Die Antike als Gegenbild zu einem Gesellschaftsentwurf zur Lösung des 'Widerspruchs zwischen Mensch und Natur' . Aus: Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems.

Text entnommen aus: Ernest Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt M. 1979, S. 518 - 522.


Der Selbstzerstörungswille des Patriarchats ist untrennbarer Teil seiner selbst. Man denke an die patriarchalische Gleichung von Liebe und Tod. Liebe ist »der kleine Tod«. Alle Liebesgeschichten, wenn man sie nur weit genug verfolgt, enden mit dem Tod des Liebenden oder der Geliebten. Die Liebe brennt nur, solange sie aus Sehnsucht besteht. Wird sie erfüllt, so stirbt sie. In unzähligen Legenden des Patriarchats sterben die Liebenden, um ihre Liebe zu erfüllen. Plutarch hat den Gedanken geäußert, daß das Prinzip der Liebe in der Verwundung liege, weshalb Amor auch den Pfeil führe. Dies ist ein zutiefst vaterrechtliches Konzept, das der Logik entspricht, die Frau sei der Acker, der Mann sei der Pflug; erst durch die »Verwundung« der Erde entstünde die Ernte.

Im Patriarchat verliebt man sich »auf den ersten Blick«. Zwei Menschen sind »vonNatur her« für einander bestimmt. Finden sie. einander nicht, so bleiben sie lebenslang unglücklich. All das ist dem Mutterrecht fremd. Jeder gesunde Mann kann mit jeder gesunden Frau Zufriedenheit finden, jede gesunde Frau mit jedem gesunden Mann. Liebe ist, was erfüllt, wird. Liebe ist hier und jetzt. Liebe beginnt, nachdem man miteinander geschlafen und dadurch einander schätzen gelernt hat. (Im Patriarchat kopuliert man absurderweise erst, nachdem man sich verliebt hat, und ist dann selbstverstndlich enttäuscht, weil es nicht so schön ist, wie man sich das vorher vorgestellt hat.) In der Welt der Mütter dagegen ist alles konkret, hiesig, irdisch. Das matristische System ist, um ein Wort von Karl Marx zu paraphrasieren, »dsgel.äse Rätsel der Geschichte«, die Lösung eines mit keinen anderen Mitteln lösbaren Widerspruchs zwischen Mensch und Natur, zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen den bewußten und unbewußten Bereichen der Psyche.

Es mag sinnvoll sein, einmal die strukturellen Elemente der matristischen Ordnung denen des Vaterrechts gegenüberzustellen, um zu sehen, wie viele dieser Elemente man in eine weibliche Gesellschaftsordnung der Gegenwart übernehmen könnte. Ich halte eine solche Bestandsaufnahme für die wichtigste und dringendste Grundlage einer jeden emanzipatorischen Frauenbewegung unserer Tage, weil hierdurch eine Konfrontation der positiven, aufbauenden, produktiven Aspekte der sozialistischen Frauenbewegung mit den aggressiven, zerstörerischen, also unbewußt patriarchalischen Elementen der bürgerlichen Emanzipation ermöglicht wird. Der Radikalismus der bürgerlichen Frauenbewegung, der sich im Kampf gegen den Mann erschöpft und dabei übersieht, daß es »den« Mann überhaupt nicht gibt, sondern nur den vom Patriarchat geformten, seiner eigentlichen Natur bereits entfremdeten Mann, ist ein oberflächlicher, ein nur scheinbarer Radikalismus, well er dem Patriarchat nichts Kreatives gegenüberzustellen vermag. Erst wenn die Frauenbewegung dem Patriarchat ein geschlossenes, in jeder Hinsicht vom Männerrecht emanzipiertes Weltbild entgegenzustellen hztt, kann sie hoffen, nicht nur bürgerliche, sondern auch proletarische Frauen, vor allem aber auch die proletarischen Männer für sich zu gewinnen, denn ohne deren Unterstützung ist und bleibt sie eine entwurzelte Minderheit, die nie einen Deut an der Realität der Klassengesellschaft ändern wird.

Strukturelle Elemente der matrilinearen Sippengesellschaften der Alten Welt. Strukturelle Elemente des griechisch-römischen Patriarchats
Gesellschaftsordnung als Analogon der Mutter. Gesellschaftsordnung als Analogon des Vaters.

Biologische Struktur der Gesellschaftsordnung: Wer blutsverwandt ist, gehört zum Stamm.

Politische Struktur der Gesellschaftsordnung: Wer Staatsbürgerschaft besitzt, gehört zum Staat.

Keine territoriale Begrenzung der Gemeinschaft: Wer blutsverwandt ist, gehört zur Gemeinschaft, einerlei wo er wohnt. Territoriale Begrenzung der Gemeinschaft: Wer innerhalb der Grenzen wohnt und Bürgerschaftsrechte besitzt, gehört zur Gemeinschaft.
Zusammengehörigkeit. Vereinzelung
Verkittung der Gesellschaft. Aufspaltung der Gesellschaft.
Kollektivismus.

Individualismus.

Zusammenarbeit.

Konkurrenz.

Gegenseitiger Beistand.

Jeder für sich.

Produktionsmittel als Gemeinschaftseigentum.

Privateigentum an den Produktionsmitteln.

Gleichmäßige Versorgung aller ohne Ansehen ihrer Leistung: Analogon zur mütterlichen Versorgung des Kindes.

Belohnung und Strafe im Verhältnis zur Leistung: Analogon zur väterlichen Auffassung, daß das Kind für Gutes belohnt und für Schlechtes bestraft werden muß.

Betätigung als Wunsch. etwas Bleibendes zu erzeugen: Analogon zum Wunsch der Mutter, ein Kind zu haben, das sie überlebt.

Betätigung als Ahreaktion von Neid und Frustrierung: Analogon zum Wunsch des Vaters, ein Kind zu haben, dem all das vergönnt sein möge, was er verpaßt hat..

Hingabe.

Ausbeutung.

Sicherheit.

Erwerb.

Sozialwirtschaft.

Marktwirtschaft.

Dezentralisation.

Zentralisation.

Selbständigkeit.

Autorität.

Initiative.

Befehl und Gehorsam.

Keine Bürokratie.

Bürokratie.

Keine Exekutive.

Exekutive.

Keine Legislative.

Legislative.

Keine Beamten.

Beamtenapparat.

Keine Polizei.

Polizeiapparat

Keine Gerichtshöfe.

Gerichtsapparat.

Keine Gefängnisse.

Apparat des Strafvollzugs.

Fast alle Verstöße gegen Mitglieder der Gemeinschaft (Ausnahme: Totschlag) werden durch Gaben oder Dienstleistungen der Sippe des Schädigers an die Sippe des Geschädigten geregelt. Das Verfahren ist sinnvoll, well es der Gemeinschaft keine Kosten verursacht und dem Betroffenen Entschädigung zukommen läßt. Das Motiv ist edel: Wiedergutmachung. Langwieriger, kostspieliger Instanzenweg von Anzeige über Ermittlung. Verhaftung und Gerichtsverfahren bis zur Haft, Geldstrafe oder Hinrichtung. Das Verfahren ist widersinnig, weil die Gemeinschaft dafür bezahlen muß und der Geschädigte keine Wiedergutmachung erhalt. Das Motiv ist unedel: Rache.
Vergebung. Bestrafung.
Vorbeugung. Vergeltung.
Verteidigung. Aggression.
Prophylaxe. Therapie.
Liebe. Pflicht.
Kreativität. Leistung.
Akzent auf Produktivität. Akzent auf Konsum.
Arbeit als Freude an der Kreativität: Analogon zur Tätigkeit des Bastlers, Künstlers, Denkers. Arbeit als unvermeidliches Ubel: Analogon zur patriarchalischen Oberzeugung, daß man auch lernen müsse, Dinge zu tun, die einem keinen Spaß machen.
Arbeit als Befriedigung. Arbeit als Mittel zum Geldverdienen
Anteilnahme als Motiv aller Oberlegungen: »Warum geht es mir so viel besser als dem da?« Neid als Motiv aller Oberlegungen: »Warum geht es mir nicht so gut wie dem da?«
Angleichung der Geschlechter. Polarisierung der Geschlechter.
Zusammenarbeit der Geschlechter. Kampf der Geschlechter.
Keine Herrschaft des einen Geschlechts über das andere Herrschaft des Mannes.

Liebe, Geduld, Ausdauer, Hegen und Nähren sind die Grundsteine der mütterlichen Welt. Angst, Neid, Schuld und Scham sind die des Patriarchats. Macht, »Recht«, Autorität und Gehorsam sind die Eckpfeiler des Gebäudes, auf denen alle patriarchalischen Gesellschaften ruhen, auch die unsrige. Es ist bezeichnend, daß Kafkas Welt im Prozeß und im Schloß ganz von Männern beherrscht wird. Frauen, soweit sie überhaupt auftauchen, sind »entweder eminent phallisch oder masochistisch-unterwürfig, um sich so dem >Apparat< anzupassen« (Karl Stern, Die Flucht vor dem Weib, Salzburg 1968, 5. 200).

Der patriarchalische Apparat ist zentralisiert, die matrilineare Sippengesellschaft war dezentralisiert. Morgan beklagt »die Zersplitterung, die mit den Gentileinrichtungen unzertrennlich verbunden ist« (a.a.O., S. 255). Darin liegt aber nicht nur eine Schwäche, sondern auch eine gewisse Stärke, denn sie gibt Kraft, Lebensmut, Ruhe, Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Freiheit von Neurosen und Psychosen. Andererseits gibt die zentralisierte Organisation dem Patriarchat bei bewaffneten Konflikten mit dezen-. tralisierten StammesgeselIschtei fast stets die Oberhand. Denn jedwede Form der kriegerischen Aktivität, einschließlich der bewaffneten Verteidi-gung, widerspricht dem Mutterrecht. Und darin liegt einer der Gründe des rapiden Aussterbens matristischer Kulturen. Wie eine Krebszelle alle gesunden Zellen um sich herum angreift und verschlingt, so fraß das Patriarchat sofort nach seinem Auftauchen die umliegenden matristischen Gesellschaften auf. Der Grund seiner Aggression war die Unzufriedenheit seiner Bürger. Und gegen Aggression sind matristische Kulturen weitgehend wehrlos, well ihre Mitglieder zufrieden und deshalb friedlich sind.

Wenn wir auf Phänomene wie Sparta oder die Huronen und Irokesen Nordamerikas stoßen, wo eine weitgehend matrilineare, matrilokale Gesellschaftsordnung sich mit militärischer Kultur verbindet, können wir sicher sein, daß es sich hier um Gesellschaften handelt, die nicht mehr auf der Freiheit und Gleichheit der alten Stammesordnung beruhen (was ja im Falle Sparta bereits aus der Existenz und Unterjochung der Heloten hervorgeht), sondern sich im Konflikt mit vaterrechtlichen Kulturen und als Reaktion auf diese gebildet haben. Auch die Legenden von Amazonenheeren entspringen nicht dem mutterrechtlichen Zeitalter, sondern stammen aus der Zeit der großen Unruhen nach der Einführung des Patriarchats, den finstersten Zeiten Griechenlands, in denen die letzten Rebellionen der Mutterrechtler Mykene erschütterten, wo die Frauen auf der Insel Lemnos die Männer umbrachten und die Söhne (wie in der Titanenlegende) im Auftrag der Mütter die Väter kastrierten. Dies sind Verfallserscheinungen. Eine Gynaikokratie, eine »Herrschaft« der Frau, gibt es ebenso wenig wie ein Matriarchat, eine »Herrschaft« der Mutter, denn das Prinzip des Herrschens ist eine männliche Erfindung, entstammt dem Vaterrecht und widerspricht den Organisationsformen der »mutterrechtlichen« Stammesgesellschaften. Dort regiert man sich selber. Es gibt nur Sprecher der Sippen und Stämme, und diese sind jederzeit abwählbar. Es gibt keine Exekutivgewalt, und deshalb auch keine Herrschaft.

Wie diese Gesellschaft frei von Unterdrückung ist, so ist sie es auch im Verhältnis der Geschlechter. Im Gegensatz zum Patriarchat mit seiner extremen Polarisierung der Geschlechter, die sich sogar in der Kleidung niederschlägt, war auch in allen matrilinearen Gesellschaftsordnungen die Kleidung der Geschlechter außerordentlich ähnlich. Im Patriarchat dagegen hat man es stets als geradezu unsittlich betrachtet, wenn die Frau »männliche« Kleidung oder der Mann »weibliche« trug. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß in der bürgerlichen Welt unserer Tage die altere, konservativere Generation den fortschreitenden Prozeß der sexuellen Angleichung unter den jüngeren, progressiveren Mitgliedern ihrer eigenen Klasse mit pathetischer Angst beobachtet. Das lange Haar des Mannes, die Hosen der Frau, die Unisex-Kleidung und die Unisex-Sitten der Jüngeren drucken eine Liberalisierung des Patriarchats und einen wachsenden Respekt der Geschlechter füreinander aus. Daß diese Liberalisierung nur oberflächlich ist, daß wirkliche Gleichberechtigung nur auf der Ebene der ökonomischen Befreiung erfolgen kann, daß die ökonomische Befreiung aber eine biologische Veränderung hervorrufen und ihrerseits von dieser veränderung getragen werden wird, das ist die Kernthese des voliegenden Schlußkapitels unserer Geschichte des frühen Patriarchats


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de