Zur Verwurzelung unterschiedlicher Formen zeitgeschichtlichen Geschichts- und Gesellschaftsdenkens in der christlich-jüdischen Tradition. Aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.

Text entnommen aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.. Von Max Weber bis Hans Jonas, Frankfurt M. 1991, S. 24 - 28 und 606.


... Bevor ich den Plan dieses Buches entwickle, will ich nun aber in äußerster Kürze die Lehren von drei Denkern des 19. Jahrhunderts umreißen, die auf das Geschichtsdenken des 20. Jahrhunderts besonders großen Einfluß ausgeübt haben und die der Geschichtsphilosophie in größerem oder geringerem Ausmaß nahestehen, so gewiß sie bei näherer Betrachtung auch als Geschichtsdenker würden gelten können.

Auguste Comte, 1798 inmitten der Wirren der Französischen Revolutionsepoche in Montpellier geboren, blieb seiner sehr frommen Mutter ein Leben lang zugetan, nahm aber als Student der Mathematik in Paris den Geist des napoleonischen Empire in sich auf und geriet bald unter den Einfluß des Grafen von Saint-Simon, der als »Frühsozialist« gilt, obwohl er seine Zukunftsgesellschaft von den Bankiers leiten lassen wollte, und war für einige Jahre dessen Sekretär. Glaube an die Naturwissenschaft, Zukunftsorientierung, die das »Goldene Zeitalter« am Ende statt am Anfang der Geschichte lokalisierte, Wille zu umfassenden sozialen Reformen und auch die Unterscheidung »kritischer« und »organischer« Epochen der Geschichte waren die Hauptimpulse des Grafen, und Comte ging wie Augustin Thierry ein gutes Stück mit ihm. Nach dem Bruch zwischen beiden tauchte das Wort »positiviste«, das später in der Gestalt des Substantivs »Positivisme« zum Kennzeichen der von Comte begründeten Schule wurde, in seiner ersten selbständigen Schrift auf, dem »Systeme de politique positive« von 1824. Comte macht sich hier ausdrücklich den Gedanken Saint-Simons zu eigen, daß das Zeitalter der Kritik, das heißt der Aufklärung, nur von transitorischer Art sein kann und von einer neuen und stabileren Epoche abgelöst werden muß, sobald es sein Werk der Zersetzung und Auflösung beendet hat, nämlich von einer Epoche, die viel Ähnlichkeit mit dem Mittelalter haben und alle jene anarchischen Freiheiten der Willkür nicht mehr kennen wird, deren sich der Liberalismus rühmt.

Insofern bejaht Comte das Ziel der »Heiligen Allianz«, aber sein Grundkonzept bleibt gleichwohl aufklärerisch und setzt die Restaurationsperiode in einen Gegensatz zu der »marche generale de la civilisation«. Dieser Gang der Zivilisation hat mittels der kritischen Prinzipien der Aufklärung das »theologisch-militärische System« definitiv zerstört, das Metternich und die Bourbonen vergeblich wiederherzustellen suchten, und eine neue Stabilität der Gesellschaft muß auf neue Prinzipien gegründet werden. Von hier aus entwickelt Comte das berühmte Dreistadiengesetz, das der Sache nach freilich Gemeingut des optimistischen Teils der Aufklärung war: »Jeder Zweig unserer Kenntnisse durchläuft der Reihe nach drei verschiedene theoretische Stadien, nämlich den theologischen oder fiktiven Zustand, den metaphysischen oder abstrakten Zustand und den wissenschaftlichen oder positiven Zustand. «7 Die Gegenwart ist dabei, den Eintritt in das dritte und »definitive« Stadium zu vollziehen, in das Stadium der wissenschaftlichen Politik. Diese ist eine »soziale Physik«, welche die soziale Organisation auf eine ebenso feste Basis stellt, wie sie die physische Physik für ihre Verfahrensweisen festgelegt hat. Diese Grundgedanken hat Comte in den sechs Bänden seines »Cours de philosophie positive« von 1830 bis 1842 ausgearbeitet, einer wahren Enzyklopädie aller Wissenschaften, innerhalb deren die Soziologie einen prominenten Platz einnimmt.

Der Positivismus ist für Comte eine Lehre der Ordnung und des Fortschritts zugleich; er polemisiert aufs entschiedenste eegen die Rousseausche Utopie einer Rückkehr zum Naturzustand und einer Arbeitsteilung, er charakterisiert die revolutionäre Lehre als »metaphysisch«, aber er weicht kein Jota von der Uberzeugung ab, daß der »industrielle Zustand« der endgültige ist, wo das Tatsächliche herrscht und nicht mehr das Chimärische, die Gewißheit gegenüber der Unentschiedenheit endloser Debatten, das Genaue im Gegensatz zum Schwankenden und überall das Relative statt des Absoluten. In seiner Spätzeit hat Comte, am Ende eines überaus subtilen und sonderbaren Liebeserlebnisses, diesen Zustand bis in kleine Details hinein beschrieben und den Beweis geführt, daß mittels so aufklärerischer Begriffe wie Fortschritt, Verwissenschaftlichung, Säkularisierung, Frieden, Veredlung ein totalitäres System freiheitsfeindlicher Regelhaftigkeit errichtet werden kann.

Wie Comte gehört Karl Marx, 1818 in Trier geboren, in den Gesamtrahmen der Aufklärung hinein, aber auch er hat nicht wenig von der konservativen und vor allem romantischen Kritik an der Aufklärung bzw. der »Vulgäraufklärung« übernommen. Vom Vater wie von der Mutter her alten Rabbinergeschlechtern entstammend, hatte er, schon als Kind getauft, anscheinend noch weniger Beziehungen zum Judentum als Comte zum Katholizismus, aber die Erwartung eines völlig ieuartigen,al1es Bisherige zerstörenden, allein au1RatioinIitt und Wissenschaft gebauten und definitiven Zeitalters trägt bei ihm noch viel stärker die Merkmale des »Messianismus« als bei Comte, wenn er sich auch sorgfältig vor konkreten Beschreibungen hütet, welche den philosophischen Bestimmungen des kommunistischen Endzustandes als »wahrer Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung« sowie vor allem als »aufgelösten Rätsels der Geschichte« ihren Zauber genommen haben würden.8 Aus seinen Jugendschriften geht eindeutig hervor, daß er nicht wie Comte die \&r wirklichungr Wissenschaft, sondern in kritischem Anschluß an Hegel die Verwirklichung der PhFosophie als den Inhalt der Zukunft betrachtet, welche an die Stelle des halben Idealismus Hegels mit seinen unaufhebbaren Trennungen etwa zwischen Staat und »bürgerlicher Gesellschaft« den totalen Idealismus der vollständigen Einheit der Individuen und der Weltgemeinschaft setzt.

Viel stärker als Comte hebt Marx die neue Kraft der Zukunft hervor, das Proletariat als die zur Realität gewordene Entmenschung, die im dialektischen Umschlag das Reich der klassenlosen Menschlichkeit aus sich gebären wird. So schreibt er 1848 unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution, auf eine Vorarbeit von Friedrich Engels gestützt, jenes »Manifest der Kommunistischen Partei«, das wohl das einzige Parteiprogramm ist, welches von dem großen Atem einer Geschichtsphilosophie beherrscht wird. Auch das Kommunistische Manifest entwickelt eine Art von Dreistadiengesetz, aber mit weit größerer Leidenschaft und viel stärkerer Polemik, als Comte sie aufgebracht hatte. »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen«, so hebt die philosophischpolitische Kampfschrift an, und schon diese Formulierung macht klar, daß es Abschied zu nehmen gilt von allem Bisherigen und daß dieser Abschied nur möglich ist, wenn es ein Vor-Bisheriges gab, einen Abschnitt vor der »Geschichte«, der durch Gemeinschaftlichkeit statt durch gesellschaftliche Konflikte bestimmt war. Der ganze Akzent fällt freilich zunächst auf das Stadium der »Klassengesellschaft«, das sich nach der ständischen Periode des Mittelalters als »Epoche der Bourgeoisie« darstellt.

Dieser Bourgeoisie nun und ihrer revolutionierenden, die Einheit eines Weltmarktes schaffenden Rolle singt Marx ein Loblied, wie es keiner ihrer literarischen Vorkämpfer je getan hatte, aber in jedem Lobeswort ist die Verurteilung, ja Verwerfung spürbar. Die letzte und stärkste Realität nämlich, welche die Bourgeoisie geschaffen hat, das Proletariat, die Masse der besitzlosen, ausgebeuteten, entrechteten Arbeiter, gelangt in der Gegenwart zum Bewußtsein seiner Universalität und seiner Mission, der Herbeiführung einer Gesellschaft, wo der Plan an die Stelle des Marktes tritt, wo die »klassenlose Gesellschaft« die »alte bürgerliche Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen« überwindet und wo »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«. Dieser Schritt bedeutet den »Untergang der Bourgeoisie«, wie für Comte der Eintritt in das positive Stadium das Ende der Metaphysik bedeutete, aber Marx spricht ausdrücklich vom »Tod« einer bestimmten Klasse. Dieses Manifest ist also eine Vernichtungsprophetie, und es ist zugleich eine höchst eigenartige Synthese des individualistischen Liberalismus, der radikalen Bejahung des Weges zur Welteinheit und des konservativen Grundpostulats der Einheit des Menschen mit seiner Welt. Die ganze spätere Riesenarbeit von Marx bis hin zum dritten Band des »Kapital« hat an dieser geschichtsphilosophischen Konzeption nichts Wesentliches geändert; sie baute das eine und das andere aus, zum Beispiel die Vorstellung von der Urgemeinschaft, und sie suchte vor allem den Eindruck hervorzurufen, es lasse sich »wissenschaftlich« beweisen, was im »Manifest« noch so offensichtlich Entwurf und Prophetie ist.

Friedrich Nietzsche war nicht Mathematiker wie Comte oder Philosoph wie Marx, sondern klassischer P1i11ö1og und als sölchein lag ihm, der 1844 als Sohn und Enkel protestantischer Pfarrer in Mitteldeutschland geboren wurde, ein Gedanke nahe, der Comte und Marx fremd geblieben zu sein scheint, der Gedanke, daß die »Kultur« als das Sich-Bedeutung-Geben des Menschen inKunst, Religion und Philosophie wesentlich an die bihèrige Geschichte geknüpft sein könnte und durch den »Marsch der Zivilisation« gefährdet werde. Für Comte und Marx war es selbstverständlich gewesen, daß das positive Zeitalter bzw. die klassenlose Gesellschaft eine Hochblüte der Kultur in sich schließen würde, aber der junge Nietzsche siëhrin der »Geburt der Tragödie« nur Ode, Ermattung und Niedergang aus dem »sokratischen« Rationalismus mit seiner Tendenz zum flachen Utilitarismus und zur Massenemanzipation hervorgehen. Das scheint weiter nichts als die Wiederaufnahme der romantischen Kulturkritik (besser: Zivilisationskritik) zu sein, und in seiner zweiten Phase hat sich Nietzsche, wenngleich nicht ohne ein unübersehbares Widerstreben, das aufklärerische Denken zu eigen gemacht.

In seiner Spätzeit treten die Empfindungen seiner Jugend in radikalisierter Gestalt wieder hervor, und er entwickelt, wenngleich auf fragmentarische Weise, eine Geschichtsphilosophie, in der alles negativ ist, was für Comte und für Marx positiv war: der Moralismus der Juden, »des priesterlichen Volks des ressentiment par excellence«9; der Sieg des Christentums, des »Gesamtaufstandes alles Niedergetretenen, Elenden, Mißratenen, Schlechtweggekommenen gegen die >Rasse< «10; die Bewegungen der Französischen Revolution, der Demokratisierung, der »Weibs-Emanzipation«, des Sozialismus und des Anarchismus, die allesamt dem Phänomen der »Gesamt-Entartung der Menschheit« zuzurechnen sind. Um die Menschheit vor diesem Abgrund zu bewahren, macht sich Nietzsche in den letzten Monaten seines bewußten Lebens nicht nur zum Vordenker, sondern geradezu zum Propagandisten einer »Partei des Lebens«, deren Kerntruppe aus den Offizieren und den jüdischen Bankiers bestehen soll, und diese Partei soll die »Schwachen«, die »Dekadenten«,kdie Feinde des »Lebens«, das heißt der Vitalität und der Kultur, vernichten. In seinem letzten Stadium läuft Nietzsches Denken also auf ein Vernichtungspostulat hinaus, welches das genaue Gegenbild zu der Marxschen Vernichtungsprophetie, aber auch zur Cornteschen Vorhersage des »positiven«, das heißt wissenschaftlichen, sozialen und eudärnonjstischen Zeitalters ist, ein Gegenbild jedoch, das sich von dem »konservativen« Widerstreben gegen Aufklärung und Emanzipationen wesentlich unterscheidet, da es beansprucht, eine neue Ebene erreicht zu haben, die Ebene des »Übermenschen«, der »Ewigen Wiederkunft« und der »Herren der Erde«, welche dem konservativen Denken durchaus fremd gewesen war.

Comte, Marx und Nietzsche stehen in Zustimmung und Widerspruch durchaus in den Spuren der Geschichtsphilosophie, wie sie in der jüdischchristlichen Tradition angelegt war, wie sie von dem optimistisch-rationalistischen Zweig der Aufklärung entfaltet wurde und wie sie in Hegel ihren Höhepunkt erreichte. Aber man kann sie selbst nicht eigentlich als Geschichtsphilosophen bezeichnen. Was sie über die Weltgeschichte sagen, ist zu skizzenhaft und fragmentarisch, wie gerade ein Blick auf Hegel deutlich macht, und die Probleme und Kämpfe der Gegenwart nehmen sie viel unmittelbarer in Anspruch. Andererseits blicken sie weitaus mehr in die Zukunft, als Hegel es getan hatte, der noch einen festen Stand in der großen, aus der Antike und dem Mittelalter herrührenden Tradition der Ontologie hatte. Bei näherem Hinsehen würde sich zeigen lassen, daß die apodiktischen und zuversichtlichen Aussagen nicht selten eine anfängliche Unsicherheit überdecken sollten, am eindeutigsten bei Nietzsche, dessen Hektik und Getriebenheit ins Auge fallen. Alle drei Denker sind also, wenngleich in sehr unterschiedlichem Ausmaß, jenem Geschichtsdenken in der engeren Bedeutung des Wortes benachbart, das unser Gegenstand sein soll und das wir im 20. Jahrhundert verfolgen wollen.

ANMERKUNGEN Nr. 7 - 10.

7 Auguste Comtet Die Sozioloie. Die positive Philosophie im Auszug. Hrsg. v. Fr. Blaschke. Leipzig 1933; S 2.

8 Marx Engels Werke (MEW), Ergänzungsband, Erster Teil. Berlin 1968, S. 536.

9 Friedrich Nietzsche: Kritische Gesamtausgabe Werke, Bd. VI, 2. Berlin 1980, S. 300 f.

10 Ebenda, Bd. VI, 3, S. 96.


LV Gizewski SS 2004.

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