Zur zum hilfswissenschaftlichen Charakter und zur Geschichte der lateineischen Epigraphik. Aus: Ernst Meyer, Einführung in die Lateinische Epigraphik.

Text entnommen aus: Ernst Meyer, Einführung in die Lateinische Epigraphik, Darmstadt 1973, S. 1 - 16.


[Zum fachlichen Charakter]

Die Epigraphik oder Inschriftenkunde gehört zu den wichtigsten und unentbehrlichen Hilfs- oder Teilwissenschaften der Altertumswissenschaft, die sich mit einer Art von Quellen beschäftigt, die unmittelbar und unverändert aus dem Altertum erhalten geblieben sind und daher wie die archaeologischen Denkmäler und Funde und die Münzen und Papyri originale Zeugnisse ihrer Zeit darstellen. Sie sind damit auch um Jahrhunderte älter als unsere ältesten Handschriften literarischer Texte. Zu dieser allgemeinen Bedeutung der Inschriften als unmittelbarer Zeugnisse ihrer Zeit kommt hinzu, daß sie nicht nur als zeitgenössische Dokumente vielfach Nachrichten und Kenntnisse bestätigen und ergänzen oder auch berichtigen, die aus literarischen Quellen mehr oder weniger bekannt waren, sondern größtenteils als Zeugnisse des täglichen staatlichen und privaten Lebens eine Fülle von Angaben und Nachrichten enthalten, die in literarischen Quellen nicht stehen. So beruht z. B. unsere Kenntnis des 3. Jahrhunderts n. Chr., für das die literarischen Quellen auf weite Strecken fast ganz versagen, neben den Münzen vor allem auf den Inschriften. Darüber hinaus gewähren vor allem die privaten Denkmäler Einblicke in die Sprache des täglichen Lebens und die Entwicklung der lateinischen Sprache, die in der Literatursprache der literarischen Werke nicht oder nur sehr beschränkt in Erscheinung treten. Dabei ist nicht zu vergessen, daß das durch die Inschriften vermittelte Bild insofern noch etwas einseitig ist, als die untersten Volksschichten aus Gründen der damit verbundenen Kosten und des allgemeinen Bildungsstandes nicht dazu kamen, Steininschriften setzen zu lassen, wir also nur die Stimmen der etwas gehobeneren Schichten oder der Verwaltungsinstanzen vernehmen.

Für die lateinische Epigraphik ist dabei noch von besonderer Bedeutung, daß die Toten auf ihren Grabsteinen, die den weitaus größten Teil der erhaltenen Inschriften ausmachen, nicht nur von ihren Lebensumständen, Beruf, Alter und anderem sprechen, sondern die für uns unschätzbare Sitte bestand, daß jeder, der irgendwie eine Stelle im staatlichen Verwaltungsdienst, in den Städten oder im Reichsdienst, oder in Heer und Flotte bekleidet hatte, zumeist seine gesamte Laufbahn mit allen innegehabten Posten angab oder die Nachkommen diese Angaben auf den Stein setzen ließen. So erhalten wir aus den lateinischen Inschriften eine gewaltige Fülle von genauen Angaben über die Verwaltungsorganisation und -praxis Roms, des römischen Reiches und seiner Gemeinden, sowie der römischen Heeresorganisation, die wir ohne die Inschriften nie erfahren würden, da in den literarischen Quellen von diesen praktischen Alltagsdingen gar nicht oder nur sehr wenig die Rede ist, die nicht als literaturwürdig galten. Ohne die Inschriften wüßten wir von der für das Verständnis für die Geschichte Roms und des römischen Reiches und damit eines bedeutenden Teils der antiken Welt so sehr wichtigen Verwaltungspraxis des römischen Reichs und seines Heeres als des einen Fundaments dieses Reichs sehr wenig. Griechische und lateinische Inschriftenkunde sind nicht nur wegen der verschiedenen Sprachen der Inschriften zwei selbständig nebeneinanderstehende Wissenschaftszweige, sondern auch deswegen, weil sich griechische und lateinische Inschriften auch in ihrer Art, ihren Formen und ihrem Inhalt stark voneinander unterscheiden.

Eine wirklich zutreffende Definition von Aufgabe und Umfang der Epigraphik läßt sich nicht geben, da beides rein praktisch durch die Natur des Quellenmaterials bestimmt ist. Man nennt die Epigraphik im allgemeinen die Wissenschaft von den nicht literarischen Urkunden des Altertums auf dauerhaftem Material wie Stein und Bronze und ähnlichen Materialien. Inschriften sind aber nicht die Originalurkunden im strengsten Sinne des Wortes, sondern ihre Einmeißelung auf Stein oder Anbringung auf sonstigem dauerhaften Material. Der zugrundeliegende originale Text ist in den einfachsten Fällen die mündliche Mitteilung an den Steinmetzen, oder die Aufzeichnung auf dem üblichen Schreibmaterial von Wachstafel oder Papyrus, wobei es im Einzelfall von den Umständen oder der Absicht ihrer Urheber oder Benutzer abhängt, ob diese Dokumente auf Stein oder sonst übertragen wurden oder nicht. Es besteht so die Möglichkeit, und diese Fälle sind zahlreich, daß ein und derselbe Text sowohl literarisch wie inschriftlich erhalten ist, wie es besonders für viele Epigramme gilt oder Staatsverträge oder z. B. die große Inschrift des Siegesdenkmals des Senats für Augustus nach der Unterwerfung der Alpenstämme, die wir bei Plinius lesen und von der an dem Denkmal in La Turbie oberhalb von Monte Carlo eine große Zahl von Fragmenten erhalten sind. Verse oder Versteile der bekannten Dichter, besonders Vergils, stehen in Mengen auf Grabsteinen oder an den Hauswänden von Pompeii. Zu den auf Stein stehenden Literaturwerken gehören auch die unten zu besprechenden Konsul- und Triumphverzeichnisse am Augustusbogen am Forum Romanum in Rom, ebenso wie die elogia des Augustusforums und in anderen Städten. Und umgekehrt gehören zu den nichtliterarischen Urkunden auf dauerhaftem Material auch die Beischriften von Münzen, die so untrennbar mit der Münze verbunden sind, daß sie bei der Numismatik behandelt werden und für die Epigraphik allenfalls aus schriftgeschichtlichen oder anderen Gründen gelegentlich mitberücksichtigt werden.

Die Steinmetzen, die eine Inschrift nach dem ihnen übergebenen Text in Stein einzumeißeln, oder die Graveure, die einen Text auf eine Bronzetafel zu übertragen hatten, waren einfache und oft ungebildete Leute, die zum Teil kaum lesen konnten und daher bei ihrer Arbeit nicht selten zum Teil grobe Fehler machten. Schon die ihnen übergebene Abschrift der Originalurkunde kann bereits Fehler enthalten haben. Möglich ist auch, daß Urkunden erst lange nach ihrer Entstehung auf Stein oder Bronze veröffentlicht oder Inschriften erneuert wurden. So stammt das uns erhaltene Exemplar des Stadtrechts der caesarischen Kolonie Urso in Südspanien erst aus erheblich späterer Zeit, vermutlich der flavischen Kaiser. Durch solche Umstände kann der unmittelbare Urkundscharakter einer Inschrift gelegentlich etwas beeinträchtigt sein.

Die moderne Bezeichnung 'Epigraphik' ist von dem griechischen Wort 'epigraphe' abgeleitet, das im Griechischen zwar auch "Inschrift" bedeuten kann, zumeist aber den allgemeinen Sinn von "Aufschrift, Titel, Zuschreibung" hat. Das altgriechische Wort für Inschrift war 'epigramma', das nicht nur wie heute allein eine kurze metrische Inschrift und die danach entstandene dichterische Gattung der kurzen Zwei- und Mehrzeiler bezeichnet. Ahnliches gilt für das heute gebrauchte lateinische Wort für Inschrift, inscriptio, das ebenfalls vereinzelt auch "Inschrift" bedeuten kann, im allgemeinen aber den Sinn des Aufschreibens, der Aufzeichnung, Aufschrift, Überschrift, Titel hat.

Als unmittelbare Zeugnisse des antiken Lebens sind die Inschriften natürlich so eng mit Kultur und Geschichte des Altertums verbunden, daß die Beschäftigung mit ihnen nie für sich allein betrieben werden kann, sondern stets den Zusammenhang mit den übrigen Gebieten der Altertumswissenschaft bewahren muß. Andererseits sind die Inschriften nach Sprache, Form, Formeln und Inhalt eine so besondere Gattung von Dokumenten, daß eine sinnvolle Beschäftigung mit ihnen die Kenntnis dieser Besonderheiten und Vertrautheit im Umgang mit Inschriften erfordert, wodurch die Epigraphik notwendig zu einem eigenen Wissenschaftszweig wird.

In der gesamten griechisch-sprechenden Osthälfte des römischen Reiches ist die Zahl der lateinischen Inschriften gering. Im Corpus nehmen sie nur den kleineren Teil des dritten Bandes in Anspruch (etwa 1800 Inschriften) und stehen in erster Linie im Zusammenhang mit dem römischen Militär und den wenigen römischen Bürgerkolonien im Osten. Die östlichste lateinische Inschrift steht bei Baku in Armenien am Kaspischen Meer und stammt von einem Centurio der 12. Legion unter Domitian.

Staatsverträge: Vertrag zwischen Rom und dem aetolischen Bund, Liv. 26, 24, 8 -13. Bengtson, Die Staatsverträge des Altertums, Bd. III, nr. 536. Tropaeum Alpium: Plin. nat. hist. 3, 136 f. CIL, V 7817. E. Howald-E. Meyer, Die römische Schweiz, S. 80 ff. mit Taf. I. Gallia XIII, 1955, 101 ff. mit fig. 1. Senatusconsultum dc Bacchanalibus, Liv. 39, 18, 7-9. CIL 12 581. X 104. D. 18. Bruns, Fontes nr. 36. Degr. II, nr. 511. Die Inschrift des Tempels in Jerusalem, die Fremden den Zutritt verbot, wird bei Josephus, b. Jud. 5, 194. 6, 125 zitiert und ist inschriftlich erhalten, Dittenberger, Orientis Graeci inscriptiones selectae II, nr. 598. Vergilverse auf Ziegeln: II 4967, 31. XV 6129. Mallon, Paléographie romaine, 65. 89 ff. Taf. XVII 5. Auf den Hauswänden von Pompeii stehen zahlreiche Verse und Versbruchstücke bes. von Vergil, Ovid, Properz, Lukrez, s. Indices IV, S. 259 f. Suppl. S. 776 f. Viele weitere Belege bei Bücheler, Carmina Latina epigraphica, Index II, 5. 913 ff. und bei Engström, Carmina Latina epigraphica, S. 176. D Bd. III S. 745 ff. In der griechischen Epigraphik gibt es ganze Literaturwerke, die auf Stein geschrieben wurden.

In dem oben erwähnten Senatsbeschluß über die Bacchanalien haben die lokalen Behörden nur verkürzte Auszüge aus dem Senatsbeschluß in dem ihnen zugesandten Brief der Konsuln auf der Bronzetafel veröffentlichen lassen. Beispiele von z. T. groben Fehlern und Textentstellungen in Inschriften bei Hübner, Exempla scripturae epigraphicae, S. XLI f., Dessau in Gercke, Norden Einleitung in die Altertumswissenschaft I, Heft 10, 5. 10. Andere lange Liste im Index zu CIL, III, S. 2568 f. Großenteils entstehen diese Fehler dadurch, daß die Verfertiger der Inschrift die ihnen in Kursivschrift gegebenen Vorlagen nicht oder nur mangelhaft lesen konnten, wobei zu bemerken ist, daß die lateinische Kursivschrift tatsächlich oft schlecht lesbar ist und leicht verlesen werden kann .... Zu diesen Fehlern bes. J. Mallon, Pierres fautives, Libyca, archéologie épigraphie II, 1954, 187 ff. 435 ff. Comptes rendus de l'Académie des inscriptions 1955, 126 ff. Scriptorium 11, 1957, 177 ff. Rev. hist. 226, 1961, 297 ff. Bulletin de la Société Nat. des antiquaires 1968, 25 ff. Paléographie romaine, 144 ff. J. Guey, Gallia 17, 1959, 231 ff. mit weiterer Literatur. Einen Sonderfall daraus, die häufige Verwechslung von A und V, behandelt J. Marcillet-Jaubert, REA 62, 1960, 362 if. Ein Fall in Athen, Epigraphica 32, 1970, 1 if. S. ferner Roland G. Kent, The textual criticism of inscriptions, Language monographs 2, Philadelphia 1926, bes. 46 ff. Stadtrecht von Urso: CIL, 12 594. D 6087. Bruns, Fontes 28.

Bekanntestes Beispiel einer später erneuerten Inschrift ist das Duiliuselogium, ....

Auch das auf 105 v. Chr. datierte Mauerbaugesetz von Puteoli ... ist offenbar erst in der Kaiserzeit in Marmor eingemeißelt worden. Von mehreren auf Bronzetafeln erhaltenen Gesetzen und Senatsbeschlüssen vermutet man, daß diese Bronzetafeln zu den Erneuerungen nach dem Archivbrand der Zeit Vespasians (Sueton. Vesp. 8, 5) gehören, Degrassi, Doxa II 1969, 61 f. = Scritti vari 1331 f. Calabi 27.

Inschrift von Baku: AE 1951 nr. 263.

Epigraphe (epigrafh): Isokr. 17, 41. Isaios 4, 2. Polyb. 1, 31, 4. 3, 9, 3. Diod. 16, 50, 6. Lukian hist. conscr. 30. Mit der Bedeutung "Inschrift": Thukyd. 2, 43, 3. Aristot. 843 b 17. Polyb. 5, 9, 3. Joseph. ant. Jud. 15, 8, 1. Dionys. Hal. 1, 68. Inscriptions de Délos, nr. 396 B 9 ff. 442, A 4 ff. u. ö. Epigramma: Eurip. Troer. 1191. Herodot 5, 59. 7, 228, 4. Thukyd. 6, 54, 7. 59, 3. Demosth. 20, 112. Cic. Tuscul. 5, 66. Suidas s. epigramma. Pausanias sehr oft ... .

Titulus: inschniftlich sehr oft, s. die Indices zu den Bänden des CIL. D III, 5. 930 f. 942. Literarisch z. B. Liv. 4, 20, 6. 11. 23, 19, 18. 28, 46, 16. 40, 52, 5. Horaz carm. 4, 14, 4. Tac. ann. 2, 22. Frontin, de aquaed. 93. Sueton, Aug. 31, 5. Claud. 41, 3. Titus 4, 1. Evangel. Joh. 19, 19 f. Inscriptio: Cic. Att. 6, 1, 26. Tac. ann. 2, 83, 2. Plin. hist. nat. 29. 11. CIL, II 1305. XI 970, 19. 4206 (D 5645). 6123, 21. XIV 3679 (D 6245) Z. 13 gegen Z.11 titulus. Mon. Ancyr. 20. In der Bedeutung "Inschrift": Sueton, Aug. 97, 2. Plin. ep. 8, 6, 1. Vell. Paterc. 2, 25, 4. CIL, III 567, 19. 6885. 13263. X 4643 Z. 26.

[Zur Geschichte des Fachgebietes]

Inschriften haben bereits die römischen Historiker und Antiquare gelegentlich als Quelle für ihre Darstellungen benutzt und zum Teil im Wortlaut, öfters allerdings nur aus dem Gedächtnis und ungenau mitgeteilt und auch als urkundliche, gültige Zeugnisse für sprachliche Besonderheiten oder sachliche Angaben angeführt, wenn es auch niemals zu einer ausgedehnteren oder systematischen Heranziehung von Inschriften oder gar zur Anlegung von Inschriftensammlungen oder wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Inschriften gekommen ist, wie es in Griechenland der Fall war. Livius knüpft an eine in ihrer Deutung unsichere Inschrift des A. Cornelius Cossus im Tempel des Juppiter Feretrius eine lange Erörterung über den richtigen Titel des Cossus und den richtigen zeitlichen Ansatz des Ereignisses an, alte Verträge werden nach angeblichen oder wirklich erhaltenen Inschriften zitiert, ebenso Bau- und Weihinschriften von Tempeln und Statuen, Livius, Cicero, die beiden Plinius und andere Schriftsteller überliefern den Wortlaut von Grab- und Ehreninschriften, Cicero läßt bei Syrakus das Grabmal des Archimedes von Gestrüpp säubern, um die Inschrift lesen zu können. Nur bei Plinius haben wir den vollständigen Text der schon erwähnten Inschrift auf dem Tropaeum Alpium bei Monte Carlo, und so gibt es viele Belege für die Benutzung echter Inschriften, aber auch von Inschriften, die von Historikern, Dichtern und anderen Schriftstellern erfunden wurden.

Cossusinschrift: Liv. 4, 20, 5-11, dazu T. R. S. Broughton, The magistrates of the Roman republic, I, 59. Verträge: Karthagerverträge Polyb. 3, 22, 3. 26, 1. Latinerverträge und andere Liv. 2, 33, 9. Dionys. Hal. 3, 33. 36. 4, 26. 58. 10, 32. Cic., pro Balbo 53. Festus p. 48, 19 ff. L. Bau- und Weihinschriften: Dion. Hal. 1, 68. Plin. 7, 97. 35, 115. Sueton, Nero 10, 2. Dio Cassius 55, 27, 4. Grab- und Ehreninschriften: Liv. 40, 52, 5 ff. 41, 28, 8 f. Cic., de sen. 61. Verr. 2, 2, 114. 150. 154. 168. 2, 4, 74. Philipp. 6, 12. ad Att. 6, 1, 17. Plin., nat. hist. 7, 97. 35, 115. ep. 6, 10, 4. 7, 29, 2. 8, 6, 1. 9, 19, 1. Vell. Paterc. 2, 61, 3. Sueton, Aug. 7, 1. Grab des Archimedes: Cic., Tusc. 5, 64-66. Tropaeum Alpium s. o. S. 4. Tropaeum des Pompeius in den Pyrenaeen, Pun. 3, 18. 7, 96. Viele weitere Belege bis in die Spätantike bei Sandys, S. 3 ff. und bes. Arthur Stein, Römische Inschriften in der antiken Literatur, Prag 1931.

Lateinische Inschriften des Altertums waren in den westeuropäischen Ländern stets in großer Zahl erhalten und sichtbar, teils an den antiken Bauten und Denkmälern an den alten Stellen, teils in verschiedene Bauwerke, Kirchen, Festungswerke, Privathäuser verbaut. Groß war die Zahl der Pilger, die Italien und Rom aufsuchten, die lateinische Sprache blieb als Kirchen- und Literatursprache dauernd bekannt und die lateinische Schrift die Grundlage aller Schriften der westeuropäischen Kulturen. Römische Inschriften lesen konnte also jeder, der überhaupt lesen konnte, wenn er sie auch nach ihrem Inhalt oft nicht verstand. Wir hören aber kaum etwas davon, daß römische Inschriften im Mittelalter beachtet wurden, es gibt aber mehrere kleinere handschriftliche Sammlungen von christlichen und heidnischen Inschriften. Eine Kompilation solcher älterer Sammlungen wurde im 8./9. Jahrhundert n. Chr. anscheinend im Kloster Reichenau angefertigt und ist in einer Handschrift des Klosters Einsiedeln erhalten. Sie umfaßt 75 Inschriften aus Rom und 5 aus Pavia.

Dann war es die Zeit der Renaissance, die bei ihrem wiedererwachten Interesse für das Altertum auch den Inschriften ihr Interesse zuwandte und eine ganze Anzahl von Privatsammlungen entstehen ließ. Der erste, der in umfangreicher Weise römische Inschriften abschrieb und benutzte, war der römische Staatsmann und Humanist Cola di Rienzo (1313-.1354), der um 1344 die erste Beschreibung der Stadt Rom verfaßte, gegen den herrschenden Adel in Rom die Volksherrschaft ausrief und sich zum ,,Volkstribunen« wählen ließ. Für seine politischen Oberzeugungen und Maßnahmen war das Studium der antiken Schriftsteller und Inschriften entscheidend gewesen, insbesondere die Wiederentdeckung der mit der Schrift nach innen in einem Altar der Lateranskirche verborgen gewesenen Bronzetafel mit der Lex de imperio Vespasiani, dem Gesetz, das Vespasian die kaiserlichen Vollmachten übertrug. Weitere größere Sammlungen stadtrömischer Inschriften legten an Gian Francesco Poggio Bracciolini (Poggio von Florenz, 1380__1459), päpstlicher Sekretär, dessen Sammlung urn 1429 vollendet wurde, der weitgereiste Cyriacus von Ancona (ca. 1391-1450) und manche andere in mehr oder weniger umfangreichen Sammlungen unter Benutzung dieser älteren Sammlungen, erhalten in vielfach anonymen Handschriften privater Sammler.

Geschichte der lateinischen Epigraphik: M.-R. de la Blanchère, Histoire dc l'épigraphie ronaine, RA III. série, vol. 8, 1886, 46 ff. 152 ff. 277 ff. und als Buch Histoire de l'épigraphie romaine depuis les origines jusqu'â la publication du « Corpus », Paris 1887, Ricci 1 ff. Sandys 20 ff. und bes. Calabi 39 -120. 132 -142. 513 - 524. Codex Einsidlensis: P. Gabriel Meier, Catalogus codicum manu scriptorum qui in bibliotheca Monasterii Einsidlensis O. S. B. servantur, Bd. I, Leipzig 1899 nr. 326 p. 67-79. Die Inschriften abgedruckt in CIL, VI, p. IX if. J. B. dc Rossi, Inscriptiones christianae urbis Romae, II, S. 18 ff. A. Silvagni ..., S. 182 ff. Sonst zum Anonymus Einsidlensis bes. Mommsen, Ges. Schriften, VIII, S. 64 -100. H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im Alterthum, II, 329 ff. Rob. Valentini-Gius. Zucchetti, Codice topografico della città di Roma, II, Rom 1942, 155 ff. Auch hochgebildete Persönlichkeiten des 13. Jahrhunderts n. Chr. erklären, daß sie römische Inschriften zwar lesen können, aber nicht verstehen, Calabi 40 f.

Cola di Rienzo: Paul Piur, Cola di Rienzo, Darstellung seines Lebens und seines Geistes, Wien 1931. CIL, VI, S. XV ff. EE, LX, 246 f. dc Rossi, Inscriptiones christianae urbis Romae, II, 316 if. Lex dc imperio Vespasiani: CIL, VI 930. D 244. G. McN. Rushforth, Latin historical inscriptions2, nr. 70.

Poggio: Ernst Walser, Poggius Florentinus' Leben und Werke, Leipzig 1914. CIL, VI, p. XX VIII if. EE, IX, 248 f. dc Rossi, II, 338 if. Cyriacus von Ancona: EE, IX, 188 ff. 250 ff.

Allgemein zu den ältesten Inschriftensammlungen: außer der schon genannten Literatur bes. Er. Ziebarth, De antiquissimis inscriptionum syllogis, EE, IX, 1905, 187 ff. mit einer Vergleichstabelle mit den heutigen Veröffentlichungen der Inschriften S. 246 if. Em. Hübner, Römische Epigraphik, 481 ff. Angelo Silvagni, Intorno alle pii antiche raccolti di iscrizioni classiche e medievali, I. Nuovo ordinamento delle sillogi epigrafiche di Roma anteriori al secolo XI. Dissertazioni della Pontificia Accademia Romana di archeologia, Serie II, anno XV, Rom 1921, 179-229.

Die ältesten gedruckten Sammlungen lateinischer Inschriften waren diejenigen von Ravenna, Augsburg, Mainz und Rom, denen 1534 die erste allgemeine Sammlung des Petrus Apianus von Ingolstadt folgte. Diese ersten Drucke beruhten nur auf den älteren Sammlungen, die sie zudem durch Druckfehler und sonstige Nachlässigkeiten noch verschlechterten. Neu angelegte Sammlungen und Neufunde vermehrten die Zahl der bekannten Inschriften erheblich, vor allem aber entwickelten um die Mitte des 16. Jahrhunderts einige junge Niederländer eine bedeutend bessere Technik des Abschreibens von Inschriften, indem sie die Form der Buchstaben angaben, die Zeilentrennungen und vor allem die Lücken im Text genau beachteten, die durch Bruch oder Unleserlichkeit infolge Abscheuerung des Steins entstanden waren, und damit überhaupt erst brauchbare Abschriften solcher Inschriften lieferten. In früherer Zeit hatte man sich darum wenig gekümmert, Textlücken unbeachtet gelassen oder willkürlich ergänzt, ohne wirklich Erhaltenes und Ergänztes zu unterscheiden. So entstand nun auch die erste große sorgfältig gearbeitete und geschriebene Inschriftensammlung der lateinischen Inschriften Europas von Martin Smetius, die nach seinem Tode erheblich vermehrt durch Justus Lipsius 1588 herausgegeben wurde. Sie umfaßte bereits gegen 4000 Inschriften nach Sachgruppen geordnet. Ihr folgte 1603 in einem mächtigen Großfolioband die auf Veranlassung Scaligers durch Janus Gruterus herausgegebene Sammlung, zu der Scaliger selber außer viel von ihm beigesteuerten Material die Indices schrieb und die zum ersten Mal die Bezeichnung Corpus verwandte. Sie blieb für lange Zeit bis zum Erscheinen des heutigen Corpus die maßgebliche und mit ihren über 12 000 Inschriften als vollständig geltende Sammlung, war aber ziemlich unkritisch gearbeitet und vor allem ebenfalls noch nach inhaltlichen und großenteils unpraktischen Kriterien geordnet, die die Benutzung erschwerten.

In den nächsten Jahrzehnten folgten eine größere Anzahl weiterer Werke, die sich sowohl allgemein mit Inschriften beschäftigten wie Neufunde und Sammlungen veröffentlichten, oder Inschriften im Zusammenhang mit anderen Fragen behandelten. Als neues Gesamtwerk, das das Grutersche Corpus ersetzen sollte, erschienen 1739-42 die vier Bände des 'Novus thesaurus veterum inscriptionum' des italienischen Historikers Ludovico Antonio Muratori, ein viel zitiertes, aber sehr unzuverlässiges Werk. Das große Interesse an den Inschriften und das Entstehen großer öffentlicher und privater Inschriftensammlungen rief auch die Fälscher auf den Plan. Die älteren Sammlungen vor allem diejenige Muratoris enthielten viele Fälschungen, und auch im heutigen Inschriftencorpus wird jeder Band durch eine Zusammenstellung der gefälschten Inschriften eingeleitet, die den älteren Bearbeitern oft erhebliche Schwierigkeiten bereiteten. Für die Stadt Rom nehmen die Fälschungen sogar einen ganzen Band für sich allein in Anspruch. Der berühmteste Name unter diesen Fälschern ist der Neapeler Architekt Pirro Ligorio (1530-1586), der in seinem umfangreichen Schrifttum Tausende von Inschriften erfand, die noch sehr lange nachher Unheil anrichteten, und auch heute, wo gefälschte Inschriften kaum materiellen Gewinn bringen, tauchen immer wieder vereinzelte Fälschungen auf, mit denen zumeist irgend etwas bewiesen werden soll, oder auch einfach zur Irreführung der Forschung. Da nicht wenige römische Inschriften nur in den alten Handschriften und Sammlungen erhalten und heute zugrunde gegangen oder heute verstümmelte Inschriften nur hier in vollem Wortlaut vorhanden sind, viele Inschriften von ihrem alten Standort verschleppt und in Museen verbracht sind, die Kenntnis des ursprünglichen Standorts, die in dieser älteren Überlieferung häufig noch bekannt war, aber für die Verwendung der Inschrift von großer Bedeutung ist, kann ein Zurückgehen auf diese älteren Sammlungen gelegentlich notwendig sein.

Desiderius Sprethus Ravennas (Spreti, ca. 1414-1474) De amplitudine, de vastatione et de instauratione urbis Ravennae, Venedig 1489. Conradus Peutinger, Romanae vetustatis fragmenta in Augusta Vindelicorum et eius dioecesi, Augsburg 1505. Zweite Ausgabe Inscriptiones vetustae Roman. et earum fragmenta in Augusta Vindelicorum et ejus dioecesi, Mainz 1520. Johannes Huttichius, Collectanea antiquitatum in urbe atque agro Moguntino repertarum, Mainz 1520. Zweite Ausgabe 1525. Jacobus Mazochius (Drucker, Verfasser Francesco degli Albertini und andere), Epigrammata antiquae urbis, Rom 1521. Petrus Apianus, Inscriptiones sacrosanctae vetustatis non iliac quidem romanae sed totius fere orbis, von Petrus Apianus und Bartholomeus Amantius, Ingolstadt 1534. Martinus Smetius, Inscriptionum antiquarum quae passim per Europam liber, accessit auctarium a Justo Lipsio, Antwerpen 1588. Janus Gruterus, Inscriptiones antiquae totius orbis romani in corpus absolutiss. redactae, Heidelberg 1603. Zweite Ausgabe in 4 Bänden, Amsterdam 1707. Ludovicus Antonius Muratorius, Novus thesaurus veterum inscriptionum, 4 Bde. Mailand 1739-42.

Zu den italienischen Fälschern allgemein: M. P. Billanovich, Falsi epigrafici, Italia medioevale e umanistica 10, 1967, 25 ff. Zu Ligorio: Enciclopedia Italiana MI, 119 f. Th. Ashby, The Bodleian Ms. of Pirro Ligorio, JRSt 9, 1919, 170 ff. Erna Mandowsky-Charles Mitchell, Pirro Ligorio's Roman antiquities, London 1963. H. Dessau, Lateinische Epigraphik 4; dazu S. 12. Die stadtrömischen ligorianischen Fälschungen stehen CIL, VI, pars V, nr. 101-3093.

Die moderne kritische epigraphische Wissenschaft beginnt gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit Gaetano Marini (1742-1815), der vor allem mit der Veröffentlichung der insdiriftlichen Versammlungsberichte der Priesterschaft der Arvalbrüder eine fortan maßgebende Leistung vollbrachte. Hier sind nicht nur die zahlreichen seit langem zu verschiedenen Zeiten gefundenen und verstreuten Bruchstücke gesammelt und in ihrem richtigen Wortlaut festgestellt, sondern vor allem in dem umfangreichen Kommentar in ihrer Bedeutung für Geschichte und Kultur Roms verwertet. Darüber hinaus hat Marini auch alle die Tausende stadtrömischer Inschriften in der Stadt und den Museen sorgfältig abgeschrieben und damit auch die vielen Fälschungen ausscheiden können. Diese Abschriften sind zwar nicht veröffentlicht worden, bildeten aber eine wertvolle Grundlage für die späteren Bearbeiter. Ihm folgte "der Alte vom Berge", Graf Bartolomeo Borghesi (1781-1860), der die letzten 39 Jahre seines Lebens in der unabhängigen Bergfeste San Marino, deren Podestâ er war, verbrachte, zwar nie ein größeres Werk verfaßte, wohl aber in einer großen Zahl von Abhandlungen Einzelfragen gründlich und kritisch und mit souveräner Stoffbeherrschung behandelte und vor allem eine umfangreiche archaeologische Korrespondenz in und außerhalb Italiens führte. Sein Hauptwerk ist die Sammlung und Veröffentlichung der römischen Konsullisten unter Heranziehung aller inschriftlichen Belege für jeden Namen und mit gründlicher Untersuchung über die zeitliche Einordnung der nicht datierten Konsuln. Seine zahlreichen epigraphischen Einzelarbeiten sind erst nach seinem Tode in 10 Bänden veröffentlicht worden. Erst durch Marini und Borghesi wurde die lateinische Epigraphik zu einer wirklich exakten Wissenschaft.

Dieser Aufschwung der epigraphischen Wissenschaft ließ es als dringend erscheinen, die bisherigen alten Inschriftensammlungen, die großenteils sehr unzuverlässig und schlecht gearbeitet waren und eine große Zahl gefälschter Inschriften enthielten, durch eine neue zuverlässige Sammlung zu ersetzen, die den neuen Ansprüchen genügen konnte. Dieser Wunsch wurde zunächst einmal in geringerem Umfange erfüllt durch die Amplissima collectio von Job. Caspar Hagenbuch und Joh. Caspar Orelli, die in zwei Bänden 1828 in Zürich erschien und fortan durch ihre gute Qualität die maßgebende Sammlung bis zum Erscheinen des Corpus inscriptionum blieb und daher in der älteren Literatur allgemein zitiert wird. Die Bände enthielten auch kurze Anmerkungen zu den Inschriften und 14 Briefe verschiedener Gelehrter zu epigraphischen Fragen. Dazu erschien 1856 ein dritter Band von W. Henzen, der fast 2400 weitere Inschriften und umfangreiche Indices enthielt.

Gaetano Marini, Gli atti e monumenti dei fratelli Arvali, 2 Bde. Rom 1795. Bartolomeo Borghesi, OEuvres complètes, 10 Bände, Paris 1862 bis 1897. Bd. 1-2 OEuvres numismatiques, 3-5 OEuvres epigraphiques, 6-8 Lettres, 9 die im Text erwähnte Sammlung der Konsulliste, 10 Les préfets du prétoire. Ders., Nuovi frammenti dei fasti consulari, 2 Bde., lie Mailand 1818-20. Zu Borghesi mit weiterer Literatur Lothar Wickert, Theodor Mommsen, Bd. II, Frankfurt 1964, 291 ff. Inscriptionum Latinarum selectarum amplissima collectio ad illustrandam Romanae antiquitatis disciplinam accomodata usw., cum ineditis Joh. Casp. Hagenbuchii, suisque adnotationibus edidit Job. Casp. Orellius, 2 Bde., Zürich 1828. Vol. III, collectionis Orellianae supplementa emendationesque exhibens ed. Guil. Henzen, Zürich 1856.

Dieses für seine Zeit sehr nützliche Werk konnte aber eine vollständige Sammlung des gesamten vorhandenen oder bekannten inschriftlichen Materials nicht ersetzen. Die Forderung nach einer neuen den wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden vollständigen Sammlung der lateinischen Inschriften wurde daher im Anfang des 19. Jahrhunderts besonders von rechtshistorischer und philologischer Seite als dringend erhoben, und einzelne Epigraphiker begannen auch bereits mit Unterstützung Borghesis mit den Vorarbeiten dafür. Es war auch klar, daß diese Aufgabe die Kräfte und Möglichkeiten eines einzelnen überstieg und nur von einer größeren wissenschaftlichen Organisation durchgeführt werden konnte. Daher übernahm die Pariser Akademie die Weiterführung des Unternehmens, kam aber nicht über Vorarbeiten hinaus und gab daher das Unternehmen auf, so daß nun die Preußische Akademie sich im Jahre 1845 der großen Aufgabe annahm und genaue Arbeitspläne für ihre Durchführung ausarbeiten ließ. Auf Anregung August Boeckhs hatte die Preußische Akademie bereits das Parallelunternehmen des griechischen Inschriftencorpus ins Leben gerufen, von dem damals zwei Bände erschienen waren (1838 und 1843). Meinungsverschiedenheiten über die Art der Durchführung und die Beauftragung von Persönlichkeiten mit der Ausarbeitung des Corpus, die dafür nicht befähigt waren, verhinderte zunächst den wirklichen Beginn der Arbeiten. Der wirkliche Schöpfer des lateinischen Inschriftencorpus wurde erst der junge Mommsen, der sich schon bereit erklärt hatte, an dem französischen Unternehmen mitzuarbeiten und 1845 von der Preußischen Akademie zusammen mit Otto Jahn die Aufforderung erhielt, die Bearbeitung des geplanten Corpus inscriptionum zu übernehmen und dafür einen genauen Arbeitsplan einzureichen, welch letzteres auch geschah. Es erforderte dann aber noch einen zehnjährigen, an Enttäuschungen reichen Kampf Mommsens, bis es ihm gelang, die Annahme der von ihm für unerläßlich gehaltenen Grundsätze, die er 1847 in einer großen Abhandlung an die Akademie ausführlich entwickelte, durchzusetzen. In aller Kürze besagten diese heute als selbstverständlich anerkannten Grundsätze, daß der Bearbeiter eines Inschriftencorpus wenn irgend möglich durch persönliche Bereisung der betreffenden Länder jede noch vorhandene Inschrift selber gesehen, abgeschrieben oder wenigstens mit älteren Veröffentlichungen verglichen haben muß, daß die gesamte, auch nicht gedruckte Literatur zu der Inschrift herangezogen werden und versucht werden muß, bei nicht mehr vorhandenen Inschriften durch Vergleich und sachgerechte Kritik der älteren Abschriften den richtigen Text zu ermitteln und natürlich auch offenbare oder vermutliche Fälschungen auszuscheiden.

Zum wirklichen Durchbruch konnte Mommsen diesen Grundsätzen, die praktisch oft erhebliche Schwierigkeiten aller Art bereiteten, erst dadurch verhelfen, daß er mit einem Beispiel bewies, daß diese Forderungen erfüllbar waren und wie ein Corpus nach diesen Grundsätzen auszusehen hatte. Das war das große Hauptergebnis des Italienaufenthalts, der Mommsen in den Jahren 1844-1847 zunächst mit einem dänischen, dann schon im Hinblick auf das geplante Corpus einem preußischen Stipendium ermöglicht wurde. Diese bahnbrechende Pionierleistung war das Corpus der Inschriften Süditaliens, des damaligen Königreichs Neapel, eine von Mommsen als besonders dringend erachtete Aufgabe. Den letzten Anstoß gab Borghesi, den Mommsen im Juli 1845 in seiner Residenz in San Marino persönlich aufsuchte und del. Mommsen stets mit größter Hochachtung verehrte und als seinen einzigen Lehrer zu bezeichnen pflegte. Mommsen setzte hier die von ihm entwickelten Grundsätze zum erstenmal in einem größeren Gebiet in die Tat um, persönliche Bereisung des Gebiets bis in die kleinsten Dörfer und Durcharbeitung aller vorhandenen Archive und Literatur. Im Druck erschienen dann die Inscriptiones regni Neapolitani Latinae erst im Jahre 1852, Borghesi gewidmet, magistro patrono amico, mit einem an Borghesi persönlich gerichteten Vorwort, das Mommsen in den beiden Bänden 9 und 10 des späteren Corpus wiederholte. Auch äußerlich hatte diese Veröffentlichung bereits die Form des späteren Corpus. Zwei Jahre später erschien als weitere Vorleistung das Inschriftencorpus der lateinischen Inschriften der Schweiz, eine Frucht von Mommsens zweijährigem Aufenthalt als Professor in Zürich. Diese imponierenden Leistungen einerseits und der weitere Umstand, daß der bisher von der Akademie bestellte Bearbeiter des Corpus in all den Jahren überhaupt keine brauchbare Arbeit geleistet hatte, machte endlich die Bahn frei. Gegen Ende des Jahres 1853 erhielt Mommsen von der Berliner Akademie zusammen mit W. Henzen den Auftrag, die Redaktion des Inschriftencorpus nach seinen Grundsätzen zu übernehmen, worauf 1858 noch die Berufung an die Berliner Akademie folgte. Nun wurde das große Werk unter Mitarbeit weiterer bewährter Gelehrter und Heranziehung jüngerer Mitarbeiter energisch gefördert. Im Jahr 1863 lag der erste Band des Corpus inscriptionum Latinarum vor, der die älteren Inschriften bis zum Tode Caesars enthielt. Ihm war 1862 schon der von Friedrich Ritschl besorgte Tafelband vorangegangen, der auf 98 Tafeln ausgewählte Beispiele dieser ältesten Inschriften in getreuen Faksimilia abbildete. Die Bände II bis XV, zumeist in mehrere Teile unterteilt, sind nach geographischen Gesichtspunkten geordnet und umfassen je ein geschlossenes räumliches Gebiet, bei der Fülle des Stoffs Band IV aber nur die Wandinschriften und Kleininschriften von Pompeii und Nachbarstädten, Band VI die Stadt Rom und Band XV die Kleininschriften der Stadt Rom, das sogenannte Instrumentum domesticum. Im Gegensatz dazu ist Band XVI einer wichtigen sachlichen Gruppe von Inschriften gewidmet, den Militärdiplomen, und soll der in Vorbereitung befindliche Band XVII die Meilensteine vereinigen sowie ein Band XVIII die carmina epigraphica. Ebenso ist ein weiterer Supplementband zu Band XIV in Vorbereitung. Nicht ins Corpus aufgenommen sind die christlichen Inschriften der Stadt Rom, die gesondert publiziert sind. Wie bei allen großen Unternehmungen erwies sich auch hier, daß die Vollendung des gewaltigen Werks mehr Zeit beanspruchte, als zunächst angenommen war. Heute ist das Riesenunternehmen im Ganzen abgeschlossen, zu mehreren Bänden sind zum Teil mehrfache Supplemente erschienen, der erste Band liegt in Neubearbeitung vor. Es fehlen zu einzelnen Bänden noch die Indices ganz (XV) oder teilweise (VI, XI).

Damit können wir diesen kurzen geschichtlichen Abriß abschließen und für das Weitere auf die Bibliographie verweisen.

Zur Geschichte des Corpus s. bes. J. P. Waltzing, Le recueil général des inscriptions latines (Corpus inscriptionum Latinarum) et l'épigraphie latine depuis 50 ans, Löwen 1892. Ad. von Harnack, Die Geschichte der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Bd. I, 2, 772 ff. 900 ff. Lothar Wickert, Theodor Mommsen, Bd. II, 2 ff. 105 ff. 160 ff. 185 ff. Bd. III, 255 ff. mit den zugehörigen, zum Teil sehr umfangreichen Anmerkungen, ferner Joh. Irmscher, Akte des 4. Internationalen Kongresses für griech. und latein. Epigraphik, Wien 1964, 157 ff. Zum geplanten Band XVIII s. H. Krummrey, Philologus 108, 1964, 304 ff. Zum Supplementband XIV Hans Georg Kolbe, CIL, XIV, supplementum alterum. Acta of the fifth intern, congress of Greek and Latin epigraphy, Oxford 1971, 189 ff. Mommsen bei Borghesi in San Marino insbesondere Wickert, Bd. II, 125 ff. Eine t)bersetzung von Borghesis Werken ins Deutsche, an der Mommsen selber arbeitete, konnte aus verschiedenen Gründen nicht erscheinen, Wickert, Bd. II, 122 ff. Th. Mommsen, Inscriptiones regni Neapolitani Latinae, Leipzig 1852. Inscriptiones confoederationis Helveticae Latinae, Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft zu Zürich, Bd. 10, 1954.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de