'Antike Rechtsgeschichte' als vergleichende Kulturgeschichte. Aus: Ulrich Manthe, (Hg.), Die Rechtskulturen der Antike.

Text entnommen aus: Ulrich Manthe, (Hg.), Die Rechtskulturen der Antike. Vom Orient bis zum Römischen Reich, München 2003, S. 7 - 13 (Ulrich Manthe, Einleitung).


«Was wir als Anfänge glauben nachweisen zu können, sind ohnehin schon ganz späte Stadien.» So wie es Jacob Burckhardt im ersten Kapitel seiner Weltgeschichtlichen Betrachtungen formuliert hat, müssen der Herausgeber und die Beiträger zu dem vorliegenden Band über die Rechtskulturen der Antike allzu große Erwartungen ihrer Leserinnen und Leser von vornherein dämpfen. Die Frage nach Zeitpunkt und Verlauf der Entstehung des Rechts können wir nicht beantworten. Um darüber Klarheit zu schaffen, müßte man viel tiefer in die Vergangenheit vordringen, als es uns möglich ist. Wir beginnen in diesem Buch erst mit der Zeit, in der die ersten schriftlichen Quellen erscheinen - also mit den Anfängen der Geschichte in engerem Sinne. Die Menschheit hat aber, bevor die Geschichte in Ägypten und Sumer begann, schon Millionen Jahre erlebt, und der Zeitraum der «Rechtskulturen» steht ganz am Ende der Entwicklung.

Wir wollen aber dennoch einige Überlegungen zur Vorgeschichte anstellen, um zu sehen, an welchem Punkt die bezeugte Geschichte und damit die Beiträge dieses Bandes ansetzen. Es gibt mancherlei Ansichten über die Entstehung des Rechts. Einigkeit besteht darin, daß der entscheidende Entwicklungsschritt der Übergang der mittelsteinzeitlichen in die jungsteinzeitliche (neolithische) Kultur war. Die Jäger- und Sammlergesellschaft der Alt- und Mittelsteinzeit kannte nur eine einfache Art der Nahrungsbeschaffung. Das gejagte Wild mußte alsbald verzehrt werden, denn das Fleisch war, auch wenn es gepökelt war, nur kurze Zeit haltbar, und die gesammelten Früchte verdarben bald, auch wenn sie gedörrt waren. So mußten die Jäger und Sammler ständig neue Nahrung herbeischaffen. Daß jemand Vorräte für lange Zeit anlegte und damit Reichtum ansammelte, war demnach nicht möglich. Gewiß gab es Arbeitsteilung und etwas Tauschhandel. Die geschlechterbedingte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen dürfte damals wohl noch keine rechtsförmige Bedeutung erlangt haben, denn die Verteilung der von den Männern erjagten und von den Frauen gesammelten Nahrungsmittel geschah wohl eher durch einverständliche Teilung als durch rechtsgeschäftlichen Tausch. Doch gab es sicher einzelne Personen, die sich an der Nahrungsproduktion in geringerem Umfang beteiligten als andere, vielmehr besondere Fähigkeiten einbrachten, indem sie tradiertes Wissen als Schamane, Heiler oder Werkzeughersteller nutzbar machten; hier kann man sich vorstellen, daß sie für die Ausübung ihrer Kunst eine Art Entgelt erhielten. Da der Lohn aber doch nur in verderblichen Nahrungsmitteln und Dingen des täglichen Gebrauchs bestehen konnte, haben auch solche Personen kaum Reichtümer ansammeln können; ihre Erwerbsquelle versiegte mit ihrem Tode und war daher auch nicht auf die Nachkommen übertragbar. Vielleicht lebten die Jäger und Sammler der Frühzeit spannungsfreier, als wir es tun; wo Reichtum fehlt, verringert sich der Bedarf an Konfliktlösung, und so brauchte es auch keine Häuptlinge auf Lebenszeit, die ihre Vormachtstellung ihren Nachkommen vererben konnten. Die wenigen Völker, die heute auf dieser Kulturstufe leben, bestätigen einigermaßen das Bild der akephalen (häuptlingslosen) Gesellschaft, das wir uns von dieser Phase der Menschheitsentwicklung machen.

Als die Menschheitsgeschichte schon weit fortgeschritten war, wurde eine alles verändernde Methode der Nahrungsbeschaffung gefunden. Man entdeckte, daß Tiere nicht nur gejagt, sondern auch gefangen und gezüchtet werden und so als lebendes Fleischreservoir dienen konnten; ebenso begann man, Früchte nicht nur zu sammeln, sondern auch zu säen und zu ernten, und der Ackerboden wurde ein nie versiegender Quell pflanzlicher Nahrung. Der Schritt zu Viehzucht und Ackerbau ging dem Sündenfall der Menschheit voraus, schuf er doch die Voraussetzungen für die Entstehung des Privateigentums und damit der Akkumulation und des Reichtums: Wer mehr Vieh oder mehr Boden besaß, wurde reicher als die andern; ja der Besitz wurde jetzt als ein Zugriffsrecht unter Ausschluß der anderen verstanden - eben als Eigentum. Wer Eigentümer war, war von seiner Arbeitskraft weniger abhängig als die andern; er konnte Nahrung und Gebrauchsgegenstände jetzt auch gegen den Uberschuß seiner Produktion eintauschen, sogar fremde Arbeitskraft zur Versorgung des Viehs und der Bearbeitung des Bodens einsetzen und den von seinen Arbeitnehmern erwirtschafteten Uberschuß zum eigennützigen Austausch verwenden. Es versteht sich, daß die damit vollzogene Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme fortwirkte: Die Reichen, die neben ihrer eigenen Arbeitskraft über Kapital verfügten, erwarben aufgrund ihres Eigentums auch die Früchte des Kapitals; die Armen hatten als Tauschmittel nur ihre Arbeitskraft, die kaum Uberschuß produzierte. In einer solchen Gesellschaft wurde fortan die Macht dauerhafter verteilt; manche wurden nicht mehr nur aufgrund ihrer höheren Fähigkeiten, sondern aufgrund ihres größeren Reichtums zu Häuptlingen, und sie gaben die Macht an ihre Nachkommen weiter. Die akephale Gesellschaft wandelte sich in eine hierarchische um.

Diese Kulturstufe der Ergänzung von Jagd und Sammeln durch Ackerbau und Viehzucht, in der sich erstmals Reichtum entwickeln konnte und die wir das Neolithikum nennen, betrat die Menschheit erstmals vor etwa TO ooo Jahren in Mesopotamien, in anderen Regionen wesentlich später. Die «neolithische Revolution» hat durch die Neugestaltung der Produktionsweise die menschliche Kultur mehr verändert als jemals zuvor und vielleicht auch mehr als die «industrielle Revolution» der Neuzeit. Mit dem Aufkommen von Reichtum, d.h. von Privateigentum an Produktionsmitteln, entwickelte sich der Streit um Güter als anthropologische Grundkonstante. Zugleich entstanden die ersten Methoden der friedlichen Konfliktlösung durch ein sozialverträgliches Verfahren, nämlich durch den Zivilprozeß. Dann versuchte ein Armer, mit Gewalt Anteil an den Gütern der Reichen zu erwerben, und bald reagierte die Gesellschaft mit dem Verbot der Privatrache und der Schaffung des Strafprozesses. Jetzt wurden die Horden und Stämme so groß, daß sie nicht nur geführt, sondern auch verwaltet werden mußten, und es entstanden der Staat und das öffentliche Recht.

Die vorstehende Skizze versteht sich nur als sehr vereinfachendes Denkmodell. Die neolithische Revolution ist in der Nahrungserzeugungsweise archäologisch faßbar; vom Rechtssystem der frühneolithischen Gesellschaft geben die Ausgrabungen aber keine Kenntnis. Doch könnte es so gewesen sein, und das oben geschilderte Bild der Menschheitsentwicklung ist 1877 von Lewis Morgan gezeichnet und von den Rechtsanthropologen des zo.Jhs. im wesentlichen bestätigt worden.' Natürlich war der Weg nicht geradlinig, und es gab viele Zwischenstufen und Rückentwicklungen; die Gleichsetzung der Jäger- und Sammlergesellschaften mit akephalen Gesellschaften und der Ackerbauer- und Viehzüchtergesellschaften mit «staatlichen» Gesellschaften trifft nur im grundsätzlichen zu, nicht in den vielen Einzelheiten. Jedenfalls aber ist die Abhängigkeit der Rechtsentwicklung von der Entwicklung des Eigentums und der Produktionsweise deutlich erkennbar.

Bevor wir uns den Rechtskulturen der Antike zuwenden, sei noch eine zweite Überlegung erlaubt. Aristoteles (der auch die Privatrechtsentwicklung als Folge der Wirtschaftsentwicklung im 1. Buch seiner Politik dargestellt hat) bestimmte die beiden Grundprinzipien der Gerechtigkeit als «verteilende» und «austauschende» Gerechtigkeit (Nikomachische Ethik 5). Die verteilende Gerechtigkeit (iustitia distributiva) gewährt jedem das Seine nach seinem Verdienst, seinen Fähigkeiten und Leistungen, dem einen also mehr, dem anderen weniger. In einer primitiven Gesellschaft, die sich mit ständig neuer Nahrungsbeschaffung befassen muß, werden die Güter verteilt; da aber niemand auf Dauer seine Guter aufbewahren kann, entsteht kein Reichtum. Die austauschende Gerechtigkeit (iustitia commutativa) tritt auf den Plan, wenn schon verteilt ist, aber jemand mehr hat, als er braucht, so daß jetzt ausgetauscht wird. Es entwickelt sich ein Rechtsgefühl dafür, daß gleiche Maße ausgetauscht werden. Die austauschende Gerechtigkeit verwirklicht keine Gleichheit, wie man meinen sollte, sondern bewahrt die durch die verteilende Gerechtigkeit geschaffene Ungleichheit, indem nur die Bilanz der Austauschvorgänge ausgewogen ist.

Seit der Entwicklung des Rechts verwirklicht jede Rechtsordnung beide Arten. Die verteilende Gerechtigkeit ist die des öffentlichen Rechts, wozu auch das Strafrecht zu zählen ist; nicht jeder Staatsdiener erhält dasselbe Gehalt, nicht jede Straftat wird gleich bestraft - gemessen wird an der Verantwortung des Amtes und der Schwere der Schuld. Die austauschende Gerechtigkeit verwirklicht sich ohne Ansehen der Person im Privatrecht; jeder, der eine Sache kauft, soll ebensoviel zahlen wie jeder andere, der eine vergleichbare Sache kauft - gemessen wird am Wert, umgerechnet in das allgemeine Tauschmittel Geld. Nicht ohne Grund halten die mittelalterlichen Darstellungen der Gerechtigkeit in der einen Hand das Schwert, in der anderen die Waage. Daß Justitia immer blind sei, haben die Künstler des Mittelalters aber zu Unrecht angenommen: Die verteilende Gerechtigkeit darf nicht mit verbundenen Augen richten, denn sie urteilt ja unter Ansehen der Person. Jede Rechtsordnung muß das Spannungsverhältnis der beiden Gerechtigkeiten erträglich machen; wesentlich Gleiches ist zwar gleich, wesentlich Ungleiches aber ungleich zu behandeln.'

Nach diesen beiden Exku; sen wollen wir den Boden der historischen Rechtsgeschichte betreten, und davon handelt dieses Buch. Als Ägypten und Sumer durch die Erfindung der Schrift aus der nur archäologisch und gedanklich erschlossenen Vorgeschichte in die empirisch faßbare Geschichte eintraten, war die Wirtschaftsform des Neolithikums längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Schon seit Jahrtausenden teilte sich die Gesellschaft in Reiche und Arme, gab es Privateigentum und Privatrecht und war der akephale Stamm zum regierten und verwalteten Staat geworden. Die frühen Schriftdenkmäler lenken den Blick freilich nur auf eine späte Stufe der Rechtsentwicklung, in der die grundlegenden Entscheidungen, wie Recht zu verwirklichen war, bereits getroffen worden waren. Wir sehen archaische Gesellschaften, aber nicht mehr die Frühzeit des Rechts.

Im 3. Jt. v. Chr. gab es bereits die ersten Großreiche, und jetzt erst erscheinen schriftliche Quellen. Hier wollen wir unseren Besuch der antiken Rechtskulturen beginnen. Wir erfahren von Gottkönigen, die nicht tyrannische Herrscher, sondern Garanten des friedlichen Zusammenlebens waren, von der Art und Weise der Konfliktbewältigung (abgesehen vom Kriegszustand, der seinem Wesen entsprechend alle Normen außer Kraft setzt), von den Wünschen und Ängsten der einfachen Menschen und ihrer Hoffnung auf Rechtsgewährung durch die Obrigkeit. Der Leser wird vielleicht feststellen, daß sich in den verschiedenen zeitbedingten Formen dieselben Rechtsprobleme verbergen, die auch den modernen Menschen bedrängen.

Die sumerischen Reiche wurden seit etwa woo v. Chr. von Assur und Babylon fortgeführt, und die mesopotamische Kultur fußte auf der sumenschen. Wie im Abendland die lateinische Sprache die kulturelle Tradition weitertrug, so tat es im Zweistromland die sumerische Sprache, und der Babylonier Hammurapi stand sozusagen auf den Schultern des sumerischen Ur-Namma. Um 1700 V. Chr. entstand auf dem Gebiet der heutigen Türkei ein neuer Großstaat, das hethitische Reich. Die Hethiter übernahmen die Keilschrift für ihre eigene - indoeuropäische - Sprache und mit der Schrift auch zahlreiche sumerische und akkadische Fremdwörter und die dahinter stehenden Kulturbegriffe. Ihre Blüte endete um iooo v. Chr., während Babylon sich bis zur persischen Eroberung (539 v. Chr.) hielt.

In atemberaubender Geschwindigkeit schufen die Israeliten schon bald nach der Landnahme ihr Königreich unter David und Salomon. Ihre kulturelle Tradition wurzelte in Mesopotamien - war doch Urvater Abraham aus Mesopotamien eingewandert -, wurde aber (durch den Aufenthalt in Ägypten?) auch von ägyptischen Formen und Inhalten beeinflußt. Die Schrift Israels war die phönizische, als Buchstabenschrift wahrscheinlich aus der ägyptischen entwickelt. Das israelitische Recht war in größerem Maße als die Rechte der Keilschniftvölker religiös geprägt. Jahwe, der einzige Gott, hatte das Recht geschaffen, es im Bunde mit Noah und Abraham bekräftigt und die ewige Rechtsordnung Israels, die Tora, nach frommer Tradition am Berge Sinai offenbart.3

Ägypten, das schon um 3000v. Chr. in die Geschichte eingetreten ist, hat eine eigene Rechtsordnung entwickelt. Während in Israel Jahwe unmittelbar zu den Menschen sprach, war hier Pharao der Mittler zwischen der Götterwelt und den Menschen. Auf Pharao ging das Recht zurück, doch scheint die Rechtsmacht Pharaos nicht unbeschränkt gewesen zu sein. Die Quellen zeigen eine doch eher profane Rechtskultur, die weniger von religiösen als von rationalen Erwägungen geleitet wurde. Das ägyptische Recht bestand ohne größeren äußeren Einfluß bis zum Ende des Reiches, nämlich bis zur Eroberung durch Alexander den Großen, und blieb unter den Ptolemäern und Römern als Recht des Volkes erhalten, bis es nach der arabischen Eroberung Ägyptens erlosch.

Die kleinen Fürstentümer, die Griechenland zur Zeit Homers und Hesiods (8./7.Jh.) prägten, waren die Keimzellen jener Stadtstaaten (Poleis), die wir allenthalben in archaischer (7.16.Jh.) und klassischer Zeit (5.14.Jh.) in Hellas antreffen. Seit der archaischen Epoche standen die Stadtstaaten unter aristokratischem Regiment; die große Ausnahme bildete Sparta mit seinem altertümlichen Doppelkönigtum. In der Polis Athen erlangten seit dem späten 6.Jh. breitere Bevölkerungskreise Anteil an der politischen Herrschaft, und seit etwa der Mitte des 5.Jhs. verdiente diese Staatsform die Bezeichnung <Demokratie>. So wie Athen brachte auch jede andere Polls ihr Recht hervor; da wir über Athen außerordentlich gut unterrichtet sind, wurden vielfach die Quellen zur Rechtsgeschichte dieser Stadt für das entsprechende Kapitel im vorliegenden Buch herangezogen. Ein einheitliches griechisches Recht hat es jedenfalls nicht gegeben. Der Umstand, daß vor griechischen Gerichten jeder seine Sache selbst vortragen mußte, ohne daß er von einem Anwalt vertreten werden durfte, verhinderte die Entwicklung eines eigenen

Juristenstandes, der vielleicht zur Vereinheitlichung des griechischen Rechts hätte beitragen können.4 Doch bot die panhellenische Kultureinheit die Voraussetzung dafür, daß eine rationale und von der Polls unabhängige Rechtsphilosophie entstehen konnte. Pythagoras, die Sophisten und schließlich Aristoteles schufen eine Rechtsphilosophie, die nicht die ständig wechselnden Einzelheiten, sondern das Recht als Ganzes betrachtete. Von Griechenland führt eine ununterbrochene Tradition über Thomas von Aquin und Kant zur Rechtsphilosophie des zi.Jhs.

Rom steht am Ende der Antike. Ein aus kleinbäuerlichen Anfängen hervorgegangener Stadtstaat vereinigte in wenigen Jahrhunderten die bekannte Welt von Spanien bis zum Zweistromland und von Ägypten bis Britannien; Roms Recht galt fortan in allen durch Bündnis und Unterwerfung eingegliederten Staaten. Im Mittelalter brachten die europäischen Juristen das römische Recht von Italien in ihre Heimat mit, und die Staaten der Neuzeit übernahmen es in die modernen Gesetzgebungen. Nur die angelsächsische Welt steht dem römischen Recht fern, hat aber über ihren ersten großen Rechtswissenschaftler Bracton (i3.Jh.) mehr vom römischen Recht gelernt, als man gemeinhin wahrnehmen will.

Der Siegeszug des römischen Rechts hat keine politischen Ursachen. Wäre es nur die administrative Rechtsordnung der Sieger gewesen, so wäre es mit dem Untergang des Römischen Reiches ebenso verschwunden wie das türkische Recht in Europa nach dem Ende des Osmanischen Reiches. Vielmehr ist es das römische Privatrecht, das bestehen blieb. Es ist das Recht der Austauschgerechtigkeit und der Marktwirtschaft, also ein Recht, welches unabhängig von der Gesellschaftsformdie Regeln enthält, nach welchen gleichrangige Menschen ihre rechtlichen Beziehungen gestalten, ein Recht der reinen Vernunft.

In den Beiträgen dieses Bandes wollen wir keine vollständige systematische Darstellung der einzelnen Rechtskulturen geben; ein solches Unterfangen würde auf knappem Raum nur zu Verzerrungen oder Langeweile führen. Vielmehr ist unser Ziel, dem Leser einen Blick in das Rechtsleben der alten Völker zu ermöglichen und das Verständnis der vergangenen Rechtskulturen zu fördern. Damit wollen wir zugleich einen nicht unwesentlichen Teil des gemeinsamen Erbes der Menschheit ins kulturelle Gedächtnis zurückrufen, bevor durch die Anaiphabetisierungskampagne, welche wir leider an Schulen und Universitäten hinsichtlich unserer antiken kulturellen Wurzeln erleben, das Altertum ganz aus dem allgemeinen Bildungskanon verschwunden sein wird.

Die Anregung zu einer Darstellung der antiken Rechtskulturen ging im Jahre 1996 von Richard Haase aus, der seit vielen Jahrzehnten vor allem das hethitische Recht dem heutigen Leser erschlossen hat. Er gewann die Mitarbeiter des vorliegenden Bandes, und Wolfgang Ernst übernahm zunächst die Herausgeberschaft. Im Jahre 2001 trat der Unterzeichnete für Wolfgang Ernst ein, da dieser aufgrund anderer Aufgaben die Organisation des Projekts nicht fortführen konnte. Daß die Fertigstellung lange gedauert hat, hat seinen Grund in der wachsenden Belastung der Universitätsangehörigen mit immer neuen Anforderungen; daß es schließlich doch so schnell ging, ist dem großen Engagement aller Mitwirkenden, vor allem des Lektors des Verlages C. H. Beck, Stefan von der Lahr, zu verdanken.

ANMERKUNGEN Nr, 1 - 4.

1 Vgl. L. H. Morgan, Ancient Society (1877); deutsch: Die Urgesellschaft (Stuttgart 1908; Ndr. Lollar 1976); U. Wesel, Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften (Frankfurt 1985); Ders., Geschichte des Rechts (München 1997).

2 Vgl. U. Manthe, Beitrüge zur Entwicklung des antiken Gerechtigkeitsbegriffes l,SZ 113 (1996) 3 ff.

3 Nach rabbinischer Lehre hat Mose am Sinai die Tora (mit ihren 613 Geboten; Babyl. Talmud, Makkot 23b) bis einschließlich Dtn. 34, 4 empfangen und niedergeschrieben; nur die letzten 8 Verse (Dtn. 34, 5 -12) sind nach seinem Tode von Josua hinzugefügt worden; Babyl. Talmud, Baba Bathra 15 a.

4 Vgl. J. Triantaphyllopoulos, Das Rechtsdenken der Griechen (München 1985) 31 f.


LV Gizewski SS 2004.

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