Zeitgeschichtliches Bewußtsein, Politik und Geschichtsschreibung. Aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz.

Text entnommen aus: Karl Christ, Geschichte und Existenz, Berlin 1991, S. 44 - 47 (Auszug aus dem Beitrag 'Die Antike im 19. Jahrhundert').


Wie stark die Auswirkungen der Französischen Revolution, der preußischen Reformen und der Befreiungskriege auf die deutsche Geschichtsund Altertumswissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts wirkten, ist evident. Die Identifikation mit der Sache Preußens und die Hoffnung auf Preußen sind bei Niebuhr ebenso deutlich wie bei Boeckh oder später bei Curtius und bei Mommsen, obwohl keiner von ihnen gebürtiger Preuße war. Bei Niebuhr läßt sich, im Unterschied zur Meinung Carlo Antonis 29, die sittliche Kritik nicht von der sozialen oder politischen trennen. Dies spiegelt sich in seiner Auffassung der sozialen und wirtschaftlichen Zustände seiner eigenen Zeit und in seiner Idealisierung des freien römischen Bauerntums, der Plebs des . Jahrhunderts v. Chr. Niebuhr konnte die Aristokratie seiner Gegenwart ebenso angreifen wie das »ReichthumsSystem« oder das »Turnregiment« und dennoch feststellen: »Ich bin antirevolutionair, ich bin es aus Grundsatz, aber ich bin es auch aus Antipathie gegen die revolutionairen Ideen, die mir an sich zuwider wären, so wie sie sich in schaalen Köpfen erzeugen - wenn sie auch gar keine Folgen hätten. « 30 Hier dürfte eine Überzeugung ausgesprochen sein, die für die Mehrzahl der deutschen Altertumsforscher des 19. Jahrhunderts galt.

Warnungen vor demokratischen Exzessen enthalten auch Boeckhs Schriften und Reden zur Genüge. Sein Verfassungsideal war die konstitutionelle Monarchie und so hieß es denn in der Encyclopadie: »Gerade für unsere Zeit ist das Alterthum in der Politik belehrend: dort liegen alle Principien ganz klar. Das Alterthum lehrt die wahre politische Freiheit und die echten Grundsätze derselben; es zeigt die Verwerflichkeit des Absolutismus und der Ochlokratie. Wer das Alterthum politisch studirt hat, kann keinem von beiden Extremen huldigen: ebensowenig der Despotie wie den Träumen des Socialismus und Communismus, welche schon das Alterthum durchgeträumt und überwunden hat. « 31

Aktualisierung, Politisierung und Apologetik haben sich in den Wertungen deutscher Altertumsforscher des 19. Jahrhunderts oft durchdrungen. Den Höhepunkt einer bewußt politisch motivierten Geschichtsschreibung stellt dabei natürlich Mommsens Römische Geschichte dar; Mommsen sprach es auch ganz offen aus, daß ihm an der Anerkennung der »sittlich-politischen Tendenz« seines Werkes mehr lag als an jener des wissenschaftlichen Wertes im engeren Sinne. 32 Die Ideale des liberalen Achtundvierzigers, der um jeden Preis die Einheit Deutschlands wollte und der eine »weise und glückliche Selbstregierung« für das »großartigste aller Menschenwerke« hielt, der gegen »Junkertum« ebenso wetterte wie gegen »radikale Demokraten«, haben sein großes Werk tief durchtränkt. 33

Sie unterstellten gleichzeitig der Geschichte der Römischen Republik das zeitgemäße Telos einer nationalen Einigung Italiens durch Rom, eine Konzeption, die ihre Suggestivkraft im deutschen Bereich bis heute nicht verloren hat.

Gegen die Methode und die Tendenz dieser Modernisierung hat sich wohl keiner so entschieden gewandt wie J. J. Bachofen in seinen Briefen an Meyer-Ochsner. Nach der kritischen Lektüre der 3. Auflage von Mommsens Römischer Geschichte stellte sich Bachofen die Aufgabe: »Ich will die ganze Verfahrensart dieses sogenannten Historikers darlegen und diese freche Impertinenz eines modernen Berliner Hohlkopfes in all ihrer abstoßenden Nacktheit gehörig zeichnen... Besonders eckelhaft ist die Zurückführung Roms auf die Lieblingsideen des flachsten modernen Preussischen Kammer-Liberalismus. Der ganze Jargon des Demagogen kommt schon in der Königszeit vor, so daß alles unter die elendesten Ideen subsummirt und dadurch vollständig auf den Kopf gestellt wird. « 34

Die Ursachen für Bachofens Ausfälle liegen in seiner konsequenten Gegenposition gegenüber Niebuhr und Mommsen begründet. In dieser Hinsicht ist die BachofenMommsenKontroVerse von nicht geringerer grundsätzlicher Bedeutung als jene zwischen Boeckh und Hermann. Seine eigene Konzeption der Römischen Geschichte stellte Bachofen, zusammen mit Gerlach, wenigstens für die Anfänge der Stadt und die römische Königszeit schon 1851 dar. 35 Er hat sie aber auch verschiedentlich klar definiert, so in einem Brief an Henzen vom 6. 10. 1850, wo es hieß: »Wer ein Volk auffassen will, mug sich auf den Standpunkt stellen, auf dem es selber stand, und wer dessen Geschichte schreibt, muß sie aus seinem Geist schreiben, nicht aus dem eigenen. Er darf nicht die Anschauungsweise des XIX. Jahrhunderts walten lassen, sondern mug sich jene der Römer aneignen, und mit ihren Augen sehen... Ich bin ganz positiv, mein einziges Streben geht dahin, so römisch zu sein als möglich. Ich verwerfe jene sogenannte wissenschaftliche Kritik, welche mit den gesunkenen und verdorbenen Ansichten einer gesunkenen und verdorbenen Zeit das Leben und die Thaten eines hohen gotterfüllten Volkes mißt, und die eigene Zerfahrenheit auch in jene alte Zeit und auf jenes gewaltige Volk überträgt. « 36

Damit war die grundsätzliche Alternative gegen die quellenkritischen Methoden Niebuhrs und Mommsens abgesteckt. Aber die modernisierende politische Dimension begegnet in der Griechischen Geschichte nicht weniger als in der Römischen. Selbstverständlich ist es richtig, wenn Momigliano betonte, daß die zahlreichen deutschsprachigen Griechischen Geschichten aus der zweiten Jahrhunderthälfte Auseinandersetzungen mit Grote sind. 37 Aber zugleich finden sich in nahezu allen dezidierte politische Wertungen. In systematischer Weise lassen sich diese hier nicht analysieren. Es sei lediglich an das vergessene, bizarre Werk von Friedrich Kortüm aus dem Jahre 1854 erinnert, das die erste Griechische Geschichte der deutschen Reihe darstellt. 38

Kortüm ging in ihr von dem »schneidenden Mißverhältnis der materiellen und technischen Kräfte und Fertigkeiten zu den moralischen und intellektuellen« 39 der eigenen Zeit aus. Der athenischen Demokratie stand er aufgeschlossen gegenüber, nüchtern und kritisch dagegen dem »großen Haufen 40, der einen Perikles 41 oder Demosthenes 42 zu seiner sittlichen Leitung benötigte, eine Auffassung, die später auch Curtius teilte. Unbedenklich setzte Kortüm den Begriff des »Communistenpöpels« 43 ein, sprach von » social-communistischen Übergriffen « 44 oder » social-materiellen Gelüsten« 45 der griechischen Spätzeit. Er selbst sympathisierte unverkennbr mit dem Mittelstand und der Staatsform einer gemäßigten Demokratie.

In der langen Reihe der großen deutschsprachigen Darstellungen zur griechischen Gesellschaft und Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ließen sich häufig ähnlich dezidierte politische Kategorien und Wertungen finden, bei Pöhlmann nicht anders als bei Beloch, Wilamowitz oder Berve. Selbst Burckhardts Apolitie war ein Politikum.

Ziehen wir eine vorläufige Zwischenbilanz in den drei skizzierten Dimensionen, so zerrann die Idealisierung der Antike schon im 19. Jahrhundert. An die Stelle des Glaubens an ein gerade für die Deutschen komplementäres, überhöhtes Griechentum trat die streng rationale, handwerkliche, kritische Beschäftigung mit dem Gesamtbereich der antiken Welt. Enthusiasmus und Pathos der Humboldtära lebten in unserem Jahrhundert allenfalls in kleinen elitären Zirkeln, wie im Georgekreis, fort. In der Dimension der Verwissenschaftlichung erlebte die Altertumsforschung ihre Unterwerfung unter die sozialen und technischen Rahmenbedingungen der modernen Welt. Die Etablierung der Großwissenschaft warf die Frage auf, wer sie leitete und welchen wissenschaftlichen Zielen sie dienen sollte. Mit der sich abzeichnenden Computerisierung der Altertumswissenschaft dürften wir eine qualitativ neue Stufe jenes Prozesses der wissenschaftlichen Strukturveränderung erleben, der im 119. Jahrhundert begann.

Endlich zur dritten Dimension, die provozierend als »Politisierung« der Antike bezeichnet worden ist. Zweifellos gaben solche Impulse den Vermittlungsversuchen von Stoffen, Werken und Problemen der Antike, ungeachtet aller Einseitigkeit und oft auch Inadäquanz der Wertungen, Dynamik und Vitalität. Die Konsequenzen und den Preis hat Bachofen jedoch bereits drastisch gezeigt. Angesichts der zunehmenden Kritik an dem Monopol humanistischer Bildung konnte Apologie auch zu Anpassung und zu historischer Verfälschung führen. Der wilhelminische »Kaiser Augustus« bezeugt das im deutschen Bereich ebenso wie die politische Funktionalisierung Spartas unter dem Nationalsozialismus oder die einseitige Glorifizierung der athenischen Demokratie nach 1945.

Die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und die konkreten Aufgaben derjenigen, die heute im deutschen Bereich die Welt der Antike erforschen und sie vermitteln, sind gewiß völlig verschieden von jenen, die für das 19. Jahrhundert bestimmend waren. Dennoch gibt es Kontinuitäten der Entwicklung, die uns existentiell betreffen. Und es gibt, so fern uns die einzelnen Gelehrten stehen mögen, noch immer die Verbindlichkeit einer großen Tradition, mit der jede Auseinandersetzung lohnen wird.

Anmerkungen Nr. 29 - 45.

29. C. ANTONI, Vom Historismus zur Soziologie, Stuttgart 1950, S. 168f.

30 Am . 2. 1820 aus Rom an Dore Hensler. Zitiert nach D. HENSLER, Lebensnachrichten über Barthold Georg Niebuhr aus Briefen desselben und aus Erinnerungen einiger seiner nächsten Freunde, Hamburg 1838, II, S. 425. Zu Niebuhrs Ansichten generell: K. CHRIST, Römische Geschichte und Universalgeschichte bei B. G. Niebuhr in: K. CHRIST, Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Darmstadt 1983, III, 5. 8 f.

31 A. BOECKH, Enzyclopädie und Methodologie der Philologischen Wissenschaften, hrsg. von E. BRATUSCHECK, Leipzig 1877, S. 28 f.

32. Brief an C. HALM, zitiert nach A. WUCHER, Theodor Mommsen. Geschichtsschreibung und Politik, Göttingen 19682, S. 25.

33 Diese bekannten Zusammenhänge sind besprochen und belegt bei K. CHRIST, Theodor Mommsen und die »Römische Geschichte» in: K. CHRIST, Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, III, S. 26 - 73.

34 J. J. Bachofen an H. Meyer-Ochsner, 24. 1. 1862, in Gesammelte Werke, hrsg. von F. HUSNER, Basel 1967, X, S. 252.

35 F. D. GERLACH - j. j. BACHOFEN, Die Geschichte der Römer, Base! 1851, I. Siehe zum folgenden K. CHRIST, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982, S. 49 ff.

36 Gesammelte Werke, X, S. 107.

37 A. MOMIGLIANO, George Grote and the study of Greek History in: A. MOMIGLIANO, Studies in Historiography, New York 1966, 5. 6. - Zu den Anfängen der »Politisierung» siehe H.-O. SIEBURG, Das Erwachen des politischen Bewußtseins in Deutschland zwischen 1815 und 1848 im Spiegel des Griechenbildes, Diss., Münster 1941.

38 FR. KORTiJM, Griechische Geschichte, 3 Bde., Heidelberg 1854. - Zu den deutschsprachigen Darstellungen um die Jahrhundertmitte siehe W. VISCHER, Über die neueren..Bearbeitungen der griechischen Geschichte, Neues Schweizerisches Museum 1861, S. 109 - 129.

39 FR. KORTÜM, Griechische Geschichte, III, S.350 f. - Nachwort 1853.

40 lbidem, II, S. 11.

41 Ibidem, I,S.408.

42 Ibidem, II, S.188.

43 Ibidem, I, S. 217.

44 Ibidem, III, S. 189.

45 Ibidem, III, S.232.


LV Gizewski SS 2004.

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