Der Beitrag der Antike 'in neu anbrechender Zeit' zum 'Kampf gegen dumpfe Verwirrung und materialistische Öde'. Aus: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat.

Text entnommen aus: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat, in: Vergangenheit und Gegenwart 24 (1934), S. 257 - 272. Zitiert nach W. Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 282 - 299 (291 - 299).


... Wenn die Wissenschaft und speziell die Wissenschaft vom klassischen Altertum am Leben bleiben und ihr Daseinsrecht sieghaft behaupten will, so darf kein verdünntes Blut in 'hren Adern rinnen. Sie muß zeigen, daß sie als Bildungswert anderes zu bieten hat als historisierende und philosophierende Reflexionen, deren matter Glanz zu schwach ist, ein klärendes Licht in die Gegenwart zu werfen. Sie muß zeigen, daß ihre Arbeit erschließen kann und zum Teil schon erschlossen hat eine unmittelbare lebendige Antilee, die jeden Zeitgenossen ergreift, der mit regsamem und offenem Herzen ihre Bildwerke schaut, ihre Schriften liest, von ihrer Geschichte hört. Eine Antike, die anders ist als wir, fremd und doch nahe, weil sie unseres Geistes und Blutes ist, aber ein Gegenüber, wie es ein Lehrmeister sein soll. Und eine Antike, der man nicht erst geistesgeschichtlich nachweisen muß, daß sie für uns notwendig und unverlierbar sei, deren Werke und Menschen vielmehr aus sich so selbstverständlich, so gegenwärtig wirken, daß es genügt, sie einfach in ihrer Realität und Wahrheit hinzustellen. Dies zu tun, hat uns die Altertumswissenschaft der letzten Jahrzehnte das Rüstzeug gegeben, und es ist unsere Aufgabe, das Rüstzeug recht zu gebrauchen. Die Zeit der theoretischen Vorbereitung ist zu Ende, die Zeit der Tat bricht auch hier an.

Aber solche Tat kann man nicht erzwingen. Und wenn sie bisher ausblieb, wenn kein neues Verhältnis zum Altertum - ich vermeide das Wort Humanismus - entstand, wenn man gewissermaßen im geistigen Vorhofe stehen blieb, so nicht aus Schuld und Schwäche der Ringenden, sondern well uns bisher der alles tragende Boden fehlte, von dem aus sich eine wirkliche Brücke zur Antike spannen konnte. Die Zerrissenheit unseres Daseins, seine individualistische Zersplitterung verhinderte auch hier jede einheitliche Haltung, und es war schon viel, wenn überhaupt eine Richtung sich durchsetzte, die dann angesichts der sonstigen Atomisierung leicht zu Selbstüberschätzung kommen konnte. Wir hatten keine gemeinsame Frage an die Antike mehr, wohl jeder seine spezielle - die mochte sehr ehrlich und ernst sein -, aber wo war die lebendige Frage aller, der die Antike und niemand besser als sie Antwort geben konnte? Sie war nicht da und eben dies war die Krise des humanistischen Bildungsgedankens in der letzten Zeit. Alles, was über seine Notwendigkeit geschrieben und geredet wurde, war, ich will nicht sagen an den Haaren herbeigezogen, jedoch so künstlich, zum mindesten so begrenzt in seiner Berechtigung, daß man über die Wirkungslosigkeit sich nicht verwundern braucht. Aber die Antike hat es wahrlich nicht nötig, sich anpreisen zu lassen, sie kann warten, bis Perioden geistiger Verwirrung und Ohnmacht zergehen vor einem neuen gemeinsamen Willen, der im Ringen um sich und seine Art sie anrufen wird, wie noch stets die deutsche Seele sich am tiefsten fand in der Auseinandersetzung mit der klassischen Welt.

Nun ist in diesem Jahre das Neue über uns gekommen. Der nationalsozialistische Staat bedeutet nicht die Ersetzung einer Staatsform durch eine andere, den Sieg einer von mehreren parallelen Richtungen, er bedeutet den Umbruch und die einheitliche Ausrichtung unseres gesamten Lebens, auch des geistigen. Mit anderen Worten, der gemeinsame Boden, von dem aus die Brücke sich spannen könnte, ist nun geschaffen, vorsichtiger gesagt, er setzt sich an und wird - das glauben und wollen wir alle - zu einem, ungespaltenen geistigen Boden unseres Volkes werden. Es wachsen wieder gemeinsame Lebensfragen, die heute vielfach noch mehr im praktischen Ringen des Tages als in gedanklicher Auseinandersetzung aufsteigen, doch niemals ohne den Geist eine gedeihliche Lösung finden können. Diese Fragen werden alle diejenigen, welche ernsthaft um sie ringen, auf die Antike führen, trotz dem Geschrei der Gegner, die meist gar nicht wissen, was sie blindwütig bekämpfen, und die Antike wird sich als notwendig erweisen, well sie eben Antwort gibt, wie kein Stück Geschichte sonst. Gereinigt von den Schlacken der Modernisierung, in ihrer Eigenart, d. h. in ihrer Wahrheit wiederhergestellt, so gut der seiner selbst sich entäußernde Geist es vermag, und damit erst recht zum Lehrmeister geworden, erkannt in der einzigartigen Beispielhaftigkeit ihrer Erscheinungen, die alles Momentane ins Dauernde, alles Bedingte ins Absolute und ewig Gültige gesteigert zeigen, wird sie sich den Anforderungen, die man an sie stellt, gewachsen zeigen, wenn wir Professoren und Lehrer fähig sind, sie leibhaftig erstehen zu lassen. Darauf aber kommt es letzten Endes an. Nicht eine geistige Gegenwart, der die Blässe des Gedankens anhaften muß, entspricht unserem dem Intellektualismus absagenden Willen, nein, die sinnliche Gegenwart gilt es zu beschwören. Das ist zeitgeboten, und das ist auch im antiken Sinn.

Dabei wird die politische Geschichte notwendig im Vordergrund stehen; das ergibt sich aus unserer Situation, von der her wir unsere lebendige Frage an das klassische Altertum stellen. Denn der politische Mensch, der allein im Staat und durch den Staat sich Mensch weiß, soll Träger des neuen Deutschland sein. Nach ihm geht unser Verlangen, um ihn ringen wir. Ist es nötig, auseinanderzusetzen, daß in Hellas und, wenn auch anders geartet, in Rom das Ideal des politischen Menschen in einer Weise erfüllt worden ist, die man schlechthin vorbildlich nennen muß? Wenn allenthalben nach politischer Bildung verlangt wird, gerade auch für die höhere Schule - mir scheint hier ist politische Bildung zu gewinnen, und zwar am klarsten Quell, vorausgesetzt, daß wir nicht modernisieren, sondern rücksichtslos gegen uns selbst, der unverfälschten Wahrheit nachgraben. Denn nur sie in ihrer spröden Andersartigkeit kann uns lehren, jede bequeme Parallelisierung oder Verknüpfung betört und schadet nur; sie allein führt zu den Gründen hinab, wo wir an der fremden Erscheinung, in der Auseinandersetzung mit ihr uns der Wurzeln, des Zieles und des Sinnes unseres eigenen Strebens bewußt werden. Um es konkreter zu sagen: wir müssen wissen, daß die Griechen keine Nation waren, daß die Verwirklichung des politischen Menschentums dort auf Voraussetzungen mannigfachster Art ruhte, die für uns nicht zutreffen, wir müssen uns alles Hellenische stets im griechischen Wort und im griechischen Bildwerk vor Augen halten, damit wir scheiden lernen zwischen dem, was bei uns sein kann, und dem, was bei uns niemals sein wird. Das gilt nicht nur für die innere Erfüllung des Staates durch seine Bürger, auf die es bei der Erziehung vornehmlich ankommen wird, sondern auch hinsichtlich der Lehren, welche das historische Bild großer machtpolitischer Auseinandersetzungen im Altertum vermitteln kann. Wir sind keine Römer, und die Welt rings um uns ist eine andere als die Mittelmeerwelt. Trotzdem können wir aus der römischen Geschichte unendlich lernen. Nicht wegen äußerer Analogien, sondern weil auch hier Grundelemente der Politik in einer Einfachheit, in einer Klarheit und Entschiedenheit verwirklicht worden sind, daß es uns bei ihrer Betrachtung ist, als schauten wir ein Gesetz des politischen Lebens selbst. Und Gleiches werden wir erfahren, wenn wir mit anderen brennenden Fragen, nach dem Verhältnis von Staat und Wirtschaft, nach den Beziehungen zwischen Staat und Religion, nach der Möglichkeit einer nationalen Aktivierung - um nur einiges zu nennen - uns dem Altertum nahen. Halten wir uns mit aller Energie die historische Bedingtheit seiner Erscheinungen bewußt, dann erst erstehen sie uns in ihrer Unbedingtheit und reden heute zu uns, als seien sie von heute.

Ich kann im Rahmen dieser Ausführungen bloß andeuten,was die Antike den geistigen Bedürfnissen, die der nationalsozialistische Staat, d. h. die Volksgemeinschaft in ihm, verspürt, darzubieten hat, und wende darum den Blick vom spezifisch Politischen ab, soviel hier noch zu sagen wäre, benachbarten Gebieten zu. Mit dem neuen Staatsgedanken ist bei uns der Rassegedanke eng und programmatisch verbunden. Noch schillert er in den mannigfachsten Farben, bald anthropologisch, bald quasihistorisch, bald als eine seelisch-leibliche Forderung an das lebende Geschlecht im Hinblick auf die Zukunft. Die Antike vermag auch hier dank der plastischen Klarheit, die sie allenthalben zeigt, ein besserer Lehrmeister zu sein als alle anderen Zeiten, deren ethnische Struktur entweder so undurchsichtig ist, daß keine Erkenntnis daraus gewonnen werden kann, oder so unbekannt ist, daß nur allzuviel freier Raum für willkürliche, oft rührend primitive Konstruktionen bleibt. Die ganze Schwierigkeit des Rasseproblems wird an den Zuständen des klassischen Altertums deutlich - denn so einfach, daß alles Positive indogermanisch oder gar, wie man vielfach sehr unbekümmert sagt, nordisch sei, während alles andere etwa der Mittelmeerrasse angehöre, liegen die Dinge wahrlich nicht. Und zugleich wird auch die Bedeutung des Rasseinstinktes, die Möglichkeit und Wirkung einer Rassepolitik, das Ende einer Kultur durch Rassezersetzung beispielhaft sichtbar. Es sei nur hingedeutet auf die artbewußte Behauptung des Makedonenund Griechentums in der ersten Zeit des Hellenismus, der dann durch die zunehmende Vermischung der Abendländer mit den Orientalen seine Lebenskraft verlor, oder auf des Augustus zielsichere Bürgerrechtspolitik, die das wilde Einströmen fremdrassiger Freigelassener hemmte und die Lebenskraft des Römertums für zwei Jahrhunderte erhielt, schließlich auf den Untergang der antiken Welt überhaupt, der nicht zuletzt durch die Zersetzung der herrschenden Rasse bedingt war. Mir scheint, hier ist Brauchbareres zu lernen als aus Utopien über Rasseverhältnisse in grauester, schlechthin unbekannter Vorzeit.

Soweit nun der Rassegedanke der Gegenwart ein körperliches Ideal verwirklichen will - und ich glaube, dies ist seine wesentliche Seite -, soweit erweist er sich als ein Sproß jenes neuen Körperempfindens, das nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt während der letzten 20 Jahre zum Durchbruch gekommen ist und in all dem sichtbar wird, was unter dem Worte Sport zusammengefaßt werden kann. Hier bedarf es keines besonderen Hinweises, welche neue und enge Beziehung zur Antike sich aufgetan hat, eine Beziehung, die, wie mir scheint, bildungswichtiger ist als alle sogenannte geistige Gegenwart, weil hier die Wesensart des antiken Menschen unmittelbar die Wesensart des modernen Menschen ergreift. Man soll es begrüßen und nicht bespötteln, wenn heute ein junger Lehrer neben Latein und Griechisch auch die Fakultas für Leibesübungen hat. Der sportliche Sieg, der dem Griechen ein Höchstes in seinem Leben war, findet in unseren Tagen wieder ein begeistertes Verständnis, dem die Stimmung der Pindarzeit vernehmlicher reden kann als manchem Pindarphilologen, und auch die Plastik der Hellenen, die nie bloß ästhetisch genossen sein wollte, vermag unter solchen Umständen wieder naturhafter, intensiver und leiblicher zu wirken als in einer vorwiegend geistig orientierten Epoche.

Ja, es scheint überhaupt die Kunst der Antike, diese vielgeschmähte und doch unentbehrliche klassische Kunst jetzt in einem neuen Sinne lebendig werden zu wollen, in einem Sinne, der am besten gekennzeichnet wird durch einen Hinweis auf das, was man den preußischen Stil genannt hat. Die Herbheit und Strenge der griechischen Formen, die Absage an allen überflüssigen Tand, doch nicht an Schönheit und maßvollen Schmuck, die organische, gesetzesbewußte und schweigende Einfügung der individuellen Glieder ins geschlossene Ganze, das ihnen allen Ort und Sinn gibt, all dies zeigt sich den Kräften verwandt, die in altpreußischer Tradition und im Staatsgedanken des Dritten Reiches leben. Es wird, bewußt oder unbewußt, schon gespürt, daß die griechische Kunst die Kunst des politischen Menschen ist und darum notwendig verwandt dem künstlerischen Ausdruck, den unsere Gegenwart sucht, ohne bisher noch Formen gefunden zu haben. Ich darf auch hier auf des Führers Buch >Mein Kampf< verweisen, wo an mehr als einer Stelle die tiefe innere Beziehung zur hellenischen Kunst deutlich wird.

Was aber von der bildenden Kunst gilt, das gilt mit geringem Unterschied vom Geistesleben des Altertums überhaupt, denn die Kunst nimmt so wenig wie irgendein anderes Gebiet eine Sonderstellung in den einheitlich gerichteten klassischen Zeiten ein. Die Erziehung zum Gesetz kann auf geistigem Gebiete keinen besseren Helfer anrufen als den Geist der Griechen und Römer, denn wo haben Völker so unbedingt Gesetze geformt und Gesetzen gehorcht wie sie? Ich meine jetzt nicht das »wie das Gesetz es befahl« der Gefallenen von Thermopylae, auch nicht die Majestät der römischen Lex, sondern den aus der gleichen Wurzel stammenden Willen zum Gesetz, der als Formwille die ganze klassische Dichtung des Altertums beherrscht, der die Wissenschaft und ihre Methode geboren hat, der die lateinische Sprache in ihrer zwingenden Struktur, in ihrer kristallenen Logik schuf und dem römischen Recht seine unwiderstehliche Macht über alles juristische Denken gegeben hat. Geistige Schulung, so wie sie heute gewollt und gebraucht wird, Zucht nämlich, des allzu zuchtlos gewordenen Geistes zu Klarheit, Ordnung, Haltung und Form, kann immer noch die humanistische Bildung am besten geben. Sie hat das an früheren Geschlechtern sichtbar bewährt, und versagte sie darin in letzter Zeit, dann auf Grund jener Krisis, in der sie während der vergangenen Jahrzehnte nicht anders als unser gesamtes Leben stand. Zum Individualismus, wie Nichtkenner gern behaupten, erzieht das klassische Altertum ganz und gar nicht. Das konnte höchstens so scheinen, als die Welle des Historismus die überzeitlichen Werte der Antike zu begraben drohte und man mehr auf Hellenismus, auf Vorzeiten und Verfallsepochen als auf die Hochzeiten den Blick richtete. Nun, da aus jener Flut die klassischen Werte härter und unbedingter als je wieder aufsteigen, kann mit voller Überzeugung gesagt werden: Echte humanistische Bildung erzieht nicht zum Individualisten, zum geistigen Privatmann, sondern zum politischen Menschen - denn der antike Mensch war ein politischer Mensch - und überhaupt zu Einordnung in Form und Gesetz. Sie erzieht, wenn sie recht betrieben wird, zu den Tugenden, die der nationalsozialistische Staat braucht.

Was sie aber als Persönlichkeitsideal uns vor Augen stellt, nicht so sehr in den Idealbildern ihrer Philosophen als in ihrem realen geschichtlichen Leben selbst, das ist der heroische Mensch. Zahlreich sind die erhabenen Gestalten, die ihrem Schoße entstiegen sind. Stets hat sich an ihrer seelischen Größe der Sinn strebender Menschen erhoben, und nicht wenige Männer der geschichtlichen Tat haben hier ihre Vorbilder gefunden, die sie zu gewaltigen Leistungen anspornten. Denn mag die Geschichte des eigenen Volkes noch so reich an Helden sein, auch hier bewährt die Antike ihre einzigartige Beispielhaftigkeit. Gleich den Göttern und Helden Homers stehen die großen Männer ihrer Geschichte, ob Leonidas oder Perikles, ob Demosthenes oder Alexander, Cato oder Caesar, in einer plastischen Klarheit und menschlichen Greifbarkeit vor uns, die sie jedem, der ihnen einmal begegnet ist, unvergeßlich macht. Eben darum sind sie zum Vorbild berufen; sie zeigen sich gegenwärtig in den Stunden, da der ringende Mensch der Stärkung durch die Vision einer großen Erscheinung bedarf. Und es kann nicht anders sein, als daß sie auf ein Geschlecht, dessen Wille wieder sich auf das Heldische richtet, ihren unvergänglichen Zauber ausüben, wenn -)a, wenn wir sie zu beschwören wissen.

Das aber bleibt das Entscheidende: Werden wir die Antike lebendig machen, vom Katheder der Universität und vom Katheder der Schule, lebendig machen in ihrer ganzen realen Härte, in ihrer historischen Eigenart, darin zugleich, wie ich zeigte, ihr klassischer Wert ruht? Mir scheint, die Stunde dazu ist da in mehr als einem Sinne. Kein Zweifel, im Gegensatz zur Geistigkeit der hinter uns liegenden Epoche ruft die neu anbrechende Zeit nach der konkreten Geschichte. Ihre Schöpfungen, ihre Gestalten, ihre Schicksale verlangt sie von Angesicht zu schauen, gewillt, im starken Bewußtsein der eigenen Art den historischen Gegenstand in seiner fremden Eigenart zu fassen, und sicher nicht gewillt, sich ideengeschichtliche oder geschichtsphilosophische Betrachtungen als Geschichte darbieten zu lassen. Kein Zweifel auch, daß nicht mehr ein blanker Relativismus, der aus Mangel an einer eigenen festen Basis Wertungen scheut, sondern die entschiedene Wertung, wie sie in der Feststellung des klassischen Charakters der Antike liegt, dem Geist des neuen Staates entspricht, denn auch ihm ist Überzeugung und Glaube das Fundament seiner Existenz. Alles aber, was die Antike unserer Gegenwart zu geben hat, Erziehung zum politischen Menschen, rechte Harmonie von Körper und Geist, Form in der Kunst, Zucht und Gesetz dem Denken, herrliche Vorbilder eines hohen Menschentums, wird sie nur geben können, wenn wir, die diese Werte vermitteln sollen, an den klassischen Charakter des griechisch-römischen Altertums aufrichtig und zutiefst glauben. Nur der Glaube macht lebendig. Es genügt nicht, daß die klassische Bedeutung des Altertums gewissermaßen geisteswissenschaftlich bewiesen ist - so etwas erweckt die Schatten der Vorzeit nie -, sondern darauf kommt es an, daß wir diese Überzeugung stark im Blute tragen, daß wir leidenschaftlich die Antike suchen, sie mit unserer Sehnsucht beseelen, well vieles, was in diesen Monaten aus den Tiefen des deutschen Herzens hervorgebrochen ist, für seine Formung, Befestigung und Dauer nach ihr als dem bewährten Helfer verlangt. Hier liegt die Schicksalsfrage der humanistischen Bildung: Ist uns die Antike eine solche tiefe Lebensnotwendigkeit? Ich glaube: ja! Und ich bin gewiß, daß die Bewegung, die über Deutschland nach dumpfer Verwirrung und materialistischer Ode wieder ideale Werte aufgehen ließ, daß diese Bewegung, niögen die Stimmen heute noch vielfach anders ertönen, auch cinen der höchsten idealen Werte, die der abendländischen Menschenheit beschieden sind, in neuem Glanze wird leuchten lassen. Vorausgesetzt immer, daß wir wirklichen Glauben an cm klassisches Altertum haben und bewähren. Ist der vorhanden, dann, aber auch nur dann wird sich allen zeigen, daß sie im Grunde doch zueinander gehören, Antike und nationalsozialistischer Staat.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de