Zu den literarischen und rhetorischen Stil-Konzepten der früheren römischen Kaiserzeit.

Ins Deutsche übersetzter Auszug aus: M. Fabius Quintilianus, Institution oratoria, Buch 12, Kap. 6. Übersetzung in einer dem Übungszweck angepaßten modifizierten Form entnommen aus: Quintilian. Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der '' 'Institutio oratoria'. Übertragen. eingeleitet und erläutert von Marion Giebel, München 1974, S. 185 - 203. Zum Zwecke der Übungsbearbeitung wird die Textquelle hier nur in deutschsprachiger Übersetzung präsentiert. Kursiv geschriebene Passagen oder Einfügungen in eckigen Klammern enthalten übungsbedingte Hervorhebungen oder Ergänzungen des Skript-Bearbeiters. C. G.


1. Nun muß ich die noch ausstehende Frage nach den Stilarten behandeln. Dies habe ich zu Anfang in meiner Gliederung als den dritten Teil meines Werkes bezeichnet, denn ich hatte mir vorgenommen, über die Kunst, den Künstler und das Werk zu sprechen. Da nun das Ziel der Rhetorik und das des Redners ein guter Stil ist und es von diesem mehrere Arten gibt, wie ich zeigen werde, so sind Kunst und Künstler in diese Betrachtungen einbezogen. Doch unterscheiden sie sich sehr voneinander, und das nicht nur individuell, wie sich Statuen, Bilder und Reden jeweils voneinander unterscheiden, sondern auch generell, wie zum Beispiel etruskische Statuen von griechischen und asianische Redner von den attischen verschieden sind. 2. Diese unterschiedlichen Stilarten, von denen ich spreche, haben ihre Meister und auch ihre Anhänger. Daher kommt es auch, daß es noch keinen vollkommenen Redner gegeben hat und auch noch keine vollkommene Kunst: nicht nur, weil der eine Künstler mehr in dieser, der andere in jener Form hervorragt, sondern weil eine Stilform nicht allen gefällt, was teils in der Verschiedenheit von Ort und Zeit, teils im Geschmack eines jeden und seinen Idealvorstellungen begründet ist.

3. Die ersten großen Maler, deren Werk nicht nur wegen ihres Alters Beachtung verdient, sind nach allgemeiner Auffassung Polygnot und Aglaophon. Ihre schlichte Art der Farbgebung hat noch heute Anhänger, die in ihrer Begeisterung diese fast primitiven Werke, die sozusagen erst den Keim gelegt haben für die Kunst nach ihnen, den späteren Meistern vorziehen, meiner Ansicht nach in dem Bestreben, sich als besondere Kunstkenner hervorzutun.

4. Dann haben Zeuxis und Parrhasios einen bedeutenden Beitrag zu dieser Kunst geleistet. Sie haben etwa zur selben Zeit gelebt, während des Peloponnesischen Krieges; es findet sich nämlich bei Xenophon ein Gespräch des Sokrates mit Parrhasios. Zeuxis soll die Darstellung von Licht und Schatten erfunden, Parrhasios besondere Feinheit bei der Linienführung entwickelt haben. 5. Zeuxis ließ die Glieder plastischer hervortreten und wollte seiner Darstellung damit Größe und Erhabenheit verleihen. Darin folgt er, wie man glaubt, Homer, der sogar seine weiblichen Personen in heroischer Gestalt erscheinen läßt. Parrhasios dagegen steckte auf dem ganzen Gebiet die Grenzen in der Weise ab, daß man ihn den Gesetzgeber dieser Kunst nennt. Denn alle anderen Künstler nahmen sich seine Darstellungen von Göttern und Heroen zum Vorbild, als ob diese notwendigerweise so und nicht anders aussehen müßten. 6. Die Malerei befand sich um die Zeit Philipps von Makedonien bis zu den Nachfolgern Alexanders auf einem besonderen Höhepunkt, doch zeichneten sich ihre Künstler durch verschiedenartige Vorzüge aus. Protogenes zum Beispiel ragte vor allem durch seine Sorgfalt hervor, Pamphilos und Melanthios durch die wissenschaftliche Vertiefung, Antiphilos durch seine Leichtigkeit, Theon von Samos durch die Lebhaftigkeit seiner Szenen, die 'phantasiai' genannt werden, und Apelles durch Genie und Grazie, auf die er selbst besonders stolz war. Euphranor fand Anerkennung, weil er als Maler wie als Bildhauer ein wunderbarer Künstler war, während so viele andere große Meister mit ihm wetteiferten.

7. Ahnliche Unterschiede bestehen bei den Bildhauern. Die Kunst des Kallon und Hegesias ist roh und der etruskischen sehr ähnlich; das Werk des Kalamis ist schon weniger steif, während Myrons Figuren eine größere Weichheit zeigen als die der bisher Erwähnten. In sorgfältiger Ausführung und würdevoller Schönheit überragt Polyklet alle übrigen. Zwar reichen die meisten ihm die Palme, doch um nichts frei von irgendeinem Makel erscheinen zu lassen, kreidet man es ihm an, daß seine Gestalten zu wenig hoheitsvoll seien. 8. Denn während er der menschlichen Gestalt eine ideale Schönheit verlieh, schien er der majestätischen Würde der Götter nicht gerecht geworden zu sein. Er soll vor der Darstellung des reifen Alters zurückgeschreckt sein und sich nur an glatte Wangen herangewagt haben. Doch die Gaben, die Polyklet mangelten, wurden Pheidias und Alkamenes zuteil. 9. Pheidias war ein größerer Meister in der Götter- als in der Menschendarstellung; in der Kunst seiner Goldelfenbeinstatuen war er ohne einen Rivalen, selbst wenn er nur das Bildnis der Athene in Athen oder den Zeus von Olympia in Elis geschaffen hätte. Dessen Schönheit scheint die Verehrung, die dem Gott entgegengebracht wurde, noch gesteigert zu haben, so sehr entsprach die Majestät des Werkes der Gottheit. Nach allgemeiner Auffassung sollen Lysipp und Praxiteles am naturgetreuesten gearbeitet haben. Demetrios wird getadelt, weil er seinen Realismus zu weit getrieben habe, ihm ging es mehr um Ahnlichkeit als um Schönheit.

10. Wenn man nun bei der Redekunst die verschiedenen Stilformen betrachten will, wird man fast ebenso viele verschiedenartige Talente finden, wie es körperliche Unterschiede gibt. Es gab nämlich einige Stilformen, die ihrer Zeit entsprechend ziemlich grobschlächtig waren, im übrigen aber beachtliches Talent verraten. Hierzu mögen wir Redner wie Laelius, Africanus, Cato und die Gracchen rechnen, die man wie Polygnot und Kallon einstufen kann. Auf einer mittleren Stufe befinden sich Lucius Crassus und Quintus Hortensius.

11. Dann erblühte eine reiche Fülle von Rednern, die sich im Alter kaum voneinander unterschieden. Hier finden wir die Energie Caesars, die Naturbegabung des Caelius, die feine Eleganz des Calidius, die Sorgfalt des Pollio, die Würde des Messalla, die Strenge des Calvus, die Erhabenheit des Brutus, den Scharfsinn des Sulpicius und die Bitterkeit des Cassius.

Bei unseren Zeitgenossen erlebten wir die reiche Fülle Senecas, die Kraft des Julius Africanus, die Reife des Afer, die reizvolle Art des Crispus, den volltönenden Klang des Trachalus und die Eleganz des Secundus.

12. Mit Cicero aber haben wir [Römer] nicht einen Mann vor uns wie etwa Euphranor - der nur in einigen Stilarten hervorragt - , sondern jemanden, der alle, in denen irgendwann verschiedene Autoren sich Ruhm erworben haben, in hervorragender Weise in seiner eigenen Person beherrscht hat. Dennoch haben ihn schon seine Zeitgenossen anzugreifen gewagt: Er sei zu bombastisch, sei asianisch, überströmend, wiederhole sich zu oft, sei in seinem Witz bisweilen frostig, in seiner Wortfügung abgehackt, extravagant und - ein abwegiger Vorwurf - zu weich für einen Mann. 13. Später, als er als Opfer der Triumvirn bei den Proskriptionen umgekommen war, traten seine Hasser, seine Neider und Rivalen auf, Speichellecker der damaligen Machthaber, und griffen ihn an, der sich nicht mehr wehren konnte. Der Mann, der heutzutage einigen als nüchtern und trocken gilt, mußte sich von seinen Gegnern sagen lassen, sein Stil treibe zuviel Blüten, und sein Talent ergieße sich unkontrolliert. Beides ist falsch, doch mag der letzte Vorwurf eher zu entschuldigen sein als der erste. 14. Seine schärfsten Kritiker waren die Redner, die für Nachahmer attischer Beredsamkeit gehalten werden wollten. Diese Gruppe, die sich gleichsam durch geheimnisvolle Riten für eingeweiht hielt, hat ihn wie einen Fremdling verfolgt, der ihrem Wahn nicht genügend Respekt erwies und sich von ihren Gesetzen nicht binden lassen wollte. Wir haben sie heute noch unter uns, ein trockenes, saft- und kraftloses Häuflein. 15. Diese sind es nämlich, die ihre Schwächlichkeit hinter der Bezeichnung Gesundheit verstecken, was aber das genaue Gegenteil ist. Da sie eine glänzendere Art der Beredsamkeit wie die Strahlen der Sonne nicht ertragen können, verstecken sie sich im Schatten eines großen Namens. Da ihnen Cicero selbst mehrfach ausführlich geantwortet hat, ist es für mich sicherer, wenn ich mich hierüber kurz fasse.

16. Zunächst nun zur Unterscheidung zwischen 'Attikern' und 'Asianern'. Es gab sie schon in früherer Zeit. Die ersteren galten als knapp und von gesunder Konstitution, die anderen dagegen für geschwollen und inhaltsleer; bei diesen gab es nichts Überflüssiges, jenen mangelte es in besonderem Maße an Geschmack und Maß. Nach der Meinung von einigen, unter denen sich Santra [ein altlateinischer Grammatiker] befindet, soll dies folgenden Grund haben: Die griechische Sprache habe sich allmählich bis in die benachbarten Städte Kleinasiens ausgebreitet, und Männer, die sie noch nicht genügend beherrschten, hätten als Redner auftreten wollen. Daher hätten sie damit begonnen, das, was sie genau ausdrücken wollten, in Umschreibung zu sagen, und schließlich habe sich diese Ausdrucksweise bei ihnen eingebürgert. 17. Mir aber scheint die Unterschiedlichkeit des Stils auf den Volkscharakter von Rednern und Hörern zurückzugehen: Die Attiker, geglättet und fein wie sie sind, konnten nichts Aufgeblasenes und Übertriebenes ertragen, die Asianer aber neigten mehr zu Schwulst und Gepränge und spreizten sich auch mit einer großsprecherischen Redekunst.

18. Später fügten die Kritiker, die diese Einteilung vorgenommen haben, noch eine dritte Stilart hinzu, die rhodische, die für sie eine mittlere und aus den beiden anderen gemischte Form darstellte. Die Redner dieser Schule sind nämlich weder so knapp wie die Attiker noch so überfließend wie die Asianer. So scheinen sie einiges dem Charakter des Volkes, anderes ihrem Gründer zu verdanken. 19. Denn es war Aischines, der sich diesen Ort als Exil erwählt hatte und der die Kultur von Athen nach Rhodos brachte, und gerade wie manche Pflanzen bei einem Wechsel von Klima und Boden ihre Art ändern, so vermischte sich der feine attische Wohlgeruch mit fremden Düften. Folglich gelten auch die Redner aus dieser Schule sozusagen für gemächlich und gelinde, doch fehlt ihnen nicht die Gewichtigkeit, und sie gleichen eher ruhigen Gewässern als den klaren Quellen des Attischen oder den wirbelnden Strömen des Asianischen.

20. Niemand sollte demnach Bedenken haben, den attischen Redestil als den bei weitem besten anzusehen. Zwar haben alle attischen Redner etwas gemeinsam, nämlich ein strenges und unfehlbares Urteilsvermögen, doch zeigt sich ihr Talent in zahlreichen verschiedenen Formen. 21. Folglich bin ich der Ansicht, daß sich diejenigen sehr täuschen, die einzig solche Redner als attisch ansehen, die schlicht, klar und ausdrucksvoll, aber mit einer sozusagen anspruchslosen Redekunst zufrieden sind und ihre Hände stets in den Falten ihres Gewandes verborgen halten. Denn welcher Redner ist auf diese Weise attisch? Lysias soll es sein, ihn stellen ja die Anhänger dieses Stils als Muster für das Attische auf. Also brauchen wir nicht bis zu Kokkos und Andokides zurückzugehen. Ich möchte mir aber doch die Frage erlauben, ob Isokrates attisch gesprochen hat. 22. Doch ist niemand so von Lysias verschieden wie er. Sie sagen nein. Und doch hat uns seine Schule die größten Redner geschenkt. Suchen wir etwas, was ähnlicher ist. Ist Hypereides ein Attiker? Sicherlich, und doch bevorzugt er das Gefällige. Ich will eine Vielzahl von Rednern übergehen, wie Lykurg, Aristogeiton und ihre Vorgänger Isaios und Antiphon; man kann von ihnen sagen, daß sie generell eine Ahnlichkeit aufweisen, doch sind sie individuell verschieden. 23. Wie steht es mit Aischines, den ich eben erwähnt habe? Ist sein Stil nicht mehr in die Weite gehend, kühner und erhabener? Und wie ist es schließlich mit Demosthenes? Oberflügelt er nicht alle diese schlichten, bedachtsamen Redner durch seine Energie, seine Erhabenheit, durch den Schwung seines Geistes, seine stilistische Feinheit und seine rhythmische Fügung? Erhebt er sich nicht zur Größe in seinen allgemeinen Betrachtungen? Erfreut er nicht durch seinen Reichtum an Redefiguren? Brilliert er nicht durch seine Metaphern? Verleiht er nicht stummen Dingen die Sprache und legt ihnen eine Rede in den Mund? 24. Hat er nicht durch den berühmten Eid bei den gefallenen Kämpfern von Marathon und Salamis genügend klar bewiesen, daß Platon sein Lehrer war? Und werden wir etwa Platon einen Asianer nennen, ihn, der gewöhnlich mit Dichtern verglichen wird, die vom Anhauch göttlichen Geistes inspiriert werden? Und wie ist es mit Perikles? Können wir glauben, sein Redestil sei ähnlich schlicht gewesen wie der des Lysias, wenn die Komödiendichter selbst in ihren Schmähungen die Kraft seiner Rede mit Blitz und Donner vom Himmel vergleichen? 25. Was ist also der Grund dafür, daß diese Leute glauben, der feine attische Ton fände sich allein bei denen, die wie ein feines Rinnsal über Kieselsteine rieseln, und daß sie sagen, dort allein spüre man den Duft des Thymians aus Attika? Ich glaube, falls diese Leute einen Streifen fruchtbareren Bodens und ein ergiebigeres Feld innerhalb der Grenzen von Attika entdeckten, so würden sie leugnen, daß dies Attika sei, da der Boden mehr hervorgebracht hat, als er erhalten hat; denn Menander spricht ja im Spott von der Zuverlässigkeit dieses Landstriches. 26. Gesetzt den Fall, jemand fügt heutzutage den Vorzügen des Demosthenes, die ihn zum Fürsten der Redner machten, doch noch etwas hinzu, was ihm dem Anschein nach gefehlt hat - sei es seinem Temperament oder der Verordnung seiner Vaterstadt zufolge -, daß er nämlich die Gemüter seiner Zuhörer noch stärker in Erregung brächte, sollte ich da von diesen Kritikern zu hören bekommen: "Das hat Demosthenes nicht getan"? Und angenommen, jemand besitzt eine angemessenere rhythmische Fügung - das kann eigentlich nicht sein, aber nehmen wir es einmal an -, wäre das dann nicht attisch? Diese Kritiker sollten eine bessere Meinung von diesem Stilbegriff haben und überzeugt sein, daß attisch reden so viel ist wie vollkommen reden.

27. Ich würde es noch eher hinnehmen, wenn es die Griechen wären, die auf einem solchen Standpunkt verharrten. Die lateinische Beredsamkeit aber ist zwar, was Gedankenfindung, Aufbau, kritisches Urteil und das übrige aus diesem Bereich angeht, der griechischen ähnlich und mag geradezu als ihre Schülerin angesehen werden. Doch hat sie, was die sprachliche Gestaltung angeht, kaum die Möglichkeit, das Griechische nachzuahmen. Sie ist von vornherein schon rauher in ihrem Klang - wir besitzen ja auch die beiden so wohlklingenden Buchstaben aus dem griechischen Alphabet nicht: der eine ein Vokal, der andere ein Konsonant, die angenehmer als alle anderen klingen; wir müssen sie uns borgen, wenn wir griechische Worte gebrauchen. 28. Und wenn dies glückt, so bekommt unsere Sprache auf einmal einen irgendwie heitereren und glänzenderen Ausdruck. Man nehme zum Beispiel Worte wie 'zephyris' und 'zophoris'. Schreibt man diese nach dem lateinischen Alphabet, so ergibt dies einen gewissermaßen stumpfen und barbarischen Klang, denn an die Stelle dieser Buchstaben treten solche von düsterem und rauhem Charakter, die das Griechische nicht besitzt. 29. Denn der sechste Buchstabe in unserem Alphabet ist ein Ton, der kaum als Klang der menschlichen Stimme oder überhaupt einer Stimme zu erachten ist und der entsteht, indem man die Luft durch die Zahnreihen bläst. Ein solcher Buchstabe klingt wie herausgestoßen, selbst wenn ein Vokal folgt; doch wenn er mit einem Konsonanten zusammentrifft - wie im Wort 'frangit' -, wird es noch rauher. Dann gibt es den äolischen Buchstaben [Digamma], wie er uns in Worten wie 'servum' und 'cervuni begegnet'. Wir haben zwar diesen Buchstaben in seiner Form nicht übernommen, doch seine Lautqualität wirkt auch in unserer Sprache. 30. Auch der Buchstabe Q, der nur in der Verbindung mit ihm folgenden Vokalen wirksam, sonst aber überflüssig ist, verursacht hartklingende Silben, so wenn wir zum Beispiel 'equos' und 'aequum' schreiben. Die Verbindung mit den zwei Vokalen schafft einen Klang, den es bei den Griechen gar nicht gibt und der nicht durch ihre Buchstaben wiedergegeben werden kann. 31. Weiter enden bei uns manche Worte mit dem Buchstaben M, der sich wie das Muhen einer Kuh anhört, ein Buchstabe, mit dem kein griechisches Wort endet. An seiner Stelle verwenden sie das Ny, einen angenehmen und besonders am Wortende gleichsam klingenden Ton, der bei uns als letzter Buchstabe eines Wortes äußerst selten ist. 32. Außerdem haben wir Silben, die sehr rauh in einem B oder D ausklingen, so daß nicht nur die Dichter ganz alter Zeiten, sondern auch solche aus einer noch nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit dies zu mildern versuchten, indem sie nicht nur 'aversa' für 'abversa' gesagt, sondern auch bei der Präposition an das B noch ein S angefügt haben, obwohl dieses für sich genommen auch einen rauhen Klang ergibt. 33. So sind auch die Akzente [d. h. Wortbetonungen] bei uns weniger schön als bei den Griechen, einmal infolge einer gewissen Starrheit und dann eben wegen ihrer Gleichförmigkeit. Denn die letzte Silbe eines Wortes ist niemals durch einen Akut betont und wird niemals gedehnt wie bei einem Zirkumflex, sondern endet immer mit einem Gravis oder sogar zweien.

Die griechische Sprache ist also viel wohlklingender als die lateinische, daher schmücken unsere Dichter, wenn sie wollen, daß ihre Verse harmonisch klingen, sie mit griechischen Namen aus. 34. Noch mehr fällt ins Gewicht, daß wir für sehr viele Dinge keine Bezeichnung haben, so daß wir sie durch Metaphern oder Umschreibungen ausdrücken müssen. Und selbst in Fällen, wo es Benennungen gibt, zwingt uns die ungemeine Armut unserer Sprache sehr oft zu dieser Methode. Die Griechen dagegen haben nicht nur eine reiche Fülle an Worten, sondern auch an verschiedenen Dialekten.

35. Wer daher vom Lateinischen die berühmte Anmut des Attischen fordert, der sollte mir erst einmal für denselben Wohlklang und die gleiche Wortfülle sorgen. Wenn uns das versagt ist, dann müssen wir unsere Gedanken den Worten anpassen, die uns zur Verfügung stehen, und dürfen sehr schlichte Themen nicht in Worten ausdrücken, die, ich will nicht sagen zu üppig, aber doch zu kräftig dafür sind. Sonst wird eben durch diese unglückliche Mischung die Kraft beider zerstört. 36. Denn je weniger Unterstützung wir durch unsere Sprache finden, desto mehr müssen wir mit der Waffe unserer Erfindungsgabe kämpfen. Wir müssen erhabene, durchschlagende Gedanken entwickeln. Wir müssen alle Gefühlsregungen zu wecken verstehen, unser Stil muß sich mit dem Glanz von Metaphern schmücken. Wir können nicht so anmutig sein, also wollen wir kraftvoller sein. An Feinheit sind wir unterlegen, so wollen wir durch Gewichtigkeit überlegen sein. Ihre Worte haben die größere Treffsicherheit; wir wollen durch Ausdrucksreichtum siegen. 37. Bei den Griechen finden auch Talente minderer Güte ihren Ankerplatz, während wir gewöhnlich mehr Segel setzen. So soll uns ein stärkerer Wind die Segel blähen, doch wollen wir nicht immer nur die hohe See befahren, sondern bisweilen auch einmal an der Küste entlangsegeln. Sie kommen leicht auch durch seichte Stellen hindurch ans Land, ich muß eine etwas - ich will nicht sagen viel - tiefere Fahrrinne suchen, in der mein Kahn nicht auf Grund läuft. 38. Wenn die Griechen auch auf dem Gebiet des Feineren und Knapperen besser sind und wir allein darin hinter ihnen zurückstehen - weswegen wir auch in der Komödie nicht mit ihnen wetteifern -, so dürfen wir deshalb doch diese Stilart nicht gänzlich vernachlässigen, sondern müssen uns darin vervollkommnen, so gut wir können. Wir können den Griechen aber ähnlich werden in der Anwendung des rechten Maßes und eines richtigen Urteils, die Gefälligkeit der Sprache aber, die wir selbst nicht besitzen, müssen wir durch Zutaten von außen her erreichen. 39. Spricht Cicero in seinen Privatprozessen nicht eine klare und wohlabgewogene Sprache, ohne sich über ein gewisses Maß zu erheben? Zeichnet sich nicht Marcus Calidius durch den gleichen Vorzug aus? Waren nicht Scipio, Laelius, Cato in ihrem Stil sozusagen die Attiker Roms? Wem genügt aber das nicht, was besser gar nicht sein könnte?

40. Da gibt es ferner Kritiker, die keine Art der Beredsamkeit als natürlich ansehen, wenn sie dem Alltagston nicht möglichst ähnlich ist, in dem wir mit unsern Freunden, Gattinnen, Kindern und Sklaven reden, wobei man damit zufrieden ist, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei erlesene oder besonders ausgearbeitete Stilmittel für nötig zu halten. Alles, was man darüberhinaus hinzufügt, glauben sie, sei affektiert und eine Art anspruchsvoller Zurschaustellung der Rede. Das habe nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sondern sei nur erdichtet um der Worte willen, denen aber von Natur aus dies als einzige Aufgabe gegeben wurde: Diener der Gedanken zu sein. 41. Man könne eine solche Sprache mit den Körpern von Athleten vergleichen: Wenn diese auch durch Training und Diät kräftiger würden, so seien sie doch nicht natürlich und überschritten in ihrem Aussehen das menschliche Maß. Wozu ist es gut, sagen diese Kritiker, Dinge durch Umschreibungen oder Metaphern, d. h. durch eine größere Anzahl von Worten oder durch Worte aus einem anderen Zusammenhang, wiederzugeben, wenn doch jedes Ding seinen eigenen Namen habe? 42. Schließlich behaupten sie, die frühesten Redner hätten am meisten den Regeln der Natur gemäß gesprochen, später aber habe es Redner gegeben, die den Dichtern ähnlicher waren, zwar sparsamer als diese in ihrer Ausdrucksweise, aber doch ähnlich, und diese hätten einen falschen und unpassenden Wortgebrauch als einen Vorzug angesehen. In dieser Argumentation ist manches Wahre, und daher sollten wir nicht so weit, wie einige Redner das tun, vom eigentlichen und allgemein üblichen Wortgebrauch abweichen. 43. Wenn aber jemand, wie ich das bei der Behandlung der Wort- und Satzfügung ausgeführt habe, zu dem Allernotwendigsten noch etwas Besseres hinzufügt, dann soll ihn dieser Vorwurf nicht treffen. Denn ich bin der Ansicht, die Alltagssprache hat einen anderen Charakter als die Rede eines redegewandten Mannes. Für die erstere genügt es, Tatbestände mitzuteilen, und sie gibt sich keine Mühe, über den sachlich gegebenen Wortgebrauch hinauszukommen. Der Redner jedoch hat die Aufgabe, seine Zuhörer zu erfreuen, auf ihre Gefühle einzuwirken und ihren Sinn zu ganz verschiedenen Ideen hinzulenken. Er bedient sich dabei der Hilfsmittel, die uns die Natur zur Verfügung gestellt hat. 44. Seine Muskeln durch Training zu straffen, seine Kräfte zu stärken und eine gesunde Farbe zu bekommen, das ist natürlich. So macht man auch bei allen Völkern Unterschiede zwischen einen Menschen, was ihre beredter und angenehme Redeweise betrifft; wäre das nicht der Fall, so wären ja alle Redner gleich. Aber sie sprechen eben über jede Sache jeweils anders und wahren individuelle Unterschiede. Je wirkungsvoller jemand spricht, desto mehr wird er folglich in Übereinstimmung mit der Natur der Beredsamkeit sprechen.

45. Daher habe ich auch nicht allzu viel gegen die Meinung derjenigen einzuwenden, die glauben, man müsse auch einige Zugeständnisse an die Zeitumstände machen sowie an die Zuhörer, die eine etwas elegantere und gefühlsbetontere Art zu sprechen fordern. Daher glaube ich, man sollte keinen Redner auf den Stil der Vorgänger des Cato und der Gracchen festlegen, ja auch nicht auf diese selbst. Und ich sehe, daß auch Cicero es so gehalten hat, daß er sich zwar hauptsächlich nach den Erfordernissen seines Falles richtete, aber sich doch auch die Unterhaltung der Zuhörer angelegen sein ließ, er sagte nämlich, er führe auch seine eigene Sache, obwohl natürlich der Klient im Mittelpunkt stehe. 46. Denn was Gefallen fand, nützte ihm auch bei der Sache. Ich finde nichts, was man seinem Stil an Unterhaltsamem noch hinzufügen könnte, nur daß wir heute mehr Sentenzen gebrauchen. Freilich kann man das auch tun, ohne daß die Behandlung des Falles oder die Würde der Sprache leiden muß, wenn diese Glanzlichter nämlich nicht zu häufig und eins an das andere gereiht auftauchen und sich gegenseitig ihrer Wirkung berauben. 47. So weit gehe ich in meinen Zugeständnissen, doch keiner soll mich einen Schritt weiter bringen. Ich stimme der heutigen Auffassung zu, indem ich sage: die Toga soll nicht aus struppiger Wolle, aber sie braucht auch nicht aus Seide zu sein. Das Haar braucht soll nicht ungeschnitten herabzuhängen, aber es braucht auch nicht in Flechten und Ringellöckchen frisiert zu sein. Denn wenn wir nicht vom Standpunkt eines Stutzers und Schwelgers urteilen, dann ist etwas umso schöner, je ehrenhafter es ist. 48. Diese Stellen, die wir gemeinhin Sentenzen nennen, hat es im übrigen bei den Alten und zumal bei den Griechen nicht gegeben - ich finde sie nämlich erst bei Cicero -, wer könnte aber ihre Brauchbarkeit leugnen, wenn sie Substanz besitzen, nicht im Überfluß vorhanden sind und auf den Erfolg abzielen? Sie haben eine schlagende Wirkung auf den Hörer, vermögen einer Sache den letzten Stoß zu geben, bleiben gerade durch ihre Kürze besser im Gedächtnis haften und überreden durch das Vergnügen, das sie bereiten.

49. Es gibt jedoch Kritiker, die der Meinung sind, daß man diese lebhafteren Formen rednerischer Brillanz zwar während des Vortrags gebrauchen dürfe, daß sie aber von einer schriftlich niedergelegten Rede ausgeschlossen bleiben müßten. Daher darf ich auch diesen Punkt nicht kommentarlos übergehen. Sehr viele Gelehrte haben nämlich die Ansicht vertreten, Reden und Schreiben seien zwei ganz verschiedene Sachen, deshalb hätten auch einige der berühmtesten Redner wie Perikles und Demades der Nachwelt nichts in dauerhafter literarischer Form hinterlassen. Andererseits habe es einige gegeben, die zum Schreiben höchst begabt gewesen seien, aber nicht geeignet zum Reden in der Öffentlichkeit, wie zum Beispiel Isokrates. 50. Außerdem benötige man beim Reden gewöhnlich mehr Lebhaftigkeit und stilistische Reize, wegen des zuweilen etwas unfreien Wesens und und Gemüts eines ungebildeten Publikums, das ja in Erregung versetzt und gelenkt werden. Was man dagegen in Buchform gebracht und als Muster herausgegeben habe, das müsse nicht nur geglättet und gefeilt, sondern auch in Übereinstimmung gebracht sein mit den Gesetzen und Regeln künstlerischer Gestaltung. Es komme ja in die Hand von Sachverständigen, und Künstler würden seinen Kunstcharakter beurteilen. 51. Diese feinsinnigen Meister - daß sie solche sind, davon sind sie ja selbst wie viele andere überzeugt - haben festgelegt, daß das 'paradeigma' [Beispiel] für die Rede das Geeignetere sei, das 'enthymema' [Sentenz, allgemein einleuchtender Gedanke] aber das Passendere in der geschriebenen Darstellung.

Für mich jedoch ist gut reden und gut schreiben ein und dasselbe, und eine niedergeschriebene Rede ist nichts anderes als das Dokument einer gehaltenen Rede; also muß sie meiner Meinung nach alle deren Vorzüge besitzen, Vorzüge, sage ich, nicht Fehler. Denn daß den Ungebildeten bisweilen Fehlerhaftes gefällt, das weiß ich wohl. 52. Worin besteht unter diesen Verhältnissen der Unterschied? Hätte ich lauter Weise zu Richtern, so würde ich eine große Zahl von Stellen nicht nur aus den Reden Ciceros herausschneiden, sondern sogar aus denen des Demosthenes, der doch viel knapper ist. Da bedürfte es ja gar keines Appells an das Gefühl, noch müßte man ihnen einen Ohrenschmaus bereiten oder sie besänftigen. Sogar ein Prooemium [Vorrede] sei überflüssig, so meint Aristoteles, wenn es sich an solche Personen richte, denn Weise seien dadurch nicht beeinflußbar. Genau und klar die Fakten darzulegen und die Beweise zu erbringen sei genug.

53. Da unsere Richter aber das Volk oder aus dem Volk genommen sind und daher oft ungebildete oder gar bäurische Leute ihre Stimme abgeben werden, müssen wir alle Mittel einsetzen, die wir zum Erreichen unseres Zieles für nützlich erachten. Und diese müssen wir sowohl beim Sprechen zum Ausdruck bringen als auch in der geschriebenen Rede sichtbar werden lassen, wenn es denn beim Schreiben unser Ziel ist zu lehren, wie gesprochen werden sollte. 54. Ist eine Rede des Demosthenes in der Form, in der er sie geschrieben hat, etwa als schlecht zu bezeichnen - oder eine Rede Ciceros? Und daß sie die hervorragendsten Redner waren - woher wissen wir das sonst als aus ihren schriftlichen Dokumenten? Sprachen sie also besser, als sie schrieben, oder schlechter? Wenn besser, so sollten sie lieber auch so geschrieben haben, wie sie sprachen. 55. Wie nun? Soll der Redner immer so sprechen, wie er schreibt? Wenn möglich immer. Wenn aber einmal die vom Richter genehmigte Zeit zu knapp ist, wird der Redner vieles von dem, was zu sagen wäre, weglassen, die veröffentlichte Rede wird jedoch alles enthalten. Was aber nur in Hinsicht auf die Person der Richter gesagt wurde, braucht der Nachwelt nicht in dieser Form überliefert zu werden, damit nicht als die wahre Meinung des Redners erscheint, was nur ein Zugeständnis an die damalige Situation war. 56. Es kommt nämlich sehr darauf an, in welchem Maße der Richter zum Zuhören geneigt ist, sein Gesichtsausdruck kann dem Redner oft einen Hinweis darauf geben, wie Cicero rät. Daher müssen wir beharrlich bei den Punkten bleiben, von denen wir gemerkt haben, daß sie den Richtern gefallen, und müssen von denen Abstand nehmen, die bei ihnen keine Aufnahme finden. Unser Vortrag muß bezwecken, dem Richter alles möglichst leicht verständlich zu machen. Das ist nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, daß auch die Rücksicht auf die Zeugen manche Anderung erfordert. 57. Klug hat der Redner es gemacht, der einen Zeugen vom Lande befragte, ob er einen Amphion kenne. Als dieser verneinte, ließ er bei dem Namen den Hauchlaut weg und sprach die zweite Silbe kurz aus. Darauf sagte der Mann, den kenne er sehr gut. Situationen dieser Art führen dazu, daß man einmal anders spricht, als man schreibt, wenn man sich nicht in der Schriftsprache ausdrücken kann.

58. Es gibt noch eine weitere Einteilung [der Rhetorik], die auch drei Teile umfaßt, mit Hilfe derer sich die verschiedenen Stilarten wohl auch richtig voneinander unterscheiden lassen. Denn als erster wird der schlichte Stil festgesetzt [lat. 'genus subtile'], den die Griechen ‘ischon' [mager, trocken] nennen, als zweiter der erhabene und kraftvolle [lat. 'genus grande'], der bei ihnen 'hadron' [voll, kräftig] heißt, einen dritten fügen sie hinzu, den die einen den mittleren von diesen beiden lat. 'genus medium'], die anderen aber den blumigen nennen, den sie als 'antheron' [blühend] bezeichnen. Der Charakter dieser Stilarten ist kurz folgender: Der erste erscheint am besten geeignet für die Aufgabe des Informierens, der zweite für den Appell an die Gefühle, der dritte aber, wie man ihn auch nennen mag, eignet sich besonders, um die Zuhörer zu unterhalten oder, wie andere sagen, zu gewinnen. Als die wichtigste Fähigkeit erscheint beim Informieren eine scharfsinnige Denkweise, beim Gewinnen der Zuhörer eine sanfte Art, beim Erregen der Affekte ein energisches Zupacken. Folglich werden wir unsere Tatbestandserzählung und die Beweisführung hauptsächlich im schlichten Stil halten; dieser Stil ist für sich genommen oft ausreichend, auch ohne die Vorzüge der anderen Stilformen. 60. Der mittlere Stil enthält häufiger Metaphern und wirkt gefälliger durch seinen Gebrauch von Redefiguren, erfreulicher durch seine Exkurse; er ist gehörig abgerundet durch den Gebrauch des Prosarhythmus und anziehend durch seine Sentenzen. Er fließt freilich sanfter dahin, wie ein klarer Strom, der beiderseits von grünenden Ufern umschattet ist. 61. Doch ein Stil, der wie ein Fluß ist, der Felsen herabrollt, "die Brücke unwillig abschüttelt" und sich selbst sein Bett bahnt, wird mit unaufhaltsamer Strömung den Richter umreißen, selbst wenn er sich dagegenstemmt, und ihn zwingen, ihm zu folgen, wohin er ihn trägt. Wer so redet, wird auch die Toten zu neuem Leben erwecken, wie es Cicero mit Appius Caecus tat. Bei ihm wird gar das Vaterland selbst laut aufschreien, so wie es in der Person des Cicero spricht bei seiner Rede gegen Catilina im Senat. 62. Dieser Redner wird seinen Stil durch Steigerungen erhöhen und sich zuweilen auch zur Hyperbel [Übertreibung] erheben: "Welche Charybdis war je so gefräßig? Der Ozean selbst, weiß Gott, [hätte nicht so schnell so viele Reichtümer verschlingen können wie Antonius es tat; Cicero 2. philipp. Rede 67]" . Diese Glanzstellen sind ja den Studenten bekannt. Solch ein Redner wird sogar die Götter unter seine Zuhörer versetzen und sozusagen mit ihnen ein Gespräch führen: "Ihr Albanerhügel und Haine, euch nämlich meine ich, euch rufe ich an und fordere euch zu Zeugen, ihr zerstörten Altäre Albas, gleichgestellt und verbündet mit den Heiligtümern der Römer!"[Cicero, Pro Milone 85] Er wird Zorn, er wird Mitleid erregen; wenn er spricht, wird der Richter die Götter anrufen, Tränen vergießen, durch alle Höhen und Tiefen des Gefühls gerissen werden, ihm überallhin folgen und keine weiteren Beweise mehr verlangen. 63. Wenn man aus den drei Stilformen eine einzige auswählen. müßte, wer könnte da zögern, diesen Stil allen anderen vorzuziehen, zumal er der durchschlagendste überhaupt ist und sich am besten für Fälle von höchster Bedeutung eignet? 64. Auch Homer weist ja Menelaos eine Beredsamkeit zu, die knapp ist, gefällig und exakt - das bedeutet nämlich der Satz: "Niemals irrt' er im Wort" - und die alles Überflüssige vermeidet, und das sind die Vorzüge jenes ersten Stils. Von Nestor sagt er: "Süßer als Honig floß ihm das klingende Wort von der Zunge" - man kann sich sicherlich kein größeres Ergötzen vorstellen. Doch wenn er die höchste Stufe der Beredsamkeit bei Odysseus in Worte fassen will, dann spricht er bei ihm von einer gewaltigen Stimme und einer Kraft der Rede, die er in ihrer Wortfülle und ihrer drängenden Bewegung mit winterlichem Schneegestöber vergleicht. 65. "Dann wohl hätte kein Mensch es gleichgetan dem Odysseus: Er scheint den Unsterblichen ähnlich an Bildung." Dieses kraftvolle Vorwärtsdrängen bewundert Eupolis auch an Perikles, Aristophanes verglich es mit Blitzen, das ist die wahre Macht der Beredsamkeit.

66. Doch ist die Redekunst nicht auf diese drei Stilmuster beschränkt. Denn gerade wie es etwas Drittes gibt zwischen dem feinen und dem erhabenen Stil, so gibt es auch Abstufungen zwischen diesen, und dazwischen wiederum gibt es eine mittlere Form, die eine Mischung aus zwei Abstufungen darstellt. 67. Es gibt nämlich Stilformen, die voller sind als der schlichte Stil oder noch schlichter, und ruhiger oder noch heftiger als der heftige Stil, während sich der sanfte Stil entweder zu größerer Stärke erhebt oder zu milderen Tönen herabstimmt. So finden wir geradezu unzählige Stilformen, die sich durchaus in irgendeinem Punkt voneinander abheben. So ist es auch mit den Winden: Wir wissen, daß die vier Winde aus den vier Himmelsrichtungen wehen, aber indessen stellen wir fest, daß es eine Vielzahl von Winden gibt, die aus einer dazwischenliegenden Richtung kommen, verschiedene Namen haben und zuweilen auch auf bestimmte Gegenden oder Flußläufe beschränkt sind. 68. Dieselbe Art der Abgrenzung findet sich in der Musik. Der Kithara hat man fünf Töne zugewiesen, doch füllt man die Zwischenräume zwischen den Noten mit einer Fülle von Zwischentönen, und diesen fügt man wieder andere ein, so daß jene wenigen Töne viele Übergänge haben.

69. Die Beredsamkeit hat also mehrere Erscheinungsformen, aber es wäre töricht zu fragen, welche sich der Redner zum Muster nehmen solle, denn jede richtig ausgeführte Form hat ihren Nutzen, und was wir gemeinhin Stil nennen, ist nicht jeweils einem Redner zuzuordnen. Er soll nämlich, wie es die Sache erfordert, alle gebrauchen, und nicht nur einen bestimmten Stil in einem bestimmten Fall, er soll sogar in den einzelnen Teilen eines Falles verschiedene Arten anwenden. 70. Er wird auch nicht in der gleichen Weise in einem Kriminalprozeß sprechen wie in einer Erbschaftsstreitigkeit oder bei Interdikten oder Sponsionen oder bei einer Darlehenssache. Auch wird er Unterschiede machen bei seiner Meinungsäußerung im Senat, in der Volksversammlung oder bei privaten Beratungen. Vieles wird er auch in Hinsicht auf die Verschiedenheit der Personen sowie von Ort und Zeit in unterschiedlicher Darstellung bringen. Geradeso wird er in einer und derselben Rede einen Stil verwenden, um seine Zuhörer in Erregung zu versetzen, einen anderen, um sie zu gewinnen, er wird nicht aus denselben Quellen schöpfen, wenn er Zorn und Mitleid hervorruft, und er wird andere Kunstmittel anwenden, wenn er den Richter informiert, als wenn er auf seine Gefühle einwirkt. 71. Er wird nicht einen und denselben Ton für die Einleitung, für die Darlegung der Fakten, für die Beweisführung, den Exkurs und den Schluß verwenden. In der gleichen Rede wird er folgendermaßen sprechen: würdevoll, streng, scharf, heftig, leidenschaftlich, wortreich, bitter, freundlich, ruhig, schlicht, einschmeichelnd, sanft, gefällig, kurz, witzig; er wird nicht immer der Gleiche sein, aber er wird sich selbst immer treu bleiben. 72. So wird man das Ziel erreichen, für das man sich überhaupt der Rhetorik bedient: nutzbrngend und mit der nötigen Kraft zu reden, um Erfolg zu haben und Anerkennung zu finden, und zwar nicht nur bei den Gebildeten, sondern auch bei der breiten Masse.

73. Es ist ein großer Fehler von einigen zu glauben, ein Stil eigne sich besser dazu, Popularität und Applaus zu gewinnen, der fehlerhaft und verdorben ist, ein Stil, der sich etwas auf seinen freien Wortgebrauch zugute tut, sich in kindischen kleinen Sentenzen ergeht, über alle Maßen bombastisch und aufgeschwollen ist, der Triumphe feiert mit inhaltslosen Gemeinplätzen, sich mit Stilblüten schmückt, die abfallen, wenn sie nur leicht geschüttelt werden, der Extravagantes mit Erhabenem verwechselt oder sich unter dem Vorwand einer freimütigen Rede wie toll gebärdet. 74. Das gefällt vielen, ich leugne es nicht, und ich wundere mich auch nicht darüber.

Denn Beredsamkeit gleich welcher Art ist dem Ohr wohlgefällig und willkommen. Jeder, der redet, zieht die Aufmerksamkeit auf sich, indem er auf eine natürliche Art Vergnügen bereitet. Nichts anderes ist der Grund für die Menschenansammlungen auf dem Forum oder auf der Promenade am Wall, und daher muß man sich nicht wundern, daß jeder, der eine Rede in einem Prozeß hält, auch einen Haufen Volks um sich hat. 75. Wenn nun ein etwas ausgefallener Ausdruck an die Ohren der ungebildeten Hörer dringt, ganz gleich von welcher Güte, wenn sie nur glauben, sie hätten so etwas nicht fertiggebracht, dann findet er Bewunderung. Und nicht unverdient, denn auch das ist gar nicht leicht. Doch solche Dinge verblassen und lösen sich in nichts auf, sobald man sie mit Besserem vergleicht, gerade wie auch Wolle gefällt, die mit gewöhnlicher roter Farbe gefärbt ist, solange nur kein Purpur da ist. Hält man aber ein Gewand aus tyrischem Purpur dagegen, dann verblaßt sie angesichts der besseren Farbe, wie Ovid sagt. Wenn man jedoch mit einem kritischen Urteil als Prüfstein an diese Zeichen einer entarteten Redekunst herangeht, wie man gefärbte Stoffe mit Hilfe von Schwefel prüft, dann werden sie sofort die Lügenfarbe verlieren, mit der sie uns getäuscht haben, und zu unbeschreiblicher Häßlichkeit verbleichen. Leuchten können sie nur, wenn die Sonne nicht scheint, gerade wie es kleine Tierchen gibt, die in der Dunkelheit wie kleine Feuerpünktchen glühen. Schließlich ist es so, daß viele etwas Schlechtes billigen, doch niemand etwas Gutes mißbilligt.

77. Doch wird der wahre Redner dies alles, von dem wir gesprochen haben, nicht nur mit höchster Vollendung, sondern auch mit größter Leichtigkeit handhaben. Denn die überlegene Macht seiner Rede und die Sprache, die ihren Beifall wohl verdient, sollen nicht von dauernder unfruchtbarer und ängstlicher Sorge verfolgt werden, die unseren Redner aufzehrt und peinigt, wenn er mühselig seine Worte hin und her dreht und bei ihrem Abwägen und Zusammenfügen dahinsiecht. 78. Glanzvoll, erhaben und reich ist unser Redner, und er ist Herr über all die Schätze der Beredsamkeit, die ihn umgeben. Denn wenn einer den Gipfel erreicht hat, braucht er keine Widerstände mehr zu überwinden. Unten ist der Aufstieg mühsam, doch je höher man hinaufkommt, desto sanfter wird die Steigung und desto reicher der Boden. 79. Und wenn er durch beharrliche Arbeit diese nun sanfter ansteigenden Gebiete durchquert hat, dann bieten sich ihm Früchte, um die er sich nicht zu mühen braucht, ganz von selber an, und alles sprießt von selbst hervor, doch muß es täglich gepflückt werden, sonst vertrocknet es. Aber auch die Fülle soll ihr Maß haben, ohne dieses ist nichts lobenswert oder ersprießlich, der glänzende Stil muß der Schmuck eines Mannes sein, die Gebilde seiner Phantasie aber müssen für sein gesundes Geschmacksempfinden zeugen. 80. Auf diesem Weg wird er Größe erreichen ohne Übertriebenheit, Erhabenheit ohne Schroffheit, Kühnheit ohne Unbesonnenheit; sein Werk wird ernst, aber nicht traurig, bedeutungsvoll, aber nicht langweilig, reich, aber nicht üppig, gefällig, aber nicht weichlich, großartig, aber nicht bombastisch sein. Es ist gerade wie bei allen anderen Dingen: der Mittelweg ist der sicherte, weil Extreme aller Art von Übel sind.


LV Gizewski SS 2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de