern in Amalfi (am Golf von Salerno) erbeutet und nach Pisa gebracht worden sei (von wo sie 1406 nach Florenz kam).

30) 'Domini' sind die Rechtslehrer der Glossatorenzeit.

31) Die früher übliche Bezeichnung ,'Postglossatoren' kennzeichnet die Kommentatoren zu Unrecht (s. u. im Text) als Epigonen.

32) Vgl. über diese Ähnlichkeiten H. P e t e r, Röm. Recht u. engl. Recht (1969).

33) Zusammengefaßt im Corpus iuris canonici, das ähnlich der justinianischen Gesetzgebung aus mehreren verschiedenarttgen Teilen bestand, aber nicht das Ergebnis eines einheitlichen und planmäßigen Gesetzgebungsvorgangs war, sondern im Lauf der Jahrhunderte (vom 12. bis 14. Jh.) entstanden ist.

34) Seit der Glossatorenzeit waren die Quellen des langobardischen Lehensrechts, die libri feudoruni, darunter auch Gesetze mittelalterlicher deutscher Kaiser, den justin'ianischen Novellen als 'decima collatio novellarum' einverleibt.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de