Zum Traditionsbezug des Zionismus als einer nationalen Globalvision. Aus: Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert.

Text entnommen aus: Aus: Ernst Nolte, Gesschichtsdenken im 20. Jahrhundert.Von Max Weber bis Hans Jonas, Frankfurt M. 1991, S. 73 - 76.


... Der Zionismus war keine Erfindung von Theodor Herzl, sondern er war unter den noch völlig »volksmäßigen« Massen Osteuropas schon seit den Pogromen, die 1882 nach der Ermordung des Zaren Alexander II. stattgefunden hatten, als Sehnsucht nach Sicherheit im »Land der Vater« eine lebendige Realität. Für den assimilierten Bildungsbürger aus Wien dagegen, der als Korrespondent der »Neuen Freien Presse« ein Teil dessen war, was viele Osterreicher »die jüdische Pressemacht« nannten, war es eine genuine Entdeckung, als er 1896 in seinem Buch »Der Judenstaat« schrieb: »Wir sind ein Volk. Ein Volk.« 45 Der Grund war die Erfahrung, daß er durch seine nichtjüdische Umgebung immer wieder auf sein Judentum festgelegt wurde und dann in Paris den Ausbruch antisemitischer Volksleidenschaft miterlebt hatte, als die »Dreyfus-Affäre« ihren Anfang nahm. Für Herzl war der Zionismus also vor allem ein Fluchtphänomen, dessen treibende Kraft »die Judennot« war. Ganz in diesem Sinne sagte sein wichtigster Mitarbeiter, Max Nordau, auf dem vierten Zionistenkongreß 1900 in London, der Antisemitismus, den die führenden »Assimilanten« in Westeuropa als »häßliche, aber vorübergehende Tagesmode« abzutun versuchten, verbreite sich in Wahrheit »über den ganzen Erdball wie ein Waldbrand«, und nur die Kolonisation Palästinas biete einen Weg zur Rettung, einen »Platz unter der Sonne«. 46

Aber so gewiß die Aktivitäten des hochgeschätzten Feuilletonisten Herzl und des weit bekannten Schriftstellers Nordau dem Zionismus erstmals weltweite Publizität verschafften - insbesondere durch die »Verhandlungen« mit dem türkischen Sultan über einen »Ankauf« Palästinas -, so wenig ging der Zionismus auch für Herz! in dieser Fluchtbewegung auf. Im »Judenstaat« schrieb Herz! ausdrücklich, die Volkspersönlichkeit der Juden könne und wolle nicht untergehen. 47 Tatsächlich hatte ja schon Moses Hess, der einstige »Kommunistenrabbi«, der Friedrich Engels für den Sozialismus gewonnen hatte, 1862 in seinem Buch »Rom und Jerusalem« die Rückkehr der Juden nach Palästina als eine nationale Renaissance, als einen Parallelvorgang zur Einigung Italiens dargestellt. Aber eben diesen Nationalismus, diese zionistische Absicht, die Juden zu einem »Volk wie die anderen Völker« zu machen, betrachteten die assimilierten Juden als einen Verrat an der eigentlichen jüdischen, der in ihrem Sinne messianischen Aufgabe. Ein Wiener Rabbiner, auf den Herz! große Hoffnungen gesetzt hatte, schrieb schon 1897 in einer Gegenschrift, das Judentum müsse sich weiterhin »als anti-nationales Volk Gottes« verstehen, das auf das »Reich Gottes«, das heißt die eine Menschenfamilie vorausweise; ein Nationaljudentum würde Selbstmord und eine Verleugnung des biblischen Auftrags sein, als »Licht der Nationen« zu wirken. 48

Eben diesen Universalismus griffen die Zionisten ihrerseits mit der größten Schärfe an, da sie der Überzeugung waren, daß der Messianismus von »Assimilanten«, im Gegensatz zu demjenigen des orthodoxen Judentums, das »Volk« nicht zusammenhalten, sondern zerstören würde. Daher schien ihnen das Assimilantentum eine größere Gefahr als selbst der Antisemitismus zu sein, und sie suchten es als ein Phänomen der Dekadenz zu entlarven, als »Luftmenschentum« und »blutleeren Humanitarismus«. Der »nationale Sozialist« Aaron D. Gordon, der ein entsagungsvolles Dasein der »Rückkehr zu Land, Sprache und Arbeit« in Palästina lehrte, schrieb, die Haltlosigkeit des jüdischen Lebens führe nicht nur zum ökonomischen, sondern auch zum geistigen Luftmenschentum. »Wir schreien stets >Menschheit< lauter als alle Menschen, nicht weil wir wirklich ethisch höher stehen als alle, sondern weil >Menschheit< eine Abstraktion ist, ein Luftbegriff... « 49 Ber Borochow, ebenfalls Sozialist, sah einen engen Zusammenhang zwischen dem Mange! an Bodenständigkeit sowie der Naturferne der Juden und der kapitalistischen Ausbeutung; die Entfremdung vom Boden sei eine »historische Krankheit«. 50 Der junge Martin Buber beschwor immer wieder »das Blut« und »die Tiefe der uralten Eigenart«, er nannte die jüdische Geistigkeit »krankhaft«, die jüdische Bourgeoisie »entartet« und verspottete die anpasserischen Assimilanten als »entseeltes >Judentum< einer mit Monotheismus verbrämten Humanität«. 51

Aber es genügt nicht, auf den verbindenden »Geist der Zeit«, auf Lebensphilosophie und Rassenlehre hinzuweisen. Vielmehr ist auch bei den zionistischen Denkern eine unmittelbare Bezugnahme auf den Marxismus nicht zu übersehen. So schreibt Herzl: »Wir werden nach unten hin zu Umstürzlern proletarisiert, bilden die Unteroffiziere aller revolutionären Parteien, und gleichzeitig wächst nach oben unsere furchtbare Geldmacht.« Deshalb fürchtet er, daß die soziale Schlacht »jedenfalls auf unserem Rücken« geschlagen werden müßte, »weil wir im kapitalistischen wie im sozialistischen Lager auf den exponiertesten Punkten stehen« .52

Sofern der Zionismus eine Bewegung der Abwehr und der Selbstbehauptung gegen eine universale und identitätsgefährdende Tendenz der Weltgeschichte ist, steht er zu jener spezifisch deutschen Reaktion in genauer Parallele, ja er teilt mit ihr sogar den Hauptgegner, der für ihn allerdings natürlich nicht »das Judentum« als unveränderliche Entität, sondern das »moderne Kulturjudentum« ist. Was völlig fehlt, ist die Sehnsucht nach dem Kriege als der Lösung eines gordischen Knotens und der Stolz auf die eigene Waffenmacht.

Dennoch hat der Zionismus eine eigene Missionsidee und eine globale Vision. In seinem Buch »Altneuland« beschreibt Herz! in der Form eines Staatsromans die Verhältnisse in dem künftigen Palästina. Die bettelhaften Juden von einst sind zu stolzen, freien Menschen geworden, die mit ihren arabischen Nachbarn in schönster Eintracht zusammenleben und die eine Gesellschaft geschaffen haben, die für die ganze Welt zum Vorbild werden kann, nämlich »die mittlere Form zwischen Individualismus und Kollektivismus«, wo der Einzelne »weder zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt noch von sozialistischer Gleichmacherei geköpft« wird und wo ein Kriegsheer unnötig ist. 53 Die zionistischenJuden haben sich also nicht in eine abseitige Winkelexistenz zurückgezogen, um ein Volk wie andere Völker zu sein, sondern sie haben den »Dritten Weg« eines National-Sozialismus gefunden, der die Nationen der ganzen Menschheit vor der Zerstörung durch den entindividualisierenden Universalismus auf der einen Seite und den kriegerischen Partikularismus auf der anderen zu retten vermag. Und gerade Martin Buber, der mit so viel Pathos vom »Blutstamm« sprach, formulierte in der Sprache und im Ton der Propheten die alte Missionsidee neu: »Und eben dies ist unser Glaube: daß das wiederhergestellte Zion das Bethaus für alle Völker und die Mitte der neuen Erde wird, die zentrale Stätte des Geistesfeuers, in dem >das blutbefleckte Kriegskleid verbrannt< und >die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden<.« 54

Das Beharren auf der von vielen Seiten gefährdeten »Volkspersönlichkeit« schloß für Herzl und Buber, für Nordau und Gordon mithin eine Missionsidee, eine Vorstellung vom Sinn der Weltgeschichte und von der Zukunft der Menschheit nicht aus. Deutschland war kein kleiner Staat, wie es das zionistische Palästina sein würde, und es war kein Kontinentalstaat wie die USA und wie Rußland. Konnte aus den Denkansätzen der Bernhardi und Claß, der Chamberlain und Dühring eine vergleichbare Missionsidee hervorgehen, oder würden sie sich in der Abwehr und Negativität erschöpfen? Vermutlich würde die Antwort auch davon abhängen, ob die älteste aller weltlichen Missionsideen, die dem Marxismus vorherging, aber nicht wie dieser zu einer organisierten Bewegung geworden war, in Deutschland ihren größten Feind sehen würde: der Anti-Imperialismus und Anti-Nationalismus, der von den Marxisten meist »bürgerlich« genannt wurde.

ANMERKUNGEN Nr. 45 - 54

45 Theodor Herzl: Derjudenstaat. In: (Erstausgabe 1896), Zionistische Schriften, Bd. I. Tel Aviv 1934, 5. 26.

46 Max Nordau: Zionistische Schriften. Berlin 19232, 5 93, 74.

47 Herzl, a.a.O., S. 29.

48 Moritz Güdemann: Nationaljudentum. 1897, S. 33 ff.

49 A. D. Gordon: Briefe aus Palästina. Berlin 1919, S. 19 f.

50 Ber Borochow: Sozialismus und Zionismus. Eine Synthese. Wien 1932, S.29.

51 Martin Buber: Drei Reden über das Judentum. Frankfurt 1919, S. 14.

52 Herzl, a.a.O., S. 40 f., 37.

53 Ebenda, Bd. V (1935), 5. 210 if., 203.54 Martin Buber: Volker, Staaten und Zion. Ein Brief an Hermann Cohen und Bemerkungen zu seiner Antwort, Berlin, Wien 1917, S. 39.


LV Gizewski SS 2004.

Bearbeitet für das Internet: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de